Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 10
Seine Idee war von Anfang an: sofort mit zehn Divisionen in sechs Kolonnen den Thüringer Wald zu überschreiten, sich bei Meiningen und Hildburghausen zu vereinigen und von dort aus anzugreifen, eine Division im Bayreuthischen zu postieren, um die Pässe zu besetzen und zu verteidigen, und drei Divisionen rechts vom Thüringer Wald auf der Straße nach Frankfurt vorgehen zu lassen, um dort das Korps Angereau festzuhalten.
Wäre dieser Plan sofort ohne Zaghaftigkeit als Überfall ausgeführt worden, dann hätte man auch sicherlich mit ihm Erfolg gehabt.
Auch wenn die Überrumpelung nicht gelang – wenn der Feind schneller sein würde und der Bewegung der preußischen Armee zuvorkäme, dann vereinfachte dieser Plan doch die Verteidigung. Denn durch die konzentrierte Aufstellung bei Erfurt und Weimar war man imstande, dem Feind frontal entgegenzutreten, wenn er über den Thüringer Wald oder von der Frankfurter Straße käme, und wäre durch die Saale geschützt, wenn er durchs Bayreuthische gegen die deutsche linke Flanke vorginge. So hätte man die Rückzugslinie auf Magdeburg und Wittenberg gewahrt und unter allen Umständen die Elblinie und Berlin gedeckt.
Der Befehlshaber der zweiten Hauptarmee, Fürst Hohenlohe, hatte sich aber von seinem übergenialen Generalstabschef Massenbach einen ganz anderen Plan ausklügeln lassen, überwältigend, versteht sich, aber verwirklicht, unklar und unpraktisch.
In der Hauptsache ging der Plan darauf aus, eine Offensive auf dem rechten Saaleufer vorzunehmen unter gleichzeitiger Entsendung kleiner Detachements auf der Eisenacher Straße und Patrouillen durch den Thüringer Wald. Unter gänzlicher Umgehung des Oberbefehlshabers und hinter dessen Rücken unterbreiteten Hohenlohe und Massenbach dem König diesen Plan.
Es gelang ihnen wohl nicht, dessen förmliche Annahme durchzusetzen. Aber sie stifteten durch ihre Vorstellungen und Mahnungen immerhin allerhand Verwirrung an, verursachten Zeitverlust, machten den ohnehin durch Alter geschwächten Oberbefehlshaber unsicher – und verschafften so dem Gegner noch mehr Zeit, die er gut zu benutzen verstand.
Als der König dann bei der Armee ankam, griff der Herzog begierig die Gelegenheit auf, ihm die Verantwortung aufzubürden, zog sich selbst auf die zweite Stelle zurück und veranlaßte Zusammenberufung eines Kriegsrates, der also den endgültigen Entschluß fassen sollte, zu dem er allein nicht mehr die nötige Entschlossenheit hatte.
Zum Kriegsrat waren erschienen, außer dem alten, immer noch weltmännisch eleganten Herzog von Braunschweig und dem Fürsten Hohenlohe, der achtzigjährige, stattliche und ungemein berühmte Feldmarschall von Möllendorf, in jeder Beziehung dekorativ und eine Zierde jeder Versammlung, und der Kommandierende der dritten Armeegruppe, der kleine feurige Draufgänger General von Rüchel, mit blitzenden Augen unter krausem weißen Haar, entschieden, polternd, herrisch und ein wenig martialisch sich brüstend. In seinen eigenen und anderer Augen war er der gegebene Oberbefehlshaber, wenn nicht höfische und andere Rücksichten die Prinzen ihm vorgezogen hätten. Jedenfalls sah er in sich den berufenen Hüter der friderizianischen taktischen Tradition, wie sie noch auf den Paradeplätzen mit Eifer und Gewissenhaftigkeit geübt wurde.
Ferner waren anwesend die drei Generalquartiermeister-Leutnants Phull, Massenbach und Scharnhorst, die berufen waren, unter Führung des Generalquartiermeisters und Kriegsministers Gensau, gemeinsam den Generalstab zu leiten. Verschiedenartigere Leute als diese drei zogen noch nie an einem Strang. Phull war unberechenbar, eigenwillig, schrullenhaft, Scharnhorst ruhig, sicher und methodisch und Massenbach übersprudelnd von gelehrten Schlagwörtern und von Gründen, gegen die nicht aufzukommen war.
Phulls Strategie ging von der Lage der Magazine aus, hatte sich eins von diesen Magenzentren ausstrahlendes „Radialsystem“ zurechtgelegt und kam darüber nicht hinaus.
Massenbach wiederum klebte am Terrain und vergaß darüber die Truppe.
Wogegen Scharnhorst, mit sicherer Intuition für die Bedeutung der Individualität und deren Schulung, alles darauf legte, offene Augen, einen klaren Kopf und schnelle Entschlußfähigkeit zu schaffen, diese durch kriegsgeschichtliche Studien zu fördern und so einen Stab um sich zu scharen, der, von keiner vorgefaßten Theorie behindert, jeder der tausend wechselnden Situationen im Kriege gerecht werden konnte.
Diese drei Systeme führten miteinander Krieg und führten ihn so mit dem Feind.
Der kleine, oberflächliche und verbindliche Minister des Äußeren, Graf Haugwitz, chevaleresk, hinterhältig, glatt, poliert und leichtfertig wie immer, war auch dabei. Ihm zur Seite sein Adlatus, der frühere Botschafter in Paris, Marquis Luchesini. Der Diplomatie dieses Braven verdankte Preußen den Pariser Vertrag, durch den es zum Vasallenstaat Napoleons degradiert werden sollte.
Anwesend war ferner, wenn auch ohne Sitz und Stimme im Kriegsrat, die rechte Hand des Königs, der Kabinettsrat Lombard, der einflußreichste Mann am Hofe und im Lande verhaßt wie kein zweiter.
In einer Zeit, in der die Friseure als Anekdotenerzähler und Neuigkeitskrämer ebenso geschätzt waren wie als Künstler, und ihre vornehmste Obliegenheit _die_ war: der feinen Welt die letzte Tournure zu geben – da waren es nur Leute von Esprit, Witz und tadellosen Manieren, die es auf dieser Laufbahn zu etwas bringen konnten. Sie waren gewissermaßen Hüter und Träger des guten Geschmacks und dessen berufenste Vertreter und waren in Reinkultur, was der hohe Adel erst durch die Kunst ihrer Hände wurde. Sie fertigten die mondäne Attrappe an, die den Inhalt, das übliche sündige Fleisch und Blut, mit Anstand verdeckte.
Als Sohn eines Perückenmachers hatte Lombard also in dieser Beziehung Ahnen erster Güte, auf die er sich berufen konnte. – Er war auch wohlgebildet, gefällig, weltmännisch geschliffen, aalglatt und falsch, von der Überlegenheit der französischen Kultur vollkommen überzeugt, und also auch der eifrigste Verfechter einer franzosenfreundlichen Politik. – Er war Träger der Tradition von der Unumstößlichkeit und Machtvollkommenheit einer Kabinettsregierung, wie sie am preußischen Hofe noch in Reinkultur bestand. – Er war ohne Ministerportefeuille mächtiger als sämtliche Minister der drei Könige, denen er gedient hatte, und war ohne Sitz und Stimme in der Regierung doch maßgebend, weil stets in persönlicher Berührung mit dem König.
Des weiteren nahmen an der Beratung teil: der würdige General von Köckritz, der Generaladjutant Oberst von Kleist, und eine Unzahl Räte und Schreibersleute!
Prinz Louis Ferdinand war nicht einmal als Zuhörer geladen und wartete mit Blücher im Quartier des Generals von Rüchel auf Nachricht vom Verlauf der Konferenz.
Das große Wort bei der Beratung führte natürlich Oberst von Massenbach, der in langen und wortreichen Ausführungen zu beweisen versuchte, daß alles Heil nur darin zu suchen wäre, mit beiden Hauptarmeen links über die Saale abzumarschieren, die feindliche Armee auf dem Marsche anzugreifen, die Rückzugslinie auf Dresden zu nehmen und so auch Schlesien, das ohnehin durch Böhmen gedeckt war, noch mehr zu schützen.
Rüchel würde inzwischen mit seiner Armee irgendwo auf der rechten Flanke rekognoszieren.
Oberst von Scharnhorst dagegen, ruhig klar und überlegt wie immer, bestand auf dem hauptsächlich von ihm entworfenen Offensiv- und Defensivplan des Herzogs von Braunschweig, freilich ohne den wortreichen Massenbach dadurch niederkämpfen zu können, und im Bewußtsein, daß man durch das Zögern wohl schon den rechten Zeitpunkt verpaßt hatte.
Man entschied sich endlich weder für das eine noch für das andere, beließ die Hauptarmee als Zentrum bei Erfurt, stellte die Armee Hohenlohe, unter gleichzeitiger Besetzung der Saalepässe, als linken Flügel bei Blankenhain auf und den rechten Flügel unter Rüchel bei Craula. Nebenbei sollte rekognosziert werden.
Der wankelmütige Oberbefehlshaber hoffte noch im geheimen auf Napoleon. Wenn nur nicht zur Offensive geschritten wurde, würde dieser wohl auch vermeiden wollen, als Angreifer zu scheinen, wodurch womöglich noch in letzter Stunde der ganze Krieg vermieden werden könnte.
In dieser Utopie wurde er allerdings bestärkt durch einen soeben beim König eingegangenen versöhnlich gehaltenen Brief Napoleons!
Prinz Louis Ferdinand lachte laut auf, als ihm General Rüchel nachher den Verlauf der Konferenz schilderte.
„Unser Oberbefehl erinnert mich täuschend an ein russisches Dreigespann, eine richtige Troika“, sagte er. „Das mittlere Pferd läuft da, wie Sie wissen, in stetem, ruhigem Trab – die beiden Seitenpferde in Galopp! Alle ziehen aber in einer Richtung vorwärts. Wogegen beim Oberkommando die drei Pferde – unsere drei Generalquartiermeister-Leutnants – alle woanders hin wollen! Scharnhorst in der Mitte hält den beiden andern, Phull und Massenbach, die Stange, so gut er kann! Aber der Fahrer auf dem Bock, der Herzog, gibt ihm nicht den nötigen Rückhalt! Er fährt unsicher, ist zu liebenswürdig und zuvorkommend, läßt jeden, der behauptet, ein Anrecht darauf zu haben, zu sich auf den Bock, duldet, daß diese unerbetenen Mitfahrer ihm noch in die Zügel fallen und läßt das Fahrzeug bald nach links, bald nach rechts schwenken, je nachdem sie ihm zurufen: ‚Achtung Stein! Aufgepaßt eine Grube!‘
Im Wagen aber, unter der Krone, sitzt mein Vetter, der König, behauptet die Würde und läßt sich von den auf dem Steg mitschaukelnden beamteten Ohrenbläsern Lombard und Haugwitz schöne Vorträge halten über die herrliche Aussicht, die man haben könnte, wenn’s nicht so neblig wäre, und übersieht darüber das schlechte Fahren des Kutschers!
Hinten aber, auf dem aufgestapelten Gepäck, sitzt der Kriegsminister Gensau, klein, dick und dumm, hält seine Akten zusammen und schreibt und rechnet und rechnet und schreibt und ordnet immer wieder die Gepäckstücke, deren überflüssigstes er selbst ist, je nachdem wie sie, bei der Fahrt auf dem holprigen Weg, durcheinandergeworfen werden.“
„Gensau,“ sagte Rüchel, „von dem hörte ich eben ein entzückendes Geschichtchen, als ich vorgestern meine Armee verließ, um zum Kriegsrat hierherzukommen. Die Geschichte ist charakteristisch für das System und büßt nichts dadurch ein, daß sie wahr ist. Ich stieß nämlich plötzlich mit dem alten ‚Isegrim‘, Yorck, zusammen. Hoheit kennen ihn? – Nein?! – Klein, dürr, knarrig, Querkopf erster Güte, sieht überdies aus wie eine schlechte Karikatur vom Alten Fritzen! – Er stand also da und schimpfte und fluchte und wetterte über die Schweinewirtschaft im Generalstabe, über die Kopflosigkeit und die Unordnung und die Liederlichkeit bei der Quartiermachung, kurz über Gott und alle Welt!
‚Da steh’ ich,‘ sagte er, ‚und glaube nach beendigtem Tagesmarsch meine wohlverdiente Ruhe haben zu können, und plötzlich meldet sich zu nachtschlafender Zeit einer meiner Offiziere bei mir.
‚Was will Er?‘ hab’ ich gefragt. ‚Meldung vom feindlichen Anrücken?‘
‚Zu Befehl, nichts vom Feind zu sehen!‘
‚Was treibt Er sich denn herum? Hat Er nicht seine Befehle?‘ frage ich.
‚Zu Befehl, die hab’ ich!‘ sagte er. ‚Ich habe Order Quartiere zu beziehen. – Wir finden aber die Quartiere nicht!‘
‚Soll ich Ihm helfen?‘ frage ich. ‚Hat ein Oberst und Regimentskommandeur nichts Wichtigeres zu tun, als Kinderfrauendienst bei den Majors und Leutnants zu versehen? Wo ist Sein Quartierzettel? Zeige Er her!‘
Und ich nehme den Zettel und lese ihn vor, denn da stand deutlich und klar der Name des Dorfes, wo er Quartier nehmen sollte. Und ich wasche ihm noch gründlich den Kopf und werfe ihm den Wisch wieder hin.
Da sagt er ganz ruhig: ‚Lesen kann ich auch! Und was drauf auf dem Zettel steht, weiß ich ebensogut zu deuten, wie der Herr Oberst selbst. Aber mit Erlaubnis zu sagen – ich möchte das Dorf nicht nur angewiesen haben, ich möchte es auch tatsächlich haben!‘
Das ging denn doch zu weit. – ‚Soll ich Ihm den Weg zeigen? Schere Er sich! Was zum Kuckuck behelligt Er mich mit dergleichen?‘ schreie ich ihn an und kriege einen roten Kopf und gebe ihm noch einmal einen Denkzettel, der sich gewaschen hat.
Der Kerl rührt sich aber nicht vom Flecke! Er geht nicht! Er steht nur da und hört in aller Ruhe zu, wie ich ihm mit Schweinerei und saumäßigem Dienst und dergleichen um die Ohren werfe, und feixt auch noch und sagt dann endlich: ‚Wenn das Dorf zu finden wäre – ich hätte es schon gefunden! Wir haben die ganze Gegend abgesucht! Aber nichts zu sehen! Die Nachbardörfer, ja, _die_ waren da, aber unser Dorf nicht! Kein Mensch wußte etwas vom ganzen Dorf! Endlich haben wir einen uralten Küster vor der Tür seines Hauses gefunden – der sagte uns Bescheid. ‚Das Dorf,‘ sagte er, ‚war einst das größte und reichste hier in der Gegend – bis der Dreißigjährige Krieg kam! Der ließ aber keinen Stein auf dem anderen, der vertilgte das Dorf mitsamt den Bewohnern spurlos vom Erdboden!‘ – So sagte der Küster. Aber auf der Karte des Generalstabes steht das Dorf immer noch verzeichnet – in den Quartierlisten der Armee auch! Und da drinnen, in dem Dorfe sollen wir nun wohnen!‘
So eine Sauwirtschaft ist nur unter dem alten Gensau möglich‘, sagte Yorck und fluchte und trug mir in drei Teufels Namen auf, die Sache gelegentlich des Kriegsrats vorzubringen, was ich auch mit Wonne besorgt habe! Das war meine Zutat zur heutigen Beratung! Mehr praktische Arbeit wurde von mir weder geleistet noch verlangt, und von den meisten anderen ‚Beratern‘ auch nicht!“
Der Prinz lachte noch toller. Blücher aber, ärgerlich über die lange Dauer der Beratung, schimpfte gleich los.
Rüchel hätte von Rechts wegen das Oberkommando haben müssen – der Prinz hier mindestens ein Armeekorps statt einer Division, und er, Blücher selbst, müßte die ganze Kavallerie unter sich haben, dann stünde man jetzt nicht noch hier! Dann hätte man längst die Franzosen auseinandergejagt, den Rheinbund gesprengt und den sauberen Königen von Napoleons Gnaden, den von Bayern und den von Württemberg mitsamt ihrem badischen Bundesbruder gezeigt, wo man im deutschen Vaterlande von Gottes Gnaden zu Fürsten ausersehen wäre! Eine Schmach war’s, daß sie, obwohl Deutsche, gegen Deutsche kämpfen wollten! Ein Blödsinn aber von der preußischen Regierung, zu glauben, diese Abtrünnigen nur dadurch vom Kampf abhalten zu können, daß Napoleon sie nicht angriffe! Denn, ob er als Angreifer oder Angegriffener dastünde, gleichviel! Die dreiundsechzigtausend Mann Bayerns, Schwabens und Hessen-Darmstadts würden doch gegen Preußen marschieren und helfen es einzuengen! Dagegen wäre nur eins am Platze gewesen: schnell wie der Wind dazwischenfahren! Und wenn ein paar von den Zaunkönigen Napoleons dabei vom Ast gefallen wären – schaden täte das der deutschen Sache nicht! Solche Fürsten könnte man entbehren!
Die Armeeleitung wußte aber nicht mehr, was sie wollte. Sie ließ jede gute Gelegenheit, dem Feind einen Streich zu spielen, vorübergehen und schien nur zu dem einen entschlossen zu sein: stets zu spät zu kommen.
So hatte man erst jetzt, wo man sicher sein konnte, daß die französischen Korps ihren Standort längst verlassen hatten, den großen Entschluß gefaßt, ihnen mit einem kühnen Husarenstreich in die Quartiere, wo sie nicht mehr lagen, zu fallen, um ihren natürlich längst stattgefundenen Aufmarsch zu stören! Und statt sich damit zu begnügen, sich mit ein paar Schwadronen bei diesem nachträglich mutigen Unternehmen zu blamieren, wollte man die ganze Vorhut unter dem Herzog von Weimar quer durch den Thüringer Wald, zu ebendiesem Zweck schicken! – Ganze zwölftausend Mann, die bei der Hauptarmee viel nötiger waren, aber jetzt todsicher dort fehlen würden, wenn’s zur Entscheidung käme! Und das waren von den besten Truppen Preußens!
Da waren darunter das berühmte Regiment Kuhnheim, das älteste der Armee – das Regiment Braunschweig-Oels, das seinerzeit den Sieg bei Turin entschied – das Regiment von Borck, das unter Blüchers eigenen Augen bei Kaiserslautern in Schritt und Richtung wie auf dem Paradeplatz marschierend die französischen Linien durchbrach – da waren das seit Zorndorf, Kollin und Prag berühmte Pommernregiment Owstien, das Grenadierbataillon Graf Wedel, die Yorckschen Jäger, die Husarenregimenter von Pletz und von Zieten – nächst seinen eigenen „Roten“, auf die er nichts kommen ließe, die besten der Armee! – Lauter Kerntruppen, auf die ein Verlaß sei! Und die ließ man ziehen! Man war doch ohnehin viel zu schwach! Durch Stockung der Anwerbung, durch Desertionen und durch die vielen Invaliden, die beim Ausmarsch zurückbleiben mußten, waren die Truppenteile sowieso weit unter den Bestand gesunken, den sie haben sollten! Viele Tausende waren so verlorengegangen! Und die ostpreußischen Truppen waren überhaupt nicht ausgerückt! – Das waren über zwanzigtausend Mann. Fast fünfzehntausend hatte man aus Angst vor den lieben Polen im Herzogtum Warschau und zur Verstärkung der Garnisonen in den nicht bedrohten schlesischen Festungen gelassen! In Westfalen fühlte man sich auch der Bevölkerung nicht sicher und ließ dort fast ebensoviel stehen! – Von den westpreußischen Truppen hatte man, dämlicherweise, eine „strategische Reserve“ gebildet, die irgendwo in der Luft hing und sicherlich erst zum Vorschein kommen würde, wenn’s zu spät wäre und die anderen Truppen abgekämpft waren – sicherlich aber nicht, wenn sie benötigt würde! Von der ganzen berühmten preußischen Armee, von zweihundertundzwanzigtausend Mann, war nur die Hälfte zur Stelle, außer den achtzehntausend Sachsen, die nicht zählten! Überhaupt die Bundesgenossen! Die hätten ganz anders angepackt werden müssen! Kurz und gut erklären: Entweder du marschierst mit und schlägst dich, wo es eine deutsche Sache gilt, oder ich verschlucke dich! Sonderinteressen gibt’s nicht! Was war das nun wieder für eine Schlappschwänzigkeit der preußischen Diplomatiker gewesen, all den kleinen Fürsten Neutralität zuzugestehen?! Mecklenburg, Anhalt, die Schwarzburg, die Lippe, die sächsischen Herzöge, den Herzog von Braunschweig, alle ließ man neutral bleiben – und Kurhessen durfte gar abwarten, bis es sähe, auf welcher Seite es zum Sieg käme, ehe es sich entschlösse einzugreifen! Kursachsen schickte bloß seine halbe Armee, Weimar ein – sage und schreibe – ein Bataillon Jäger!
„Das sind alles in allem fünfzigtausend Mann, die wir hätten _mehr_ haben können, wenn wir nur den Mut gehabt hätten, einmal gegen diese Herrschaften bestimmt aufzutreten! Aber das wagten wir nimmermehr! Was heißt das, von Kurhessen eine derartige Niedertracht zu dulden! Das liebäugelt mit dem Korsen und will sich seinem Rheinbund anschließen und ihm die Stiefelsohlen lecken, wenn er ihm bloß gestattet, Darmhessen zu schlucken! Und rutscht auf dem Bauch vor Preußen und macht auch den Norddeutschen Bund mit, wenn wir ihm zugestehen, die angrenzenden kleinen Standesherrschaften zu annektieren! Und schmeißt uns den ganzen Bund um, weil wir dazu nur ‚nein‘ sagten statt den Kurfürsten fest am Genick zu packen und ihn auf die Knie zu zwingen! Himmeldonnerwetter, hätte man mir nur freie Hand gelassen, als ich auf dem Weg hierher durch Kassel kam. Ich hätte den guten Kurfürsten schon beim Schlafittchen genommen! Ich hätte uns die hessische Armee, mir nichts dir nichts, angegliedert! Und mitgegangen wäre sie! Aber da kamen wieder die berühmten Kontraorders vom Kabinett, und nun können wir sehen, wie wir’s machen! Ich würde kein Wort darüber verlieren, wenn es nur sonst ein Ende nähme mit dieser bodenlosen Unentschlossenheit und diesem Hin und Her ohne Reim und Räson! So geht’s ja nie und nimmer mit zwei kommandierenden Generalen und drei Quatiermeistern, die alle woanders stehen und alle was anderes wollen, und kreuz und quer kommandieren und nachher, jeder für sich, die Entscheidung vom König holen, der selbst nicht weiß, ob er alles oder gar nichts will!
Dabei ist die Armee noch in der Umbildung, hat die Einteilung in Divisionen kaum durchgeführt, geschweige denn jemals im Ernstfall ausprobiert! Wenn die Leute, die uns heute kommandieren, uns da nicht eine große Schweinerei bescheren, will ich gehängt sein! Ich bin gespannt, was schließlich bei dem Kriegsrat herauskommt!“
„Ich nicht!“ sagte der Prinz, dem das Schimpfen des alten Haudegen sichtbar großes Vergnügen bereitete. „Wenn mein Vetter gescheit wäre, würde er tun wie unser gemeinsamer Ahnherr, der große Friedrich, und rundweg jeden Kriegsrat verbieten. Er würde die ratlosen Herrschaften nach Hause schicken und Rüchel und Sie, Blücher, und mich zu sich rufen und sagen: ‚Jetzt macht die Sache, ihr drei! Macht sie schnell, macht sie gut, sucht den Feind auf und schlagt ihn!‘ Das tut er aber nicht, er ruft Herrn Beyme, er ruft Herrn Lombard! Und Lombard, der ergraute, parfümierte Friseurjüngling – der Allerweltscharmeur, der blasierte, lebensmüde Genußmensch – Lombard kommt tänzelnd herbei und lispelt deliziös: ‚_Sire, vous voulez la guerre? Quelle horreur!_ Woßu _la guerre_? Man verständigt sich – schließt einen Kompromiß – beseitigt die Differenzen – reicht sich die Hände! Unter Leuten von Welt das Leichteste, das Einfachste was sich denken läßt! Jener Parvenu – jener Kaiser von Pöbels Gnaden – er ist noch zu neu in seiner Würde, er hat noch keine Manieren! Gehen wir ihm mit gutem Beispiel voran!‘
Und dann setzt sich der Herr Lombard an den Schreibtisch, streift die Spitzenmanschette zurück, taucht mit Grazie seinen Federkiel in französisch parfümierte Tinte und schreibt soigniert, formvollendet, ohne den geringsten Verstoß gegen die längst abgestorbene Etikette, in tadellosem Französisch, aber im Namen des Königs von Preußen – ein Manifest, als einzige Antwort auf die Unverschämtheit Napoleons, unser Ansbach zu besetzen! Und der König läßt gehorsamst das Elaborat seinen Weg in den Papierkorb des Korsen, statt in den seinigen nehmen! Er befiehlt uns nicht, sofort wie der Blitz dreinzusausen und mit blanken Hieben im eigenem Blute des Unverschämten die einzige ihm gebührende Antwort zu schreiben! Das hätte unverzüglich und unverzagt schon vor Wochen getan werden müssen! Da hätten wir die Franzosen zum Teufel gejagt! Aber jetzt – –“
„Eine Schmach ist es!“ rief Blücher, „eine Schmach und Schande, wenn man bedenkt, welcher Sprache sich jener kleine Kerl unseren Fürsten gegenüber erfrecht! Schockschwerenot! Setzt der uns unten am Rhein seinen Schwager auf die Nase, jenen Bäckerjungen aus Cahors, den Seiltänzer Murat! Den macht er zum Herzog von Berg, läßt ihn unsere Abteien Essen, Eltern und Werden nehmen und dehnt so seinen Rheinbund immer weiter nordwärts aus, engt uns immer dichter ein – sucht Sachsen und Hessen auch heranzulocken und läßt uns dann gnädigst wissen, wenn wir uns darüber beschweren, daß er so den Norddeutschen Bund hintertreibt: _Er_, Napoleon, hätte die Unabhängigkeit aller deutschen Fürsten garantiert, _er_ werde keinen Oberherrn unter ihnen dulden!
_Das_ muß sich ein König von Preußen ins Gesicht sagen lassen! Und zieht nicht gleich vom Leder, ruft nicht alles, was deutsch spricht, unter die Fahnen zum Kampf gegen den Frechling, sondern überlegt’s noch, macht einen Schritt vorwärts, zwei Schritte rückwärts und bloß halb mobil, zaudert und überlegt und fragt: ‚Soll ich, soll ich nicht? – Liebt er mich? Liebt er mich nicht?‘ Wo es doch sonnenklar ist, daß er uns absichtlich auf die Hühneraugen treten wollte!“
„Der König hofft noch den Frieden zu bewahren – er hofft im letzten Augenblick den Krieg abzuwenden“, sagte der Prinz. „Und leider ist das ganze Oberkommando ebenso vertrauensselig und tut nichts, um seine Zweifel zu entkräftigen! Ein Glück ist es, daß ich die Vorhut der zweiten Armee habe, und daß Sie, Blücher, die von der Hauptarmee jetzt übernehmen! Wir werden uns da nichts entgehen lassen, nicht wahr?“
„Nein, hol’ mich der Teufel, da soll mich nichts zurückhalten!“