Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 20

Chapter 203,600 wordsPublic domain

Nur nicht die Haltung verlieren, dann kann man Unsummen verlieren und hat doch im Grunde nichts verloren! Am allerwenigsten den Glauben und das Zutrauen zu dem eigenen Können!

Den Glauben hatte der Zar!

Er war ein Genie, und das nicht nur in seinen eigenen Augen. Seine gleichaltrigen Freunde, Dolgorucki, Lobanoff und all die anderen, sie schwuren sämtlich darauf.

So wie er verstände es keiner, mit durchblickendem Scharfblick jede Situation sofort bis auf den Grund zu erschöpfen, den springenden Moment zu erfassen und gleich zu entscheiden, was in jedem Fall zu tun – gewesen wäre.

Denn das wußte er. Den Treppenwitz hatte er. _Nachher_ – aber erst dann – geruhte Seine Zarische Majestät die Erkenntnis Ihrer Allweisheit kundzutun, wenn seine Generäle schon mit echt russischer Schlamperei die Schlachten verloren und die Feldzüge verbummelt hatten. Denn das verstanden _sie_.

Und der Zar war großmütig, der Zar war gnädig. Er war eine Seele von Mensch und schlug ihnen nicht die Köpfe ab. Er dachte mit Gleichmut: ein anderes Mal, wenn Gott ihnen eine nüchterne Stunde gibt, da erobern sie mir die Welt! Und winkte herablassend gleichgültig, lächelte kalt, behielt die Haltung und sagte: „Nitschewo!“

Trotzdem mochten die Generäle ihn nicht bei der Armee haben und taten ihr möglichstes, um ihm den Aufenthalt dort zu verekeln. Aber umsonst.

Sie hatten seinen Busenfreund Czartoryski aufgewiegelt, ihm die Hölle heiß zu machen.

Der Gute setzte ihm auch brav zu und bewies ihm haarklein, daß er, der Zar, bei seiner eigenen Armee nichts zu suchen hätte. Sein Platz wäre in Petersburg, sein Amt das Regieren. In der Führung von Armeen hätte er gar keine Übung, er wäre zu jung, zu unerfahren und was noch alles!

Der Zar hatte wohl kalt gelächelt und „nitschewo“ gesagt. Aber wären nicht die anderen guten Freunde gewesen, er hätte sich vielleicht doch gefügt!

Er, der Zar, hätte sich von seinen eigenen Offizieren wie ein Schulbube nach Hause schicken lassen.

Aber Dolgorucki hatte ihn bei der Ehre zu packen verstanden! Er hatte ihn an den altrussischen Waffenruhm erinnert, dessen erster Hüter er jetzt sein müßte! Er hatte ihm haarklein bewiesen, daß nicht Gelehrtheit, nicht Erfahrung, sondern einzig und allein die faszinierende Persönlichkeit die Soldaten zur todesverachtenden Tapferkeit hinreißen und Schlachten gewinnen könnte. Und diese Fähigkeit, beim ersten Erscheinen die Leute hinzureißen, die hatte er, Alexander, wie kein Zar vor ihm! Er brauchte sich nur zu zeigen, und alles war Feuer und Flamme!

Dies und noch viel mehr ging dem Zaren durch den Kopf, als er die nüchternen Ausführungen des sonst so wortkargen und gar nicht unterhaltsamen Königs von Preußen über sich ergehen lassen mußte. Er blickte dabei lächelnd und über seine elegante Erscheinung äußerst befriedigt in den Spiegel gegenüber, der ihm getreulich half, die Miene eines aufmerksamen Zuhörers zurechtzulegen, und ihn auch dadurch schließlich so weit brachte, ein wenig zuzuhören.

Er lauschte also ein paar Sekunden den Auseinandersetzungen Friedrich Wilhelms – gerade so lange, wie nötig war, um zu kapieren, daß der König ihn an ihre vorjährige Begegnung in der Garnisonkirche zu Potsdam mahnte und auch an den feierlichen Treuschwur, den sie über dem Sarg des Großen Friedrich geleistet hatten!

Mein Gott, es war ja eine ganz hübsche Szene gewesen! Gutes Theater! Das verstand er! Das hatte er gelernt!

Man macht nicht umsonst eine Schule durch, wie er, der Zar, sie hatte durchmachen müssen!

Wenn je einer, so hatte er gelernt, mit dem Tod im Herzen sich lächelnd und heiter zu zeigen und mit den Lippen zu scherzen, obwohl er bei jedem Schritt den Strick um den Hals fühlte! Stets den einen Fuß im Gefängnis, den anderen im Tanzsaal – stündlich vom väterlichen Zorn den Tod erwarten und doch den gehorsamen Thronerben und den liebenden Sohn herauskehren zu müssen! Den liebenden Sohn – einem Vater gegenüber, den er hassen mußte, weil er ihm ans Leben wollte, und dessen Entthronung er schließlich hatte gutheißen müssen, um das eigene Leben zu retten.

Daß der Vater dabei sein Leben verlor – mein Gott, das war ja zu beklagen! Er hätte ihm schon das Leben gegönnt! Von ihnen beiden hatte nicht er dem Vater – der Vater hatte ihm ans Leben gewollt! – Und wenn der alte Herr dabei sein eigenes verloren hatte?! Nemesis!

Im Leben wie auf der Bühne – alles Theater! Nur seine Rolle tadellos spielen! Darauf kam alles an! Das hatte er auch der lieben Mama gegenüber gekonnt, die so gern regieren wollte und so böse war, als die Garden ihm und nicht ihr nach dem Tode des Vaters huldigten. Wie hatte er sie dabei gebeten, ihm doch die Last der Krone abzunehmen! Und wie brav fiel sie darauf herein! Sprach ihren Herzenswunsch aus und gab sich ihm so in die Hand! Eine Komödie, wie sie im Buche steht!

Er würde auch heute seine Rolle gut spielen! Kein Wort von Politik sprechen! Er würde den Korsen ganz leichthin über die Pariserinnen befragen! Er würde ihm von den schönen Russinnen vorschwärmen – beileibe nicht von Preußen! Wozu auch von Preußen! Wozu von ernsten Dingen! Man hatte ja seine Minister! Man käme doch zusammen, um sich persönlich kennenzulernen – sich gegenseitig in die Karten zu sehen –, nicht aber, um gleich alle Trümpfe auf den Tisch zu legen und offen zu spielen.

Er wollte Napoleon mit hübschen Histörchen geschickt und elegant einwickeln – sein Vertrauen gewinnen und dann, so ganz nebenbei, ihm praktische Zugeständnisse entwinden, die er sich nicht weigern könnte zu machen, wenn er als guterzogener Mensch und als Mann von Welt etwas gelten wollte.

Er würde ihm von seiner Jugend erzählen – von der Jugend eines Zaren. Den ehemaligen kleinen korsischen Artillerieleutnant, der sich so recht und schlecht durchgehungert hatte, müßte das doch interessieren! Er würde ihm Intimitäten von der Großen Katharina zuflüstern, von der lieben Großmama, die so gut für ihren Enkel zu sorgen wußte, die ihn schon als Knaben vom Baum der Erkenntnis naschen ließ, ihm hübsche Freundinnen zuführte und ihn lehrte, bei all den geheimen Schleckereien am vollgedeckten Tische der Liebe doch stets den Schein nach außen hin zu wahren, sich niemals erwischen zu lassen, sondern sich stets als Musterknabe Geltung zu verschaffen. Die Großmama, die hatte es verstanden! Die hatte ihm geholfen, den lieben Papa an der Nase zu führen! Von ihr wollte er Napoleon erzählen und dann von sich selbst! Vor allem von sich selbst als Heerführer!

Das würde ein Spaß werden! Er würde Napoleon von den Schlachten erzählen, die sie miteinander geschlagen hatten! Von Austerlitz vor allem! Vom Kriegsrat seiner Generäle vor der Schlacht! Zum Wälzen war es, wie der alte Kutusoff dasaß und prompt wie immer einschlief, als die Beratung begann! Wie die anderen Leuchten dann, der Fürst Bagration, Buxhövden, Langeron _et tutti quanti_ – wie sie da herumstanden, sich von allem möglichen unterhielten und gar nicht zuhörten, was der biedere Deutsche, der General Weihroter, an der Hand der Karte Mährens zu erzählen wußte – wie sie gar nicht hinsahen – gar kein Deutsch verstanden! Nur Doktorow, der gute, der gewissenhafte, der bodenlos langweilige, er hörte zu, er begriff! Wie aber dann Kutusoff erwachte, auf den Tisch schlug und „Karascho!“ sagte – „das haben Sie gut gemacht, Weihroter! Meine Herren Generäle, Sie haben’s gehört? Sie haben’s verstanden? Nicht?! Ein Generalstabsoffizier soll’s also ins Russische übersetzen! Ein jeder soll es schriftlich in Händen haben! Und jetzt zu Bett!“

Und dann bekamen sie’s schriftlich – vier Stunden nachdem die Schlacht schon begonnen hatte!

„Napoleon hat ja gar keine Ahnung, wie leicht wir ihm das Siegen gemacht haben! Er hat ja keinen Begriff von meinen Generälen! Von meinem Marschall Kamenski, der verrückt wurde, als er zur Armee nach Wilna kam und den Truppen sagte: Kinder, ihr seid verraten, am besten, ihr lauft gleich nach Hause! Und der selbst dann auch sofort mit gutem Beispiel voranging. So fingen _wir_ den Krieg mit Napoleon an! Und davon weiß er nichts! Er glaubt, er hat da etwas noch nicht Dagewesenes geleistet, als er uns schlug! Er sieht nicht, daß _wir_ nur gescherzt haben! Das werde ich ihm aber gehörig unter die Nase reiben – dann wird er klein, dann wird er die Ohren einziehen. Und dann werde ich ihm sagen: ‚Den russischen Soldaten, Sire, den haben Sie erst gesehen! Aber ihn noch nicht kennengelernt, _wenn er Ernst macht! Wir können auch Ernst machen, Sire!_ Aber wir wollen uns lieber vertragen!‘“

So leger – so von oben herab! Ich schone ihn – das wird der richtige Ton! – Nicht als Supplikant – als der Herr des größten Reichs der Erde – als der geborene Sieger – – der sich nur aus Höflichkeit, aus guter Erziehung schlagen ließ – der sich nur nicht damit abgeben _wollte_, ihn jetzt schon zu vernichten, weil, nun eben weil ich sein Genie bewundere! So wird’s recht!

Ein Adjutant trat ein und meldete, daß die Uhr jetzt halb eins wäre, und daß man um ein Uhr vom Kaiser der Franzosen erwartet würde.

Alexander stand auf, reichte seinem Bundesgenossen die Hand, versprach hoch und heilig, alles das getreulich bei seiner Unterredung mit Napoleon zu berücksichtigen, wovon der König von Preußen jetzt lang und breit gesprochen und wovon der Zar kein Wort gehört hatte – gab noch sein Ehrenwort, nichts davon zu vergessen – was ja auch nicht gut möglich war, da er nichts davon im Kopfe hatte –, verabschiedete sich mit brüderlichem Händedruck, sprach die Erwartung aus, nach der Unterredung mit dem Feinde die Beratung fortsetzen zu können, und ging.

Friedrich Wilhelm blieb allein zurück und litt die nachträglichen Qualen aller zaghaften und unentschlossenen Naturen.

Vor zwei Monaten, nach der verlorenen Schlacht bei Eylau, hatte Napoleon Preußen in seine Kombinationen einbeziehen wollen und ihm Wiederherstellung eines großen Teiles seines Gebietes und ein Bündnis angeboten, wenn Preußen von Rußland abließe.

Friedrich Wilhelm hatte ihm einen Korb gegeben. Aus purem Anstand!

Jetzt trat Napoleon in der gleichen Weise an Rußland heran. Der Zar würde aber sicherlich keinen Augenblick zaudern, Preußen im Stich zu lassen!

Friedrich Wilhelm wäre ja selbst, trotz seinem Anstand, soviel Realpolitiker gewesen, von Rußland abzufallen, hätte Napoleon ihm nur den ganzen früheren Besitz wiedergegeben! Er durfte also dem Zaren keine Vorwürfe machen, wenn dieser eine gute Gelegenheit besser zu benutzen verstände als er selbst! Und hatte es seiner eigenen Unentschlossenheit zuzuschreiben, wenn er dem heutigen Verbrüderungsrummel, statt als Hauptteilnehmer, als betrübter Zuschauer aus der Ferne beiwohnen mußte.

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Fünf Minuten vor ein Uhr ging am linken Ufer der Kaiser Napoleon, von einem glänzenden Gefolge begleitet, an Bord einer schön geschmückten Barke, von deren Hintersteven die Trikolore wehte.

Am rechten Ufer betrat zu gleicher Zeit der Zar Alexander mit seiner Suite ein ebenso schön geputztes Fahrzeug und ließ das blaue Kreuz der Andreasfahne entfalten.

Mit dem Schlage eins wurde Salut geschossen, die Musik intonierte links vom Fluß die unvermeidliche Marseillaise – rechts die ebenso unausbleibliche Zarenhymne.

Zu gleicher Zeit stieß man von Land ab – links eine Nußschale weltlicher Größe, rechts eine Nußschale ebenso weltlicher Nichtigkeit – und paddelte brav und bieder nach der schwimmenden Bühne inmitten des Flusses hinüber, wo heute die Drahtzieher des _theatrum mundi_ eine ihrer Hauptszenen vom Stapel lassen wollten.

Zur gleichen Zeit legte man am Floß an. Die beiden machten ihr Entree auf der Bühne und blieben wie auf Kommando freudig bewegt stehen. Der kleine große Mann legte geschwind nach dem Rezept Talmas ein paar Zoll seiner Größe zu, schob die Schultern hoch, hob sich leicht auf den Fußspitzen und schritt wie auf Kothurnen dem Zaren entgegen, die Arme liebevoll ausgebreitet. Indes der Zar, lang, elegant, geschniegelt, geschnürt, pomadisiert, frisiert und duftend wie ein ganzer Parfümerieladen, die Taille schmal wie die einer Wespe, die Brust gebläht, die Augen blitzend, das Lächeln zwei Reihen perlenweißer Zähne zeigend, mit der Grazie eines eleganten Kavaliers, der in der Quadrille gewandt gegen seine Dame hinbalanciert, auf sein kleines Visavis zutanzte und es tiefgerührt an seinen besternten Busen drückte.

In gemessener Entfernung schaute in gläubiger Andacht das Gefolge zu, lauschte entzückt dem schmatzenden Bruderkuß und harrte geduldig dessen, was da noch kommen sollte.

An den Ufern tuteten und trommelten die Musikanten, die Grenadiere Napoleons riefen „_vive l’empereur_“, die bärtigen „Naschi bratti“ drüben grölten etwas anderes, die braven Ostpreußen steuerten, um des lieben Friedens willen einige gutgemeinte Lebehochs bei, die Kanonen donnerten, im Zelt auf dem Floß flog die Maus in Todesangst die Wände hoch. – Sonst schwamm alles in eitel Wonne.

Kurze Begrüßung des beiderseitigen Gefolges. Die Namen Murat, Bessières, Berthier, Duroc, Caulaincourt wurden laut, desgleichen Großfürst Konstantin „_mon frère_“, „_mon __ami_“ Fürst Lobanoff, General Bennigsen, Graf Lieven und noch ein General von des Zaren Gnaden.

Dann lud Napoleon seinen Gast in den Pavillon ein und ließ ihm artig den Vortritt. Sie gingen hinein – die Vorhänge vor der Tür wurden zusammengezogen, und sie waren endlich allein.

Mit staunender Bewunderung zu Napoleon emporzublicken, war bei der überragenden Körperlänge Alexanders nicht gut möglich. Das fiel also von selbst fort.

Aber die Sicherheit, die gewinnende Liebenswürdigkeit und die natürliche Würde, mit der Napoleon sich gab, imponierten nicht weniger als die gewaltigen Erfolge, von denen er getragen wurde.

Er begriff sofort: dem Manne konnte man nichts vormachen, da würde die geplante Komödie keine Wirkung haben, und jeder Versuch, überlegen zu tun, wäre bei ihm schlecht am Platze.

Mit schnellem Blick hatte Napoleon seinen Gast eingeschätzt. Eitel, oberflächlich, unzuverlässig, gerade so hatte er sich ihn vorgestellt! Gerade so konnte er ihn gut gebrauchen! Ein vielversprechender junger Mann!

Alexander sah, daß er dem Kaiser gefiel, und schäumte sofort von Herzlichkeit über.

„Warum“, rief er, „müssen _wir zwei_ miteinander Krieg führen?“

„Seine Majestät, der Kaiser von Rußland, haben eben“, antwortete Napoleon verbindlich lächelnd, „sich dazu verleiten lassen, undankbare und eifersüchtige Nachbarn, wie die Deutschen, zu schützen, und den Interessen habsüchtiger Kaufleute, wie die der Engländer, zu dienen!“

Alexander fand sich bemüßigt, sich auf die Lippen zu beißen, und Napoleon beeilte sich, den Eindruck seines Vorwurfs schnell zu verwischen.

„Den Bundesgenossen Englands bekämpfte ich in Eurer Majestät, niemals aber den Gebieter des großmächtigen Rußlands!“

Alexander horchte auf.

„Wenn Sie nur den Kampf gegen England wollen, Sire,“ sagte er entschieden, „dann werden wir uns leicht verständigen! Denn wenn je einer, habe _ich_ mich über England schwer zu beklagen!“

Und ohne eine Antwort abzuwarten, machte er gleich seinem Herzen Luft.

England hatte ihn in den Krieg gelockt! England hatte, wie immer, seine Versprechungen nicht gehalten, seine Subsidien schlecht oder gar nicht bezahlt und Truppen nur zum Schein geschickt, viel später und in viel geringerer Zahl, als ausgemacht worden war! Rußland hatte eben nur den Angriff Frankreichs auf England ablenken, selbst aber nichts dafür haben sollen! Dafür zu bluten, wäre aber der russische Soldat viel zu gut!

Dem pflichtete Napoleon ohne weiteres bei.

Er hätte, sagte er, bei Austerlitz, bei Eylau und bei Friedland den russischen Soldaten als einen nicht zu verachtenden, ja als einen ebenbürtigen Gegner des französischen kennengelernt. Rußland und Frankreich, von Natur aus zu Freunden bestimmt, hätten wie zwei blinde Riesen aufeinander eingeschlagen. Warum? Sie wußten es selbst nicht! Einen Vorteil brächte der Kampf weder dem einen noch dem anderen. Vereint dagegen wären sie unwiderstehlich und würden die Welt beherrschen!

Alexander schwieg.

Er sagte kein Wort von seinem unglücklichen Bundesgenossen, der drüben am anderen Ufer unter den russischem Generälen wartete. Er blickte nur Napoleon an und lächelte.

Napoleon verstand den Blick und erwiderte das Lächeln.

Und dann fingen sie an, die Erde zu teilen.

Erst erledigten sie den üblichen Betrug an den gegenseitigen Bundesgenossen.

Denn wozu hat man Bundesgenossen?

Was wäre überhaupt ein intimes Verhältnis ohne das bißchen Untreue?

Erst die Untreue gibt ihm die rechte Würze!

Um die Aufregung und den Reiz beim Seitensprung haben zu können, darum tritt man doch schließlich in intime Beziehungen zueinander – wenn man es auch erst nachträglich einsieht!

Unter Leuten von Welt versteht sich so etwas von selbst.

Jede Schandtat läßt sich plausibel machen! Schließlich – wozu hat man Geist – wozu Genie?!

Als der Erfahrenste in solchen Dingen half Napoleon seinem jungen Gast, der die Anfängerschaft nicht ganz verleugnen konnte, über den ersten schweren Schritt hinweg und half ihm seine Bündnisverpflichtungen zerpflücken.

Die Sache war ja so einfach.

Als Freund und Verbündeter hatte man doch immer das Recht, ja sogar die Pflicht, bei den lieben Mitkämpfern zu intervenieren, wenn es Zeit war, das Blutvergießen einzustellen.

Als Verbündeter Englands und künftiger Verbündeter Frankreichs konnte der Zar also England den Frieden mit Frankreich anbieten unter der Bedingung, daß England den Verbündeten Frankreichs – Holland und Spanien – ihre Kolonien zurückgäbe. Dafür sollte es selbst Hannover zurückhaben.

Napoleon würde in diesen Frieden einwilligen.

Weigere sich aber England, dann müsse man es unzweideutig wissen lassen, daß es mit dem ganzen Kontinent Krieg haben würde.

Denn außer Frankreich und Rußland würden ihm dann Preußen, Dänemark, Schweden und Portugal den Krieg erklären müssen, sobald die beiden Verbündeten es von ihnen verlangten.

Und man würde es verlangen.

Schweden würde sich vielleicht weigern. Und das wäre gut. Denn dann könnte Rußland Schweden mit Krieg überziehen und ihm Finnland nehmen. – –

Alexanders Augen leuchteten, als Napoleon ihm diese Zukunftsmöglichkeit vorgaukelte.

Napoleon sah es.

„Der König von Schweden ist allerdings Ihr Schwager“, sagte er lächelnd, und tat, als bemerkte er nicht die wegwerfende Bewegung, die Alexander bei der Bemerkung machte. „Und er ist Ihr Verbündeter. Wenn er aber _trotzdem_ nicht den guten Willen zeigt, sich Ihrer Politik anzubequemen, dann muß er eben die Folgen tragen.

Schweden ist in seiner heutigen Gestaltung für Sie unmöglich. Es ist der _geographische Feind_ Rußlands. Petersburg liegt zu nahe an der finnisch-schwedischen Grenze – die schönen Petersburger Russinnen können in ihren Palästen nicht ruhig schlafen, solange sie nicht davor sicher sind, von den schwedischen Kanonen geweckt zu werden.“

„Das“, lachte der Zar, „wäre allerdings eine Erwägung, vor der alle anderen Rücksichten weichen müßten! Dem schönen Geschlecht sind wir entschieden jeden Krieg schuldig, den seine Ruhe von uns verlangt. Finnland müssen wir unseren holden Damen zu Füßen legen!“

„Das müssen Sie“, erwiderte Napoleon. „Und was Ihren dritten Verbündeten, Preußen, betrifft –“

Alexander ließ anstandshalber einen nicht allzu schweren Seufzer hören, schwach genug, um Preußen nicht zu viele Provinzen zu retten.

„Hand aufs Herz, Sire,“ sagte Napoleon, der auch das nicht überhörte, „Rußland kann nichts als Vorteile davon haben, wenn ich die deutschen Hauptmächte gehörig schwäche!“

Alexander murmelte undeutlich etwas von Ehrensache.

„Ich gebe zu, daß Sie Preußen gegenüber mit Ihrer Ehre engagiert sind“, sagte Napoleon. „Um Ihre Ehre zu retten und Sie frei zu machen, bin ich auch bereit, Preußen gegenüber Zugeständnisse zu machen.

Preußen hat meine Warnung, sich nicht auf englische Intrigen einzulassen, verachtet, es hat verdient, vernichtet zu werden. Jedoch aus Freundschaft für Rußland will ich mich damit begnügen, daß es mir seine polnischen Provinzen, alles Land links der Elbe und Hannover abtritt, seine Armee reduziert und eine Kriegskontribution zahlt. Doch davon später. Die Hauptsache für Sie wie für mich ist der Orient.“

Alexander machte eine unfreiwillige Bewegung. Der Traum aller Russenherrscher von der Herrschaft über Konstantinopel tauchte wie eine Fata Morgana vor seiner Phantasie auf.

„Sie sind der Verbündete der Türkei,“ sagte er schnell, „Sie haben mir gegenüber dem Sultan seinen Besitzstand garantiert, Sie haben sogar von Preußen verlangt, jeden Angriff Rußlands auf die Türkei als Kriegsgrund zu betrachten!“

„Ganz recht“, sagte Napoleon. „Aber mein Verbündeter, der Sultan Selim, ist soeben, wie Sie wissen, wegen seines Bündnisses mit mir entthront worden. Sein Nachfolger Mustapha muß also mein Feind sein. Sie sehen, ich bin frei. Nichts hindert mich also, bei meinen Verbündeten die gleiche Vermittlerrolle zu Ihren Gunsten zu spielen, die Sie mir zuliebe bei Ihrem englischen Alliierten spielen werden. _Ihre_ Rolle bringt Ihnen Finnland ein. _Meine_ wird Ihren Gewinn noch um die Donaumündungen vermehren. Ich werde bei der Türkei die Ansprüche Rußlands auf die Moldau und die Walachei in aller Freundlichkeit, aber mit Nachdruck geltend machen. Weigert sich die Hohe Pforte – und sie muß es –, so ergibt sich daraus Krieg. Nach dem Krieg die Teilung.“

„Und die Teilung?“ fragte Alexander aufgeregt.

Napoleon, der gerade beim Verschenken war und dem Zaren großmütig schon den dritten Teil von Schweden zugestanden hatte, schnitt nun einen geraumen Teil aus dem Leibe der Türkei und gab Alexander Bessarabien, die Moldau, die Walachei und Bulgarien – das letztere aber nur bis zum Balkan.

„Und Konstantinopel?“ fragte Alexander immer aufgeregter.

Napoleon überhörte es und stellte erst in aller Ruhe den Anteil Frankreichs fest. Er wollte sich mit den türkischen Seeprovinzen begnügen und also Albanien, Thessalien, Morea, Kandia und die Inseln des Archipels nehmen. Österreich müsse man wohl zur Beruhigung und als Entschädigung für andere verlorene Provinzen Serbien und Bosnien zugestehen.

„Und Konstantinopel?“ fragte Alexander noch einmal mit Nachdruck.

Aber Napoleon überhörte es wieder.

Er fing an, dem eitlen jungen Mann eine Menge wohlberechnete Komplimente zu sagen.

Er ging aus sich heraus, er wurde herzlich und sogar warm, erklärte ihm seine ganze Sympathie, seinen heißen Wunsch, ihn als den ersten unter seinen Freunden betrachten zu können, und forderte ihn schließlich auf, nach Tilsit überzusiedeln, damit sie sich alle Tage ohne Zeugen sehen und sprechen könnten.

„Wir zwei erledigen dann in ein paar Stunden das, wozu unsere superklugen Herren Minister sonst Wochen nötig haben! Zwischen uns beiden darf es eben nichts Trennendes geben – gar niemand – gar nichts!“

„Nein, gar nichts, Sire!“ antwortete Alexander eifrig. „Also – _Konstantinopel_?“

Er ließ dabei seine Hand schwer auf den Tisch fallen, als wäre der Tisch Konstantinopel und nähme er jetzt endgültig von ihm Besitz.

Napoleon mußte endlich seine Schwerhörigkeit aufgeben.

„Konstantinopel?“ sagte auch er und legte seine Hand noch schwerer auf den Tisch, zog die Stirn in tiefe Falten und wandte den Blick nach innen. Fast tonlos wiederholte er dann halblaut, wie für sich selber, indem er den Kopf schüttelte: „Konstantinopel – nein – – – nein, niemals! Das wäre die Alleinherrschaft über die Welt!“ – – –

Er blieb so einen Augenblick sinnend stehen, die Augen gesenkt, blickte dann plötzlich auf, sah die Enttäuschung auf dem Gesicht des Zaren, begriff, daß er ihm den ganzen übrigen Orient nehmen könnte, wenn er ihm nur Konstantinopel zugestehen würde, und beeilte sich, es wieder gutzumachen.

„Nun,“ sagte er und verzog die Mundwinkel zu einem kaum merkbaren Lächeln, während das ganze übrige Gesicht in steinerner Ruhe verharrte, „nun – darüber läßt sich vielleicht noch reden! – Zwischen uns beiden darf es eben nichts geben – gar nichts, was uns trennt!“