Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 17

Chapter 173,564 wordsPublic domain

„Zu Befehl!“ sagte Constant eilig. „Die Frau Gräfin schläft noch; ihre Kammerfrauen warten noch an ihrer Tür. Sobald sie aber eintreten dürfen, bekomme ich Nachricht!“

Napoleon legte sich wieder hin.

„Du wirst nicht versäumen, es mir sofort zu sagen, wenn sie wach ist, mein Sohn!“ sagte er kurz. „Ehe du das nicht besorgt hast, brauchst du mir weiter nichts zu berichten!“

Constant wollte trotzdem ein paar Worte über irgendeine dringende Sache wagen, da öffnete sich die Tür, und ein freundlich lächelnder, schon ergrauter, aber ungemein jovial und heiter blickender Herr in reicher goldgestickter Hoftracht, einen kostbaren Stock in der Hand, kam herein und trat ohne Zeremonie an das Bett heran.

Er schien etwas erstaunt, vom Kaiser weder bemerkt, noch eines Grußes gewürdigt zu werden, fand sich aber rasch damit ab, stellte seinen Stock an den Bettpfosten, ergriff die Hand des Kaisers, blickte nach seiner Uhr und zählte aufmerksam die Pulsschläge.

„Zehn Schläge mehr als gewöhnlich“, sagte er kopfschüttelnd und steckte die Uhr ein. „Sonderbar!“

Napoleon blickte ihn groß an. Er hatte etwas Abwesendes im Blick, was bei ihm sonst niemals zu bemerken war. Die Pupille, sonst groß, so daß das Auge fast schwarz erschien, war jetzt zusammengezogen, daß die Augen in einem satten, sanften Dunkelblau schimmerten. Es schien ihm Anstrengung zu machen, sich zu zwingen, etwas mit Bewußtsein anzublicken. Irgendwelche Träume, irgendwelche Visionen hielten noch die Sehkraft in ihrem Bann. Endlich war er mit dem Vorgang im reinen.

„Corvisart?“ sagte er leise, mit einem Tonfall, den der Arzt noch niemals gehört, und der gar nichts von der sarkastischen, übermütig neckenden Art hatte, die dem Kaiser sonst beliebte. „Heute ist weder Mittwoch noch Sonnabend! – Wieso kommen Sie zu mir, und wo kommen Sie her? Sie sind doch in Paris. Haben Sie denn dort schon alle Ihre Patienten unter die Erde gebracht? Haben Sie vor den Dankbezeigungen der glücklichen Erben fliehen müssen? Gestehen Sie’s gleich und ohne Umschweife, wie viele Leben haben Sie heute auf dem Gewissen?“

„Lange nicht so viele wie Eure Majestät!“ antwortete Corvisart, rasch den üblichen Gesprächston zwischen ihnen aufgreifend.

Aber Napoleon war wieder mit den Gedanken anderswo. Weder hörte er die Antwort, noch warf er ihm ein rasches Scherzwort an den Kopf, auch kniff er ihn nicht ins Ohr – und das war entschieden ein äußerst ernstes Symptom! Und die paar Worte der Begrüßung! Wie matt, wie abwesend, fast automatisch und mehr aus alter Gewohnheit hatte er seine alten Scherze wieder abgeleiert!

Der Leibarzt schüttelte den Kopf. Dann, rasch entschlossen, strich er die Bettdecke zurück, legte sein Ohr an des Kaisers Brust, horchte, sah erstaunt auf, horchte nochmals, richtete sich dann auf und blickte den Kaiser ernst an.

„Wahrhaftig – _man hört es schlagen_! Man hört das Herz Napoleons! Solange ich die Ehre habe, für die Gesundheit Eurer Majestät verantwortlich zu sein, ist es das erstemal, daß ich das erlebe! Das ist ein ernstes – ein sehr ernstes Symptom!“

Napoleon lächelte, hörte nicht und schien immer noch an etwas sehr Angenehmes zu denken.

Corvisart nahm wieder das Wort.

„Majestät“, sagte er in ernstem, vorwurfsvollem Ton. „_Zehn_ Pulsschläge mehr als üblich und ein hörbarer Herzschlag! Bedenklich, sehr bedenklich! Das zeugt von einem noch nie dagewesenen Nachlassen der Energie und der Willenskraft! Wir regieren nicht mehr. Seit Monaten machen wir nicht mehr Weltgeschichte! Sonst vergeht kein Tag, ohne daß Throne wanken, Dynastien in Nichts versinken, neue erstehen und Völker befreit werden. Und jetzt diese plötzliche Stille, diese Untätigkeit! Wir verstecken uns hier in diesem unwirtlichen, östlichen Nest. Wir leben solide, brav, untätig wie ein spießbürgerlicher Rentenempfänger – wir sind taub und blind, verschließen uns der Welt, träumen, lächeln still in uns hinein! Das kann doch unmöglich die Reaktion auf den fabelhaft schnellen Sieg über Preußen sein? Wenn ich nicht wüßte, wie leger – wie _en canaille_ Eure Majestät stets das schöne Geschlecht zu nehmen pflegen, ich würde fragen: _où est la femme?_“

Napoleon hörte auch jetzt nicht zu. Er lag da wie vorhin, immer noch dieselben angenehmen Gedanken hin und her wälzend.

Corvisart schüttelte immer ernster sein graues Haupt, streckte die Hand nach seinem Stock aus und wollte gehen, um Constant über die bedenklichen Symptome näher auszufragen.

Als hätte sein Denken an Constant Napoleon angesteckt, setzte er sich gleich im Bett auf und rief: „Constant!“ und nahm, da dieser nicht gleich erschien, die Glocke vom Tisch und klingelte ungeduldig.

Constant erschien, ein mit Briefen und Depeschen vollbeladenes Tablett in der Hand.

„Ist sie noch nicht wach?“ fragte Napoleon ungeduldig.

„Die Frau Gräfin schläft noch!“ antwortete Constant und stellte sein Tablett auf den Kaminsims.

„Meinen Schlafrock!“ rief der Kaiser, warf die Decke zurück und schlüpfte rasch in die ihm gereichten weißen Pantalons und den Morgenrock aus weißer Wolle, ließ sich ein Paar ausgetretene rote Pantoffeln anziehen und setzte sich in einen rasch herbeigeschobenen Sessel ans Feuer. Er nippte einmal an der ihm gereichten silbernen Tasse, schob sie dann von sich, streckte die Hand aus, nahm von dem ihm durch Constant dargebotenen Tablett einen Brief, machte ihn auf, warf ihn auf den Teppich, machte noch einen auf, las ihn flüchtig durch und legte ihn auf einen neben dem Kamin stehenden Tisch. – Er schob dann das Tablett zurück, was einen Austausch erstaunter Blicke zwischen Kammerdiener und Leibarzt zur Folge hatte, streckte die Füße so nahe wie möglich an den Ofen heran und starrte eine Weile ins Feuer. Constant machte noch einen schüchternen Versuch, seine Teilnahme zu erwecken. Er reichte ihm die soeben eingegangenen Zeitungen, nach denen er sonst begierig zu greifen pflegte, aber vergebens! Auch die Liste der im Vorraum auf Audienz wartenden Personen wurde keines Blickes gewürdigt.

„Corvisart,“ sagte Napoleon endlich, ohne vom Feuer fortzusehen, „Sie alter Schürzenjäger müssen doch mit den Frauen Bescheid wissen! Wenn sie der Schuh drückt, ohne daß sie einen anhaben – wenn sie unendliche Schmerzen leiden, ohne daß die Ärzte den geringsten Grund entdecken können – wenn die geschicktesten Scharlatane der medizinischen Wissenschaft mit all ihrem Hokuspokus nicht imstande sind, herauszufinden, was ihnen fehlt – und meine sämtlichen Leibärzte und Chirurgen, die im Felde stehen, haben sich schon vergebens bemüht, das Rätsel zu lösen –, was halten Sie denn von dieser merkwürdigen Äußerung der weiblichen Natur?“

„Sire –“, fing Corvisart an.

Aber Napoleon war es mehr darum, zu fragen, als Antworten zu hören, die er sich selbst viel besser als irgendein anderer geben konnte. Er faßte Corvisart bei der Hand und sprach weiter, immer noch ins Feuer starrend.

„Corvisart,“ fragte er, „haben Sie jemals geträumt? Heute nacht träumte ich, sonderbar, ganz merkwürdig! Die Gräfin Walewska war bei mir, hier im Zimmer. Sie hielt die Hände in den Taschen ihrer Jacke und stand mit dem Rücken gegen den Kamin. Sie war aber nicht so sanft, auch nicht so lustig und ausgelassen, wie sie es zuweilen sein kann! Sie hatte vielmehr etwas Hinterhältiges an sich, das ich gar nicht bei ihr kenne, und blickte mich ganz merkwürdig an, indessen ihre Rechte immer weiter in der Tasche grub und drinnen mit einem Gegenstand hantierte.

Das machte mich mißtrauisch. Blitzschnell packte ich ihre Hand und fühlte durch den Stoff _eine Pistole_ – die sie vom Stoff gedeckt auf mich richtete und abzudrücken versuchte. Ich, nicht saumselig, wandte die Mündung der Waffe gegen sie und drückte ab. Aber der Schuß versagte.

Dann nahm sie mir die Pistole aus der Hand.

‚Soll ich dich lehren, mit ihr umzugehen?!‘ sagte sie lachend, eilte ans Fenster, schlug es auf, zielte auf meine Armee, die hier draußen Parade stand, und drückte ab. Wie ein Feuerstrom ging es von der Mündung der kleinen, kinderspielzeugähnlichen Waffe aus und sprudelte gegen die Truppen hin. Und wo die Feuergarben trafen, sanken sie hin. Meine schönen Grenadiere, meine Jäger und Dragoner schmolzen vor meinen Augen wie Bleisoldaten im Feuer und waren im selben Augenblick wie von der Erde vertilgt.

Ich riß ihr die Waffe aus der Hand; sie lachte aber nur!

Ich zog sie mit mir, zwang sie auf die Causeuse da nieder, setzte mich neben sie und nahm ihre Hand. Wie ich sie dann anblickte, verwandelte sich ihr Gesicht, wurde katzenähnlich, mit langen Haaren um den Mund – ich entsetzte mich vor ihr. Ich zankte sie aus, weil sie mich hatte ermorden wollen und sagte ihr, sie sei das niederträchtigste Weib, was ich jemals auf Erden kennengelernt habe.

Da nahm sie schnell ihr wirkliches Gesicht wieder an; ihre Augen standen voll Tränen, und schluchzend gestand sie mir, sie hätte sich rächen wollen, weil ihr Fuß sie schmerzte und weil ich, der ich schuld daran wäre, ihr keine Linderung ihres Schmerzes gebracht habe. – Ich dachte an dich, Corvisart, ich wollte dich rufen. – Da weckte mich Constant, und auf einmal warst du da! Nun sollst du mir die Sache ins reine bringen und mir sagen, was ihr fehlt.“

„Ihr fehlt sicherlich gar nichts! Die ganze Sache ist weiter nichts als eine Äußerung der ganz gewöhnlichen weiblichen Niedertracht, die im Gemüt einer jeden Frau lauert und nach Gelegenheit sucht, sich zu entfalten. Das macht mir keine Sorge. Aber mit Euer Majestät sieht es bedenklich aus. Erst der Puls – dann das hörbare Klopfen eines sonst in seiner Ruhe einzigartigen Herzens – dann der Traum, wo sonst der Schlaf ganz traumlos in den wachen Zustand überzugehen pflegt! Alles Symptome der Verliebtheit, und sehr auffallend bei einem sechsunddreißigjährigen Manne, der stets, auch in den Jahren der ersten Jugendschwärmerei, zu neunundneunzig Prozent mit dem Verstand allein zu lieben pflegte! Denn dies allgewaltige Überwiegen des Gefühls, dies fast vollständige Zurückdrängen eines Verstandes, der in seinem Tätigkeitsdrang auf Erden seinesgleichen nicht hat, das sah noch keiner bei Eurer Majestät! Fürwahr – ich bin sehr neugierig, jene Schöne, die diese fast unglaubliche Handlung bewirkt hat, kennenzulernen! Denn ich glaube fast – Eure Majestät werden mehr von ihrem Schuh gedrückt als die holde Schöne selbst!“

Napoleon lachte und wollte eben etwas Lustiges antworten. Da kam wieder Constant herein und meldete gehorsamst, die Frau Gräfin hätte soeben nach ihrer Schokolade verlangt. Er fügte hinzu, daß der Oberfußarzt Seiner Majestät, der lange und sehnlichst erwartete Tobias König, endlich aus Paris in Finkenstein eingetroffen wäre.

„Es ist gut,“ antwortete der Kaiser, „Roustan soll ihn sofort zur Gräfin Walewska führen. Sie, Corvisart, gehen mit und überwachen die Operation, wenn eine nötig wird. Sie haben die Verantwortung für alles, was geschieht! – Ist mein Bad bereit?“

Constant meldete ehrerbietig, das Bad warte schon lange auf Seine Majestät, und richtete schnell den Befehl an Roustan aus.

Corvisart verbeugte sich und ging.

Der Kaiser ging ins Badezimmer, entledigte sich mit Constants Hilfe der Kleidung und wollte eben ins Wasser steigen, als Roustan herbeigestürzt kam und meldete, die Frau Gräfin wäre außer sich und verlange, den Kaiser sofort zu sehen; sie ließ sagen, sie wäre dem Sterben nahe und müsse ihn gleich sprechen!

„Fünf Chirurgen habe ich mit im Felde“, sagte der Kaiser verdrießlich und zog das Bein, das er schon über die Badewanne ausgestreckt hielt, zurück. „Fünf Chirurgen und vier Leibärzte! Ich zahle ihnen Unsummen, und sie taugen alle nichts! Wir müssen auch noch selbst die Hühneraugenoperation der holden Dame leiten, als gälte es, eine Schlacht zu lenken, müssen die Truppen kommandieren, womöglich selbst noch dreinhauen! _A la bonne heure!_ Gehen wir! Meine Pantalons, Constant, schnell den Morgenrock! – Nackt ziehen wir auch in _den_ Kampf nicht! Laß Roustan Vorzimmer und Korridore leeren! Keiner darf mich sehen! – So – nun noch die Pantoffeln! Und nun leuchte mir!“

Von Roustan geleitet, ging der Kaiser dann, den Kopf immer noch von dem bunten Tuch umschlungen, zu den in derselben Etage des Schlosses gelegenen Zimmern der Gräfin.

Er fand die Dame auf einer Causeuse ausgestreckt, den einen Fuß in einem goldgestickten, orientalischen Pantoffel steckend, den anderen nackt. Vor ihr kniete der alte Jude und gab sich vergebliche Mühe, an ihrem entzückenden kleinen Fuß irgendein Gebrechen zu finden. Hinter der Causeuse stand Corvisart, beide Hände auf den Stock gestützt und betrachtete durch sein Binokel all das Schöne, das sich vor seinen erstaunten Augen enthüllte, indes die schöne Gräfin eigensinnig hin und her rückte, gar nicht stillhalten wollte und die Untersuchung zu einer wahren Qual für den guten König machte.

„Sire!“ rief sie hinsterbend, „retten Sie mich aus den Händen dieses Ungeheuers! Er hat ein Messer – ich habe es gesehen – er hat ein Messer aus seinem Etui da herausgenommen! Er wird mir die Adern öffnen – wird mich ermorden! Retten Sie mich!“

Napoleon lachte, erklärte ihr, daß keine Gefahr vorhanden sei, sie hätte nichts zu befürchten – ganz im Gegenteil. Er hätte seinen ersten Leibarzt und seinen ersten Pedikuren, die sonst beide in Paris unabkömmlich seien, und die er sonst niemals ins Feld mitzunehmen pflegte, extra um ihretwillen von Paris hierherkommen lassen! In besseren Händen könnte man gar nicht sein! Sie sollte sich nur ruhig ihnen anvertrauen, damit sie endlich von ihrem Leiden, das ihn, den Kaiser, mindestens ebensosehr schmerze wie sie selbst, befreit werde!

„Ich lasse mich aber trotzdem nicht operieren, wenn Eure Majestät mir dabei nicht wenigstens die Hand halten!“

„Alles was Sie wollen, _ma chère_“, sagte der Kaiser und nahm ihre Hand. „Sie sehen, ich bin ja gleich auf Ihren ersten Ruf gekommen und habe mir nicht einmal Zeit gegeben, mich anzukleiden!“

Sie blickte ihn von der Seite an und kicherte vor Freude, den Herrn der Welt so ihrer Laune untertan zu wissen.

„Nun fangen Sie an, Monsieur König“, rief der Kaiser. „Zeigen Sie Ihre Kunst! Aber vergessen Sie nicht, Sie haben die Ehre, den schönsten Fuß auf Erden in Ihrer Hand zu halten. Seien Sie vorsichtig – ich würde Ihnen keinen Mißgriff verzeihen!“

Der Chirurg stöhnte, er wandte und drehte den kleinen Fuß hin und her und versuchte vergebens die kranke Stelle ausfindig zu machen.

„Sire, ist es auch wahr, daß Sie mein Leiden ebenso schmerzt wie mich selbst?“ fragte die schöne Gräfin kokett.

Der Kaiser versicherte, daß ihr Zustand ihm wahre Qualen verursache.

„_Et la Pologne, ma patrie?_“ säuselte sie dann bezaubernd. „Es flößt Ihnen doch auch Mitleid ein, Sire?“

„Auch!“ sagte der Kaiser.

„Sie lieben mich also?“ fragte sie. „Sie lieben mich sehr – – au! – Sie tun mir weh!“, rief sie im selben Atemzug dem Chirurgen zu.

„Ich finde nichts – ich finde absolut nichts!“ stöhnte dieser, und große Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn.

„Und Sie sind um meinetwillen direkt von Paris gekommen?“ fragte sie und sah den Alten neugierig an. „Allein um meinetwillen? – Und Sie auch, Monsieur Corvisart? – Und Sie sind die berühmtesten Ärzte, die es heute gibt – die geschicktesten und teuersten von allen?“

Und als auch das bejaht wurde, und zwar vom Kaiser selbst, da schlug sie die Hände zusammen, lachte toll auf, wie ein verzogenes Kind, dem ein Spaß gelungen ist, gab dem Hühneraugenoperateur einen Nasenstüber mit ihrem nackten Fuß, daß er vor Erstaunen zurückfuhr und sitzenblieb, lachte noch toller auf, wälzte sich auf ihrem Lager vor Vergnügen und schrie: „_Mir fehlt ja gar nichts!_ – Ich habe nur sehen wollen, ob Sie mich lieben, Sire, und ob Sie ohne Zögern und ohne Murren alles für mich tun würden – alles, was ich will!“

Sie flog dann auf und warf sich dem Kaiser, der in der ersten Überraschung sich zornig erhoben hatte, um den Hals, küßte ihn mitten auf den Mund und herzte und streichelte ihn und kümmerte sich dabei gar nicht um die beiden Ärzte, die mit offenem Munde dastanden.

„Sie lieben mich also, Sire, Sie lieben mich über alles?“

„Über alles, Gräfin!“

„_Et la Pologne, ma patrie – vous me la libérerez, n’est ce pas?_“ lispelte sie noch bestrickender.

Napoleon lachte laut auf.

„Da drückte wohl der Schuh!“ rief er übermütig. „Gehen Sie, meine Herren, da bedürfen wir Ihrer Kunst nicht! Da bin _ich_ der rechte Arzt! Gehen Sie, König, freuen Sie sich Ihres Nasenstübers, den Sie von diesem schönen Fuß bekommen haben. _Der_ Fußtritt _adelt_, sagen Sie’s Constant, und er soll mich daran erinnern!“

Die Ärzte gingen und überließen es dem Kaiser, die Kur zu vollenden.

Eine halbe Stunde später saß er seelenvergnügt in seiner Badewanne und regierte von dort aus die Welt, daß es nur so eine Art hatte.

Die Wanne umstanden in gemessener Entfernung der Generalstabschef Berthier, der Generaladjutant General Dänzel, der Architekt der Tuilerien, der Generaldirektor der Museen, der Geheimsekretär Meneval und mehrere Gehilfen, während Constant und Roustan mit dem Kaiser hantierten, und Corvisart und König das Kneten und Frottieren überwachten und gelegentlich selbst mit Hand anlegten.

Und Napoleon bekam nie genug.

Er rief Roustan zu, für mehr und noch wärmeres Wasser zu sorgen – lachte über die roten und erhitzten Gesichter seiner Getreuen, die bald halb erstickt aussahen, befahl, die Kuriere mit den Portefeuilles der Ministerien vorzulassen, ließ sich aus den Akten vortragen, traf Entscheidungen, diktierte Randbemerkungen und Antworten, unterzeichnete – immer noch in der Badewanne sitzend – Heiratskonsense und Ernennungen, Gnadenbewilligungen, Amtsenthebungen, Erlasse und Dekrete, kommandierte, scherzte, lobte und zankte, alles in einem Atem.

„Schreiben, Meneval!“ rief er, und Meneval setzte sich an einen Tisch und legte Papier und Feder zurecht.

Der Kaiser diktierte.

„_An Fouché_: – Madame de Staël, die wir, wie er wohl weiß, nicht ausstehen können, ist, laut Rapport, wieder in Paris. Sie mag ihr Recht auf ‚freie Individualität‘ anderswo zur Schau tragen! An der Seine nicht! Er soll sie gleich ausweisen! Die ehemaligen Jakobiner aber nicht. Das ist nicht mehr nötig! Was noch von ihnen da ist, ist harmlos – längst kapitalistisch eingekapselt! Sie sind alle satt und träge und haben ihre Giftzähne längst verloren. Bei der letzten Rezeption in der Akademie hat der Abbé Sicard in unpassenden Ausdrücken über Mirabeau gesprochen! Wir wollen keine Reaktion der öffentlichen Meinung! Fouché soll über Mirabeau lobend sprechen lassen.

_An Junot_ schreiben: Die Kontinentalsperre gegen England gilt auch für die kaiserlichen Marschälle und insbesondere für ihre Frauen. Ihre Weiber – schreiben Sie Weiber, Meneval! – Ihre Weiber mögen Kräutertee trinken, der ist ebensogut wie der Karawanentee, Zichorienkaffee ebenso gesund wie der arabische! Und sie mögen sich hüten, daß ich nicht gewahr werde, wie sie Kleider von englischen Stoffen tragen. Er soll das auch Madame Junot nachdrücklichst einschärfen!

_Dem Erzkanzler Cambacères_: Wir sind über die Unzufriedenheit und den Pessimismus der Pariser erstaunt. Sie keifen, weil wir hier an der Weichsel aufgehalten werden, und deuten unseren Sieg bei Eylau in eine Niederlage um, weil er kein Austerlitz war. Sie sind verwöhnt. Das gesellschaftliche Leben siecht dahin, weil wir und unsere Marschälle nicht in Paris sind! Das geht nicht. Man soll Feste geben! Er, Cambacères, und auch Lebrun sollen da mit gutem Beispiel vorangehen! Man soll Verschwendung treiben, Geld unter die Leute bringen, Millionenbestellungen an die Industrie vergeben, damit die Arbeiter gut bezahlt, satt und zufrieden werden! Man soll in allen kaiserlichen Schlössern das Meublement mit kostbaren Seidenstoffen neu beziehen, man soll Stiefel, Riemen und so weiter für die Armee bestellen, die Handwerker mit Aufträgen mästen – –

_An König Louis_: Mein Herr Bruder ernennt für meinen Geschmack viel zu viel Marschälle in Holland. Lieber die holländische Armee vermehren!

_An König Joseph_: Journalisten sind Kokotten! Auch in Napoli! Man hat mit denen bisweilen ein Verhältnis, aber erhöht sie niemals zu legitimen Gattinnen. Er gibt sich zuviel mit ihnen ab! Nicht auf ihren spitzen Federn, auf den Spitzen meiner Bajonette ruht sein Königreich. Den Mob regiert man mit Fußtritten, mit Schmeicheleien nicht!“

„_Et la Pologne, ma patrie!_“ fuhr er dann halb singend fort. „Constant, hat dir unser guter Fußarzt eine Mitteilung gemacht? Gut. Nachher daran erinnern!“

„_La Pologne, ma patrie!_ – Im ersten Freiheitsrausch in Posen haben mir die Polen alles bewilligt. Und jetzt? Wir sind enttäuscht! Statt der versprochenen hunderttausend Mann nur fünfzehntausend schlecht disziplinierte! Kaum zu gebrauchen! Wir werden uns ihretwegen auch nicht derangieren! Hier, aus der Nähe gesehen, schaut Polen übrigens ganz anders aus! Seinetwegen werden wir nicht die Kontinente umstürzen!“

Er schwieg einen Augenblick. Dann rief er Berthier, ordnete Truppendislokationen in Italien, am Rhein, in Holland an, gab Orders nach Spandau und Berlin über den Nachschub von Artillerie, Munition und Proviant und fragte, ob nicht endlich vom Grafen Bertrand Nachricht über den Stand der Friedensverhandlungen mit dem preußischen Hauptquartier angekommen wäre.

Und einmal bei Preußen angelangt, rief er Constant zu:

„Was wolltest du mir heute vom General Blücher erzählen?“

Er wartete aber keine Antwort ab, sondern rief den Generaladjutanten, General Dänzel, der in der mordswarmen Temperatur des Badezimmers aussah, als ob er bald seine tapfere Heldenseele aushauchen wollte, und gab ihm den Befehl, noch heute, nach der Parade, den preußischen General zur Audienz zu bringen – oder vielmehr den General Le Camus damit zu betrauen. Denn er, Dänzel, hätte auch anderes zu erledigen!

Dann schickte er sie allesamt zum Teufel bis auf Roustan, schrie nach noch mehr und noch heißerem Wasser, ließ sich begießen, kneten, frottieren und war so vergnügt wie ein Fisch im Wasser!

*

Inzwischen saß Blücher schon in aller Frühe beim Whist in seinem engen Quartier zu Rosenberg, das er mit dem Rittmeister von Eisenhart und seinen Söhnen bewohnte.

„Heute bin ich wohl mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett gestiegen!“ brummte er, schlug eine Karte nach der andern auf den Tisch und sah manchen schönen Stich an seiner Nase vorbeitanzen. „Das kommt davon, wenn man zu vieren in einem engen Zimmer logieren und verschämt tun und sich drehen und wenden muß, bis man das Gefühl für rechts und links verliert! Verflucht noch einmal, Pfalzgraf! Gib endlich bessere Karten, gib mir nur ein einziges Mal die Honneurs! Immer und ewig kannst du mir nicht zumuten, dazusitzen und zuzusehen, wie du den großen Schlemm machst! Andere Karten, sonst spiele ich nicht mit euch!“

Lachend strich Eisenhart die Karten zusammen, mischte und teilte sie wieder in vier Haufen aus.

Blücher nahm seine Karten, ordnete sie und brummte dabei wiederholt in seinen Bart. Schließlich legte er sie vor sich auf den Tisch.

„Es nützt ja doch nichts!“ sagte er verdrießlich. „Solange wir hier in dem verfluchten Nest festsitzen, ist’s nichts! Alles geht mir wider den Strich, seit ich Hamburg verließ! Zum Platzen ist das!“

„Exzellenz werden auch einmal gute Karten kriegen!“ tröstete Eisenhart.