Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 23
„Ruhe soll ich dem Korps lassen? Bin ich der Franzmann, der mit ihm Krieg führt? Hat Sein General nicht genug von dem dämlichen Waffenstillstand, den wir kaum glücklich hinter uns haben, und den wir noch hätten, wenn’s nach unseren Diplomatikern ginge? Ein Schuft ist Napoleon, aber gesegnet soll er sein ob seiner Halsstarrigkeit, die Friedensbedingungen nicht anzunehmen. Denn das allein hat verhindert, daß unsere Neunmalweisen den Karren noch tiefer in den Dreck schoben!“
Damit nahm er eine Kohle, zog rasch einen Kreis auf der weißgetünchten Wand, starrte, in Ermangelung eines Spiegels, da hinein und fing an sich den Stoppelbart abzukratzen. Denn jetzt war er wieder in der Offensive und durfte als höflicher Mensch dem Franzmann nicht unrasiert kommen.
Der Major Diedrich benutzte die Gelegenheit, weitere Einzelheiten über den schlechten Zustand des Yorckschen Korps vorzubringen, und Blücher, der seine Zunge dazu gebrauchen mußte, beim Rasieren die Wangen von innen zu strammen, konnte dabei seinem Mißvergnügen nur durch ein mehr oder weniger lautes Grunzen Luft geben. Bis der Major ihm mit den zwanzigtausend in Österreich gekauften Flinten auf den Leib rückte, mit denen man die Landwehr beglückt hatte, und die die unangenehme Eigenschaft hatten, keine Zündlöcher zu besitzen. Die hatte man in der Eile bei der Anfertigung zu bohren vergessen. Und nun müsse die brave Landwehr, zum größten Teil mit Piken bewaffnet, in den Kampf ziehen!
Da hörte Blücher mit dem Schaben seines Bartes auf, sandte sich jäh um, warf dem Major einen vernichtenden Blick zu und wetterte los.
„Herr, was redet Er da von Zündlöchern? Bei dem Sauwetter, wo’s, wie jetzt, seit Monaten Strippen regnet, schießen alle Flinten gleich gut, ob sie Zündlöcher haben oder nicht! Die sollen die Leute ruhig behalten und mit den Kolben auf den Franzmann losschlagen. Und taugen sie auch dazu nicht, dann mögen sie sich drüben beim Feind bessere Flinten holen. Die Franzosen haben ganz gute! Wozu haben wir den Krieg?“
Worauf er das Messer ansetzte und weiter schabte.
Aber der Major hatte noch mehr auf dem Herzen, und die Gelegenheit war zu gut jetzt, wo der Alte das Messer an der Kehle hatte und die Zunge im Zaum halten mußte.
Er packte also aus.
Es fehle den Landwehrregimentern an Mänteln, sie hätten nur leinene Hosen, statt Patronentaschen leinene Beutel, Kochgeschirr wäre bei ihnen eine Seltenheit und Stiefel erst recht. Bei den aufgeweichten Wegen käme man kaum noch vorwärts mit der schlechten Ausrüstung.
„I der Deubel!“ unterbrach Blücher plötzlich die Litanei. „Mit langen Redensarten wurde noch niemals ’n Stiebel jemacht. Was red’t Er denn? Wo uns Hunderttausende von den besten französischen Stiebeln freundlichst entgegentanzen und bloß dadruff warten, genommen zu werden! Wenn unsere Leute zu vornehm sind, um auf Pariser Sohlen zu laufen und sich die nicht holen können, wo sie da sind, dann können sie meinetwegen barfuß laufen! Und was den anderen Kram betrifft – die Mäntel und Patronentaschen und gar die Hosen –, das alles macht noch lange nicht den Soldaten! Die Leute, die da mit Piken und Sensen geübt und so die Griffe gelernt haben, die haben eben gewußt, wie saumäßig es um Preußen stand, und daß es ihm an Flinten und Stiebeln und Mänteln fehlte. Und sie sind doch gekommen und haben sich zum Dienst gestellt. Warum, denkt Er wohl? Nicht, damit Er mir hier noch eine Litanei vorbetet, sondern um Preußen all das zu verschaffen, was ihm fehlt – vor allem die Freiheit und den alten Besitz! Das andere – die Flinten und die Stiebel und der ganze Kram –, das kommt dann ganz von selbst. Und nun schere Er sich, und lasse Er mich ungeschoren. Dem General ist zu erwidern, daß es beim Marschbefehl bleibt. Er hat sich von Jauer zurück auf die Katzbach zu wenden und die vorgeschriebenen Stellungen bei Brechtelshof einzunehmen. Verstanden?“
Der Major salutierte schweigend und ging. Und Blücher begab sich nach vollendeter Toilette hinaus, um die abmarschierenden Truppen zu inspizieren.
Sein geübtes Auge sah wohl alle Mängel und Gebrechen ihrer Ausrüstung, sah die beschmutzten, durchnäßten, frierenden und abgehetzten Kerle dastehen und fragende Blicke auf ihn richten – sah aber auch unverzagten Mut aus ihren Augen leuchten, als er vor der Front aufritt. Seine Blicke glitten prüfend von Mann zu Mann die Reihen entlang.
Es waren keine baumlangen Pommern oder Mecklenburger, sondern zumeist klein gewachsene, schmächtige Leute aus den schlesischen Weberdistrikten. Staat war mit ihnen nicht zu machen, aber sie würden schon anbeißen, wenn man nur verstände, im richtigen Ton zu ihnen zu sprechen, und ihnen gleich zu Gemüt zu führen wüßte, daß der Krieg keine Schule der Verzärtelung sei, und daß es dabei etwas Wichtigeres und Bedeutungsvolleres als Strapazen und Entbehrungen gäbe.
Und diesen Ton fand Blücher gleich.
Nachdem er die Reihen abgeritten war, hielt er vor der Front und rief in seiner jovialen Art, mit einem listigen Augenzwinkern, daß sich ein jeder sofort innerlich auf du und du mit ihm befand.
„Kerls, ihr seht aus wie die Schweine! Aber es macht nichts. Ihr habt doch die Franzosen geschlagen! Das ist aber nicht genug! Ihr müßt sie heute wieder schlagen, wie das Wetter und die Wege auch sind. Sonst sind wir alle beschissen! Guten Morgen, Kinder! Und nun frisch darauflos!“
Worauf er schmunzelnd über das donnernde Lachen, womit die Front für die Ansprache quittierte, sein Pferd herumwarf und zurück in sein Quartier galoppierte.
Dort erwartete ihn großer Ärger und Verdruß.
Yorck selbst war gekommen, um wegen des vielen „unnützen Hin- und Hermarschierens“ das Oberkommando zur Rede zu stellen, und war eben in heftigem Diskurs mit dem Generalstabschef Gneisenau, der vom Obersten Müffling getreulich sekundiert wurde.
Als er Blücher sah, wandte er sich gleich an ihn, und zwar in einem Ton, den dieser sich als Oberkommandierender keinesfalls gefallen lassen konnte.
„Und wenn der Teufel selbst das ganze Oberkommando gegen mich zur Attacke ritte – marschiert wird doch nicht, ehe ich nicht achtundvierzig Stunden gerastet habe!“ rief er ohne alle Einleitung Blücher zu. „Das ist das wenigste, was ich brauche, um meine Leute wieder schlagfertig zu haben. Das mögen sich die Herren Kraftgenies hier –“ er warf einen despektierlichen Blick auf die beiden Mithelfer Blüchers – „unter die Nase reiben! Und auch, daß ich dies kopflose Hin- und Hermarschieren, das sie meinen Leuten zumuten, ohne ihnen Ruhe zum Essen und Schlafen zu gönnen, daß ich das mit den Menschen Schindluder treiben nenne. Und dazu sind meine Preußen denn doch zu gut!“
Blücher verbat sich ein für allemal in der energischsten Weise sowohl diesen Ton wie auch jede Widerrede. Yorck und er seien wohl alte Waffengefährten, aber das entbinde ihn doch nicht von der Pflicht unbedingten Gehorsams seinem Vorgesetzten gegenüber. Zu befehlen habe hier allein er, Blücher. Er trüge auch allein die ganze Verantwortung für die gegebenen Befehle und verbäte sich eine jede Kritik.
„Herr General,“ sagte Yorck, noch aufgebrachter als vorhin, „ich pfeife auf die Waffenbrüderschaft, die sich solchermaßen in Erinnerung bringt. Und wer von uns beiden sein Handwerk besser versteht, darüber brauche ich mich hier auch nicht auszulassen. Zum Kommandieren gehört nicht nur das Amt, man muß es auch können. Und käme es nur _darauf_ an – wer weiß, wer von uns beiden jetzt hier dem anderen zu befehlen hätte! Mich kümmert aber all das weniger! Mich kümmert in erster Linie die große Verantwortung, die ich vor meinem König und meinem Vaterland für die mir anvertrauten Truppen habe.“
„Uns nicht weniger!“ schrie Blücher zornesrot. „Darüber hinaus gibt es aber etwas, was ich militärische Notwendigkeit nenne. Wenn die ein Opfer verlangt, so bringe ich es unbedingt, und wenn es noch so schmerzlich wäre. Und trage die Verantwortung dafür allein und teile sie mit keinem!“
„Wenn aber die Soldaten vorher zu Tode gehetzt werden, wozu und inwiefern und mit welchem Nutzen will ein General dann jenes Opfer bringen? Wo nichts ist, ist auch nichts zu opfern, wie groß die militärische Notwendigkeit auch sein mag. Haben Sie, meine Herren, im Vorjahre die Trümmer der großen französischen Armee gesehen, als sie aus Rußland zurückkam? Und haben Sie dagegen meine Preußen gesehen, wie die aus dem gleichen Feldzug wiederkehrten? Meine Fürsorge für meine Leute war’s, die dem König von Preußen da eine ganze Armee bewahrte, wo alles andere zugrunde ging. Ohne diese meine Fürsorge hätte der General von Blücher in seiner schlesischen Armee heute keine Preußen zu kommandieren. Wäre mein Eigensinn, den die jungen Leute hier im Oberkommando so gern bekritteln – wäre der nicht gewesen – hätte ich nur den blinden Kadavergehorsam gegen Vorgesetzte gehabt, den man heute hier von mir verlangt, ich hätte mich nimmermehr getraut, dem Marschall Macdonald, der heute die Franzosen gegen uns führt, den Gehorsam aufzukündigen. Ich hätte an einem Strange mit ihm weitergezogen, und ich wäre niemals dazu gekommen, in Tauroggen meinen alten Kopf aufs Spiel zu setzen, um endlich eine reinliche Scheidung zwischen uns und den Franzosen zu machen.“
„Recht hatten Sie, Yorck“, sagte Blücher, dessen Augen leuchteten bei der Nennung des Tages von Tauroggen. „Aber jetzt sind Sie im Unrecht. Denn ich bin kein französischer Marschall, dem ein preußischer General meines Erachtens nimmermehr gehorchen kann, ohne vor sich selbst zu erröten. Ich bin hier der Oberkommandierende der schlesischen Armee, der hier im Namen des Königs befiehlt und sich Gehorsam zu verschaffen wissen wird, gleichviel ob ich persönlich oder durch meine Generalquartiermeister die Befehle erteile. Wobei eine Sache nicht zu vergessen ist, nämlich die: der General Yorck hat den russischen Feldzug _als französischer General_ mitgemacht. Das färbt ab. Wir aber sind da rein geblieben und haben es alle vorgezogen, den Dienst zu quittieren, statt mit dem Erbfeind gemeinsame Sache zu machen. Deshalb haben _wir_ hier das Kommando jetzt, wo es gegen den Franzmann geht, und haben es _nicht nur_ mit dem Vorrecht, das der Königliche Befehl uns gibt.“
Damit schnitt er jede weitere Erörterung ab, ging in sein Zimmer und hieß Gneisenau gleich zur Befehlsausgabe nachkommen.
Yorck aber, außer sich über die ihm zugefügte Kränkung, ging in sein Quartier, setzte sich hin und schrieb dem König einen langen Brief, in dem er um seinen Abschied bat und sein Gesuch ausführlich begründete.
Dann, als er den Brief abgesandt hatte, fügte er sich, befahl Aufbruch und ließ es sich sogar gefallen, daß ihm vom Oberkommando der Oberst Müffling beigegeben wurde, um ihn in die befohlenen Stellungen zu geleiten.
Blücher aber, mit Gneisenau allein geblieben, ging fluchend auf und ab.
„Himmeldonnerwetter!“ rief er. „Muß ich auch noch mit meinen Untergebenen um mein Kommando kämpfen! Das fehlte mir gerade noch!“
Er blieb vor Gneisenau stehen.
„Ich bin gewiß der letzte, die große Bedeutung von Yorcks Tat nicht anzuerkennen, als er es wagte, den Ängstlichen zum Trotz, sich mit seiner Armee gegen Napoleon zu erklären. Wenn er aber glaubt, deshalb das Recht zu haben, sich wie ein Bleigewicht an unsere Füße hängen zu dürfen, so irrt er sich. Ja, glauben denn er und seine Leute, daß wir blind und taub sind? Da kommen die Kerle her und machen mir was vor und erzählen _mir_ von der schlechten Ausrüstung! Die sehe ich ebensogut wie sie! Aber auch, daß wir uns schön hüten müssen, ihr so große Bedeutung beizumessen, daß unsere Leute darob mutlos werden. Denn das hieße uns unserer einzigen guten Waffe: ihres felsenfesten Vertrauens auch noch zu berauben. Wenn ich den wackeren Kerlen in die Augen schaue und das reine lautere Gold glühender Vaterlandsliebe mir da entgegenfunkelt, da denke ich: hol’ mir der Teufel Flinten und Patronen! – _Das_ da ist unbezwinglich! Das siegt! Das fragt nach keiner Übermacht! Und auf die Leute wagen unsere russischen Bundesbrüder gar übermütig herabzublicken! Schockschwerenot – was haben die Russen geleistet, das ihnen die Berechtigung dazu gäbe? Die prahlen damit, wie sie im Vorjahre Napoleon besiegt haben – wo sie vor ihm gelaufen sind, bis der sich in seinem Übermut verrannte und nicht mehr heil aus ihren endlosen Steppen herauskonnte. Nun kommen sie her und tun dick, und setzen uns _ihre_ Führung auf die Nase und wollen uns auch das Ausweichen vor dem Herrn Napoleon beibringen! – Und unsere eigenen Leute – die besten unter ihnen, wie der alte Isegrim soeben, die helfen da brav mit. Der Geist des Rückzugs und der Flaumacherei geht bei uns mächtig um! Es ist höchste Zeit, daß wir ihm den Garaus machen, Gneisenau!“
Er schwieg.
Aller Ärger und alle Bitterkeit der letzten Jahre wurden wieder in ihm wach, und er durchlebte in einem kurzen Augenblick noch einmal die schrecklichste Zeit seines Lebens, die Zeit, wo er aus jeder liebgewordenen Tätigkeit verbannt, geächtet und von den braven Strebern gemieden leben mußte. Bis er endlich die Frühlingsluft der Befreiung witterte, seine Zeit gekommen fühlte und seine Stimme erheben durfte ohne Furcht, nicht mehr gehört zu werden.
„Mich juckt’s in allen Fingern, den Säbel zu ergreifen“, schrieb er da an seinen unvergeßlichen Freund Scharnhorst. „Wenn es jetzt nicht Seiner Majestät unseres Königs und aller übrigen deutschen Fürsten und der ganzen Nation Führnehmen ist, alles Schelmenfranzosenvolk mitsamt dem Bonaparte und all seinem ganzen Anhang vom deutschen Boden weg zu vertilgen: so scheint mich, daß kein deutscher Mann mehr des deutschen Namens werth sei. Jetzo ist es wiederum Zeit, zu dhun, was ich schon anno 9 angerathen, nämlich die ganze Nation zu den Waffen anzuberufen, und wann die Fürsten nicht wollen und sich dem entgegensetzen, sie samt dem Bonaparte wegzujagen. Denn nicht nur Preußen, sondern das ganze deutsche Vaterland muß wiederum heraufgebracht und die Nation hergestellt werden.“
Es „juckte“ ihn in allen Fingern, das ganze Heer, das ganze Volk blickte auf ihn wie auf den gegebenen Führer – und doch zauderte man, wie immer, oben und wagte nicht, einen frischen Entschluß zu fassen. Der „Haudegen“, der „Draufgänger“ könnte es ja zu sehr mit dem lieben Feind verderben. Eine Partei am Hofe schob, nicht ohne Aussichten, ihren Mann, den Grafen Tauentzien, als Kandidaten für den Oberbefehl vor. Und einzig und allein die rücksichtslose Energie Scharnhorsts war es, der es gelang, den Widerstand des Königs zu brechen.
Blücher wurde mit dem Oberkommando betraut, aber – denn an allen Entschließungen des Königs hing ein einschränkendes Aber, das teilweise ihre Wirkung aufhob – Blücher wurde unter russisches Oberkommando gestellt, und mit ihm das preußische Heer.
Der Oberbefehlshaber, der alte Kutusoff, der überhaupt nicht mit seinen Truppen das russische Gebiet verlassen wollte, tat der Sache der Verbündeten den Gefallen, gleich am Anfang des Feldzuges zu sterben. Aber sein Nachfolger, Wittgenstein, war, bei allem guten Willen, ein gänzlich unfähiger Feldherr. Er ließ Napoleon Zeit, seine Armeen zu vereinigen, verpaßte jede gute Gelegenheit, ihn zu überraschen, ließ die Preußen in nutzlosen Kleinkämpfen verbluten, sah im Rückzuge die einzig sichere Frucht der teuer erkauften Siege, und gab ihnen so die Färbung der Niederlage.
Der frische Ansturm der Frühlingsoffensive der Russen und der Preußen verpuffte. Die blutigen Schlachten bei Großgörschen und Bautzen waren umsonst geschlagen – die Schweden weigerten sich, die kaum befreiten Hansestädte vor Wiedereroberung durch die Franzosen zu bewahren – der König empfand schon die Situation „wie nach Jena und Auerstedt“, und erst der plötzlich von Napoleon angebotene Waffenstillstand machte dem Zurückgehen der Alliierten nach der Weichsel ein Ende. Er dämpfte aber auch die lodernde Begeisterung, die die Erhebung getragen hatte, zu dumpfer Verzweiflung. Und die während des Waffenstillstandes einsetzenden diplomatischen Verhandlungen waren nicht dazu geeignet, sie wieder zu entfachen.
Die Herren Diplomatiker rieben ihre klugen Schädel aneinander und brachten einen Friedensvorschlag zustande, dessen Bedingungen in der Hauptsache Räumung aller preußischen Festungen seitens der Franzosen waren, sowie Rückgabe von Danzig an Preußen und von den illyrischen Provinzen an Österreich, Auflösung des Herzogtums Warschau und dessen Teilung zwischen Rußland, Österreich und Preußen, und außerdem die volle Wiederherstellung der Hansestädte. Die Auflösung des Rheinbundes und die Wiederherstellung Preußens regte man wohl an, wagte sie aber nicht zur Bedingung zu machen. Und Napoleon tat trotzdem den „Mächten“ den großen Gefallen, auf diese für sie – aber nicht für ihn – ungünstigen Bedingungen nicht einzugehen. Der faule Friede unterblieb, die Diplomatie wich wieder dem Schwerte, Österreich trat der Allianz bei, und von allen Bergen loderten Freudenfeuer auf und bekundeten das Ende des Waffenstillstandes und die Wiedereröffnung der Feindseligkeiten.
Blücher aber brauchte sich nicht noch einmal von den russischen Generälen gängeln zu lassen. Ihm wurde der Oberbefehl über die aus einem preußischen und zwei russischen Korps gebildete Schlesische Armee gegeben. Und da die Monarchen sich alle unter die Obhut der unter Schwarzenberg von Böhmen aus operierenden Hauptarmee begaben, so hatte er das große und unerhoffte Glück, diese Gesellschaft mit ihren jede freie Bewegung behindernden Erwägungen und ihrem Gefolge von Besserwissern los zu sein, was seine Siegeshoffnung nicht wenig stärkte.
Freilich – einer fehlte, dessen Verlust ihm einer verlorenen Schlacht gleichkam: Scharnhorst, der durch seinen unermüdlichen Tätigkeitsdrang und seinen Diensteifer seine in der Schlacht bei Großgörschen erhaltene Wunde vernachlässigt hatte und daran starb, gerade als er am nötigsten war.
Der Schmerz über diesen Verlust war schwer und andauernd. Er seufzte beim Gedanken an den verlorenen Freund auf und umfaßte dessen Nachfolger und früheren treuen Mithelfer mit einem zärtlich-dankbaren Blick, daß wenigstens _er_ ihm geblieben war.
„Na, Gneisenau“, sagte er gutmütig, und es kam ein Ton warmer Hoffnungsfreudigkeit in die Stimme, „jetzt gilt’s, die Zaghaften im Lande von ihren bösen Träumen zu erwecken. Ein Donnerschlag, Gneisenau, der ihnen den Nebel aus den Köpfen verscheucht, so daß sie wagen geradeheraus zu sehen und zu denken! Eine fröhlich schmetternde Siegesfanfare, die den gesunkenen Mut wiederbelebt! Eine Tat, die unsere schlechten Waffen gut macht und zu Ehren bringt! Vorwärts, an die Arbeit, Gneisenau!“
Dann ließ er sich die Meldungen von den Avantgarden seiner Korps vorlegen. Aus denen ging hervor, daß der Feind auf den Höhen jenseits der Katzbach, von Goldberg bis Liegnitz, lagerte, aber nicht, ob er vorrückte oder an Zurückgehen dachte.
„Auf alle Fälle greifen wir an“, entschied der General.
Yorck erhielt den Befehl, von Jauer bis nach Schlauphof an der in die Katzbach einfallenden Wütenden Neiße vorzurücken und sich da, von den Uferhöhen gedeckt, in Kolonnen aufzustellen. Die Russen auf dem rechten Flügel unter Sacken sollten die feindliche Front bei Liegnitz festhalten – die Russen auf dem linken Flügel unter Langeron, die links von der Wütenden Neiße von Hennersdorf bis zum Gebirge standen, müßten über die Katzbach auf Goldberg, Yorck in der Mitte gerade nordwärts bei Kroitsch die Katzbach überschreiten.
Die Befehle flogen den Kommandierenden zu und lösten bei ihnen verschiedene Gefühle aus – aber als Allerletztes das des Gehorsams.
Sacken allein erwiderte dem Offizier, der ihm Blüchers Befehle überbrachte: „Grüßen Sie den General: hurra!“
Aber sein Landsmann Langeron, der im Türkenkriege selbständig kommandiert hatte, der sich ungern dem Oberkommando Blüchers fügte und sich als bestellter Aufpasser des Hauptquartiers über ihn fühlte, da man ihm von dort stets geheime Mitteilungen von den Instruktionen an Blücher gab, dieser französische Emigrant erklärte kurzweg, er dürfe sein Korps nicht aufs Spiel setzen.
Und Yorck wetterte und fluchte und tat einen Schwur: „eher werde er seinen Degen zerbrechen, als über die Katzbach gehen!“
Kurz: mit der Disziplin bei den höheren Führern der Armee war’s übel bestellt.
Der General Langeron war sogar noch weiter gegangen. Er kalkulierte, trotz aller Befehle vorzugehen, daß es weder einen Angriff noch eine Schlacht geben würde, sondern, wie im Frühlingsfeldzug, einen frischen, fröhlichen Rückzug, und hatte, in weiser Fürsorge, bereits seine schwere Artillerie nach rückwärts auf Jauer vorausgesandt. Durch diese Maßnahme fehlte sie ihm nachher in der Schlacht.
Nach den ausgegebenen Dispositionen Blüchers wurde aber an dem Tage überhaupt nicht gearbeitet.
Denn auch der Feind parierte nicht. Er blieb nicht wacker in seinen Stellungen stehen, um auf den Besuch zu warten, sondern überschritt unvermutet die Katzbach einige Stunden, ehe die Schlesische Armee es tun sollte, und enthob so deren Obergeneral der Pflicht, seine obstinaten Unterführer dazu zu zwingen.
Der Marschall Macdonald glaubte bestimmt die Schlesische Armee auf dem Rückzug, und er hatte ja, nach den bisherigen Erfahrungen mit der Kriegführung der Alliierten, allen Anlaß dazu. Um so mehr, da sie wirklich vor einigen Tagen zurückgewichen waren, als Napoleon selbst mit seinen Garden die Angriffsarmee verstärkt hatte. Jetzt war der Kaiser nach Dresden zurückgeeilt, um sich der Hauptarmee der Alliierten entgegenzuwerfen, und überließ Macdonald allein die Verfolgung. Weit auseinandergezogen gingen die Franzosen zu diesem Zweck vor – und stießen zu ihrer nicht geringen Überraschung auf die Blüchersche Armee, die in voller Schlachtordnung aufmarschierte.
Man war beiderseits sehr überrascht über die Begegnung. Der Himmel gab seinen Segen dazu, indem es wie seit Wochen in Strömen goß.
Frischer Mut und frohe Laune bei andauernd schlechtem Wetter ist nicht jedermanns Sache.
Wenn der Himmel beständig voll grauer Wolken hängt, wenn Tag für Tag kaum einmal ein Glimt von der Lichtspenderin zu merken und ein Ende der Sintflut nicht abzusehen ist, dann schrumpft die Hoffnung zusammen, frohe Zuversicht wandelt sich in bleiche Verzagtheit, und der Mensch möchte sich am liebsten in irgendeine Höhle verkriechen und da, in Erwartung besserer Zeiten, hindämmern, ohne noch die Hand zu rühren, um sie herbeiführen zu helfen.
Gegen die Elemente ist Menschenwille machtlos. Und eine Welt, in der es immerfort regnet, verlohnt sich nicht zu erobern.
So kam es wohl, daß ein aus Oberschlesiern bestehendes Bataillon nicht stehen wollte, als einige Kanonenkugeln ihnen die ersten Grüße Frankreichs aus den Schluchten hinaufsandte, die zur Wütenden Neiße hinabführten. Die Schlesier gaben gleich Fersengeld und waren schon im Begriff, die anderen Bataillone in Unordnung zu bringen, als der Führer der Avantgarde einige Kanonen auf sie richten ließ und sein Ehrenwort gab, ihnen auch deutsche Kugeln zu kosten zu geben, wenn sie sich von der Stelle rührten. Das wirkte Wunder. Die Leute hielten sich nachher im dichtesten Kugelregen wie alte, kriegsgewohnte Soldaten, und die Ehre der schlesischen Landwehr war gerettet.
Der Feind war über die Katzbach das Tal der Wütenden Neiße heraufgekommen, breitete sich von Schlauphof bis zu Dohnau aus und drang nun durch die engen Schluchten nach dem Plateau hinauf, ohne zu ahnen, daß er da oben die Hauptmasse der Schlesischen Armee versammelt finden würde. Blücher beschloß, ihn heraufkommen zu lassen und sich dann auf ihn zu werfen und ihn wieder in die Schluchten hinabzustürzen.
Yorck stellte seine Bataillone auf, aber nicht schnell genug und vielleicht nicht ganz vorschriftsmäßig gerichtet. Denn das Oberkommando, vom Obersten Müffling vertreten, fand daran zu tadeln. Der alte Yorck wiederum fand, daß er es nicht nötig hätte, sich von Herrn von Müffling sagen zu lassen, wie er seine Bataillone an den Feind zu bringen hätte. Und inzwischen avancierte der Feind, ohne sich um die Kunststücke zu kümmern.