Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 12

Chapter 123,628 wordsPublic domain

Diese Stellung, vom Lager bei Kapellendorf bestimmt, war von dem übergenialen Massenbach fast mit dem Rücken gegen den Feind gewählt. Ob er es tat, um wieder einmal etwas anders und origineller als gewöhnliche Leute zu sein – um dem Feind recht nachdrücklich seine Verachtung zu zeigen –, oder aus übergroßer Höflichkeit, um es ihm recht bequem zu machen, der preußischen Armee in den Rücken zu fallen, das mag dahingestellt bleiben!

Massenbachs Genie reichte aber nicht so weit, anzunehmen, daß der Feind sich gewiß nicht um des Königs von Preußen Verbot, zu kämpfen, kümmern würde! Da man aber den Gehorsam so weit trieb, sich auch kopflos aller Vorteile einer starken Stellung zu begeben – da man also die Saale nicht einmal so lange verteidigte, daß man die Absichten des Feindes erriet – da die Brücke über den Fluß nicht abgebrochen, die Stadt Jena geräumt wurde – da der Talrand ohne Widerstand dem Feind überlassen und ihm gar Zeit und Raum gegeben wurde, dort, auf den beherrschenden Höhen festen Fuß zu fassen, so wäre wohl vorauszusehen gewesen, daß man, ungeachtet aller Verbote, doch gezwungen werden würde, eine Schlacht anzunehmen.

Man hätte sich also ebenso gern gleich, ohne jene Fehler zu begehen, unter unverhältnismäßig günstigeren Bedingungen schlagen können und müssen. Statt später eine Schlacht in offenem Gelände gegen vielfache Übermacht liefern zu müssen, hätte man sich auf ein aussichtsreiches Nachhutgefecht in vorzüglichen Stellungen beschränken und mit dem Gros der Hauptarmee nachziehen können.

Durch den Kadavergehorsam seines Generalquartiermeisters Befehlen gegenüber, die der Befehlende selbst, nach Kenntnisnahme der veränderten Sachlage, sicherlich sofort zurückgenommen hätte, und durch seine eigene Machtlosigkeit gegen diesen seinen bösen Geist, verlor Hohenlohe so die Schlacht, schon ehe sie geschlagen war.

*

Am Nachmittag desselben Tages kletterte ein kleiner Mann in grauem Rock, den dreieckigen Hut auf dem Kopfe, den Abhang des Landgrafenberges hinauf, stellte sich da oben auf den höchsten Auslug, die Arme über der Brust verschränkt, und blickte über die Gegend aus.

Ein paar kurz hingeworfene Worte von ihm genügten, und gleich flogen Kuriere nach allen Richtungen hinaus mit Befehlen für die kaiserlichen Marschälle, schleunigst, wo sie auch waren, auf Jena zu marschieren, wo man allem Anschein nach die preußische Hauptarmee gestellt hatte.

Inzwischen zog aber die preußische Hauptarmee ganz woanders in aller Gemütsruhe weiter an der schützenden Saale entlang.

Auf dem Landgrafenberge bei Jena bereitete sich das Gewitter vor.

Aus allen Schluchten, die rundherum zur Kuppe hinaufführten – aus dem Rauhtal, dem Mühltal, aus der Eule und dem Steiger, fluteten in endlosem Strom nach und nach an die hunderttausend Mann hinauf mit Roß und Wagen, mit Rohren und Protzkästen!

Wie ein Gewimmel geschäftiger Ameisen, so kribbelte und krabbelte es von kleinen nervigen, schnellfüßigen Kerls gegen den einen Punkt hin, wo der kleine Mann im grauen Rock stand.

Bäume wurden gefällt, Wege mit Geistergeschwindigkeit hervorgezaubert, und längs der so gewonnenen Bahnen glitten immer neue Reihen von Kanonen, Protzkästen und Pulverkarren hinauf. Und von oben keine Störung, kein einziger Schuß, kein überraschender Angriff der preußisch-sächsischen Armee, die, teils im Lager bei Kapellendorf, teils um Dornburg herum in weitläufige Quartiere gelegt, an alles andere eher dachte als daran, den unerbetenen Gast wieder in die Schluchten hinabzuwerfen.

Der kleine Mann stand da unbeweglich als ruhender Punkt und Richtzeichen in all dem Getriebe, das auf ihn zustrebte, um nachher, von seiner Hand zusammengefaßt, sich wieder strahlenförmig, wie aus einem Fächer heraus, über die Gegend zu ergießen und die preußische Armee zu umfassen, sobald der Augenblick dazu da wäre.

Der Wind spielte mit den Schößen seines langen grauen Mantels. In der zunehmenden Dämmerung verwob sich ihr Flattern mit den aus den Schluchten der Saale aufsteigenden Dünsten, die immerfort zunahmen, als ginge der Nebel von den grauen Rockschößen aus. Immer dichter wurden die Dünste, schon füllten sie die Täler und die Schluchten und ließen einzelne Kuppen nur noch als übriggebliebene Inseln aus der Überschwemmung herausragen, bis auch sie versanken und das Wolkenmeer sich vom Thüringer Wald, über die Unstrut, bis weit nach der Elbe hin ausbreitete, Städte und Gehöfte verschlang und alles Leben vom Erdboden vertilgte.

Im Schutz dieses Nebels fing der kleine graue Mann an, seine Netze zu legen und seine Fallen zu stellen, schnell, behende, sicher und leise schleichend wie das Unheil selbst.

Sorglos ruhte das Wild. Nur weit in der Ferne und außer Bereich des Waltens jenes unheilschwangeren Geistes wachte ein Wille, von bösen Ahnungen getrieben – ein Wille, der die Macht des Zauberers brechen wollte. Aber er war noch unfrei, noch von den Fesseln blinden Gehorsams gebunden.

Blücher – denn er war es – ging da, von quälender Unruhe getrieben, rauchte sein kurzes Pfeifchen, schnupperte nach allen Windrichtungen hin, räusperte sich, hustete die sauverfluchten Nebeldämpfe aus, spuckte und fluchte über den drückenden Dunst, der das Atmen behinderte und den Ausblick versperrte!

Er dachte daran, wie er einst im Traum den Wolken des Himmels Blitze entriß und die Nebel verscheuchte.

Ja, das wäre so etwas, frei zu fliegen, die Augen offen, alles sehen, im Fluge das Notwendige gleich erfassen und blitzschnell zur Tat werden lassen, statt wie jetzt, am Gängelbande eines anderen, Befehle auszuführen, die der erste beste Stabsoffizier ebensogut bewältigen könnte!

Als ihn heute unterwegs der Befehl des Königs erreichte, sofort seine Truppen zu verlassen, um zu ihm ins Hauptquartier zu kommen, da dachte er: jetzt ist deine Zeit da, jetzt braucht man dich zu etwas, was nur du leisten kannst!

Er ritt schnell wie der Wind hin und kam abgehetzt an – nur um die Nachricht zu empfangen, der König schliefe und wünsche ihn erst am nächsten Morgen zu sehen.

Eiliger war’s also nicht!

Ärgerlich suchte er sich Nachtquartier in einer Scheune und ging nun davor auf und ab und lauschte auf die tausend verschiedenen Laute, die, wie Hilferufe Ertrinkender, von allen Seiten aus dem Nebel herausdrangen.

Alles Leben schien von dem feuchten, klebrigen Dunst verschlungen. Fort war die stolze preußische Armee, fort die strammen Grenadiere mit ihren steif gedrehten Zöpfen und stolzen Schnauzbärten, fort die bunten Röcke der Husaren, die Harnische der Kürassiere, die wehenden Helmbüsche und blitzenden Seitengewehre! Alles war fort, alles versunken in den wogenden Nebelschwaden, aus denen das Rollen der Räder, das Wiehern der Pferde, das Rufen und Pfeifen und Trommeln immer gedämpfter herausdrang, um schließlich zu verstummen, je nachdem wie die marschierenden Gruppen ihre Biwake einnahmen.

Keine Müdigkeit vermochte aber den einsamen Mann dazu zu bringen, sich auch zur Ruhe zu begeben. Am liebsten hätte er sich an die Spitze seiner „Roten“ gesetzt, wäre, auch ohne Befehl, aufs Geratewohl in den Nebel hineingaloppiert, hätte die Gegend bis zur Saale nach Franzosen abgepirscht, hätte das Kroppzeug gestellt, und, wie schon sooft, mit dem preußischen Husarensäbel traktiert.

Aber, es wollte hier alles befohlen sein! Und die Kunst des Befehlens war den wenigsten gegeben!

Der Teufel mochte auch wissen, wo seine „Roten“ biwakierten und wie weit sie zurückgeblieben waren! Ohne sie gelänge kein Streich! Die anderen von der Kavallerie, das waren eben die anderen!

Stunde um Stunde verging; die Dünste begannen allmählich eine hellere Färbung anzunehmen; irgendwo im Osten wühlte etwas Gelbliches sich mühsam Weg durch die Nebel. Hoch und höher stieg es, ohne mehr zu erreichen, als die Dichtigkeit der Dunstschleier noch anschaulicher zu machen. Ein fahles Licht war alles, was bis zur Erde durchsickern konnte, so daß man zur Not noch die Hand vor den Augen sah! Rundherum fing es aber an zu heulen und zu rufen, als zögen die alten Recken der Urzeit wiederum zur Jagd auf den Thüringer Wald, während die Räder ihrer Streitwagen ratterten, die Pferde wieherten und die Sippen folgten, unter Geschrei und Gejohle, um die erlegte Beute zu zerteilen und fortzubringen.

Das Getöse nahm zu und schwoll, vom Nebel zusammengefaßt, immer unheimlicher an.

Jetzt zogen die alten Heidengötter zum Ragnarök aus; die Midgardsschlange ringelte ihren Leib um die Welt; der Fenriswolf sperrte seinen Rachen auf; alles eilte dem Endkampf entgegen – die Götterdämmerung war da!

Und er mußte hier auf Befehle warten, statt sie selbst wie zündende Funken in den Tumult hineinzuschmettern!

Er hielt’s nicht länger aus. Er befahl, das Pferd vorzuführen, ließ seine Adjutanten wecken – seinen Sohn, den Rittmeister von Blücher und den Rittmeister Graf von der Goltz – und ritt, von ihnen gefolgt, um sich beim Könige zu melden.

Der König war schon zu Pferd. Er ließ Blücher wissen, daß bei Kösen Franzosen über die Saale gegangen waren, und daß er gegen sie vorgehen müsse. Befehle möge er sich beim Oberkommandierenden, dem Herzog von Braunschweig, holen.

Der Herzog gab Blücher, da die „Roten“ noch nicht angelangt waren, von der Division Schmettau mit, was von den Heisingschen Kürassieren und vom Dragonerregiment Königin da war. General Schmettau, der seine Kavallerie selbst gut gebrauchen konnte, nahm das gewaltig krumm, ohne es indessen ändern zu können.

Blücher selbst, nicht gerade froh, seine eigenen Leute nicht um sich zu wissen, ließ aber fünf gerade sein, ließ zum Sammeln blasen, setzte sich an die Spitze der Regimenter und galoppierte in den Nebel hinein!

Auf dem Landgrafenberg bei Jena aber war sein Widersacher, der kleine Mann im grauen Rock, nicht müßig gewesen. Ihm hatte keiner etwas zu befehlen. Und das Glück war mit ihm. Kein Feind störte sein waghalsiges Unterfangen, seine ganze Armee die Schluchten nach dem Berg hinaufklimmen zu lassen – kein überraschender Angriff beim Aufmarsch –, kein plötzliches Hineinkartätschen in die marschierenden Massen. Alles ging wie am Schnürchen. Und er selbst biwakierte inmitten seiner Garden auf der höchsten Kuppe so ruhig, als schliefe er in seinem Bett in den Tuilerien. Nichts konnte seinen Schlaf stören, weder trübe Ahnungen noch der aus allen Schluchten des Saaletales hervordrängende Lärm, der die ganze Nacht anhielt, bis seine stolze Armee oben und nach allen Seiten hin in die vorbezeichneten Stellungen aufmarschiert war!

Selbst hatte er schon die Stellungen der preußischen Armee rekognosziert und war bisweilen so nahe an sie herangekommen, daß er Feuer bekam und sich schnell niederwerfen mußte.

Dann fing er, vom Nebel begünstigt, an, seine Truppen wie Schachfiguren hin und her zu schieben, schob Davoust mit seinem Korps weit über Naumburg hinaus, um die preußische Armee von ihren Verbindungen abzuschneiden, zog selbst alles Erreichbare von dem anderen Korps an sich heran und stand zum Losschlagen bereit.

Gegen Morgen fing es dann an im Nebel zu rattern und zu knattern. Das zeitweilige Aufblitzen des Mündungsfeuers aus den Gewehren und Geschützen gab zu erkennen, wo Freund und Feind waren, ließ aber keinen Schluß auf die Menge oder die Art der kämpfenden Truppen zu.

Die Preußen griffen an.

Graf Tauentzien hatte die Bataillone Erichsen, Pelet und Rosen bei Closewitz-Lützeroda und im Issenstedter Forst aufgestellt und ging selbst von Dornburg aus mit mehreren sächsischen Bataillonen vor. Gegen sich aber hatte er die drei Divisionen des Marschalls Lannes mit vielem Geschütz. Ganze Regimenter löste dieser als Tirailleurs auf, die Tauentziens kleine Schar so heftig bedrängten, daß er sie auf Vierzehnheiligen und Altengönne zurücknehmen und hinter den Divisionen des Generals Grawert in Aufnahmestellung führen mußte.

Dieser hatte den Nachteil von Massenbachs dumm gewähltem Lager nach Möglichkeit wieder gutzumachen gesucht. Er hatte seinen linken Flügel linksherum auf Klein-Romstedt geworfen, bekam so die Front auf Vierzehnheiligen und kehrte, wie sich’s gehörte, dem Feinde das Gesicht zu, statt den Rücken, was ihm nachträglich gar das Lob eines großen Feldherrn eingebracht hat.

Gegen Grawert schwärmten nun die französischen Tirailleurs wie die Grasmücken aus und füllten die ganze Gegend. Ihnen war auch Artillerie beigegeben, so daß der Aufmarsch der Division Grawert im heftigsten Feuer stattfinden mußte. Trotzdem avancierten die Grenadiere so ruhig, als wären sie auf dem Exerzierplatz. Mit klingendem Spiel ging’s im Geschwindschritt vorwärts, so daß die Infanterie dicht hinter der auf Linien auseinandergezogenen Kavallerie blieb. Fast bis zu Vierzehnheiligen heran kamen sie. Dann ließ Hohenlohe haltmachen, um das Fallen des Nebels abzuwarten.

Der Feind indessen wartete nicht, sondern schoß wacker hinein in die wie Schießscheiben dastehenden Reihen und lichtete sie nach Kräften. Er selbst war nicht zu sehen. Hinter jeder Unebenheit des Bodens nahm er Deckung und hatte seine Kanonen so gut eingegraben, daß vom Rohre nichts zu sehen war. Da sowohl Infanterie wie Kavallerie durch diese ununterbrochene Belästigung unruhig wurden, war ja nichts natürlicher, als die letztere gleich zur Attacke anzusetzen, sie zwischen die tiraillierenden Monsieurs hineinsausen zu lassen und diese auf die preußische Infanterie zuzutreiben. Aber der Gedanke fand bei der Führung keine Gegenliebe, die Kavallerie blieb weiter auf dem Flecke als Zielscheibe und durfte ihre Säbel nicht gebrauchen.

Endlich fiel der Nebel, und vor den Augen der Tapferen tauchten die französischen Linien auf, wie sie mit klingendem Spiel zum Angriff vorgingen und weit über die beiden Flügel der Preußen hinauslangten. Hinter ihnen standen ganze Kolonnen, von denen immer mehr Leute in die Linien einschwenkten, je nachdem, wie sie sich dehnten und Lücken entstanden.

Vor der drohenden Überflügelung wankte und wich bei den Preußen alles zurück. Und wo’s zurückgeht, ist’s vorbei mit Vertrauen und Zuversicht. Hier und dort riß Unordnung ein, die Unordnung artete zur Flucht aus. Und der Franzose, nicht faul, ließ seine Kavallerie los, wo er die geringste Verwirrung witterte. Wie die Affen sausten die kleinen betrunkenen Kerls drein, fuchtelnd und schreiend, und ritten alles nieder, schon weil sie ihre eigenen Pferde nicht halten konnten.

Manch preußischer Kavallerist biß vor Wut die Zähne zusammen oder fluchte laut über die unfähige Leitung, die es gar nicht zum Dreinhauen kommen ließ! Sie raubte so den Preußen ihre beste Waffe, setzte sie falsch ein, zog sie in Linien aus, ließ sie im Kartätschenfeuer stehen oder nur schleichend vorrücken – etwas, was weder Leute noch Pferde aushielten. Voll Neid schielten sie zu den Sachsen hinüber deren Kavallerie, obwohl nicht besser, weit mehr leistete, weil sie besser geführt war.

Immer mehr rückte die Front der Franzosen vor, unter Trommelschlag und schmetternden Fanfaren, drückte die Mitte gegen das Dorf Vierzehnheiligen, bog den rechten Flügel um die preußische Linie herum – schob seinen linken Flügel weit über die nach Weimar führende Chaussee hinaus und umfaßte den preußischen rechten. Der Rückzug artete in Flucht aus. Die sächsischen Bataillone Maximilian, Rechten und Winkel nahmen dabei mechanisch die Fährte auf die nächste Chaussee auf, gleichviel wohin sie führte, und kamen so gen Weimar, was ganz verkehrt war. Und die Nächststehenden folgten in gleicher Richtung. Auf dem linken Flügel dagegen gingen Tauentzien und Holtzendorf auf Apolda zurück. Die Armee wurde dadurch in zwei Teile gerissen, und der Feind, nicht saumselig, schob nach, was er konnte, und förderte so nach Kräften die Trennung.

Die Ankunft des Generals Rüchel mit seinen fünfzehn Bataillonen änderte an der Niederlage nichts. Gegen die Übermacht konnte seine Armee ebensowenig an wie die Hohenlohes, der seine Soldaten keinesfalls an Tapferkeit nachstanden.

Er ließ sie in Treffen geordnet, staffelweise – „_en échelons_“ – vorrücken. Sie schlugen sich brav, solange es ging, wankten dann, wichen und flohen. Er selbst wurde auch, wie alle anderen Befehlshaber, verwundet und vom Strudel der Fliehenden mitgerissen. Sein ganzes Vorgehen hielt den doppelt überlegenen Feind nicht von der Verfolgung ab – es war bloß eine Einzelhandlung mehr in dieser aus lauter Teilkämpfen bestehenden Schlacht, in der großzügige Führung nur auf seiten Napoleons zu finden war.

Während dies alles sich bei Jena zutrug, war weiter nördlich auf dem Plateau hinter der Saale, bei Kösen, Blücher mit der Avantgarde in den Nebel hineingaloppiert. Er stieß dann plötzlich auf etwas, das er für eine Hecke ansah, bald aber als feindliche Infanterie erkennen mußte. Er segnete den Nebel, der es ihm so ermöglicht hatte, in den Rücken der feindlichen Aufstellung zu kommen, fluchte aber, weil er nicht daran gedacht hatte, den Oberbefehlshaber gleich um mehr Truppen zu bitten, und schickte den Grafen von der Goltz spornstracks zurück, um Infanterie und reitende Artillerie zu holen. Dann würde er versuchen, die feindliche Aufstellung aufzurollen, und es wäre ihm auch gelungen.

Aber sein Adjutant kam nicht zurück, sein Sohn, den er nachschickte, kam wohl wieder, aber ohne Bescheid.

Weder Infanterie noch Artillerie wurden ihm geschickt, dafür fuhr eine Batterie die Chaussee nach Hassenhausen in Karriere hinauf und wurde vom Feind in der Fahrt genommen.

Blücher gab dann seinen Eskadrons Befehl zur Attacke, um auch so die feindliche Infanterie zu durchbrechen. Sie erhielten zwar von links starkes Kartätschenfeuer, gingen aber trotzdem erfolgreich vor, bis auf einmal, durch irgendeine Schlamperei, bei irgendeiner Schwadron „Kehrt“ geblasen wurde, und infolgedessen alles stockte und zurückwich.

Blücher stellte die Ordnung wieder her und erneute den Angriff. Um das Maß der Unordnung vollzumachen, wurde er aber dabei im Rücken von der eigenen Artillerie beschossen, und da war es aus! Die Kavallerie, die sich umzingelt glaubte, wich, und als Blüchers Pferd erschossen wurde und man den General selbst fallen sah, wandte sich alles zur Flucht, und er selbst, auf dem Pferd eines Trompeters nacheilend, wurde vom Strom der Fliehenden mitgerissen. Vergebens stellte er sich mit einer Standarte in der Hand den Leuten entgegen, und bat und beschwor sie, stehenzubleiben, – sie waren nicht zu halten.

Inzwischen waren die Divisionen von Schmettau und Wartensleben rechts und links von der von Auerstedt nach Hassenhausen führenden Chaussee aufmarschiert und zum Angriff vorgegangen, um dem Feind diesen seinen einzigen Stützpunkt diesseits der Saale zu entreißen.

Ihre altgewohnte Taktik aus der friderizianischen Zeit – das Avancieren _en échelons_ –, Bataillonssalven abzugeben und mit dem Bajonett den Rest zu erledigen, kam trotz aller Tapferkeit nicht gegen die neue Kampfart des Gegners auf.

Sie litten entsetzlich im Tirailleurfeuer der behenden Franzosen, deren Kartätschen große Gassen in ihre wie Zielscheiben dastehenden Glieder rissen.

Gleich zu Anfang der Schlacht wurde General Schmettau erschossen. Der Herzog schickte darauf seinen Generalquartiermeister Scharnhorst nach dem linken Flügel, um die Ordnung wiederherzustellen und dort zu befehlen. Als er aber selbst kurz darauf durch die Augen geschossen wurde, da fehlte Scharnhorst, der ja die Befehlsausgabe für das Ganze zu ordnen hatte, an der entscheidenden Stelle, und die Preußen waren ohne Führung.

Feldmarschall Möllendorf war da, war aber schon zu alt und versagte völlig.

Der König war zu unerfahren und auch zu unentschlossen.

Die Schlacht war, wenn sie weiterging, trotz aller anfänglichen Mißerfolge gewonnen. Allein man ahnte es nicht.

Man hätte wohl wissen können und müssen, daß man höchstens ein einziges französisches Korps sich gegenüber hatte –, daß man also über eine erdrückende Übermacht verfügte!

Davoust hatte mehr gelitten als die Preußen und hatte keine Reserven mehr. Aber die preußischen Reserven unter Kalckreuth waren noch intakt.

Blücher ahnte, wie die Sache stand. Er bat den König um Kavallerie, um noch einmal den Versuch zu machen, eine Entscheidung herbeizuführen. Er erhielt sie auch, aber, gerade als er zur Attacke blasen lassen wollte, auch den unausbleiblichen Gegenbefehl. Er solle es lieber bleibenlassen. Es nütze doch nichts mehr. Die Kavallerie hatte es ja heute schon einmal schlecht gemacht. Und die Reserven, die bei Eckartsberga standen und untätig zusahen, wie sich ihre Kameraden verbluteten –, die wollte der König nicht auch noch opfern! Er glaubte nicht an den Sieg und siegte infolgedessen nicht. Er begnügte sich damit, zu befehlen, die Schlacht abzubrechen und einen allgemeinen Rückzug auf Weimar zu nehmen, um sich dort mit Hohenlohe zu vereinigen.

*

Blücher war tobend und fluchend fortgeritten, als der König ihm seine Zustimmung versagte, noch einmal mit der Kavallerie die Schlacht wiederherzustellen.

Der König, der seinen alten Haudegen kannte und ihm nicht recht traute, schickte ihm gleich einen Adjutanten nach mit dem Befehl, zurückzukehren und bei seiner Person zu bleiben.

Sonst wäre es nicht sicher, daß nicht Blücher auf eigene Faust hin doch noch etwas unternähme!

Der Alte kam, meldete sich steif und korrekt zur Stelle, nahm seinen Platz im Gefolge ein, wurde vom König ins Gespräch gezogen, ritt gehorsamst heran, salutierte, antwortete kurz: „Zu Befehl, ja – zu Befehl, nein!“ auf alle Fragen, die der König an ihn richtete, und kam aus der Einsilbigkeit gar nicht heraus.

Der König ließ sich aber nichts merken. Er tat, als wäre alles in bester Ordnung, und sprach weiter auf Blücher ein, ohne seine schlechte Laune zu beachten. Und das paßte Blücher nun ganz und gar nicht in den Kram.

Als der König ihm seine Ansichten über die Ereignisse des Tages mit einer für ihn sehr ungewöhnlichen Gesprächigkeit auseinandergesetzt hatte und eine Pause machte, in der Erwartung, nun Blüchers Meinung zu hören zu bekommen, da schwieg Blücher steifnackig weiter.

Der König konnte dann nicht umhin, ein wenig die Majestät herauszukehren. Er hielt sein Pferd an, was eine Stockung in der Vorwärtsbewegung des ganzen Gefolges bewirkte, blickte auf Blücher, dessen Pferd auch gehorsamst und alleruntertänigst stehenblieb und sagte ein wenig ungeduldig:

„Nun? – Endlich Meinung hören lassen!“

„Zu Befehl, Majestät, meine Meinung ist _die_, wir reiten in verkehrter Richtung!“

„Was heißt das?“

„Wir kehren dem Feind den Rücken –, das ist immer verkehrt! Die Richtung vorwärts ist mir lieber!“

„Uns auch! Wenn aber unsere Leute zurückgehen!“

„Hasenfüße gibt’s in jeder Armee. Es sind aber genug tapfere Männer dabei gewesen!“

„Wir waren überflügelt!“

„Die Überflügelung hätte ich abgestoßen, so Eure Majestät mich hätte gewähren lassen!“

„Es wäre Ihm ebenso schlecht gegangen wie bei Seiner ersten Attacke!“

„Die erste Attacke wäre auch gut gegangen, hätte uns die eigene Artillerie nicht mit Kartätschen beworfen! Der Feind war schon erschüttert! Er hatte keine Reserven! Unsere Reserven waren nicht zum Kampf gekommen. Die Schlacht stand schon. Ein kleiner Stoß noch, und sie wandte sich zu unseren Gunsten! Wir hätten Davoust vernichtet und uns freie Bahn in der alten Marschrichtung erkämpft! Majestät wollen’s mir zu Gnaden halten, aber für so etwas habe ich Nase!“

„Und wenn’s doch anders gekommen wäre, als Er denkt, und das wäre gewiß der Fall gewesen – wir hätten nur unnütz das Blut unserer Leute verspritzt!“

„Majestät halten zu Gnaden, aber dazu sind wir alle da! Wenn’s gilt, König und Volk zu retten, ist kein Leben zu teuer!“

Der König schwieg. Eine Weile ritten sie in Gedanken heiter. Er fing schon an zu dunkeln.

Plötzlich hielt der König wieder sein Pferd an und richtete sich straff auf; seine hohe Gestalt zeichnete sich kräftig gegen den Oktoberhimmel ab.

„Nun haben wir ihn!“ dachte Blücher. „Jetzt gibt er klein bei. Jetzt gibt er den Befehl zur Umkehr und läßt uns die Schlacht erneuern!“

Er hatte sich getäuscht.

Der König seufzte nur, blickte ihn dann an und sagte trocken: „Er hätte das Spiel nicht gewonnen, Blücher!“