Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 13

Chapter 133,661 wordsPublic domain

„Ich habe wohl dann und wann ein Spiel verloren, Majestät – aber noch öfter eins gewonnen! Und das nur, weil ich das Spiel _gewagt_ habe!“

Der König hatte schon eine derbe Antwort bereit.

Da knatterte es plötzlich irgendwo auf der rechten Seite los, Blücher gab seinem Pferd die Sporen, sprengte hin, um zu sehen, was los war, und kam zurück mit der Meldung, man hätte ein paar naseweise Chasseurs zum Teufel gejagt.

„Werden uns noch durchschlagen müssen!“ sagte der König eintönig und setzte den Weg fort. Blücher ritt voraus und untersuchte das Terrain, war bald hier, bald dort und kehrte bisweilen zum König zurück mit der Meldung über seine Wahrnehmungen, wurde für seine Fürsorge bedankt, aber sonst nicht weiter ins Gespräch gezogen.

Auf einmal, dicht vor Buttstedt, erhob sich an der Spitze der zurückgehenden Kolonnen ein großes Geschrei. Herannahen von Truppen wurde gemeldet. „Die Franzosen sind da!“ schrie alles. „Wir sind abgeschnitten!“ Und gleichzeitig knallte es rechts und links im Gebüsch los.

Alles stockte.

Patrouillen gingen vor und kamen zurück mit der Nachricht, Teile der Armee Hohenlohe zögen aus entgegengesetzter Richtung heran. Man hätte heute bei Jena gekämpft, der Fürst wäre geschlagen und geflüchtet – man wisse nicht wohin – Grawert und Rüchel wären vernichtet, die Sachsen gefangen – die Franzosen verfolgten gegen Weimar die dorthin Geflohenen, man hätte auch hier bald mit ihrem Erscheinen zu rechnen!

Alles stürzte vor, um selbst zu sehen und zu hören und von den Anrückenden nähere Kunde zu bekommen.

Jede Ordnung hörte auf. Die Verbände wurden zerrissen, alles eilte in wirren Haufen durcheinander, schreiend, fluchend, tobend, ohne zu wissen wohin, ohne auf das Kommando zu hören, nur vorwärts auf dem nächsten Weg. Und ging’s nicht schnell genug auf den von der Bagage verstopften Chausseen, dann wurde einfach geplündert, die Regimentskassen verteilt, die Proviantwagen geleert und in die Gräben geworfen. Und wo es etwas Trinkbares zu fassen gab, wurde sofort ein allgemeines Gelage veranstaltet. Die Trunkenheit nahm bei den durch langen Hunger entkräfteten Soldaten reißend zu. Wüste Schmähreden auf die Offiziere, die das ganze Unglück verschuldet hatten, wurden laut, die unflätigsten Schimpfwörter schwirrten durch die Luft, vermischt mit dem kreischenden Gesang der betrunkenen Polen, die mit Sack und Pack abzogen und sich laut damit brüsteten, daß sie nun zu den Franzosen übergingen.

Die Offiziere, die Ordnung zu schaffen suchten, wurden gröblichst insultiert. Die Quälgeister unter ihnen ernteten jetzt die Frucht lange keimenden Mißvergnügens, wurden geschlagen, geschmäht und ihnen ins Gesicht gespuckt. – Die Mannschaften rissen ihre Abzeichen ab, warfen Knöpfe, Achselklappen, Packung und Gewehre in den Kot, daß die Landstraße weithin mit den fortgeworfenen Gegenständen besät wurde.

„Mit Preußen ist’s jetzt aus!“ schrien sie, „Preußen ist hin! Unseres Diensteides sind wir ledig!“

Der König war gleich nach Empfang der Unglücksbotschaft von Jena mit seinem Gefolge weitergeritten. Er nahm den Weg, statt nach Weimar, nordwestlich gen Sömmerda, um von dort nach Sondershausen zu kommen, welchen Ort er als neuen Treffpunkt und Sammelstelle für die Armee angab.

Sein Befehl an die Truppen, ihm dorthin zu folgen, wurde nur von einem Teil befolgt.

Ein großer Teil unter Möllendorf und Oranien war schon dicht vor Weimar angelangt und zog von dort weiter nach Erfurt.

Der König nahm in Sömmerda Quartier und begab sich gleich zur Ruhe. Am folgenden Tag setzten ihm die Generäle zu, er möchte schnellstens vorreisen, um im Hinterlande den Widerstand zu organisieren. Er wäre jetzt da viel nötiger als hier. Er weigerte sich aber standhaft, die Armee zu verlassen.

Blücher schwieg sich anfangs zu der Sache aus. Er überlegte es sich so: Als Heerführer ist der König ebenso unerprobt und unfertig, wie die hohen Generäle untauglich. Ist der Vorteil, die Autorität des Königs im Bedarfsfalle zur Stelle zu haben, größer als der Nachteil, selbst möglicherweise vor ihr zurückweichen zu müssen? Die Sache schien ihm unsicher. Allein würde er am Ende mit den Generälen am besten fertig. Da brauchte er kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Entschlossen setzte auch er dem König zu und brach dessen Widerstand.

In liebenswürdigster Weise bedankte sich der König bei Blücher für dessen umsichtige Führung bei dem gefahrvollen Nachtritt und entband ihn von der Pflicht, ihn weiter zu begleiten, da die Armee seine Kraft anderswo besser benötige. Aber von den roten Husaren nähme er gern die Eskorte für die Weiterfahrt nach Sondershausen an.

Blüchers Augen leuchteten vor Freude, als er das hörte.

Die nötigen Befehle waren schnell gegeben. Aus den Reihen seines stark zusammengeschmolzenen Regiments suchte er selbst die sichersten und erprobtesten Leute aus, und bald zog da eine kleine Schar von fünfzig Husaren vor dem Quartier des Königs auf, unter dem Befehl des Rittmeisters von Wolky, dem des Generals zweiter Sohn, der Leutnant von Blücher, beigegeben war.

Die „Roten“ waren sehr ungehalten über den Rückzug, gerade wo sie die Hoffnung gehabt hatten, gegen den Feind geführt zu werden, und zwar von ihrem Alten selbst, den sie in der Schlacht schmerzlich vermißt hatten.

„Der Feind brauchte nicht viele Schläge mehr,“ meinte einer, „warum wurde nicht die Reserve eingesetzt?“

„Der alte Kalckreuth ist schon schlapp!“ antwortete ein anderer. „Er hatte schon längst einen Knacks, und nun geht ihm wohl vollends die Puste aus!“

„Wir hätten bei unserem Alten sein müssen, als er zur Attacke blasen ließ!“ sagte noch einer. „Da wär’s ein anderer Tanz geworden! Wir hätten ihn nicht aufsitzen lassen! Dunnerslag – so davonzulaufen vor den paar Chasseurs! Eine Schmach war’s und eine Schande! Aber die Königindragoner – – und die Reitzensteinkürassiere – und gar die von Heising! Die denken nur an ihren Magen! Ihre besten Leute fouragierten, als es zur Schlacht gehen sollte, und die anderen, nun, die sind eben nur bei den Paraden zu gebrauchen! Na, nun werden wir ja – – – Kinder – das Regiment kommt zu Ehren!“

„Man gut, daß wir zusammenblieben und hierherkamen. Ich war schon entschlossen, mich in den Busch zu schlagen und zu sehen, wie ich durchkäme, als der Kuddelmuddel unterwegs losging und alles davon redete, sich dem Franzmann zu ergeben! Und hätte ich unseren Alten nicht gesehen – ich wäre längst über alle Berge!“

Da kommandierte der Rittmeister: „Achtung!“

Die Glieder richteten sich; die Leute saßen wie angegossen in den Sätteln; auf Kommando flogen die Säbel aus den Scheiden und salutierten. Denn Blücher erschien jetzt auf der Freitreppe, von zwei Lakaien mit brennenden Armleuchtern begleitet.

Wie er so dastand in der Oktobernacht, hoch, schlank und elastisch wie eine Stahlfeder, das Gesicht mit dem grauen Schnurrbart frisch gerötet, die dunkelblauen Augen vor innerer Glut funkelnd, da war’s jedem der unten Harrenden, als träte er ihnen heute zum erstenmal vor Augen als der Herr und Gebieter, dessen Wort ein jeder sich zu fügen hatte, und wenn’s geradeswegs in den Tod ginge! Ein Gefühl von Sicherheit und Zutrauen kam sofort über sie; die Haltung straffte sich, die Faust krampfte sich stählern um den Säbelgriff, die Schenkel griffen fester um den Sattel, so daß Reiter und Pferd miteinander verwachsen schienen. Und als Blücher vortrat, und mit seiner sonoren, weithin schallenden Baßstimme ihnen zurief: der König habe dem Regiment die Gnade erwiesen und von ihm eine Eskorte angenommen, und er, Blücher, erwarte von jedem einzelnen unter ihnen, daß er sich der hohen Ehre würdig zeige und sein Äußerstes hergebe, um die geheiligte Person des Monarchen glücklich durch alle Fährnisse hindurchzubringen, da bedurfte es nicht noch der Drohung, mit der er glaubte seinen Worten weiteren Nachdruck geben zu müssen, als er die Worte hinzusetzte: „Und das sage ich euch, Kinder, wer von euch nach einem etwaigen Unglück mir noch lebendig unter die Augen zu treten wagen sollte, den würde ich mit eigenem Händen in Stücke hauen!“

Eisenhart klang das, und eisenhart stand der Alte da, wie ein Engel des Gerichts, die Hand auf dem Säbel.

Nicht seinen lieben Roten galten diese drohenden Worte, das wußten sie alle! Sie wußten, daß er sie wohl kannte und keinen Zweifel an ihnen hatte. Er war ihr Vater und sie seine Kinder, Fleisch seines Fleisches, Blut seines Blutes! Wie er für sie und mit ihnen, so würden sie alle freudig auf seinen geringsten Wink in den Tod reiten – dazu bedurfte es weiter keiner Mahnung und beileibe keiner Drohung! Die Worte soeben, die hatten den anderen gegolten, die gestern so schlecht geritten waren und ihren Alten im Stich gelassen hatten, statt ihm zum Sieg zu folgen! _Denen_ waren sie ein gerechter Vorwurf, und die trafen sie auch – an den Roten vorbei, die dabei stolz blickten und mit begeisterten Zurufen seine Ansprache beantworteten.

Dann rief Blücher den Rittmeister von Wolky und seinen Sohn zu sich, sagte ihnen, er hätte befohlen, daß das Husarenregiment von Schimmelpfennig und das Dragonerregiment von Kraft rechts und links von der Chaussee marschieren sollten, um die Reise des Königs zu sichern – befahl ihnen äußerste Wachsamkeit und ging dann hinein, um dem König zu melden, daß alles bereit sei.

Der König wartete schon. Er bat die Generäle, sich vorläufig auf keine Kampfhandlungen einzulassen, da er dem Kaiser Napoleon geschrieben hätte und Waffenstillstandsverhandlungen in Aussicht ständen. Dann verabschiedete er sich vom General von Kalckreuth, dem er den Oberbefehl über sämtliche in Sömmerda stehenden Truppen übertrug, verbat sich das Geleit des alten, todmüden Herrn, ließ sich von Blücher hinausbegleiten, stieg mit seinem Gefolge zu Pferde und trabte davon.

Blücher, von stolzer Genugtuung erfüllt, blieb stehen, solange er noch die wogenden Reihen seiner roten „Kinder“ sehen konnte. Dann machte er kehrt und ging zum General Kalckreuth hinein, um die weiteren Maßnahmen zu besprechen.

Er fand den alten Herrn gänzlich gebrochen vor.

Im Lehnstuhl zusammengesunken, kaum noch atmend, saß er da und starrte wie entgeistert ins Leere hinaus.

An der Tür wartete ein eben angekommener Kurier.

Mit einer schwachen Handbewegung zeigte Kalckreuth auf den Boten und sagte tonlos: „Erfurt kapituliert! Möllendorf und Oranien mit zehntausend Mann unserer besten Truppen haben sich kampflos Murat ergeben! Die Zitadelle Petersberg auch!“

„Die Zitadelle auch?!“

Blücher schlug auf den Tisch, daß der alte Kalckreuth vor Schrecken fast vom Stuhle gefallen wäre. Er schrie, daß alles zusammenlief und bestürzt ins Zimmer drängte, denkend, die Generäle wären vom Feind überfallen worden – obwohl der Feind doch nicht, wie der leibhaftige Gottseibeiuns, durch den Schornstein zu kommen pflegte!

„Himmeldonnerwetter!“ schrie Blücher, „schlag diese Schufte tausend Millionen Klafter in die Erde hinein, die König und Land verraten – diese Memmen, die nicht den Mut finden, lieber zu sterben, als ewige Schande auf sich zu laden – diese hundsmiserablen Mummelgreise, die zu weiter nichts taugen, als alt und überflüssig zu werden und im Wege zu stehen! Ich hab’s kommen sehen! Ich hab’s gewußt! Da soll aber nur noch einer versuchen das Maul aufzutun, um von Kapitulation zu reden! Wer’s wagt, den erwürge ich mit diesen Händen. Und wenn mich darob der Teufel lebendigen Leibes dreimal holen würde – ich tu’s!“

Der alte Kalckreuth erhob sich auf zitternden Beinen bei der fürchterlichen Drohung. Bleich, abgehetzt, todmüde von dem Nachtmarsch und der vorhergehenden Schlacht, stand er da, die lebendige Illustration zu dem Worte Kapitulation, und sah schon halb erwürgt aus. Er öffnete die Lippen – aber ehe er noch etwas entgegnen konnte, meldete sich ein eben eingetroffener Kurier Hohenlohes, rapportierte, der Fürst sei wohlbehalten in Vippach und erbäte sich vom König Befehle.

„In Vippach!“ rief Blücher. „Geb Gott, er wäre ganz woanders, wo’s recht heiß ist! Geb Gott, er wäre in der Hölle mitsamt seinem Massenbach, und käme nie wieder auf deutscher Erde zum Vorschein! Sonst erleben wir womöglich noch größere Schweinereien als die, die er uns in Jena bescherte! Was will der Fürst noch Befehle, wo er ihnen doch nicht gehorcht?!“

Kalckreuth stand mit offenem Munde und unausgesprochener Antwort und blickte ihn entsetzt an. Schließlich winkte er den Boten näher heran und gab ihm mit tonloser Stimme den Bescheid: er möge seinem Herrn bestellen, der König wäre in Sondershausen, und der Fürst würde gut tun, sich auch dorthin zu begeben und sich dort Befehle zu holen.

Dann schrumpfte er in dem Stuhl zu einem leblosen Haufen müder Menschlichkeit zusammen und schlief auf der Stelle ein.

Blücher aber ließ sich ein kräftiges Frühstück kommen und war bald wieder bereit, es mit jedem Schicksal aufzunehmen.

*

Die von Blücher befehligte Arrieregarde war auf dem Rückzug bis in die Gegend von Weißensee gekommen, als plötzlich Prinz August, der ein Bataillon im Regiment König befehligte, in voller Karriere an Blücher heransprengte und ihm schon aus der Ferne laut zurief:

„Die Hundsfötter! Die Hundsfötter! Kommen Sie rasch mit, General, wenn Sie das Unglück noch verhindern wollen, sonst haben wir im nächsten Augenblick die Kapitulation!“

„Da soll doch der Donner dreinschlagen!“ rief Blücher, hochrot im Gesicht. „Sind die Leute denn alle alte Weiber geworden?“

Er gab seinem Pferd die Sporen und sprengte nach dem Standort des Kalckreuthschen Oberkommandos, wo der alte General eben im Begriff war, sich zur Unterredung mit dem Marschall Soult zu begeben.

„Wer redet hier von Kapitulation?“ schrie Blücher ihn an. „Da kann doch keine Rede davon sein, daß wir kapitulieren müssen! Wir schlagen uns durch, wenn’s sein muß – aber uns ergeben? Nee! Das geschieht nie und nimmer!“

Kalckreuth setzte ihm lang und breit die Verhältnisse auseinander, die ihn zwangen, besondere Rücksichten zu nehmen: die königlichen Prinzen, die in seiner Armee standen – die Garden, die er dem König unversehrt erhalten müsse, und schließlich, aber nicht zuletzt, des Königs Verbot, sich in einen Kampf einzulassen. –

„Was die Prinzen betrifft,“ antwortete Blücher, „so sind sie selbst sicherlich die letzten zu verlangen, daß hier kapitulieret wird, damit ihre Haut heil bleibt. Sie werden sich für die Ehre bedanken. Und der Kopf eines Gardisten ist nicht einen roten Heller mehr wert als der eines gemeinen Soldaten. Der König hat Kampfhandlungen verboten, sehr wohl! Aber er hat uns nicht befohlen, seine Truppen dem Feind auszuliefern. Noch weniger hat er uns untersagt, uns zu wehren, wenn wir angegriffen werden, oder den Franzmann zu werfen, wenn er sich uns in den Weg legt. Pulver und Blei haben wir genug, scharfe Säbel auch; sowie Leute, die dem Franzmann damit dienen können. Wer wird so dämlich sein, dem Franzmann da etwas anderes als blanke Hiebe zu geben?!“

Kalckreuth wollte noch etwas entgegnen. Ehe er aber dazu kam, erhob zum maßlosen Staunen Blüchers der Oberst von Massenbach seine Stimme – Massenbach, der bei Jena von seinem Opfer, Hohenlohe, getrennt worden war und jetzt plötzlich im Hauptquartier Kalckreuths zum Vorschein kam.

Dieser Unglücksmensch tat also sein wortreiches Maul auf und übersprudelte gleich von Gründen und Gegengründen und großzügigen Projekten, die gänzlich in den Wolken hingen.

Die Nutzlosigkeit jedes weiteren Kampfes stände ohne weiteres fest, die brauche er nicht noch darzutun nach den Niederlagen, von denen die preußische Armee betroffen worden war.

„Wozu noch mehr vergebliche Blutopfer! Wenn man unter den obwaltenden Umständen kapituliert, dann nimmt man nicht dem König eine Armee, sondern erhält sie ihm!“ sagte er dann und beantwortete die entrüsteten und erstaunten Ausrufe, die diese verblüffende Bemerkung begleiteten, mit einem selbstgefälligen und überlegenen Lächeln.

„Kapitulieren wir – ich wiederhole es –, dann erhalten wir dem König seine Armee! Denn der Kaiser Napoleon ist groß; er ist erhaben und edeldenkend; er ist nicht nur ein großer Feldherr und ein wahrhaft großer Mensch, sondern vor allem ein politisches Genie. Er will uns nicht vernichten, er will ein starkes, mit ihm verbündetes Preußen. Er wird, nach meiner festen Überzeugung, dem König seine Armee völlig intakt wiedergeben, wenn er nur weiß, daß sie nachher gemeinsam mit ihm gegen Rußland kämpft. Freilich wäre es dazu notwendig, daß wir uns jetzt erst politisch anders einrichten!“

„Herr, was redet Er da für einen Kohl?“ fiel ihm Blücher in die Rede.

Aber Massenbach reckte seine kleine Gestalt auf, setzte die Stumpfnase hoch und versuchte auf den viel längeren Blücher verächtlich herabzusehen.

„Ich _deklariere_,“ sagte er mit Nachdruck, „die Allianz mit Rußland ist unser sicheres Verderben. Wer dem Staat redlich dienen will, muß den König daran zu hindern suchen. Rettung für den Staat ist nur noch in einer Allianz mit den Franzosen zu finden!“

Damit kam er aber bei Blücher schlecht an.

„So’n Sauverfluchter – so’n Schwerenotverdammter! Das müssen _wir_ uns sagen lassen! So’n Gewäsch wagt er uns zu bieten!? Wo _wir_ allezeit bereit waren und bereit sind, den letzten Hauch herzugeben, um den Franzmann aus dem Lande herauszujagen, da wollen _Sie_ ihm Tür und Tor öffnen und ihn gar noch in die Arme schließen! Das ist Verrat – das ist – –“

Er kam in solche Aufregung, daß er nicht weitersprechen konnte, und es wäre Massenbach sicherlich sehr übel ergangen, wäre nicht im selben Augenblick ein Parlamentär vom Marschall Soult angekommen, der den Oberbefehlshaber zu einer weiteren Besprechung einlud.

Das nahm sofort seine ganze Aufmerksamkeit gefangen, und Massenbach wurde vergessen.

Als man aber nachher zum Verhandlungsort ritt, da ritt Massenbach mit. Denn er mußte ja überall dabei sein und sein dickes Fell zu Markte tragen.

Soult und die begleitenden Offiziere waren nicht besonders liebenswürdig. Sie kehrten recht deutlich den Sieger heraus und führten die Unterhandlung in so hochfahrender Weise, als sei es eine Gnade von ihnen, überhaupt darauf zu verzichten, die Preußen kurz und klein zu schlagen und zu Brei zu treten.

Blücher sprach kein Französisch.

Er glaubte aber trotzdem aus der langen Unterhaltung Kalckreuths mit den Franzosen ein paarmal das Wort „Kapitulation“ heraushören zu können. Und als das im Anschluß daran einsetzende Geflüster nicht aufhörte, riß ihm schließlich die Geduld.

Er ging zum Marschall Soult hin und rief ihm laut und ohne Umschweife zu: „Kapitulation hin, Kapitulation her! Als Soldat bin ich in Ehren grau geworden. Als ehrlicher Soldat lasse ich mich jederzeit zusammenhauen, wenn’s nicht anders ist! Aber kapitulieren, nein! Die Feigheit dürfen Sie nimmermehr von mir verlangen!“

Dabei schlug er auf die Säbelscheide, daß es klirrte.

Bei den Franzosen ging dann ein Geschnatter los.

Wer jener Monsieur sei, der so aufgeregt tat! – Ob er oder _le comte_ Kalckreuth das Kommando hätte? Man ließe sich einen derartigen Affront nicht bieten, man wäre schockiert, konsterniert und wer weiß was noch! – Man stampfte auf den Boden, ließ die Äuglein zornig blitzen und wetterte und zeterte, daß die Stimmen sich überschlugen.

Blücher fand das höchst ergötzlich und lachte ihnen aus vollem Halse ins Gesicht.

„Wenn die Herren einen Wettkampf im Krähen veranstalten wollen, ich habe nichts dagegen!“ sagte er. „Aber dazu bedarf es meiner Gegenwart nicht!“ Worauf er ihnen den Rücken kehrte, in den Sattel sprang und davongaloppierte. Die Franzosen taten das gleiche. Und die Herren Kalckreuth und Massenbach kehrten betrübt zu den Truppen zurück.

In bester Ordnung wurde denn, trotz dem Feuer der Franzosen, weiter marschiert bis nach Sondershausen.

Dort legte Kalckreuth sein Kommando nieder, nahm Urlaub und reiste von der Armee fort, was Blücher aufs höchste erfreut hätte – wenn der König nicht dem Fürsten Hohenlohe das Oberkommando über die ganze Armee gegeben hätte.

„Nun geht die Unordnung erst recht los!“ fluchte er. „Für einen lahmen Gaul tauschen wir einen blinden ein. Himmelsakrament, wo findet sich ein Kerl, der alles in Ordnung bringt und mir hilft, diese Bangbüxen und Stümper zu Paaren zu treiben?! Wo find’ ich den?“

Da öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle stand ein unscheinbarer Mann in etwas gebückter Haltung, die Augen müde und trübe blickend, als wären sie von Arbeit überanstrengt; das Gesicht von tiefen Furchen durchwühlt. Mit nachlässigen Bewegungen kam er herein, grüßte, strich sich die wirren Haare aus der Stirn und blieb vor Blücher stehen.

„Scharnhorst!“ schrie dieser. „Sie kommen wie gerufen! _Sie_ fehlten mir gerade! Ich bin nichts als Gift und Galle, nach all der Feigheit und Miesepeterei hier. Erzählen _Sie_ mir wenigstens eine gute Neuigkeit!“

Scharnhorst schüttelte müde den Kopf.

„General,“ sagte er, „das geht nimmermehr, wenn Fürst Hohenlohe jetzt den Oberbefehl haben soll und Massenbach alles wieder verfahren darf!“

„Ob das geht!“ rief Blücher, gallig auflachend. „Geradeswegs zum Teufel geht’s, darauf können Sie Gift nehmen.“

„Dann tun _wir_ beide wenigstens, was wir können, um den Schaden zu vermindern! Retten wir die schwere Artillerie! Die läßt sich nun und nimmer über den Harz bringen, wo der Fürst sich jetzt mit der Armee durchschleichen will. Sie bleibt auf den schweren Wegen stecken. Wenn Sie, General, den Befehl über die Kolonne nehmen und mich alles anordnen lassen, dann bringen wir die Artillerie viel sicherer und ebenso schnell auf dem Umweg um den Harz herum ans Ziel. Wir ziehen über Osterode, Braunschweig und bei Sandau über die Elbe. Ich lasse überall im voraus Gespanne requirieren und bei den Haltepunkten bereitstellen, damit die Artilleriepferde, die total abgetrieben sind, geschont werden können. Ich sorge auch dafür, daß wir sofort bei Sandau Fährgelegenheit haben. Das ist alles zu machen, wenn nur ein Mann wie Sie das Kommando nimmt, damit gut aufgepaßt, schnell und energisch im Falle der Gefahr durchgegriffen und ohne Zaudern vorwärtsgegangen wird! Wollen Sie?“

„Sofort!“ sagte Blücher. „Das schaffen wir zusammen! Wir wollen den anderen zeigen, Oberst, was zwei aufrechte Kerle vermögen, wo andere die Köpfe hängen lassen. Wie viele Rohre sind das?“

„Einunddreißig. Und ein Bataillon Infanterie als Bedeckung.“

„Das genügt! Wir nehmen noch an die sechshundert Pferde von meinem Regiment! Kommen Sie, gehen wir gleich zum Fürsten und bringen es ins reine, und dann los!“

Sie schüttelten sich die Hände. Beide hatten gefunden, was sie suchten. Der Generalquartiermeister das starke aktive Temperament Blüchers, das keine Hindernisse kannte und Autorität genug hatte, alles mit sich fortzureißen – Blücher den klugen, sicher und kühl berechnenden Kopf Scharnhorsts, den trefflichen Organisator, den unermüdlichen Arbeiter, den vorausschauenden Blick, der schnell die Grenzen des Möglichen erfaßte und nicht die geringste Kleinigkeit dem Zufall überließ, der die Notwendigkeit des wagehalsigen Temperaments eines Spielers für die Durchführung einer Sache vollauf einsah, ihm aber auch im Bedarfsfalle einen Dämpfer aufzusetzen verstand.

Sie taten sich zusammen, um ein paar Kanonen zu retten, und daraus wurde ein Bund zur Rettung des ganzen Vaterlandes. Ein Bund ohne feierlichen Schwur, ohne Verbrieftes und Gesiegeltes – „vom Zufall herbeigeführt“, würde der Skeptiker sagen – „mit Notwendigkeit – aus Schicksal“, wie der Fatalist es deuten würde. Kurz und gut, es _wurde_. Und der Bund hielt.

Sie schritten also zur Ausführung ihrer ersten gemeinsamen Tat und zogen mit dem Artilleriepark ab.

Inzwischen führte Hohenlohe die Armee auf den vielfach verschlungenen Wegen durch den Harz und machte in Quedlinburg halt.

Dort wurde zur Abwechslung wieder einmal Kriegsrat gehalten.

Hohenlohe, der seine Niederlage bei Jena so schnell mit dem Oberbefehl über die ganze Armee belohnt sah, hatte nämlich nichts Eiligeres zu tun gehabt, als seinen lieben Massenbach wieder hoch in Ehren einzusetzen, und da war guter Rat teuer.