Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 11
„Die erste Gelegenheit, mit den Franzosen handgemein zu werden, nutze ich aus! – Sie sollen’s sehen, ich mach’s, und das wird eine Sache, von der man reden wird! Und dann _gibt’s kein Zurück_! Für die Ehre Preußens, Blücher, für den Ruhm der preußischen Armee, dafür setze ich mein Leben ein! Das schwöre ich!“
„Ich auch, bis zum letzten Blutstropfen!“
Sie gaben sich die Hände, und Rüchel, als Dritter im Bunde, legte auch den feierlichen Schwur ab, gab dann Blücher die Befehle, auf die er wartete, und hieß ihn sich auf seinen Posten begeben. Prinz Louis Ferdinand holte sich noch vom Prinzen Hohenlohe Instruktionen und saß kurz darauf im Sattel, um seine Division in Rudolstadt aufzusuchen.
*
Im Schlosse zu Jena dampften die Schüsseln auf der Tafel des kommandierenden Generals. Man hatte im Oberkommando der Hohenloheschen Armee einen Mordshunger. Seit drei Tagen war man zu keinem rechten Mittagsmahl gekommen, immer trafen gerade zur Tischzeit Hiobsposten ein, die getroffene Dispositionen über den Haufen warfen und ohne Verzug neue verlangten.
Im Salon warteten die Mittagsgäste des Fürsten, der General Sanitz, der für den erkrankten General von Prittwitz die in Jena stehenden Reserven kommandierte, die beiden Adjutanten, Major von der Marwitz und Major Loucey, und einige Stabsoffiziere.
Die Stimmung war gedrückt. Ein Teil der Avantgarde unter Tauentzien war von Bernadotte besiegt – der Rest unter Louis Ferdinand bei Saalfeld geschlagen, der Prinz selbst gefallen! Man war zur Unterhaltung wenig geneigt. Jeder der Anwesenden hatte seinen guten Teil Zweifel und Ungewißheit zu tragen und zögerte, ihm Worte zu verleihen. Und schließlich war man, wie gesagt, hungrig und entschlossen, sich wenigstens heute nicht stören zu lassen, sondern erst auf die Schüsseln einzuhauen und dann auf den Feind.
Der Fürst ließ auf sich warten.
Er beriet noch im Arbeitszimmer mit seinem getreuen Massenbach und diktierte verschiedene sofort zu erledigende Dispositionen. Der Hunger setzte ihm wohl ebensosehr zu wie seinen Gästen, die draußen warteten. Aber erst kommt der Dienst, und der verlangte heute schnellen Entschluß! Dann würde die Suppe um so besser munden, und man hätte, nach dem Essen, auch ein Viertelstündchen Zeit zum Ausruhen – was bei einem Sechziger, dem die Strapazen des Hoflebens geläufiger waren als die im Lager, nicht ganz ohne Bedeutung zu sein pflegt.
Die ersten Donnerschläge des Korsen waren gefallen, der Nebel, der seine Absichten bis jetzt verhüllte, hatte sich für einen Augenblick verzogen; man erkannte, aus welcher Richtung das Gewitter nahte, sah, was man versäumt oder falsch gemacht hatte, und traf Maßnahmen, der ersten Verwirrung zu begegnen und die Dinge der neuen Sachlage gemäß zu ordnen.
Massenbach, sonst nicht gewohnt bei seinem für gewöhnlich gutmütigen und gefügigen Herrn Widerspruch zu finden, hatte heute einen schweren Stand.
Der Fürst hatte schließlich auch seine eigene Haut zu Markte zu tragen. Er war nervös und ungehalten, die Verantwortung für Fehlschläge auf sich nehmen zu müssen, die der übereifrige Eigensinn seines Generalquartiermeisters verschuldet hatte. Er warf ihm vor, absichtlich unklare und zweideutige Instruktionen an die Unterbefehlshaber gegeben zu haben, wodurch jeder von ihnen sozusagen einen Freibrief auf eigenmächtiges Vorgehen erhalten und auch, zum Schaden des Ganzen, davon Gebrauch gemacht hatte.
„Es geht nicht,“ sagte der Fürst, „wenn man einen Befehl erteilt, gleichzeitig anzudeuten, daß man die Sache vielleicht doch lieber anders gemacht haben möchte! Ich habe mir unsere an den Prinzen Louis Ferdinand ergangenen Befehle vorlegen lassen. Der Prinz mußte nach ihnen glauben, das Wohl der ganzen Armee hinge davon ab, uns den Flußübergang bei Saalfeld zu sichern. Deshalb warf er sich mit seiner einen Division dem ganzen Korps Lannes entgegen und nahm einen aussichtslosen Kampf mit dem Feind auf, statt sich, wie befohlen, in Ordnung zurückzuziehen und nur in Fühlung mit ihm zu bleiben! Und da haben wir die Niederlage! Seine Division in alle Winde zersprengt, die Stimmung bei der übrigen Armee verdorben und die Siegeszuversicht der Soldaten aufs schwerste erschüttert!“
Das wäre keineswegs der Fall, meinte Massenbach, zog schleunigst alle Schleusen seiner Beredsamkeit auf und überschwemmte den Fürsten mit einer Schwallwoge von guten Gründen.
– Kleine Fehlschläge – und nur um einen solchen handelte es sich in diesem Fall –, kleine Fehlschläge kämen stets im Kriege vor; damit müsse man rechnen, wie schmerzlich sie auch seien! – Die Schlappe bei Saalfeld würde keinesfalls die Stimmung bei den Truppen verderben! Was Prinz Louis Ferdinand in der Beziehung gefährdet hätte, hatte er durch seinen Heldentod wieder gutgemacht!
Hier nahm Massenbach den Mund recht voll, gab im breitesten Schwäbisch eine begeisterte Lobeshymne altpreußischen Heldengeistes zum besten, ließ die kriegerische Tugend des echten Hohenzollernsprossen in den hehrsten Farben schillern, beschrieb, wie der Prinz, als er seine fliehenden Reiter zum Stehen bringen wollte, im Strudel mitgerissen wurde und vergebens dagegen ankämpfte – wie er, als sein Pferd beim Übersetzen eines Gartenzaunes hängenblieb, von den Franzosen eingeholt wurde –, wie er sich dann mit Löwenmut gewehrt, Pardon weder gegeben noch genommen hatte, vielmehr den Stern des Schwarzen Adlers auf seiner Brust mit dem Hut bedeckt, um nicht als Prinz erkannt und geschont zu werden, und wie er so lieber mit dem Tod als mit der Schmach der Gefangenschaft seine Niederlage besiegelte!
Sonst war Massenbach des Eindrucks seiner Beredsamkeit auf den Fürsten sicher. Heute aber versagte sie total!
Keine Rührung, kein Seufzer, keine Träne! Auch kein einziges Zeichen des Beifalls, als er die Nachricht hinzufügte, die Trümmer der Division Louis Ferdinand seien von General Grawert, der ihnen von Orlamünde aus nach Rudolstadt entgegenrückte, aufgenommen und neu geordnet worden!
„Die Schlappe bei Saalfeld war schon der zweite Donnerschlag, der uns traf! Tauentzien bescherte uns den ersten bei Schleiz!“ sagte der Fürst ärgerlich. „Und Sie haben alles mit verschuldet, Massenbach! Hätten Sie nur Ihren Plan: mit Gewalt das Hauptgewicht der Operationen auf das rechte Saaleufer zu verlegen, zurückgesteckt und strikte die Order des Hauptquartiers befolgt! Nun wissen die Generäle nicht aus noch ein! Ein jeder handelt für sich – meine Armee steht überall zerstreut! – Keine Sammlung, keine Einheit! Wenn’s _jetzt_ zum Schlagen käme, sind wir beim ersten Anstoß in alle Winde zerstreut!“ –
Auch gegen _die_ Besorgnis hatte Massenbach ein beruhigendes Pflaster bereit.
– Er hätte, wie der Fürst ihm schon vorher in weiser Voraussicht bedeutet hatte, Stafetten mit Marschorders überallhin ausgesandt, und aus allen Richtungen strebten schon die zerstreuten Teile der Armee zum linken Saaleufer hin! Verschiedene Truppen wären schon angelangt! Die sächsischen Regimenter zögen sogar in dieser Minute durch die Stadt! Nachmittags wolle er, Massenbach, selbst hinauf nach dem Landgrafenberg und dahinter, an der Schnecke und am Kapellendorf, wie befohlen, das Lager ausstecken. Es wäre sogar höchste Eile damit, um fertig zu werden, ehe die Truppen einrückten!
– Ob nicht in Anbetracht dessen Seine Durchlaucht die Gnade haben möchten, zu befehlen, daß aufgetragen werde? Die Suppe würde sonst kalt werden! –
Da kam ihm der Fürst mit dem dritten Donnerschlag von dem mit Windeseile über den Thüringer Wald hinaufziehenden napoleonischen Gewitter und teilte ihm die soeben eingegangene Nachricht mit, Naumburg mit seinen reichen Vorräten und Magazinen wäre gefallen!
„Naumburg?“ flüsterte Massenbach und wurde ganz still.
„Ja,“ sagte der Fürst, „und das haben wir auch durch unsere unklare Befehlsgebung, an der Sie nicht so ganz unbeteiligt sind, verschuldet! Derlei unliebsame Überraschungen, wie jetzt mit Naumburg, setzt man sich nicht aus! Ich hatte bestimmte Befehle gegeben, die dem vorgebeugt hätten, wenn sie befolgt worden wären. Ich hatte, wie Sie wohl wissen, unseren am weitesten nach Osten stehenden vorgeschobenen Postierungen befohlen, gegebenenfalls sich _ohne Kampf_, aber in steter Fühlung mit dem Feind, von Hof über Schleiz nach Naumburg zurückzuziehen und uns stets _à jour_ mit allem zu halten! Der Graf Tauentzien aber verwechselte, von Ihnen angesteckt, seinen Posten als Kommandant der Avantgarde mit der Stellung eines Oberkommandierenden! Er disponierte selbst, schlug sich gegen Befehl und wurde, wie sie wissen, von Bernadotte aufs Haupt geschlagen! Damit fing’s an! Das war das _Horsd’œuvre_! Weil Tauentzien sich statt auf Naumburg nun so allmählich hierher, nach Jena, mit dem Rest seiner Truppen zurückziehen mußte, fehlte mir seit Tagen jede Nachricht über die Fortschritte der Franzosen auf dem Wege nach Leipzig! Die hätten wir längst haben müssen und unsere Gegenmaßnahmen beizeiten treffen können, stände Graf Tauentzien heute wie befohlen in Naumburg, statt bei uns zu dinieren!“
„Der Graf hat abgesagt! Dienstlich verhindert!“ beeilte sich Massenbach einzuwerfen, wagte dann noch eine schüchterne Erinnerung an die wohl längst erkaltete Suppe vorzubringen und fand diesmal bei seinem Herrn ein geneigteres Ohr. Denn der durchlauchtige Magen fing immer gebieterischer an, sich Geltung zu verschaffen.
Man verfügte sich also in den Speisesaal, trat an den reichgedeckten Tisch, die Diener schoben die Stühle zurück, die Tafeldecker hoben die Deckel von den Schüsseln, appetitlich duftende Dämpfe reizten die Gaumen, das Vorgefühl kulinarischer Genüsse erheiterte die Stimmung – man wurde gesprächig, fing an, alles in Rosenrot zu sehen, ließ Vergangenes Vergangenes sein, löffelte vergnügt die delikate Suppe aus und sah schon den Madeira in den Gläsern funkeln.
Da stürzte atemlos, unter gänzlicher Mißachtung einer jeglichen Etikette, der Kammerdiener des Fürsten herein.
„Die Franzosen sind in der Stadt!“ schrie er leichenblaß, und all die erhobenen Suppenlöffel blieben auf halbem Wege zu den aufgesperrten Mäulern stehen, um sich dann langsam wieder auf die Teller zu senken.
„Die Franzosen?“ sagte der Fürst ungläubig. „Unsinn! Sie können nicht fliegen!“
Und er löffelte wieder seine Suppe, kaltblütig, wie’s sich einem erprobten Kriegshelden geziemt.
Aber einige von den Stabsoffizieren meinten, es wäre doch wohl möglich! Sie hätten den Feind am Tage zuvor gesehen, als sie den Vorposten Befehl überbrachten, und es wäre schon anzunehmen, daß er heute seine Streifzüge bis nach Jena ausgedehnt hätte! Die Adjutanten eilten hinaus, um sichere Nachricht zu verschaffen. Massenbach aber aß für drei, in beschleunigtem Tempo, und der Fürst, der sich auch nicht gern beim Essen stören ließ, befahl den Fisch zu servieren. Er schnalzte vor Wohlbehagen beim Anblick der leckeren Forellen, die sich graublau und mattsilbern unter hellgelben Zitronenscheiben auf den glänzenden Schüsseln behaglich rekelten. Er ließ sich ein paar auf den Teller geben, nahm reichlich Butter dazu und fing schon an, die größte zu zerlegen.
Da ging draußen ein Geschrei und ein Getöse los, als wäre das Jüngste Gericht plötzlich über das Land Thüringen hereingebrochen – ein Laufen war’s, ein Fahren, ein Fluchen, ein Poltern! Der Fürst ließ Messer und Gabel sinken, ließ Forelle Forelle sein, erhob sich vom Tisch, befahl, die Pferde vorzuführen, ließ sich Hut und Degen geben und ging aus dem Speisesaal hinaus, von allen Anwesenden gefolgt, mit Ausnahme von Massenbach.
Der hatte sich fest vorgenommen, sich heute durch nichts von der Stillung seines Appetits stören zu lassen, weder vom Kaiser Napoleon noch von irgendeinem anderen Engel des Gerichts! Er nahm also ruhig seinen Platz wieder ein und gab dem Hofmeister einen Wink – die Lakaien traten mit gefüllten Schüsseln an, und der Herr Generalquartiermeister nahm ihnen die Parade ab, revidierte aufs gründlichste, was sie an Proviant noch vorrätig hatten, und verschonte auch nicht die Batterie von Flaschen, die aufgefahren war! Indessen auf den Straßen der Lärm wuchs und den Ohren des schmausenden Helden das geeignete kriegerische Tafelkonzert lieferte.
Draußen sah es wüst aus. Der Markt war übersät mit fortgeworfenen Gewehren und Patronentaschen, deren sich die durchmarschierenden sächsischen Regimenter, von wilder Panik ergriffen, entledigt hatten. Auf der Saalebrücke war ein wirrer Knäuel von festgefahrener Artillerie und Munitionswagen, ein Schreien und Fluchen, um loszukommen, und schließlich ein rasches Davongaloppieren der Gespannpferde, nachdem die Fahrer die Stränge durchschnitten und sich in die Sättel geschwungen hatten. Durch alle Tore strömten Soldaten in die Stadt hinein, um durchs nächste wieder hinauszufluten; die Jenenser, von der allgemeinen Angst ergriffen, sperrten sich in ihre Häuser ein und gaben auch manchen von den wackeren Vaterlandsverteidigern einen Unterschlupf – ließen aber dafür die bei ihnen in Quartier liegenden Offiziere nicht hinein, um ihr Gepäck und ihre Pferde zu holen. Alles schien den Kopf total verloren zu haben. Einzig ein paar Regimenter der unter Tauentzien stehenden geschlagenen Avantgarde, die von Hof über Roda nach Jena gekommen waren, nachdem sie mit dem Feind handgemein gewesen waren und also wußten, wo er war und was sie an ihm hatten – einzig sie behielten die Fassung. An ihrer Spitze umritt denn Hohenlohe die Stadt, um die Friedensstörer, falls sie wirklich noch da waren, zu stellen und zu schlagen.
Da, wo er hinkam, war aber nichts zu sehen. Einige Leute wollten Franzosen auf den Bergen um die Stadt herum bemerkt haben. Und da der Fürst, bei näherem Nachsehen, ein paar Uniformen zwischen den Büschen dort oben bemerkte, so schickte er Patrouillen hinauf, um nach dem Rechten zu sehen.
Sie kamen zurück und brachten als Gefangene – einige Verwundete von der bei Saalfeld versprengten Division des Prinzen Louis Ferdinand mit, die weder in Lazaretten noch in Bürgerhäusern Unterkunft gefunden hatten, die auch, wie fast die ganze durch Gewaltmärsche gehetzte Hohenlohesche Armee, in den letzten drei Tagen nichts gegessen hatten und nun, um ihren Hunger zu stillen, dort oben in den Feldern nach Kartoffeln gruben. Für ihre Entbehrungen hatte ja auch die bekanntlich pünktlich waltende Nemesis der Weltgeschichte den Fürsten durch ebenso häufige Störungen seiner Mahlzeiten gestraft, da ja _er_ die Verantwortung zu tragen hatte und sein Generalquartiermeister nur zu sündigen brauchte!
Diese armen Leute waren es, die den Schrecken über Stadt und Land losgelassen und so vielen tapferen Leuten eine schmähliche Niederlage bereitet hatten.
Ein paar Hasenfüße von der Straße hatten sie gesehen und „die Franzosen kommen!“ geschrien. Und gleich war der Teufel los, Lärm wurde geschlagen, Besinnung, Mut und Ordnung waren hin, und eine Schlacht ging verloren, in der es nur Besiegte, aber keinen Angreifer und also auch keinen Sieger gab!
Der Fürst kehrte an der Spitze seiner Tapferen in die Stadt zurück, befahl die ineinandergefahrene Artillerie auseinanderzubringen und die Fahrer, die die Stränge durchgeschnitten hatten und geflohen waren, festzunehmen und mit aller Strenge der Kriegsgesetze zu bestrafen – eine Aufgabe, die die sächsische Generalität gütigst übernahm und auch pünktlich – – bis auf die Bestrafung – durchführte!
So konnte sich der Fürst endlich wieder zu Tisch setzen und in den inzwischen bei der Verwirrung gründlich geleerten Schüsseln Nachschau halten. Viel fand er nicht mehr vor, die Forellen waren längst in andere Gewässer hineingeschwommen, die Lakaien hatten vor Schrecken in ihren Verstecken weder sehen noch hören können, und der Herr Generalquartiermeister war auf die Berge geklettert, um das Lager auszustecken, das noch vor Sonnenaufgang bezogen werden sollte.
So endete der erste Tag der für die Franzosen so glorreichen Schlacht bei Jena.
Aber mancher tapfere Bursche knirschte vor Wut mit den Zähnen, als er von der Panik hörte, und schwur hoch und heilig, wenn es wirklich zum Kampf käme, die Schmach mit dem Blute der Franzosen abzuwaschen oder selbst dabei ins Gras zu beißen!
Am nächsten Tag kamen der König und der Herzog von Braunschweig von Weimar herübergeritten. Sie wollten mit Hohenlohe die auf Grund der erlittenen Niederlage Tauentziens und Louis Ferdinands veränderte Sachlage beraten und beschließen, was nun zu tun wäre, um sich der nach dem Fall Naumburgs drohenden Überflügelung zu entziehen und aus der Falle hinter der Saale wieder herauszukommen.
Das Resultat der Beratung wurde, daß das Hauptheer von Weimar über Auerstedt auf die Unstrut zu in Marsch gesetzt werden sollte. Rüchel, der mit seiner Armee in Erfurt stand, sollte folgen, zunächst nach Weimar – der Herzog von Weimar sollte von seinem „Husarenstreich“ nach Franken zurückberufen werden, Hohenlohe die Saaleübergänge bei Jena, Dornburg und Camburg besetzen, um den Flankenmarsch der Armee zu schützen und dann nachkommen. In Sachsen wollte man sich mit der Reservearmee unter dem Herzog von Württemberg treffen und so vereint dem Feind entgegentreten.
Der Rand des Saaleplateaus, vorzüglich der Landgrafenberg, sollte besetzt, aber kein Angriff unternommen werden.
Man trennte sich wieder.
Der Fürst, der sich bestimmt vorgenommen hatte, wenigstens heute zu Mittag zu essen, wollte sich eben zu Tisch setzen, als ihm wieder zwischen Lipp’ und Bechersrand eine Probe gegeben wurde, wie sehr die Disziplin in seiner Armee gelockert war und wie wenig er sich auf sie verlassen konnte.
Zunächst wurde er durch die Nachricht gestört, daß der Feind die dicht bei Jena stehende Feldwache angegriffen hatte – was ja an sich keine Katastrophe bedeutet hätte, wenn jene Nachricht ihm nicht durch den Chef jener Feldwache selbst überbracht worden wäre, der auch gleich, vorsichtshalber, sein ganzes Wachkommando nach der Stadt mitgenommen und also dem Feind offene Bahn gelassen hatte. Das mußte schleunigst in Ordnung gebracht werden und wurde auch durch den Adjutanten des Fürsten, Major Loucey, mit einem Bataillon eines der in Jena stehenden Regimenter Tauentziens besorgt. Außerdem bekam der sächsische General Senft, der zwischen Jena und Dornburg stand, Befehl, mit seinen Dragonern die neue Feldwache zu unterstützen, die Saaleufer zwischen Dornburg und Jena zu beobachten, Dornburg zu besetzen und auch mit einigen Eskadrons nach Camburg zu gehen, um die dort befindliche Brücke, die in die Hände der Franzosen gefallen war, zu nehmen.
Der General tat das alles äußerst saumselig, wofern er es überhaupt tat, dirigierte eine Eskadron halbwegs nach Camburg und setzte sich mit dem Rest seiner Dragoner irgendwo zur Ruhe. Der Fürst wußte aber davon nichts.
Es stand jedoch in den Sternen geschrieben, daß der gute Fürst, der sosehr die Freuden der Tafel liebte, gerade in dieser Beziehung seines Lebens nicht froh werden sollte!
Mit Entbehrungen seines durchlauchtigen Bauches mußte er die Sünden seines Kommissariats vergelten, das so schlecht für das leibliche Wohl seiner Soldaten sorgte. _Nolens volens_ mußte er die Qualen des Hungers selbst leiden für alles, was die braven Soldaten entbehren mußten! Und gar noch für die Sachsen, obwohl diese ein eigenes Oberkommando, eigene Verpflegung und eigenen Generalstab hatten und ihn in dieser Hinsicht gar nichts angingen!
Das hinderte sie aber nicht, einen Kriegsrat ihres Verpflegungsdepartements, mitsamt dem Adjutanten der kommandierenden sächsischen Exzellenz, zum Fürsten zu schicken, mit der kategorischen Mitteilung: Wenn die Preußen ihnen nicht sofort zu essen gäben, würden sie, die Sachsen, sogleich abmarschieren und den Krieg Krieg sein lassen!
Der Fürst verzog keine Miene bei der wenig erfreulichen Tatsache, daß seine halbe Armee angesichts des Feindes mit Rebellion drohte. Er versprach alles und schickte sofort seinen braven Massenbach spornstreichs nach Weimar zum König, um Brot für die Sachsen zu erbitten. Denn er war davon überzeugt, wo kein anderer etwas Eßbares verschaffen könnte, da würde Massenbach bewirken, daß die Steine zu Brot werden würden. Aber leer käme er nicht zurück! –
Nachdem der Fürst diese Anordnungen getroffen hatte, setzte er sich nicht noch einmal zu Tisch, denn das hatte er sich schon abgewöhnt und als aussichtslos aufgegeben! Sondern er bestieg sein Pferd und begab sich ins Lager, ließ die Truppen aus den Zelten hervortreten und ritt die Front ab.
Es wurde eine lange Inspektion.
Er ritt die preußischen und schlesischen Bataillone ab, beim rechten Flügel der Aufstellung anfangend, fragte sie nach allem – ob und wie und mit was sie versorgt waren –, was sie bekommen und was sie nicht bekommen hatten? Er redete mit ihnen von den alten Feldzügen, die sie gemeinsam mit ihm durchgemacht hatten, sprach wie ein Kamerad, sprach auch wie ein Vorgesetzter, schön und markig, von altpreußischem Geist, von ruhmgekrönten Fahnen und altbewährter Waffentüchtigkeit, von Treue und Pflicht, von König und Vaterland – entflammte so den Mut und den nimmermüden guten Willen der Braven und bekam gleich Gelegenheit, ihn auf die Probe zu stellen.
Denn noch hatte er den linken Flügel nicht abgeritten, da knatterte und ratterte es links herum am Rande des Saaletales los, und die Nachricht wurde ihm gebracht: Jena wäre geräumt und auch evakuiert – die Franzosen wären drin, und Tauentzien, der die Avantgarde befehligte, wäre auf den Landgrafenberg heraufgekommen! Leider aber fast gleichzeitig mit ihm die an Zahl weit überlegenen Franzosen, so daß er sich vom Talrand kämpfend zurückziehen mußte!
Da war kein Zweifel mehr, was zu tun war! Als alter erprobter Kriegsmann ließ der Fürst sofort Füsiliere und Jäger tiraillierend vorgehen und den Feind aus dem nächsten Forst, wo er sich festgesetzt hatte, wieder hinauswerfen. Er setzte dann preußische Grenadiere und reitende Artillerie in Marsch, um die Franzosen, die noch nicht in allzu großer Stärke auf dem Plateau sein konnten, wieder in das Saaletal hinunterzuwerfen, von dem sie, bei weniger Schlamperei und besserem Aufpassen der Vorposten, niemals hätten heraufkommen dürfen! Alles jubelte ihm zu und war des Sieges gewiß. Der Fürst wollte auch seine Tapferen in höchsteigener Person anführen und war schon im Begriff, den Befehl zum Angriff zu geben.
Da kam Massenbach, den ein ungnädiger Himmel nicht unterwegs das Genick hatte brechen lassen – da kam dieser Unglücksmensch spornstracks aus Weimar zurückgesprengt, wohin ihn ein mißgünstiges Geschick in überflüssiger Sorge um den Magen der guten Sachsen entsendet hatte! Da kam er atemlos an und brachte als erstes den strikten Befehl des Königs: unter keinen Umständen irgendeinen Angriff zu unternehmen.
Der Fürst wütete und schlug sich zornig mit der Reitgerte auf den Stiefel, als wäre der Stiefel Massenbach. Er fluchte und wetterte und beteuerte: Wenn der König hier wäre, würde er selbst zum Angriff blasen lassen! Die Gelegenheit wäre günstig, es galt die Sicherheit, ja die Existenz der ganzen Armee. Man müsse den Franzosen schnell wieder vom Plateau hinunterwerfen! Nach einigen Stunden wäre er zu stark, da wäre es zu spät! Also keine Zeit, erst aus Weimar Befehle einzuholen! –
Massenbach zuckte mit den Schultern, sperrte seine runden braunen Gucklöcher auf, blickte dem Fürsten unverzagt ins Gesicht und wiederholte, mit vor Ehrfurcht zitternder Stimme, den königlichen Befehl, hier keinen Angriff zu wagen, aber sofort nach Dornburg zu gehen, um die dort verlorengegangene Brücke zurückzunehmen, damit der Abmarsch der Hauptarmee ungestört vor sich gehen konnte.
Befehl ist Befehl.
Zähneknirschend fügte sich der Fürst, befahl seinen Braven, statt vorwärts auf den Feind zu gehen, links abzuschwenken und nach Dornburg zu ziehen, setzte sich selbst an die Spitze, da er nun schon das Kommando übernommen hatte, ließ die Franzosen auf dem Plateaurand bleiben und überließ es dem General Tauentzien, mit der Avantgarde die Hauptstellung zu bewachen.