Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 16

Chapter 163,680 wordsPublic domain

Ohne viel Gerede, das war die Hauptsache.

Und _den_ hatten die Franzosen nun gefangengenommen! Und Yorck auch, den Braven, der sich wie ein Löwe schlug!

Ob der wohl mit dem Leben davongekommen war?

Das mußte er wissen! Dann sollte auch der auf die Liste der sofort auszuwechselnden Offiziere.

Der alte Isegrim, der mit seinen Jägern während des Rückzuges so viele glänzende Proben von Heldenmut und außergewöhnlichen Führereigenschaften gegeben hatte – bei Altenzaun, wo er dem Korps Weimar den Elbübergang deckte – auf der Nossentiner Heide, wo er stundenlang mit der Nachhut dem Feind den Weg verlegte und ihm derartig an die Kehle sprang, daß er von der Verfolgung an dem Tag genug hatte – auch der Yorck mußte dem König erhalten werden, wäre er nur noch am Leben!

Der König, der würde wohl endlich gelernt haben, solche Leute zu schätzen! Er hatte wohl jetzt gesehen, was an denen war, die bis jetzt sein Vertrauen genossen hatten! Es war eine harte Schule für ihn gewesen! Er hatte sich aber brav gehalten! Zum erstenmal im Feuer! Gar nicht schlecht! Freilich, er hätte nicht die Schlacht abzubrechen brauchen!

Aber er war noch jung, unerfahren, und hatte nicht den rechten wagemutigen Leichtsinn, wenn’s galt, das unbedingt Nötige aufs Spiel zu setzen!

Das war aber die Hauptsache, zum Donnerwetter! Auf die Waghalsigkeit des Spielers kommt es eben an! Von ihr hängt oft das Schicksal von Tausenden ab! Es kann _so_ gehen – es kann auch so gehen! Man weiß es nicht im voraus! Und doch muß es gewagt werden!

„Wagemut, Wagemut, sengt mir das Blut!“

trällerte er plötzlich laut vor sich hin. Und mit dem Gedanken, daß _er_ als Prinzenerzieher zuallererst ihnen die Lust beibringen würde, die Karte zu biegen, damit sie nicht in den Ernstfällen zauderten, sondern nach rechter Mannesart fest zupackten – mit dem Gedanken schlief er ein und schnarchte bald, daß die Balken sich bogen.

Kaum war der Tag angebrochen, so wurde er mit der Kunde geweckt, zwei französische Generäle hätten sich als Abgesandte Bernadottes eingefunden, um die Kapitulation abzuschließen.

„Hol’ der Teufel die Kapitulation!“ schrie er heiser den Hauptmann von Müffling an, der, nach der Gefangennahme Scharnhorsts, das Amt des Quartiermeisters versehen mußte. „Haben die Kerls keine Nachricht von Yorck gebracht? Lebt er noch?“

Der Jubel, als die Frage bejaht wurde!

„Der Isegrim lebt! Der alte Dachs hat nicht ins Gras gebissen! Das dachte ich! Das wußte ich! So was Garstiges, so was Widerborstiges kriegen nicht einmal wir selbst klein! Geschweige denn die Ohnehosen mit ihren Käsemessern! Papier her – Papier und Tinte her!“

Das Fieber war fort, der Alte wie verwandelt! Das Glück im Unglück wirkte besser als alle Medikamente. Er riß Feder und Papier an sich und kratzte in dem unmöglichsten, aber von innigstem, burschikosem Humor durchtränkten Deutsch rasch ein paar Zeilen zusammen und reichte dem Hauptmann das Papier.

„Da nimm’s, mein Sohn, gibt’s den Franzosen! Das sollen sie für Yorck mitnehmen! Der alte Kerl soll wissen, daß ich ihn liebe, obwohl er mir so grob kam! – Er soll fühlen, daß noch einer da ist, der gute derbe Hiebe einschätzen kann, und der den Teufel nach Höflichkeit in solchen Dingen fragt, wenn der Hieb nur sitzt! – Und auch, daß ich an ihn denke, für ihn sorge und von seinen Taten dem König genau berichten und sie ins beste Licht rücken werde!“

Müffling verbeugte sich, versprach alles getreulich zu besorgen und wagte dann an den eigentlichen Zweck seines Kommens zu erinnern – an die Kapitulation – –

Blücher blickte ihn giftig an. Es galt also doch in den sauren Apfel zu beißen.

Er spuckte dreimal verflucht aus und schrie, so gut es ging – denn er war ganz heiser von dem vielen Kommandieren der vorhergehenden Kampftage –, schrie seinen guten Hauptmann Müffling an und sagte ihm, er möge in des Teufels Namen denn das Dokument mit den Parlezvous’ abfassen! Aber deutsch, das bäte er sich aus! Denn er unterschreibe nur, was er lesen könne, und die gaskognischen Gauner und welschen Windhunde könnten ihm die Schuhsohlen lecken – er sagte etwas Schlimmeres –, sie könnten ihn dreiteilen, wenn sie wollten, und in kleine Stücke backen, aber er unterschreibe nichts, wenn nicht hoch und heilig und ehrenwörtlich drin vom französischen Marschall verbrieft und gesiegelt würde, daß der Oberst von Scharnhorst und der Oberst von Yorck – denn er lebte noch –, daß also die zwei sofort ausgewechselt werden würden und gehen könnten, wohin sie wollten! Und wohin _die_ wollten, das wüßte er schon – aber das ginge den Franzmann nichts an!

Ohne das unterschriebe er also nicht! Und unterschriebe _auch_ so nicht, wenn er nicht auch die Gründe angeben könne, warum in drei Millionen Teufels Namen er kapitulieren mußte! Denn daß er das nicht gutwillig täte – daß er kein solcher Schweinehund wäre, das zu tun, solange er noch ein Körnchen Pulver auf der Pfanne hätte, das brauche er ihm wohl nicht erst zu sagen?! Und freies Geleit bedinge er sich für sein Gepäck aus. Denn da wäre die westfälische Landeskasse mit drin. Die wäre keine Kriegskasse und würde nicht von der Kapitulation betroffen. Die Franzosen könnten sich den Mund danach lecken. Und eine Eskorte für sie sollten sie auch noch stellen. Und nun solle er sich scheren, Musje Müffling, und ihm seine Ruhe lassen! Und er bäte sich aus, durch keinerlei Rückfragen behelligt zu werden! Er hätte jetzt seine Orders – er wüßte Bescheid, er solle es gut machen – basta! –

Damit wickelte er sich in seine Decke, drehte dem Quartiermeister den Rücken und schnarchte weiter.

Nach stundenlangem Hin und Her hatten die Unterhändler endlich das schicksalsschwere Aktenstück fertig, durch das der letzte Rest des Blücherschen Korps die Waffen streckte.

Von sechzehn Bataillonen hatte Blücher nur vier aus Lübeck retten können, als die Stadt fiel, und zwei Kanonen von zweiundfünfzig! Diese vier Bataillone sollten nun die Waffen strecken – aber mit allen Kriegsehren. Mit Seitenwaffen und Kanonen, mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel sollten sie vor dem französischen Heere vorüberziehen, und die Offiziere sollten ihre Degen behalten dürfen. Auf die weiteren Bedingungen Blüchers waren die französischen Unterhändler auch eingegangen. Nur – die Angabe der Gründe zur Kapitulation wollten sie ihm nicht zugestehen. Das wäre gegen allen Brauch – das dürfe er nicht beanspruchen, und was sie da noch an Gegengründen vorzubringen wußten! –

„Was bei so’ner niederträchtigen Sache Brauch ist oder nicht, ist mir schnuppe!“ sagte Blücher, als ihm Müffling das verdolmetschte. „Das Kapitulieren ist überhaupt nicht bei mir Brauch und soll, hol’ mich der Teufel, nie wieder bei mir vorkommen! Und was ich beanspruchen darf, weiß ich selbst am besten und brauche mir das von so’n paar hergelaufenen Grünschnäbeln von Franzosen nicht weismachen zu lassen! Die sollen mich den Buckel herunterrutschen, aber unterschreiben tue ich nach _meinem_, nicht nach ihrem Kopf! Und wollen sie das nicht, sollen sie sich zum Teufel scheren!“

Die Franzosen guckten den alten kratzbürstigen Herrn erstaunt an, der sie so von seinem Lager aus mit heiserer Stimme anschrie. Sie blickten sich an, zuckten die Schultern, blickten Müffling an, steckten mit diesem dann die Köpfe zusammen und flüsterten in bedauerndem Tone ein paar freundliche Phrasen, von denen Blücher nur die Worte auffing: „_monsieur le général – – encore très malade!_“

Dann nickten sie endlich wohlwollend zustimmend. Müffling nahm das Dokument, tauchte den Federkiel ein, legte ein dickes Buch unter und gab das Ganze an Blücher, der, auf den linken Ellbogen gestützt, nach der Wand gedreht, und ohne den Siegern sein Gesicht zu zeigen, rasch ein paar Worte hinkritzelte.

Dann reichte er Müffling, ohne sich umzudrehen, Dokument und Federkiel, legte sich wieder hin, nach der Wand gekehrt, und ließ die Franzosen Franzosen sein.

Sie blickten sich wieder an, blickten Müffling an, schüttelten die Köpfe, blickten in das Dokument hinein und buchstabierten laut:

„Ik kapitüliär nür, wei’ ik känn Brott ün kann Münissiong mehr ’abe –

Bluchêre –“

Sie falteten das Dokument zusammen, legten die Finger an ihre Käppis und salutierten mit ausgesuchter Höflichkeit die ihnen reichlich gezeigte Hinterfassade des alten Haudegens, lächelten sich an, schüttelten die Köpfe, rollten ihre kleinen Rattenaugen, daß sie lustig funkelten, drehten die Schnurrbärte spitz in die Höhe, und verließen dann mit Grazie die Höhle des Löwen, ohne von ihm eines Blickes gewürdigt zu werden.

*

Blücher begab sich zunächst als Kriegsgefangener nach Hamburg und hatte die Genugtuung, nach einigen Tagen Scharnhorst dem König senden zu können. Er versäumte nicht, ihn dem Monarchen angelegentlichst zu empfehlen und die Verdienste seines Generalquartiermeisters während des Rückzuges im hellsten Lichte strahlen zu lassen.

Der Einfluß Scharnhorsts zeigte sich bald.

Der König hatte im Zeitraum von kaum drei Monaten so viele Schläge auf sein Land niedersausen sehen wie kein anderer preußischer König vor ihm. Außer den Kapitulationen im freien Felde hatten die Festungen Erfurt, Spandau, Stettin, Küstrin, Magdeburg, Czenstochau, Hameln, Fort Plessenburg bei Kulmbach sich ergeben, und Glogau und Breslau würden, nach allem zu schließen, bald folgen. Trotzdem war der König noch ungebeugt. Er hatte gesehen, was morsch und baufällig in seinem Staate war, aber auch, daß noch frische und unverbrauchte Kräfte vorhanden waren. Das hatte ihm den Mut gegeben, ungesäumt an den Aufbau seines in Trümmer sinkenden Staates zu gehen.

Zunächst fing er da an, wo der Schaden am offenkundigsten zutage getreten war, bei der Armee.

Die Armee hatte es beim Volke verspielt! Preußischer Offizier zu sein, war eine Schande geworden! Alle Welt fand sich befugt und berechtigt, die Offiziere zu verhöhnen und zu beschimpfen! Der lang verhaltene Neid über ihre bevorzugte Stellung kam jetzt elementar zum Ausbruch und machte sich in der gehässigsten Form Luft, durch Pamphlete, in den Zeitungen, durch öffentliche Insulten!

Es galt also, der Armee die Stellung in der allgemeinen Achtung wiederzugeben, die sie als erste und unentbehrlichste Dienerin des Staates haben mußte, um ihres Amtes mit Erfolg walten zu können.

Es galt, ihr vor allem das Vertrauen zu sich selbst wiederzugeben! Es galt, sie zu reinigen! Und das konnte wiederum nur der Offizier selbst tun.

Der Offizier sollte selbst den Offizier richten! Jedes Regiment sollte ein Tribunal einsetzen, vor dem ein jeder Offizier, der sich im Felde irgend etwas hatte zuschulden kommen lassen, sich zu verantworten haben würde! Die Gutachten dieser Tribunale sollten alle an eine Immediatkommission gehen, die schließlich die Urteile nebst Begründung und genauem Bericht dem König unterbreiten müßte.

Am 1. Dezember 1806 erließ der König von Ortelsburg aus, während alles um ihn wankte, sein ewig denkwürdiges „_Publikandum wegen Abstellung verschiedener Mißbräuche bei der Armee_“.

Von dem Tage der Veröffentlichung dieses Aktenstückes an datiert die Neuschöpfung der preußischen Armee, die sie zu der ersten der Welt gemacht hat. Das Publikandum Friedrich Wilhelms des Dritten war der erste Baustein in der Grundmauer, auf der sich sein Reich zum Heile Deutschlands wieder neu aufbauen sollte.

Und Blücher hatte da geholfen, die richtigen Mitarbeiter zu finden.

Wie der Magnet das Eisen, so zog der alte Haudegen alles Tüchtige an sich, sonderte es so von allem Untauglichen und brachte es an den Tag. Und das war schließlich nicht das am wenigsten Wichtige in seiner Lebensleistung!

10 ZWEI WELTEN

„Nun, Monsieur Roustan, wenn man Ihnen von der Redaktion des _Courrier français_ wieder einen Interviewer schickt, um Ihre Ansichten über das Stück Langeweile zu erforschen, das wir hier in den polnischen Sümpfen aufführen, was würden Sie antworten?“

Roustan, der Leibmameluck des Kaisers, pflanzte sich breitbeinig mitten im Zimmer auf, steckte die Hände in die Taschen seiner weiten Pumphosen, warf sein turbanverziertes Haupt zurück, gähnte, als wollte er den Kronleuchter verschlucken, drückte dann sein glattrasiertes Kinn in das Halstuch hinein und bohrte seine Blicke verächtlich in sein Gegenüber.

„Ich würde,“ sagte er, „dem Herrn vom _Courrier français_ genau das gleiche antworten wie Ihnen, Monsieur Constant, daß man hier in diesem verfluchten Nest überhaupt keine vernünftigen Ansichten haben kann!“

„Sie sind eben verwöhnt, Monsieur Roustan!“ sagte Constant und drehte seine schlanke Figur vor dem Spiegel, schlug ein paar Staubkörner vom Ärmel seines grünen, goldgestickten Rockes, zupfte das Spitzenjabot über der weißen Weste zurecht, nahm aus der Tasche seiner schwarzen Atlashose eine Handvoll Goldstücke, ließ sie von einer Hand in die andere rieseln und steckte sie wieder ein. „Sie verlangen Opern, Schauspiele, Hoffeste, Sie wollen Ihre tägliche Suite von Bittstellern, die durch Sie an den Kaiser heranzukommen hoffen, Sie wollen Ihre goldene Ernte, Ihre Geschenke – –! Sie können aber nicht verlangen, in jedem polnischen Nest ein Paris zu finden! Sie können nicht erwarten, täglich hier von Malern um Sitzungen bestürmt – oder von Frauen um Rendezvous – oder von Fremden als größte Sehenswürdigkeit der Residenz angestaunt zu werden! Das strengt schließlich auch an, wenn es auch ein hübsches Stück Geld einbringt! Sie müßten froh sein, ein paar Monate mit dem Betrieb aussetzen zu können! – Oder gehört es zu Ihren unumgänglichen täglichen Lebensbedürfnissen, jeden Morgen im _Courrier français_ ‚Roustans Eindrücke‘ von den Tagesereignissen zu lesen? Glauben Sie, wir können Europa nicht erobern, ohne daß Sie Ihren journalistischen Senf dazugeben?“

„Sie sind neidisch, Constant“, erwiderte Roustan. „Sie wissen, daß ich für Journalisten nicht zu sprechen bin. Einmal nur habe ich mich dazu hergegeben, nach der Premiere der Oper La Caravane mich ausfragen zu lassen. Das war Pflicht. Denn die Wüste, die man auf der Bühne hingestellt hatte – – ich sage Ihnen hahnebüchen, direkt hahnebüchen! – Das verstehen aber die Pariser nicht! Da habe ich, als einzige Wüstenautorität – nun, die Würde werden Sie wohl uns Mamelucken nicht abstreiten können –, da habe ich der feinen Welt von Paris die Wüste klargemacht. Denn man applaudiert nicht bei einem derartigen Schwindel! – Aber wozu davon reden? Das alles ist Kinderei. Wenn ich mich von hier fortsehne, hat das ganz andere Gründe!“

„Sie sind eben undankbar, Roustan! Sie dürfen täglich um den größten Mann der Welt sein. Sie dürfen dabei sein, wo Weltgeschichte gemacht wird, dürfen aus nächster Nähe zusehen, wie die Welt gelenkt wird! Sie werden von Tausenden um diesen Vorzug beneidet, und Sie interessieren sich so wenig, daß Sie keine Ansichten haben.“

„Nehmen Sie ruhig an, Monsieur Constant, daß es nichts als Diskretion ist“, brummte Roustan gleichgültig, nahm seinen blauroten Turban ab und strich dessen Reiherfeder zurecht. „Sie fühlen sich doch auch nicht wohl in diesem Polennest, wo’s nichts als Morast, Regen, Nebel und Kälte gibt, wo keine Menschen, die man Menschen nennen kann, zu sehen sind, außer unseren Soldaten, wo’s überhaupt kein Leben gibt, kein Treiben, kein Theater, keine Feste!“

„Keine Pariserinnen!“ lachte Constant.

„Nun, dort hat man eben seine Freundinnen! Aber hier – nun – für sich selbst sorgt der Kaiser schon! Aber für uns –! Wenn ich wenigstens meine Nachtruhe hätte! Aber seitdem er die Liaison mit der schönen Polin hat, seitdem er so kindisch verliebt ist, seitdem schläft er überhaupt nicht mehr, seitdem ruft er mich jede Nacht immer wieder! Wenn Sie ein Mensch wären, Constant, würden Sie mich einmal ablösen und statt meiner vor seiner Tür schlafen, damit ich einmal ausruhen kann.“

„Ich denke nicht daran“, sagte Constant lächelnd. „Ich habe tagsüber ohnehin so viel mit ihm zu schaffen, daß ich meine Nachtruhe vollauf verdiene. Aber – in anderer Weise komme ich Ihnen gern zu Hilfe.“

„Wie denn?“

„So, daß ich für die Ruhe seines Gemüts sorge. Der Kaiser muß eben anders werden. So wie jetzt, geht es nicht weiter, sonst verlieren wir den Feldzug! – Wir regieren ja nicht mehr, wir führen den Krieg nicht, alles schläft ein, und keine Andeutung hilft. Er ist in Gedanken, er hört nicht, er lächelt manchmal still in sich hinein, oder er seufzt und spricht vor sich hin! Verstehen Sie das? Er, der Mensch aus Stahl, dem man noch niemals eine Leidenschaft ansah, außer der einen: tätig zu sein, Tag und Nacht Anordnungen zu treffen, die ins Getriebe der ganzen Welt eingreifen – er benimmt sich jetzt wie ein ganz gewöhnlicher junger Mensch, der zum erstenmal zu tief in die Augen eines jungen Mädchens geblickt hat! Das ist entschieden ungesund. Er ist krank. Und da habe ich eben auf eigene Faust eingegriffen und ihm einen Helfer hierherbestellt, der sein Ohr hat.“

„Wen denn?“

Ehe Constant antworten konnte, öffnete sich die Tür, und eine seltsame Gestalt trat über die Schwelle.

Roustan lachte laut auf.

„Der soll ein Helfer sein?“ rief er und deutete auf den kleinen, buckligen, gebeugten Herrn, dessen gestickte Hoftracht nur dazu vorhanden zu sein schien, die Gebrechen seiner äußeren Erscheinung recht deutlich hervorzuheben.

Zwischen seinen hochgeschobenen Schultern lag ein mächtiger Kopf mit kräftiger Hakennase und glühenden, von buschigen Brauen beschatteten Augen, wie in ein Vogelnest versunken. – Sein Degen schlug ihm gegen die schiefen Waden und verwickelte sich bei jedem Schritt in ihnen. Er blieb an der Tür stehen und kaute an seinen krallenartigen Fingern.

„Seit wann,“ lachte Roustan, „seit wann ist es Brauch geworden, in Liebessachen den Hühneraugenoperateur zu konsultieren?“

Constant antwortete nicht, sondern wandte sich mit strenger Miene dem Neuangekommenen zu.

„Sie haben uns lange warten lassen, Herr König!“ sagte er kurz in gebieterischem Tone. „Sie hätten bei einigem Diensteifer schon vorige Woche hier auf Finkenstein sein können. Wo sind Sie solange geblieben? Haben Sie die Gelegenheit benutzt, sich erst in Ihrer deutschen Heimat umzusehen?“

„Was Heimat“, kreischte der sonderbare Mann in verdrießlich schnarrendem Ton. „Ich habe keine Heimat, ich pfeife auf derartige Sentimentalitäten! Paris ist mir auch keine Heimat. Paris ist der Platz, wo ich mein Geschäft betreibe. Und was das betrifft, daß ich hier zu spät komme, so läßt mich das kalt. Wo in aller Welt käme wohl ein Hühneraugenoperateur früh genug? Erkundigen Sie sich übrigens bei den Postillionen, die mich gefahren haben, wenn Sie neugierig sind. – Fragen Sie die Soldaten, die meinen Wagen zwei Tage lang in dem Loch stecken ließen, in das wir hineingeraten waren, und die sich auch dann noch nicht beeilt haben würden, meinen Wagen aus dem Dreck zu ziehen, wenn nicht der Wagen des Marschalls Lefebvre sonst nicht hätte vorbeikommen können. Nichts hat bei den Lausekerls geholfen, keine Bitte, kein Trinkgeld –“

„Nun, wenn der Herr Doktor Tobias König ein Trinkgeld verspricht, dann rühre ich mich auch nicht!“ sagte Roustan, der seine Erfahrungen in diesen Dingen bei hoch und niedrig zu machen pflegte. „Da bleibt’s für gewöhnlich beim Versprechen.“

„Auf Ehre!“ rief der kleine Kerl. „Ich habe die Börse gezogen – ich habe ihnen Geld gezeigt – schönes rundes Geld –, vollwichtiges Goldgeld!“

„Goldgeld! Ha, ha!“ lachte Roustan!

„Die haben gelacht wie Sie“, fuhr der andere fort. „Sie haben gesungen, sie sind weitergezogen und haben mich sitzenlassen. Da habe ich ihnen nachgerufen: ‚Auf Befehl des Kaisers –‘, aber sie haben auch dann nicht Hand angelegt, sie haben bloß gefragt: ‚Wer bist du denn?‘ Und da werde ich nicht so dumm sein, zu sagen, ich bin Tobias König, der kaiserliche Oberhoffußarzt – ich habe mich schön gehütet! Einen Juden würden die nur tiefer in den Morast gestoßen haben! Ich habe mich damit begnügt, mich in meinen Mantel zu hüllen, ich habe eine gestrenge Miene aufgesetzt, mich in die Wagenecke gedrückt und mit aller Würde gefragt:

‚Wißt ihr nicht, wer ich bin? – Ich bin der Fürst Talleyrand, der Minister des Auswärtigen.‘ Da haben sie noch mehr gelacht. ‚Nun, wenn du so ’ne miserable Politik machst, daß wir in diesen polnischen Morästen monatelang steckenbleiben, dann schadet’s dir nichts, wenn du auch selbst drin sitzenbleibst!‘ Und sie haben gelacht und sind weitergegangen!“

„Nun,“ sagte Constant, „die Wege sind allerdings nicht berühmt. Wir wollen Ihre Entschuldigung für diesmal gelten lassen. Aber ein anderes Mal werden wir nicht so gutmütig sein. Jetzt werde ich den Kaiser wecken. Warten Sie hier, Monsieur König! Wenn wir Sie heute benötigen, werden wir Sie rufen!“

Er ließ sich von einem Lakaien einen brennenden Armleuchter geben und sah nach der Uhr auf dem Kamin; als der Zeiger auf Punkt halb sieben stand, ging er auf die Tür des Schlafgemachs zu, öffnete sie behutsam und trat leise hinein.

Roustan beeilte sich, die Tür hinter ihm zu schließen, und stellte sich davor.

Napoleon war schon wach. Er lag behaglich ausgestreckt in seinem breiten Bett, von mächtigen Plumeaus zugedeckt, den Kopf mit einem roten, weiß und blau punktierten Seidentuch umbunden, das über der Stirn zusammengeknotet war.

Constant stellte den Armleuchter auf den Kaminsims, trat an das Bett heran und grüßte.

Gegen seine Gewohnheit antwortete Napoleon nicht, hatte auch kein Scherzwort wie sonst bereit, dankte nur mit einem Blick und starrte wieder auf die Decke.

Constant ließ einen Lakaien herein, der schnell im Kamin einheizte, öffnete die Fenster, nachdem er sich erst vergewissert hatte, daß der Kaiser gut zugedeckt war, und schloß sie wieder, als der Ofenheizer fortging.

Er trat wieder an das Bett heran, bereit, Befehle zu empfangen. Als Napoleon ihn gar nicht beachtete, wagte er eine Frage, ob Majestät seinen Tee befehlen.

Eine abweisende Handbewegung war die Antwort.

Ob Seine Majestät heute lieber einen Aufguß von Orangenblüten zu nehmen geruhten?

Die gleiche Antwort.

Constant zog sich vom Bett zurück, machte sich mit dem Feuer zu schaffen, wartete einen Augenblick und machte dann wieder einen schüchternen Versuch.

Der Kurier aus Paris sei angekommen – die Portefeuilles der Minister wären zur Stelle. Er, Constant, hatte auch vertrauliche Mitteilungen vom Polizeioberinspektor Beyrat erhalten über den im Portefeuille des Innern befindlichen Bericht des Polizeipräfekten von Paris, die ein eigentümliches Licht auf die Pflichttreue dieses hohen Beamten warfen. – –

Napoleon winkte wieder ab.

„Später“, sagte er kurz, und Constant zog sich wieder etwas zurück.

Nach einer Weile trat er wieder vor und fing, trotz der abweisenden Gebärde Napoleons, an, wie üblich, den Tagesklatsch vorzubringen.

Da war insbesondere der gefangene preußische General Blücher – oder Bluquaire, wie er ihn nannte, der sich wieder hatte Respektlosigkeiten zuschulden kommen lassen. Der General war ein Grobian. Das Hauptquartier in Rosenberg hatte ihn bestens empfangen, sein Zimmer mit Lorbeeren bestreut, ihm eine Ehrenwache vor der Tür postiert, der General Le Camus hatte ihn in Person empfangen, der Generaladjutant General Dänzel ebenso. Er aber hatte die Aufmerksamkeit kaum beachtet; er hatte verlangt, sofort zum Kaiser geführt zu werden; er hatte geschimpft und getobt, weil er nicht gleich ausgewechselt wurde; mit seinen ebenso ungeschlachten Gesellen spielte er von früh bis spät Karten, trank, rauchte, kurz, er sei ein rechter Barbar! – Und jetzt käme das Unerhörte: – als Majestät neulich an seiner Behausung vorbeigeritten waren und man ihn darauf aufmerksam machte, da spielte er ruhig seine Partie Whist weiter und sagte nur: „Ich will ihn gar nicht sehen, ehe ich ihn nicht sprechen kann.“ Diese Unehrerbietigkeit – diese –

Er hörte plötzlich auf und zog sich etwas zurück, denn der Kaiser saß plötzlich aufrecht im Bett und blickte ihn zornig an.

„Jetzt höre ich Sie bald eine halbe Stunde schwatzen, Monsieur Constant!“ sagte er streng, „Sie haben mir aber mit keinem Wort mitzuteilen geruht, wie Frau Gräfin Walewska die Nacht verbracht hat.“