Part 8
Da flatterte plötzlich irgend etwas mit schreckhaftem Laut in der Finsternis auf und eine Stimme rief hastig:
»Abraham! Abraham!«
Eva stand das Herz still vor Entsetzen und sie sah, daß auch die andern zusammenzuckten.
»Hie bin ich,« antwortete der Schuhmacher, ohne sich zu rühren, wie aus dem Schlaf.
Eva wollte aufschreien, aber die Todesangst schnürte ihr die Kehle zu.
Wiederum lähmte einen Augenblick gräßliche Stille jeden Pulsschlag, dann flog ein schwarzer Vogel mit weißgefleckten Fittichen irr durchs Zimmer, schlug mit dem Kopf an die Fensterscheibe und fiel flügelschlagend zu Boden. -- --
»Es ist Jakob, unsere Elster,« flüsterte die kleine Katje Eva zu; »sie ist aufgewacht.«
Eva hörte es wie durch eine Wand hindurch; die Worte brachten ihr keine Beruhigung und verstärkten nur noch das drosselnde Gefühl der Nähe eines dämonischen Wesens.
Unerwartet wie vorhin der Ruf des Vogels, schlug jetzt abermals eine Stimme an ihr Ohr; sie kam von den Lippen des Schusters, und es klang wie ein zerbissener Schrei:
»Isaak! Isaak!«
-- Seine Miene hatte sich plötzlich verwandelt und trug den Ausdruck lodernden Wahnsinns. --
»Isaak! Isaak!«
»Hie bin ich,« antwortete die kleine Katje -- genau wie vorhin ihr Großvater auf den Ruf des Vogels; so, als schliefe sie.
Eva fühlte, daß die Hand des Kindes eiskalt war.
Die Elster unter dem Fensterbrett schackerte laut. --
Es hörte sich an, wie das Lachen eines teuflischen Kobolds.
Silbe für Silbe, Ton für Ton hatte die Stille die Worte und das hämische Gelächter eingeschluckt mit gierigem, gespenstischem Mund. -- Sie waren entstanden und verstummt wie das Herüberklingen eines Geschehnisses aus biblischer Vorzeit, das in der Kammer eines armseligen Handwerkers spukhaft wieder auferstand. -- -- -- --
Ein hallender Glockenschlag von der Nicolaskerk dröhnte durchs Zimmer und zerriß mit seinem Vibrieren einen Augenblick den Bann.
»Ich möchte gehen, es greift mich zu sehr an,« wandte sich Eva flüsternd zu Sephardi und ging zur Tür.
Sie wunderte sich, daß sie die Turmuhr die ganze Zeit über nicht gehört hatte, wo doch erst wenige Stunden vorüber waren, daß es Mitternacht geläutet haben mußte.
»Kann man den alten Mann so ohne Hilfe allein lassen?« -- fragte sie Swammerdam, der die Übrigen stumm zur Eile antrieb, und blickte zu Klinkherbogk hin. »Er scheint noch immer in Trance zu sein? Und auch das Kind schläft.«
»Er wird bald erwachen, wenn wir fort sind,« beruhigte sie der Schmetterlingssammler, aber durch seine Worte klang ein leiser Unterton verhaltner Angst, -- »ich will später nach ihm sehen.«
Man mußte den Neger fast mit Gewalt hinausdrängen, -- seine Blicke hingen fiebrig an den Goldmünzen auf der Tischplatte; Eva sah, daß Swammerdam ihn nicht aus den Augen ließ und, als alle die Treppe hinuntergingen, rasch umkehrte, die Dachkammer des Schuhmachers absperrte und den Schlüssel einsteckte. -- -- --
Mary Faatz war vorausgelaufen, um den Gästen Mäntel und Hüte aus dem Zimmer im vierten Stock zu bringen und dann einen Wagen zu holen.
»Wenn nur der König aus Mohrenland wiederkommt; wir haben ihn ohne Abschied ziehen lassen; oh Gott, warum ist das Fest der Wiedergeburt so traurig verlaufen!« jammerte Fräulein de Bourignon, als sie mit Swammerdam, der ihnen das Geleite gegeben hatte und wortkarg mit verstörtem Gesicht neben ihnen stand, vor dem Haustor auf die Droschke warteten, die sie in das Béginenstift, Eva in ihr Hotel und Doktor Sephardi nach Hause bringen sollte; -- aber das Gespräch stockte bald und wollte nicht wieder in Fluß kommen.
Die Geräusche des Volksfestes in der Warmoesstraat waren erstorben, nur hinter den verhängten Fenstern der Schenke am Zee Dyk spielte noch ein Banjo wilde Tänze.
Die Wand des Hauses, die gegen die Nicolaskirche gekehrt war, lag in tiefem Schatten, -- die andere Seite, auf der die Giebelkammer des Schusters hoch über der Gracht in das ferne Nebelmeer des Hafens hineinsah, glitzerte naß und weiß in grellem Mondlicht.
Eva trat an das Geländer, das die Gasse gegen die Gracht abschloß, und blickte in das schwarze, unheimliche Wasser.
Wenige Meter von ihr entfernt berührte die eiserne Kette, die vom Dachkran, am Fenster des Schuhmachers vorbei, herabhing, mit dem untern Ende einen schmalen, kaum fußbreiten Mauervorsprung.
Ein Mann stand in einem Boot und machte sich an der Kette zu schaffen; als er die helle Frauengestalt erblickte, bückte er sich rasch nieder und wandte den Kopf weg.
Eva hörte den Wagen um die Ecke kommen und eilte fröstelnd zu Sephardi zurück; -- einen Herzschlag lang, sie wußte nicht warum und wieso, war die Erinnerung an die weißen Augen des Negers wieder in ihr wach geworden. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Der Schuster Klinkherbogk träumte, er ritte auf einem Esel durch die Wüste, an seiner Seite die kleine Katje, und vor ihm her schritt als Führer der Mann mit der Hülle vor dem Antlitz, der ihm den Namen Abram gegeben hatte.
Tag und Nacht ritt er so, da sah er am Himmel eine Luftspiegelung, und ein Land, üppig und herrlich, wie er noch nie eins gesehen, senkte sich herab, und der Mann sagte ihm, es hieße Morija.
Und Klinkherbogk klomm einen Berg empor, baute einen Holzstoß und legte Katje oben darauf.
Dann reckte er seine Hand aus und faßte das Messer, daß er das Kind schlachte. Sein Herz war kalt und ohne Mitleid, denn er wußte nach der Schrift, daß er einen Widder opfern werde zum Brandopfer an Katjes Statt. Und als er das Kind geopfert hatte, nahm der Mann die Hülle vom Gesicht, das glühende Zeichen auf seiner Stirn verschwand und er sprach:
»Ich zeige dir, Abraham, mein Angesicht, auf daß du von nun an das Ewige Leben habest. Das _Zeichen_ des Lebens aber nehme ich von meiner Stirne, damit sein Anblick dir nimmermehr dein armes Hirn verbrenne. Denn meine Stirn ist deine Stirn und mein Antlitz ist dein Antlitz. Dies, wisse, ist in Wahrheit die »zweite Geburt«: daß du eins bist mit mir und erkennest, daß ich, dein Führer zum Baum des Lebens, du selbst gewesen bist. --
Viele sind, die mein Gesicht gesehen haben, aber sie wissen nicht, daß es die zweite Geburt bedeutet, darum mag es sein, daß sie das ewige Leben jetzt nicht finden.
Noch einmal wird der Tod zu dir kommen, ehe du durch die schmale Pforte schreitest, -- und vorher die Taufe mit Feuer als brennendes Bad des Schmerzes und der Verzweiflung.
Du hast es selbst so gewollt.
Dann aber wird deine Seele in das Reich, das ich dir bereitet habe, eingehen, so wie ein Vogel aus seinem Kerker fliegt ins ewige Morgenrot.« --
Klinkherbogk sah, daß das Antlitz des Mannes aus grünem Golde war und den ganzen Himmel erfüllte, und er erinnerte sich einer Zeit, da er als junger Mensch, um denen den Pfad ebnen zu helfen, die nach ihm kämen, im Gebet ein Gelübde getan hatte, er wolle keinen Schritt mehr vorwärts gehen auf dem geistigen Wege, es sei denn, daß der Herr des Schicksals die Bürde einer ganzen Welt auf ihn lege.
Der Mann verschwand.
Klinkherbogk stand in tiefer Finsternis und hörte ein donnerndes Rollen, das langsam verblaßte, bis es nur mehr klang, als rassele in weiter Ferne ein Wagen über holpriges Pflaster. Allmählich kam er zu sich, das Traumbild in seinem Gedächtnis verblich und er sah, daß er in seiner Dachkammer war und -- eine blutige Ahle in der Hand hielt.
Der Docht der herabgebrannten Kerze kämpfte mit dem Verlöschen und der flackernde Schein ließ das Gesicht der kleinen Katje, die erstochen auf dem zerschlissenen Divan lag, fahl aus der Dunkelheit aufzucken.
Der Wahnwitz einer grenzenlosen Verzweiflung fiel über Klinkherbogk her.
Er wollte sich die Ahle in die Brust stoßen, -- die Hand gehorchte ihm nicht. Er wollte aufbrüllen wie ein Tier, -- ein Krampf hatte seine Kinnlade gepackt und er konnte den Mund nicht öffnen, -- er wollte sich den Schädel an der Wand zerschmettern, -- seine Füße taumelten, als wären sie in den Gelenken zerbrochen.
Der Gott, zu dem er sein ganzes Leben lang gebetet hatte, wachte in seinem Herzen auf, zur grinsenden Teufelsfratze verwandelt.
Er wankte zur Tür um Hilfe zu holen, rüttelte daran, bis er zusammenfiel, -- die Tür war verschlossen.
Dann schleppte er sich zum Fenster, riß es empor und wollte nach Swammerdam schreien, -- da hing zwischen Himmel und Erde ein schwarzes Gesicht und starrte ihn an.
Der Neger, der an der Kette heraufgeklettert war, schwang sich ins Zimmer.
Einen Augenblick sah Klinkherbogk einen schmalen, roten Streifen unter den Wolken im Osten; -- wie ein Blitz kam ihm die Erinnerung wieder an seinen Traum, und er breitete sehnsüchtig die Arme nach Usibepu aus wie nach dem Erlöser.
Der Neger prallte entsetzt zurück, als er das verklärte Lächeln in Klinkherbogks Zügen bemerkte, dann sprang er auf ihn zu, faßte ihn am Hals und brach ihm das Genick.
Eine Minute später hatte er sich die Taschen mit dem Gold vollgestopft und schleuderte die Leiche des Schusters aus dem Fenster.
Klatschend fiel sie in die trüben, stinkenden Gewässer der Gracht, und über den Kopf des Mörders hinweg flog die Elster in die Morgendämmerung mit dem jauchzenden Jubelruf: »Abraham! Abraham!«
Sechstes Kapitel
Hauberrisser hatte bis gegen Mittag geschlafen, trotzdem spürte er eine bleierne Müdigkeit in allen Gliedern, als er die Augen aufschlug.
Die Spannung, zu erfahren, was in der Rolle stand, die ihm in der Nacht übers Gesicht gelaufen war, und woher sie gekommen sein könnte, hatte ihn den ganzen Schlummer hindurch verfolgt wie das gewisse peinigende Wartegefühl, das einem die Ruhe zu scheuchen pflegt, wenn man sich vor dem Schlafengehen vornimmt, pünktlich zu einer gewissen Stunde und Minute zu erwachen.
Er erhob sich, untersuchte die Wände der Nische, in der das Bett stand, und fand auch bald ohne Mühe das aufklappbare Fach in der Täfelung, in dem sie offenbar gelegen hatte. Bis auf eine zerbrochene Brille und ein paar Kielfedern war es vollkommen leer und, nach den Tintenflecken zu schließen, von dem früheren Bewohner des Zimmers als kleiner Hilfsschreibtisch benutzt worden.
Hauberrisser bog die Blätter gerade und bemühte sich, sie einigermaßen zu entziffern.
Die Schriftzüge waren stark verblaßt, an manchen Stellen bereits unleserlich, und viele Seiten unter dem Einfluß der Mauerfeuchtigkeit untrennbar zu schimmligem Pappendeckel zusammengebacken, so daß wenig Hoffnung blieb, sich jemals im Inhalt zurechtfinden zu können.
Anfang und Ende fehlten, und das noch Vorhandene schien, wie die häufige Ausstreichung von Sätzen verriet, eine Art Entwurf zu irgendeiner schriftstellerischen Arbeit -- vielleicht zu einem Tagebuch -- zu sein.
Wer der Verfasser gewesen sein mochte, war nirgends ersichtlich, ebensowenig Datum oder Jahreszahl, die einen Anhaltspunkt für das Alter des Manuskriptes ergeben hätten.
Mißmutig wollte Hauberrisser die Rolle weglegen und sich wieder ausstrecken, um die Stunden gestörten Schlummers nachzuholen, da fiel sein Blick, wie er die Seiten ein letztes Mal durch die Finger laufen ließ, auf einen Namen, der ihn so erschreckte, daß er einen Moment zweifelte, richtig gelesen zu haben.
Leider war die Stelle bereits verblättert und seine Ungeduld, sie wiederzufinden, machte die Arbeit des Suchens vergeblich.
Dennoch hätte er einen Eid schwören mögen, daß es der Name »Chidher Grün« gewesen sein mußte, der ihm aus dem Dokument entgegengesprungen war. Er sah ihn deutlich vor sich, wenn er die Augen schloß und sich die betreffende Stelle vergegenwärtigte.
Die Sonne strahlte heiß durch das vorhanglose, breite Fenster herein; das Zimmer mit den gelbseiden bespannten Wänden war mit goldenem Glanze erfüllt, und doch, trotz all der Pracht des Mittagszaubers, faßte Hauberrisser einen Augenblick das Grauen an; ein Grauen, das er bisher nicht gekannt hatte, -- jenes Grauen, das ins Leben tritt ohne scheinbar zureichenden Grund, aus der Nachtseite der Seele herüberschreit wie ein Geschöpf der Dämmerung, um sich gleich darauf, geblendet vom Licht, wieder spurlos zu verkriechen.
Er fühlte, daß es nicht von dem Manuskript ausging, auch nicht mit dem abermaligen Hereinspielen des Namens Chidher Grün in Zusammenhang stand; -- es war das plötzliche, tiefe Mißtrauen gegen sich selbst, das ihm bei hellem Tage den Boden unter den Füßen wegzog.
Rasch beendete er seine Toilette und klingelte.
»Sagen Sie mal, Frau Ohms,« fragte er die alte Haushälterin, die ihm seine Junggesellenwirtschaft führte, als sie das Frühstück auf den Tisch stellte, »wissen Sie zufällig, wer früher hier gewohnt hat?«
Die Alte dachte eine Weile nach.
»Gehört hat das Haus vor vielen Jahren, so weit ich mich erinnern kann, einem bejahrten Herrn, der, wenn ich mich nicht irre, sehr reich und ein Sonderling gewesen sein soll. Später stand es lange leer und ging dann in den Besitz der Waisengelderverwaltung über, Mynheer.«
»Und haben Sie keine Ahnung, wie er geheißen hat und ob er noch lebt?«
»Kann leider nicht dienen, Mynheer.«
»Gut, ich danke.«
Hauberrisser machte sich daran, die Rolle nochmals durchzulesen.
Der erste Teil des Manuskriptes behandelte, wie er bald erkannte, einen Rückblick des Verfassers und schilderte in kurzen, abgerissenen Sätzen das Schicksal eines Menschen, der vom Unglück verfolgt, alles nur Erdenkliche versucht hatte, um sich eine lebenswerte Existenz zu schaffen. Aber jedesmal waren seine Bemühungen im letzten Augenblick gescheitert. -- Wieso er später, gewissermaßen über Nacht, zu großen Reichtümern gelangt war, ließ sich nicht ersehen, da ein paar Bogen fehlten.
Hauberrisser mußte mehrere Blätter, die völlig vergilbt waren, ausscheiden; was darauf folgte, mochte einige Jahre später geschrieben worden sein, denn die Tinte war frischer und die Handschrift zitterig, wie unter dem Einfluß zunehmenden Lebensalters. Ein paar Sätze, deren Inhalt eine gewisse Ähnlichkeit mit seiner eigenen Gemütsverfassung aufwies, notierte er sich besonders, um den Zusammenhang besser überblicken zu können:
»Wer da glaubt, er hätte das Leben um seiner Nachkommen willen, belügt sich selbst. Es ist nicht wahr: die Menschheit hat keinen Fortschritt gemacht. Es scheint nur so. Sie hat nur Einzelne hervorgebracht, die wirklich fortgeschritten sind. Im Kreise laufen, heißt: nicht vorwärts kommen. Wir müssen den Kreis durchbrechen, sonst haben wir nichts getan. Die da wähnen, das Leben beginne mit der Geburt und ende mit dem Tod, -- freilich, die sehen den Kreis nicht; wie sollten sie ihn durchbrechen!«
Hauberrisser blätterte um.
Die ersten Worte oben am Rande, die er las, schlugen ihm ins Gesicht. »Chidher Grün!«
Er hatte sich also doch nicht geirrt.
In atemloser Spannung durcheilte er die nächsten Zeilen. Sie gaben so gut wie keinen Aufschluß. Der Name Chidher Grün bildete das Ende eines Satzes, auf der Seite vorher fehlte der Anfang; sie gehörte demnach nicht dazu. Keine Möglichkeit, die Spur weiter zu verfolgen, die doch mit Sicherheit schließen ließ, daß der Verfasser der Schrift irgendeine feste Vorstellung mit dem Namen verbunden, -- vielleicht sogar einen gewissen »Chidher Grün« persönlich gekannt hatte.
Hauberrisser griff sich an den Kopf. Was da mit einemmal in sein Leben getreten war, sah sich an, als treibe eine unsichtbare Hand ein boshaftes Spiel mit ihm.
So interessant das Manuskript noch im selben Abschnitt zu werden versprach -- er konnte die Geduld nicht mehr aufbringen, weiter zu lesen. Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen.
Er hatte es satt, sich noch länger von albernen Zufällen narren zu lassen.
»Ich werde der Sache ein Ende machen!« -- er rief nach der Haushälterin und beauftragte sie, einen Wagen zu holen -- »Ich fahre ganz einfach in den Vexiersalon und lasse mir den Herrn Chidher Grün herausrufen,« beschloß er. Gleich darauf sah er ein, daß sein Vorhaben nicht viel mehr als einen Schlag ins Wasser bedeutete, »denn«, überlegte er, »was kann der alte Jude dafür, daß mich sein Name verfolgt wie ein Kobold?« -- aber Frau Ohms hatte sich bereits auf den Weg gemacht.
Unruhig schritt er im Zimmer auf und ab.
»Ich benehme mich wie ein Wahnsinniger,« legte er sich zurecht; »was geht mich die Sache eigentlich an? Statt in Ruhe dahinzuleben -- wie ein Spießbürger,« ergänzte eine hämische Stimme in seiner Brust, und sofort verwarf er den angefangenen Gedanken. »Hat mir das Schicksal noch nicht genug Lehren gegeben,« sagte er sich vorwurfsvoll, »daß das Dasein ein himmelschreiender Unsinn ist, wenn man es so lebt, wie die Menschheit es tut? Selbst, wenn ich das Hirnverbrannteste begänne, das sich ausdenken läßt, -- immer noch wäre es gescheiter, als zurückzufallen in den Trott des Althergebrachten, dessen letztes Ziel ein zweckloser Tod ist.«
Der Ekel am Dasein meldete sich wieder leise in ihm, und er sah ein, daß ihm nichts mehr blieb, -- wollte er sich von dem später oder früher unabwendbaren Selbstmord aus Überdruß retten, -- als sich, eine Zeitlang wenigstens, widerstandslos treiben zu lassen, bis ihm das Geschick entweder über die Wende hinweg zu einem dauernd festen Standpunkt verhalf, oder ihm mit ehernen Worten zurief: es gibt nichts neues unter der Sonne, der Zweck des Lebens ist: zu sterben. --
Er nahm die Rolle, trug sie in sein Bücherzimmer und sperrte sie in seinen Schreibtisch.
So argwöhnisch gegenüber der Möglichkeit sonderbarer Geschehnisse war er bereits geworden, daß er das Blatt, auf dem der Name Chidher Grün obenan stand, abtrennte und in seine Brieftasche steckte.
Es geschah nicht aus Aberglauben, sie könne verschwinden, sondern lediglich aus dem Wunsche, das Papier greifbar bei sich zu tragen und nicht auf Erinnerung allein angewiesen zu sein; -- es war die instinktive Abwehrstellung eines Menschen, der die verwirrenden Einflüsse des Gedächtnisses vermeiden will und nicht gesonnen ist, auf die Wahrnehmungen durch die äußern Sinne zu verzichten, falls verblüffende Zufälle das gewohnte Bild des Alltags ins Schwanken bringen sollten.
»Der Wagen steht unten,« meldete die Haushälterin, »und dies Telegramm ist soeben abgegeben worden.«
»Bitte komm zuverlässig heute zum Tee. Größere Gesellschaft, unter andern dein Freund Ciechoñski, leider auch die Rukstinat, Fluch und Enterbung, wenn du mich im Stiche läßt.
Pfeill«
las Hauberrisser und brummte ärgerlich etwas vor sich hin. Er zweifelte keinen Augenblick, daß sich der »polnische Graf« unverschämterweise auf ihn berufen hatte, um Pfeills Bekanntschaft zu machen.
Dann gab er dem Kutscher die Weisung, ihn in die Jodenbreestraat zu fahren.
»Ja, nur zu, mitten durch die Jodenbuurt;« sagte er lächelnd, als ihn der Mann mit bedenklicher Miene fragte, ob er direkt durch den »Jordaan« -- womit er das Ghetto meinte -- fahren, oder Querstraßen benützen solle.
* * * * *
Bald waren sie mitten drin in diesem seltsamsten aller europäischen Stadtviertel.
Das ganze Leben der Bewohner spielte sich anscheinend auf der Gasse ab. -- Da wurde im Freien gekocht, gebügelt und gewaschen. Ein Strick hing quer über die Straße, mit schmutzigen Strümpfen daran zum Trocknen und so niedrig, daß der Kutscher sich bücken mußte, um sie nicht mit dem Kopf herunterzureißen. -- Uhrmacher saßen vor kleinen Tischen und glotzten, die Lupen in die Augen geklemmt, der Droschke nach wie erschreckte Tiefseefische; -- Kinder wurden gesäugt oder über Kanalgitter gehalten.
Einen lahmen Greis hatte man mitsamt dem Bett, unter dem ein Nachtgeschirr stand, vor ein Haustor getragen, damit er die »frische Luft« genießen könne, und daneben an einer Straßenecke hielt ein schwammig aufgedunsener Jude, von oben bis unten beklettert von bunten Puppen wie Gulliver mit den Zwergen, Spielzeug feil und rief dazu, ohne Atem zu schöpfen, mit einer Stimme, die klang, als trüge er eine silberne Kanüle im Kehlkopf: poppipoppipoppipoppipoppi.
»Kleerko, Kleerko, Kle--e--erkoooop,« dröhnte eine Art Jesajas mit Talar und schneeweißen Ohrlocken, der sich den Handel mit alten Kleidern als Lebenszweck auserkoren hatte, dazwischen, schwenkte eine einbeinige Hose wie ein Siegesbanner über dem Haupte und winkte Hauberrissern zu, ihn mit seinem Besuch beehren zu wollen und ungeniert abzulegen.
Dann wieder tönte aus einer Quergasse ein vielstimmiger Chor in den merkwürdigsten Modulationen: »Nieuwe haring, niwe ha--a--a--ng; aardbeien -- aare -- bei--je! de mooie, de mooie, de mooie waar; augurkjes, gezond en goedkoop,« -- ein appetiterregender Gesang, dem der Kutscher mit andächtigem Gesicht -- obwohl unfreiwillig -- längere Zeit lauschen mußte, ehe er wieder im Schritt weiter fahren konnte, denn Berge von bestialisch stinkenden Fetzen versperrten den Weg und mußten erst weggeräumt werden, um die Straße frei zu machen. Scharen jüdischer Lumpensammler hatten sie aufgetürmt und schleppten emsig immer noch neue Haufen heran, wobei sie verschmähten, sich der üblichen Säcke zu bedienen, und die Bündel schmutziger Lappen der Einfachheit halber unter den halbaufgeknöpften Kaftans auf dem bloßen Leibe, eingeklemmt zwischen Rippen und Achseln, trugen.
Es war ein seltsamer Anblick, wie sie als unförmliche Ballen ankamen, vollgestopft mit Lumpen, um gleich darauf schlank und dünn in rattenhafter Eile wieder fortzuhuschen. -- --
Endlich wurde die Straße breiter, und Hauberrisser sah den Glasvorbau des Vexiersalons in der Sonne glitzern.
Es dauerte eine geraume Weile, bis sich das Schiebefenster des Verschlages -- diesmal weit weniger geräuschvoll und verkaufslustig als gestern -- herabließ, die Büste der Verkäuferin zu enthüllen.
»Womit kann ich dienen, Mynheer?« fragte die junge Dame auffallend kühl und sichtlich zerstreut.
»Ich möchte gerne Ihren Herrn Chef sprechen.«
»Der Herr Professor ist leider gestern auf unbestimmte Zeit verreist.« -- Die Verkäuferin biß die Lippen schnippisch zusammen und funkelte Hauberrisser katzenhaft an.
»Ich meine nicht den Herrn Professor, Fräulein, seien Sie unbesorgt; -- ich hätte nur gern den alten Herrn einen Augenblick gesprochen, den ich gestern drin hinterm Pult habe stehen sehen.«
»Ach so _den_,« -- das Gesicht der jungen Dame hellte sich auf. -- »Das ist ein Herr Pedersen aus Hamburg. Der in den Guckgasten g'schaut hat, net wahr?«
»Nein, ich meine den alten -- Israeliten im Bureau. Ich dachte, ihm gehöre das Geschäft.«
»Unser G'schäft? Unser G'schäft hat niemals keinem alten Juden nicht g'hört, mein Herr. -- Wir sind eine ausgesprochen christliche Firma.«
»Meinetwegen. Aber den alten Juden, der gestern drin hinterm Pult gestanden hat, möchte ich trotzdem sprechen. Tun Sie mir doch den Gefallen, Fräulein!«
»Mar' and Joseph,« beteuerte die junge Dame und verfiel zum Zeichen, daß sie die Wahrheit spräche, in das treuherzigste Wienerisch, das ihr in der Geschwindigkeit zu Gebote stand, »meiner Seel' und Gott, in unser Bureau darf überhaupt kein Jud nicht, und niemals hat kein solcher nicht drin g'standen. Und gestern natürlich schon gar nicht.«
Hauberrisser glaubte ihr kein Wort. Ärgerlich dachte er nach, was er tun könne, um sie von ihrem Mißtrauen abzubringen.
»Also gut, Fräulein, lassen wir das jetzt; aber sagen Sie mir wenigstens: wer ist dieser 'Chidher Grün', dessen Namen draußen auf der Tafel steht?«
»Auf welcher Tafel, bitte?«
»Um Himmelswillen! Fräulein! Draußen auf Ihrer Ladentafel!«
Die Verkäuferin riß die Augen auf. -- »Auf unserer Tafel steht doch: Zitter Arpád!« stotterte sie gänzlich verblüfft.
Hauberrisser ergriff seinen Hut und eilte wütend hinaus, um sich zu überzeugen. -- Im Spiegel des Türfensters sah er, daß die Verkäuferin sich mit staunender Gebärde auf die Stirn tupfte. -- Als er dann auf die Gasse trat und zu dem Firmenschild emporblickte, las er -- und das Herz stand ihm still dabei -- tatsächlich unter der Bezeichnung Vexiersalon den Namen: Zitter Arpád.
Von »Chidher Grün« auch nicht ein Buchstabe.
Er war derartig verwirrt und fühlte sich so beschämt, daß er seinen Spazierstock im Laden im Stiche ließ und schnurstracks wegeilte, um so rasch wie möglich in eine andere Gegend zu kommen.
* * * * *