Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 14
Bei der Beratung erhoben sich Stimmen dagegen, daß von allen Seiten die Truppen nach Magdeburg hinstrebten und so die Festung verstopften.
Der Hauptmann von dem Knesebeck schlug entschlossen vor, davon gänzlich abzusehen. Es wäre, so meinte er, zweckmäßiger, nur die Versprengten nach Magdeburg laufen zu lassen, um sie dort neuzuordnen. Die armierten und formierten Truppen dagegen könnte man weit vorteilhafter nach Hameln werfen, sich dort mit dem noch intakten Korps des Herzogs von Weimar vereinigen lassen. Dann mit diesem, mit den westfälischen Truppen Lecoqs, und mit Blüchers Artillerie zusammen, Hessen und Westfalen insurgieren, den Feind von Berlin und von der weiteren Verfolgung der aufgelösten Truppen abhalten, und dem König Zeit geben, eine neue Armee zu bilden und, vereinigt mit den Russen, heranzuführen.
Der Plan, der das Gute an sich hatte, wieder die Aktivität der Truppen zu beleben und ihre Unternehmungslust neu zu entfachen, fand allseitigen Beifall.
Er hatte aber den einen und unverzeihlichen Fehler, nicht von Massenbach zu stammen. Und damit war er erledigt.
Oberst Massenbachs Geist durfte sich nie und nimmer in den Bahnen eines anderen bewegen. Und ihn gar der Unbequemlichkeit unterwerfen, sich mit der Prüfung von Gedanken anderer Leute abzugeben, das ging ihm wieder die Natur!
Er entschied also kurz: Die Idee des Hauptmanns von dem Knesebeck wäre gut, sie wäre sogar ausgezeichnet, aber sie ließe sich leider nicht verwirklichen. Unter den obwaltenden Umständen müsse an dem Plan, hinter die Oder zu gehen, festgehalten und die Richtung auf Magdeburg eingehalten werden. Das wäre seine unverfängliche Meinung.
Gründe gab er nicht an. Soweit durfte er seine Autorität nicht aufs Spiel setzen. Er hatte es auch nicht nötig. Denn der Fürst, müde, gelassen und kurzsichtig wie immer, sagte zu seinen Ausführungen ja und amen, ohne nach Gründen zu fragen. Und so bewegte sich alles im alten Trott.
In und um Magdeburg sammelte sich denn so allmählich der Rest der stolzen preußischen Armee – alles in allem fünfundvierzigtausend Mann –, um von den kunsterfahrenen Händen Massenbachs in neue Unordnung geordnet zu werden.
In der Stadt hielt der jetzt allmächtige Herr Hof, ließ Offiziere und Adjutanten, die nunmehr von ihm allein ihre Befehle erhielten, antichambrieren und war nicht zu sprechen, kränkelte an allen Ecken und Enden, hatte seelische Depressionszustände, bedurfte sehr der Schonung, schrie und tobte über den Fürsten und alle Welt, die ihn mit allerlei Drecksachen plagten, _ihn_, dessen Kopf von gigantischen, weltbeglückenden Problemen brannte! Man solle ihn in des Teufels Namen in Ruhe lassen! Er bedürfe keines Rates; er wüßte schon am besten, was zu tun wäre! Und übrigens wäre er müde und müsse erst ausschlafen, um überhaupt denken zu können!
So ungefähr lauteten die „Befehle“, die der Herr Generalquartiermeister zu erteilen geruhte. Und so geschah es, daß das ganze Festungsglacis von Packwagen und allerlei Troß derartig vollgefahren wurde, daß die Artillerie der Bastionen im Ernstfalle nie und nimmer hätte feuern können, ohne erst die eigene Bagage zusammenzuschießen – die Straßen waren von festgefahrenen Fahrzeugen verstopft, die Soldaten langten an, kamen und gingen planlos, statt sofort gefaßt und auf ihre Truppenteile gebracht zu werden. Und, als man schließlich mit der Hälfte der Armee aufbrach, wurden die verkehrtesten Maßnahmen für den Weitermarsch getroffen.
In großem Bogen strebte man auf Umwegen dem Ziele, Stettin, zu, ließ dem Feind den kürzeren und bequemeren, geraden Weg nach Berlin offen, überließ ihm also kampflos die dortigen reichen Vorräte, bis auf die Kassen, die der Minister von Stein heimtückischerweise vor der allerseits einreißenden Schlamperei zu retten wußte.
Dafür sorgte Massenbach in noch nicht dagewesener Weise für das leibliche Wohl der marschierenden Truppen, so daß sie niemals zur Ruhe kamen und stets hungrig blieben.
Der Weg nach dem jeweiligen Marschziel wurde mit größter Sorgfalt so gewählt, daß man sich selbst auf dem Bogen und der Feind sich auf der Sehne bewegen konnte, damit man ja nicht vor den charmanten Franzosen ans Ziel käme. Die Marschordnung wurde so eingerichtet, daß nicht zuviel Kavallerie die dem Feinde zugekehrte Flanke der marschierenden Kolonne schützte, dagegen die linke ungefährdete Flanke von der Masse der Kavallerie bedeckt war – wohl zu merken, in Tagesmarschabstand, damit ihr Chef, der alte Blücher, nicht zu unbequem oder vorlaut werden konnte.
Für Nachtquartier, für Brot und Branntwein und anderes Essen wurde getreulich gesorgt. Aber auch dafür, daß man todsicher anderswohin marschierte, wo nichts bereitstand und auch nichts aufgetrieben werden konnte. Der Umwege gab es noch lange nicht genug! Es mußten immer neue, immer andere gefunden werden! Den Anlaß zum Suchen gab das ewige Schießen der eigenen Marodeure, überall, wohin man kam. Da witterte Massenbach Franzosen die Masse! – Im Geiste sah er seine Lieben von ihnen abgeschnitten oder umzingelt, erlaubte sich auch keinesfalls auf den ketzerischen Gedanken zu kommen, zu kämpfen oder sich durchzuschlagen, und teilte seine Mutlosigkeit und seine Überzeugung von der Nutzlosigkeit eines jeden ferneren Widerstandes den Truppen mit.
So brachte er die Armee, bis auf die Hälfte zusammengeschmolzen, ausgehungert und durch unnütze Nachtmärsche bis auf den Tod ermüdet, _aber kampflos_, bis in die Gegend von Prenzlau, wo sie fast gleichzeitig mit den Spitzen von Murats Kavallerie, am 21. Oktober, ankam, nachdem bei Wichmannsdorf, an dem Boitzenburger See, der Rest des berühmten Regiments Gens’darmes abgeschnitten, gefangen und zur Verherrlichung des Einzugs Napoleons nach Berlin abgeschoben worden war.
Die von Blücher und Scharnhorst vollständig gerettete und der Armee wieder zugeführte Artillerie ging selbstverständlich fast gleichzeitig ebenso vollzählig wieder verloren, sobald sie in andere, weniger geschickte Hände gekommen war.
*
Tram – tararam, tram, tram.
Tram – tararam, tram, tram –
Die Trommler schlugen drein, die Trompeten schallten, im Lustgarten schoß man kaiserlichen Salut, die Glocken bimmelten aus sämtlichen Kirchen, französische Fahnen flatterten überall leicht, graziös und kokett bestrickend von allen Schlössern und Staatsgebäuden und besonders reich vom Brandenburger Tor, durch das der Einzug genommen werden sollte. Der sterbende Oktober gab noch seinen schönsten Altweibersommertag her, um dem Fest die richtige Weihe zu geben. Französische Grenadiere säumten die Straßen ein. Bis weit hinaus auf die Charlottenburger Chaussee sah man die schnauzbärtigen Kerle mit ihren doppelten Bandelieren, in schnurgeraden Linien über der Brust gekreuzt, Gewehr präsentieren und sich martialisch brüsten.
Und dahinter drängte sich alles, was in einer Stadt wie Berlin kreucht und fleucht, reckte sich die Hälse lang, stieß sich die Rippen ein, zertrat sich die Füße, fluchte, lachte, johlte und schrie vor Aufregung, jenes apokalyptische Ungeheuer, das die ganze alte Welt in Trümmer geworfen hatte, endlich einmal mit Augen zu sehen.
Tram – tararam, tram, tram!
Tram – tararam, tram, tram! –
Die Tambours schlugen ihre Wirbel mit Macht, die Bläser bliesen aus vollen Backen, immer näher kam’s, immer lauter schmetterten Posaunen und Trompeten, die Pikkoloflöten wieherten, der Wind wehte die Klänge immer näher, man vernahm schon die Melodie.
„_Allons enfants de la patri–i–e_“, sang gleich ein blasser Ästhetenjüngling mit interessanten dunklen Stirnlocken laut irgendwo hinter dem Rücken der anderen mit – mit einer Vehemenz daß sich seine dünne Fistelstimme noch vor Rührung überschlug. „Das Lied – _das_ Lied ist’s, das die Welt erobert! Überall entflammt es die Herzen, überall entfacht es die Begeisterung! Und wenn sie’s hören, empfangen die geknechteten Völker dankbar ihre Freiheit aus der Hand des Befreiers!“
„Halt’s Maul, Aff’ verfluchter!“ rief ihm ein dicker Fleischerbursche zu, und versetzte ihm einen Bauchstoß, daß ihm das Singen verging.
„Au, meine Hiehneroogen!“ kreischte schrill eine Stimme.
Eine andere gab zur Antwort: „Wennde schon Oogen in de Stiebeln hast, denn guck dir doch unten besser vor, Rindvieh!“
„Bei ihm guckt bloß de jroße Zeeh raus, und die hat keene Oogen nich! Die is blind!“ lachte ein dritter.
„Wat der uns woll noch an Steuern abknöppen wird!“ knurrte ein dicker Budiker, stieß seinen Nachbar in die Seite und zeigte auf „seinen“ Gerichtsvollzieher, der sich eben an ihm vorbeidrängelte.
„Nu wat denn?“ antwortete der Angeredete. „Der wird dir schon janz eklig kommen und nich zu knapp! Denn wat dem sein neuer Herr und Jebieter is – det Napolibum – det soll jerissener sind wie ville Jerichtsvollzieher! Det jehört woll ooch zum Jeschlecht derer von Nimm!“
Immer lauter wurde das Geschrei der Leute. Die Einzelgespräche versanken in dem allgemeinen Trubel, die Marseillaise, von dröhnenden Trommelwirbeln rhythmisch gehoben und vorwärts getragen, schwoll immer machtvoller an und erfüllte mit ihren Klängen die Luft, die Posaunen spien ganze Massen von Fanfaren aus, als gälte es die Mauern Jerichos umzublasen. – Immer näher und näher schob sich das Ereignis; ein Wald von silber- und goldgestickten Fahnen schaukelte langsam und feierlich vorwärts auf das Tor zu, durch dessen mittleren Bogen hindurch und auf die „Linden“ hinein.
Wo aber der Zug der Fahnen vorbeikam, verstummte der Lärm, die Köpfe senkten sich, die Gesichter wurden ernst, zornige Worte preßten sich über zusammengekniffene Lippen, die Fäuste ballten sich, die Augen wurden feucht.
Es waren – _preußische Fahnen_, vor allem die Feldzeichen der preußischen Garderegimenter, von Siegen schwer, von Ehren bekränzt, die in den Schlachten des Großen Friedrich einst ihre Bluttaufe erhalten hatten und jetzt, von achtzig französischen Grenadieren getragen, auf der altgewohnten Straße ihrer einstigen Triumphe dem Besieger Preußens in seiner Hauptstadt voranflattern mußten.
„Hol’ der Teufel die Schufte, die sie so schlecht verteidigt haben!“ fluchte ein alter Veteran zwischen den Zähnen.
„Nie wieder!“ schrie ein anderer und vergaß sich so weit, daß er die Faust drohend gegen die französischen Soldaten schüttelte. „Nie wieder wird euch das hier im Lande vergessen werden, solange die Welt noch steht!“
„_Silence messieurs! Silence donc ici!_“ wetterte es prompt aus der Reihe der spalierbildenden Soldaten, und ein paar derbe Kolbenstöße unterstützten die Mahnung. Indessen verstummte die Marseillaise plötzlich, und der Zug hielt an.
Der Kaiser Napoleon, hoch zu Pferd und umgeben von den Marschällen Berthier, Davoust, Angereau, Bessières und Lefebvre, hielt jetzt am Tor an, um die programmgemäße offizielle Begrüßung entgegenzunehmen.
Eine Gruppe der angesehensten Bürger Berlins, an ihrer Spitze der Zivilgouverneur Fürst von Hatzfeld selbst, trat vor, um dem Kaiser die Schlüssel der Stadt feierlichst zu überreichen.
Der Fürst hielt seine Ansprache; der Sieger von Marengo, Austerlitz und Jena dankte mit seiner melodischen Stimme in leicht singendem Tonfall, die Worte mit absichtlicher Feierlichkeit dehnend und fast skandierend. Er ließ dann die Schlüssel der Stadt vom neuernannten Gouverneur in Empfang nehmen, blickte auf das Tor hinauf zur bronzenen Viktoria, die ihm mit ihrem Viergespann leichtgeschürzt entgegengesaust kam, lächelte bedeutsam und sagte dann, ohne seine Worte an irgendeinen zu richten:
„Die Dame fährt in verkehrter Richtung. Der Sieg kommt heute aus Westen, Messieurs, die Siegesgöttin also auch! Wir wollen ihr auf den rechten Weg helfen!“
Ein Zeichen seiner Hand – die Musik fiel ein, die Trommeln schlugen, die Bläser prusteten, und durchs Siegestor der Hohenzollern zog die glänzende kaiserliche Kavalkade ein, strotzend von Orden und goldenem Schmuck, mit wehenden Federbüschen, prachtvollen Gewändern, von fürstlich aufgeschirrten Pferden getragen. Allen voran Napoleon selbst im grauen Mantel, den schwarzen dreieckigen Hut auf dem Haupte.
„_Vive l’empereur!_“ riefen vorschriftsmäßig die Garden. Vereinzelte Hurrarufe aus der Menge wurden laut.
„’t is ja een janz kleener Mann!“ quiekte plötzlich eine Stimme.
„’n janz kleener!“ brummte eine Baßstimme Antwort. „Det meen ick ooch! Und det will nu janz wat Jroßet sind?! So’n Quatsch!“
„Fif Langperöhr!“ johlten ein paar strebsame Gassenjungen.
Und dann brach ein Sturm los, wie er selten auf der Feststraße Berlins getobt hatte. Der Clou des Festzuges kam, die Überraschung, die Napoleon den Berlinern als Angebinde bot, indem er gleichzeitig seine eigene verletzte Eitelkeit in der raffiniertesten Weise rächte.
Hinter dem Festzug her wurde der Stolz der Berliner, ihr feinstes Regiment, das Regiment Gens’darmes, wie eine Viehherde über die Linden getrieben, durcheinandergeworfen, mit abgerissenen Uniformen, ohne Waffen, ausgehungert und zu Tode gehetzt, um nicht beim Triumphe seines Besiegers zu fehlen.
Eben _die_ Offiziere, die einst so mutvoll an den Stufen der französischen Gesandtschaft ihre Säbel gewetzt hatten, eben die mußten jetzt, dieser Säbel beraubt, an dem Ort ihrer Tat gefangen vorüberziehen, um so ihren einstigen Übermut zu sühnen.
Und derselbe Pöbel, der ihnen damals zujauchzte und noch lauter als sie Frankreich verwünschte – derselbe Pöbel pfiff sie jetzt aus, beschimpfte sie, verlachte sie, bewarf sie mit Kot aus dem Rinnstein und mit unflätigen Zurufen, und gab ihnen die Schuld an dem Krieg und an der Niederlage und an der ganzen Schmach, die über das Vaterland hereingebrochen war. Er hätte sie in Stücke gerissen, hätten nicht die französischen Grenadiere in der Aufrechterhaltung der Ordnung eine geübte Hand gehabt.
Man erhob sich zum Richter, vergaß darüber, wie sooft, die eigene Schuld, und machte sich dadurch erst recht mitschuldig! –
Der Sieger aber, der die Geschmacklosigkeit gehabt hatte, die in ehrlichem Kampfe überwundenen Feinde wie eine Herde gefangener Barbaren im Triumphzuge der Cäsaren mitzuschleppen, er zog weiter nach dem Schloß, empfing dort die sogenannte „Intelligenz“, charmierte, poussierte, kokettierte mit dem Allerweltsbürgertum, das auch hier in Berlin seine üppigsten Blüten trieb, alles bewitzelte, alles verspottete, und vor allem jedes patriotische Gebaren ins Lächerliche zog.
Er teilte Auszeichnungen aus, er ordnete die Verwaltung der Stadt, ernannte Gouverneure, Kommandanten, Richter und Polizeichef, empfing Deputationen und hervorragende Persönlichkeiten der Literatur, der Kunst und der Geldaristokratie, lauter französelnde Weltbürger und hypergebildete Kulturfexe, amüsierte sich über ihre plumpen Schmeicheleien, ließ sich ruhig anhimmeln und quittierte für die Kriecherei, indem er dem besiegten Vaterland jener Vaterlandslosen eine sofort zu entrichtende Kriegskontribution von hundertneunundfünfzig Millionen Mark auferlegte und rücksichtslos einzutreiben befahl. Er verstand den Spaß und wußte eben, was Siegen heißt!
*
„Sagen Sie mal, Herr Kamerad,“ sagte der Major von der Marwitz, der Adjutant Hohenlohes, zum Kapitän von Tippelskirch vom Generalstab, gerade als dieser den Fuß in den Steigbügel setzen wollte, „sagen Sie mal, ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß die kleinsten Ursachen oft die größten Wirkungen haben, und daß, insbesondere in der Weltgeschichte, Begebenheiten von den weittragendsten Folgen, von denen das Schicksal von Nationen abhängt, meistens durch ganz nebensächliche und sonst gleichgültige Umstände herbeigeführt werden?“
„Ich gebe zu, ich habe schon manchmal darüber nachgedacht!“
„Dann werden Sie sich nicht wundern, daß ich jetzt behaupte: wenn wir hier kapitulieren müssen, und ich sehe es schon kommen – –“
„_Ich_ kapituliere nicht – ich reite dann eher davon!“ rief der Kapitän lebhaft.
„Recht tun Sie, Herr Kamerad! Und wäre ich nicht als Adjutant an die Person des Fürsten gebunden, so würde ich es auch so halten. Ich wollte auch nur dartun, daß wir, wenn wir hier kapitulieren müssen, in diese Zwangslage durch den Umstand versetzt worden sind, daß Herr Oberst von Massenbach eine so überaus empfindliche Milz hat.“
Der Kapitän von Tippelskirch lachte.
„Es ist mein Ernst, Kamerad“, sagte der Major. „Mit der Milz ist nicht zu spaßen – mit Massenbachs am allerwenigsten! Wozu das Ding eigentlich da ist, darüber stritten sich von jeher die Gelehrten und streiten sich immer noch. Bei Massenbach ist sie aber ganz bestimmt dazu da, um den guten Oberst zu quälen!“
„Da geschieht ihm nur sein Recht!“
„Sie können überzeugt sein, Herr Kamerad, daß ich ihm noch größere Qualen gönnen würde, wenn wir nur nicht so sehr davon in Mitleidenschaft gezogen würden.“
„Wieso denn?“
„Nun eben weil jenes merkwürdige Klümpchen Fleisch, das man Milz nennt, dem Herrn Massenbach total das Reiten verleidet.“
„Ach so!“
„Kaum sitzt er im Sattel und schlägt ein rascheres Tempo ein, sofort versetzt ihm seine Milz einen Stich, daß er den Atem verliert und nicht weiter kann. Da hilft ihm nichts als der gewöhnliche langsame Trott, oder, am liebsten, daß er im Wagen weiterfahren kann. Galopp oder Trab ist ihm unmöglich auszuhalten. Und dabei soll der Mann rekognoszieren.“
„Wie das ausfällt, läßt sich denken!“
„Ja, aber nur denken! Denn er nimmt die letzte Zeit auf seine Patrouillenritte niemand mit! Er rekognosziert immer allein. Und wissen Sie warum?“
„Nun?“
„Um ohne Zeugen zu sein! Ich habe die Überzeugung gewonnen – und ich möchte beinahe darauf schwören, daß es sich so verhält –, ich habe also die Überzeugung: er unterschlägt wegen der Schmerzen in der Milz den ganzen Ritt, setzt sich irgendwo im Gebüsch hin und kommt dann nach einer Weile wieder mit den wahnsinnigsten Rapporten! Nur so habe ich mir all die merkwürdigen Beobachtungen erklären können, die er gemacht haben will. _Er hat sie eben nicht_ gemacht. Er hat sich gesagt: ‚Es _könnte_ so sein, es könnte aber _auch so_ sein! Nehmen wir also das ‚_auch so_‘ für sicher! Warum sollte ich mit meinem Scharfblick nicht eine Entfernung ohne Vermessen einschätzen können? Brauche ich eine Brücke, ein Defilee, einen Paß zu sehen, um zu wissen, daß sie da sind? Und was den Feind betrifft, daß der hinter uns her und vor uns und überall ist – wer würde wagen, _das_ von den Franzosen zu bezweifeln? Um _das_ festzustellen, dazu brauche ich keinen Ritt zu machen! Das weiß man auch so! Wer kontrolliert’s mir übrigens? Keiner! Und wenn schon – der Fürst glaubt mir aufs Wort! Die anderen Kerls können mir was! Wozu sich schinden?‘ So wird er räsoniert haben!“
„Das hat allerdings etwas für sich“, sagte der Kapitän von Tippelskirch und schlug sich mit der Reitgerte auf den Stiefel. „Mir war es auch merkwürdig, wie er so gar nicht mehr die Entfernungen einschätzen konnte! Denn der Kerl ist nicht dumm! Und kann er auf einmal nicht mehr rechts von links unterscheiden, so liegt’s nicht am Sehvermögen, auch wird er nicht so ganz auf den Kopf gefallen sein. Schließlich muß er doch auch als Generalquartiermeister die Karten kennen. Ich kann mir nicht helfen, aber ich sehe da so etwas wie bösen Willen walten! Der Kerl hat etwas vor!“
„Wissen Sie, Herr Kamerad,“ sagte von der Marwitz zögernd, „ich mag ihn auch ganz und gar nicht. Aber Gerechtigkeit muß sein. An bewußten Verrat glaube ich nicht. Dazu wäre er meines Erachtens auch dann nicht imstande, wenn er die Neigung hätte, denn er ist zu feige. Er ist ein unbedeutender Kopf, der zu Einfluß gelangt und übergeschnappt ist, so daß er sich nur noch mit großen weltbewegenden Plänen abgibt, die er weder fassen noch bewältigen kann. Da passiert es ihm eben, so in Gedanken zu sein, daß er rechts und links verwechselt, falsche Rapporte bringt und verkehrt disponiert. Wir haben’s dann auszufressen, sitzen in der Klemme und müssen verhandeln.“
„Das müssen wir eben nicht! Und wenn ich sehe, daß das losgeht, dann reite ich davon. Wenn Sie mitkommen, soll es mir lieb sein.“
„Ich überlege es mir noch!“
Der Kapitän sprang in den Sattel und legte die Zügel in der Hand zurecht.
„Er ist aber doch ein ausgemachter Franzosenfreund“, sagte er ärgerlich. „Sie haben doch selbst gehört, wie er gegen das Bündnis mit Rußland wetterte. Sie waren doch dabei, als er erklärte: In dem Augenblick, wo wir uns mit Rußland alliieren, verläßt er die preußischen Dienste und geht ins Französische!“
„Ich weiß. Ich habe ja selbst im ersten Ärger dem Fürsten gesagt, er müsse wegen dieser Äußerung erschossen werden. Aber der Fürst hat mich ausgelacht. Massenbach wäre nicht ernst zu nehmen, sagte er. Und dabei nimmt er ihn selbst verteufelt ernst und läßt sich von ihm total beherrschen.“
Der Kapitän beugte sich vom Pferde herunter.
„Wissen Sie was, Kamerad, der eine von den beiden ist ein Schuft, der andere ein Schwachkopf! Das meine Meinung! Wenn es ihre Privatangelegenheit wäre, würde ich keinen Ton sagen. Aber wenn Tausende von Leben von ihren Schrullen abhängen, wenn das ganze Land darunter zu leiden haben wird, daß solche Leute zu befehlen haben – – Na –, wie gesagt, ich reite meines Weges! Wenn’s soweit ist, pfeife ich Ihnen!“
Er grüßte, gab seinem Pferd die Sporen und ritt davon. Major von der Marwitz stieg auch in den Sattel und schloß sich dem Fürsten Hohenlohe und Massenbach an, die sich jetzt zu einer Unterredung mit den Franzosen begaben.
Auf einer niedrigen Wiese kamen sie ihnen entgegengaloppiert, versteht sich, auf guten, erbeuteten preußischen Kavalleriepferden, um recht niederschmetternd zu wirken. Murat selbst ritt das bei Saalfeld erbeutete Pferd Louis Ferdinands; sein Gefolge hatte sich beim Regiment Gens’darmes beritten gemacht.
„Dieser freche Gaskogner – dieser Naseweis von einem Bäckerjungen!“ sagte von der Marwitz laut, als er den blaurotgolden herausgeputzten napoleonischen Reitergeneral sah, wie er sich unter der reichen Verschnürung brüstete und blähte, die gelockten Haare schüttelte und gleich anfing in einer Weise zu schwadronieren, gegen die Massenbachs Zungengeläufigkeit das reine Kinderspiel war.
Der war auch stumm wie ein Fisch und tat das Maul nicht einmal auf. Er starrte nur, wie der Fürst, entsetzt auf Murat, als dieser anfing, nach rechts und links, nach Nord und Süd in die leere Landschaft hineinzuzeigen, und plötzlich vor seiner erstaunten Phantasie die ganze französische Armee aus dem Ärmel schüttelte.
„_Voilà le corps du maréchal Lannes! Voilà le corps du maréchal Bernadotte! Voilà le corps du maréchal Soult!_“
Soult, der hinter der Elbe stand! –
„_Je vous donne ma parole d’honneur, que vous êtes cernés par cent mille hommes! Je me trouve ici avec cent mille hommes, messieurs!_“
Und dabei hatte der Gauner nicht mehr als tausend Mann und sechs Kanonen! Es wäre ein leichtes gewesen, sie zum Teufel zu jagen, wenn man auch nur den Gedanken eines Widerstandes zu hegen gewagt, und wenn nicht Massenbach so liederlich rekognosziert hätte.
Wen der Himmel aber verderben will, den schlägt er mit Blindheit. Und so sah der Fürst Hohenlohe im Geiste nichts als diese fürchterlichen Truppenmassen von allen Seiten dräuen, sah desgleichen das Herz seines geliebten Massenbach immer tiefer in die Hosen sinken und hörte kaum noch hin, als von der Marwitz ihn bat, doch von dieser tiefgelegenen Wiese auf die Chaussee heraufreiten und selbst Umschau halten zu wollen, oder noch besser, ihn mit einer Patrouille auszusenden, ehe er seinen Entschluß fasse.
Massenbach hatte rapportiert! Massenbach hatte all das auch gesehen! – Das genügte!
Das war der Kehrreim vom Lied – das Gesetz, gegen das es keinen Einspruch gab!
Und vollends, damit nichts am Grotesken fehlte: als in der Ferne, auf dem Wege von Stettin, einer von den eignen Pulverwagen aufflog und eine kugelförmige Wolke hochging, die in der Luft eine Weile hängenblieb, als dann alles verblüfft hinschaute, und man sich gegenseitig fragte, was das wohl sein könne, da fiel man zum Überfluß noch auf den Bluff eines der lächelnden Herren Franzosen herein, der mit frecher Stirn ganz ruhig erklärte: „Das ist das Signal von Marschall Soult, daß er Sie von Stettin abgeschnitten hat! Sie sind umzingelt, Messieurs!“