Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 25

Chapter 253,641 wordsPublic domain

Es war ein blutiger Tag gewesen. Yorck und seine Tapferen hatten wieder die Hauptarbeit machen müssen.

Der alte Isegrim hatte geflucht und genörgelt wie immer und die Anordnungen des Hauptquartiers bekrittelt, dann aber seinen Mann gestellt. Und wen er mit eisernem Griff packte, der blieb oder kam zerzaust davon, daß er für weitere Kämpfe kaum noch in Betracht kam.

Jetzt ruhte der Kampf.

Einzelne Lichter bewegten sich langsam hin und her über das Schlachtfeld, hielten an und kehrten in die Richtung, aus der sie gekommen waren, zurück. Und wo sie anhielten, erhob sich das klagende Gestöhn zu neuer Stärke, und die Hilferufe wurden wieder laut. Sie galten den Militärärzten, die die Verwundeten aufsuchten, aber bei der reichen Ernte, die heute der Tod gehalten hatte, nur den wenigsten helfen konnten.

Ringsherum, soweit das Auge blicken konnte, flammte Feuer an Feuer der biwakierenden Truppen.

Zäune, Obstbäume, die Häuser der Dörfer, überhaupt alles Brennbare in der Umgegend, mußte herhalten, um die vielen Tausende von Feuern zu nähren, an denen die Soldaten all der Völker, die hier zusammengeströmt waren, um sich gegenseitig zu vernichten, ihre armseligen Süppchen kochten und ihre von den Strapazen der Märsche steifen Glieder gegen die Kälte der Oktobernacht zu schützen suchten.

Schatten huschten überall hin und her durch die Nacht, tauchten hervor aus dem Dunkel, von dem Licht eines plötzlich aufflammenden Wachtfeuers gefaßt, duckten sich jäh und schwanden, um bald wieder anderswo zum Vorschein zu kommen.

Bald waren es Marodeure, Plünderer, Leichenfledderer, die sich an die Gefallenen heranmachten und, wo der Tod nicht rasch genug für ihre Beutegier gewesen war, mit dem Gnadenstoß nachhalfen – bald waren es Überläufer der französischen Armee – meistens Rheinbündler, die das Vertrauen zu dem Glück Napoleons zu verlieren anfingen und nun zu den Gegnern hinüberschlichen mit begierig empfangenen Nachrichten über Truppenzahl, Munition und Proviantvorräte und mit der Versicherung, daß die deutschen Hilfsvölker Napoleons bereits entschlossen wären, regimenterweise überzugehen, wenn noch weitergekämpft werden würde. Daß Napoleon an den Rückzug dachte, wußten sie alle, und auch, daß er’s nicht tat, sondern sich bis zum letzten Atemzug schlagen wollte.

Die Stadt Leipzig hob ihre dunkle Masse gespenstig aus dem Ring von Wachtfeuern heraus, der sich um sie herumschlang und deren Widerschein rötlich auf dem mit Wolken bedeckten Himmel lag.

Von den Türmen der Stadt flammten einzelne Lichter auf, sonst war alles dunkel, und nur ein gedämpftes Geräusch zeugte von dem Leben, das sich noch drinnen bewegte.

Dicht an der Ziegelei im Dorfe Möckern an der Elster loderte und flammte ein großes Biwakfeuer. Alles schlief drum herum, nur ein einzelner Schatten ging langsam auf und ab.

Eine kleine Truppe von Reitern trabte heran. Ihr Führer sprang vom Pferde, trat auf den Schatten zu und salutierte.

„Melde gehorsamst: Graf Henckell von den westpreußischen Dragonern, kommandiert, das Hauptquartier zu decken! Haben Exzellenz besondere Befehle?“

Yorck, denn er war es, schüttelte den Kopf.

Der Rittmeister wollte sich eben entfernen, als Yorck ihn wieder heranwinkte.

„Haben den Feind tüchtig zerzaust heute.“

„Es war ein glänzender Sieg, Exzellenz! Aber – es hat viel Blut gekostet – viel Blut!“

Yorck schwieg eine Weile und blickte verbissen ins Feuer. Dann wandte er sich wieder dem jungen Offizier zu.

„Bringt Er mir Rapporte?“

„Ich habe allerdings hier und dort herumgefragt –“, fing der Rittmeister zögernd an.

„Nun?“

„Dreiundfünfzig Geschütze, zweitausend Gefangene genommen!“

„Weiß ich schon!“

„Die Mecklenburger haben einen Vogel erobert!“

„Der Adler wurde mir gemeldet, die genommenen Fahnen auch! Die Verluste aber noch nicht ganz. Weiß Er schon Genaues?“

Der Rittmeister schwieg und blickte zur Seite.

„Rede Er!“ kam es scharf von Yorck.

„Zu Befehl, Exzellenz! – Es waren alles Helden!“ sagte er dann leise, und seine Lippen bebten.

Yorck nahm den Hut ab.

„Der Herr sei ihnen gnädig“, sagte er und faltete die Hände.

„Wie viele?“ fragte er dann.

„Von der Mannschaft fehlt der dritte Teil!“

Yorck zuckte zusammen.

„Ich hab’s nicht vermeiden können“, sagte er. „Es hat sein müssen! Weiter?“

„Sämtliche Regimentskommandeure sind fort. Achtundzwanzig Stabsoffiziere – –“

„Namen nennen!“

Der Rittmeister las aus seinem Notizbuch vor:

„Von der Landwehr: Rekowsky, Thiel, Graf Wedell. Dann: General Steinmetz, Major Hiller, Losthin, Maltzahn, Kossecki, Major Mumm, Major Leslie, Oberst Borcke, Major Götze, Othegraven, Krosigk –“

„Genug!“

„Fast alle Hauptleute fehlen – die Leutnants führen die Bataillone –“

„Der Tod hat reiche Ernte gehalten“, sagte Yorck und fletschte plötzlich die Zähne. „Ja, ja!“ setzte er schneidend hinzu, und ein grimmiges Lächeln flog über seine verwitterten Züge, „die Leute, die Er mir da genannt hat, das waren eben – die ‚Feiglinge‘ von Jena!“

„Herr General!“

Der Rittmeister stand aufrecht vor ihm und blickte ihn flammend an.

„Nun,“ sagte Yorck, „Er hat’s doch auch vor sieben Jahren miterlebt, wie nach Jena auf uns preußische Offiziere geschimpft wurde!

Kein gutes Haar ließ man mehr an uns – kein Wort war schimpflich genug, um unsere Feigheit und Würdelosigkeit zu bezeichnen. Und wer schimpfte? Nun, eben jene braven Bürgersleute, die am Brandenburger Tor Napoleon die Schuhsohlen leckten und nachher nicht schnell genug nach dem Schloß vorauseilen konnten, um ihn dort nochmals ebenso unterwürfig zu empfangen. Wer schimpfte aber auf die? Wer sagte auch nur ein böses Wort, als jene Speichellecker dem Sieger zuliebe ihre sogenannten ‚Nationalgarden‘ errichteten, damit er keine Garnisonen in den Städten zu halten brauchte? Wer entrüstete sich darüber, daß jene Garden ihm halfen, die Kontributionen einzutreiben, oder weil die Söhne der reicheren Bürgersleute sich in grüngoldene Uniformen steckten, um als berittene Boten und Dolmetscher bei den französischen Kommandanten Dienst zu tun? Sagte einer auch nur ein Wort darüber, daß unsere Beamten während der Okkupation brav und bieder weiteramtierten, als sei Napoleon ihr rechtmäßiger Herrscher, und ihm halfen, die Einnahmequellen des Staates aufzufinden? Nein. Aber die preußischen Offiziere, die mußten ihre Haut lassen. Nun – heute haben sie das besorgt, wenn auch nicht als Sündenböcke, und den Herrn Napoleon haben sie bedient – aber in anderer Weise, so wie’s deutschen Männern ziemt. Und wenn sie’s damals vor Jena und Auerstedt nicht so gut taten – Henckell – ich sag’s Ihm ganz offen – dann lag’s eben an unserer hundsmiserablen, rückenmarkslosen Regierung, die wir hatten und noch haben, und die nicht regiert, sondern sich mit dem Strom treiben läßt. Na, heute haben nicht die Franzosen, sondern wir Soldaten sie ins Schlepptau genommen, und sie muß mit dahin, wo das Heil des Volkes zu finden ist. Aber es ist ein saures Stück Arbeit.“

Er schwieg. Er dachte an den Tag von Tauroggen, auf den er mit gerechtem Stolz zurückblicken konnte – dachte an des Königs Wut, weil in „seinen“ Landen jemand gewagt hatte, einen Entschluß zu fassen und zur Tat werden zu lassen, wo _er_ selbst es nicht wagte! Er dachte an seine Absetzung und Stellung vor ein Kriegsgericht, von der er nur durch die Zeitungen erfuhr, weil die Russen, mit denen er paktiert hatte, die königlichen Kuriere abfingen und zurückhielten, so daß er sich um jene Kabinettsorder nicht zu kümmern brauchte. Bis der König nicht mehr zu bremsen wagte, weil er sah und sich sagen mußte: „Das ganze Volk steht auf und fegt dich fort, wenn du jetzt nicht mitgehst!“

Da appellierte er „an sein Volk“, das längst ohne das in Bewegung gekommen war! Und sein Volk vergaß und gab sein Letztes: Besitz, Blut, Leben, alles her!

An all das dachte der alte Isegrim wieder einmal und mit besonderer Genugtuung, wie immer.

„An der Regierung liegt’s“, sagte er dann nochmals mit Nachdruck. „Und über ihr Haupt kommt all das Blut, das in diesem Kriege unnütz vergossen wird!

Diese ganze Schlächterei jetzt wäre überflüssig gewesen, und mancher brave Mann hätte zum Besten des Vaterlandes noch lange leben können, wenn die Regierung ihre Pflicht getan und sich zur rechten Zeit zur Tat aufgerafft hätte! Wie haben wir anderen im vorigen Jahr, als die Trümmer der großen französischen Armee durchs Land zogen, beim König und beim Staatskanzler Hardenberg gebettelt.

‚Laßt doch die Marschälle und die paar tausend Offiziere aufgreifen, laßt sie festsetzen! Das ist jetzt mit Leichtigkeit und ohne Blutvergießen zu machen!‘

So haben wir gebeten. Aber nein – da mußte gleich nobel getan und mit Anstand und Menschenliebe geprahlt werden.

Die Leute wurden gefüttert, gepflegt, gekleidet, Geld und Vorspann wurde ihnen geliefert, damit sie heil und munter in ihr Land zurückkehren könnten, um dort gleich ihrem Kaiser zu helfen, eine Armee gegen uns auf die Beine zu stellen.

Das hätte er aber nie und nimmer gekonnt, wären unsere Regierenden nicht solche Schlappschwänze gewesen! Nun müssen die Besten unter uns bluten, um das wieder gutzumachen. Und was dem König dann zum Regieren übrigbleibt, das sind eben jene Biederen, die Napoleon so brav die Schuhsohlen zu lecken wußten! Wenn ich aber entscheiden müßte, was uns mehr unnütz vergossenes Blut gekostet hat, unsere liebe Regierung oder die übergeniale Leitung, die wir hier in der Schlesischen Armee haben, und die sich heute wieder so verflucht gescheit bewährt hat, daß wir bald alle draufgegangen wären – ich wüßte nicht, wem ich den Preis zusprechen müßte!“

Und dann zog er gegen Gneisenau los, in dem er die Wurzel alles Übels sah, und über Blücher, der jenen gewähren ließ.

Die ewigen Hin- und Hermärsche seit dem Elbübergang bei Wartenburg, erst mit Gewaltmärschen auf Leipzig zu – dann zurück nach der Mulde, als Napoleon folgte, und hinter die Saale, als jener gar bis Düben vordrang! Alles nur unnützes Leuteschinden!

Die Schlesische Armee mußte so, nur wegen der Unruhe Blüchers, hin und her wie das Schifflein im Webstuhl, und zog außerdem die ganze Hauptmacht Napoleons auf sich, weil der Kronprinz von Schweden nur eine Stunde täglich marschieren wollte, und die Hauptarmee im Schneckentempo sich über die böhmischen Berge nach Sachsen hineinschob. Als die sich dann endlich Leipzig so weit wie bis Liebertwolkwitz genähert und die Reitermassen Murats von dort bis auf die Stadt zurückgeworfen hatte, so daß Napoleon eiligst zum Entsatz zurück nach Leipzig mußte und von Blücher abließ, da gönnte dieser seinen Leuten nicht die so sehr nötige Ruhe, da ging’s gleich in Eilmärschen hinter Napoleon her und sofort in den Kampf, kaum daß man sich ein wenig verpusten und abkochen konnte! Wobei Bernadotte, wie immer, sein Bestes tat, um mit der Nordarmee nicht zu früh zur Stelle zu sein, um helfen zu können.

„Unsere geniale Führung hatte eben so verdreht rekognosziert, daß alles bald schief gegangen wäre – wäre nicht der preußische Soldat eben der preußische Soldat gewesen!“ Und er schimpfte auf Blücher los.

Der hatte sich natürlich in den Kopf gesetzt, daß der Feind von Osten über das Plateau von Breitenfeld angreifen würde, statt aus dem Süden von Leipzig aus, wie er’s auch nachher wirklich tat. Er stellte also die ganze Armee mit der Front gen Osten auf, wobei das Yorcksche Korps den Feind an der rechten Flanke zu fühlen bekam, rechts drehen mußte und vom Korps Langeron abkam, das in der alten Richtung gegen die paar Feinde, die dort standen, weiter vorging. Da das Korps Sacken als Reserve zurückgeblieben war, mußte also Yorck allein den Hauptkampf ausfechten.

Das ganze Korps des Marschalls Marmont stand da um und hinter dem an der Elster liegenden Dorfe Möckern als Gegner und verteidigte seine Stellung mit der äußersten Hartnäckigkeit.

Um jedes Haus, um jedes Gehöft wurde Mann gegen Mann gekämpft, die Landwehrleute schlugen mit dem Kolben drein, das Dorf wurde wiederholt erobert und ebensooft verloren, die feindliche Artillerie warf ganze Reihen von den Angreifern nieder. Yorcks Brigaden schmolzen hin wie Schnee an der Sonne.

Aber er ließ nicht locker, wo er einmal angefangen hatte.

Als er seine letzten Infanteriereserven verbraucht hatte, gab er endlich der Kavallerie Befehl zur Attacke.

Mit lautem Hurra und Trompetengeschmetter sausten dann die brandenburgischen Husaren unter Major Sohr in den Pulverqualm hinein, die brandenburgischen Ulanen folgten, die litauischen Dragoner unter dem Grafen Henckell ebenso, und dann alles, was noch an Kavallerie da war. Mit verhängten Zügeln ging es auf die feindliche Stellung los, zwischen die Batterien hinein, die Artilleristen wurden umgeritten und niedergesäbelt, die Karrees zusammengehauen, und alles, was noch Leben und Atem hatte, in wilder Flucht und immer zunehmender Auflösung vor den Pferden hergetrieben.

Alles, was Yorck noch an Truppen verfügbar hatte, ließ er jetzt zur Verfolgung vorrücken. Die Tamboure schlugen den Sturmmarsch, und Ostpreußen, Schlesier, Mecklenburger und Brandenburger taten ihr Bestes, um die Niederlage des Feindes so vernichtend wie möglich zu gestalten.

„Das sind alles die ‚Feiglinge‘ von Jena gewesen!“ sagte Yorck noch einmal, als er mit dem jungen Rittmeister die Einzelheiten des Kampfes durchgesprochen hatte. „Aber noch so’n Tanz, und ich habe keine Leute mehr! Mancher Mutter Sohn hat heute die Erde küssen müssen! Zu viele waren’s, – – zu viele!“

„Dafür soll das Korps nun auch Ruhe haben!“ antwortete der Rittmeister, und meldete zugleich, daß das Korps Yorck am nächsten Tag nach Wahren zurückkehren sollte, um sich da neu zu formieren, und daß die Russen unter Sacken dafür in die Schlachtlinie einrücken würden.

„Der Teufel auch!“ rief Yorck zornig. „Das Schlachtfeld, das wir gegen den Feind behauptet haben, behaupten wir auch gegen die Freunde. Das werden wir wohl den Russen überlassen?! Nimmermehr!“

Der Rittmeister erwiderte, er hätte selbst Gneisenau die Disposition diktieren hören. Wobei Yorck in Wut kam und eine ganze Reihe von Grobheiten gegen Gneisenau losließ, von dem das wieder nichts als bodenlose Niedertracht wäre.

Da klang von einem der Biwakfeuer das alte Lied: „Nun danket alle Gott!“

Am nächsten Feuer wurde der Gesang aufgenommen und pflanzte sich so weiter von Feuer zu Feuer über das ganze blutgetränkte Feld, bis es, von Tausenden von Stimmen getragen, gewaltig anschwoll, in machtvollen Klängen alle anderen Geräusche verschlang, wieder abnahm, in sich zusammensank und verstummte.

Yorck hatte seinen Hut abgenommen und stand da, still, gebeugten Hauptes, und lauschte auf das Lied, bis es aufhörte. Dann sprach er seinen alten Lieblingsspruch leise vor sich hin: „Anfang, Mitte und Ende, Herr Gott zum besten wende!“, setzte seinen Hut auf und verabschiedete den jungen Rittmeister mit dem kurzen Befehl: „So, nun gehe Er an seinen Dienst!“

Auf einem anderen Platz des Schlachtfeldes stand noch jemand mit entblößtem Haupt und sang das Danklied mit. Es war Blücher.

Während seine Generalstabsoffiziere die Schreibarbeit versahen und die Dispositionen für den nächsten Tag ausfertigen, während Isegrim schimpfte und nörgelte, machte er praktische Arbeit und legte selbst Hand an die Bergung und Unterbringung der Verwundeten.

Jedes Leben, das er hier noch retten könnte, würde er hüten wie eine große Kostbarkeit. Seine Tapferen hatten durch ihren Heldenmut heute vielleicht das Zünglein der Wage auf Sieg gerückt, und nichts wäre zu kostbar, um das zu lohnen.

Denn, er fühlte es, er war zur rechten Zeit mit ihnen hergekommen.

Drüben, jenseits Leipzigs, hatte es den ganzen Tag gewaltig gedonnert. Bei der Schlamperei der Hauptarmee und mit der ganzen Hauptmacht Napoleons gegen sich, hatte man wohl dort keinen entscheidenden Erfolg errungen. Aber auch keine Niederlage erleiden können, nachdem es Blücher gelungen war, hier bei Möckern Marmont festzuhalten und ihn daran zu hindern, zur Unterstützung zu eilen.

Wäre nur die Kronprinzenarmee zur rechten Zeit hier eingetroffen! Hätte Bernadotte nur seine Pflicht getan – da wäre es möglich gewesen, auch die beiden russischen Korps der Schlesischen Armee bei Möckern einzusetzen, statt sie nur als Sicherung gegen mögliche Überraschungen aus der linken Flanke aufzustellen! Dann hätten seine Preußen sich nicht verbluten müssen!

„Kinder, wer heute abend nicht tot oder wonnetrunken ist, der hat sich geschlagen wie ein Hundsfott!“ hatte er vor Beginn der Schlacht seinen Leuten zugerufen.

Und sie hatten sich wie Helden geschlagen.

Manch sangesfroher Mund war verstummt für immer. Aber die noch da waren, sangen um so froher.

Während des Gesanges war alles still geblieben. Auch ein paar Leute, die auf einer aus zusammengelegten Gewehren zurechtgemachten Bahre einen verwundeten Husaren trugen, blieben gerade vor Blücher stehen, setzten ihre Bürde ab, entblößten ihre Häupter und sangen mit.

Blücher blickte hin. Es war ein Graubart wie er selbst. Er lag da in der Uniform der schwarzen Husaren, unbeweglich ausgestreckt, und stöhnte leise.

Blücher ging hin, legte seine Hand auf den Arm des Verwundeten und fragte nach seinem Befinden und seinem Namen.

„Krause! Auch früher bei den Bellingschen gedient!“

„Der Tausend auch! Da sind wir wohl alte Kriegskameraden?“

„Zu Befehl, Exzellenz! Ich war’s ja – der damals – am Kavelpaß – Exzellenz wissen wohl noch –?“

Blücher schmunzelte.

„Ob ich’s noch erinnere! Du warst es also, der mich gefangennahm?! – Sieh nur! Das war gescheit von dir! Da hast du mir einen großen Gefallen getan, mein Sohn! Dafür sollst du auch heute in meinem Bett schlafen! Ich geb’s dir ab. – Krause also?! Früher hießt du wohl anders! – Ich meine, das letztemal, als wir von jener Begebenheit miteinander sprachen, da war dein Name – –? Nun, gleichviel, wie er war! Du bist ein Husar, du hast dich brav geschlagen – sollst es denn auch genau so gut haben wie dein General! Tragt ihn in mein eigenes Quartier, Kinder!“

Die Träger griffen zu. Als sie aber die Bahre hoben, setzte sich der Verwundete mit Aufbietung seiner letzten Kraft auf, starrte Blücher groß an, seine Lippen bewegten sich, suchten nach Worten, das ganze Gesicht arbeitete in Angst.

Schließlich gelang es ihm.

„Es ist wahr – ich _war_’s – ich –“

Und dann sank er zurück, der Kopf fiel hintenüber, die Augen quollen vor, ein blutiger Schaum trat auf die Lippen.

„Der Tausend!“ sagte Blücher ergriffen. „Kaum finde ich meinen Solofänger wieder – da ist er hin! Hattest du es aber eilig, mein Sohn!“

Er beugte sich über den Toten und legte die Hand auf seine Stirn.

An den Wachtfeuern der Russen ging der Tanz weiter. Und drüben stieg der letzte Vers vom Fähnrich, der in den Krieg zog:

„Am Grab sang dann eine Nachtigall: widibum fallera, juchheirassa! Am Grab sang dann eine Nachtigall ob seiner Tapferkeit – ob seiner Tapferkeit!“ –

*

„Der Kerl denkt, weil er mich einmal bei Lübeck zur Kapitulation brachte, wird er’s jetzt immer wieder tun! Der Teufel auch!“ fluchte Blücher und peitschte sein Pferd vorwärts, daß seine Begleiter, Prinz Wilhelm und Major Rühle von Lilienstern, kaum folgen konnten.

„Dem Faultier werde ich schon zeigen, wo König David sein Bier holte! Ich werde dem Monsieur Polka tanzen lernen, daß es nur so eine Art hat! _Den_ Kerl haben die hohen Herren zum Kriegsrat in Trachenberg berufen und mit ihm den ganzen Kriegsplan beraten – mit mir nicht! Dazu war ich ihnen nicht gut genug! Aber zum Eseltreiber – hol’s der Teufel!“

In vollem Trabe langten die Reiter in Breitenfeld, nördlich von Leipzig, an. Auf dem höchsten Punkt des sanft gewellten Geländes hielten zwei andere Reiter in glänzenden Uniformen, mit blaugelben Straußfedern an den Hüten.

Es waren Bernadotte und sein Adjutant.

Sie waren nicht etwa damit beschäftigt, das Terrain für den Aufmarsch auf das Schlachtfeld um Leipzig zu untersuchen. Der Kronprinz, der nun auch schwedische Geschichte lernen mußte, ließ sich über die berühmte Schlacht Vortrag halten, die Gustav Adolf einmal, während des Dreißigjährigen Krieges, dem General Tilly auf eben diesem Boden geliefert hatte.

Sie waren eben damit so weit gediehen, daß die Sachsen, auf dem linken Flügel der schwedischen Aufstellung, vor dem Stoß der Wallonen Tillys in wilder Flucht davongejagt waren; die Finnen unter Horn, die blauen und gelben Regimenter unter des Königs eigener Führung stürmten gerade gegen die Anhöhe hier oben an, von wo die schwere Artillerie Tillys Tod und Verderben in die Reihen der Schweden säte – das Schlachtenglück wandte sich eben den Schweden zu, die Worte des Adjutanten wurden immer hochtrabender, die Luft war von „Siegesfahnen schwül“ – da galoppierte gerade Blücher mit seinen Begleitern in die Geschichte hinein und warf die Forderungen des Tages in die Bresche – die glorreichen Gestalten der Weltgeschichte verblaßten vor den blut- und lebenstrotzenden der Gegenwart und wurden schmählich in die Flucht geschlagen – Klios Griffel sank – die Muse der Geschichte verhüllte ihr Haupt – kurz: der Adjutant hielt sein Maul, und Mars beherrschte in Blüchers Person die Stunde.

Blücher hielt, atemlos von dem schnellen Ritt, vor Bernadotte, sagte: „_Bon jour!_“ und: „Wie geht’s?“ trocknete sich den Schweiß aus der Stirn, winkte Major Rühle schnell näher und schrie ihm mit heiserer Stimme zu: „Sagen Sie ihm, daß es höchste Zeit ist – höchste Zeit!“

„_Qu’est-ce qu’il dit?_“ fragte Bernadotte etwas nervös wegen der unerwarteten Unterbrechung seiner Geschichtsstudien.

„Sagen Sie ihm, es ist die höchste Zeit!“ schrie Blücher noch kratzbürstiger. „Er soll seiner Armee Marschbefehl geben! Er soll sofort über die Parthe gehen und auf den Feind einhauen! Die Schlacht beginnt, wir warten schon seit Sonnabend früh vergebens auf den Monsieur – heute ist’s Montag, und er steht erst hier weit hinter uns! So’n Schneckenkriechen angesichts des Feindes war noch nicht da!“

Der Major Rühle von Lilienstern verdolmetschte die Befehle seines Obergenerals und tat es mit vielem Zartgefühl. Er verstand es, den temperamentvollen Ausbruch Blüchers in so tadellose Form zu kleiden, daß die erstaunt gehobenen Brauen Bernadottes wieder in die normale Lage sanken.

Durch eine Neigung des Kopfes gab er zu erkennen, daß er begriff.

„_Un moment!_“ sagte er dann und fragte, sich an seinen Adjutanten wendend: „Wo waren wir eigentlich? – Die schwere Artillerie Tillys stand also auf dieser Anhöhe? Und Gustav Adolf machte dort drüben eine Linksbewegung, um sich der drohenden Überflügelung zu entziehen – _n’est-ce pas_? Er setzte sich an die Spitze seiner ‚Blauen‘ und seiner ‚Gelben‘ – – –“

Und so ließ er ungeniert die berühmte Schlacht bei Breitenfeld im Dreißigjährigen Kriege weitergehen, trotz der schon mit voller Gewalt um ihn tobenden Leipziger Völkerschlacht. Denn ein rechter Schlachtenlenker läßt sich durch nichts verblüffen und verliert niemals seine Ruhe.

Blücher, der immer noch kein Französisch verstand, blickte bald Prinz Wilhelm, bald Major Rühle an, die nur schwer ihre Munterkeit verbeißen konnten, und fragte: „Was redet er? Er spricht von Gustav Adolf! Er redet von Tilly! Was gehen die mich an? Die sind alle beide längst vermodert! Heute heißt’s Napoleon oder kein Napoleon! Und der Monsieur dort soll mir Antwort auf meine Frage geben, warum er mich im Stich läßt?! Auch eine Zumutung vom Großen Hauptquartier, mich, der ich kein Wort Französisch kann, mit einem General zusammenzukoppeln, der kein Deutsch spricht! Weder kann er mich, noch kann ich ihn kommandieren! Was mache ich nun mit dem Kerl? Auf so’ne hahnebüchene Idee konnte nur ein Französling wie Knesebeck kommen!“

Bernadotte unterbrach noch einmal die Schlacht bei Breitenfeld, ritt an Major Rühle heran und fragte höflich nach den Wünschen des Generals von Blücher. Und ob ihm etwas zugestoßen wäre? Er wäre ja so aufgeregt!