Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 21

Chapter 213,794 wordsPublic domain

Und er blickte zum Zaren auf, holte mit der Hand aus, nahm mit Energie einen Schritt zurück und trat dabei der Maus, die sich, von dem schweren Schlag auf den Tisch aufgeschreckt, nach einem anderen Zufluchtsort umsah, unversehens auf den Schwanz.

Ein leises Quieken wurde hörbar, und schnell wie der Blitz schoß die graue Maus an seinem Fuß vorbei auf den Zaren zu, machte dort rasch kehrt und verschwand wieder unter der schützenden Tischdecke.

Napoleon schrieb den Brettern und Bohlen des Flosses das Quieken zu und blickte gar nicht hin.

Aber Alexander hatte die Maus gesehen und wich erschreckt zurück.

Eine Maus – das bedeutet Unglück, Entfremdung und Feindschaft!

Wie der Schatten eines fliegenden Vogels, so schnell war sie zwischen ihm und Napoleon vorbeigehuscht, eben in dem Augenblick, als er versicherte: „Nichts darf zwischen uns kommen!“

Der Herr der Welt hatte es nicht einmal in seiner Gewalt gehabt, jenes armselige Wesen daran zu hindern, sein Machtwort Lügen zu strafen! Wie würde er dann wohl verhüten können, daß etwas Ernsthaftes sich zwischen sie beide schleichen würde!?

Die Teilung einer Welt, an der auch die Mäuse, wenn auch noch so bescheiden, Anspruch auf Beteiligung erheben konnten, war dem Zaren für den Augenblick verleidet. Seine zartbesaitete Seele war nicht für derartige dunkle Genossen gestimmt. Er schwieg von Konstantinopel, begnügte sich vorläufig mit Napoleons halber Zusage, ließ noch anstandshalber ein Wort für den armen König von Preußen fallen, den er am nächsten Tag hier auf demselben neutralen, wenn auch schwankenden Boden Napoleon vorstellen wollte, versprach nach Tilsit überzusiedeln, nahm den Kaiser am Arm, ging mit ihm hinaus, führte ihm nochmals seinen Bruder und sein Gefolge in Freiheit dressiert vor, sagte den goldstrotzenden französischen Marschällen einige wohlüberlegte Artigkeiten, fiel dann wieder seinem Cousin Napoleon um den Hals, empfing auf beiden Backen den obligaten Abschiedskuß und gab ihn getreulich wieder. Er bestieg dann seine Barke, Napoleon die seine, und so ruderten sie wieder dahin zurück, woher sie gekommen waren, unter dem Donner der Kanonen und den Hurrarufen ihrer Soldaten, die jetzt ebenso bereit waren, sich zuzujubeln, wie vor einigen Tagen sich gegenseitig zu zerfleischen.

*

„Weiß Er was, Gneisenau,“ sagte Blücher und zeigte auf den Berg von Geschriebenem, der auf seinem Schreibtisch ragte, „weiß Er, was das ist?“

„Nun?“

„Das sind meine Kanonen – das ist mein Pulver, meine Flinten und die scharfen Hiebe, die ich jetzt noch austeile. _Akten_, Gneisenau – Akten! Staubiges, tintiges Papier – krumme Gedanken weitschweifig hingekraxelt – fades Geschleime müder Gehirne – keine Fanfaren, die zum Angriff rufen – kein klares Kommando vorwärtszusausen, die Sache beim Schopf zu packen und rasch in Ordnung zu bringen! Ein müdes Hinschleppen ist’s, ein tristes Schleichen, ein schlürfendes Leisetreten, ein banges Zurückweichen, ein scheues Schielen um alle Ecken, ehe man den Fuß hinzusetzen wagt! Gott verdamm’ mich, wenn ich bloß daran denke, tritt mir die Galle über! Schmidt, ’n frischen Piep!“

Er streckte die Hand mit der ausgebrannten Tonpfeife hinter sich, ohne sich umzusehen.

Der Kammerhusar Schmidt nahm die Pfeife, ging hinaus und kam gleich wieder herein mit einer frisch angebrannten zwischen den Lippen, paffte wie ein Schornstein, bis sie gut in Gang war, nahm sie dann aus dem Mund und steckte sie Blücher unter den Schnurrbart.

Blücher qualmte und rauchte, was das Zeug hielt, und legte dann gleich wieder los.

„Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt, als man mich zum Generalgouverneur von Pommern machte und mir das Kommando hier gab!

Erst stibitze ich mir das bißchen Pommern zusammen, dachte ich, bis ich es ganz habe. Dann die Mark Brandenburg dazu – dann Westfalen und Sachsen und all das andere, bis ich Preußen wieder zusammengeflickt habe! So hab’ ich’ s mir gedacht! Und das wäre im Handumdrehen gemacht, hätte man mich nur gewähren lassen! Aber man wagt nicht – man schläft! Schwerenot! – Ich muß hier sitzen und Akten produzieren und dummes Geschreibsel fressen, statt etwas Nützliches zu tun. Und jetzt gar noch andere richten, die so kühn waren, ohne Befehl loszuschlagen, um das Vaterland zu retten! Das,“ sagte er und ließ seine Hand schwer auf die Akten fallen, „das ist alles, was Schill mit seinem tollkühnen Losbrechen an greifbarem Gut erreicht hat – alles, was er und seine Leute mit ihrem Blut erstritten haben –, dieser Berg von geschriebenem Papier, den ich jetzt fressen muß. Der Aktenwust ist ja auch ein ganz großes Stück vom Vaterland, das ist nicht zu leugnen, das beste aber nicht! Und meinetwegen könnte das der Teufel gern holen! Je eher, je lieber!

Ist’s aber erhört, mich zum Richter in so ’ner Sache zu machen? Wie? Gerade mich, der ich doch immer auf dem Sprung stand, genau wie Schill loszubrechen! Nun – das weiß Er doch am besten, Gneisenau!“

„Das weiß ich“, antwortete der Angeredete. „Aber die anderen nicht!“

„Nun, ist das eine Art, mich zu zwingen, gewissermaßen in eigener Sache hier zu richten?! Ich komme mir als Richter direkt befangen vor!“

„Mir auch!“ erwiderte Gneisenau.

„Nun, dann bleibe ich auch dabei! Ich bleibe ehrlich befangen und werde mein Bestes tun, um die armen Kerle herauszuhauen!“

„Da denken Exzellenz ganz recht!“

„Für einen Schildbürger ist Er ganz helle, Gneisenau, und versteht mich ganz gut. Nun, Er ist ja nicht nur in Schilda geboren, Er ist auch von den Jesuiten erzogen, und da hat Er’s wohl her! Dafür bin ich Freimaurer und helfe, wo ich helfen kann. Die armen Kerle haben brav ihr Blut für’s Vaterland verspritzt, und das soll ihnen unvergessen bleiben.“

„Wie viele sind es?“ fragte Gneisenau.

„An die neunhundert werden’s wohl sein. Allerdings, was dem Herrn Napoleon in die Klauen fiel, kann ich nicht retten. Ich denke aber, wir brechen einmal die Ketten, mit denen der Hund sie an seine Galeeren schmieden ließ. Und unsere herrlichen Jungens, die er auf den Wällen Wesels niederknallen ließ – solange auf deutscher Erde ein Herz noch schlägt, werden die Schillschen Offiziere drin ein Ehrendenkmal haben. Ein stilles Glas ihrem Andenken!“

Sie tranken aus und blickten eine Weile schweigend vor sich hin.

Blücher ging auf und ab und betrachtete dann und wann den jungen Obersten, der vor ihm saß. Schlank, elegant bis in die Fingerspitzen ein vollendeter Weltmann, mit einem feinen, frischen, sympathischen Gesicht, dessen lebhaftes, stets bewegliches Mienenspiel ein reiches inneres Leben widerspiegelte.

„Er hat es sich leicht gemacht, Gneisenau“, sagte Blücher dann, setzte sich und goß sich wieder ein Glas voll. „Er hat seine Arbeit getan, und nun, wo Stein und Scharnhorst von ihren Stellen haben weichen müssen, da geht Er auch. Da macht Er nicht mehr mit, treibt sich draußen in England rum, hat sein flottes vergnügtes Leben und läßt der Welt ihren Lauf!“

„Wer weiß, wozu es gut ist“, lachte Gneisenau wieder. „Am Ende bin ich auch unterwegs meinem Vaterland nützlich.“

„Das bleibt einem ja auch so unbenommen“, meinte Blücher. „Wenn’s so weitergeht, wie jetzt hier zu Hause, dann gehe ich auch in ausländische Dienste!“

Und damit ließ er ein Ungewitter los gegen die verfluchte Schlamperei und gegen das bange Ausweichen vor den Anmaßungen Napoleons.

Zunächst war es Stein, der, kaum ins Amt gekommen, auf Befehl des Allgewaltigen hatte gehen müssen, allerdings nachdem er in den vierzehn Monaten seiner Dienstzeit Preußen von Grund aus umgekrempelt hatte. Bis auf die Volksvertretung hatte er alle Pläne zur Umorganisation der Verwaltung durchgeführt, die er seinerzeit mit Blücher in Münster besprochen hatte, und mit der Heeresorganisationskommission zusammen, die Scharnhorst leitete, das Heer auf Grund der allgemeinen Dienstpflicht neugeordnet.

Jetzt war er ob seiner Tüchtigkeit von Napoleon geächtet worden, und Hardenberg, den der allgewaltige Gebieter Europas einst als Friedensunterhändler und Staatsminister in Tilsit abgelehnt hatte, war wieder in Gnaden von ihm aufgenommen und als Staatskanzler des Königs von Preußen zugelassen worden.

Alles wurde durchgekramt und genau erörtert, auch wurde im Flüsterton die geheime Mission besprochen, die Gneisenau im Auftrag des Auswärtigen Amtes auf seiner Reise in England ausführen sollte.

Da kam Blüchers Sohn und Adjutant hinzu und meldete dem Vater, der Graf von Gottorp wäre von Kolberg aus hier in Treptow angekommen.

„Ich will ihn nicht sehen, wenn er nach mir fragen sollte!“ rief Blücher lebhaft. „Der arme Mann tut mir leid. Ich möchte ihn nicht beschämen. Ich will ihm nicht in seiner jetzigen traurigen Verfassung begegnen, nachdem ich in seinem Glanze mit ihm verkehrt habe. Aber du sollst in jeder Weise gut für ihn sorgen. Es soll von uns nicht gesagt werden können, daß wir mit einem Unglücklichen kein Mitleid hätten!“

Der Adjutant ging.

Blücher paffte eine Weile vor sich hin.

„Ja, ja, der Graf von Gottorp!“ sagte er sinnend. „Vor nicht langer Zeit hieß er König Gustav Adolf von Schweden. Und plötzlich, eines Tages kam er ohne Krone und mit einem Diener als einzigsten Untertan hier durch auf der Reise zu seinen lieben Verwandten in Rußland. Jetzt ist er schon wieder zurück. Sein Schwager Alexander hat ihn wohl nicht über die Grenze gelassen! Ein tolles Schicksal!“

Er paffte weiter und spuckte energisch aus.

„Es gibt eben Monarchen und Monarchen!“ sagte er. „Ob aber die mit dem gesunden Verstand oder die ganz verrückten die schlimmsten sind, möchte ich ungesagt sein lassen.

Ich habe beide Sorten ausprobiert.

Besonders die verrückten, damals, als ich mit eben diesem gewesenen Schwedenkönig den glorreichen Feldzug hier in Pommern anfing, aus dem aber auch nichts wurde, weil die Sicherheitskommissare in unserer Regierung es so eilig hatten, uns den faulen Tilsiter Frieden zu bescheren. Gott verdamm’ sie!“

Er spuckte aus.

„Ein eigenwilliger Kerl, jener Schwedenkönig!“ sagte er dann. „Ein Querkopf erster Güte! Zum Küssen bockbeinig, ganz nach meinem Sinn! Immer mit dem Kopf durch die Wand – und so muß es sein! Man muß nur wissen, wann und wo und vor allem wozu. Und das wußte er nicht! Eben sein Pech! Das hat ihm seine Krone gekostet!

Zuerst fiel ich doch auf ihn herein!

Kein Wunder bei der Zaghaftigkeit und Unentschlossenheit da oben bei uns!

Es war direkt erfrischend, als ich zuerst sah, wie er seine viel zu friedfertigen Generäle schurigelte und Feuer hinter ihnen zu machen wußte!

Mit dem Manne läßt sich etwas anfangen, dachte ich gleich! Ganz ein König, wie ich ihn gebrauchen kann!

Als ich aber zum Losschlagen fertig war und er immer noch nicht seinen Waffenstillstand mit den Franzosen aufkündigen wollte, da gingen mir die Augen auf. Ich dann wie der Blitz nach Stralsund und hinauf zum König!

‚Majestät,‘ sagte ich, ‚die pommersche Armee steht schlagfertig an der Peene aufmarschiert und bereit, in Preußisch-Pommern einzurücken, sobald die schwedische mittut! Wir dürfen keine Zeit versäumen! Danzig ist leider Gottes nicht mehr zu retten, aber Kolberg hält sich noch, das retten wir, und Spandau und Stettin nehmen wir durch Überrumpelung sofort, wenn wir nur nicht zaudern! Mir können Majestät vertrauen, meinen Unterführern auch. Der Oberst Bülow hat die Infanterie in die beste Verfassung gebracht, Borstell die Kavallerie, und die Freischaren Schills und Marwitzens stören schon dem Franzosen seinen Schlaf! Die besten Pferde aus Schleswig-Holstein stampfen in meinen Ställen vor Ungeduld, ihren Hafer zu verdienen. Flinten und Kanonen sind funkelnagelneu nebst Pulver und Blei aus England angelangt und gehen von selbst los, wenn _wir_ nicht schießen. Und was die Leute betrifft – es waren allerdings nur viertausendachthundert, die ich aus Pillau mitbrachte. Sie sind aber in den paar Wochen durch Freiwillige und Ranzionierte auf das Doppelte angewachsen, kaum daß ich einen Aufruf veröffentlicht hatte! In dem Augenblick, wo wir über die Grenze gehen, werden die Leute in hellen Haufen zu unseren Fahnen strömen. Meine Armee wird wie ein Schneeball wachsen, sehen die Leute bloß, daß wir Ernst machen! In Mecklenburg, Hannover, Westfalen, Hessen ist alles vorbereitet, alles wartet. Im Handumdrehen werden wir das ganze Volk unter Waffen haben. Und der Krieg ist gewonnen! Nur frisch gewagt, und wir machen das Spiel!‘

Der König kümmerte sich aber nicht darum! Er hörte kaum zu.

‚Hör’ Er, Blücher!‘ sagte er nur. ‚Komme Er mit! Ich will Ihm etwas zeigen!‘

Und dann stiefelte er los durch die Stadt nach den alten Außenwerken hin, kletterte in einer Bastion hoch, stellte sich da dicht hinter die Brustwehr, die Arme verschränkt, stand so eine Weile Statue, zeigte mir sein heldisches Profil und blickte über die Gegend hinaus.

Dann fing er an, mit großen Gesten in alle Himmelsrichtungen hineinzuzeigen, und legte los.

‚Komme Er her, Blücher, komme Er nur her!‘

Und ich mußte gehorsamst hinaufklettern.

‚Hier, wo ich jetzt stehe, auf eben diesem Flecke, stand vor bald hundert Jahren Karl der Zwölfte, überallhin sichtbar, mitten im dichtesten Kugelregen! – – Kann ich auch, Blücher – werde ich auch tun –, verlasse Er sich nur darauf! – Mitten im dichtesten Kugelregen stand also der Heldenkönig da – und um ihn herum fielen seine Leute wie die Fliegen. Er aber feuerte sie an. Dort – sieht Er? – von jener Pforte aus ließ er seine Tapferen zum Ausfall antreten! – – Da drüben stand der Feind –, da gerade! Sieht Er? Da hatte er seine Batterien, und sie spien ganze Orkane von Eisen gegen den einsamen Mann hier, daß Sand und Erde hoch um ihn herumspritzte. Er aber wankte nicht – er wich nicht –, aufrecht stand er da und rief immer wieder: ‚Vorwärts, ihr Blauen, packt sie, schlagt sie!!‘ – Und seine Blauen rannten gegen die Übermacht an, warfen die Feinde mit blutigen Köpfen zurück, vernagelten die Batterien und kehrten mit Wunden bedeckt zurück, Gefangene und Beute mit sich schleppend.

Niemals wäre Stralsund gefallen, hätte König Karl bei seinen Leuten bleiben können. Denn auf ihn allein kam es an! Wo er dabei war und sie anfeuerte, da waren sie unwiderstehlich, sonst nicht! Und er mußte fort.

_Ich_ aber bleibe! Ich weiche nicht von dieser Stelle, wie sehr man auch zu Hause nach mir verlangt! Und ich schwöre Ihm, Blücher, niemals wird der Franzose über diese Wälle kommen!‘

‚Das ist alles schön und gut‘, meinte ich. ‚Aber wir wollen es lieber nicht darauf ankommen lassen, daß der Franzose erst bei uns anklopft, sondern ihm lieber jetzt gleich die Waffenruhe aufkündigen, ihn aufsuchen und aufs Haupt schlagen!‘

Nein, das wollte der König nicht. Erst müßten die Engländer da sein, das Traktat mit den Insulanern müßte unterschrieben werden, und was noch!

Da half kein Reden. Er hatte seinen Kopf für sich!

Ich hab’s mit der Eigenliebe versucht. Ich habe ihm seinen Namensvetter und Ahnen, den großen Gustav Adolf, als Beispiel hingestellt. Er hatte aber an Karl dem Zwölften einen Narren gefressen. Und von allen beiden Helden hatte er gleich wenig abgekriegt. – Man sagt ja, der finnische Hofstallmeister Munk habe in allerhöchstem Auftrag seinen Vater zum Vater gemacht. Und da war’s ja kein Wunder, wenn’s mit den anderen Ahnen haperte.

Ich hätte ihn nicht herumgebracht. Da kam gerade Schill herangaloppiert mit der Nachricht vom Waffenstillstand zwischen Rußland und Frankreich, dem wir auch beitreten mußten.

Ich habe geflucht, als ich’s hörte. So schön wie wir bereit waren! Und da sollte es wieder nichts werden! Ich mußte es dem König mitteilen und kletterte noch einmal zu ihm hinauf.

Da nahm er mich beim Arm.

‚Wer ist das?‘ flüsterte er und zeigte auf Schill. ‚Nehme Er sich nur vor dem in acht! Der ist gefährlich! Der wird Ihm gehörig in die Suppe spucken!‘

‚Ich wünsche, Majestät,‘ sagte ich dann, ‚daß ich noch ein paar solche Kerle unter meinen Leuten hätte. Denn er hat das schlechteste Führungsbuch, das ich noch jemals bei einem Offizier gesehen habe, abgesehen von meinem eigenen, als ich in den Jahren war! Und er ist der beste Offizier, den man sich wünschen kann! Der geborene Rebell gegen jeden Zwang, keck, übermütig, tollkühn, reitet wie der Deibel, schießt wie ein Gott, ist hinter den Weibern her wie hinter dem Feind, und in beiden Fällen unwiderstehlich! Er stürmt die Hölle, wenn’s sein muß! Wenn wir noch Kolberg haben – ihm ist’s zu verdanken. Denn da war’s unter dem alten Loucadou schon so weit wie in den anderen Festungen! und Schill und Nettelbeck stachelten dann die Bürger auf, einen anderen Kommandanten zu erbitten. So kriegten wir den Gneisenau hin.‘

‚Ja, der ist gut,‘ sagte der König dann, ‚sonst aber ist’s eine Schande, wie sich Ihre höheren Offiziere benommen haben! Und da waren doch tapfere Leute darunter.‘

‚Gewiß‘, sagte ich. ‚Es kam aber wie eine Seuche über sie mit den Kapitulationen, und da hilft nur eine eiserne Kur!‘

‚Über die Bank schießen!‘ sagte der König – ‚und den zuerst!‘ flüsterte er dann, auf Schill zeigend, ‚denn der ist gefährlich. Er hat’s mit der Melancholie! Ich seh’s ihm an!‘

Ich habe laut lachen müssen!

Aber der König wiederholte: ‚Er hat’s! Ich kenne die Sorte! Meine Schweden sind auch so! Sie fliegen auf wie eine Rakete, und dann, auf einmal, packt sie die Melancholie, sie zerplatzen in lauter feurige Tränen, verpuffen, und weg sind sie! Passe Er nur auf! Er wird’s noch mit dem Schill erleben! – – Was wollte er?‘ fragte er dann auf einmal neugierig.

Ich brachte ihm dann schnell bei, sein lieber russischer Schwager hätte uns drüben in Tilsit mit seinen Friedensverhandlungen einen bösen Streich gespielt, und wir hätten nun die Zeit verpaßt.

‚Was?‘ rief er dann. ‚Waffenstillstand haben die gemacht! _Dann kündige ich meinen sofort!_ Das wird sie kurieren! – Essen!‘ rief er seinem General zu, ‚wir kündigen heute dem Marschall Brune die Waffenruhe! Und meinem Schwager, dem Kaiser Alexander, wird geschrieben, wenn er mit dem Mörder des Herzogs von Enghien jemals Frieden macht, ja wenn er nur daran denkt, dann schicke ich ihm den Andreasorden zurück – dann kündige ich ihm die Bekanntschaft –, dann grüße ich ihn nicht mehr! Er soll sehen, Blücher, _dem setzt sich der Kaiser Alexander nicht aus_! Wir schlagen also los, wir beide! Das wird die beste Antwort auf seinen Waffenstillstand! So ein Blödsinn akkordiert sich immer am besten mit der Waffe in der Hand. Also: kündigen, Essen!‘

Der General Essen machte Einwände.

Da brachte man aber die Meldung, die Engländer landeten endlich auf Rügen, und da war ich obenan. Der Waffenstillstand wurde gekündigt, wir rüsteten mit Feuereifer zum Aufbruch. Ein paar Tage hing mir der ganze pommersche Himmel voller Geigen, und ich hatte schon die Welt so gut wie in der Tasche.

Ich sah schon den Sieg zum Greifen nahe und streckte bereits die Hand danach aus.

Da fielen mir die Sicherheitskommissare drüben in Tilsit mit dem niederträchtigsten und schandbarsten Friedensschluß, der je da war, in den Arm – Gott strafe sie! – Gerade als ich die Marschbefehle ausgegeben hatte! Und ich mußte nun wieder hin zum König Gustav Adolf – jetzt aber um ihn zu bitten, den Waffenstillstand, dessen Kündigung ich ihm eben mit Mühe und Not abgerungen hatte, wieder zu verlängern.

Da wurde er ganz wild, und ich konnte es ihm nicht verdenken, denn ich war selbst bis zum Hals geladen.

Ob ich ihn wohl für verrückt hielte? rief er mir zu. Und das tat ich ja, obwohl mir seine Verrücktheit viel lieber war als manche dämliche Klugheit bei uns drüben in Memel. Er würde jetzt erst recht losschlagen, rief er noch. Und wer nicht mit ihm wäre, der wäre gegen ihn und würde danach behandelt werden!

Er hätte seine Aufgabe vom Himmel bekommen, sagte er –, er sei vom Schicksal bestimmt, Napoleon zu stürzen, die Bourbonen auf den Thron ihrer Väter wieder einzusetzen und das vergewaltigte Recht zu Ehren zu bringen.

Dann kam er mir mit der Offenbarung Johannis und bewies mir haarklein, die apokalyptische Hure, das wäre die französische Republik, und das wilde Tier, mit dem sie sich abgab, wäre Napoleon, und er, Gustav Adolf, wäre es, der dem Tier alle seine Köpfe abschlagen würde, die da alle Kronen der Welt trügen! – – Nun, ich bin in der Apokalypsis nicht so gut beschlagen wie im Whist –, sonst würde ich ihm schon wiedergeben, was mir der König da alles auskramte.

Er war total verrückt.

Na, er hat’s büßen müssen. Sein guter Schwager hat ihm nun richtig den dritten Teil seines Reiches genommen; die anderen beiden Drittel nahmen ihm ja die Schweden selbst, mitsamt der Krone, und schickten ihn mit seiner apokalyptischen Politik über die Grenze.

Nicht einmal das Fell des toten Löwen, Karls des Zwölften, in dem er so gern herumstolzierte, durfte er mit sich außer Landes nehmen. Und nun geht er hier rum und klopft überall an, und nirgends ist seines Bleibens!

Und dabei hatte er bei all seiner Verrücktheit doch Blick für die Menschen – insbesondere für die Verrücktheit der anderen! – – Denn nur bei den anderen erkennt man sie, niemals bei sich selbst.

Was er da sagte von Schill und der Melancholie, das stimmte!

Ich habe die Brieftasche Schills in meinen Händen gehabt, nachdem er gefallen war –, denn ich mußte ja sehen, ob da nichts für andere Leute Kompromittierendes drin war.

Weiß Er, was ich drin fand?

– _Verse_, Gneisenau – schlechte Verse! – Mondscheingesäusel – in Worte geronnenes, fades Liebesgereimsel! – Wer hätte das von dem Mann gedacht!

Da hatte ich’s nun schwarz auf weiß, daß der seelisch einen Knacks hatte, und da begriff ich auch, warum sein so kühn begonnenes Unternehmen so kläglich enden mußte.

Wäre er vor mein Kriegsgericht gekommen – wegen der Verse hätte ich ihn verknackst –, wegen seines Privatkriegs mit Napoleon aber freigesprochen!

Na – hätte er gewußt, daß sein Kopf, in Spiritus gelegt, dem König ‚Lustick‘ überliefert werden würde – er hätte sich wohl einen anderen Vers daraus gemacht – und für einen besseren Schluß seines Heldenliedes gesorgt.

Leute wie die seinen hätten es aber nicht nötig gehabt, unnütz zu sterben, hätte ihr Führer nicht den Schuß Melancholie in der Seele gehabt, für die der Schwedenkönig eine so feine Witterung hatte.

Denke Er sich nur: Schill, dieser Brausekopf, dieser Sausewind, für den es nichts Unmögliches gab – dieser Tausendsasa, dieser Lausbub, der durch seine kühnen Husarenstreiche schon als junger Mensch zu einer sagenhaften Gestalt emporgewachsen war, und der auch mit Recht die Ehrung verdiente, an der Spitze unseres Heeres in Berlin einzuziehen – dieser Strauchdieb von einem Herzensbrecher, der sich nur zu zeigen brauchte, und alles jubelte und jauchzte ihm zu – dieser tolle Junge, der die Keckheit hatte, als alles andere sich ängstlich davor drückte, auf eigene Faust hin und allein den Krieg mit Napoleon anzufangen – der verliert auf einmal mitten im Kampfe den Kopf, verliert den Mut und gibt alles auf!

Das mag wer will als plötzliche Reue auslegen! Ich nicht!

Ich glaube – und das spreche ich offen aus: _an dem Manne ist ein Verbrechen begangen worden_!

Man hat ihn glauben gemacht, der König billige im geheimen sein Unternehmen, dürfe sich aber nicht offen für ihn erklären, bis alles gut in Gang wäre.

Und als die Umstände allerseits ungünstig wurden und das Glück sich gegen Schill entschied, da ließ man ihn kläglich fallen.

Er hatte eben Pech – dreifaches Pech.

Erst die Mitstreiter hier zu Hause, die ihm draußen im Volke den Boden bereiten sollten, und es schlecht taten. Dann die Österreicher – Herrgottsakra, wenn ich an die denke, da kriege ich einen roten Kopf!

Die haben den Napoleon aufs Haupt geschlagen – sie haben ihn, nach Aspern, in der Mausefalle auf der Insel Lobau, mitsamt seiner ganzen Armee, abgeschnitten, ohne Verbindungen, ohne Brücken, und sie greifen nicht zu, sie machen ihm nicht den Garaus – sie lassen dem Hund noch wochenlang Zeit, sich aus der Patsche zu ziehen, und warten geduldig, bis er aus seinem Rattenloch herauskriecht und ihnen selbst einen Hieb auf den Kopf versetzt! So ’ne niederträchtige Schlamperei war noch nicht da!