Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 26

Chapter 263,568 wordsPublic domain

Major Rühle gab denn aus eigenem dem Kronprinzen Bescheid über den Anlaß zum frühen Morgenritt, nämlich: den Kronprinzen zu bewegen, mit der Nordarmee schnellstens über die Parthe zu gehen, östlich von Leipzig in die Lücke zwischen der Hauptarmee und der Schlesischen Armee einzurücken und so zu helfen den Ring um Napoleon zu schließen und ihn dann mit aller Macht anzugreifen.

Bernadotte schüttelte den Kopf. Er war mitten in der Kriegsgeschichte drin, die andere gemacht hatten. Und nun stellte man plötzlich die Forderung an ihn: er solle selbst Geschichte machen! Geschichte _demonstrieren_, ja, damit könnte er dienen! Und damit fing er denn auch richtig an.

Er wies nach, daß derartige Einkreisungsmanöver in der Geschichte selten oder niemals gelungen wären. Sie waren in den meisten Fällen nur zum Nachteil des Angreifers ausgefallen! Und jetzt, mit einem Gegner wie Napoleon, und ohne ihm einen zweiten Napoleon entgegenstellen zu können, das wäre aussichtslos! Dem Hannibal war das einmal bei Cannä gelungen, aber auch ihm nur das eine Mal!

Und Napoleon! Der kannte dies Terrain besser als jeder andere – ja besser als die Einheimischen selbst! Der hatte, als junger Mensch, Europas Karte buchstäblich in sich hineingefressen! Sein Gehirn trug sämtliche Berge, Flüsse und Täler des Kontinents im Abdruck! Städte, Flecken, Burgen, Schlösser, Wege, Defileen – alles hatte er im Kopfe! Es existierte nichts, worüber er nicht Bescheid wußte! Er war ein Genie in der Ausnützung aller Möglichkeiten! Gerade da, wo man es am wenigsten erwartete, sausten seine Schläge nieder mit der Plötzlichkeit eines Donnerschlages! Nun, man würde ja sehen! „Hier, im Norden, wird er durchzubrechen suchen, wenn ich ihn recht kenne“, setzte der Kronprinz seinen Vortrag fort. „Alles spricht dafür! Er muß nach Norden debouchieren! Den Plan, auf Berlin zu gehen, hat er nur scheinbar fallenlassen! Er hat ja noch die wichtigsten Elbfestungen: Dresden, Magdeburg, Hamburg. Er hat an der Oder: Küstrin, Stettin – hat Danzig, hat große Garnisonen überall, mit denen er sich verstärken und unserer Herr werden kann! Er wird hier an Breitenfeld vorbei durchbrechen – und mir zugleich meine einzige Rückzugslinie auf Stralsund abschneiden. Dem kann ich mich nicht aussetzen. Er würde mich einkreisen! – – Nun – mit dem Kronprinzen von Schweden würde er einen ganz guten Fang tun!“

„Geb Gott, er nähme ihn! Wir geben ihn ihm mit Kußhand wieder!“ sagte Blücher grob, als Rühle ihm das alles verdolmetscht hatte. Es kochte in ihm vor Wut, seine kostbare Zeit mit solchem Tratsch vertrödelt zu sehen, und er schrie noch hochrot im Gesicht vor Zorn: „Der Kronprinz denkt wohl am Ende, wir haben ihn uns kommen lassen, damit er uns den Napoleon erklärt und uns angst und bange vor ihm macht?! Herr, solche Bangbuxen haben wir ohne ihn mehr als genug. Wir brauchen nicht noch einen zu importieren! Er soll seine Pflicht tun! Er soll sich auf seinen Platz in der Schlachtordnung begeben und sich schlagen, wie’s einem Mann geziemt! Basta!“

Major Rühle übersetzte das in parlamentarische Ausdrücke und behauptete mit eiserner Stirn: der General ließe den Kronprinzen doch freundlichst bitten, seiner Armee Befehl zum Aufmarsch zu geben. Worauf Bernadotte, der sich Blücher gegenüber in der glücklichen Lage eines Tauben befand, der nichts zu verstehen brauchte, artig antwortete: er wäre gern – und besonders seinem alten Freunde Blücher gegenüber – gefällig! Jedoch die Klugheit gebiete ihm, lieber hinter dem linken Flügel der Schlesischen Armee stehenzubleiben, um Napoleon in die Flanke zu fallen, falls er hier durchbrechen sollte.

„Faule Ausreden, Herr!“ schrie Blücher ihn jetzt direkt an. „Der Herr Napoleon soll eben keine Löcher zum Durchbrechen haben! Die sollen ihm verstopft werden, und dann wird er in die Pfanne gehauen! Verstanden?! In drei Teufels Namen, Rühle, mache Er’s doch dem Kerl verständlich! Aber wörtlich und ohne Umschweife!“

Das machte der Major, aber immer noch in seiner gewohnten diplomatischen Weise. Worauf Bernadotte antwortete: Es wäre gescheiter, wenn Blücher mit seiner Armee, die doch am weitesten vorn stünde, sich nach links schieben würde und ihm überließe, mit der Nordarmee in _seine_ Stellungen einzurücken.

„Das ist ’ne Unverschämtheit!“ schrie Blücher. „Das Schlachtfeld, das ich und meine Armee mit unserem Blute getränkt haben, sollten wir, bloß zu seiner Bequemlichkeit, dem Laffen überlassen! Hol’ ihn der Teufel, aber wenn er mir mit derartigem kommt, kann er noch an mir etwas erleben!“

Prinz Wilhelm legte sich jetzt ins Mittel und beruhigte den Alten. Inzwischen wurde Blüchers Ablehnung ins Französische übertragen. Und in _der_ Sprache klingt ja alles viel höflicher und liebenswürdiger, als es gemeint ist!

Bernadotte verschloß sich nicht den guten Gründen, die Blücher für seine Ablehnung anführte, und erklärte sich schließlich bereit, den Linksabmarsch vorzunehmen und noch heute in die Schlacht einzugreifen, wenn Blücher ihm 30 000 Mann seiner Armee noch unterstellen würde. Das ganze Korps Langeron verlangte er von Blücher zu seiner Verstärkung. Er wollte dann gleich eine Meile flußaufwärts gehen und bei Taucha, wo gute Brücken waren, die Parthe überschreiten.

„Da kommt er doch erst nachmittags an den Feind heran“, rief Blücher, sich wieder ereifernd. „Wie kann einer so saudumm sein? Geradeswegs durch den Fluß soll er! Sag’s ihm doch, Rühle! Geradeaus von hier geht sein Weg! Das weiß der Gauner ebensogut wie ich! Er will sich nur drücken! Herrgottsakra! Das ist nicht mehr Dummheit! Das ist Niedertracht! Ich werde ihm die 30 000 Mann geben! Er soll sie haben um des lieben Friedens Willen, damit er endlich aus dem Krieg Ernst macht! Ich schlage mich ebensogut mit dem Rest allein! Aber er soll zumachen! Sofort auf der Stelle vorwärts! Das ist Bedingung! Sonst nehme ich ihm gleich meine Leute wieder fort!

Bernadotte blickte fragend auf den Major. Er verstand, daß Blücher einwilligte, aber auch, daß er schimpfte.

„Der General ist so ungeduldig“, bemerkte er herablassend. „Er hat’s wohl eilig? Nun gut! Gehen wir gleich in mein Quartier, setzen wir auf der Stelle unsere Vereinbarung schriftlich auf!“

Aus dem Süden von Leipzig hörte man jetzt schon Kanonendonner, und Blücher konnte kaum noch seine Ungeduld meistern, während Rühle ihm Bernadottes Worte übersetzte.

„Schriftlich will der’s auch noch?! Der Teufel auch! Es ist schon zuviel, wenn ich’s ihm mündlich versprochen habe! Er soll mir den Puckel herunterrutschen!“

Womit er sein Pferd herumwarf und ohne Abschied davongaloppierte.

Der Prinz und Rühle verabschiedeten sich in aller Form von Bernadotte, bestätigten ihm Blüchers Einwilligung und setzten dann dem alten Hitzkopf nach!

Blücher hielt unterwegs plötzlich an.

„Rühle!“ rief er. „Erst befehlen Sie Langeron, sofort geradeswegs über die Parthe zu gehen! _Nachher_, wenn wir ihn da haben, wo wir ihn haben wollen, dann erst sagen Sie ihm, daß er heute seine Befehle vom Kronprinzen von Schweden zu nehmen hat. Dann kann uns nichts mehr passieren!“

Sie ritten weiter.

„Rühle!“ sagte Blücher noch im Reiten, und ein spitzbübisches Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Zu Befehl!“

„Wenn Er mir den Dolmetscher macht, da nützt einem ja das ganze Schimpfen nichts! Ich habe schon sein Scharwenzeln bemerkt! Er ist ein Filou! Ich werde noch Französisch lernen müssen. Wie heißt denn Donnerwetter auf französisch – zum Donnerwetter?! Raus damit, daß ich dem Kronprinzen wenigstens _das_ direkt an den Kopf werfen kann!“

„Die Franzosen haben das mit dem Donnerwetter nicht, Herr General!“

„Nun, mit denen ist eben nichts los! Da wollen wir es ihnen einmal beibringen! Und nun vorwärts!“

*

Es war am Montag, dem 18. Oktober 1813.

Auf dem Colmberg hinter Liebertwolkwitz, südlich von Leipzig, ging es lebhaft zu.

Dort war für den heutigen Schlachttag der Monarchenhügel, von dem aus die drei verbündeten Herrscher Österreichs, Preußens und Rußlands den Fortgang der Schlacht beobachteten, oder wie sie dachten – leiten wollten.

Drei nebeneinander aufgepflanzte Standarten in den Farben der Monarchen bezeichneten den Standort der Allerhöchsten Dreieinigkeit.

Adjutanten, Ordonnanzen und Stallmeister eilten hin und her und brachten Meldungen oder empfingen Weisungen. Auf kleinen Tischen lagen Karten und Bestecke ausgebreitet. Furiere und Lakaien packten die Frühstückskörbe aus, entkorkten Weinflaschen und bereiteten, an rasch gemachten Feuern, den Tee. Im Hintergrund wurden die Hohen und Allerhöchsten Leibpferde hin und her geführt.

Ganz vorne lagen in drei bequemen, etwas auseinandergerückten Feldstühlen die drei Gewaltigen, von Generalstabsoffizieren aufgewartet, die den erklärenden Text zum Schauspiel sprachen und die Befehle der Majestäten empfingen, wenn ihnen Eingebungen von oben kamen.

Ein glänzendes Gefolge bildete den Hintergrund zur Monarchengruppe und gleichzeitig die Kulisse, hinter der die Geschäftigkeit der niederen Dienerschaft sich ungeniert breitmachen konnte.

Da waren die königlich-preußischen Generalmajore Freiherr von Hacke und Freiherr von Knesebeck – der k. u. k. Feldmarschalleutnant Ritter von Kutschera, der gleichfalls k. u. k. österreichische Oberstleutnant Graf Waldstein-Wartenberg, der unter seinen Ahnen gar einen Wallenstein hatte, die russischen Generäle Fürst Wolkonsky und Graf Ovaroff, alles gewaltige Helden und Schlachtenlenker, die tausendmal besser wußten, wie auf dem Schlachtfeld alles gemacht werden sollte, als die, die es tatsächlich machten. Zuletzt, aber doch nicht der Letzte im Kreise, der königlich-großbritannische Generalleutnant Charles William Stewart, der geheime Drahtzieher des von England bezahlten, von ihm erlaubten und in seinem ureigensten Interesse geführten Befreiungskrieges, der es mit dem Sturz Napoleons vom Alp der Kontinentalsperre befreien sollte.

Der Kaiser Alexander war in den sieben Jahren seit Tilsit fülliger geworden. Seine jünglingshafte Gestalt war einer gewissen selbstbewußten Männlichkeit gewichen, die noch mehr vom Nimbus eines großen Kriegshelden umstrahlt wurde, seitdem sein Glück ihm den Sieg des russischen Winters über den bis dahin unbesiegten größten Feldherrn seiner Zeit in den Schoß geworfen hatte.

Er war infolgedessen, im Rate der drei Monarchen, die unbestrittene Autorität in allen militärischen Dingen, deren Entscheidung für gewöhnlich den Ausschlag gab.

Er ging heute ganz in der Betrachtung des Schauspiels auf, das sich vor ihm abspielte, übte Kritik und gab Befehle und Anregungen.

Um ihn herum war ein Kommen und Gehen, ein Gewirr von Stimmen, eine Aufregung, eine Verzückung, alles tat, als ob ihm göttliche Offenbarungen zuströmten, und er selbst gab sich auch ungeniert und mit Grazie den Anschein, das Ganze zu leiten.

Der König von Preußen trug immer noch seine alte, verdrießliche, gelangweilte Miene zur Schau und schien von geheimem Ärger über irgend etwas Unaussprechliches geplagt zu sein. Seine Blicke glitten immer wieder musternd über die Uniform des neben ihm stehenden Generals von Knesebeck, zählten die Knöpfe an seiner Hosennaht von unten bis oben, von oben bis unten, und er genoß dabei im geheimen die Wonne tödlichen Gekränktseins über die Unverschämtheit Napoleons, ihn bei ihrem ersten Zusammentreffen auf dem Memelfluß zu fragen, ob er all die Knöpfe an seiner Hosennaht immer auf- und zuknöpfen müßte! –

Nun, heute würde dem Korsen wohl das und so vieles andere mit Zinsen heimgezahlt werden!

Kaiser Franz in weißem Uniformrock und roten Hosen, hager und vertrocknet, mit dem langweiligen nichtssagenden Gesicht eines im Staub der Akten am besten gedeihenden Kanzleimenschen, saß aufrecht im dritten Stuhl.

Ihm war’s nicht ganz behaglich hier draußen, mitten im Trubel großer Geschehnisse. Ihm wäre viel wohler am Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer zu Schönbrunn, wo er nach Herzenslust Randbemerkungen und Verfügungen in all die Gesuche um Gnadenbewilligungen höchst eigenhändig einzeichnen konnte.

So etwas mußte täglich erledigt werden, sonst häufte sich das an! Und kein anderer durfte das besorgen. Wer weiß, was ihm sonst an persönlichem Tratsch verlorengehen würde – und jetzt unwiderbringlich verlorenging, solange er im Felde war!

Die ganze Kriegführung war ihm mit der Zeit herzlich gleichgültig geworden. Es gab am Ende ja doch nur Niederlagen, wie oft man auch siegte! Nach einem Aspern immer ein Wagram! Gegen Napoleon war ja nicht aufzukommen!

„Kutschera!“ rief er, und setzte sich noch gerader auf, so daß die Falten in seinem graublassen Gesicht sich in gestrenge, senkrecht verlaufende Parallelen legten. „Schauen’s a mal nach mei Reitpferd nach! Ob’s auch parat ist? Vorgestern, bei Güldengossa, wär’s fast schief gange! Und heut – man kann ja net wisse!“

Sein lieber getreuer Kutschera eilte, sich seines Auftrags zu entledigen. Und der Kaiser blieb solange unbeweglich sitzen, ohne eine Miene zu verziehen, und blickte in die Richtung, in die Kutschera gegangen war, bis er wiederkam und alleruntertänigst meldete, daß alles in Ordnung sei.

Der Kaiser überhörte dabei, ob absichtlich oder nicht, die Frage seines lieben Vetters von Preußen nach dem Inhalt des Briefes, den er am gestrigen Tage von seinem Schwiegersohn Napoleon bekommen hatte.

Kaiser Alexander antwortete statt seiner.

„Der Kaiser Napoleon wird Mitteilungen familiärer Art gemacht haben“, sagte er ablenkend.

„Ihrer Majestät der Kaiserin Marie Louise geht es doch gut?“ wandte er sich dann direkt an den Kaiser Franz.

„Wollen das beste hoffen!“ antwortete dieser trocken und blickte dann vollkommen teilnahmslos über das Feld hinaus, wo es jetzt anfing immer lebhafter zuzugehen.

„So, jetzt geben’s mir halt an Überblick, Kutschera, wie vorgestern alles richtig zugange ist!“ befahl er dem Feldmarschalleutnant. „Mir ist’s noch nicht ganz klar!“

Kutschera legte los und gab seinem Herrn in kurzen Umrissen zu wissen, was dieser am ewig denkwürdigen Sonnabend, dem 16. Oktober, miterlebt und größtenteils übersehen hatte.

Und Kaiser Franz ließ es ins eine Ohr hinein, durchs andere Ohr hinaus und dachte dabei an das letzte Gesuch, das er noch an seinem lieben Schreibtisch zu erledigen gehabt hatte, ehe er ins Feld ging. Es war das Gesuch einer Postmeisterswitwe gewesen um Niederschlagung ihrer rückständigen Steuern. Das hatte der Kaiser abgelehnt. Denn Steuer muß sein. Wo käme der Staat sonst hin, wenn all die kleinen Leute auf einmal kämen und von ihren Steuern befreit sein wollten!? Sie mußte zahlen wie ein jeder. Aber, in einem Anfall von Großmut hatte der gute Kaiser dem abschlägigen Bescheid eine Zuwendung von zweihundert Gulden aus seiner Privatschatulle beigefügt.

Zweihundert – das war entschieden zuviel gewesen! Hundert hätten es auch getan! Über den Satz ging er sonst nicht hinaus! Dabei müßte es bleiben! Das gäbe sonst Unsummen, die zum Fenster hinausflogen, bei den Tausenden von täglichen Gesuchen!

Während der gute Kaiser solchermaßen über seine Postmeisterswitwe meditierte, fuhr sein lieber, getreuer Kutschera in seinem Vortrag fort und setzte ihm die Stellungen der Franzosen auseinander, die man am sechzehnten angegriffen hatte. Denn die fing man jetzt allmählich an im Hauptquartier zu kennen, nachdem man sich zwei Tage lang die Köpfe gekratzt hatte!

Drüben im zerschossenen und halb abgebrannten Dorfe Wachau, wo jetzt der Prinz Eugen von Württemberg mit seinen Franzosen und Russen stand, hatte Napoleon seine Hauptarmee unter dem Befehl von Murat gehabt. Der rechte Flügel unter Poniatowski war weit zurückgebogen am Pleißefluß entlang bis Connewitz, der linke unter Macdonald von hier, am Colmberg, bis in die Gegend von Klein-Pößna. Das Dorf links, zwischen dem Colmberg und Wachau, war Liebertwolkwitz. Zwischen den beiden Dörfern, am Galgenberg, hatte Napoleon sein Biwak gehabt – –

„Ein ga–anzer Kerl, mei Schwiegersohn!“ sagte Kaiser Franz näselnd. Er fand es zwar nicht gerade fesch, aber doch verteufelt überlegen, gerade am Galgenberg zu biwakieren.

Dann fing er wieder an zusammenzurechnen, wie viele Tage er keine Gesuche um Unterstützung erledigt hatte – wie viele Gesuche pro Tag –, wie viele Gulden pro Gesuch, und multiplizierte und addierte und kam zu einer erklecklichen Summe an ersparten Geldern – erspart bloß dadurch, daß er nicht zu Hause am Schreibtisch geblieben war. Und er wurde immer zufriedener mit dem Leben im Felde, das ja sonst nicht seinem Geschmack entsprach.

Dabei ging die Schlacht am sechzehnten in Kutscheras Vortrag weiter, während ihre heutige Fortsetzung vor den nichtssehenden Augen des Kaisers weitertobte. Dieser bekam sie also doppelt, aber genoß sie nur einfach, da ja der heutige Schlachttag noch nicht zum Vortrag befohlen und demgemäß eingerichtet und für den Allerhöchsten Gaumen genießbar gemacht worden war.

„Am sechzehnten,“ sagte Kutschera näselnd und die Worte langsam und gemächlich ans Allerhöchste Ohr schleifend, „am sechzehnten fing also Prinz Eugen von Württemberg den Kampf mit achtundvierzig Kanonen an. Von hier aus, vom Colmberge, wo wir jetzt sind, antwortete Napoleon mit einer Kanonade aus hundert Geschützen.

In drei Kolonnen gingen wir vor – in der Mitte, wie gesagt, Prinz Eugen gegen Wachau, links von ihm, drüben, mit seinen Preußen und Russen Kleist gegen Markkleeberg, das dort weiter links an der Pleiße liegt, während unsere Leute unter Feldmarschalleutnant Klenau den Colmberg hier nahmen und Liebertwolkwitz stürmten.

Freilich mußten wir aus allen drei Stellungen gleich wieder heraus, nahmen sie aber noch einmal ein und gingen schließlich wieder zurück.

Die Franzosen waren ja in der Übermacht mit 138 000 Mann, gegen die wir nur 70 000 aufbieten konnten. Denn Fürst Schwarzenberg selbst war drüben weiter links zwischen der Pleiße und der Elster mit 30 000 Mann unter Meerveld vorgegangen und hatte den Feldmarschall Graf Gyulai noch nördlich zwischen den beiden genannten Flüssen vorgeschickt, bis Lindenau, um die einzige Rückzugsstraße Napoleons nach Westen auf Weißenfels abzuschneiden. Na, der Fürst wäre wieder da. Drüben in den Sümpfen war kein rechtes Fortkommen für ihn. Heute haben wir also seine Armee mit hier und außerdem die Reservearmee Bennigsens. Der Kronprinz von Schweden rückt auch noch nordwestlich von der Stadt in die Schlachtlinie, nördlich steht Blücher, der Ring ist also um den Franzosenkaiser geschlossen, er kann nicht heraus, er muß erdrückt werden –“

„Der Gyulai soll zurückgehen!“ kam es dann plötzlich mit ungewohnter Schärfe von Kaiser Franz.

Kutschera fuhr zurück.

„Majestät – das hieße doch dem Kaiser Napoleon die Rückzugsstraße öffnen!“

„San’s mei Truppen, oder san’s net?“

„Gewiß sind sie es –“

„Na, denn sofort einen Adjutanten zum Fürsten Schwarzenberg senden! Der Fürst soll sofort Gyulai mit seiner Truppe aus Lindenau zurückziehen!“

Kutschera verbeugte sich. Der Adjutant wurde expediert.

„Nun erzählen’s weiter!“

Kutschera erzählte dann den weiteren Fortgang der vorgestrigen Schlacht, wie Klenau und Gortschakow mit dem rechten Flügel zurückgehen mußten – wie Kleist mit dem linken standhielt, wie dagegen das Zentrum unter Prinz Eugen durchbrochen wurde, als Murat mit achttausend Reitern zur Attacke vorstürmte – wie die französische Reiterei fast bis zum Wachberge hinter Güldengossa vorgedrungen war, wo die Monarchen an _dem_ Tag ihren Hügel hatten, und wie sie allesamt gefangengenommen worden wären, wenn nicht Orlows Kosaken und die russische Gardekavallerie den Franzosen in die Flanke gesaust wären und sie vertrieben hätten.

„Mei Pferd!“ rief dann Kaiser Franz plötzlich. „Schauen’s a mal wieder nach, lieber Kutschera, ob’s auch paratsteht? Und schauen’s auch nach der Bedeckung!“

Kutschera beruhigte den Kaiser darüber.

„Am Sonntag auf dem Wachberg war i je net dabei!“ sagte der Kaiser. „Aber heute bin i da. Und es kann ja net schade!“

Dann versank er wieder in Gedanken und fand es gar anheimelnd, dazu das Rattern der Flintenschüsse von drüben zu hören. Und Kutscheras langsames Dahererzählen wirkte so ungemein beruhigend dabei – ganz wie wenn man beim Sturm und Unwetter daheim in der warmen Stube sitzt und den Hagelschauer gegen die Scheiben peitschen hört, während im Ofen das Feuer knistert und Großmutter eine gruselige Geschichte erzählt.

Gruselig genug war es ja zugegangen.

Um vier Uhr nachmittags hatte Napoleon bereits den Sieg in der Tasche gehabt, die Angriffe der Verbündeten waren gänzlich zurückgeschlagen, er ließ schon in Leipzig die Kirchenglocken Sieg läuten, befahl Marmont, der nördlich von der Stadt stand, zur Unterstützung herbei und wollte so die Niederlage der Verbündeten vollenden.

Da traf Schwarzenberg von seiner verunglückten Expedition zwischen der Pleiße und der Elster in Wachau ein und brachte die Schlacht zum Stehen. Und von drüben kam Marmont, der sehnsüchtigst Erwartete, nicht. Vielmehr wurde er bei Möckern von Blücher festgehalten und tüchtig zermürbt. Als Napoleon abends am Galgen biwakierte, hatte sich also das Blatt gewendet und Fortuna bereits gegen ihn entschieden, obwohl von den Türmen Leipzigs das Siegesgeläute noch zu hören war. Am nächsten Tag kämpfte er dann nicht wieder, am nächsten Tag verhandelte er, und das war gut. Denn so hatten die Verbündeten Zeit, die Ankunft der Reserven Bennigsens und der Armee des Kronprinzen von Schweden abzuwarten.

„Es war ja auch Feiertag!“ sagte Kaiser Franz, der ein frommer Herr war und auf Sonntagsruhe hielt.

„Drüben bei Blücher fingen die Preußen aber trotzdem wieder an und schlugen sich, bis ihnen der Fürst Schwarzenberg den Kampf untersagte“, fuhr Kutschera fort.

Der Kaiser blickte schnell auf und winkte seinen lieben, getreuen Kutschera näher. – Ganz nahe mußte der Feldmarschalleutnant kommen und sich so tief herabbeugen, daß sein Herr ihm ins Ohr flüstern konnte.

Mit einem verschmitzten Seitenblick auf Friedrich Wilhelm, der ganz teilnahmlos in seinem Stuhle saß und ins Leere starrte, flüsterte dann der Kaiser rasch die paar Worte:

„Saupreißen, verfluchte!“

Und Kutschera schmunzelte und nickte Einverständnis. Der Kaiser versank nach dieser Kraftäußerung wieder in behagliche Gedanken. Er freute sich darüber, wie gut er den gestrigen Sonntag zu gebrauchen gewußt hatte. Denn er wäre gern auf die Waffenstillstandsbedingungen Napoleons eingegangen und hätte schon seine Vorschläge angenommen, wenn dabei sein Österreich nur ein paar Provinzen mehr und Preußen ein paar weniger bekommen hätte!

Nun, das könnte noch werden!

Noch war nicht aller Tage Abend! Käme sein Schwiegersohn mit heiler Haut davon, dann – nun – wozu wäre er sein Schwiegersohn? Es ginge ja auch so, in aller Gemütlichkeit und ohne Krieg! – Er hatte es ja schon schriftlich von Napoleon in der Tasche – –

Der Kaiser schmunzelte.

Wie gut, daß der brave Meerveld, der mit Napoleon persönlich so gut stand, sich gestern so geschickt gefangennehmen ließ! Das war alles, was nötig war! Napoleon hatte ihm gleich sein Herz ausgeschüttet und ihn schon am nächsten Tag mit Vorschlägen und mit dem Brief geschickt. Und der Brief, der enthielt nicht nur die geheimen Versprechungen an Österreich, der enthielt auch die Bedingungen – Gegendienste, die verlangt wurden. – –

Der Kaiser fuhr auf.

„Hat man dem Gyulai schon befehlen lassen, von Lindenau zurückzugehen?“ fragte er scharf.

„Zu Befehl! Es sind zwei Kuriere an ihn abgegangen!“

„Hoffentlich krepieren’s net alle beide unterwegs?“ sagte der Kaiser. „Es ist sehr wichtig, Kutschera, sehr wichtig, daß Gyulai den Befehl erhält! Mei Schwiegersohn ist ein ganzer Kerl! Man darf ihn net zur Verzweiflung bringe, dann könnte es uns übel gehe. Man muß ihm goldene Brücken baue. Aus Deutschland muß er wohl raus. Aber sein Reich drüben in Frankreich soll er behalte dürfe. Nun, was denn?!“

Und er schielte rasch nach Alexander hin, der im eifrigen Gespräch mit Fürst Wolkonsky dastand und lächelnd mit den Schultern zuckte.