Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 15

Chapter 153,662 wordsPublic domain

Der Chef der Artillerie, Oberst Hüser, kam dann noch mit der wenig erfreulichen Nachricht hinzu: es fehle den Soldaten an Taschenmunition, und er selbst hätte nur noch fünf Schuß pro Kanone übrig. Und da war es aus.

Da willigte Fürst Hohenlohe ein und kapitulierte mit zehntausend Mann und dreißig Kanonen vor Murats tausend Leuten und vor seinen sechs fürchterlichen Rohren! Alles, weil der Herr Generalquartiermeister Oberst von Massenbach eine Milz hatte und diese ihn am getreulichen Rekognoszieren behinderte! Und auch, weil der Artilleriechef nichts davon wußte oder wissen wollte, daß einzelne seiner Batterien noch über mehr als tausend Schuß verfügten!

Inzwischen balgten sich Blücher und seine Leute sechs Meilen davon nach Herzenslust mit Bernadotte herum. Bei Lychen wurden sie handgemein. Blüchers „Rote“ hieben brav drein, die anderen Truppen taten auch ihr Bestes, schlugen den Franzmann gehörig aufs Haupt, bekamen wieder Mut und Selbstbewußtsein und _sangen_ wieder zum ersten Male, seitdem der Rückzug angefangen hatte.

Da brachte man ein paar Deserteure von der Hohenloheschen Armee ein, die der Kapitulation entflohen waren, weil sie keine Lust hatten, unnütz eine Reise nach Frankreich zu machen. Und von ihnen erhielt man Kunde von dem Ereignisse. Das wirkte wie ein Donnerschlag. Laute Rufe des höchsten Zorns wurden bei den Offizieren hörbar, und Blücher fluchte und tobte, wie nur er es konnte!

In der Siegesstimmung, in der er war, wollte er gleich dreinhauen, zum Angriff vorgehen, sich nach Stettin durchschlagen und, wenn’s sein mußte, bis zum letzten Mann kämpfen, um wenigstens so die von Hohenlohe und Massenbach geschändete preußische Waffenehre wiederherzustellen!

Er ließ Scharnhorst rufen und beratschlagte die Lage mit ihm. Scharnhorst, auch jetzt ruhig und besonnen wie immer, verstand es gut, die Draufgängernatur Blüchers zu bändigen, und fand auch gleich heraus, was zu tun wäre, um dem Ganzen am besten zu nützen. Und da sein Plan immerhin einiges von einem Husarenstücklein an sich hatte, so war Blücher nicht schwer zu überzeugen und willigte sofort ein.

Was Knesebeck beim Kriegsrat in Quedlinburg mit der ganzen Armee tun wollte und nicht durfte, das unternahm jetzt Scharnhorst mit dem Blücherschen Korps.

Statt also nach der Oder durchzubrechen, wollte er lieber umkehren, auf die Elbe zurückgehen, Magdeburg gewinnen oder Hamburg, wenn’s nicht anders ging. – Die Hauptsache dabei war, die Franzosen von der Oder abzuziehen, damit der König Zeit bekäme, sein Heer zu sammeln und die Festungen zu verproviantieren.

Während der Beratung hatte sich aber die Kunde von der Kapitulation unter den Regimentern verbreitet. Und da es überall einige unsichere Kantonisten gibt, so gab’s auch hier verschiedentlich Aufregung, und Rufe wurden laut, es sei am besten, wenn hier gleichfalls kapituliert würde, damit die ewige Hetze endlich einmal ein Ende nähme!

Als aber die Leute das muntere, hoffnungsvolle Gesicht Blüchers sahen, wie er mit Scharnhorst herauskam, und schmunzelnd versicherte: er wolle ihnen bald wieder Gelegenheit zu manch gutem Husarenstücklein geben, da faßten sie sich wieder ein Herz.

„Wo ich etwas zu sagen habe, da soll kein preußischer Soldat Schande haben! Das glauben Sie _mich_!“

So schloß er seine Ansprache.

Die kleine Neigung zur Meuterei war sofort verflogen. Man zog in westlicher Richtung ab, vereinigte sich bald mit dem jetzt von Winning befehligten Korps des Herzogs von Weimar und hatte die Genugtuung, die drei französischen Korps Lannes, Bernadotte und Soult von der Oder ab und auf sich zu ziehen. Aber auch die Mühseligkeit, von ihnen scharf verfolgt zu werden.

*

Massige Kirchen mit erzgrünen Dächern – ragende Türme mit Zinnen und Zacken – ringsum in leuchtendem Rot ein Meer von Ziegeldächern und Treppengiebeln, von breiten Strömen sanft umschlungen und tiefen Gräben mit stillen Gewässern. – Kein dräuender Schlund auf Wällen und Mauern, kein Wächter im Turm, kein wehrhafter Streiter. – Auf hohen Wällen rauschen die Bäume, geheimnisvoll raunt es von alten Stürmen, von Streit und Orlog in fernen Zeiten, ehe alles im Dornröschenschlaf versank, die Tat verträumte und weltfremd wurde.

Da naht ein Ritter – mit rauher Faust er reißt im Gestrüpp eine Gasse. Krachend saust aufs verschlossene Tor der Knauf seines Schwertes, bricht Schloß und Riegel, die Schläge dröhnen, die Bohlen bersten, das Tor springt auf; – – – schrill schmettert sein Streitruf hinein in die Stadt, verscheucht den Schlaf; aus rosigem, sonnigem Traum erwachend, blickt alles froh dem Leben entgegen. Da stürmt der Tod durchs Tor hinein, durch alle Gassen in alle Häuser, mit Mord und Notzucht, plündernd, sengend; in Rauch und Flammen und Strömen von Blut sinkt alles hin. Sitte, Brauch und Gesetze der Väter und heimische Wahrzeichen weichen den Welschen. Statt Ordnung und Recht Erpressung, Gewalt, Guillotine!

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Im Rathause zu Lübeck, im Audienzsaal des Senats zu ebener Erde, hinter den in Hufeisenform gestellten grüngedeckten Tischen, saßen vollzählig versammelt, auf langen Sofas, die Mitglieder eines Hohen Senats, in altspanischer schwarzsamtener Hoftracht mit breiten Halskrausen, die die markigen Köpfe wie auf Präsentiertellern darboten.

Hinter der Balustrade, mitten im Saal, die ragende Gestalt Blüchers, den langen Reitermantel über die Schulter zurückgeschlagen, das graue Haar sich wirr türmend über der hohen Stirn. Wie ein alter, von stürmischem Flug zerzauster Adler, wie ein Recke der Vorzeit, so mutete er an. Hoheit strahlte seine ungebeugte Gestalt aus. Ehrfurcht flößte sie jedem ein, auch den gestrengen Herren auf den Ratsbänken, die versammelt waren, um wider ihn die Rechte einer Freien Reichs- und Hansestadt zu wahren.

„Lübeck hoch in Ehren!“ sagte Blücher und erhob grüßend die Hand. „Dem Haupt der Hansa – der altberühmten Reichsstadt meinen ehrerbietigsten Gruß! Es tut mir leid, als ungebetener Gast vor einem Hohen Senat erscheinen zu müssen, und ich bedauere sehr, daß das Stadttor von uns mit Gewalt geöffnet werden mußte. Aber herein mußten wir. – Not kennt kein Gebot. Wir wurden von der Elbe ab- und hierhergedrängt. So gezwungen, einige Tage hier zu bleiben, um meine Truppen ruhen zu lassen und mit dem Nötigsten zu versehen, sichere ich einem Hohen Senat und der Bürgerschaft Lübecks die strengste Manneszucht zu und Schutz für Leben und Eigentum jedes einzelnen.

Einen Hohen Senat aber bitte ich um Gottes willen zur Verpflegung und Ausrüstung meiner Truppen, um Lieferung von fünftausend Dukaten, achtzigtausend Broten, viertausend Pfund Fleisch, dreißigtausend Flaschen Wein und Branntwein und Schuhe und Futter für fünftausend Pferde!“

Die Senatoren blickten sich ernst an.

Der präsidierende Bürgermeister, Dr. Plessing, nahm dann das Wort und erinnerte in gemessener und wohlgesetzter Rede an die allseits anerkannte Neutralität Lübecks, die durch seine Besetzung von der preußischen Armee jetzt auf das gröblichste verletzt worden war, wogegen er, _in optima forma_, den entschiedensten Protest hiermit einlegen wollte. Er bedaure aufs tiefste die tapfere preußische Armee und gäbe die Notlage zu, wolle sich auch nicht der Darstellung derselben durch ihren berühmten General verschließen, könne aber dessenungeachtet keinesfalls eine Verpflichtung zur Lieferung seitens der Freien Reichsstadt Lübeck anerkennen und erklärte, indem er sie doch nach Möglichkeit in Aussicht stellte, daß man nur der Gewalt weiche.

Blücher erhob bei den Worten sein Haupt.

„In welcher Form die Labung gegeben wird, ist mir gleich, wenn ich nur die Gewißheit habe, ohne zum Äußersten schreiten zu müssen, meine Leute hier erquicken zu können. Eins möchte ich aber doch Eurer Magnifizenz zu Gemüte führen: wenn das Nachbarhaus brennt, da hilft’s mir nicht, mich vor _mein_ Haus hinzustellen und dem Feuer zuzurufen: ‚Dies Haus ist neutral! Da hast du nichts zu suchen, da darfst du beileibe nicht zünden!‘ – Das Feuer brennt, wo der Wind es hintreibt, und den fliegenden Funken kümmert kein Menschengebot. Ist der Krieg entfesselt, so zieht er seine Bahn. Wenn Fieber den Körper schüttelt, da nützt es nicht, der Krankheit zu sagen: ‚Die rechte Hand laß mir in Ruhe, den Kopf auch – sie sind neutral –, da darfst du nicht toben!’ Nein – _da fiebert eben alles mit_, ob’s will oder nicht! Das ist _höhere Gewalt_, meine Herren! _Die Gewalt_ war’s, die mich zwang, Ihre Neutralität zu verletzen, und allein _die_ Gewalt wird es wohl sein, der Sie, meine Herren, hier weichen müssen. So möchte ich es jedenfalls verstanden haben! Denn ich tue hier nichts denn meine Pflicht gegen König und Vaterland, wenn ich versuche, seine Armee zu retten und seinen Feinden möglichst lange unbequem zu werden! Und nun mit Gott!“

Er grüßte und ging.

Im Gasthaus Zum Goldenen Engel, dem Rathause gegenüber, war das Hauptquartier aufgeschlagen.

Dort saßen Scharnhorst und der Hauptmann von Müffling mit Gehilfen in emsigster Arbeit, die Verteidigung der Stadt zu ordnen.

Die Mauern standen ja noch, waren jedoch verfallen, die Wälle mit hohen Bäumen bestanden, Artillerie war nicht vorhanden. Lübeck war also eine offene Stadt, aber leicht zu verteidigen, weil von zwei Seiten von Wasser umgeben, über das nur durch die vier Tore Zugang war.

Gegen drei von ihnen, gegen das Burgtor, das Hüxtertor und das Mühlentor, zog jetzt der Feind heran. Durch das Holstentor ging Blüchers Rückzugsstraße, auf der er schon Kavallerie und Troß nach Ratkau vorangeschickt hatte, während die Trave, bis in die Gegend von Israelsdorf, durch hinter dem Fluß aufgestellte Regimenter gesichert war, und die Armee so hier vor Überflügelung geschützt wurde.

Am Burgtor kommandierte der Herzog von Braunschweig-Oels.

Sowohl Blücher wie Scharnhorst hatten bei ihrer Besichtigung dort viel zu erinnern gefunden. Die Truppen vor dem Tor und auch die Artillerie waren unzweckmäßig aufgestellt. Sie suchten, so gut es ging, die schlimmsten Mißstände abzustellen, ermahnten den Herzog, sein Fußvolk beizeiten zurückzuziehen, damit der Feind nicht gleichzeitig mit ihm durchs Tor eindrängen könnte, und kehrten ins Hauptquartier zurück.

Dort fanden sie den Leutnant von Eisenhart, der soeben aus Münster mit der geretteten westfälischen Landeskasse eingetroffen war, um sie über See weiter in Sicherheit zu bringen. Bei der Geldknappheit Blüchers war er höchst willkommen, da er ihm so über die schlimmste Not hinweghalf. Nach Abgabe einiger Fässer mit harten Talern wurde Eisenhart sogleich mit seiner Geldfuhre nach dem Holstentor vorausgeschickt, um für alle Fälle rasch damit entschlüpfen zu können, falls der Feind doch unerwartet in die Stadt eindringen sollte.

Scharnhorst fing an verschiedene eilige Angelegenheiten mit Blücher zu besprechen. Da trat plötzlich ein untersetzter, dürrer Offizier mit grämlichem Gesicht, den Arm in der Binde, auf krummen Beinen durch die Tür herein – ging auf Blücher zu und fing zu dessen Verblüffung an, ihn in kurzem, knarrigem Ton zu schurigeln.

„Ich hätte mir von Ihnen eine bessere Führung erwartet, General!“ sagte er. „Allerdings, Ihre Attacke bei Auerstedt war nicht berühmt! Und ich war vom Großherzog von Weimar, meinem vorigen Chef, nicht gerade verwöhnt, obwohl er für einen Prinzen ganz annehmbar funktionierte. Aber _Sie_ lassen uns laufen und laufen ohne Ende! Unsere Leute werden marode; Tausende über Tausende sind uns bei den Gewaltmärschen der letzten drei Tage verlorengegangen. – Von meinen Jägern allein, von denen jeder Mann unersetzlich ist, vermisse ich über vierhundert!“

„Alle Wetter!“ sagte Blücher, bei Erwähnung der Jäger aufhorchend, „da sind Sie wohl der Oberst Yorck?“ und kam auf ihn zu, und betrachtete ihn mit unverhohlener Neugier, aber auch mit Wohlgefallen. Den Obersten hatte er, bei seiner Vereinigung mit dem Korps Weimar, unter seinen Befehl bekommen. Er schätzte ihn ungemein wegen seiner Tapferkeit und der geschickten Führung seiner Jäger, hatte ihm gleich den Befehl über die Nachhut überlassen und war deshalb bis jetzt nicht in persönliche Berührung mit ihm gekommen.

„Ich freue mich, Sie endlich einmal zu sehen, Herr Oberst!“ sagte Blücher und reichte ihm die Hand.

„Nun, wenn Sie nicht immer so schnell weitergezogen wären, General, so hätte das früher sein können!“ antwortete Yorck, ohne die ausgestreckte Hand zu bemerken.

„Der Oberst von Yorck meldet sich zur Stelle“, sagte Blücher belustigt und blickte Scharnhorst augenzwinkernd an.

„Ich merke es!“ antwortete dieser.

„Ich hätte das früher besorgt,“ sagte Yorck noch kratzbürstiger, „hätten Sie es nur nicht so eilig gehabt. So kann ich also erst heute meine Meinung vorbringen. Und die ist die: eine verlorene Schlacht wäre weniger mörderisch gewesen als diese Lauferei vor dem Feind. Sie hätten die Schlacht in unserer Position bei Gadebusch ruhig annehmen sollen. Da hatte ich meine Jäger noch alle beisammen, und Sie Ihre Leute auch, General. Munition hatten wir genug, und die Leute waren frischer. Da brauchten wir uns nicht von unserem Wege abdrängen lassen wie jetzt. Der Marsch auf Lübeck war ein Fehler. Hier müssen wir uns doch schlagen, aber lange nicht in so günstiger Verfassung wie dort. Sie haben sich eben von Ihren vielen gelehrten Offizieren“ – er zeigte verächtlich auf Scharnhorst und Müffling – „gründlich nasführen lassen! Das meine Meinung!“ –

Gesagt, die Hand an die Krempe seines Huts gelegt, kehrtgemacht und abmarschiert.

Blücher lachte.

„Zum Küssen ist er! So’n bissiger alter Dachs! Und recht hat er auch! Hundertmal juckte es mich auch unterwegs danach, gehörig dreinzuhauen! Und wären Sie Massenbach gewesen und nicht Scharnhorst, ich hätte mich den Teufel um Ihren Einspruch gekümmert! Sie haben aber immer so gute Gründe, Sie verfluchter Kerl, Sie! Und die schlechte Gewohnheit, immer recht zu kriegen! Da haben Sie nun den Salat!“

Weiter kam er nicht, da wurde er durch heftiges Schießen unterbrochen.

„Man schießt am Burgtor! Kommen Sie, Müffling, schauen wir nach.“

Der Hauptmann von Müffling stand auf, bereit, Blücher gleich zu folgen. Scharnhorst aber erhob energisch Einspruch.

An allen Toren würde heute gleichmäßig geschossen, das hätte nichts zu sagen! Wichtiger wäre jetzt die Befehlsausgabe! Blücher würde unbedingt im Hauptquartier benötigt!

Da kam das Schießen immer näher; man ritt im Galopp draußen auf der Straße. Französische Kommandorufe wurden laut.

Blücher blickte hinaus –

„Französische Dragoner mitten in der Stadt! Ich werde mich wohl hier wie in einem Sack fangen lassen! Der Teufel auch!“

Er lief die Treppe hinunter, von Müffling und seinem Sohn gefolgt.

Auf dem Hof standen die Pferde bereit. In den Sattel gesprungen, die Plempe gezogen, dem Pferde die Sporen gegeben, durchs Haustor hinaus, und dann los, wie toll um sich hauend, so kam der Alte auf den Markt hinaus, wo die Reserve stand.

Yorck, der ein paar Häuser weiter wohnte, kam auch heraus, steckte seine Jäger in die Häuser und auf die Böden, von wo aus sie die Straßen bestreichen konnten. Die anderen Truppen, von Blücher angefeuert, gingen in der Breiten Straße vor. Wiederholt trieb man die Franzosen zurück.

Da gelang es diesen, Artillerie auf dem Koberg in Stellung zu bringen. Von dort aus konnten sie in die Königsstraße und in die Breite Straße hineinschießen.

Ihre Kugeln schlugen weite Gassen in die Reihen der Verteidiger. Als einer der ersten sank, schwer getroffen, Yorck um.

Blücher trieb die Seinen an, den Oberst zu retten und die französischen Kanonen zu nehmen. Man kämpfte erbittert auf beiden Seiten. Da traf die Meldung ein, die Franzosen gingen längs der Trave auf das Holstentor zu und wären im Begriff, die einzige Rückzugsstraße abzuschneiden.

Wollte er sich nicht gefangennehmen lassen, so war es jetzt höchste Zeit, seine Truppen aus der Stadt zu führen. Mit allem, was in der Nähe war, zog er rasch ab und brachte sie noch glücklich durch das Tor hinaus.

Nach vergeblichen Versuchen, noch mehr von seinen Tapferen herauszuhauen, zog er dann weiter nach Schwartau, legte das Fußvolk dort in Quartier und nahm selbst Wohnung in Ratkau, wo die Überbleibsel seiner Kavallerie standen.

In Lübeck aber hausten die Franzosen in der barbarischsten Weise mit Mord und Brand, Plünderung und Notzucht und respektierten so die Neutralität in der ihnen eigenen Art.

In ihren eigenen Chroniken, wo sie sich ihrer sonstigen Kulturtaten rühmen, steht nichts davon.

In den Rechenschaftsbüchern eines Hohen Senats zu Lübeck aber stehen noch verzeichnet die Unsummen an Kriegskontributionen und erpreßten „Geschenken“, die Bernadotte, Soult und Murat nebst Gehilfen zu ergattern wußten.

Wogegen dort, auf der Schuldseite, der Name jenes Mannes längst gelöscht wurde, der in einer Zeit, als alles den Kopf verlor und starke Festungen ohne Widerstand kapitulierten, wenigstens den Versuch machte, sich mannhaft zu wehren, und zwar in einer offenen Stadt.

Er brachte der Stadt wohl Leid dadurch. Aber das kittete sie nur um so fester an das Ganze.

*

Auf seinem Lager im Pfarrhofe zu Ratkau lag der General Blücher hingestreckt. Er fieberte.

Es war Mitternacht. Der Herzog von Braunschweig-Oels hatte ihn soeben mit einem Unterhändler des Marschalls Bernadotte verlassen, der ihm Kapitulation zu ehrenhaften Bedingungen angeboten hatte.

Kapitulation – dieses in den Annalen der preußischen Armee nur in bezug auf den Feind gebräuchliche Wort, hatte ihn unablässig verfolgt seit dem Unglückstage bei Auerstedt! Hätte vorher im Ernst jemand gewagt, ihm Preußen und Kapitulation in einem Atemzuge zu nennen, er hätte ihn ausgelacht, ihm den Rücken gekehrt und ihn keiner Antwort gewürdigt!

Seitdem er aber bei Auerstedt und anderswo die Unfähigkeit der Armeeführer gesehen hatte – seitdem klang ihm immer jenes fatale Wort in den Ohren, Tag und Nacht!

Wo er konnte, hatte er alles getan, um zu verhindern, daß der preußischen Armee diese Schmach angetan würde! Und wo er noch in letzter Stunde hinzukam, war es ihm auch gelungen.

Freilich – überall hatte er nicht anwesend sein können!

Die Schmach bei Prenzlau, wo Hohenlohe mit der Hauptarmee die Waffen streckte – diese unerhörte Schandtat wäre nie und nimmer geschehen, wäre er nur dabei gewesen!

Hätte er nur eine Ahnung davon gehabt, er wäre hingeritten wie der Blitz, hätte den Fürsten und jeden, der nur ein Wort von Kapitulation zu sprechen wagte, vor den Kopf geschossen! Aber geschehen wäre es nicht!

Denn das gab das Signal zu all den anderen Kapitulationen! Wenn der Oberbefehlshaber selbst mit der Hauptarmee sich ergab – was Wunder denn, daß die anderen folgten? Die Kavallerie bei Pasewalk, Bila bei Anklam, und dann: Stettin, Küstrin, Spandau! Wie reife Früchte beim ersten Windstoß vom Baume fallen, so fielen sie, die eine Festung nach der anderen, die eine Armee nach der anderen! Und jetzt war er selbst in der schmachvollen Lage, jenes Wort – jenes verhaßte Wort für immer und ewig seinem eigenen Namen anhängen zu müssen!

Es war ja noch nicht soweit! Er hatte es ja abgelehnt, vor Tagesanbruch in irgendwelche Verhandlungen zu treten! Bis dahin könnte noch manches passieren! Freilich war nicht viel Hoffnung da! Travemünde, wohin er mit dem Rest seiner Truppen ziehen wollte, war bereits gefallen; Geschütz und Gepäck auf dem Wege dorthin verloren, keine Munition mehr, seine Leute ohne Nahrung, frierend und hungernd! Da bliebe ihm nur – –

Er zwang seine Gedanken davon fort.

Der Braunschweiger hatte ihm auch ausführlich vom Einzug Napoleons in Berlin erzählt. Man hatte ja schon in Lübeck verschiedenes davon zu munkeln gewußt – und der Unterhändler Bernadottes hatte es sich jetzt noch angelegen sein lassen, die Begebenheit in möglichst grellen Farben zu malen, um ihn gefügig zu stimmen!

Er schloß die Augen, und sah es so deutlich vor sich, als hätte er es miterlebt, hörte die dröhnenden Trommelwirbel und das Schmettern der Trompeten, die das Nahen des Siegers verkündeten. Und dann ritt der kleine Kerl an der Spitze seiner Garden durchs Brandenburger Tor hinein, vor ihm die erbeuteten preußischen Fahnen, und dann hinterher – wie eine Viehherde, die zur Schlachtbank getrieben wird – die gefangenen preußischen Offiziere. Auch das hatte nicht an seinem Triumph fehlen dürfen!

Und der Pöbel auch nicht, der dem Triumphator huldigte und seine Opfer auspfiff! – –

Er stöhnte laut auf, als er an die Szene dachte. Die Hände krallten sich vor Wut zusammen beim Gedanken an all den Raub, den der Sieger in Berlin gemacht hatte, und all die Schmach und Schande, die er dafür aufs Haupt der Besiegten häufte!

Er lachte laut auf.

„So ist’s recht!“ rief er gallig, sich im Bett aufsetzend, und schlug mit der Faust auf den Bettrand. „So ist’s recht! Nur zu, nur zu! Tritt sie mit Füßen – tritt nach Herzenslust! Die Deutschen trittst du nimmer tot! Aber du trittst sie zu _einer_ Masse zusammen! Nur so werden sie’s, nur die äußerste Gewalt kann das bewirken! Tritt sie – ihnen zum Heil und dir zum Schaden, wenn sie sich dann endlich gemeinsam gegen dich erheben!“

Er sank wieder zurück und lag da lange mit geschlossenen Augen, heftig atmend, die Wangen von Fieberglut gerötet. Gestalten tauchten vor seinem inneren Gesicht auf, Gefährten der letzten Kämpfe, der Flucht und des kläglichen Rückzugs!

Zunächst Massenbach!

Den hatte er auf dem Strich, seit Greußen, wo dieser Schuft sich unterfangen hatte, _sein_, Blüchers, Ehrenwort aufs Spiel zu setzen durch falsche Verdolmetschung seiner Weigerung, es abzugeben!

Den hatte er seitdem nicht aus den Augen gelassen!

Bei Jena war die Memme nicht zum Vorschein gekommen, wie überhaupt nirgends, wo es Ernst wurde! Da verduftete er gleich, um erst, wenn alles glücklich oder unglücklich vorbei war, wieder aufzutauchen und neues Unheil anzustiften!

Jetzt hatte er sich aber für immer und ewig unmöglich gemacht!

Und das war das Gute bei diesem unerhörten Unglück, daß es die Spreu von dem Weizen sonderte, Schädlingen wie Massenbach die Larve vom Gesicht riß und unfähige Leute von den Führerposten entfernte, um die, die sich bewährt hatten, zum Heil des Ganzen an die Spitze zu bringen! So wurden dem Wiederaufbau wenigstens von Haus aus keine Hindernisse mehr in den Weg gestellt! –

Er fuhr auf.

„Er sagte doch –“, fing er laut an, und die Stimme bebte vor Zorn – „er sagte doch – –“

Er lachte laut auf.

„_Kapitulieren_, um dem König eine Armee zu erhalten! So’n Wahnsinn! Und darauf fallen gescheite Leute herein! So’n Wahnsinn! So’n gottverfluchter Wahnsinn!“

Er sank wieder hin, wickelte sich in die Decke und lag wieder still da. Im Kopfe brauste und brummte es von tausend Gedanken. Erlebtes und Erlauschtes trat da wieder in Erscheinung und schoß in bunten Bildern durchs Gehirn. Aus dem brodelnden Chaos tauchte bald dieses, bald jenes wohlbekannte Gesicht auf, als hätten sich die Geister zur Heerschau um das Lager des alten Helden versammelt, um zu raten, zu tadeln und ihm über das Bitterste hinwegzuhelfen. Er sann und sann nach einem Ausweg aus seiner Lage.

Könnte er dem König wenigstens _seinen_ Arm und Kopf retten! Nur nicht kapitulieren müssen, jetzt, wo jeder, der etwas taugte, benötigt wurde!

Und doch, es war nicht zu vermeiden! – Was sonst aber taugte, das sollte wenigstens dem Könige erhalten werden!

Scharnhorst!

Da ließe er nicht nach – der mußte sofort ausgewechselt werden – das wäre Bedingung!

Der gehörte an führenderer Stelle! – Das wollte er dem König gehörig unter die Nase reiben! – Da wäre kein Wort des Lobes zuviel!

Dieser Kerl – Donnerwetter, was für ein Glück, daß er den gefunden hatte!

Er hatte einen Mann in dieser Welt, auf den zu bauen war, hatte ihn ausprobieren können und das reine lautere Gold an ihm gefunden!

Wie hatte er sich nicht bei der Kunde von Hohenlohes Kapitulation benommen! Wo sonst alles den Kopf verlor, blieb er ruhig, bestimmt, zielbewußt, und war sofort und ohne viel Gerede im klaren damit, was getan werden mußte!