Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 24

Chapter 243,613 wordsPublic domain

Schließlich hatte Yorck seine Truppen in schlachtmäßiger Ordnung. Selbst führte er die Brigade Hühnerbein am linken Flügel, Horn mit seiner Brigade den rechten. Prinz Karl von Mecklenburg-Strelitz hielt die zweite Linie, Steinmetz’ Brigade war in Reserve, die Reservekavallerie hinter dem ersten Treffen. Und allen voran die Artillerie in vollem Feuern.

Der Feind wich – die Kavallerie fand die Zeit gekommen, ihm auf den Leib zu rücken, und jagte in die feindliche Geschützlinie hinein, weit über sie hinaus, nahm Kanonen, hieb Karrees zusammen, geriet aber bald selbst in Auflösung und mußte zurück, als feindliche Reiterei in geschlossenen Massen ihr entgegentrat. Das gab eine Jagd in umgekehrter Richtung, die allerlei Verwirrung verursachte. Mehrere preußische Batterien gingen verloren, die Chasseurs sausten zwischen die Bataillone des rechten Flügels hinein, Yorck klagte schon, daß ihm der sichere Sieg aus der Hand gewunden würde.

Und immerfort regnete es in Strömen. Die Munition bei Freund und Feind wurde in gleich neutraler Weise vom Himmel durchnäßt, die Flinten schossen wirklich, wie Blücher vorausgesagt hatte, ebensogut ohne wie mit Zündlöchern – das heißt: kein Schuß ging ab, weder bei den Franzosen noch bei den Preußen. Bajonette und Kolben, Lanzen, Säbel und Piken machten da ganze Arbeit. Denn auch die Kanonen brummten nur mäßig in der dicken, feuchten Luft. Es war die stillste Schlacht, die man sich denken konnte, und doch eine der blutigsten und wütendsten des ganzen Krieges.

Schließlich gelang es der Infanterie, durch raschen Seitenangriff, der französischen Kavallerie Herr zu werden. Die russischen Husaren warfen sie weiter zurück, Sacken schwenkte, die feindliche Front überholend, rechts ein. Da gab Blücher Befehl zum allgemeinen Angriff. Er setzte sich selbst an die Spitze der Kavallerie, Yorck führte die Infanterie, und vor der Wucht des Anpralls hielten die Franzosen nicht mehr stand. Mit blutigen Köpfen kamen sie die Schluchten nach der Wütenden Neiße und der Katzbach wieder herunter, und diese Gebirgsbäche, vom Regen angeschwollen, machten gemeinsame Sache mit den Landeskindern und ließen die wenigsten von den Feinden lebend wieder hinüber! Zu Tausenden ertranken sie in den angeschwollenen Fluten. Die preußischen und russischen Kugeln schlugen in die Massen hinein, die sich über die Brücken drängten. Es war ein Sieg, wie sich der alte Blücher ihn nicht glänzender wünschen konnte.

Nur auf dem links von der Wütenden Neiße aufgestellten linken Flügel der Armee unter Langeron gab es einige „Schweinerei“, die fast den Erfolg des Tages auf das Spiel gesetzt hätte.

Man hatte sich da vom Feind zurückdrängen lassen und war gar im Begriff, aus der vorzüglichen, alles beherrschenden Stellung bei Hennersdorf abzuziehen, als Yorck, nach der Entscheidung rechts von der Wütenden Neiße, die Brigade Steinmetz nach dem linken Ufer hinüberschickte, die Gefechtslage dort wiederherstellte, Monsieur Langeron in die Offensive zwang und mit ihm zusammen auch hier den Feind warf.

Achtzehntausend Gefangene, drei Generäle und eine Menge Stabsoffiziere, hundertdrei Kanonen, zweihundertfünfzig Munitionswagen, Lazarette, Feldschmieden, zwei Adler und andere Trophäen waren die Beute.

Die moralische Wirkung auf die Armee war aber ungeheuer, und die wichtigste Errungenschaft des Sieges. Die bockbeinigen Herren Untergeneräle mußten nolens volens, sich vor dem Glück beugend, die Überlegenheit einer Führung, die vom Himmel so gut bedient wurde, anerkennen.

Allein Blücher selbst machte sich in seiner rebellischen Art über seine eigene Strategie lustig.

„Na, Gneisenau,“ sagte er plötzlich zu dem neben ihm reitenden Generalquartiermeister, als sie sich am Abend in strömendem Regen nach dem Hauptquartier in Brechtelshof zurückbegaben, „die Schlacht hätten wir gewonnen, das kann uns eine ganze Welt von Theoretikern nicht abstreiten. Nun laß uns auch mal daran denken, was wir klugerweisse zusammenbringen, um den Leuten klarzumachen, _wie_ wir sie gewonnen haben. – Diesmal muß Er die Strategie eben nachträglich zurechtmachen. Einen Plan müssen wir gehabt haben! Das geht nicht anders! Was werden die Strategen sonst von uns sagen, wenn wir uns erfrechen, so gegen alle Regel eine Schlacht gewonnen zu haben?“

*

Im Schloß des Grafen Hohenthal zu Wartenburg war der Bankettsaal hell erleuchtet.

Um die Tafeln eine ernste Gemeinde.

Ein blutiger Tag war zu Ende. Man feierte einen glänzenden Sieg –, erfreute sich des Gelingens eines kühnen strategischen Manövers, von dem eine entscheidende Wendung des ganzen Feldzuges zu erhoffen war.

Aber immer noch stand die Hauptmacht Napoleons ungebrochen da. Immer noch flatterten die dreifarbigen Fahnen über der Hauptstadt seines sächsischen Vasallen. Die Marseillaise schmetterte noch sieghaft wie bisher und behauptete das Feld gegen die fremden Klänge, die rebellische Rhythmen in das Konzert zu werfen suchten.

Von allen Seiten kam das Echo feindlich gefärbt zurück – aus den böhmischen Bergen – aus der Lausitzer Gegend und nördlich von der Elbe, kräftig genug, um der Welt zu zeigen, daß die Todesstunde der französischen Alleinherrschaft geschlagen hatte.

Die Rollen waren vertauscht.

Jetzt war Napoleon nicht mehr der wilde Jäger, vor dem alles auswich und vor dessen Ungestüm alles erlag. – Jetzt war er selbst das gehetzte Wild, noch furchtbar, wo seine Pranke traf, aber nicht mehr als Sieger Gesetze gebend.

Dem ersten Ansturm des aus Böhmen vorbrechenden Hauptheeres der Verbündeten bot er siegreich Halt, schlug es bei Dresden entscheidend und warf es ins Gebirge zurück. Und triumphierend jubelte die Marseillaise.

Aber aus allen Himmelsrichtungen antworteten die Hörner der Jäger mit noch stärkeren Siegesklängen.

Bei Kulm war das ganze verfolgende Korps Vandammes vernichtet – an der Katzbach Macdonald von Blücher aufs Haupt geschlagen worden. Auch der Fürst von der Moskwa, Ney, und der Marschall Oudinot holten sich bei Großbeeren und Dennewitz derbe Schläge von den Untergenerälen des zaghaften Kommandierenden der Nordarmee, des zum Kronprinzen von Schweden avancierten Bernadotte – Niederlagen, die die französische Stellung an der Elbe, trotz Beherrschung der Elbfestungen, in Frage stellten.

Noch aber war die Lage nicht kritisch geworden.

Die Nordarmee der Verbündeten hielt sich vorsichtig zurück und nützte ihre Siege nicht aus. Die Hauptarmee drückte sich noch immer in den böhmischen Bergen herum und wartete auf Verstärkungen. Da brachte Blücher Bewegung in das Ganze und zwang seine zögernden Mitarbeiter aus ihrer Zurückhaltung heraus.

Er kümmerte sich den Teufel um die Hilferufe seines weit stärkeren Waffenbruders Schwarzenberg, ließ die Hauptarmee Hauptarmee sein, schickte ihr nicht einmal einen Knopf von den erbetenen fünfzigtausend Mann Verstärkungen hin, marschierte statt links, wie man’s wünschte, rechts ab, wie er selbst es wollte, nach Nordwest, die Elbe abwärts, an der französischen Hauptmacht vorbei, täuschte inzwischen Napoleon durch eine plötzliche Diversion des Sackenschen Korps auf Meißen, stellte diese und noch andere russische Truppen nördlich der Elbe als schützende Kulisse auf, hinter der er mit der Hauptmacht seiner Schlesischen Armee bis in die Gegend von Wittenberg ziehen konnte. Dort ging er über die Elbe, stand mit einem Schlag im Rücken der französischen Armee, bedrohte die rückwärtigen Verbindungen Napoleons, manövrierte so diesen mit kühnem Griff aus Dresden heraus und von der Elbe fort, und brachte zugleich Schwarzenberg vom Süden und Bernadotte aus dem Norden in Bewegung. Denn jetzt mußten sie folgen und helfen, den Ring um das Edelwild noch dichter zu schließen.

Im Schlosse zu Wartenburg tafelte Blücher mit seinen Offizieren nach glücklich erkämpftem Elbübergang.

Der große Bankettsaal war hell erleuchtet.

In Kronen und Ampeln flammten die Kerzen. Durch die Löcher in den Wänden und durch die zerschossenen Fensterscheiben funkelten die Sterne des Himmels herein.

Ernst waren die Gesichter der Tafelnden und leise die Unterhaltung. Ein jeder lauschte auf die gedämpften Trommelwirbel von draußen, wo in der Abenddämmerung die Gefallenen bestattet wurden, die um den Sieg ihr Leben gelassen hatten.

Blücher selbst, sonst eitel Frohmut und Laune, saß heute nachdenklich da.

Das Gelingen seines kühnen Unternehmens erfüllte ihn wohl mit Genugtuung. Aber der hohe Preis des Sieges, das viele kostbare Blut, das heute hatte fließen müssen, stimmte die Siegesfreude in Trauerklänge um.

Plötzlich ergriff er sein Glas und erhob sich von seinem Platz.

Feierlicher Ernst lag auf seinem Gesicht, seine Augen schimmerten in feuchtem Glanz, und in der Stimme zitterte ein Ton tiefster Bewegung, als er anhub:

„Lasset uns unsere Toten begraben. Widmen wir ein Glas den vielen namenlosen Helden, die bis heute ihr Blut für die Befreiung unseres Vaterlandes aus fremder Gewalt vergossen haben. Ein Name mag da für alle gelten. Denn er, der ihn trug, war auch der Geringsten einer. Aus den ärmlichen Verhältnissen nahm er seinen Aufstieg zur Höhe, wo jäh seine Laufbahn endete, und zeugt so davon, daß nur wer vom Volke geboren wurde, dem Volke Befreier werden kann.

Er wurde es.

Ihm, seinem Geiste, seinem unermüdlichen Schaffen verdanken wir, wenn wir jetzt dastehen, wo wir heute sind, und hoffen können, das hohe Ziel zu erreichen, für das wir alle unser Leben geben wollen.

Was das heißt, brauche ich keinem von euch zu sagen. Wir alle wissen, daß wir als Volk so tief gesunken waren, daß die große Masse dem Unglück, das unser Vaterland bis zur Grenze der Vernichtung niederwarf, fast teilnahmslos gegenüberstand. Wir sind alle Zeugen der jähen Wandlung – wir haben das Aufflammen der Begeisterung miterlebt, das hoch wie niedrig ergriff und zu Heldentaten befähigte, von denen wir heute wiederum staunende und ergriffene Zeugen gewesen sind.

Wer schuf sein Leben lang in stiller emsiger Arbeit die Waffe zu solcher Tat? Wer lehrte sie uns gebrauchen? Wer war uns Freund, Organisator und Mitstreiter, ohne zu ermüden, ohne sich Ruhe zu gönnen – auch nicht als er, zu Tode verwundet, Erholung und Pflege haben mußte? Sei getreu bis in den Tod – dies hehre Gebot erfüllte er ohne Zagen als erste und selbstverständliche Pflicht.

Was befähigte ihn dazu, was trug ihn und uns mit ihm durch alle Niederungen der Knechtschaft zur Freiheit empor?

Es war der zähe, durch nichts zu besiegende Widerstandsgeist unseres Volksstammes, der wohl gebeugt, aber nimmermehr gebrochen werden kann, und der, wenn es um das Heiligste auf Erden geht: um das Recht, frei unter freien Völkern sein Haupt aufrecht zu tragen, in flammendem Zorn emporlodert, um unwiderstehlich, wie das heilige Donnerwetter selbst, alles hinwegzufegen, was sich erdreistet, sich dem in den Weg zu stellen!

Dieser Geist hat sich heute wieder herrlich offenbart –“

Blücher schwieg bewegt. Denn wieder rollten in langsamem Zeitmaß langgedehnte Trommelwirbel gedämpft herein, wie um seinen Worten noch mehr Nachdruck zu verleihen.

„Die Trommel geht,“ rief er dann ergriffen, „sie mahnt unseren Sinn, ins Jenseits zu blicken. Dort ziehen jetzt in endloser Schar die Geister unserer gefallenen Brüder vorüber. Immer dichter drängen sie an den Thron des Herrn aller Heerscharen heran und empfangen als Lohn für ihr Opfer die Weihe, fortan, von jeder leiblichen Schwere unbehindert, mit uns zu streiten, um unsere heilige Sache zum Siege zu führen.

Wir hienieden sind alle gering gegen sie. Ich selbst weiter nichts als ein Handwerker, der die aufgegebene Arbeit geleistet hat.

Wer aber alles so bereitet hat, daß wir anderen hier den Erfolg haben konnten, das war jener, von dem ich hier geredet habe –“

Er wandte sich mit den Worten an den jungen Leutnant von Scharnhorst und winkte ihn näher.

„Das war Ihr Vater“, setzte er seine Ansprache fort. „Denn er und kein anderer hat jedem Sieg, den wir erstritten, vorgearbeitet, er hat in Reih’ und Glied mit den anderen dafür gekämpft, sein Leben eingesetzt und verloren, wie der Geringste unter denen, deren Heimgang wir betrauern. Blicke herab, verklärter Geist unseres Scharnhorst, und vernimm es, wie wir alle hier in die Hand deines Sohnes geloben, dir nachzueifern in Wort und Tat, bis wir das deutsche Vaterland von den Feinden und Unterdrückern befreit und den preußischen Namen wieder zu Ehren gebracht haben.“

Damit zog er den Sohn Scharnhorst an seine Brust und küßte ihm die Stirn. Die anderen traten ergriffen an den jungen Offizier heran und bekräftigten mit stummem Handschlag die Worte ihres Führers.

*

Im Schlosse zu Köthen saß der Kronprinz Karl Johann von Schweden, alias Marschall Bernadotte, bei der Morgentoilette. Die geschickten Hände seines Kammerdieners befreiten seine, trotz den fünfzig Jahren, immer noch rabenschwarzen Locken von den unzähligen Papillotten, in die sie über Nacht gewickelt waren, und ordnete sie in dekorativem Wirrwar um das scharf geschnittene Profil herum, das so recht dazu geeignet war, auf Münzen und Medaillen majestätisch zu wirken.

Zur Münze geschlagen, hält der Mensch den Mund, und das ist bei manchem gekrönten Haupt entschieden von Vorteil.

Noch war der Advokatensohn aus Pau ja nicht so weit in der Karriere gediehen. Er plapperte also rüstig drauflos.

Sein schwedischer Adjutant, der in ehrfurchtsvoller Haltung wartete, bekam einen Erguß über alles mögliche, was die neugefürstete Seele seines Gebieters momentan bewegte.

„Wir schreiben also sofort an den General Blücher, daß der Kaiser Napoleon auf das rechte Elbufer übergegangen ist, unsere Rückzugslinie ernstlich bedroht und uns nötigt, zu retirieren und über die Elbe zurückzugehen. – Wir fordern den General auf, uns mit der Schlesischen Armee zu folgen. Und, damit er es auch tut –, deuten Sie ihm an, wir hätten uns bei dem Kriegsrat in Trachenberg von den Monarchen zusichern lassen, gegebenenfalls und insbesondere bei gemeinsamen Unternehmungen auch über ihn und seine Armee den Oberbefehl zu führen.“

Der Adjutant machte sich eiligst Notizen.

„Es ist an der Zeit, mit der Legende aufzuräumen, ein ehemaliger Marschall von Frankreich wäre gerade gut genug, in Deutschland ein subalternes Kommando zu führen! Wozu hat man mich wohl gebeten? Man überhäuft mich mit Komplimenten – man macht mir Versprechungen – der Kaiser Alexander selbst wurde nicht müde, zu betonen, er hätte mit mir die Strategie Napoleons in die Dienste der Verbündeten gestellt! – Nun, er hat nicht zu sehr danebengegriffen. Aber wem gab man den Oberbefehl? – Mir etwa? Nein, dem Fürsten Schwarzenberg!

Wer ist Fürst Schwarzenberg? Auf welchem Schlachtfelde wurde sein Name bekannt und berühmt? Auf keinem, wo ich mitgekämpft habe. Und wo habe ich nicht mitgekämpft? Wer gab bei Austerlitz die Entscheidung? Wer bei Wagram – und das in solchem Maße, daß Napoleon vor Neid fast platzte und sich zu Unbesonnenheiten mir gegenüber hinreißen ließ, um mir die Palme des Sieges zu entreißen.

Nun hat man mich – und läßt mich eine zweite – eine dritte Rolle spielen, und verspielt so das Ganze. Sie werden es sehen. Napoleon wird den Leuten ein Schnippchen schlagen. Und wenn nicht – dann haben sie’s meiner Vorsicht zu verdanken, die ihm stets zu entschlüpfen wußte.

Napoleon weiß schon, was er an mir hat!

Er weiß mich als Feind einzuschätzen. Er wird auf mich wütend sein! Er wird darauf brennen, vor allem mich zu vernichten, weil ohne mich die anderen ihm dann auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sein werden!

Ich hüte mich aber, mich seinen Keulenschlägen auszusetzen. Den billigen Triumph soll er nicht haben. Wie könnte ich ihm auch standhalten?

Was für Truppen hat man mir dazu gegeben? _Mon dieu!_ Einen Bernadotte nimmt man zum Oberkommandierenden – und gibt ihm derartiges Gesindel in die Hand!

Diese preußische Landwehr, wie sieht sie nur aus! Was für eine Ausrüstung, welche Gesichter, welche plumpen Bewegungen, welche Ungeschicklichkeit! Kein Griff, der sitzt – kein Elan, gar nichts! Die reinen Barbaren!

Und meine lieben Schweden – nun – nichts für ungut. Oberst, geben Sie’s nur zu – mit den Grenadieren Napoleons sich messen zu wollen, ist eigentlich eine Arroganz von Ihnen! Brave, liebe Leute, meine neuen Landeskinder, ich gebe es zu!

Aber was soll es heißen, daß man in Schweden so besorgt tat, als sie ausrückten.

‚Opfern für fremde Interessen‘, sagt man! _Mon dieu!_

Ich werde diese Raritäten von Soldaten dem schwedischen Vaterlande ganz unbeschädigt zurückgeben! Man kann unbesorgt sein. Ich werde sie wie meinen Augapfel hüten!

‚Für fremde Interessen‘?!

Weiß man denn nicht, daß meine Teilnahme am Krieg den Schweden Norwegen einbringen wird? Oder traut man mir nicht einmal das zu?

Glaubt man in Schweden an das alberne Gerücht, die Schweden sollten bluten, damit ich Kaiser der Franzosen werde, wenn Napoleon abgetan ist?

Es ist wahr, die Franzosen lieben mich! Sie wären schon imstande, mich – – –

Wäre Napoleon nicht aus Ägypten zurückgekommen – wäre er damals nicht den Engländern entschlüpft –, wer weiß, was geschehen wäre?!

Wer weiß, wie die Welt heute aussehen würde, wenn statt ihm – ein anderer – ich zum Beispiel, in den Tuilerien residieren würde?!

Nun, morgen ist auch noch ein Tag. Und wenn die Franzosen es mir nicht zu sehr verübeln, daß ich am Kriege gegen sie teilgenommen habe, dann – –

Schließlich, ich tu’ ihnen ja nicht weh. Aber man kennt die Treibereien der Demagogen! – Es könnte gegen mich ausgenützt werden für den Fall, daß man mich – – –

Wenn sie aber _trotzdem_ der Stimme ihres Herzens folgen, das stets für mich schlug – wenn sie mich binnen kurzem zum Nachfolger Napoleons ausrufen, dann werde ich meine Pflicht tun – _meine Pflicht_, Oberst!

Gewiß – ich _kenne_ meine Pflicht gegen die Schweden! Ein braves, ein treues Volk! Aber eine drollige Sprache!

‚Giff mik – – _un baiser_‘ – wie heißt das nun wieder: _un baiser_? – ‚En schiß‘ – danke lieber Oberst – ‚en schiß‘ – _mon dieu_, man zerbricht sich fast den Mund dabei! Es klingt ja beinahe wie Deutsch – ebenso unmöglich zu prononcieren, ebenso guttural! Eine Sprache für die Wilden! Man müßte eigentlich bei euch in Schweden die französische Sprache einführen! Glauben Sie, Oberst, die veredelt die Manieren! Die würde euch Schweden gut zu Gesicht stehen! Nun, wer weiß, was noch kommen kann, wenn man mich _nicht_ – – –

Denn _wenn_ man mich zum Kaiser der Franzosen wählt – es gibt eine Pflicht, Oberst, die alle anderen Pflichten in den Hintergrund stellt, und das ist die Pflicht gegen die Menschheit. Und meine Wahl wäre: der ewige Friede und also ein Segen für die ganze Menschheit.

Das käme dann auch den Schweden zugute – und weit mehr, als wenn ich meine aufs Große gerichtete Kraft darauf verschwenden müßte, nur ihr kleines Land zu regieren.

Schließlich kann man sich auch in Schweden vertreten lassen –, oder die beiden Länder enger aneinanderschließen. Sie werden’s sehen, es wird noch kommen, man wird noch in Schweden Französisch sprechen! –

Also, heute gehen wir über die Elbe zurück.

Sie meinen, wir hätten ebenso gern gleich drüben bleiben können? Gewiß! Ich war niemals für dies Abenteuer. Ich habe es kommen sehen, daß wir zurück müßten!

Immerhin, ich habe dem alten Haudegen Blücher gezeigt, wie man so etwas macht! Er hat bluten müssen, als er bei Wartenburg überging. – – Wieviel sagten Sie? – Zweitausend Tote?! Das ist viel! Das ist ungeschickt!

Ich habe bei meinem Übergang keinen einzigen Toten gehabt – keinen einzigen! Eben weil ich die Gelegenheit besser wahrnahm und erst über den Fluß ging, als der Feind mit Blücher beschäftigt war und nichts davon merkte.

Wer zuerst kommt, auf den stürzt sich die Meute, an ihm beißen sich eben die Hunde fest!

Der gute Blücher glaubt sich mir überlegen, er treibt mich gar an! Er denkt, er könne mit seiner Feldherrnkunst die meine düpieren?

Dabei hat er schon einmal in mir seinen Meister gefunden! Sie wissen: in Ratkau, wo er vor mir kapitulieren mußte! Er wird es nochmals erleben! Er wird sich wundern, wenn ich heute die Karten aufdecke und ihm zeige, daß er eigentlich unter meinem Befehl steht und mir zu gehorchen hat!

Er wird fluchen! Ha, ha, ha! Er ist ein Grobian, ein ungeschlachter alter Landsknecht, ein unmanierlicher Barbar! Nun, er ist eben ein Deutscher!

Apropos – ihr Schweden seid doch auch halb deutsch! Wie kann man nur? _Ridicule!_ Und eure Sprache auch!

Wie hieß es nun wieder: _donnez moi_ – ‚giff mik un giß‘ – un giß! Wie drollig! Wie lächerlich!“

So plapperte Seine neugebackene Königliche Hoheit mit der Selbstgefälligkeit eines Papageien weiter und imponierte seinem Adjutanten und nicht zum mindesten seinem Kammerdiener mit seiner Zungengeläufigkeit, die, wie sooft bei seinen Landsleuten, ersetzen mußte, was ihm an Geist abging.

Als aber der Kammerdiener ans Barbieren kam, da stand das kronprinzliche Mundwerk endlich so lange still, daß der Adjutant seine Meldung abstatten und mitteilen konnte: der englische Bevollmächtigte, General Stewart, widerriete auf das bestimmteste einem Rückzug über die Elbe.

_Wenn_ überhaupt zurückgegangen werden müßte, da wäre der General Stewart dafür, dann lieber über die Mulde, ja sogar bis hinter die Saale –, überhaupt nach Südosten auszuweichen, wie es Blücher vorgeschlagen hatte, um die Verbindung mit der aus Böhmen vorbrechenden Hauptarmee zu suchen und die Rückzugslinien Napoleons auf Weißenfels und Erfurt zu bedrohen.

Der Kronprinz hörte gelassen zu, ließ sich einseifen und antwortete mit keinem Wort.

Er gedachte der Subsidien, die ihm England zahlte, und die wohl dessen Bevollmächtigten berechtigten, ein Wort mitzureden.

Als aber dann ein zweiter Adjutant mit der Meldung hereinkam, die Franzosen hätten seine Schiffsbrücken bei Aken und Roßlau zerstört, da atmete der Kronprinz erleichtert auf.

Denn nun mußte er links der Elbe bleiben, ob er wollte oder nicht!

Die Sache war entschieden. Der Engländer hatte seinen Willen, und selbst brauchte er, dank dem Feinde, keinen Entschluß zu fassen.

So trieb man die Weltgeschichte entschieden am besten und bequemsten. Man ließ ihr ihren Lauf, trieb selbst mit und vertraute dabei seinem Glück und seiner angeborenen Fähigkeit, an die Oberfläche zu kommen und sich dort zu behaupten. Und wurde so ein Auserwählter von Gottes Gnaden.

*

„Ein Fähnrich zog in den Kri–ieg – widibum fallera, juchheirassa, ein Fähnrich zog in den Kri–ieg, wer weiß, ob er wiederkehrt, wer weiß, ob er wiederkehrt!

Er liebt ein schwarzbraunes Mädchen, widibum fallera, juchheirassa, – er liebt ein schwarzbraunes Mädchen, das bitterlich um ihn weint, das bitterlich um ihn weint!“

So sang man an einem der vielen Biwakfeuer des Yorckschen Korps vor Möckern. Und weiter gen Wiederitzsch zu antwortete es von den Lagerfeuern der Russen, die sich dort aneinanderreihten, in langgezogenen melancholischen Tönen.

„Matjuschka–a babu–usch–ka – –“, klagte da ein schmelzender Tenor das ewige alte Russenlied vom roten Sarafan, an dem die Mutter nicht mehr nähen soll, während oben auf der Anhöhe die Silhouetten weithosiger, bebluster Tänzer zu den Tönen der Balalaika sich gespenstisch hin und her drehten, bald an dem flammenden Feuer vorbeihuschten, bald ins Halbdunkel hineinhüpften, um gleich wieder zum Vorschein zu kommen, die Hände in die Hüften gestemmt, die Hacken zusammengeschlagen, die Knie gebeugt, und dann bald nach links, bald nach rechts heraus auf den Hacken gerutscht, hochgeschossen, rundgeschnurrt und wieder in die Finsternis hineingehüpft.

Ein dumpfes Geräusch von ferne rollenden Rädern, ein aufbrausendes und wieder abnehmendes Stimmengewirr, Kommandorufe, Hörnerklang, Trommelschlag und Pferdegetrappel verrieten, daß irgendwo bei Freund oder Feind im Schutze der Nacht noch Truppenbewegungen vorgenommen wurden.

Klagen, Hilferufe, Jammern und Schmerzensgestöhn wurden überall laut, um wieder zu verstummen.

Hier und da ein plötzlicher Flintenschuß – ein Verwundeter, der seinen Qualen ein Ende machte, oder ein schnelles Gericht über einen auf frischer Tat ertappten Leichenplünderer. –