Part 6
Das atemlose Geklingel der Leierkasten, das Wirbeln der Trommeln und die schrillen Stimmen der Ausrufer, unterbrochen von dem Peitschenknallen aus den Schießbuden, vibrierten durch die dunkeln Straßen und ließen ein von Fackelglanz beschienenes Bild ahnen, in dem eine wogende Volksmenge Bretterstände voll Pfefferkuchen, farbigem Zuckerwerk und zottig bebarteten Menschenfressergesichtern aus geschnitzten Kokosnüssen, umdrängte; im Kreise umhersausende, buntbemalte Ringelspielpferde, auf- und niederjagende Schaukeln, nickende Mohrenköpfe mit weißen Gipspfeifen als Zielscheiben, ungehobelte Tische mit reihenweise eingesteckten Taschenmessern, um mit Ringen darnach zu werfen, fettglänzende Seehunde in hölzernen Bassins voll schmutzigen Wassers, Zelte mit wehenden Wimpeln und wackelnden Spiegelfacetten, kreischende Kakadus in silbernen Reifen, Fratzen schneidende Affen und im Hintergrund, Schulter an Schulter: Reihen schmaler Häuser wie eine Schar stumm zuschauender schwärzlicher Riesen mit weißen, viereckig vergitterten Augen. -- --
Die Wohnung Jan Swammerdams lag im vierten Stock abseits von dem Getriebe des lärmenden Volksfestes in einem schief nach vorne gesunkenen Gebäude, in dessen Keller sich die berüchtigte Matrosenschenke »Prins van Oranje« befand.
Ein mürber Staubgeruch nach Kräutern und getrockneten Pflanzen, dem kleinen Drogenmagazin neben dem Eingang entströmend, erfüllte das Innere des Hauses bis hinauf zum Dach, und ein Ladenschild mit der Lockschrift: »Hier verkoopt men sterke dranken« verriet, daß außerdem noch ein gewisser Lazarus Eidotter tagsüber eine Schnapsbudike in den Gefilden des Zee Dyk betrieb.
Doktor Sephardi und Fräulein van Druysen kletterten die hühnersteigartige Treppe hinauf und wurden sogleich von einer alten Dame mit schneeweißen Locken und kreisrunden Kinderaugen, der Tante Fräulein van Druysens, voll Herzlichkeit mit den Worten empfangen: »Willkommen, Eva, und willkommen auch du, König Balthasar, im neuen Jerusalem!« --
Eine Versammlung von sechs Leuten, die alle andächtig um einen Tisch herum gesessen hatten, erhoben sich verlegen, als die beiden eintraten, und wurden von Fräulein de Bourignon vorgestellt:
»Hier Jan Swammerdam und seine Schwester,« -- ein altes verhutzeltes Weiblein mit holländischer Haube und »Krulletjes« an den Ohren knixte unaufhörlich, -- »dann Herr Lazarus Eidotter, der zwar nicht zu unserm geistigen Kreis gehört, aber er ist 'Simon der Kreuzträger',« -- (»und im selben Hoose wohn' jach ooch, mit Verloob,« ergänzte stolz der Angeredete, ein greisenhafter, russischer Jude im Talar), -- »ferner Fräulein Mary Faatz von der Heilsarmee -- sie hat den Geistesnamen Magdalena -- und unser lieber Bruder Hesekiel« -- sie wies auf einen jungen Menschen mit blatternarbigem, verschwommenem Gesicht, das aussah, als wäre es aus Brotteig geknetet, und wimperlosen, entzündeten Augen, »er ist Angestellter unten in dem Drogengeschäft und trägt den Geistesnamen Hesekiel, weil er, wenn die Zeit erfüllt ist, die Geschlechter richten wird.«
Doktor Sephardi warf einen ratlosen Blick auf Fräulein van Druysen.
Ihre Tante, die es bemerkte, erklärte: »Wir tragen alle Geistesnamen; zum Beispiel Jan Swammerdam ist der König Salomo, seine Schwester heißt Sulamith und ich bin 'Gabriele', das ist die weibliche Form des Erzengels Gabriel, aber gewöhnlich nennt man mich die Hüterin der Schwelle, denn mir liegt es ob, die zerstreuten Seelen im Weltall zu sammeln und ins Paradies zurückzuführen. Doch das werden Sie später alles besser verstehen, Herr Doktor, denn Sie gehören zwar zu uns, aber ohne es zu wissen; Ihr Geistesname ist König Balthasar! Haben Sie noch nie Kreuzigungsschmerzen gehabt?«
Sephardi wurde immer verwirrter.
»Schwester Gabriele geht, fürchte ich, ein wenig zu stürmisch vor,« nahm Jan Swammerdam lächelnd das Wort. »Vor vielen Jahren ist nämlich hier im Hause ein wahrer Prophet des Herrn erstanden, ein schlichter Schuhmacher namens Anselm Klinkherbogk. Sie werden ihn heute noch kennen lernen. Er wohnt über uns.
Wir sind keineswegs Spiritisten, wie Sie vielleicht annehmen, Mynheer; fast, möchte ich sagen, das Gegenteil, denn wir haben nichts zu tun mit dem Reiche der Toten. Unser Ziel ist das ewige Leben. -- Jedem Namen nun liegt eine geheime Kraft inne, und wenn wir diesen Namen mit geschlossenen Lippen in unser Herz hineinsprechen, unablässig, bis er für Tag und Nacht beständig unser Wesen erfüllt, so ziehen wir die geistige Kraft in unser Blut hinein, das, in den Adern kreisend, mit der Zeit unsern Körper verändert.
Diese allmähliche Wandlung unseres Leibes, -- denn nur er allein muß verändert werden, der Geist an sich ist bereits vollkommen seit Anbeginn, -- gibt sich in allerlei Gefühlen kund, die die Vorboten des Zustandes sind, der 'geistige Wiedergeburt' heißt.
Ein solches Gefühl ist zum Beispiel die Empfindung eines gewissen bohrenden, nagenden Schmerzes, der zeitweilig kommt und geht, ohne daß wir erkennen können warum, anfangs nur im Fleische wühlt, dann aber die Knochen ergreift und uns ganz durchdringt, bis, als Zeichen der 'ersten Taufe', das ist die 'Taufe mit Wasser', die Kreuzigung des untern Grades erreicht ist, das heißt: Wundmale an den Händen auf unbegreifliche Weise sich öffnen und Wasser daraus hervortritt,« -- er und die übrigen, mit Ausnahme Lazarus Eidotters, hoben die Hände in die Höhe, und man sah tiefe, runde Narben darin wie von Nägelwunden.
»Aber das ist ja Hysterie!« rief Fräulein van Druysen entsetzt.
»Nennen Sie es ruhig Hysterie, Mejufrouw; _die_ 'Hysterie', unter der _wir_ stehen, ist nichts Krankhaftes. Zwischen Hysterie und Hysterie ist ein großer Unterschied. Nur diejenige Hysterie, die Hand in Hand geht mit Ekstase und Geistesverwirrung, ist einer Krankheit gleichzustellen und führt nach abwärts, die _andere_ Art jedoch ist die Geistes_entwirrung_ -- das 'Kommen zur Klarheit', und ist der Weg nach aufwärts, der über das Erfassen der Erkenntnisse durch das Denken hinaus den Menschen zum Wissen durch direktes 'Schauen' führt.
In der Schrift heißt dieses Ziel das 'innere Wort', und, wie der Mensch der heutigen Zeit denkt, indem er, ohne sich dessen bewußt zu sein, Worte im Gehirn lispelt, so spricht im geistig wiedergeborenen Menschen eine andere geheimnisvolle Sprache mit neuen Worten, in denen es kein 'Mutmaßen' und keinen Irrtum mehr gibt. Dann ist das Denken ein neues Denken geworden -- ist Magie und nicht mehr ein armseliges Verständigungsmittel, -- ist ein Offenbarwerden der Wahrheit, in deren Licht der Irrtum verschwindet, weil die Zauberringe der Gedanken sodann ineinander greifen und nicht mehr nebeneinander liegen.«
»Und sind Sie so weit, Herr Swammerdam?«
»Wenn ich so weit wäre, säße ich nicht hier, Mejufrouw.«
»Sie sagten, der gewöhnliche Mensch denke, indem er im Gehirn Worte bilde; wie ist es nun,« fragte Sephardi interessiert, »bei jemand, der taubstumm geboren ist und keine Sprache kennt?«
»Dann denkt er teils in Bildern, teils in der Ursprache.«
»Lassen Se mir aach ämol reden, Swammerdamleben!« rief Lazarus Eidotter streitlustig dazwischen: »Gut, Sie haben Kabbala, ich hab' aber auch Kabbala. 'Im Anfang war das Wort' ist falsch übersetzt. 'Bereschith' heißt auf deitsch das 'Koppwesen', Ihnen gesagt, und nicht: 'im Anfang'. Auf was herauf: 'im Anfang'??«
»Das Kopfwesen!« murmelte Swammerdam und versank eine Weile in tiefes Grübeln; »ich weiß. Aber der Sinn bleibt derselbe.«
Die andern hatten schweigend zugehört und sahen einander bedeutungsvoll an.
Eva van Druysen fühlte instinktiv, daß sie bei dem Wort »Kopfwesen« an das »olivgrüne Gesicht« gedacht hatten, und blickte fragend zu Doktor Sephardi hinüber, der ihr unmerklich zunickte.
»Auf welche Weise ist Ihrem Freunde Klinkherbogk die Gabe der Prophetie zuteil geworden und wie äußert sie sich?« brach er endlich das Stillschweigen, da niemand Miene machte zu reden.
Jan Swammerdam fuhr wie aus dem Traum auf: »Klinkherbogk? Ja;« -- er sammelte sich: -- »Klinkherbogk hat sein Leben lang Gott gesucht, bis es sein ganzes Denken verzehrte und er vor beständiger Sehnsucht viele Jahre nicht mehr schlafen konnte. Eines Nachts saß er wie gewöhnlich vor seiner Schusterkugel, -- Sie wissen, derartige Kugeln aus Glas verwenden die Schuhmacher und stellen sie vor brennende Kerzen, um bei der Arbeit besser sehen zu können, -- da wuchs aus dem Lichtfunken in ihrem Innern eine Gestalt, trat zu ihm, und es wiederholte sich, was in der Apokalypse steht: der Engel gab ihm ein Buch zu verschlingen und sagte: »Nimm hin und verschling's und es wird dich im Bauch grimmen, aber in deinem Munde wird's süß sein wie Honig.« Das Gesicht der Erscheinung war verhüllt, nur ihre Stirne war frei, und ein grünleuchtendes Kreuz glühte darauf.«
Eva van Druysen fielen die Worte ihres Vaters über die Gespenster ein, die das Zeichen des Lebens offen trügen, und einen Augenblick faßte es sie an wie kalte Furcht.
»Seit jener Zeit hatte Klinkherbogk das 'innere Wort',« kam Swammerdam wieder auf seine Rede zurück, -- »und es sagte ihm und durch seinen Mund auch mir -- denn ich war damals sein einziger Schüler -- wie wir leben sollten, um von dem Holz des Lebens zu essen, das im Paradies Gottes ist. Es wurde uns die Verheißung: nur noch ein kleines Weilchen, und aller Jammer des irdischen Daseins würde von uns weichen und wir sollten wie Hiob tausendfältig wiedererhalten, was das Leben uns nähme.«
Doktor Sephardi wollte einwenden, wie gefährlich und trügerisch es sei, solchen Prophezeiungen aus dem Unterbewußtsein Glauben zu schenken, aber er erinnerte sich noch rechtzeitig an Baron Pfeills Erzählung von dem grünen Käfer. Überdies sah er ein, daß jede Warnung hier wohl zu spät käme.
Der alte Mann schien den Sinn seiner Gedanken halb und halb erraten zu haben, denn er fuhr fort: »Es sind jetzt schon fünfzig Jahre her, daß uns diese Verheißung gegeben wurde, aber man muß sich in Geduld fassen und, was auch kommen möge, an der Übung festhalten, die darin besteht, den Geistesnamen ohne Unterlaß in unser Herz hineinzumurmeln, bis die Wiedergeburt vollendet ist.« -- Er sagte die Worte ruhig und scheinbar voll Zuversicht, aber in seiner Stimme klang ein leises Zittern, wie die Vorahnung einer kommenden, grauenvollen Verzweiflung, das verriet, wie sehr er sich zusammennahm, um die andern nicht in ihrem Glauben zu erschüttern.
»Fünfzig Jahre schon machen Sie diese Übung!? Es ist furchtbar!« fuhr es Doktor Sephardi unwillkürlich heraus.
»Ach, es ist ja so himmlisch schön, zu sehen, wie alles in Erfüllung geht,« säuselte Fräulein de Bourignon verzückt, »und wie sie aus dem Weltenraum hier zusammenströmen, die hohen Geister, und sich um Abram scharen -- das ist nämlich der Geistesname Anselm Klinkherbogks, denn er ist der Erzvater -- und hier im ärmlichen Zee Dyk von Amsterdam den Grundstein legen zum neuen Jerusalem. Mary Faatz (sie war früher eine Prostituierte und jetzt ist sie die fromme Schwester Magdalena),« flüsterte sie hinter der Hand ihrer Nichte zu, »ist gekommen und -- und Lazarus ist vom Tode auferweckt worden -- -- aber, ja richtig, Eva, von dem Wunder habe ich dir in dem Brief, den ich dir kürzlich schrieb, um dich aufzufordern, zu uns in den Kreis zu kommen, doch noch gar nichts erwähnt. Denk nur: Lazarus ist durch Abram vom Tode auferweckt worden!« -- Jan Swammerdam stand auf, trat ans Fenster und blickte stumm hinaus in die Finsternis. -- »Ja, ja, leibhaftig vom Tode auferweckt worden! Er ist wie tot in seinem Laden gelegen, und da kam Abram und hat ihn wieder lebendig gemacht.«
Aller Augen richteten sich auf Eidotter, der sich betreten abwandte und gestikulierend und achselzuckend Doktor Sephardi im Flüsterton erklärte, es sei allerdings etwas an der Sache, -- »bewußtlos, freilich, bin ich gewest; vielleicht tot; warum soll ich nicht tot gewesen sein? Ich bitt' Sie, ä alter Mann wie ich!«
»Und darum beschwöre ich dich, Eva,« richtete Fräulein de Bourignon ihre Rede mit größter Eindringlichkeit an ihre Nichte, »tritt ein in unsern Bund, denn das Reich ist nahe herbeigekommen, und die letzten werden die ersten sein.«
Der Kommis aus dem Drogengeschäft, der bis dahin, ohne ein Wort gesprochen zu haben, neben Schwester Magdalena gesessen und ihre Hand in der seinen gehalten hatte, erhob sich plötzlich, schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie, die entzündeten Augen weit aufgerissen, mit lallender Zunge:
»Jo, jo, jo -- -- d--d--die Ersten w--w--werden die Leleletzten sein, und eher geht ein Ka--Ka-- -- --«
»Er kommt in den Geist. Der Logos spricht aus ihm,« rief die Hüterin der Schwelle, »Eva, bewahre jedes Wort in deinem Herzen!«
»-- -- Ka--Kamel durch ein N--N--N--N--«
Jan Swammerdam eilte zu dem Besessenen, auf dessen Gesicht sich der Ausdruck viehischer Bosheit malte, und beruhigte ihn durch magnetische Striche über Stirn und Mund.
»Es ist nur der 'Gegensatz', wie wir es nennen, Mejufrouw,« redete Schwester Sulamith, die alte Holländerin, begütigend Fräulein von Druysen zu, die ängstlich zur Tür geflohen war. »Bruder Hesekiel leidet manchmal darunter, und dann gewinnt die niedere Natur die Oberhand über die höhere. Aber es geht schon vorüber;« -- der Kommis hatte sich auf alle Viere niedergelassen und bellte und knurrte wie ein Hund, während das Mädchen aus der Heilsarmee neben ihm kniete und ihm zärtlich die Haare streichelte -- »denken Sie nicht schlecht von ihm; wir sind allzumal Sünder, und Bruder Hesekiel bringt sein Leben Tag aus, Tag ein da unten in dem dunkeln Magazin zu, da kommt es dann, wenn er einmal reiche Leute sieht -- Sie verzeihen, daß ich es so offen sage, Mejufrouw -- wie Erbitterung über ihn und umnachtet seinen Geist. Glauben Sie mir, Mejufrouw, Armut ist eine schwere Last; woher soll ein so junges Herz wie seines, immer so viel Gottvertrauen nehmen, um sie zu tragen!«
Eva van Druysen tat zum erstenmal in ihrem Leben einen Blick in die Abgründe des Daseins und, was sie früher in Büchern gelesen, stand jetzt in furchtbarer Wirklichkeit vor ihr.
Und doch war es nur ein kurzer Blitzschein gewesen, der kaum hinreichte, die Finsternis einiger Schluchten zu zerreißen.
»Wie viel und weit Schrecklicheres,« sagte sie sich, »muß erst in der Tiefe schlummern, in die so selten das Auge eines vom Schicksal Begünstigten zu schauen vermag.«
Wie durch eine geistige Explosion von den Hüllen mühsam anerzogener menschlicher Umgangsformen losgerissen, hatte sich ihr eine Seele in häßlicher Nacktheit gezeigt, zum wilden Tier erniedrigt im selben Augenblick, als die Worte dessen fielen, der um der Liebe willen am Kreuz sein Leben ließ.
Das Bewußtsein einer riesengroßen Mitschuld, begangen durch weiter nichts, als durch bloße Zugehörigkeit zu einer bevorzugten Gesellschaftsklasse und dem so selbstverständlich scheinenden Mangel an Interesse gegenüber dem Leid des Nächsten -- eine Unterlassungssünde, winzig wie ein Sandkorn in der Ursache und verheerend wie eine Lawine in der Wirkung -- erfüllte Eva mit tiefem Schrecken; so wie ein Mensch sich entsetzen mag, der in Gedankenlosigkeit mit einem Seile zu spielen glaubt und plötzlich gewahrt, daß er eine Giftschlange in Händen hält.
Als Sulamith von der Armut des Kommis erzählte, hatte Eva in der ersten Aufwallung nach der Börse gegriffen, -- es war die gewisse Reflexbewegung, mit der das Herz den Verstand überrumpeln zu können wähnt, -- dann schien ihr die Gelegenheit, zu helfen, schlecht gewählt, und der feste Vorsatz, das Versäumte später besser und gründlicher nachzuholen, trat an die Stelle der Tat.
Die altbewährte Kriegslist des Vaters der Lüge, Zeit zu gewinnen, bis die Regungen des Mitleids verflogen sind, war Sieger geblieben.
Hesekiel hatte sich inzwischen von seinem Anfall erholt und weinte still vor sich hin.
Sephardi, der wie die vornehmen portugiesischen Juden Hollands unverrückbar an der Gewohnheit seiner Vorfahren, nie ein fremdes Haus zu betreten, ohne ein kleines Geschenk mitzubringen, festhielt, benützte die Gelegenheit, um die Aufmerksamkeit von dem Kranken abzulenken: er wickelte ein silbernes Räucherfäßchen aus und überreichte es Swammerdam.
»Gold, Weihrauch und Myrrhen -- die heiligen drei Könige aus dem Morgenland!«, flüsterte die »Hüterin der Schwelle« mit vor Rührung erstickter Stimme, die Augen fromm zur Decke erhoben. »Als es gestern hieß, Sie kämen, Herr Doktor, Eva zu uns zu begleiten, gab Ihnen Abram den Geistesnamen Balthasar, und siehe: Sie sind gekommen und haben Weihrauch gebracht! König Melchior, -- er heißt im Leben Baron Pfeill, ich weiß es von der kleinen Katje, -- ist heute auch schon geistig erschienen« -- sie wandte sich geheimnisvoll zu den Übrigen, die erstaunt aufhorchten, -- »und hat Geld geschickt. Oh, ich sehe es mit den Augen des Geistes: auch Kaspar, der König aus Mohrenland, ist nicht mehr ferne;« -- sie zwinkerte Mary Faatz, die ihren Blick verständnisvoll erwiderte, selig zu: -- »ja, mit Riesenschritten geht die Zeit ihrem Ende --«
Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie, und die kleine Enkelin Katje des Schusters Klinkherbogk trat herein und meldete:
»Ihr sollt schnell alle hinauf kommen, der Großvater hat die zweite Geburt.«
Fünftes Kapitel
Eva van Druysen hielt den alten Schmetterlingssammler zurück, ehe sie mit ihm den Übrigen folgte, die bereits in die Dachkammer Klinkherbogk's hinaufstiegen.
»Verzeihen Sie, Herr Swammerdam, ich möchte Ihnen nur kurz eine Frage stellen, obwohl ich Sie eigentlich sehr viel zu fragen hätte. -- Was Sie vorhin über Hysterie gesagt haben und über die Kraft, die in den Namen verborgen liegt, hat mich tief berührt, -- aber andrerseits --«
»Darf ich Ihnen einen Rat geben, Mejufrouw?« -- Swammerdam blieb stehen und sah ihr ernst in die Augen. -- »Ich begreife sehr wohl, daß das, was Sie vorhin mit angehört haben, Sie nur verwirren muß. Dennoch können Sie großen Nutzen daraus ziehen, wenn Sie es als erste Lehre auffassen und geistige Unterweisung nicht bei andern suchen, sondern in sich selbst. Nur die Belehrungen, die der eigene Geist uns schickt, kommen zur rechten Zeit und für sie sind wir reif. Für die Offenbarungen an andern müssen Sie taub und blind werden. Der Pfad zum ewigen Leben ist schmal wie die Schärfe eines Messers; Sie können andern weder helfen, wenn Sie sie taumeln sehen, noch dürfen Sie Hilfe von ihnen erwarten. Wer auf andere schaut, verliert das Gleichgewicht und stürzt ab. Hier gibt's kein gemeinsames Vorwärtsschreiten wie in der Welt, und so unbedingt nötig auch ein Führer ist: er muß aus dem Reich des Geistes zu Ihnen kommen. Nur in irdischen Dingen kann ein Mensch Ihnen als Führer dienen und seine Handlungsweise eine Richtschnur sein, um ihn zu beurteilen. Alles, was nicht aus dem Geist kommt, ist tote Erde, und wir wollen zu keinem andern Gott beten, als zu dem, der sich in unsrer eignen Seele offenbart.«
»Wenn sich aber kein Gott in mir offenbart?« fragte Eva verzweifelt.
»Dann müssen Sie in einer stillen Stunde nach ihm rufen mit Aufgebot aller Sehnsucht, deren Sie fähig sind.«
»Und dann, glauben Sie, wird er kommen? Wie leicht wäre das!«
»Er wird kommen! Aber -- entsetzen Sie sich nicht: -- zuerst als Rächer Ihrer früheren Taten, als der furchtbare Gott des Alten Testamentes, der gesagt hat: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Er wird sich offenbaren in plötzlichen Veränderungen Ihres äußern Lebens. Alles müssen Sie zuerst verlieren, sogar --« Swammerdam sagte es leise, als fürchte er sich, sie könne es hören -- »sogar Gott, wenn sie ihn immer von neuem finden wollen. -- Erst, wenn Ihre Vorstellung von Ihm -- gereinigt von Gestalt und Form und jeglichem Begriff von Außen und Innen, Schöpfer und Geschöpf, Geist und Stoff, ist, werden Sie Ihn --«
»Sehen?«
»Nein. Niemals. Aber mit Seinen Augen werden Sie _sich_ sehen. Dann sind Sie frei von der Erde, denn Ihr Leben ist in Seines eingegangen und Ihr Bewußtsein ist nicht mehr vom Leibe abhängig, der wie ein wesenloser Schatten dem Grab entgegen geht.«
»Welchen Zweck haben aber dann die Schläge des äußeren Lebens, von denen Sie sprechen? Sind sie eine Prüfung oder eine Strafe?«
»Es gibt weder Prüfungen noch Strafen. Das äußere Leben mit seinen Schicksalen ist nichts als ein Heilungsprozeß, für den einen mehr, für den andern weniger schmerzhaft, je nachdem der Betreffende krank ist an seiner Erkenntnis.«
»Und Sie glauben, wenn ich Gott rufe, wie Sie sagen, wird sich mein Schicksal verändern?«
»Sofort! Nur wird es sich nicht »verändern«, es wird werden wie ein galoppierendes Pferd, das bis dahin im Schritt gegangen ist.«
»Ist _Ihr_ Schicksal denn so im Sturm abgelaufen? Sie verzeihen die Frage, aber nach dem, was ich über Sie gehört habe --«
»Ist es sehr eintönig dahingeflossen, meinen Sie, Mejufrouw,« ergänzte Swammerdam lächelnd. »Erinnern Sie sich, was ich Ihnen vorhin gesagt habe?: 'Blicken Sie nie auf andere.' -- Der eine erlebt eine Welt, und dem andern erscheint's eine Nußschale. Wenn Sie im Ernst wollen, daß Ihr Schicksal galoppiert, müssen Sie -- ich warne Sie davor und rate es Ihnen zugleich, denn es ist das einzige, was der Mensch tun soll, und gleichzeitig das schwerste Opfer, das er bringen kann! -- müssen Sie Ihren innersten Wesenskern, _den_ Wesenskern, ohne den Sie eine Leiche wären, (und sogar nicht einmal das), anrufen und Ihm -- _befehlen_, daß Er Sie den kürzesten Weg zu dem großen Ziel führt, -- dem einzigen, das des Erstrebens wert ist, so wenig Sie es jetzt auch erkennen, -- erbarmungslos, ohne Rast, durch Krankheit, Leiden, Tod und Schlaf hindurch, durch Ehren, Reichtum und Freude hindurch, immer hindurch und hindurch wie ein rasendes Pferd, das einen Wagen vorwärts reißt über Äcker und Steine hinweg und an Blumen und blühenden Hainen vorbei! Das nenne ich: Gott rufen. Es muß sein wie ein Gelöbnis vor einem lauschenden Ohr!«
»Aber, wenn dann das Schicksal kommt, Meister, und ich werde schwach und -- will umkehren?«
»Umkehren kann nur der auf dem geistigen Weg, -- nein, nicht einmal umkehren, nur stehen bleiben, sich umsehen und zur Salzsäule werden, -- der kein Gelöbnis abgelegt hat! Ein Gelöbnis in geistigen Dingen ist wie ein Befehl, und Gott ist der -- Diener des Menschen in diesem Falle, um ihn auszuführen. Entsetzen Sie sich nicht, Mejufrouw, es ist keine Lästerung! Im Gegenteil! -- Darum (was ich Ihnen jetzt sage, ist eine Torheit, ich weiß, denn es geschieht nur aus Mitleid, und alles, was aus Mitleid geschieht, ist Torheit), warne ich Sie: geloben Sie nicht zu viel! Es könnte Ihnen sonst gehen wie dem Schächer, dem am Kreuze die Knochen gebrochen wurden!«
Swammerdams Gesicht war weiß geworden vor innerer Erregung.
Eva faßte seine Hand. »Ich danke Ihnen, Meister, ich weiß jetzt, was ich zu tun habe.«
Der alte Mann zog sie an sich und küßte sie ergriffen auf die Stirn. »Der Herr des Schicksals sei Ihnen ein barmherziger Arzt, mein Kind!«
* * * * *
Sie gingen die Stiege hinauf.
Wie unter einem jähen Gedanken blieb Eva eine Sekunde vor der Dachkammer stehen. »Sagen Sie mir noch eins, Meister! Die vielen Millionen Menschen, die geblutet und gelitten haben, sie haben doch kein Gelöbnis getan; wozu war all der unendliche Jammer gut?«
»_Wissen_ Sie denn, daß sie kein Gelöbnis getan haben? Kann es nicht in einem früheren Leben geschehen sein,« fragte Swammerdam ruhig, »oder im Tiefschlaf, wenn die Seele des Menschen wach ist und am besten weiß, was ihr frommt?«
Als risse ein Vorhang entzwei, sah Eva einen Augenblick in das blendende Licht einer neuen Erkenntnis hinein. Die letzten wenigen Worte hatten ihr mehr über die Bestimmung der Wesen enthüllt, als sämtliche Religionssysteme der Welt imstande gewesen wären. Jede Klage über vermeintliche Ungerechtigkeit des Schicksals mußte verstummen angesichts des Gedankens, daß keiner einen andern Weg ging, als den selbstgewählten.