Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 2

Chapter 23,742 wordsPublic domain

„Sachte, sachte!“ mahnte ein alter Graubart, der am Schilderhaus lehnte, nahm die Pfeife aus dem Mund und klopfte sie an der Stiefelsohle aus. „Als ich dereinst ins Feld zog, da hatte ich wohl auch wie du den Marschallsstab im Tornister, obwohl ich bloß ein Trommlerjunge war. Und so muß es sein. Die wenigsten erwischen ihn aber! Mir gelang’s schon! Daß ich aber auf meinen alten Tag nur Futtermarschall beim Regiment werden sollte – darauf hätte ich damals nicht schwören mögen!“

Er schwieg plötzlich, hielt die Hand vors Auge und blickte über die Felder hinaus, zwischen denen sich die Landstraße heranschlängelte. Ein plötzliches Klappern von eilenden Hufen hatte seine Aufmerksamkeit geweckt.

Der Wachposten hielt in seinem Hin- und Hertrotten inne und blickte auch hin.

„Ein durchgegangenes Pferd!“

„Wenn der sich nicht das Genick bricht!“

„Himmelsakra! Hecke und Graben im Flug genommen! Ratsch über die Wiese!“

„Jetzt klabastert’s schon auf der Landstraße! Das weiß den Weg nach deiner Futterkiste!“

„Dann wird’s auch wissen, wie leer sie ist! Heißa! Hussassah!“ schrie der Alte und trat zur Seite. Denn jetzt sauste es heran mit rasender Schnelligkeit. Dann: ein Ruck – alle viere in die Erde gestemmt – den Reiter in elegantem Bogen abgeschleudert und – war’s Zufall, war’s Instinkt – still stand es gerade vor dem Futtermarschall, zitternd, schaumbedeckt und leise wiehernd, als ahne es dessen nahe Beziehung zum Hafertrog.

Die beiden Husaren hielten sich die Seiten vor Lachen.

„Habt Ihr’s aber eilig, junger Herr!“ sagte der Alte.

„Ich habe nur Eure Fahne gegrüßt!“ sagte Gebhard, der schon wieder auf den Beinen war, und zeigte auf das blaugelbe Tuch, das über ihren Häuptern flatterte. Denn er und kein anderer war’s, der in dieser übereilten Weise das schwedische Lager gestürmt hatte. „Die anderen sind aber gehörig nachgeblieben!“ fügte er hinzu und blickte über den Weg hinaus. „Sie haben’s nicht gemerkt, als ich ihnen ausgerückt bin. Der Adebar auf der Wiese, der paßte aber auf, ließ dicht hinter mir ein Klappern steigen, und mein Brauner legte gleich los wie gestochen!“

Er versetzte dem Pferd einen Klaps auf die Lende, ging dann herum, faßte es beim Kopf und blies ihm beruhigend in die Nüstern.

„Ein Angsthuhn bist du“, gab er ihm kosend seinen Denkzettel und wandte sich dann an den Alten mit einer Frage nach der Regimentsschreiberei.

„Ihr wollt Euch als Rekrut bei uns eintragen lassen?“

„Das stimmt! Zeige mir nur den Weg!“

„Kehrt lieber um! Oder, meinetwegen, geht zu den Preußen! Bei uns ist für Euch kein Fortkommen! Das heißt, wenn Ihr vorwärts wollt! Rückwärts reiten wir schon!“

„Halt’s Maul!“ rief der junge Husar ärgerlich. „Und paß auf, was du redest! Wer wird sein eigenes Nest beschmutzen!“

„Ich nicht! Durch mich wurde es nicht beschmutzt! Durch dich auch nicht, obwohl du auch weidlich schimpfst!“

„Ich?!“

„Eben du! Und solange ich dich kenne! Bist Husar, bist ein Reitersmann und hast kein Pferd, wie so viele vom Regiment! Und du kriegst auch keins, wie brav du auch schimpfst! Und – wie schaut’s mit der Montierung aus?“

„Kann ich dafür, daß die Offiziere das Geld für die Ausrüstung am Spieltisch vertun?“

„Nein! Aber du kannst deinen Schnabel halten, statt von deinen Vorgesetzten schlecht zu reden!“

„Wie redest denn du?!“

„Mein Reden ist eines Mannes Rede! Aber du, Lausbub, hast das Maul nicht so weit aufzureißen! Erst etwas mitmachen und dann reden! Ich,“ – der Alte richtete sich auf und schlug sich auf die Brust, „ich war mit bei Narwa, bei Riga, bei Clissow und Holofzin – leider aber auch bei Pultawa! Als Trommlerjunge zog ich aus mit König Karl dem Zwölften, Gott hab’ ihn selig“ – er zog ehrfurchtsvoll den Hut bei Nennung des Königs. „Mit ihm zog ich aus, um den Moskowiter zu verprügeln, und machte das ganze tolle Abenteuer mit bis zum Kalabalik in Bender. Der große Krieg mit dem Moskowiter und dann mit den Polacken, das war der Anfang vom Ende. Dir wünsche ich, daß du den Schluß nicht sehen mußt. Denn er wird uns wenig Ehre bringen!“

Der Wachtposten machte achselzuckend kehrt und fing wieder sein Hin- und Herwandeln an.

„Kann ich dafür, daß die Offiziere das Geld für die Ausrüstung am Spieltisch vertun?“

Gerhard stand da, das Pferd am Zügel, und fragte nochmals ungeduldig:

„Der Weg nach der Regimentsschreiberei?“

Der Alte beachtete die Frage kaum, setzte sich gemächlich auf einem Feldstein zurecht, zog den Tabaksbeutel, stopfte die Pfeife, schlug Feuer, setzte sie in Brand und zeigte auf die Fahne, deren tiefblaues Tuch sich in wogenden Wellenlinien warf. Sie breitete sich aus, ließ ihr gelbes Kreuz in der Sonne aufleuchten und sank dann in sanft weichenden Buchten zurück, um wieder Wind zu fangen und von neuem das Spiel zu beginnen.

„Die Fahne,“ sagte der Futtermarschall, „die kann sich schon sehen lassen! Auf die könnt Ihr stolz sein, aber nicht auf die Regierung, die heute ihre Ehre so mäßig schirmt! Einst – so vor hundertundfünfzig Jahren war’s wohl –, da flatterten die blauen Fahnen mit dem gelben Kreuz lustig übers Meer hinaus. Nach allen Richtungen hin flogen sie, als wollten sie den schäumenden Fluten Eystrasalts zurufen: ‚Fortan seid ihr schwedisch – die ganze Ostsee ist von jetzt ab ein schwedischer Binnensee!‘ Als ich mit dem hochseligen König Karl“ – er zog wieder den Hut – „in den Krieg zog, da hielten wir noch das ganze Land um die Ostsee herum. Als wir aber nach achtzehn Jahren wieder geschunden nach Hause zurückkehrten – da wagte die blaugelbe Fahne sich kaum noch im Baltikum zu zeigen, die moskowitischen Mordbrenner verheerten aber lustig die schwedischen Küsten, und rein aus Gnaden ließ man uns beim faulen Friedensschluß das bißchen Pommern und die Insel. Und die sollen wir jetzt auch noch verlieren! Zu dem Zweck ziehen wir jetzt mit leeren Kriegskassen, auf lahmen Pferden hinaus in den Krieg! Und das wollt Ihr, junger Herr, noch mitmachen?!“

„Den Weg nach der Regimentsschreiberei will ich wissen, weiter nichts!“ rief Gebhard nochmals ungeduldig und schlang die Zügel um das Handgelenk.

„Ich werde Euch schon den Weg zeigen! Aber wißt Ihr auch, warum Ihr ihn gehen werdet?“

„Warum denn sonst! Um mich bei euch Schweden als Kämpfer anwerben zu lassen!“

„Als Kämpfer wofür?“

„Für die Krone Schwedens –“

„Für die kämpfen wir Schweden längst schon nicht mehr! Wir führen nur noch die Kriege der anderen Mächte – bald Englands, bald Rußlands, bald Frankreichs, je nachdem – und tun es auch jetzt, nachdem jene Mächte unseren Reichsrat gekauft haben, und ziehen gegen Preußen und gegen den Schwager unseres Königs, weil – nun eben weil unser König eine Schlafmütze ist!“

„Du sollst wider die Majestät unseres allergnädigsten Herrn nichts sagen!“ rief die Schildwache ärgerlich und blieb vor dem Futtermarschall stehen. Der aber ließ sich nicht dreinreden.

„Ich pfeife auf solche Herrschaft“, rief er. „Das ganze Land lacht über den dicken Holstein-Gottorper, dem die Zarin unsere Königskrone über die Nachtmütze stülpte, weil er ihr Neffe war!“

„Halt’s Maul!“

„Den Weg nach der Regimentsschreiberei?“ rief Gebhard immer ungeduldiger.

„Wartet lieber ab, bis unsere Regimentsschreiberei in Preußen steht!“ murrte eigensinnig der Alte, „denn so wird’s bald kommen!“

„So wird’s _nicht_ kommen! Himmelkreuzdonnerwetter noch einmal!“ schrie der junge Husar wütend. „Sorgt nur für gute Pferde, setzt uns Jungen in den Sattel und gebt uns Leute an die Spitze, die reiten können, dann sollt Ihr was erleben! Mordselement, Herr! Hört nicht auf den Unglücksraben! Geht nur immer in die Regimentsschreiberei! Geradeaus geht der Weg, dann links in die erste Gasse gebogen, und dann fragt Euch vor! Und Gott befohlen!“

Gebhard hörte den Abschiedsgruß nicht mehr. Er saß schon im Sattel und galoppierte ins Zeltlager hinein, gerade als sein Bruder und sein Freund unten auf der Landstraße zum Vorschein kamen, ihren Pferden die Sporen gaben und ihm in vollem Trab nachsetzten, ohne sich um den Anruf der Torwache zu kümmern.

*

War das eine Jagd! Über Felder und Wiesen flogen die Sturmvögel des Alten Fritzen – seine schwarzen Husaren, mit dem Totenkopf an der Stirn – auf die Landstraße zu, um die Schweden abzuschneiden, ehe sie zur Brücke gelangten.

Eine kleine Patrouille der Blaugelben nur war es, aber gut beritten.

Wie die Teufel pfefferten sie los, daß die Satteltaschen flogen, allen voran ein baumlanger, schlanker Kornett, der die Kameraden durch nie ermüdendes Zurufen anfeuerte.

Vorwärts ging es über Stock und Stein. Aber die Schwarzen waren nicht schlechter beritten. Dicht vor der Brücke gerieten die Gegner aneinander, mit einer Wucht, daß alles sich zu einem unentwirrbaren Knäuel von wild um sich schlagenden Pferdeleibern und dreinhauenden Reitersleuten verwickelte.

Die Säbel blitzten, Kommandorufe schmetterten, Schimpfwörter flogen hin und her.

„Warum trägst du deine Rippen draußen auf dem Rock, statt im Busen, wie sich’s gehört?“ rief der Kornett und ritzte mit dem Säbel die gelbe Verschnürung seines Gegners auf. „Und den Totenkopf trägst du auf dem Tschako, statt im Schädel! Hast wohl nichts als Häcksel drinnen!? Wie? Wollen mal nachschauen!“

Und er versetzte dem Gegner einen gewaltigen Hieb nach dem Kopf. Aber der war nicht saumselig. Er parierte mit einer Doppelterz, daß Gebhard der Säbel aus der Hand flog und seine Kopfbedeckung denselben Weg nahm.

„Die Mütze her!“ schrie Gebhard zornesrot, gab seinem Pferd die Sporen, flog dem Frechen an die Gurgel, packte mit eisernem Griff sein Handgelenk, als dieser zum tödlichen Streich ausholte, riß ihm den Säbel aus der Hand, die Mütze vom Kopf, hieb ihn vom Pferd herunter, stülpte sich die Mütze auf und – heißa, hussassa! – eine Gasse durch die sich balgende Rotte gebahnt, über die Brücke gesprengt! Und dann frei wie ein Vogel weitergesaust nach dem Quartier, um Meldung zu erstatten. Die anderen folgten.

„Ich hätte gern die ganze Uniform zum Ansehen mitgebracht! Und den Kerl, der drin steckte, auch!“ sagte Gebhard, als er vor dem Rittmeister stand und ihm den eroberten Tschako zeigte. „Es ist eine ganz neue Sorte von Gegnern, schwarz mit grünen Aufschlägen, grünem Kragen, gelber Verschnürung und diesem Tschako! Ich sehe die Uniform zum ersten Male!“

„Ich nicht“, sagte der Rittmeister. „Aber als Gegner erst heute! Es sind die Bellingschen Husaren! Der Preußenkönig hat Verstärkungen geschickt, wie es scheint! Von seinen besten Reitern! Wir werden zu tun bekommen!“

„Gott geb’s!“ sagte Gebhard.

„Der Oberst Belling ist ein ganzer Kerl! Ich sah ihn einst bei Eurem Schwager! Beim Krackwitzen auf Rügen, mit dem er verwandt sein soll. Er wird uns zu schaffen machen!“

„Wir ihm auch!“ trotzte Gebhard. „Die Mütze möchte ich behalten! Bald hole ich mir den Rest von der Uniform!“

„Das tut nur!“ lachte der Rittmeister und verabschiedete ihn.

Er tat’s auch binnen kurzem. Aber in anderer Weise, als er’s sich dachte.

*

„Ihr reitet zu toll, junger Herr“, sagte der alte Futtermarschall und streichelte das Pferd, als Gebhard sich einige Tage später in den Sattel schwang. „Man braucht nicht gleich wie’n Gewitter dreinzusausen und das Pferd zuschanden zu reiten. Die Feinde laufen auch so!“

„Wer ein Blitzpferd zwischen den Schenkeln hat –“, lachte Gebhard.

„Dem geht es früher oder später durch! Das hat man gesehen!“

„Jetzt bleibe ich im Sattel! Jetzt bin ich drin!“

„Das wart Ihr auch, als Ihr in unser Lager auf Rügen hineingaloppiertet! Und wurdet doch abgeworfen!“

„Halt’s Maul!“ rief Gebhard ärgerlich, gab seinem Pferd die Sporen und folgte den anderen, denen er bald weit voraus war.

Die Schweden waren dabei, einen Vorstoß in die Uckermark zu machen und tasteten sich durch den Kavelpaß, an der pommerschen und mecklenburgischen Grenze vorwärts, die Preußen vor sich hertreibend. Gebhard, der mit seinen Leuten immer den anderen voran war, um aufzuklären, hatte Glück. Denn durch das schneidige Vorgehen der Sparreschen Husaren wurden eben seine grimmigsten Gegner, die schwarzen Bellingschen Husaren, abgeschnitten. Aber sie schlugen sich durch. Und als die Schweden wieder zurückgingen, um Quartiere zu suchen, waren jene gleich hinterher wie ein Schwarm Hornissen und waren aus Verfolgten Verfolger geworden.

Gebhard, dem es mehr zusagte, den Feind zu suchen als vor ihm zurückzugehen, blieb ihm mit der Nachhut fest an der Klinge.

„Bischt zurückbliewe, Bübele?“ rief ihm ein hünenhafter Kerl von den Bellingschen zu, mit dem er oft Hieb und Schimpfwörter gewechselt hatte. „Eil’ dich! Sonst fange dir die andere den Fisch aus der Ostsee vor der Nas’ weg!“

„Erst schlachte ich mir ein paar von euch schwäbischen Krähen zum Angelfraß!“ lachte Gebhard und zog vom Leder.

„I werd’ di scho’ schlachte, Bübele!“ rief der Lange und ritt auf ihn zu. Gebhard warf aber sein Pferd herum und entging so mit knapper Not der Gefahr, umgeritten zu werden.

„Hast wohl das Reiten auf der Schulbank gelernt?“ höhnte Gebhard.

„I bring di noch auf die Schulbank! I schaff’ dir noch Maniere!“ rief der Lange, feuerte seine Pistole auf das Pferd Gebhards ab, daß es sich bäumte und den Reiter abwarf, fing dann mit geschicktem Schwung den Fallenden auf, zog ihn quer über seinen Sattel und sprengte davon.

Und Gebhard ließ es zu. Im Augenblick des Fallens ging mit ihm eine sonderbare Veränderung vor. Er war aus der Wirklichkeit jäh wieder in seinen Traum versetzt, fühlte sich wieder, von den Adlerkrallen gepackt, im weiten Flug durch die Lüfte fortgetragen, schloß die Augen und erwartete nun, im Adlernest zu landen. So lebhaft war die Vorstellung, daß alles andere um ihn schwand und er wie gelähmt dalag und sich ohne Widerstand fortführen ließ. Er sah nichts, hörte nichts und wußte nicht, was mit ihm geschah.

Durch die ohnmachtähnliche Lähmung aller Sinne drangen ins Bewußtsein nur die Worte des alten Futtermarschalls, die er ihm zurief, als er heute zu Pferde stieg: „Wie’s anfängt, so hört’s auch auf.“

Das war also das Ende!

Der Oberst Belling, ein würdiger, freundlich dreinblickender Herr mit gerötetem Gesicht und ergrautem Schnurrbart, ließ den gefangenen schwedischen Kornett vorführen. Er betrachtete wohlgefällig die jugendliche, schlanke Gestalt und das bartlose Gesicht, aus dem Jugendfrische und trotziger Wagemut hervorleuchteten.

„Name?“

„Blücher!“

„Vorname?“

„Gebhard Leberecht!“

„Vater?“

„Christian von Blücher, Rittmeister in der hessischen Armee!“

„Geboren wo?“

„In Rostock, zweiundvierzig!“

„Also achtzehn Jahre! Er ist zu jung, um schon Kornett zu sein. Was hat sich Sein Vater dabei gedacht?“

„Ich habe ihn gar nicht danach gefragt!“

„So ist Er hinter dessen Rücken zum Militär gegangen!“

„Ich und mein Bruder auch!“

„Hat es denn so gebrannt?“

„Das freie Leben wollt’ ich – wollte ein Pferd zwischen den Schenkeln, hatte es satt, die Schulbank zu reiten! Mir brummt noch der Schädel von all dem Latein!“

„Schon gut! Aber warum denn gleich in ausländischen Dienst? Warum zu den Schweden? Gab’s für einen Mecklenburger nichts Näherliegendes – wenn’s schon Ausland sein mußte? Preußen zum Beispiel?“

„Bei den Preußen dienen schon zwei meiner Brüder. Und was sie zu melden wußten, verlockte mich nicht.“

„Bei uns Preußen gibt’s eben Disziplin!“

„Bei den Schweden auch, Herr Oberst!“ versetzte Gebhard, und seine Haltung straffte sich. „Das schwedische Regiment lag übrigens gerade auf Rügen, wo ich zu Besuch war!“

„Und da war das die nächste Gelegenheit, von der Schulbank fortzukommen“, lachte der alte Herr. „Denn das war wohl dabei die Hauptsache! Wo war Er denn auf Rügen?“

„Beim Kammerherrn von Krackwitz, der mein Schwager ist.“

„Da sind wir ja in Familie miteinander“, rief der Oberst. „Der ist auch mein Verwandter! Dann bleibe Er nur bei mir! Da werde ich schon für Ihn sorgen, damit Er ein rasches Fortkommen findet! Will Er in mein Husarenregiment eintreten? Zunächst als Kornett?“

„Dem König von Schweden habe ich den Fahneneid geschworen!“

„Der schwedische König kann Ihn vom Eid entbinden, und wird es auch tun, wenn Er darum nachsucht und gute Gründe gibt. Versteht Er: gute Gründe.“

Gebhard schüttelte den Kopf.

„So höre Er einmal und denke Er darüber nach! Was fesselt Ihn an die Schweden? Doch nicht die Aussicht, nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft bei mir, als Kornett zu ihnen zurückzukehren? Tritt Er bei mir ein, ist Er in kurzer Zeit Leutnant und, wer weiß, vielleicht bald Rittmeister! Das kann bei den Schweden lange dauern! Ich dagegen werde demnächst ein zweites Bataillon meines Regiments, im ganzen fünf Schwadronen, anwerben, und lange dauert’s nicht, dann schaffe ich noch ein drittes Bataillon. Wer bei mir Offizier ist, hat also schnelle Beförderung zu gewärtigen. Schlage Er nur ein!“

„Ich bin an meinen Eid gebunden, Herr Oberst!“

„Ich will Ihn gewiß nicht dazu verführen, gegen Ehre und Gewissen zu handeln. Ich will Ihm aber etwas sagen. Ich werde in aller Form bei den Schweden um Abschied für Ihn einkommen. Ich werde erbötig sein, ihnen einen gefangenen Offizier für Ihn freizugeben. Und außerdem schreibe ich dem König von Preußen und schlage Ihn als Kornett bei meinen Husaren vor. Dann sitzet Er wieder frei im Sattel und kann drauflosreiten, was Ihm wohl doch die Hauptsache zu sein scheint. Sonst kann Er lange die Pritschen in den Kasematten drücken, und die sind bei uns Preußen weit unbequemer als die Rostocker Schulbänke! Für ein gutes Pferd will ich überdies Sorge tragen! Laß Er mich nur machen, dann kommt alles auf die beste Art in Ordnung, Sein Gewissen bleibt unberührt, und der König von Preußen hat einen Offizier mehr nach seinem Sinn! Einverstanden?“

Er hielt seine Hand hin.

Gebhard schlug ein, und so kam er endlich auf den rechten Pfad im Leben.

Als er nach kurzer Verhandlung seinen Abschied aus dem schwedischen Dienst hatte – als die Bestätigung des Alten Fritz als Kornett bei den Bellingschen Husaren eingegangen war, und er, in seinem Quartier, vor dem Spiegel stand, da trat ihm da ein baumlanger, spindeldürrer, bartloser Husar entgegen, den er sich erst genau besehen mußte, um mit ihm auf vertrauten Fuß zu kommen. Ein schwarzer Pelz mit grünen Aufschlägen, gelbe Schnüre über der Brust, auf dem Kopf den Tschako mit dem Totenschädel – das war ein ganz anderer Kerl als der blaugelbe, den er soeben ausgezogen hatte.

„Allezeit bereit, soll das heißen! Das merke dir!“ nickte er seinem Gegenüber zu und tippte leicht auf den Totenschädel! „Hast alles, was du brauchst: die nötige Länge, den forschen Blick! Fehlt nichts, als daß dir der Himmel einen Schnurrbart ins Gesicht pflanzt!“

Sein Spiegelbild machte ein Gesicht, als wollte es sagen: „Was soll ich mit der Pflanzung?“

„Du nichts! Aber die holden Mägdelein, denen sie auf die Lippen fällt! Die werden es schon wissen!“

3 DER ALTE ADLER

Den dreieckigen Hut mit der zerrissenen Tresse verkehrt auf dem Kopf, den blauen, verschlissenen Waffenrock mit den roten Aufschlägen halboffen um den hageren Leib, Schnupftabak über der gelben Weste, Puder auf der Schulter, die schwarzen Samthosen in den hohen Stiefeln verschwindend, die Rechte schwer auf dem Krückstock ruhend, den schweren Kopf mit den vorquellenden Augen vorgestreckt, so stand der Große König, einem alten Raubvogel mit zerzaustem Gefieder nicht unähnlich, im Kreise seiner vierbeinigen Lieblinge und hielt Musterung.

Durch die offene Tür zum Arbeitszimmer sah er seine Kabinettsräte mit ihren Schreibtafeln warten, um die Fortsetzung seines Diktats aufzunehmen.

Der Kammerdiener meldete den General von Lölhöffel, Inspekteur der Kavallerie, der zur Audienz befohlen war.

„Warte Er, Lölhöffel!“ rief der König hinaus, ohne zur Tür zu gehen. „Erst muß ich bei meinen Hunden nach dem Rechten sehen. Dann kann Er mir von den Kavalleriepferden mitsamt ihren Reitern referieren, so Er mir etwas Erbauliches zu melden weiß.“

Die allerhöchsten Hunde waren eben dabei, höchstihro Mahlzeit einzunehmen, von betreßten Lakaien mit Mundtüchern über den Arm alleruntertänigst assistiert.

Nichts auf dieser Welt vermochte sonst den Gebieter Preußens von seiner Arbeit abzulenken, außer der Sorge um das Wohlbefinden seiner vierbeinigen Familienmitglieder. Für sie hatte er immer einige Minuten übrig. Auf die Meldung hin, daß das Diner der hohen Vierfüßler aufgetragen sei, erhob er sich denn auch mitten im Diktat eines Briefes und verfügte sich ins Schlafzimmer, um die Haupt- und Staatsaktion der Abfütterung in höchsteigener Person zu überwachen.

Er hatte befohlen, ihnen heute einen Extraleckerbissen von gebratenem und gesottenem Hühnerfleisch zu geben, und paßte genau auf, daß jedes Vieh sein ihm zugedachtes Teil ordnungsgemäß erhielt und daß keins übervorteilt wurde.

Kosenamen für die Hunde, Scheltworte und gelegentlich auch Stockschläge für die Lakaien halfen da aus.

Zwischendurch, wenn die Köter sich gelegentlich so ins Abnagen der Knochen vertieften, daß sie Ruhe hielten, setzte der König durch die offene Tür sein Diktat fort. Aber ohne die Hunde aus den Augen zu verlieren.

„Schreibe Er also weiter, wo wir aufhörten!“ rief er hinein. Und die Kabinettsräte senkten die Griffel auf ihre Schreibtafeln. Der König diktierte: „Die Einfuhr von Kaffee ist, wie befohlen, tunlichst zu beschränken. – Hat Er das?“

„Zu Befehl!“

Der König nahm bedächtig eine Prise Schnupftabak aus der Dose, die er nebst dem Krückstock in der Rechten hielt, pfropfte sich die Nase damit voll und meditierte dabei halblaut vor sich hin:

„Jeder Lump will heutzutage Kaffee trinken! Der pure Übermut! Biersuppe tut’s ebensogut! Die trank ich selbst, als ich jung war! Das ist weit gesünder! Und das Geld geht nicht außer Landes! – – _Tu beau_, Alceste!“ rief er einem der Windspiele zu. „Gönne den anderen auch das Leben! – – Weiterschreiben!“

Die Kabinettsräte gaben acht, und der König diktierte weiter.

„Den Beuchower Gemeindeältesten wird auf ihre Eingabe beschieden, der Invalide Faber bleibet im Amte! Für die Volksschule dorten ist er gut genug! Es genüget uns vollauf, wenn auf dem platten Lande die Kinder Lesen und Schreiben lernen! Wissen sie zuviel, so laufen sie in die Städte und wollen Sekretärs werden und so etwas. Das ist nichts! Der Invalide Faber bleibet ihnen! Die sollten sich was schämen, Leute, die fürs Vaterland alles geopfert, nicht versorgt wissen zu wollen! Wo er sich überdies nützlich macht, den Leuten das Vieh hütet und auch den Nachtwächterdienst versieht, so haben die Beuchower alles mögliche Gute von ihm und haben nichts mehr zu wollen! – – Der Alkmene läßt du den Knochen! Ich komme dir sonst!“

Wieder drohte er einem der Lieblinge mit seinem Krückstock und wandte sich dann zur Tür.

„Macht also die Briefe zur Unterschrift fertig!“ verabschiedete er die Kabinettsräte, die sich verneigten und gingen. „Laß Er jetzt hören, Lölhöffel! Was bringt Er mir heute?“

Der General von Lölhöffel trat näher an die Tür heran und blickte in das Schlafzimmer hinein.

„Melde gehorsamst, Majestät! Zunächst hätte ich das Abschiedsgesuch des Rittmeisters von Blücher von den Bellinghusaren Allerhöchstdero Entscheidung zu unterbreiten!“

„Der Rittmeister bleibet in Dienst!“

„Der Rittmeister besteht aber inständigst auf seine Entlassung!“

Der König blickte den General scharf an.

„Ist der Kerl noch nicht mürbe? Wie lange sitzet er schon?“

„Zu Befehl“, sagte Lölhöffel und salutierte. „Der Rittmeister hat bereits mehr denn dreiviertel Jahr strengen Arrest gehabt!“

„Viel zu wenig für einen Offizier, der sich unterfängt, seinem König despektierlich zu kommen! Die Offiziers sollen lernen sonder Räsonieren, Ordres zu parieren! Sie haben sich nicht in meine Politik zu melieren!“

„Melde gehorsamst: von politischer Wühlerei steht in der Konduite des Rittmeisters von Blücher nichts!“

„Dann schreibe Er das hinein!“

„Zu Befehl!“

Der König blickte seinen General an.

„Er muckst wohl mit mir? Wer mein General sein will, muß auf Subordination halten!“

„Zu Befehl!“

„Nun, hatte ich meinen Truppen in Polen befohlen, die Polacken milde zu behandeln, oder hatte ich es nicht befohlen? Antworte Er!“