Das grüne Gesicht: Ein Roman

Part 9

Chapter 93,517 wordsPublic domain

Wohl eine Stunde irrte er wie geistesabwesend durch alle möglichen Straßen, geriet in totenstille Gassen und enge Höfe, in denen plötzlich Kirchen, im heißen Sonnenbrand träumend, vor ihm auftauchten, -- schritt durch finstere, kellerkühle Torwege und hörte seine Tritte darin hallen wie in klösterlichen Kreuzgängen.

Die Häuser ausgestorben, als hätte seit Jahrhunderten kein menschliches Wesen mehr darin gewohnt, -- hier und da eine Angorakatze mitten unter den grellblühenden Topfblumen auf barocken Fenstersimsen verschlafen ins goldene Mittagslicht blinzelnd; nirgends ein Laut.

Hohe Ulmen mit regungslosen Zweigen und Blättern ragten aus winzigen grünen Gärtchen, umstaunt von einem Gedräng uralter Giebelbauten, die mit ihren schwarzen Fassaden und den hellen Holzgitterfenstern, sauber gewaschen wie Sonntagsstaat, greisen, freundlichen Mütterchen glichen.

Er ging durch niedrige Schwibbogen, deren Steinpfeiler blank geschliffen waren im Laufe der Zeiten, in die Dämmerung gewundener Hohlwege hinein -- Sackgassen, eingeengt von hohen Mauern mit schweren, glatten, festverschlossenen Eichentoren darin, die seit ihrem Bestehen wohl noch nie eine Hand geöffnet hatte. Moos wuchs zwischen den Ritzen des Pflasters, und rötlich marmorne Platten mit verwitterten Grabschriften, eingelassen in Wandnischen, erzählten von Friedhöfen, die einst hier gestanden haben mochten.

Dann wieder führte ihn ein schmaler Gehsteig an schmucklosen, weißbestaubten Häusern entlang, unter denen ein Bach hervorschoß. Drinnen brauste und dröhnte es geisterhaft wie Pochen von riesigen, steinernen Herzen.

Geruch nach Nässe in der Luft, und in halboffenen Holzröhren, rechtwinklig zusammengefügt auf glitschigen Geländerstangen, eilte ein klares Rinnsal in raschem Gefälle hinab in ein Labyrinth morscher, splittriger Plankenwände.

Gleich darauf eine krumme Reihe engbrüstiger, hoher Gebäude, den Tag verfinsternd, schief, wie dicht vor dem Einsturz, und eins das andere stützend, als schwanke der Boden.

Eine Strecke Wegs an Bäcker- und Käseläden vorbei, und moorbraun ruhte vor ihm der Spiegel einer breiten, stillen Gracht unter dem hellblauen Himmel.

Zwei Reihen von Häusern bildeten die Ufer, standen einander fremd gegenüber, -- die einen klein und bescheiden wie demütige Handwerker, die andern hochragend, massig, graue Warenspeicher, selbstbewußt und abweisend. Keine Brücke, die sie verband; -- nur aus einem Sparrenzaun, von dem Aalschnüre mit rotgrün geringelten Federposen in die Flut hinabhingen, wuchs ein Baum neugierig schräg hinüber und griff mit seinen Ästen in die Fenster der Reichen hinein.

Hauberrisser wanderte zurück der Richtung zu, aus der er gekommen war, und bald umfing ihn wieder ein Stück Mittelalter, als sei dieser Teil der Stadt hunderte Jahre stehen geblieben in der Zeit.

Sonnenuhren über kostbaren, verschnörkelten Wappen in den Mauern, blinkende Spiegelscheiben, rote Ziegeldächer, -- kleine Kapellen, in Schatten getaucht, -- goldene Turmknäufe, emporschimmernd zu den weißen, pausbackigen Wolken.

Eine Gittertür vor einem Klosterhof stand offen. -- Er ging hinein und sah eine Bank unter hängenden Weidenzweigen. Ringsum hohes, wucherndes Gras. Nirgends ein Mensch weit und breit, kein Gesicht hinter den Fenstern. Alles wie ausgestorben.

Um seine Gedanken zu sammeln, setzte er sich nieder.

Er fühlte keine Unruhe mehr, und die erste Aufregung, es könnte ein krankhafter Zustand gewesen sein, der ihn einen falschen Namen auf dem Ladenschild hatte lesen lassen, war längst verflogen.

Viel wunderbarer, als das merkwürdige äußere Begebnis, schien ihm mit einemmal die fremdartige Denkungsweise zu sein, in der er sich seit einiger Zeit bewegte.

»Woher kommt es nur,« fragte er sich, »daß ich -- verhältnismäßig doch noch ziemlich jung -- dem Leben gegenüber stehe wie ein alter Mann? -- So, wie ich, denkt man in meinen Jahren nicht.« -- Er bemühte sich vergebens, in seiner Erinnerung den Zeitpunkt aufzufinden, wo diese Wandlung mit ihm eingetreten sein mußte. -- Wie wohl jeder junge Mensch, war er bis über die Dreißig hinaus ein Sklave seiner Leidenschaften gewesen und hatte seinen Genüssen die Grenzen so weit gesteckt, wie es ihm Gesundheit, Spannkraft und Reichtum nur irgend gestatteten. -- Daß er als Kind besonders grüblerischer Natur gewesen wäre, war ihm auch nicht erinnerlich, -- wo stak also die Wurzel, aus der dieses fremdartige, blütenlose Reis hervorsproßte, das er sein gegenwärtiges Ich nannte?

»Es gibt ein inneres, heimliches Wachstum,« -- erinnerte er sich plötzlich, erst vor wenigen Stunden gelesen zu haben; -- er holte das Blatt der Papierrolle aus seiner Brieftasche hervor, suchte die Stelle und las:

»jahrelang scheint es zu stocken, dann, unerwartet, oft nur durch ein belangloses Ereignis geweckt, fällt die Hülle, und eines Tages ragt ein Ast mit reifen Früchten in unser Dasein hinein, dessen Blühen wir nie bemerkt haben, und wir sehen, daß wir Gärtner eines geheimnisvollen Baumes waren, ohne es zu wissen. -- -- -- Hätte ich mich doch nie verleiten lassen, zu glauben, daß irgendeine Macht außer mir selbst diesen Baum zu gestalten vermag, -- wie viel Jammer wäre mir erspart geblieben! Ich war alleiniger Herr über mein Schicksal und wußte es nicht! Ich dachte, weil ich es durch _Taten_ nicht zu ändern vermochte, daß ich ihm wehrlos gegenüberstünde. -- Wie oft ist es mir nicht durch den Sinn gefahren, daß: Herr über seine Gedanken zu sein, auch bedeuten müsse, der allmächtige Lenker seines Schicksals zu sein! Aber ich habe es jedesmal verworfen, weil die Folgen solcher halben Versuche nicht sofort eintraten. -- Ich unterschätzte die magische Gewalt der Gedanken und verfiel immer wieder in den Erbfehler der Menschheit, die Tat für einen Riesen zu halten und den Gedanken für ein Hirngespinst. -- Nur, wer das Licht bewegen lernt, kann den Schatten gebieten und mit ihnen: dem Schicksal; wer es mit Taten zu vollbringen versucht, ist selbst nur ein Schatten, der mit Schatten vergeblich kämpft. Aber es scheint, als müsse uns das Leben fast zu Tode peinigen, bis wir endlich den Schlüssel begreifen. -- -- Wie vielmal wollte ich andern helfen, indem ich es ihnen erklärte; sie hörten mir zu, nickten und glaubten, aber es ging ihnen zum rechten Ohr hinein und zum linken wieder heraus. -- Vielleicht ist die Wahrheit zu einfach, als daß man sie sogleich zu erfassen vermöchte. -- Oder muß der »Baum« erst zum Himmel ragen, ehe die Einsicht kommen kann? -- Ich fürchte, der Unterschied zwischen Mensch und Mensch ist manchmal größer als der Unterschied zwischen Mensch und Stein. -- Mit einem feinen Spürsinn herauszufinden, was diesen Baum grünen macht und vor dem Verdorren schützt, ist der Zweck unseres Lebens. Alles übrige heißt: Dünger schaufeln und nicht wissen, wozu. Doch wie viele mag's ihrer heute wohl geben, die verstehen, was ich meine? -- -- Sie würden glauben, ich redete in Bildern, wenn ich's ihnen sagte. Die Doppeldeutigkeit der Sprache ist's, die uns trennt. -- Wenn ich öffentlich etwas schriebe über inneres Wachstum, so würden sie ein »Klügerwerden« darunter verstehen, oder ein »Besserwerden«; so, wie sie unter Philosophie eine Theorie verstehen und nicht: ein wirkliches Befolgen. -- -- Das Gebotehalten allein, selbst das ehrlichste, genügt nicht, um das innere Wachstum zu fördern, denn es ist nur die äußere Form. Oft ist das Gebotebrechen das wärmere Treibhaus. Aber wir halten die Gebote, wenn wir sie brechen sollten, und brechen sie, wenn wir sie halten sollten. Weil ein Heiliger nur gute Taten vollbringt, so wähnen sie, sie könnten durch gute Taten Heilige werden; so gehen sie den Pfad eines falschen Gottesglaubens entlang hinab in den Abgrund und glauben, sie wären Gerechte. -- Eine irrige Demut blendet sie, so daß sie entsetzt zurücktaumeln, wie Kinder vor dem eignen Spiegelbild, und fürchten, sie seien wahnsinnig geworden, wenn die Zeit kommt -- und _sein Gesicht blickt ihnen entgegen_.«

Eine Hoffnungsfreudigkeit, die Hauberrisser neu schien -- so lange hatte sie in ihm geschlafen -- war mit einemmal wieder aufgewacht und erfrischte ihn, obwohl er einen Augenblick nicht recht wußte -- es auch gar nicht zu wissen begehrte -- worüber er sich freuen und worauf er hoffen sollte.

Er fühlte sich plötzlich wie ein Glückskind und nicht mehr wie von boshaften Zufällen genarrt, daß ihm die sonderbare Geschichte mit dem Namen »Chidher Grün« passiert war.

»Froh muß ich sein,« jauchzte irgend etwas in ihm auf, »daß das Edelwild aus den unbekannten Wäldern eines neuen Gedankenreichs den Zaun des Alltags durchbricht und in meinen Garten grasen kommt, -- froh, und nicht bedenklich, bloß weil ein paar alte morsche Stakete darüber kaput gehen.«

Daß in den letzten Zeilen des Blattes auf das Gesicht Chidher Grün's angespielt wurde, erschien ihm sehr wahrscheinlich, und er brannte vor Ungeduld, mehr zu erfahren, -- zumal ein paar Worte am Schluß der Seite erraten ließen, daß auf der nächsten ausführlich stehen werde, was man sich unter »magischer Herrschaft über die Gedanken« vorzustellen habe.

Am liebsten wäre er sogleich nach Hause geeilt, um bis in die Nacht hinein in der Rolle herumzulesen! -- aber es mußte bald vier Uhr schlagen, und Pfeill wartete auf ihn. --

Ein Summen in der Luft, das dicht an sein Ohr drang, veranlaßte ihn, sich umzudrehen. Erstaunt stand er auf, als er nicht weit von seiner Bank einen Mann, grau gekleidet, eine Fechtmaske vor dem Gesicht und in der Hand eine lange Stange, stehen sah.

Einige Meter hoch über ihm schwebte in der Luft ein großes, sackartiges Gebilde, das langsam hin- und herschwankte, sich dann mit dem Zipfel an einen Zweig des Baumes heftete und dort baumelnd auf und ab bewegte.

Plötzlich fuhr der Mann mit dem Stock darnach, schien das merkwürdige Gebilde mit der Spitze, oder einem kleinen Netz, das daran befestigt war, erwischt zu haben, klomm befriedigt an der Feuerleiter des Hauses empor, -- die Stange geschultert und den ungeheuern Sack sozusagen auf dem Rücken, -- und verschwand auf der Plattform des Daches.

»Es ist der Imker des Klosters,« erklärte eine alte Frau, die hinter einem Ziehbrunnen hervorkam, Hauberrissern, als sie sein verdutztes Gesicht bemerkte; »der Bienenschwarm ist ihm davon geflogen, und er hat die Königin wieder eingefangen.« --

Hauberrisser ging hinaus, kam nach ein paar Zickzackgassen auf einen freien Platz, nahm ein Automobil und ließ sich nach Hilversum zum Landhaus seines Freundes Pfeill fahren.

* * * * *

Die breite, schnurgerade Straße war belebt von tausenden Radfahrern; er sauste dahin durch ein Meer von Köpfen und blitzenden Pedalen, -- er achtete während der ganzen einstündigen Fahrt nicht darauf. Die Umgebung flog an ihm vorbei. Fest stand nur das Bild vor ihm, das er soeben gesehen hatte: der Mann mit der Maske und der Schwarm Bienen, die sich um ihre Königin drängten, als könnten sie nicht leben ohne sie.

Die stumme Natur, die auf seiner letzten Fahrt ins Freie von ihm Abschied genommen, -- heute war sie mit einem neuen Gesicht zu ihm zurückgekehrt, und er fühlte, daß er Worte von ihrem Munde las.

Der Mann, der die Königin wieder eingefangen hatte und mit ihr den ganzen Schwarm, erschien ihm wie ein Gleichnis.

»Ist mein Körper etwas anderes als ein wimmelndes Heer lebendiger Zellen,« sagte er sich, »die sich nach vererbter Gewohnheit von Jahrmillionen um einen verborgenen Kernpunkt drehen?«

Er ahnte einen geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem Vorgang, den er gesehen, und den Gesetzen der innern und äußern Natur und begriff, wie zauberhaft schimmernd die Welt vor ihm wieder auferstehen müßte, wenn es ihm gelingen sollte, auch _die_ Dinge in einem neuen Licht zu betrachten, die der Alltag und die Gewohnheit ihrer Sprache beraubt hatten.

Siebentes Kapitel

Der Wagen bog in das Villenviertel von Hilversum ein und fuhr geräuschlos durch eine Lindenallee in den Park, der das in der Sonne weiß schimmernde Landhaus Buitenzorg umgab.

Baron Pfeill stand auf der Freitreppe und kam freudig herunter gelaufen, als er Hauberrisser aussteigen sah.

»Famos, daß du gekommen bist, alter Kranich; ich fürchtete schon, meine Depesche hätte dich in deiner häuslichen Tropfsteingrotte nicht mehr angetroffen. -- Ist dir etwas passiert? Du siehst so versonnen aus. -- Übrigens: Gott lohne es dir, daß du mir den wundervollen Grafen Ciechoñski geschickt hast; er ist eine Labsal in dieser trostlosen Zeit.« -- Pfeill war so gut aufgelegt, daß er seinen Freund, der heftig protestierte und ihn über den Hochstapler aufklären wollte, gar nicht zu Wort kommen ließ. »Heute morgen machte er mir seine Aufwartung und ich habe ihn natürlich über Mittag dabehalten. -- Wenn ich nicht sehr irre, fehlt bereits ein Paar silberner Löffel. -- -- Er hat sich bei mir eingeführt -- -- --«

»als Patenkind Napoleons des Vierten?«

»Ja. Natürlich. Aber außerdem unter Berufung auf dich!«

»So eine Frechheit!« rief Hauberrisser wütend. »Den Kerl muß man ja in den Boden hinein ohrfeigen.«

»Warum denn? Er verlangt doch nur, in einen vornehmen Spielklub aufgenommen zu werden. Man lasse ihm die Grille. Des Menschen Wünsche sind sein Himmelreich. -- Wenn er sich mit aller Gewalt ruinieren will?«

»Wird nicht gehen; er ist Taschenspieler von Profession,« unterbrach Hauberrisser.

Pfeill sah ihn mitleidig an. »Du glaubst, damit kommt er heutzutage in unsern Pokerklubs durch? Falschspielen können die doch selber. Die Hosen wird er verlieren. À propos, hast du seine Uhr gesehen?«

Hauberrisser lachte.

»Wenn du mich liebst,« rief Pfeill, »so kaufst du sie ihm ab und schenkst sie mir zu Weihnachten.« -- Er schlich sich behutsam zu einem offenen Verandafenster, winkte seinem Freund und deutete hinein: »Schau mal, ist das nicht herrlich?«

Zitter Arpád, trotz der Tageszeit im Frack, eine Hyazinthe im Knopfloch, eigelbe Stiefel und eine schwarze Krawatte, saß in traulichem tête-à-tête bei einer älteren Dame, die vor Erregung, endlich einmal wieder einen Mann eingefangen zu haben, hektische Flecken auf den Wangen hatte und ein Zuckergoscherl machte.

»Erkennst du sie?« flüsterte Pfeill. »Es ist die Konsulin Rukstinat; Gott habe sie möglichst bald selig. -- Da! Jetzt zeigt er ihr die Uhr! Wetten möcht' ich, daß er die Alte durch den Anblick des beweglichen Liebespaares hinter dem Zifferblatt zu berücken sucht. -- Er ist ein Herzensbrecher ersten Grades, darüber besteht kein Zweifel.«

»Es ist ein Taufgeschenk Eugène Louis Jean Joseph's,« hörte man den »Grafen« mit vor Rührung bebender Stimme sagen.

»O Floohzimjersch!«, säuselte die Gnädige.

»Donnerkeil! Soweit halten die schon, daß sie ihn bereits beim Vornamen nennt?« -- Pfeill pfiff durch die Zähne und zog seinen Freund mit fort. -- »Rasch. Komm! Wir stören. -- Schade, daß die Sonne scheint, sonst würde ich das Licht abdrehen. Aus Mitgefühl für Ciechoñski. -- Nein, nicht hier hinein!« -- er hielt Hauberrisser an einer Tür zurück, die der Diener öffnete, -- »da drinnen wird Politik gebrodelt,« -- einen Augenblick wurde eine zahlreiche Gesellschaft sichtbar und in ihrer Mitte, beredt aufgebäumt und die fünf Fingerspitzen gebieterisch auf die Tischplatte gestützt, ein vollbärtiger Glatzkopf, -- »gehen wir lieber ins Quallenzimmer.« -- --

Erstaunt blickte Hauberrisser umher, als er sich in einem rehfarbenen, sämischledernen Klubsessel, der so dick wattiert war, daß er fast drin versank, niedergelassen hatte:

Wände und Plafond waren mit glatten, porenfreien und so kunstvoll aneinander gefügten Korkplatten, daß man keine Ritze bemerken konnte, bedeckt, -- die Fensterscheiben aus gebogenem Glas, die Möbel, die Mauerecken und Winkel, ja selbst die Türstöcke sanft gerundet; nirgends eine Kante, der Teppich weich wie knöcheltiefer Sand und überall das gleiche, milde, matte Hellbraun.

»Ich bin nämlich dahinter gekommen,« erklärte Baron Pfeill, »daß ein Mensch, der in Europa zu leben verdammt ist, eine Tobsuchtszelle nötiger hat als irgend etwas sonst. In Räumen, wie dieser, nur eine Stunde zu sitzen, reicht hin, um auch den reizbarsten Zappelphilipp für lange Zeit in eine sanftmütige Molluske zu verwandeln. Ich versichere dir, ich kann mit Pflichten vollgepfropft sein bis zum Hals, -- der bloße Gedanke an mein weiches Zimmer genügt, und schon fallen alle guten Vorsätze von mir ab wie vom Fuchs das Ungeziefer, wenn man ihn in Milch badet. Dank dieser sinnreichen Einrichtung bin ich jederzeit in der Lage, auch das wichtigste Tagewerk reuelos zu versäumen.«

»Wer dich so reden hört,« sagte Hauberrisser belustigt, »müßte unfehlbar glauben, du seiest der zynischste Genußmensch geworden, der sich ausdenken läßt.«

»Falsch!« widersprach Pfeill und schob seinem Freund eine Zigarrenkassette mit geschweiftem Buckeln hin, »ganz und gar falsch. Es ist lediglich die abgefeimteste Gewissenhaftigkeit gegen mich selbst, die mein Denken und mein Tun leitet. -- Ich weiß, du bist der Ansicht, das Leben sei sinnlos; auch ich war lange in diesem Wahn befangen, aber allmählich ist mir ein Licht aufgegangen. Man muß nur mit der Streberei aufhören und wieder ein natürlicher Mensch werden.«

»Und das« -- Hauberrisser deutete auf die Korkwände -- »nennst du: natürlich?«

»Freilich! -- Wenn ich arm wäre, müßte ich in einer verwanzten Kammer wohnen, -- täte ich es jetzt freiwillig, so hieße das, die Unnatur auf den Gipfel treiben. Das Schicksal muß doch irgend etwas damit bezwecken, daß es mich hat reich auf die Welt kommen lassen. -- Mich belohnen für etwas, was ich in einem früheren Dasein begangen und, unberufen, vergessen habe? Das riecht mir zu sehr nach theosophischem Kitsch. -- Am wahrscheinlichsten, glaube ich, ist's, daß es mir die hehre Aufgabe stellt, ich solle mich so lange an den Süßigkeiten des Lebens überfressen, bis ich es satt bekäme und der Abwechslung wegen wieder einmal nach hartem Brot begehrte. Soll geschehen; an mir wird's nicht fehlen. Schlimmstenfalls irre ich mich. -- Mein Geld andern schenken? Bitte, sofort; aber einsehen müßte ich vorher, weshalb. Bloß weil's in so vielen Schmökern steht? Nein. Auf das sozialistische Motto: 'Geh du weg und laß mich hin', falle ich prinzipiell nicht herein. Soll ich vielleicht einem, der bittere Medizin braucht, eine süße reichen? -- Schicksal panschen, das könnte mir so fehlen.«

Hauberrisser kniff ein Auge zu.

»Ich weiß schon warum du grinst, Halunke,« fuhr Pfeill ärgerlich fort; »du spielst auf die gottverfluchten paar Kröten an, die ich da dem Schuster -- aus Versehen natürlich -- geschickt habe. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. -- -- Was sind das für Taktlosigkeiten, mir meine Schwächen vorzuhalten! Die ganze Nacht habe ich mich wegen meiner Charakterlosigkeit gegiftet. Was, wenn der Alte überschnappt, dann bin ich Schuld daran.«

»Wenn wir schon davon sprechen,« gab Hauberrisser zu, »keinesfalls hättest du ihm auf einen Hieb so viel schicken brauchen und ihn lieber --« »brockenweis verhungern lassen sollen,« ergänzte Pfeill höhnisch. »Alles das ist Blech. Ich gebe zu, wer nach dem Gefühl handelt, dem wird viel vergeben, weil er viel geliebt hat. Aber zuerst hat man mich gefälligst zu fragen, ob ich darauf reflektiere, daß man mir etwas vergibt. Ich gedenke nämlich meine Schulden, auch die geistigen, bis auf den letzten Cent zu bezahlen. Mir schwant, meine wertgeschätzte Seele hat sich lange vor meiner Geburt klugerweise große Reichtümer gewünscht. -- Vorsichtshalber. Um nicht durch das Nadelöhr in den Himmel zu kommen. Sie liebt eben rastloses Halleluja-Gerufe nicht und eintönige Musik ist mir auch ein Graus. -- Ja, wenn der Himmel nur eine leere Drohung wäre! Aber ich bin fest überzeugt, es gibt so ein Institut nach dem Tode. Da ist es natürlich ein äußerst schweres Balancierstück, einerseits anständig zu bleiben und anderseits trotzdem einem künftigen Paradies zu entwischen. Ein Problem, über das sich schon der gottselige Buddha den Kopf zerbrochen hat.«

»Und du dir auch, wie ich merke.«

»Gewiß. Bloß leben genügt doch nicht. Oder? -- Du scheinst überhaupt nicht zu ahnen, wie ungeheuer ich in Anspruch genommen bin. Nicht in bezug auf Gesellschaften, -- das macht meine Hausdame drin ab -- sondern durch die geistige Arbeit, die mir infolge beabsichtigter -- Gründung -- eines -- neuen -- Staates und einer neuen Religion erwächst. Jawohl.«

»Um Gotteswillen! Du wirst noch eingesperrt werden.«

»Fürchte nichts, ich bin kein Aufrührer.«

»Ist deine Gemeinde schon groß?« fragte Hauberrisser lächelnd, da er einen Witz vermutete.

Pfeill sah ihn scharf an und sagte dann nach einer Pause: »Du scheinst mich, wie meistens, leider falsch zu verstehen. Spürst du nicht, daß etwas in der Luft liegt, was, vielleicht seit die Erde steht, noch nie so stark in der Luft gelegen hat? Einen Weltuntergang zu prophezeien ist eine undankbare Sache; er ist zu oft im Laufe der Jahrhunderte vorausgesagt worden, als daß die Glaubwürdigkeit nicht darunter gelitten hätte.

Trotzdem, glaube ich, behält diesmal derjenige Recht, der das Kommen eines solchen Ereignisses zu fühlen behauptet. Es braucht ja nicht gleich eine Vernichtung der Erde zu sein, -- der Untergang einer alten Weltanschauung ist auch ein Weltuntergang.«

»Und ein derartiger Umschwung in den Anschauungen, meinst du, könnte sich von heut auf morgen vollziehen?« -- Hauberrisser schüttelte zweifelnd den Kopf, -- »da glaube ich eher noch an bevorstehende Naturereignisse verheerender Art. Über Nacht ändern sich die Menschen nicht.«

»Sage ich denn, daß äußere Katastrophen ausbleiben müssen?!« rief Pfeill; »im Gegenteil, jeder Nerv in mir ahnt ihr Kommen. -- Was die plötzliche innere Veränderung der Menschheit anbetrifft, so hast du hoffentlich nur scheinbar Recht. Wie weit kannst du denn in der Geschichte zurückblicken, daß du solche Behauptungen aufstellen dürftest? Doch kaum ein paar lumpige tausend Jahre! -- Hat es selbst in dieser kurzen Zeit nicht geistige Epidemien gegeben, deren rätselhaftes Auftauchen einen nachdenklich machen müßte? -- Kinderkreuzzüge sind vorgekommen, -- freilich, ob's die Menschheit jemals zu Kommiskreuzzügen bringen wird, ist zweifelhaft. Aber möglich ist manches, sogar um so wahrscheinlicher, je länger es auf sich warten läßt. -- Bisher haben die Menschen einander zerfleischt um gewisser verdächtiger Unsichtbarer willen, die sich vorsichtshalber nicht Geister nennen, sondern 'Ideale'. Jetzt, glaube ich, hat endlich die Stunde des Krieges gegen diese Unsichtbaren geschlagen, -- und da möchte ich gerne dabei sein. Seit Jahren schon werde ich zum Soldaten im geistigen Sinne abgerichtet, das ist mir längst klar, aber so deutlich, wie jetzt, habe ich noch nie empfunden, daß eine große Schlacht gegen diese verfluchten Gespenster bevorsteht. Ich sage dir, wenn man einmal in das Ausroden der falschen Ideale hineinkommt, -- nicht fertig wird man damit. Es ist kaum glaublich, was sich da alles auf dem Wege der Ideenvererbung an impertinentem Schwindel in einem aufgehäuft hat. -- Und siehst du, dieses systematische Ausjäten von Unkraut in mir nenne ich die Gründung eines neuen -- Staates. Aus Rücksicht für die bestehenden Systeme und aus Taktgefühl gegenüber meinen Mitmenschen, denen ich, Gott sei vor, meine Ansichten über innere Wahrhaftigkeit und unbewußte Verlogenheit nicht aufdrängen möchte, habe ich mich von vornherein darauf beschränkt, in meinen Staat, -- den ich den keimfreien Staat nenne, weil er gründlich desinfiziert ist von den seelischen Bakterien eines _falschen_ Idealismus, -- nur einen einzigen Untertanen aufzunehmen, nämlich mich selbst. Ebenso bin ich der einzige Missionär meines Glaubens. Übertrittlinge brauche ich nicht.«

»Organisator bist du demnach nicht, wie ich sehe,« warf Hauberrisser erleichtert ein.