Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 22
Die Kunde von ihrer Niederlage bei Wagram war für Schill ein schwerer Schlag.
Daß aber sein eigener König sich dann auch gegen ihn erklärte und ihn gar mit einem Kriegsgericht wegen Insubordination bedrohte, daß der Monarch selbst, an dessen geheime Unterstützung man überall im Lande glaubte, nun diese Behauptung Schills Lügen strafte, das zog ihm den Boden unter den Füßen weg.
Aber er hätte doch nicht den Kopf verlieren müssen! Er hätte nicht zögern sollen, nach England zu gehen, ehe es zu spät wurde! – Er hätte sich sofort nach dem nächsten Hafen aufmachen und an Bord gehen müssen, um draußen in Spanien gegen den Franzmann zu kämpfen!
Nun, er hat seine Saumseligkeit mit dem Leben gebüßt! Ein Hundsfott, wer dafür auf seine tote Asche auch nur den Schatten eines Vorwurfs kommen läßt!
Es hätte aber alles anders kommen können und müssen, wenn man bei uns nur gleich zugegriffen hätte! Wer weiß – wenn die Österreicher gesehen hätten, daß wir Ernst machten, dann hätten sie am Ende den Napoleon doch noch beim Schlafittchen gepackt und die gute Gelegenheit benutzt, das welsche Unkraut mit Stumpf und Stiel auszurotten.
Ich habe ja damals den König gebeten – ich habe gebettelt und gefleht, ‚laß mich nur, _gerade jetzt_, mit meinem Korps über die Elbe gehen! Mit meinem Kopf stehe ich dafür ein, daß wir dann unsere Provinzen wiederhaben!‘ Die hätten wir auch! Ich hätte drüben alles in Feuer und Flammen gesetzt, und die Unternehmungen von Schill und Dörnberg und Braunschweig wären nicht nutzlos vertan gewesen!
Aber man hat nicht den Mut gehabt! Seitdem unsere gute Königin starb, ist es ganz verdreht!
Himmelsakra – mir war dann der mit der Apokalypse am Ende doch lieber! Obwohl er in seinem Haß gegen Napoleon weiter nichts war als ein kläglicher Don Quichotte, der gegen apokalyptische Windmühlen ritt. So etwas ist aber am Ende mit Schlauheit zu lenken!
Wenn ich aber daran denke, daß unser guter König einmal auch so von Tür zu Tür wandern müßte, Obdach suchen – – –! Das kann noch kommen, Gneisenau – das kann noch kommen, wenn’s so weitergeht, und wenn er die Zeichen der Zeit nicht besser versteht! Denn wenn er selbst nicht _will_, Gneisenau –, wenn er nicht will –, und wenn _wir_ wollen! Und wir sind jetzt proppvoll geladen! – Und wenn wir dann ohne Befehl losplatzen, wer spricht da von Insubordination? Schockschwerenot! Wozu sind wir auch schließlich da?
Ich werde wohl von Tür zu Tür mitgehen, wenn’s soweit mit ihm ist?! Nee – mein Leben gebe ich jederzeit für den König her! Aber so ’ne Bettelei mache ich nicht mit!
Die französischen Sklavenketten mag tragen wer will –, _ich_ trage sie nicht! Ich sag’s ganz offen, und wenn man mir zehnmal den Mund verbietet! Warum nicht auch? Wozu schüttelt Er den Kopf? Soll das auch ‚Insubordination‘ heißen!?
Nun, dann lasse Er sich gesagt sein, daß Insubordination noch hierzulande Mode werden kann, wenn’s nicht anders möglich ist, das Land zu retten!
Und der Ihm das sagte, das war der General der Kavallerie, denn dazu haben sich mich ooch jemacht, seitdem Er nach England reiste, und zwar um mir das Maul zu stopfen!
Sie haben mich zum General der Kavallerie gemacht, Sie haben mich aber auch zum Domherrn gemacht!
Was lacht Er da?
Zum Domherrn, sage ich, indem, daß mir der König eine Domherrnpräbende in Brandenburg verliehen hat! Wenn der Staat seine Generäle nicht anders zahlen kann, zahlt er sie eben so! Bargeld ist Bargeld, und wenn’s von der Kirche kommt, wird’s wohl auch den rechten Gottessegen haben.
Er braucht aber nicht deswegen zu denken, daß ich jemals den Schleier nehme oder fromm ins Kloster gehe und heilig werde! Ich bleibe, was ich bin!
Der General der Kavallerie wird nicht minder kräftig als der Generalleutnant kommandieren: Vorwärts druff uff den Feind!
Und wenn ich jemals als Domherr die Kanzel besteige, dann, Gneisenau, soll’s Pech und Schwefel vom Himmel regnen, und die Sicherheitskommissare und Angstmeier sollen sich alle Tage dreimal in die Hosen – –! Das meine Predigt! – Schmidt! Noch ’n Piep!“
Und Schmidt wußte Bescheid.
Er hatte mit Wonne bemerkt, wie gut der Tabak heute seine Schuldigkeit tat und wie schön sein Herr durch ihn ins Schimpfen kam.
Er stand schon auf der Lauer, eine frische Pfeife im Munde, und qualmte und schmunzelte gehorsamst übers ganze Gesicht bei den saftigen Worten Blüchers, und wartete auf das Signal.
Sobald das Kommando fiel, nahm er sofort mit Wucht die Hacken zusammen, reckte sich, daß die Knochen krachten, riß die Pfeife aus dem Gehege seiner Zähne, und dann, mit Paradetritt vorwärts marschiert, Blücher die Pfeife mitten ins Gesicht gesteckt und ihm so das Maul gestopft!
Dann nahm er die Akten Schill unter den Arm und trug sie behutsam zur Tür hinaus. Bloß die Brieftasche Schills mit den Versen nicht! Die behielt der General und Richter als einziges belastendes _Corpus delicti_ zurück.
*
Die Frau Generalin von Blücher ordnete in aller Eile den Kaffeetisch in ihrer Wohnung zu Stargard.
Ihr Herr und Gebieter hatte ihr eine Stafette mit der Nachricht geschickt, er käme nachmittags zurück von Berlin und bäte sich zum Empfang eine Tasse warmen Kaffee und Streuselkuchen aus. Es galt also rasch fertig zu sein. Denn Blücher pflegte schnell zu reisen und konnte jeden Augenblick ankommen.
„Es war eine schlimme Zeit“, sagte die Generalin zu ihrer Freundin Frau von Bonin auf Schönwerder, die gerade in Stargard war und den Nachmittag über blieb, um Blücher zu bewillkommen. „Es war nicht leicht, und ich werde recht froh sein, wenn es jetzt ein Ende hat. Aber ich traue dem Frieden nicht. Mit ihm war’s immer so. Kaum daß man denken konnte: Gott sei Dank, nun hat die Schererei ein Ende –, da ging sie erst recht los. Es wird jetzt nicht anders sein. Erzwungene Ruhe ist für ihn Gift. – Und wenn’s jetzt wieder mit seiner Krankheit losgehen sollte, da befürchte ich das Schlimmste! Das letzte war für ihn ein schwerer Schlag!“
Sie rückte noch die Kaffeetassen zurecht, schnitt Kuchen auf und ordnete an den Blumen.
„Es war lieb von dir, ihm Blumen zum Empfang zu bringen“, sagte sie und nickte ihrer Freundin zu. „Er hat die Blumen gern.“
„Du weißt, wie sehr wir alle ihn schätzen und lieben“, antwortete diese. „Seit ihr wieder in Stargard haust, leben wir ordentlich auf. Und jetzt, wo er nicht mehr die Plage des Dienstes hat, jetzt wollen wir alle helfen, ihm das Leben so heiter und gemütlich wie nur möglich zu gestalten, damit er seinen Ruhestand recht genießt. Er darf es sich wahrlich gönnen. – Wie hat er seinen Abschied vom Dienst aufgenommen?“
„Nun, gern beißt keiner in den sauern Apfel! Aber du weißt, die Männer stellen sich immer ein bißchen an. Als er die königliche Botschaft bekam, hat er laut gelacht, daß ich einen Schrecken kriegte. ‚Endlich einmal ein Entschluß am Allerhöchsten Ort!‘ hat er dann gesagt. ‚Das ist immerhin eine Besserung! Hätte ich sooft kapitulieren wollen wie Kalckreuth, hätte ich Danzig verloren, hätte ich so brav, wie er, vor dem Franzmann gedienert und mir sagen lassen: ‚Sie sind nicht zum Unterhandeln, sondern zum Unterschreiben da‘, und hätte ich dann unterschrieben und meinem Land einen schmachvollen Frieden um jeden Preis verschafft – ich wäre Generalfeldmarschall geworden, wie er, und hätte die höchsten Ehren genossen. Nun habe ich aber dem König sein Land wiedergewinnen wollen, ich habe geholfen, zu rüsten, Festungen zu bauen, Armeen auf die Beine zu stellen und den Leuten Mut und Vertrauen auf die Zukunft einzuflößen. Und der Dank ist nun – ein Fußtritt des Königs auf Befehl Napoleons!‘ – So hat er geredet.“
„Recht hat er!“ sagte Frau von Bonin.
„Das meine ich auch“, antwortete die Generalin. „Aber wenn mir trotzdem nicht ganz rosenrot zumute ist, ist’s kein Wunder! Er ist ja gewohnt, rastlos tätig zu sein. Überall hatte er seine Finger mit im Spiel. An den Arbeiten der Armeereorganisationskommission nahm er so eifrig teil, als wäre er mit drin gewesen. Er schrieb und empfing alle Tage Briefe, hatte seine Berichterstatter überall im Lande und auch im Ausland, wußte stets mit allem Bescheid, saß immer wieder dem König und der Regierung im Nacken und regte sich maßlos auf, wenn dann nicht alles nach seinem Kopfe ging. Ich habe mich manchmal über die Geduld des Königs gewundert.“
„Der König hält große Stücke auf ihn!“
„Gewiß! Das wußte er auch und – mißbrauchte es deshalb vielleicht nicht ungern. Immer ging es ja nicht gut. Einmal kam eine Beförderung, ein andermal eine gehörige Nase, und alles beides kümmerte ihn wenig. Nur einmal wurde er ganz niedergeschlagen und war lange nicht mehr zu etwas zu gebrauchen. Das war, als er unseren guten Eisenhart zum König schickte, um ihn seine Wünsche mündlich vortragen zu lassen. Denn selbst durfte er nicht hin –, du weißt ja: persönlich kann gegen ihn keiner aufkommen, und man fürchtete wohl seine Überredungsgabe. Aber Eisenhart hat auch ein gutes Mundwerk, und da schickte er also den nach Königsberg, um den König zu überzeugen, daß sich auf den ersten Ruf in Preußen schnell hunderttausend Mann versammeln würden, wenn der König nur wollte, und daß Österreich bereits vierhunderttausend Mann schlagfertig hätte, um gemeinsame Sache mit uns zu machen, und was noch mehr. Da antwortete der König: in Preußen fehle es an dem Führer einer Armee von hundertfünfzigtausend Mann! _Meinem_ Mann ließ er diese Antwort geben!“
„Nicht möglich!“
„_Das_ hat er sich sagen lassen müssen, als ob er überhaupt nicht da wäre! Und auch, daß er sich um alles in der Welt ruhig verhalten möchte! _Er_ und ruhig! Er wurde krank – na, du weißt ja, wie’s lange Zeit um ihn stand! So niedergeschlagen habe ich ihn niemals gesehen, solange unsere Ehe dauert. Er war ganz unerträglich –, ich habe meine liebe Not mit ihm gehabt!“
„Du Ärmste!“
„Nun, das war nichts gegen das, was er selbst litt. Er nahm ab, wurde dürr wie ein Skelett, schlief die Nächte nicht, hatte Halluzinationen, sah Gespenster am hellen Tage, aß nichts, trank nichts als Kaffee und – ob du’s glaubst oder nicht – rührte auch nicht einmal die Pfeife an. Ich glaubte schon das Schlimmste erwarten zu müssen. Da auf einmal nahm’s eine Wendung zum Besseren. Der Appetit kam wieder, er aß wie ein wildes Tier, trank und fluchte und rauchte wie sonst. In ganz kurzer Zeit, so geschwind, wie’s nur bei ihm geht, war er obenauf! Weißt du, was ihn so schnell kurierte?“
„Nun?“
„Daß der König den General von Bülow zu seinem Stellvertreter im Kommando ernannt hatte! Und auch zu seinem Nachfolger, falls er nicht wieder gesund werden sollte. Das war das beste Gegengift gegen seine Krankheit. Sofort packte ihn die Wut; er war auf den Beinen, schwang die Fuchtel, führte wieder die Geschäfte und genas –, _aus reinem Trotz_, und um Bülow recht zu ärgern. Das ist nun mein Glaube. Denn seine Wut auf Bülow war unbeschreiblich. Und seitdem kann er ihn nicht mehr leiden.“
Frau von Bonin lachte.
„Ja, so ist er,“ sagte die Generalin, „die Tätigkeit ist sein Leben. Er krankt nach ihr und ist immer fertig zum Explodieren, wenn sie ihm beschränkt wird. Dann will er gleich alles hinwerfen, in fremde Dienste gehen, verlangt seinen Abschied und bekommt ihn nicht und schöpft daraus neue Hoffnung, endlich tätig sein zu dürfen, wie er will! Und ist es damit wieder nichts, dann wird er von neuem gallig, bitter, niederträchtig, halb wahnsinnig, er verkümmert, altert, ist fertig mit dem Leben und kann sich doch nicht vom Dienst losreißen, weil er immer noch hofft, immer noch einen Funken vom Kinderglauben an seine ihm vom Himmel gegebene Sendung hat!“ –
Sie wurde unterbrochen.
Ein Wagen fuhr rasselnd am Hause vor, und im nächsten Augenblick stand Blücher im Zimmer.
Er war ganz verwandelt. Frisch wie ein Fisch im Wasser und voll von Hoffnung und Zukunftsplänen.
„Das will nun ein in Ungnaden entlassener General sein!“ lachte Frau von Bonin.
„Was, Ungnaden!“ erwiderte Blücher übermütig. „Die Ungnade ist nur eine Komödie, um Napoleon zu täuschen. Ich stehe oben besser angeschrieben als je. Der König war sehr gnädig –, er war sogar sehr traurig. Ich habe ihn über meine Entlassung trösten müssen. So liegt die Sache. Und das ist ein ganz anderer Kasus als damals, wo ich vom Alten Fritz meinen Abschied erhielt. Du weißt, Malchen, vierzehn Jahre habe ich nachher auf Wiedereinstellung warten müssen. Und daß ich das mußte, das hielt mich nachher stets zurück, sooft ich meinen Abschied nehmen wollte! Vierzehn Wartejahre kann man sich in meinen Jahren nicht mehr leisten –, da schluckt man lieber so manches herunter. Man soll eben seiner Sache treu bleiben, Malchen –, Treue halten im Bösen wie im Guten! Dann bleibt sie einem auch treu!
Jetzt hat mir der König wegen Ungehorsams gegen seinen Befehl, die Befestigungsarbeiten in Kolberg einzustellen, den Laufpaß gegeben. Er denkt, er muß es aus Rücksicht auf Napoleon tun. Er wird mich aber wiederhaben wollen und wird mich auch holen, sobald die Zeit da ist. Meiner Sache bin ich sicher –, ich war’s niemals so sehr wie jetzt, wo ich eigentlich gar nichts mehr mit ihr zu tun habe. Jetzt erst fühle ich, wie unlöslich ich mit meiner Aufgabe im Leben verwachsen bin.
Nichts kann sie mir nehmen. Bestimmung ist Bestimmung. Was kommen soll, kommt. Kein König und auch kein Kaiser kann mir mit seinem Machtwort nehmen, was mir von allem Anfang an als mein Ureigenstes gehörte, ebensowenig, wie er’s mir verleihen konnte.
Siehst du, Malchen, was der Mensch nicht geben kann, das kann er auch nicht nehmen. Das ist mein Glaube. Und nun warten wir in aller Ruhe und in Gottes Namen das Weitere ab. Jetzt brauche ich auch nicht mehr Scharpie zu zupfen, Malchen. Und nun – einen Kuß – und dann zu Tisch!“
Er küßte allen beiden Damen rasch die Wange, bot ihnen dann galant die Arme und führte sie an ihre Plätze.
12 DAS HEILIGE DONNERWETTER
Jahrhundertelang war Deutschland der Tummelplatz der Völker und wurde unbarmherzig verwüstet, seine Bewohner geknechtet, ausgeraubt und hingemordet, Handel und Nahrung lahmgelegt, seine Reichtümer gestohlen, seine Kunstschätze geraubt und nach allen Windrichtungen hin verschleppt, seine Kirchen und Schlösser und Kunstbauten in Ruinen verwandelt, seine Entwicklung um Jahrhunderte zurückgeworfen.
Und immer wieder blühte das Leben in alter Kraft wieder auf –, immer wieder stürmten beutegierige Horden heran mit Mord und Brand und plünderten und sengten.
Das in Strömen vergossene Blut tränkte die Erde, verseuchte die Gewässer, schwängerte die Luft – man atmete Unheil, trank dessen Odem mit dem Wasser der Quellen, fraß ihn in sich mit den Früchten der Erde. Das bittersüße Gift schwellte die Adern, schlich durch den Körper, erfüllte die Seelen bis zum Platzen mit Spannung, erzeugte einen Haß, der jede andere Regung unterdrückte, der alleinherrschend wurde, ins unermeßliche wuchs und gewaltsam zur Entladung drängte. Das Licht des Himmels, seine Sonne, seine Sterne, sein leuchtendes Blau, alles schwand in dem quälenden Dunst, die Farben des Lebens verblaßten und erloschen. Es gab kein Gefühl, keinen Gedanken mehr, als verbissene Wut über schmachvolle Ohnmacht, kein Gebet, das nicht den Herrn der Welten um Erlösung anrief und mit dem Himmel um seine Blitze buhlte.
Die Schwüle des Gewitters lagerte überall, ergriff alles Leben und würgte zum Ersticken.
Immer dräuender türmten sich die Gebilde des Hasses und der Empörung empor, ballten sich zu mächtigen Gewitterwolken zusammen und erfüllten den Raum, bis endlich die Spannung zu groß, bis es der Last zuviel wurde und das Gewitter losbrach.
Blitze züngelten auf die Häupter der Bedrücker nieder, warfen sie in den Staub und zerschmetterten ihre Zwingburgen, indes der Donner grollend durch den Raum fuhr und der Widerhall krachend von Felsen zu Felsen jauchzte und Kunde von der Befreiung gab.
‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
Fast unbeschränkt beherrschte Napoleon den Kontinent, alles lag ihm gehorsam zu Füßen. In jeder Festung, in allen Städten Norddeutschlands standen seine Truppen bereit, jeden Versuch zur Empörung mit Gewalt niederzuwerfen.
Durch dauernde Besetzung Preußens war er zum wahren Herrn Europas geworden. Wer nicht sein Verbündeter war, war ihm gehörig. Die Rheinbundstaaten, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen, Sachsen, Westfalen und Mecklenburg, gehorchten jetzt seinem kleinsten Wink. Der Kaiser von Österreich gab ihm seine Tochter zur Ehe. Sein Machtwort erstickte jede selbständige Regung im Keime. Ohne seine Zustimmung geschah in den deutschen Landen nichts. Könige und Fürsten holten sich Weisungen aus Paris, empfingen aus seinem Munde Lob und Tadel und setzten ihre Beamten ab und ein nach seinem Gutdünken. Seine Armeen wurden von den unterjochten Völkern unterhalten, die Einkünfte der Staaten als Kontribution nach Paris geschafft –, bis aufs Blut sog er die Besiegten aus.
Ihre Heere mußten auf sein Geheiß marschieren und für den Ruhm Frankreichs ihr Blut verspritzen – bis sie endlich begriffen, daß Blut und Leben nur für die Heiligkeit der eigenen Sache einzusetzen seien.
Der Sohn der Revolution, von der unwiderstehlichen Kraft eines Volkes in Waffen zu schwindelnder Höhe gehoben, kehrte so, durch den Gang der Ereignisse getrieben und von den eigenen Siegen verführt, vom Volksheer zum Söldnertum zurück. Er bewirkte gleichzeitig die entgegengesetzte Entwicklung bei den Besiegten und gab ihnen so das Mittel zur Befreiung in die Hand. Denn als sie sich dazu hergeben mußten, für eine fremde Sache zu bluten, wurden sie sich ihres eigenen Volkstums bewußt und fielen von der Sache des Eroberers ab, sobald sie ernstlich zu wanken begann.
Seine bunt zusammengewürfelten Heerhaufen besaßen sowieso nicht mehr die Energie und den Schwung der ersten Revolutionsheere, noch weniger ihre Begeisterung für die Heiligkeit einer Sache, die allein gegen eine ganze Welt den Sieg ertrotzt.
Noch stand der Koloß aufrecht und wagte in seinem Übermut den eitlen Versuch, den Gott zu spielen und das, was nicht zusammengehört, zusammenzukitten.
Und das Unerhörte geschah.
Als Napoleons aus unzähligen Hilfsvölkern zusammengesetztes Riesenheer auszog, um seinen unbotmäßigen russischen Verbündeten zu züchtigen, da marschierte zum erstem Male in der Geschichte des Landes ein ganzes preußisches Armeekorps mit, um für den Ruhm Frankreichs zu bluten.
Siebzehntausend Mann stark zogen die Preußen aus unter Befehl von Grawert, der bei Jena die Feldherrnkunst Napoleons am eigenen Leibe kennengelernt hatte. Er erkrankte und wurde von Yorck ersetzt.
Wie ein Haufen Heuschrecken, so wälzte das Riesenheer seine Massen über die deutsche Erde gen Osten hin, fraß, wo es durchkam, das ganze Land kahl und verwandelte es in eine Wüste. Bis es endlich hinter der russischen Grenze verschwand und sich über die endlosen, dünn bevölkerten Felder Rußlands ergoß, von einer ganzen Wolke von Marodeuren, Händlern und beutegierigen polnisch-jüdischen Schacherern umschwärmt, die sich mit seinen Abfällen mästeten, alles, was am Wege blieb, auflasen, Kleider, Ausrüstung, Proviant und Beutestücke erhandelten oder stahlen, die todmüde am Wege Liegenden erschlugen oder sie bis auf die Knochen ausplünderten.
Schreck und Entsetzen hinterließ der Raubzug überall, wo er durchkam, und lähmte die Kraft der Landeskinder so, daß keiner auch nur daran zu denken wagte, die Hand zur Rache zu erheben, als nachher die Reste der Horden wiederkamen, geschlagen, geschunden, zerfetzt und zerlumpt und von noch größeren Schwärmen Beutegeiern verfolgt.
Tausende von französischen Offizieren, auch Napoleon selbst und seine berühmten Marschälle, hätte man ohne weiteres gefangennehmen können. Aber man rührte keinem Finger gegen sie, man ließ sie ungefährdet durch und in ihre Heimat zurück, wo sie dann gleich neue Heerhaufen zur Unterjochung bereitstellten.
Man schlug das Raubgesindel nicht mit Knüppeln tot, man gab ihnen Lager und Kleidung, speiste sie, pflegte sie, vergaß das vergossene Blut und die Tränen, das geraubte Gut und Geld –, aber beileibe nicht aus Gutmütigkeit und noch weniger aus Feigheit. Nein, jene Armseligen, in Lumpen Zurückkehrenden, sie waren immer noch die Herren. Und keiner wagte noch an das unerhörte Glück zu glauben, daß jene gewaltige Macht, deren Diener sie waren, jemals gebrochen werden könnte, auch dann nicht, als man es mit eigenen Augen zu sehen und mit Händen zu greifen vermochte.
Der Krieg wurde nicht erklärt, die Rüstungen nur in größter Heimlichkeit betrieben, und auch dann nur unter dem Schein, den Bündnisvertrag mit Frankreich erfüllen zu wollen. Die Geheimdiplomatie war eifrig dabei, zu vertuschen und zu verhüllen, kein klarer Wille wagte sich hervor, kein offenes Wort wurde von maßgebender Stelle gesprochen.
Da auf einmal klang es jubelnd hart drein, wie schmetternde Fanfaren aus der alt-fritzischen Zeit. Von weit draußen an der Grenze klang es herüber, aber so hell und klar, so bestimmt und zielbewußt, daß es in die entfernteste Gegend des Landes drang und alle Herzen erzittern machte.
Es war der gleiche Ton, der Deutschland weckte, als Schill sein Panier erhob.
Aber jetzt ging alles mit, jetzt erwachte begeisterter Widerhall überall – ein Brausen, wie von einem herannahenden Sturm, ging über alles Land, das Gewitter verkündend, und erstickte mit seiner Gewalt jede Mahnung der Ängstlichen, den Weckruf lieber, im Namen der heiligen Subordination, zu überhören.
Isegrim Yorck war’s, der ins Horn gestoßen hatte.
Er hatte den Sprung ins ungewisse gewagt und seinen Kopf darangesetzt, um seine Preußen aus der schmählichen Gemeinschaft mit den Franzosen zu führen. Dem Korsen hatte er die erzwungene Waffenbrüderschaft aufgesagt, seinen König mit einer vollendeten Tatsache überrascht und sein Volk auf den Boden offener Stellungnahme gegen den wahren Feind gestellt.
Die Diplomaten rauften sich die Haare. Die Tat Yorcks kostete ihrer Weisheit und dem Staate etliche Millionen, die Napoleon sonst gerade jetzt hätte zahlen sollen und vielleicht auch gezahlt hätte, wenn alles wenigstens dem Scheine nach beim alten geblieben wäre.
Aber sie brachte dafür etwas ein, was für alles Gold der Welt nicht eingehandelt werden kann: die flammende Begeisterung, den unwiderstehlichen Willen eines geknechteten und vergewaltigten Volkes, seine Fesseln zu brechen und die Bedrücker niederzuwerfen. Sie entfesselte das heilige Donnerwetter, dem nichts widersteht – mit dem stets der Sieg ist, weil es die Empörung der Natur selbst ist gegen die ihr angetane Vergewaltigung.
*
„Herr,“ rief der General Blücher unwirsch und fuhr sich mit dem Rasierpinsel im Gesicht herum, daß der Seifenschaum weit umherspritzte, „Er ist wohl des Teufels! Wie heißt das? Was war das, was Ihm mir vom General Yorck mitzuteilen beliebte?“
Der so angeredete Major Diedrich nahm die Hacken zusammen, reckte sich stramm auf und brachte noch einmal seine Botschaft vor.
Die Infanterie Yorcks wäre demnach durch die erlittenen Strapazen sehr geschwächt und von 30000 auf 25000 Mann zusammengeschmolzen. Das Landwehrregiment der zweiten Brigade, das vor acht Tagen zweitausend Mann gehabt hatte, hatte jetzt nur noch siebenhundert. In sechs Tagen hatten die Truppen viermal Nachtmarsch gehabt, ohne daß abgekocht worden war. Sie hatten bei strömendem Regen auf dem aufgeweichten Boden biwakiert, die meisten ohne Mäntel – die Taschenmunition war von Nässe verdorben, in den Munitionswagen war kaum Vorrat genug für eine Schlacht, und dabei hätten die Parkkolonnen sechzehn Meilen Weg bis zur Neiße, um neuen Vorrat zu holen. Der General Yorck ließe bitten, dem Korps doch etwas Ruhe zu lassen.
Blücher hatte mit offenem Munde, das aufgeklappte Rasiermesser in der Hand, die Ausführungen des Majors angehört.
Jetzt fing er an mit wahrer Wut das Messer an einem ledernen Riemen abzuziehen. Er warf dabei dem Major immer wieder giftige Blicke zu.