Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 18
„Sie werden mir keine geben, und die beiden Lausebengels noch weniger!“ antwortete Blücher und schielte nach seinen beiden Jungen, die auch mitspielen mußten. „Die freuen sich schon, wenn sie mich hereinlegen können! Übrigens ist das das wenigste. Die ganze Art, wie die Franzosen mich behandeln, ist’s! Die ist empörend! Entweder man wechselt mich aus, oder man tut es nicht! Zum besten halten gibt’s nicht. Ich habe mich ehrlich mit ihnen geschlagen und nicht wie ein Hanswurst. Die halten mich aber zum Narren. Wenn’s denen mit der Auswechslung ernst gewesen wäre, dann hätten sie mich doch zu Schiff über Kopenhagen reisen lassen können, wie ich wollte. Und hätten ihren Monsieur Victor auf demselben Wege mit Handkuß retourbekommen. Aber nein. ‚Der Kaiser Napoleon will Sie sehen! Der Kaiser will Sie sprechen!‘ hieß es. Und da muß ich alter Mann in dem hundsmiserablen Märzwetter wochenlang auf den Wagen liegen und mir die Knochen durcheinanderrütteln lassen und hinter dem kleinen Kerl herreisen, bis in die dunkelste Polackei hinein! Bis China wäre es noch so weitergegangen, hätten unsere Leute sich nicht endlich auf ihre preußische Waffenehre besonnen und bei Eylau dem Franzmann Halt geboten. Und da sitze ich nun bald zwei Wochen hier und fange Fliegen und langweile mich mit eurem faulen Whist herum und werde von euch beschummelt und lasse mich von den französischen Lümmels zum Narren halten.“
Eisenhart bedeutete ihm, vorsichtig zu sein, und sah sich besorgt um.
„Ach was, Pfalzgraf!“ rief Blücher ärgerlich und fing wieder an seine Karten zu sortieren. „Die werden schon wissen, woran sie mit mir sind! Da brauche ich kein Blatt vors Maul zu nehmen!“
„Sie glauben im Gegenteil, Eure Exzellenz für ihre Sache gewonnen zu haben!“
„Der Teufel auch!“
„Sie glauben es, und das ist gut!“
„Wenn Er mir da irgend etwas eingebrockt hat, Pfalzgraf, dann ist’s aus zwischen uns!“
„Ich habe etwas eingebrockt, und das ist die Freiheit, Exzellenz, die Freiheit, baldmöglichst wieder gegen sie zu kämpfen!“
„Geb Gott, daß es bald soweit wäre! Aber mit ehrlichen Mitteln, Eisenhart, mit ehrlichen Mitteln!“
„So ehrlich, wie bei den Franzosen üblich!“
„Das verbitte ich mir. Auf eine Stufe mit den Gaunern lasse ich mich _in puncto_ Ehrlichkeit nicht stellen!“
„Wie wollen Exzellenz ihnen sonst beikommen?“
„Wie sonst immer! Mit scharfen Hieben!“
„Wenn wir ihnen im Felde gegenüberstehen, ja, da ist das das Richtige. Aber wo wir in ihrer Gewalt sind, da setzen sie Gewalt gegen Gewalt, und sagen sich: ‚Nein, der General Blücher kann uns gefährlich werden, den wechseln wir nicht aus, den behalten wir bis zum Ende des Krieges in festem Gewahrsam‘! Und schicken Eure Exzellenz nach Frankreich statt ins preußische Hauptquartier, und uns mit!“
„Mag sein, daß Er recht hat, Pfalzgraf. Aber auf die Vorschläge Napoleons gehe ich nicht ein. Ich bin keine solche Schlafmütze wie die Herren Lucchesini und Zastrow, die da beim Herrn Napoleon in Charlottenburg bettelten und ihm gleich mit Kußhand ganz Preußen links von der Elbe schenken wollten, mitsamt allen Festungen bis zur Weichsel und Abkehr von Rußland und Gott weiß wie viele hundert Millionen noch dazu! Ich werde dem König nicht raten, Frieden zu schließen! Ich werde ihm sagen, wie’s hier hinter der französischen Front aussieht, und wie leicht es wäre, jetzt einen Schlag zu tun. Das werde ich, hol’ mich der Deibel, dreimal verflucht! – Und dann, will’s Gott, hauen wir die Bande in die Pfanne. Aber kein Wort sag’ ich anders, keinen Ton pfeife ich aus einem anderen Loch, wenn ich im Hauptquartier bin.“
„Das sollen Exzellenz auch nicht tun. Aber erst müssen wir mit unseren Nachrichten da sein, und zwar möglichst bald, ehe die Verhältnisse bei den Franzosen sich bessern. Daher müssen Exzellenz versprechen –“
„Nichts verspreche ich, nichts, was ich nicht halten kann!“
„Im Krieg ist jede List erlaubt. Exzellenz, als alter Husar, werden schon oft in die Lage gekommen sein, den Feind zu täuschen!“
„Das schon – das schon!“
„In der nämlichen Lage sind wir jetzt auch. Und da habe ich im Namen Eurer Exzellenz versprochen, und das haben wir, der General Le Camus und ich, zu Papier gebracht, daß Exzellenz bei unserem König für einen seperaten Frieden zwischen ihm und den Franzosen eintreten wollen, in dem uns Preußen bis zur Elbe wieder herausgegeben wird.“
„Ein separater Friede? Bist du des Teufels, Junge? Sollen wir die Russen im Stich lassen?“
„Die Russen werden sich’s nicht lange überlegen, ob sie uns im Stich lassen sollen, wenn die Versuchung in der geeigneten Weise an sie herantritt. Ich habe es versprochen! Exzellenz brauchen bloß ja und amen zu sagen! Und nachher, wenn wir frei sind, tun wir, was wir wollen! Das ist erlaubte Kriegslist, weiter nichts.“
Die Söhne Blüchers redeten ihm auch zu.
„Kinder, ihr macht mit mir, was ihr wollt! Was werden die Franzosen von mir denken!“
„Sie werden salutieren und sagen: ‚Donnerwetter, ist das ein Kerl!‘“
„Ein Mordshalunke, werden sie sagen!“
„Hoffentlich! Ich werde mich jedenfalls sehr freuen, wenn der Feind möglichst schlecht von Exzellenz spricht! Oder glauben Exzellenz etwa, sie dächten gut von Ihnen?“
„Darum möchte ich die Kerls doch in allem Ernst ersucht haben!“
„Sie machen sich aber trotzdem ihre eigenen Gedanken. Und da ist nun der Whist daran schuld.“
„Wieso!“
„Nun, wenn wir so, wider alle Konvenienz, uns um acht Uhr früh an den Spieltisch setzen und den ganzen Tag dort verbringen, alle Einladungen ausschlagen und bloß spielen, spielen, spielen – wenn unsere französischen Wirte den General Blücher fluchen und immer mehr fluchen hören, da nimmt’s einen nicht wunder, wenn sie einmal fragen: ‚Mein Herr, Sie rupfen wohl den alten Herrn bis auf die Knochen? _Le général de Bluquaire_ soll doch ein eingefleischter Spieler sein? Man sagt, er hat sein ganzes Vermögen verspielt?‘ Und das fragen sie dann in einem mitleidigen Ton und mit einem vielsagenden Blick, als warteten sie nur auf ein Wort des Einverständnisses, um gleich Geld anzubieten – großes Geld, dafür, daß wir ihnen den Frieden vermitteln.“
Blücher legte die Karten aus der Hand.
„Ich will nicht hoffen, Eisenhart,“ sagte er ernst, „daß Er einen solchen Antrag an mich übernommen hat, oder daß das, was Er mir jetzt sagt, ein Vorfühler sein soll, ob ich für Geld zu haben wäre! Denn dann müßte er darauf gefaßt sein, von mir über den Haufen geschossen zu werden!“
„Das wäre auch verdient, Exzellenz. Und ich habe auch dem Herrn, der da glaubte, mir so den Puls fühlen zu dürfen, mit keiner Miene gezeigt, daß ich für derartige Zumutungen irgendwelches Verständnis hätte. Ich erzähle es auch jetzt nur, um Exzellenz zu zeigen, wie der Feind sich doch selbst seine Gedanken macht und glaubt, was er will, wie anständig man sich auch benimmt! Denn das ist ihm gänzlich gleichgültig! Je mehr er flucht und je mehr er schimpft, um so besser! Das zeugt nur davon, daß unsere Hiebe sitzen!“
Blücher schwieg einen Augenblick und zupfte an seinem langen Schnurrbart, ließ sich dann eine frische Pfeife bringen und in Brand stecken und paffte dem Rittmeister ganze Wolken ins Gesicht.
„Hm, ja – schön! – Machen wir den Versuch! Probieren wir’s denn mit dem Husarenstreich! Aber erst neue Karten her!“
Neue Karten wurden gegeben. Und zum erstenmal, seit Blücher in Rosenberg weilte – _gute_ Karten, und alle Honneurs! Er strahlte wieder und war eitel Glück und Wonne, machte einen großen Schlemm nach dem andern und merkte gar nicht, wie seine Jungen die Karten so gut zu mischen wußten, daß er immer wieder lauter Trümpfe in die Hand bekam. Denn die Pfeife schmeckte und gab etwas her und hüllte alles brav in Dämpfe ein. Eisenhart wußte auch so gut und eifrig den Kriegsplan zu entwickeln, daß der alte, gewiegte Spieler nicht daran dachte nachzusehen, ob auch richtig gemischt wurde – wozu er ja auch keinen Grund hatte, solange die Karten gut fielen! Im Grunde genommen waren die Franzosen ja auch ganz passable Kerle und als Feinde gar nicht zu verachten! Und wenn schon ihre Freundschaft sich verflucht fade anließ, so wollte er sich nicht widersetzen, er wollte schon die Komödie mitmachen! Aber nur bis zur Grenze! Keinen Schritt weiter! Sobald er frei war, da wollte er auch seine Freiheit haben!
„Eins kann ich den Kerlen nimmermehr verzeihen“, sagte er und schmunzelte über die schönen Stiche, die er immer wieder machte. „Und das ist, daß sie mich nicht nach Berlin hineinlassen wollten. Zu denken, ich bin dicht vor der Stadt, ich _soll_ da durch, es ist sogar der mir vorgeschriebene Weg! Und da heißt es: ‚Außen herumfahren! In der Stadt können wir dich nicht gebrauchen! Kommst du her, dann gibt’s hier einen Aufruhr!‘“
„Die Berliner hätten Kopf gestanden!“ sagte der eine junge Blücher stolz.
„Wäre mir recht gewesen“, schmunzelte der Alte. „Ich hätte gegen den Aufruhr nichts gehabt! So’n Krakeel wäre mir gerade nach dem Sinn gewesen! Und um das haben die Franzosen mich nun auch gebracht!“
Er schwieg und blickte auf. In der Tür stand ein französischer Offizier, die Hand salutierend am Schirm seines Käppis. Durch das niedrige Fenster guckten andere Offiziere herein.
Blücher stand nicht auf und erwiderte kaum den Gruß.
„_Mon général_ –“, fing der französische Offizier an.
„Ich bin nicht so ’n Allerweltsgeneral, ich bin preußischer Generalleutnant und bitte mir richtige Titulatur aus!“
Die ward ihm auch sogleich und in der liebenswürdigsten Weise zuteil.
Außerdem die Mitteilung: der General Le Camus ließe sich bestens empfehlen, und er würde sich die Ehre geben, den Generalleutnant von Blücher zu der und der Zeit abzuholen, um ihn persönlich von hier nach dem Schlosse Finkenstein zu geleiten, wohin der Kaiser Napoleon ihn heute zur Audienz befohlen hätte.
Blücher antwortete, er würde sich die Ehre geben. Er wäre bereit, und er ließe dem General Le Camus seine besten Grüße übermitteln. Worauf er dem Rittmeister Eisenhart die Hand gab und sagte: „Pfalzgraf, verlasse Er sich darauf: es bleibt dabei, bei dem Husarenstreich!“
*
Napoleon war eben von einer Besichtigung des Leibregiments der Kaiserin zurückgekehrt und ließ sich vom Generaldirektor der Museen, Monsieur Denon, über die in den Museen Kassels und Berlins „gefundenen“ Kunstwerke Bericht erstatten, als man ihm die Ankunft des Generals von Blücher meldete.
Er gab Denon noch einige Instruktionen für seine bevorstehende Entdeckungsreise nach Warschau, wo auch für Rechnung des „Musée Napoléon“ Schätze zu heben waren, genehmigte die vorgeschlagenen „Enteignungen“, entließ huldvollst seinen talentvollen Miträuber und befahl, den General vorzulassen.
Er wolle ihn ohne Zeugen sprechen, bedürfe auch eines Dolmetschers nicht!
Sein Generalstabschef, Berthier, holte dann Blücher ab, bestätigte ihm im Namen Napoleons die mit dem Rittmeister von Eisenhart vereinbarten Friedensbedingungen, die Blücher dem König von Preußen überbringen sollte, geleitete ihn dann durch alle Zimmer bis zur Tür des kaiserlichen Arbeitskabinetts und verabschiedete sich dort von ihm.
Die Tür öffnete sich, und die beiden Gegner standen einander zum ersten Male persönlich gegenüber.
Blücher lang und stattlich mit weißen Haaren und frischem, lebenssprühendem Gesicht – der Kaiser klein, blaß, energisch, lebhaft, ohne einen weißen Faden im kastanienbraunen Haar – Blücher in seiner roten Husarenuniform, die Mütze mit dem Totenschädel auf dem Arm – der Kaiser in seiner grünen Gardejägeruniform mit den weißen Aufschlägen und dem Stern der Ehrenlegion in Gold gestickt, den schwarzen, dreieckigen Hut in der Linken.
Er kam gleich auf Blücher zu und fing an, lebhaft auf ihn einzureden.
Und Blücher stand da, lang und breitbeinig, den Kopf vorgestreckt, und sah auf den kleinen Kerl herab, der sich mit zierlichen Schritten vor ihm hin und her bewegte – glotzte ihn an wie eine große Dogge, die die lustig einschmeichelnden Sprünge eines zierlichen Affenpintschers um sie herum anstaunt und dann und wann mit einem tolpatschigen Schlag der Pranke zu vergelten versucht, dabei das Kläffen des Kleinen mit einem gutmütigen Zähnefletschen beantwortend.
Viel verstand er nicht von dem, was der Kaiser sagte, geriet aber sofort in den Bann seiner sprühenden Beredsamkeit und der Energie, die aus jedem seiner Worte, aus jeder Miene auf ihn einströmte.
Er holte auch sofort zur Parade aus und fing an, ebenso lebhaft auf den Kaiser dreinzuparlieren, in einem sonderbar zurechtgestutzten Kauderwelsch, das in seinen eigenen Ohren gar lieblich klang und ihn geradezu stolz machte. Lateinische, polnische und französische Brocken würfelte er dabei kunterbunt durcheinander, in einer Mischung, die ihm sicherlich keiner so leicht nachmachte.
Aber als der Kaiser immer lebhafter wurde und ihn schließlich an einem Knopf seiner Uniform packte und anfing daran zu drehen und zu drehen, da wurde er still.
Das war unheimlich! So ließ er sich denn doch nicht beim Wickel nehmen!
Er horchte genau auf das, was der Kaiser zu ihm hinaufsprudelte – schnappte einige Worte auf und begriff, daß lang und breit von der Elblinie und von den künftigen Grenzen Preußens geredet wurde, wenn auch nicht was, und daß der Kaiser ihm das tägliche Lied seiner Generäle von der ihm zugedachten Rolle als Friedensvermittler jetzt selbst vorleierte.
Da aber das Drehen des Knopfes nicht aufhörte, vielmehr ein Gefühl verursachte, als wühle sich ein Bohrer immer tiefer und tiefer in ihn hinein, da gab’s bei ihm innerlich einen Ruck und ein Sträuben der Haare, wie bei einem Kater angesichts des Hundes. Die Haltung straffte sich, die Blicke sprühten Feuer und Flammen, er wollte schon etwas Kräftiges antworten.
Aber Napoleon wartete es nicht ab. Mit kleinen festen Schritten ging er ein paarmal durchs Zimmer, setzte sich im offenen Fenster aufs Fensterbrett, kam wieder vor und sagte in einem von fast echtem Gefühl vibrierenden Tonfall:
„_Mais mon cher – je l’aime, votre patrie! Oui, c’est vrai, j’aime la Prussie!_“ Und er setzte noch lang und breit auseinander, wie sehr dieser ganze Krieg wider sein Gefühl sei, und daß es ihm zumute sei, als müsse er mit seiner Rechten seine Linke schlagen, wenn er das ihm so teure Preußen schlüge! Welche echt preußenfreundliche Gesinnung er noch mit einem Händedruck bekräftigte.
„Ist schon recht,“ dachte Blücher, „es gibt Freundschaft und Freundschaft, und wie deine beschaffen ist, damit weiß ich Bescheid! Wenn du denkst, daß ich darum für dein ‚_patrie_‘ auch nur einen Pfifferling übrig habe, da irrst du dich gewaltig!“
In voller Gemütsruhe ließ er dann noch einen rednerischen Ansturm über sich ergehen, sagte weder ja noch nein, nickte nur dann und wann zustimmend, eingedenk der Mahnung Eisenharts, lieber mit List die sofortige Freiheit zu gewinnen, als sich noch nach Frankreich in Gefangenschaft schicken zu lassen.
Und als Napoleon ihm die Hand zum Abschied reichte, da langte er zu und drückte sie recht herzlich wieder und schmunzelte freundlichst über das ganze Gesicht.
„Ein Teufelskerl ist das!“ sagte er nachher, als er seinen Söhnen und Eisenhart von der Begegnung erzählte. „Ein ganz verfluchter Kerl! Und charmant! Ich dachte bei Gott nicht daran, daß er eigentlich den leibhaften Gottseibeiuns darstellt, dem man schleunigst das Genick brechen müßte! Mehr als einmal hätte ich ihn durchs offene Fenster hinausstoßen können, als er auf dem Fensterbrett saß, wäre ich nur nicht so verflucht gutmütig gewesen, wie wir Deutschen es nun leider immer sind!“
„Wer weiß,“ sagte Eisenhart mit einem spitzbübischen Lächeln, „wer weiß, was für eine gute Gelegenheit Exzellenz da versäumt haben, mit einem raschen Stoß den Krieg zu beenden und Europa eine neue Karte zu geben!“
„Ehrlicher Kampf ist mir lieber“, sagte Blücher. „Und aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wir werden ihm schon beikommen, wenn er auch ein guter Schauspieler ist und die Kunst versteht, alle Welt dumm zu machen! Das können wir schließlich auch, wenn’s sein muß. Fürs erste probieren wir’s mit Seiner Kriegslist, Eisenhart!“
So wurde es auch gemacht.
Beim Abschiedessen, das der General Le Camus ihm noch am selben Tag gab, hielt Blücher dann eine Rede auf Napoleon und brachte in aller Form seine Gesundheit aus. Allerdings erst nachdem der französische General Preußen und seinen König hatte leben lassen.
Dann aber, als nach vielem Hin und Her, nach langem Warten und endlosem Ärger, endlich der Augenblick da war, in dem er über die Demarkationslinie gehen durfte, während von der anderen Seite der Schatten des gegen ihn ausgewechselten Generals Victor grüßend vorbeihuschte, da war’s mit einem gewissen Gefühl der Erleichterung, daß er seinem getreuen Adlatus und Reisebegleiter zurief: „Los, Eisenhart!“
Und er ließ Eisenhart nicht aus den Augen, als der mit dem General Dänzel leise sprach. Er ärgerte sich aber gewaltig, als der Franzose nur lächelte und befriedigt Beifall nickte, obwohl Eisenhart in aller Form erklärte, mit der Friedensvermittlung Blüchers wäre es nichts – seine ganze Zusage in betreff der Friedensvermittlung wäre nichts als erlaubte Kriegslist gewesen, und man würde dem König von Preußen gute Ratschläge in ganz anderem Sinne zu geben wissen.
Diese offene Kampfansage wollte Blücher wenigstens dem Franzosen mit nach Hause geben. Sie sollten da nicht eine Sekunde länger als nötig glauben dürfen, daß er auch nur das geringste für ihr „_patrie_“ übrig hätte!
An seine Begegnung mit dem Kaiser dachte er aber mit vielem Interesse zurück.
Er staunte Napoleon an wie eine seltsame Naturerscheinung, die mit seiner eigenen Welt wenig Zusammenhang hatte.
Napoleons lebhaftes Sprühen, sein eindringliches Drauflosagieren hatte ihn nicht darüber zu täuschen vermocht, daß er im Kaiser vor allem eine maßlose Energie und einen konzentrierten, kalten und klaren Verstand vor sich hatte, dem keine Grenzen gesetzt waren außer der einen, hinter der Gefühl und alles mitreißendes Temperament allein geboten.
Und da war _er_, Blücher, wiederum zu Hause und wurzelte drin mit seiner ganzen Persönlichkeit, und konnte seinerseits auch nicht über die Grenze hinaus.
Sie waren eben zwei einander völlig fremde Welten aus verschiedenartiger Materie, vom Zufall für einen Augenblick zusammengeschleudert, sausten aneinander vorbei, machten viel und gewaltiges Geräusch und spien Feuer und Funken und Flammen gegeneinander, jede nach _ihrer_ Art und ohne bei der anderen zünden zu können. Und sausten dann, jede in ihrer Richtung, weiter und überließen es dem Zufall, wieder einen Zusammenprall herbeizuführen und zu entscheiden, welche von ihnen wohl dann die andere aus der Bahn schleudern würde.
*
Blücher stand vor seinem Herrn und König und freute sich ungemein, denn er wurde hier, im preußischen Hauptquartier zu Bartenstein, mit lauter guten Neuigkeiten empfangen.
Die Kabinettsregierung war beseitigt, Lombard entlassen, Beyme fallfertig und Blüchers über alles geschätzter Freund Hardenberg seit gestern Staatsminister und Leiter der gesamten Politik.
Fehlte nur noch Stein, der in Ungnade Entlassene, und sein Glück wäre vollständig gewesen.
Der König hatte ihn umarmt und geküßt und sich hilflos nach einem Orden für ihn umgesehen.
„Haben keine Sterne mitnehmen können bei der eiligen Abreise!“ sagte er.
Hardenberg half dann mit seinem Schwarzen Adler aus, und der König heftete ihn selbst Blücher an die Brust.
Blücher fing dann an schwarz zu malen und gab eine erhebende Schilderung von dem hoffnungslosen Zustand der französischen Armee, die man mit Leichtigkeit vernichten könnte, wenn man es jetzt sofort versuchte.
„Majestät,“ sagte er, „ich steh’ mit meinem Kopf dafür ein. Wenn ich nur dreißigtausend Mann unter meinem Befehl habe, dann durchbreche ich die französischen Linien und werfe den Feind wenigstens bis auf die Oder zurück. Ich bin mit offenen Augen durch das von ihm besetzte Gebiet gekommen. Seuchen überall, Mangel an Proviant, Mangel an Munition; die Leute marode und deprimiert von dem ungewohnten Klima; die Wege entsetzlich! In den nächsten vier Wochen können keine Verstärkungen zur Stelle sein! Wenn wir jetzt dazwischenfahren, dann sind sie vernichtet – dann kommt’s zu einer Katastrophe, die dem Krieg eine neue Wendung geben und unseren Leuten den Nacken wieder steifen wird! Wir werden, wenn wir jetzt den Coup wagen, überall, in Hessen, am Rhein, in der Mark, Aufstände haben, wir werden die Franzosen über den Rhein zurückjagen, und daran wird’s nicht fehlen. Glauben Majestät, daß der Kaiser Napoleon nach seinen großen Siegen über uns um den Frieden bitten würde, wenn er es nicht bitter nötig hätte? Nein! Ich habe ihm in die Seele geschaut! Eine Stunde lang hat er auf mich eingeredet – viel habe ich nicht davon verstanden! Aber so viel habe ich begriffen: er schwefelte mir so eifrig vor von der Notwendigkeit _für uns_, einen Separatfrieden zu schließen, daß ich von der Notwendigkeit _für ihn_ überzeugt wurde! Und ebenso eifrig wie er selbst waren seine Leute. Wo aber der Franzose so liebenswürdig wird, da _will_ er auf diese Weise immer etwas ergaunern, was er anders nicht bekommen kann. Sonst wäre er der letzte, sich die Mühe zu geben, sonst nimmt er, was ihm beliebt und wie’s ihm beliebt und fragt nicht erst nach der Meinung anderer!“
Es wurde die alte Geschichte.
Der König sah es wohl ein – der General mochte schon recht haben –, es wäre nicht ausgeschlossen, jetzt durch einen kühnen Handstreich einige Vorteile über den Kaiser der Franzosen zu gewinnen! Nach der Schlacht bei Eylau war er ja schon bedeutend entgegenkommender geworden! Allein man dürfe nicht sein Letztes auf eine Karte setzen! Die Armee war bis auf fünfundzwanzigtausend Mann zusammengeschmolzen: allein könnte man nichts gegen die Übermacht unternehmen – man wäre sowieso von der Hilfe der Russen abhängig. Es wäre also das richtigste, zuerst mit dem Kaiser Alexander zu reden – wenn er den Plan Blüchers billigte, so würde der König auch nicht dagegen sein! Er, Blücher, sollte sofort zum Kaiser mitkommen!
Das war für diesmal schon viel erreicht. Guten Muts folgte Blücher dem König nach dem Quartier des Kaisers Alexander.
Dieser war gleich Feuer und Flamme.
Gewiß! Das wäre ja glänzend, das wäre brillant! Das müsse gemacht, das würde sofort ins Werk gesetzt werden! Darauf könne sich Blücher verlassen, und die verlangten Truppen bekäme er! Der Kaiser sagte dem General noch die schönsten Komplimente und Schmeicheleien für seinen mutigen Rückzug nach Lübeck, und bedankte sich sehr für den außerordentlichen Dienst, den Blücher der russischem Kriegführung dadurch geleistet hatte, daß er die Franzosen so lange vom Osten abzog. Er war so aimabel, so charmant, wie es nur ein russischer Gardeoffizier sein kann. Seine Begeisterung war so soigniert, so wohlgepflegt und ohne Überschwang, seine ganze Art, sich zu geben, so korrekt und elegant, daß Blücher ganz übel zumute wurde.
Von diesem geschnürten, parfümierten, gut frisierten und schönen jungen Mann waren keine derben Hiebe, keine großen Entschlüsse und vor allem keine Ausdauer zu erhoffen, das wußte er gleich! Und auch, daß mit schönen Worten und Schmeicheleien nach Art der Franzosen von ihm alles zu erreichen wäre.
Seine Zustimmung gab der Kaiser also auf der Stelle, jedoch alles Nähere müsse Blücher mit seinem Oberkommandierenden, dem General von Bennigsen, vereinbaren.
„Mit dem werde ich wohl fertig“, dachte Blücher. „Der ist ja ein Deutscher wie ich!“ Und er ging hin.
Viel Deutsches war aber nicht mehr an dem kleinen russischen General mit dem bauernschlauen, verschmitzten Gesicht zu entdecken – wenn nicht der Hochmut deutsch ist.
Denn mit unsäglich mitleidsvoller Verachtung blickte er auf Blücher nieder, der ja das Unglück hatte, preußischer Offizier zu sein, was in Bennigsens Augen, nach Jena, ungefähr das allerletzte war! Und dieser hergelaufene alte Husar, der wollte ihm noch ins Handwerk pfuschen – der wollte selbständig kommandieren, auf eigene Faust Krieg mit dem Kaiser Napoleon führen, vor dem seine Landsleute so brav davongelaufen waren?!