Part 5
»Erwartet mich? Wieso?« fragte Baron Pfeill erstaunt, da er seit Jahren Doktor Sephardi nicht mehr gesehen hatte und ihm vor knapp einer halben Stunde erst der Einfall gekommen war, Sephardi aufzusuchen, um eine Erinnerung an das Bild des »Ewigen Juden« mit dem olivgrünen Gesicht in gewissen Einzelheiten festzustellen, die in seinem Gedächtnis einander seltsam widersprachen und merkwürdigerweise nicht übereinstimmen wollten mit dem, was er Hauberrisser im Café erzählt hatte.
»Der gnädige Herr hat Ihnen heute vormittag nach dem Haag telegraphiert und Sie um Ihren Besuch gebeten, Mynheer.«
»Nach dem Haag? Ich wohne doch schon lange wieder in Hilversum. Es ist lediglich ein Zufall, daß ich heute hergekommen bin.«
»Ich werde den gnädigen Herrn sofort verständigen, daß Sie hier sind, Mynheer.«
Baron Pfeill setzte sich und wartete.
Bis ins kleinste stand alles genau auf demselben Platze wie damals, als er zum letztenmal hier gewesen: auf den Sitzen der schweren geschnitzten Stühle schillernde Samarkandseidenüberwürfe, die beiden überdachten südniederländischen Sessel neben dem prachtvollen, säulengeschmückten Kamin mit den goldeingelegten moosgrünen Nephritkacheln, in buntleuchtenden Farben Ispahanteppiche auf den schwarzweißen Steinquadern des Fußbodens, die blaßrosa Porzellanstatuen japanischer Prinzessinnen in den Nischen der Täfelung, ein Wangentisch mit schwarzer Marmorplatte, an den Wänden Rembrandtsche und andere Meister-Porträts von den Vorfahren Ismael Sephardis: eingewanderte, vornehme portugiesische Juden, die das Haus im siebzehnten Jahrhundert von dem berühmten Hendrik de Keyser bauen ließen, darin gelebt hatten und gestorben waren.
Pfeill verglich die Ähnlichkeit dieser Menschen einer vergangenen Epoche im Geiste mit den Zügen Doktor Ismael Sephardis.
Es waren dieselben schmalen Schädel, dieselben großen, dunkeln, mandelförmigen Augen, die gleichen dünnen Lippen und leicht gebogenen scharfen Nasen, derselbe weltfremde, fast hochmütig verächtlich blickende Typus der Spaniolen mit den unnatürlich schmalen Füßen und weißen Händen, der mit den gewöhnlichen Juden der Rasse Gomers, den sogenannten Aschkenasi, kaum mehr gemein hat als die Religion.
Nirgends auch nur eine Spur der Anpassung an eine anders gewordene Zeit in diesem, sich durch die Jahrhunderte ewig gleich bleibenden Gesichtsschnitte.
Eine Minute später wurde Baron Pfeill von dem eintretenden Doktor Sephardi begrüßt und einer jungen, blonden, auffallend schönen Dame von etwa sechsundzwanzig Jahren vorgestellt.
»Haben Sie mir wirklich telegraphiert, lieber Doktor?« fragte Pfeill, »Jan, sagte mir --«
»Baron Pfeill hat so feinfühlige Nerven,« erklärte Sephardi lächelnd der jungen Dame, »daß es genügt, einen Wunsch zu denken, und schon erfüllt er ihn. Er ist gekommen, ohne meine Depesche erhalten zu haben. -- Fräulein van Druysen ist nämlich die Tochter eines verstorbenen Freundes meines Vaters,« er wandte sich an Pfeill, »und von Antwerpen hergereist, um mich in einer Angelegenheit um Rat zu fragen, in der aber nur Sie Bescheid wissen. Es betrifft ein Bild, -- oder besser gesagt, könnte damit zusammenhängen, -- von dem Sie mir einmal erzählten, Sie hätten es in Leyden in der Oudheden-Sammlung gesehen, und es stelle den Ahasver dar.«
Pfeill sah erstaunt auf. »Haben Sie mir deshalb telegraphiert?«
»Ja. Wir waren gestern in Leyden, um das Bild zu besichtigen, erfuhren jedoch, daß niemals ein ähnliches Gemälde in der Sammlung existiert habe. Direktor Holwerda, den ich gut kenne, versicherte mir, es hingen überhaupt keine Bilder dort, da das Museum nur ägyptische Altertümer und -- -- --«
»Erlauben Sie, daß ich dem Herrn erzähle, warum mich die Sache so interessiert?« mischte sich die junge Dame lebhaft in das Gespräch. »Ich möchte Sie nicht mit einer breiten Schilderung meiner Familienverhältnisse langweilen, Baron, ich will daher nur kurz sagen: in das Leben meines verstorbenen Vaters, den ich unendlich geliebt habe, spielte ein Mensch, oder -- es klingt vielleicht sonderbar -- eine 'Erscheinung' hinein, die oft monatelang sein ganzes Denken erfüllte.
Ich war damals noch zu jung -- vielleicht auch zu lebenslustig -- um das Innenleben meines Vaters zu begreifen, (meine Mutter war schon lange tot) aber jetzt ist plötzlich alles von damals wieder in mir wach geworden, und eine beständige Unruhe quält mich, Dingen nachzugehen, die ich längst hätte verstehen lernen sollen.
Sie werden denken, ich sei überspannt, wenn ich Ihnen sage, ich möchte lieber heute als morgen aufhören zu leben. -- Der blasierteste Genußmensch kann, glaube ich, dem Selbstmord nicht näher sein als ich;« -- sie war mit einemmal ganz verwirrt geworden und faßte sich erst, als sie sah, daß Pfeill ihr mit tiefem Ernst zuhörte und die Stimmung, in der sie sich befand, sehr rasch zu verstehen schien. -- »Ja, und das mit dem Bild, oder der 'Erscheinung': welche Bewandtnis es damit hatte? Ich weiß so gut wie nichts darüber. Ich weiß nur, mein Vater sagte oft, wenn ich -- damals noch ein Kind -- ihn über Religion oder über den lieben Gott fragte, daß eine Zeit nahe bevorstünde, wo der Menschheit die letzten Stützen fortgerissen würden und ein geistiger Sturmwind alles wegfegen würde, was jemals Hände aufgebaut hätten.
Nur jene seien gefeit gegen den Untergang, die -- das waren genau seine Worte -- die das erzgrüne Antlitz des Vorläufers, des Urmenschen, der den Tod nicht schmecken wird, in sich schauen können.
Als ich dann jedesmal neugierig in ihn drang und wissen wollte, wie dieser Vorläufer aussehe, ob er ein lebender Mensch sei oder ein Gespenst oder der liebe Gott selbst, und woran ich ihn erkennen könne, wenn ich ihm auf dem Wege zur Schule gelegentlich begegnen sollte, sagte er immer: Sei ruhig, mein Kind, und grüble nicht. Er ist kein Gespenst, und wenn er auch einmal zu dir kommen wird wie ein Gespenst, so fürchte dich nicht, er ist der einzige _Mensch_ auf Erden, der _kein_ Gespenst ist. Auf der Stirne trägt er eine schwarze Binde, darunter ist das Zeichen des ewigen Lebens _verborgen_, denn wer das Zeichen des Lebens offen trägt und nicht tief innen verborgen, der ist gebrandmarkt wie Kain. Und schritte er auch im Glanz einher wie ein wandelndes Licht: er wäre ein Gespenst und ein Raub der Gespenster. Ob er Gott ist, das kann ich dir nicht sagen; du würdest's nicht begreifen. Begegnen kannst du ihm überall, am wahrscheinlichsten dann, wenn du es am wenigsten erwartest. Nur reif mußt du dazu sein. Auch Sankt Hubertus hat den fahlen Hirsch mitten im Getümmel der Jagd erblickt, und als er ihn mit der Armbrust töten wollte. --«
»Als dann viele Jahre später« -- fuhr Fräulein van Druysen nach einer Pause fort -- »der grauenhafte Krieg kam und das Christentum sich so unsagbar blamierte --«
»Verzeihen Sie: die Christenheit! Das ist das Gegenteil,« unterbrach Baron Pfeill lächelnd.
»Ja, natürlich. Das meine ich: die Christenheit; -- da dachte ich, mein Vater hätte prophetisch die Zukunft geschaut und auf das große Blutbad angespielt --«
»Sicher hat er den Krieg nicht gemeint,« fiel Sephardi ruhig ein, »äußere Geschehnisse wie ein Krieg, und mögen sie noch so entsetzlich sein, verhallen wie harmloser Donner an den Ohren _aller_ derer, die den Blitz nicht gesehen haben, und vor deren Füßen es nicht eingeschlagen hat; sie fühlen bloß das 'Gott sei Dank, mich hat's nicht getroffen'.
Der Krieg hat die Menschen in zwei Teile gerissen, die einander nie mehr verstehen können, -- die einen haben in die Hölle geblickt und tragen das Schreckbild stumm in der Brust ihr Lebtag lang, bei den andern ist es kaum mehr als Druckerschwärze. Zu diesen gehöre auch ich.
Ich habe mich genau geprüft und mit Entsetzen an mir erkannt und sage es ohne Scheu offen heraus: das Leid der Abermillionen ist spurlos an mir abgeglitten. Warum lügen?! Wenn andere von sich das Gegenteil sagen und sie sprechen die Wahrheit, will ich gern und demütig vor ihnen den Hut ziehen; aber ich kann ihnen nicht glauben; es ist mir unmöglich zu denken, daß ich so viel tausendmal verworfener bin als sie. -- Aber entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein, ich habe Sie unterbrochen.«
»Er ist ein Mensch mit einer aufrechten Seele, der sich der Blöße seines Herzens nicht schämt,« dachte Baron Pfeill und warf einen Blick voll Freude in das dunkelhäutige stolze Gelehrtengesicht Sephardis.
»Da glaubte ich, mein Vater hätte auf den Krieg angespielt,« nahm die junge Dame ihre Erzählung wieder auf, »aber allmählich fühlte ich, was heute jeder spürt, der nicht von Stein ist, -- daß eine würgende Schwüle aus dem Erdboden steigt, die mit dem Tod nicht verwandt ist, und diese Schwüle, dieses Nicht-leben-und-nicht-sterben-Können, wird mein Vater, denke ich, mit den Worten gemeint haben: Die letzten Stützen werden der Menschheit fortgerissen.
Als ich nun Doktor Sephardi von dem erzgrünen Gesicht des Urmenschen, wie ihn mein Vater nannte, erzählte, und ihn, da er doch in solchen Gebieten ein großer Forscher ist, bat, mir zu sagen, was ich von all dem halten solle, und ob nicht vielleicht mehr dahinter stecken könne als eine Wahnvorstellung meines Vaters, erinnerte er sich, von Ihnen, Baron, gehört zu haben, Sie kennten ein Porträt -- -- --«
»das leider nicht existiert,« ergänzte Pfeill. »Ich habe Doktor Sephardi von diesem Bild erzählt, alles das stimmt; auch daß ich -- allerdings seit ungefähr einer Stunde nicht mehr -- fest überzeugt war, das Bild vor Jahren, -- wie ich annahm, in Leyden, -- gesehen zu haben, stimmt.
Jetzt stimmt für mich nur noch das eine: ich habe es sicher niemals im Leben gesehen. Weder in Leyden, noch irgendwo anders.
Heute Nachmittag sprach ich noch mit einem Freund über das Bild, sah es in der Erinnerung in einem Rahmen an einer Wand hängen; dann, als ich zum Bahnhof ging, um nach Hause zu fahren, erkannte ich plötzlich, daß dieser Rahmen nur scheinbar, so wie hinzuphantasiert, das Bildnis des olivgrünen Gesichtes in meinem Gedächtnis umgab, und ich ging sofort in die Heerengracht zu Doktor Sephardi, um mich zu überzeugen, ob ich ihm damals vor Jahren wirklich von dem Porträt erzählte, oder auch das am Ende nur geträumt hätte.
Wie das Bild in meinen Kopf gekommen sein mag, ist mir ein unlösbares Rätsel. Es hat mich früher oft bis in den Schlaf verfolgt; ob ich auch geträumt habe, es hinge in Leyden in einer Privatsammlung, und die Erinnerung an diesen Traum dann für ein Begebnis der Wirklichkeit gehalten habe?
Noch verwickelter wird die Sache für mich dadurch, daß, während Sie, gnädiges Fräulein, vorhin von Ihrem Vater erzählten, mir das Gesicht wieder mit geradezu betäubender Deutlichkeit erschien, -- nur anders, lebendig, beweglich, mit bebenden Lippen, als wolle es sprechen, nicht mehr tot und starr wie ein Gemälde -- --.«
Er brach plötzlich seine Rede ab und schien nach innen zu lauschen, so als ob das Bild ihm etwas zuflüstere.
Auch Sephardi und die junge Dame schwiegen betroffen.
Von der Heerengracht herauf ertönte klangvoll das Spiel einer der großen Orgeln, wie sie in Amsterdam auf ponybespannten Wagen abends zuweilen langsam durch die Straßen fahren.
»Ich kann nur annehmen,« begann Sephardi nach einer Weile, »daß es sich in diesem Falle bei Ihnen um einen sogenannten hypnoiden Zustand handelt, -- daß Sie einmal im Tiefschlaf, also ohne bewußte Wahrnehmung, irgend etwas erlebt haben, das sich dann später unter der Maske eines Porträts in die Begebenheiten des Tages einschlich und mit diesen zu scheinbarer Wirklichkeit verwuchs. -- Sie müssen nicht fürchten, daß so etwas krankhaft oder abnormal wäre,« fügte er hinzu, als er sah, daß Pfeill eine abwehrende Handbewegung machte, »solche Dinge kommen weit häufiger vor, als man glaubt, und wenn man ihren wahren Ursprung aufdecken könnte: -- ich bin überzeugt, wie Schuppen würde es uns von den Augen fallen und wir wären mit einem Schlage eines zweiten fortlaufenden Lebens teilhaftig, das wir in unserem jetzigen Zustand im Tiefschlaf führen, ohne es zu wissen, weil es jenseits unseres körperlichen Daseins liegt und während unseres Zurückwanderns über die Brücke des Traumes, die Tag und Nacht verbindet, vergessen wird. -- Was die Ekstatiker der christlichen Mystik von der 'Wiedergeburt' schreiben, ohne die es unmöglich sei, 'das Reich Gottes zu schauen', scheint mir nichts anderes zu sein, als ein Aufwachen des bis dahin wie tot gewesenen Ichs in einem Reich, das unabhängig von den äußeren Sinnen existiert, -- im 'Paradies', kurz und gut.« -- Er holte ein Buch aus einem Spind und deutete auf ein Bild darin. »Der Sinn des Märchens vom Dornröschen hat sicherlich darauf Bezug, und ich wüßte nicht, was diese alte, alchemistische illustrierte Darstellung der 'Wiedergeburt' hier: ein nackter Mensch, der aus einem Sarge aufsteht und daneben ein Totenschädel mit einer brennenden Kerze auf dem Scheitel, anders bedeuten sollte? -- Übrigens, da wir gerade von christlichen Ekstatikern sprechen: Fräulein van Druysen und ich gehen heute Abend zu einer solchen Versammlung, die am Zee Dyk stattfindet. Kurioserweise spukt auch dort das olivgrüne Gesicht.«
»Am Zee Dyk?« jubelte Pfeill, »das ist doch das Verbrecherviertel! Was hat man Ihnen denn da wieder aufgebunden?«
»Es ist nicht mehr so schlimm wie früher, höre ich, nur eine einzige, allerdings sehr üble Matrosenschenke 'Zum Prins van Oranje' ist noch vorhanden; sonst leben nur harmlose, arme Handwerker in der Gegend.«
»Auch ein greiser Sonderling mit seiner Schwester, ein verrückter Schmetterlingssammler namens Swammerdam, der sich in freien Stunden einbildet, der König Salomo zu sein. Wir sind bei ihm zu Gast geladen,« fiel die junge Dame fröhlich ein; »meine Tante, ein Fräulein de Bourignon, verkehrt täglich dort. -- Nun -- was sagen Sie jetzt, was für vornehme Beziehungen ich habe? -- Um Irrtümern vorzubeugen: sie ist nämlich eine ehrwürdige Stiftsdame aus dem Béginenkloster und von überschäumender Frömmigkeit.«
»Was?! Der alte Jan Swammerdam lebt noch?« rief Baron Pfeill lachend, »der muß doch schon neunzig Jahre alt sein? Hat er immer noch seine zweifingerdicken Gummisohlen?«
»Sie kennen ihn? Was ist das eigentlich für ein Mensch?« fragte Fräulein van Druysen lustig erstaunt. »Ist er wirklich ein Prophet, wie meine Tante behauptet? Bitte, erzählen Sie mir doch von ihm.«
»Mit Vergnügen, wenn's Ihnen Spaß macht, mein Fräulein. Nur muß ich mich ein wenig eilen und quasi jetzt schon Abschied von Ihnen nehmen, sonst versäume ich abermals meinen Zug. Jedenfalls Adieu im Voraus. Aber Sie dürfen nichts Unheimliches oder dergleichen erwarten -- die Sache ist lediglich komisch.«
»Umso besser.«
»Also: Ich kenne Swammerdam seit meinem vierzehnten Jahr, -- später verlor ich ihn natürlich aus den Augen.
Ich war damals ein fürchterlicher Lausbub und betrieb alles, das Lernen selbstverständlich ausgenommen, wie ein Besessener. Unter anderem den Terrariensport und das Insektensammeln.
Wenn's wo einen Ochsenfrosch oder eine asiatische Kröte von Handkoffergröße in einem Naturaliengeschäft gab, schon daß ich sie besaß und in großen heizbaren Glaskästen bändigte.
Nachts war ein Gequake, daß in den Nachbarhäusern die Fenster klirrten.
Und was das Viehzeug an Ungeziefer zum Fressen brauchte! Säckeweis mußte ich es herbeischaffen.
Daß es heute in Holland so wenig Fliegen mehr gibt, ist ausschließlich meiner damaligen Gründlichkeit beim Futtersammeln zu verdanken.
Zum Beispiel die Schwaben -- die habe _ich_ ausgerottet.
Die Frösche selbst bekam ich nie zu Gesicht; bei Tage waren sie unter den Steinen verkrochen, und nachts bestanden meine Eltern hartnäckigerweise darauf, daß ich schliefe.
Schließlich riet mir meine Mutter, ich solle die Biester freilassen und bloß die Steine behalten -- es käme auf dasselbe heraus und sei einfacher -- aber ich wies solche verständnislosen Vorschläge natürlich entrüstet zurück.
Meine Emsigkeit im Insektenfangen wurde allmählich Stadtgespräch und zog mir eines Tages das Wohlwollen des entomologischen Vereins zu, der damals aus einem ixbeinigen Barbier, einem Pelzhändler, drei pensionierten Lokomotivführern und einem Präparator am naturwissenschaftlichen Museum bestand, der jedoch an den Sammelausflügen nicht mitmachen durfte, da seine Frau es nicht erlaubte. Es waren lauter gebrechliche alte Herren, die teils Käfer, teils Schmetterlinge sammelten und eine seidene Fahne verehrten, auf der die Worte eingestickt waren: Osiris, Verein für biologische Forschung.
Trotz meiner Jugend wurde ich als Mitglied aufgenommen. Noch heute besitze ich das Diplom, das mit den Worten schließt: 'Wir entbieten Ihnen unsern besten biologischen Gruß'.
Warum man auf meinen Eintritt in den Klub so versessen war, wurde mir bald klar. Sämtliche biologische Greise waren nämlich entweder halb blind und infolgedessen außerstande, die in Baumritzen versteckten Nachtfalter zu erspähen, oder es machte sich ihnen das Vorhandensein von Krampfadern bei dem zur Käferjagd nicht zu missenden Dünensandwaten störend bemerkbar. Andere wieder wurden regelmäßig -- wahrscheinlich infolge der Aufregung -- beim Schwingen des Netzes nach dem hurtigen Pfauenauge im entscheidenden Augenblick von einem rasselnden Hustenausbruch befallen, der sie der erhofften Beute jedesmal verlustig gehen ließ.
Von allen diesen Bresthaftigkeiten besaß ich keine einzige, und eine Raupe mehrere Kilometer weit auf einem Blatt zu entdecken, war mir eine Kleinigkeit; kein Wunder daher, daß die findigen Greise auf den Gedanken gekommen waren, sich meiner und noch eines Schulkameraden von mir als Spür- und Jagdhund zu bedienen.
Nur einer von ihnen, eben jener Jan Swammerdam, der damals bestimmt schon fünfundsechzig Jahre zählte, übertraf mich weit, was das Auffinden von Insekten anbelangte. Er brauchte nur einen Stein umzudrehen, und schon lag eine Käferlarve oder sonst etwas Ersehnenswertes darunter.
Er stand im Geruch, die Gabe des Hellsehens auf diesem Gebiete als Folge eines mustergiltigen Lebenswandels in sich erweckt zu haben. -- Sie wissen ja, Holland hält viel von Tugend!
Ich habe ihn nie anders gesehen als in einem schwarzen Gehrock, den kreisförmigen Abdruck eines unter die Weste geschobenen Schmetterlingsnetzes zwischen den Schulterblättern und unter den Schößen, ein kurzes Stück herausragend, den grünen Stiel davon.
Weshalb er nie einen Hemdkragen trug, sondern statt dessen um den Hals die zusammengefaltete Borte einer alten Leinwandlandkarte, erfuhr ich, als ich ihn einmal in seiner Dachkammer besuchte. Ich kann nicht hinein, erklärte er mir und deutete auf einen Schrank, der seine Wäsche enthielt: Hybocampa Milhauseri -- das ist nämlich eine seltene Raupe -- hat sich dicht neben dem Scharnier verpuppt und braucht drei Jahre, bis sie auskriecht.
Bei unsern Exkursionen benutzten wir alle die Eisenbahn; nur Swammerdam ging hin und her zu Fuß, denn er war zu arm, um die Kosten zu erschwingen, und damit er sich die Schuhsohlen nicht durchlief, bestrich er sie mit einer geheimnisvollen Kautschuklösung, die im Laufe der Zeit zu einer mehrere Finger dicken Lavaschicht erhärtete. Ich sehe sie heut noch vor mir.
Seinen Lebensunterhalt bestritt er durch den Verkauf seltener Schmetterlingsbastarde, die zu züchten ihm bisweilen gelang, doch reichte der Erlös nicht, um zu verhindern, daß seine Gattin, die stets nur ein liebevolles Lächeln für seine Marotten hatte und geduldig die Armut mit ihm trug, eines Tages an Entkräftung starb. --
Seit jener Zeit vernachlässigte Swammerdam die finanzielle Seite des Daseins ganz und gar und lebte nur noch seinem Ideal, nämlich: einen gewissen grünen Mistkäfer zu finden, von dem die Wissenschaft behauptet, er kapriziere sich darauf, genau siebenunddreißig Zentimeter unter der Erde vorzukommen, und auch da nur an Orten, deren Oberfläche mit Schafdünger bedeckt sei.
Mein Schulkamerad und ich bezweifelten dieses Gerücht aufs lebhafteste, waren aber in der Verworfenheit unserer jugendlichen Herzen ruchlos genug, von Zeit zu Zeit Schafmist, den wir zu diesem Behuf immer in der Tasche zu tragen pflegten, an besonders harten Stellen der Dorfstraßen heimlich auszustreuen und uns indianerhaft zu freuen, wenn Swammerdam bei seinem Anblick wie ein irrsinnig gewordener Maulwurf sofort zu graben anfing.
Eines Morgens jedoch begab sich buchstäblich ein Wunder, das uns aufs tiefste erschütterte.
Wir machten einmal wieder einen Ausflug; voran trabten die Greise und meckerten das Vereinslied:
'Eu--prep--ia pudica (das ist nämlich der lateinische Name eines sehr schönen Bärenspinners)
sind leider keine da, doch wären welche hier, steckt' ich sie gleich zu mir'
und den Zug schloß, baumlang, hager, schwarz gekleidet wie immer, und den Handspaten gezückt: Jan Swammerdam. Auf seinem lieben, alten Gesicht lag der Ausdruck geradezu biblischer Verklärung, und als man ihn nach der Ursache fragte, sagte er nur geheimnistief, er hätte in der Nacht einen verheißungsvollen Traum gehabt.
Gleich darauf ließen wir unauffällig eine Prise Schafmist fallen.
Swammerdam erspähte sie, blieb stehen, entblößte sein Haupt, tat einen tiefen Atemzug und blickte, von Hoffnung und Glauben durchschauert, lange zur Sonne auf, bis seine Pupillen ganz klein wie Nadelköpfe waren; dann beugte er sich nieder und fing an zu scharren, daß die Steine nur so flogen.
Mein Schulkamerad und ich standen dabei, und in unsern Herzen frohlockte der Satan.
Plötzlich wurde Swammerdam totenblaß, ließ den Spaten fallen und starrte, die Hände verkrampft und an den Mund gedrückt, in das Loch, das er gewühlt hatte.
Gleich darauf holte er mit zitternden Fingern einen grünschillernden Mistkäfer aus der Tiefe hervor.
Er war so ergriffen, daß er lange kein Wort sprechen konnte, nur zwei dicke Tränen liefen an seinen Wangen herunter; endlich sagte er leise zu uns: heute Nacht im Traum ist mir der Geist meiner Frau erschienen mit leuchtendem Angesicht wie eine Heilige, und sie hat mich getröstet und mir verheißen, daß ich den Käfer finden werde. --
Wir zwei Lausbuben schlichen uns stumm weg wie Verbrecher und konnten einander an diesem Tag vor Scham nicht mehr ins Gesicht sehen.
Mein Schulkamerad sagte mir später, er habe sich noch lange vor seiner eigenen Hand entsetzt, die in demselben Momente, als er mit dem alten Mann einen grausamen Scherz habe machen wollen, vielleicht das Werkzeug einer Heiligen gewesen sei.«
* * * * *
Als es dunkel geworden war, begleitete Doktor Sephardi Fräulein van Druysen zum Zee Dyk, einer krummen, stockfinsteren Gasse, die sich im unheimlichsten Viertel Amsterdams am Zusammenfluß zweier Grachten in unmittelbarer Nähe der düstern Nicolas Kerk hinzog.
Über den Häusergiebeln der benachbarten Warmoesstraat, in der die sommerliche Kirmes bereits in vollem Gange war, stieg der rötliche Schein der beleuchteten Schaubuden und Zelte zum Himmel empor und verdichtete die Luft, vermischt mit dem weißen Dunst der Stadt und dem grellen Glitzern des Vollmonds auf den Dächern, zu einem phantastisch schillernden Nebelhauch, in dem die Schlagschatten der Kirchtürme als lange spitzige Dreiecke aus schwarzem Schleier schwebten.
Wie das Pochen eines großen Herzens tönte das Schlapfen der Motore herüber, die die zahlreichen Karussels drehten.