Das grüne Gesicht: Ein Roman

Part 4

Chapter 43,403 wordsPublic domain

Portiers mit langen blauen Röcken, Dreispitze auf dem Kopf und Stäbe mit Messingknäufen in der Hand, rissen stumm wie Automaten die gepolsterten Eingangstüren auf und schlugen sie wieder zu, als Hauberrisser vorüberschritt, sodaß jedesmal ein greller, blendender Schein auf die Gasse fiel und eine Sekunde lang wie aus einer unterirdischen Kehle heraus ein wüster Schrei von Negermusik, Cymbalbrausen, oder wahnwitzig aufheulenden Zigeunergeigen die Luft zerriß.

Oben, in den ersten und zweiten Stockwerken einzelner Häuser, herrschte eine andere Art Leben -- ein lautloses, flüsterndes, katzenhaft lauerndes hinter roten Gardinen. Kurzes, schnelles Fingertrommeln an den Scheiben, da und dort gedämpfte Rufe, hastig abgerissen, in allen Sprachen der Welt und dennoch nicht mißzuverstehen, -- ein Oberleib in weißer Nachtjacke, der Kopf unsichtbar in der Finsternis, wie abgehauen von einem Rumpf mit winkenden Armen, -- dann wieder: offene, pechschwarze Fenster, leichenhaft still, als wohne in den Zimmern dahinter der Tod.

Das Eckhaus, das die lange Gasse abschloß, schien verhältnismäßig harmlosen Charakters zu sein; -- ein Gemisch aus Tingeltangel und Restaurant, nach den Zetteln zu schließen, die an den Mauern klebten.

Hauberrisser trat ein.

Ein menschenüberfüllter Saal mit runden, gelbgedeckten Tischen, an denen gegessen und getrunken wurde.

Im Hintergrund ein erhöhtes Podium mit einem Halbkreis von etwa zwölf Chansonetten und Komikern, die auf Stühlen saßen und warteten, bis ihre Nummer daran kam.

Ein alter Mann mit kugelförmigem Bauch, aufgeklebten Glotzaugen, weißem Kehlbart, die unglaublich dünnen Beine in grünen Froschtrikots mit Schwimmhäuten, saß zehenwippend neben einer französischen Coupletsängerin im Incroyablekostüm und unterhielt sich flüsternd mit ihr über anscheinend sehr wichtige Dinge, während das Publikum verständnislos den in deutscher Sprache gehaltenen Vortrag eines als polnischer Jude verkleideten Charakterdarstellers in Kaftan und hohen Stiefeln über sich ergehen ließ, der, eine kleine Glasspritze, wie sie in Bandagistenläden feil sind -- für Ohrenleidende -- in der Hand hielt und dazu, nach jeder Strophe einen grotesken »Deigestanz« einschaltend, durch die Nase sang:

»Jach ordiniier vün draj bis vier und wohn' im zweinten Stock; als Spezialist berihmt sehr ist der Doktor Feiglstock.«

* * * * *

Hauberrisser sah sich nach einem noch freien Platz um; überall war die Menge -- anscheinend zumeist Einheimische bürgerlichen Mittelstandes, -- dicht gedrängt; nur an einem Tisch in der Mitte lehnten auffallenderweise noch ein paar leere Stühle. Drei wohlbeleibte, gereifte Frauen und eine alte, strengblickende mit Adlernase und Hornbrille saßen, emsig Strümpfe strickend, um eine mit buntwollener Gockelhaube bedeckte Kaffeekanne herum wie in einer Insel häuslichen Friedens.

Ein freundliches Nicken der vier Damen gestattete ihm, sich zu setzen.

Im ersten Augenblick hatte er geglaubt, es sei eine Mutter mit ihren verwitweten Töchtern, aber, wie er jetzt sah, konnten sie kaum verwandt sein. Dem Typus nach waren die drei jüngern, wenn auch einander gänzlich unähnlich -- alle blond, fett, etwa fünfundvierzig Jahre alt und von kuhartiger Behäbigkeit -- Holländerinnen, während die weißhaarige Matrone offenbar aus dem Süden stammte.

Schmunzelnd brachte ihm der Kellner das Beefsteak; ringsum die Leute an den Tischen grinsten, sahen herüber, tauschten halblaute Bemerkungen, was hatte das alles zu bedeuten? Hauberrisser konnte nicht klug daraus werden; er musterte heimlich die vier Frauen, nein, unmöglich, -- sie waren die Spießbürgerlichkeit selbst.

Schon das gesetzte Alter verbürgte ihre Ehrbarkeit.

Oben auf dem Podium hatte soeben ein sehniger Rotbart mit sternenbannergeschmücktem Zylinderhut, enganliegenden, blauweißgestreiften Hosen, an der grüngelb karrierten Weste eine Weckeruhr und in der Tasche eine erwürgte Ente -- seinem Kollegen, dem greisen Frosch, unter den gellenden Klängen des Yankeedoodle den Schädel gespalten, und ein Rotterdamer Lumpensammlerehepaar sang »met pianobegeleiding« das alte schwermütige Lied von der gestorbenen »Zandstraat«:

»Zeg Rooie, wat zal jij verschrikken Als jij's thuis gevaren ben: Dan zal je zien en ondervinden Dat jij de Polder nie meer ken. De heele keet wordt afgebroken, De heeren krijgen nou d'r zin. De meides motten uit d'r zaakies De burgemeester trekt er in.«

Ergriffen, als handle es sich um einen protestantischen Choral, -- die Augen der drei fetten Holländerinnen glänzten tränenfeucht, -- brummte das Publikum mit:

»Ze gaan de Zandstraat netjes maken 't Wordt 'n kermenadebuurt De huisies en de stille knippies Die zijn al an de Raad verhuurt. Bij Nielsen ken je nie meer dansen Bij Charley zijn geen meisies meer. En moeke Bet draag al'n hoedje Die wordt nu zuster in den Heer.«

* * * * *

Grell, wie die Arabesken in einem Kaleidoskop, lösten die Nummern des Programms einander ab, ohne Pause, kunterbunt zusammengestellt: pudellockige englische Babygirls von schreckenerregender Unschuld, Apachen mit rotwollenen Shawls, eine syrische Bauchtänzerin, gefüllt mit wild wogenden Eingeweiden, Glockenimitatoren und bayrische melodisch rülpsende Schnadahüpfler.

Eine fast narkotische Nervenberuhigung ging von diesem Mischmasch von Sinnlosigkeiten aus, als hafte ihnen etwas an von der seltsamen Zauberkraft, die einem kindischen Spielzeug innewohnt und oft ein besseres Heilmittel ist für ein vom Leben zermürbtes Herz, als das erhabenste Kunstwerk.

Hauberrisser verging die Zeit, er merkte es kaum, und als eine Schlußapotheose die Vorstellung krönte und die Artistentruppe mit entfalteten Bannern aller Völker der Erde -- vermutlich ein Symbol für den glücklich wiederhergestellten Weltfrieden -- abzog, voran ein kakewalktanzender Neger mit dem üblichen:

Oh Susy Anna Oh don't cry for me I'm goin' to Loosiana My true love for to see -- -- --

konnte er sich nicht genug wundern, daß er das Verschwinden der zahlreichen Zuschauer nicht gemerkt hatte; der Saal war beinahe leer.

Auch seine vier Tischnachbarinnen hatten sich lautlos empfohlen.

Statt dessen lag als zartes Angebinde auf seinem Weinglas: eine rosa Visitenkarte mit zwei schnäbelnden Tauben und der Aufschrift

MADAME GITEL SCHLAMP die ganze Nacht geöffnet

Waterloo Plein Nr. 21

15 Damen

Im eignen Palais

Also doch! -- -- -- --

»Wünscht der Herr ein verlängertes Eintrittsbillet?« fragte der Kellner leise, vertauschte flink das gelbe Tischtuch mit einer weißen Damastdecke, stellte einen Strauß Tulpen in die Mitte und legte silberne Bestecke auf.

Ein ungeheurer Ventilator fing an zu surren und saugte die plebejische Luft empor.

Livrierte Diener zerstäubten Parfüms, ein roter Sammetläufer rollte seine Zunge auf über dem Boden bis über das Podium, Klubsessel aus grauem Leder wurden hereingeschoben.

Man hörte das Vorfahren von Wagen und Automobilen auf der Straße.

Damen in Abendtoiletten von ausgesuchter Eleganz, Herren im Frack strömten herein: dieselbe internationale, scheinbar feinste Gesellschaft, die Hauberrisser abends sich in den Zirkus hatte drängen sehen.

In wenigen Minuten waren die Räume voll bis zum letzten Platz.

Leises Klirren von Lorgnonketten, halblautes Lachen, Knistern seidner Röcke, Duft von Damenhandschuhen und Tuberosen, blitzende Perlenrivièren und Brillanttropfen, Zischen von Champagnerflaschen, das spröde Rascheln der Eisstücke in den silbernen Kühlern, wütendes Kläffen eines Schoßhündchens, weiße, diskret gepuderte Frauenschultern, Schaumwellen von Spitzen, süßlich scharfer Geruch von kaukasischen Zigaretten; -- das Bild, das der Saal soeben noch geboten, war nicht mehr zu erkennen.

Wieder saßen an Hauberrissers Tisch vier Damen, -- eine ältere mit goldner Lorgnette und drei jüngere, -- eine schöner als die andere: Russinnen mit schmalen, nervösen Händen, blondem Haar und dunklen Augen, die niemals zwinkerten, den Blicken der Herren nicht auswichen und sie dennoch nicht zu sehen schienen.

Ein junger Engländer, dessen Frack von weitem den ersten Schneider verriet, kam vorüber, blieb eine Weile stehen, wechselte ein paar verbindliche Worte mit ihnen -- ein feines, vornehmes, todmüdes Gesicht; der linke Ärmel, leer bis zur Achsel, baumelte schlaff herab und ließ seine schmächtige hohe Gestalt noch schmaler erscheinen; das Monokel wie festgewachsen in der tiefen Knochenhöhle unter der Braue.

Lauter Menschen ringsum, die der Spießer aller Völker instinktiv haßt wie der krummbeinige Dorfköter den hochgezogenen Rassehund, -- Geschöpfe, die den breiten Massen immer ein Rätsel bleiben, ihr ein Gegenstand der Verachtung und des Neides zugleich sind, -- Wesen, die in Blut waten können, ohne mit der Wimper zu zucken, und ohnmächtig werden, wenn eine Gabel auf dem Teller kreischt, -- die wegen eines schiefen Blickes zur Pistole greifen und ruhig lächeln, wenn man sie beim Falschspielen ertappt, -- die ein Laster alltäglich finden, vor dem der »Bürger« sich bekreuzigt, und lieber drei Tage dursten, als aus einem Glas trinken, das ein anderer benutzt hat, -- die an den lieben Gott glauben wie an etwas Selbstverständliches, aber sich von ihm absondern, weil sie ihn für uninteressant halten, -- die für hohl gelten bei solchen, die voll Plumpheit als Lack und Tünche zu durchschauen glauben, was in Wirklichkeit seit Geschlechtern zum wahren Wesenskern geworden ist, und doch weder hohl sind, noch das Gegenteil, -- Geschöpfe, die keine Seele mehr haben und deshalb der Inbegriff des Verabscheuungswürdigen sind für die Menge, die nie eine Seele haben wird, -- Aristokraten, die lieber sterben als kriechen und mit unfehlbarem Spürsinn den Proleten in einem Menschen wittern, ihn tiefer stellen als ein Tier und unbegreiflicherweise vor ihm zusammenknicken, wenn er zufällig auf dem Thron sitzt, -- Mächtige, die hilfloser werden können als ein Kind, wenn das Schicksal nur die Stirne runzelt, -- -- Werkzeuge des Teufels und sein Spielball zugleich. -- -- -- --

Ein unsichtbares Orchester hatte den Hochzeitsmarsch aus Lohengrin beendet.

Eine Glocke schrillte.

Der Saal wurde still.

An der Wand über der Bühne leuchteten in winzigen Glühbirnen Buchstaben auf:

! La Force d'Imagination !

und ein französisch friseurhaft aussehender Herr in Smoking und weißen Handschuhen, mit schütterem Haar und Spitzbart, schlaffen, gelben Hängebacken, eine kleine rote Rosette im Knopfloch und tiefe Schatten um die Augen, trat aus dem Vorhang heraus, verbeugte sich und setzte sich stumm auf einen Sessel inmitten des Podiums.

Hauberrisser nahm an, es werde irgendein mehr oder weniger zweideutiger Vortrag, wie man sie in Kabaretts zu hören bekommt, folgen, und blickte ärgerlich weg, als der Darsteller -- ob aus Verlegenheit, oder sollte ein ordinärer Witz daraus werden? -- an seiner Toilette zu nesteln begann.

Eine Minute verging, und noch immer herrschte lautlose Stille im Saal und auf der Bühne.

Dann setzten gedämpft zwei Geigen im Orchester ein, und wie aus weiter Ferne blies schmachtend ein Waldhorn: »Behüt' dich Gott, es wär zu schön gewesen, behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein.«

Erstaunt nahm Hauberrisser seinen Operngucker und schaute auf die Bühne.

Vor Entsetzen fiel ihm beinahe das Glas aus der Hand. Was war das! War er plötzlich wahnsinnig geworden? Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne -- kein Zweifel, ja, er war wahnsinnig geworden! Unmöglich konnte das, was er sah, in Wirklichkeit auf dem Podium -- hier vor hunderten von Zuschauern, Damen und Herren der noch vor Monaten vornehmsten Kreise -- stattfinden.

Vielleicht in einer Hafenschenke am Nieuwe Dyk oder als medizinisches Kuriosum in einem Hörsaal, aber hier?!

Oder träumte er? War ein Wunder geschehen und der Zeiger der Zeit in die Epoche Ludwigs XV. zurückgesprungen? -- -- --

Der Darsteller hielt beide Hände fest auf die Augen gepreßt wie jemand, der sich innerlich mit Aufgebot seiner ganzen Phantasie irgend etwas so lebhaft wie möglich vorzustellen wünscht -- -- --, erhob sich dann nach einigen Minuten. Verbeugte sich hastig. Und verschwand.

Hauberrisser warf einen schnellen Blick auf die Damen an seinem Tisch und die Gesellschaft in der Nähe. Niemand verzog auch nur eine Miene.

Nur eine russische Fürstin leistete sich die Ungeniertheit, zu applaudieren.

Als sei überhaupt nichts geschehen, ging man heiter plaudernd zur Tagesordnung über.

Hauberrisser hatte die Empfindung, als säßen mit einemmal lauter Gespenster um ihn herum; er fuhr mit den Fingern über das Tischtuch und sog den mit Moschus durchtränkten Blütenduft ein: -- das Gefühl der Unwirklichkeit steigerte sich in ihm nur noch bis zum tiefsten Grauen.

Abermals schrillte die Glocke und der Saal wurde dunkel.

Hauberrisser benützte die Gelegenheit und ging.

Draußen auf der Gasse schämte er sich beinah seiner Gemütsbewegung.

Was war, im Grunde genommen, eigentlich so Schreckliches geschehen?, fragte er sich. Nichts, was nicht weit schlimmer in ähnlicher Art nach längeren Zeitläufen in der Geschichte der Menschheit immer wiedergekehrt wäre: das Wegwerfen einer Maske, die nie etwas anderes bedeckt hatte als bewußte oder unbewußte Heuchelei, sich als Tugend gebärdende Temperamentlosigkeit oder in Mönchsgehirnen ausgebrütete asketische Ungeheuerlichkeiten! -- Ein krankhaftes Gebilde, so kolossal, daß es schließlich einem zum Himmel ragenden Tempel geglichen, hatte ein paar Jahrhunderte lang Kultur vorgetäuscht; jetzt fiel es zusammen und legte den Moder bloß. War das Aufbrechen eines Geschwüres denn gräßlicher und nicht weit weniger furchtbar als sein beständiges Wachsen? Nur Kinder und Narren, die nicht wissen, daß die bunten Farben des Herbstes die Farben der Verwesung sind, jammern, wenn statt des erwarteten Frühlings der tödliche November kommt.

So sehr sich Hauberrisser auch bemühte, sein Gleichgewicht wiederzufinden, indem er kühles Erwägen an Stelle des vorschnellen Gefühlsurteils setzte: das Grauen wich den Argumenten nicht -- blieb hartnäckig bestehen, so, wie der Stein, weil sein innerstes Leben die Schwere ist, sich nicht durch Worte verrücken läßt.

Ganz allmählich, als flüstere es ihm eine Stimme in zögernden Sätzen silbenweise ins Ohr, wurde ihm nach und nach klar und verständlich, daß dieses Grauen nichts anderes war als wiederum dieselbe dumpfe, drosselnde Furcht vor etwas Unbestimmtem, die er schon so lange kannte -- ein plötzliches Gewahrwerden unaufhaltsamen Hinabsausens der Menschheit in die Verderbnis.

Daß heute einem Publikum als selbstverständliches Schauspiel erscheinen konnte, was gestern noch als Gipfel der Unmöglichkeit gegolten hätte, war das Atembeklemmende dabei, -- dieses: »in rasenden Galopp verfallen« und »wie vor einem am Wege auftauchenden Gespenst scheu gewordene Ausbrechen« der sonst so geduldig schreitenden Zeit in die Dunkelheit geistiger Nacht hinein.

Hauberrisser fühlte, daß er wieder einen Schritt weiter hinabgeglitten war in jenes unheimliche Reich, in dem die Dinge der Welt um so schneller sich in wesenlosen Schein schemenhafter Unwirklichkeit auflösen, je krasser sie sind.

Er betrat eins der beiden schmalen Seitengäßchen, die links und rechts das Tingeltangel umgaben, und schritt gleich darauf an einem Laubengang aus Glas vorüber, der ihm merkwürdig bekannt vorkam.

Als er um die Ecke bog, stand er vor dem mit Rollblech verschlossenen Laden Chidher Grün's; das Lokal, das er soeben verlassen, war nur der rückwärtige Teil des sonderbaren, turmähnlichen Hauses in der Jodenbreestraat mit dem flachen Dach, das schon nachmittags seine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Er blickte empor zu den beiden trüben Fenstern, -- auch hier wieder der befremdende Eindruck von Unwirklichkeit: das ganze Gebäude glich täuschend in der Dunkelheit einem ungeheuern menschlichen Schädel, der mit den Zähnen des Oberkiefers auf dem Pflaster ruhte.

Unwillkürlich verglich er auf dem Wege zu seiner Wohnung das phantastische Durcheinander im Innern dieses Schädels aus Mauerwerk mit den vielerlei krausen Gedanken in dem Kopfe eines Menschen, und Mutmaßungen, als könnten hinter der finstern steinernen Stirne da oben Rätsel schlafen, von denen Amsterdam sich nichts träumen ließ, verdichteten sich in seiner Brust zu einem beklemmenden Vorgefühl gefährlicher, an der Schwelle des Geschickes lauernder Ereignisse.

War die Vision des Gesichtes aus grünem Erz im Laden des Vexiersalons wirklich nur ein Traum gewesen?, überlegte er.

Die regungslose Gestalt des alten Juden vor dem Pulte nahm plötzlich in seiner Erinnerung alle Merkmale einer schattenhaften Luftspiegelung an, -- schien weit eher einem Traum entsprungen zu sein, als das erzene Gesicht.

Hatte der Mann tatsächlich mit den Füßen auf dem Boden gestanden? Je schärfer er sich das Bild zu vergegenwärtigen suchte, um so mehr zweifelte er, daß es der Fall gewesen war.

Er wußte mit einemmal haargenau, daß er die Schubladen des Pultes durch den Kaftan hindurch deutlich gesehen hatte.

Ein jähes Mißtrauen gegenüber seinen Sinnen und der anscheinend so fest begründeten Stofflichkeit der Außenwelt flammte, tief aus der Seele hervorbrechend wie ein blitzartiges Licht, einen Augenblick in ihm auf, und gleichsam als Schlüssel zu den Geheimnissen derartiger unerklärlicher Vorgänge, fiel ihm ein, was er schon als Kind gelernt: daß das Licht gewisser, unfaßbar weit entfernter Sterne in der Milchstraße am Himmel siebzigtausend Jahre braucht, um zur Erde zu gelangen, und man daher (gäbe es so scharfe Fernrohre, um jene Weltenkörper dicht vor's Auge zu rücken) dort oben nur Begebenheiten schauen könnte, so wirklich und wahrhaftig, als vollzögen sie sich soeben, die seit siebzigtausend Jahren bereits in das Reich der Vergangenheit versunken sind. Es mußte also -- ein Gedanke von erschütternder Furchtbarkeit! -- in der unendlichen Ausdehnung des Weltenraumes _jedes_ Geschehen, das einmal geboren worden, ewig als Bild, aufbewahrt im Licht, bestehen bleiben. »So gibt es also -- wenn auch außerhalb des Bereiches menschlicher Macht -- eine Möglichkeit,« schloß er, »Vergangenes zurückzubringen?«

Als hinge die Erscheinung des alten Juden vor dem Pulte mit diesem Gesetze einer gespenstischen Wiederkunft irgendwie zusammen, gewann sie plötzlich für ihn ein schreckhaftes Leben.

Er fühlte das Phantom gleichsam in Armesnähe neben sich hergehen, unsichtbar für die äußern Augen und doch weit gegenwärtiger als jener leuchtende, ferne Stern dort oben in der Milchstraße, den alle Menschen sehen konnten Nacht für Nacht, und der trotzdem schon seit siebzigtausend Jahren am Himmel erloschen sein konnte -- --

Vor seiner Wohnung, einem engen, zweifenstrigen, altertümlichen Hause mit einem Vorgärtchen, blieb er stehen und sperrte das schwere eichene Tor auf.

So deutlich war seine Empfindung geworden als ginge jemand neben ihm, daß er sich unwillkürlich umblickte, bevor er eintrat.

Er klomm die kaum brustbreite Treppe empor, die, wie fast in allen holländischen Häusern, steil wie eine Feuerleiter in einer ununterbrochenen Flucht von ebener Erde bis hinauf unter das Dach lief, und ging in sein Schlafzimmer.

Ein Raum, schmal und langgezogen, die Decke getäfelt, nur ein Tisch und vier Stühle in der Mitte; alles andere: Schränke, Kommoden, Waschtisch, sogar das Bett, eingebaut in die mit gelber Seide bespannten Wände.

Er nahm ein Bad und legte sich schlafen.

Beim Auslöschen des Lichtes fiel sein Blick auf den Tisch, und er sah dort einen würfelförmigen grünen Karton stehen.

»Aha, das Delphische Orakel aus Papiermaché, das man mir aus dem Vexiersalon geschickt hat«, legte er sich mit bereits entschwindendem Bewußtsein zurecht.

Eine Weile später fuhr er halb aus dem Schlummer auf; er glaubte ein merkwürdiges Geräusch gehört zu haben, als schlüge eine Hand mit kleinen Stäben auf den Fußboden.

Es mußte jemand im Zimmer sein!

Aber er hatte doch die Haustür fest zugeschlossen! Er erinnerte sich genau.

Vorsichtig tastete er an der Wand hin nach dem Drücker des elektrischen Lichtes, da berührte ihn etwas, das sich anfühlte wie ein kleines Brett, mit leisem, schnellem Schlag am Arm. Gleichzeitig hörte er ein Klappen in der Mauer, und ein leichter Gegenstand rollte über sein Gesicht.

Im nächsten Augenblick blendete ihn die aufleuchtende Glühbirne.

Wieder ertönte das Geräusch der klopfenden Stäbe.

Es kam aus dem Innern der grünen Schachtel auf dem Tisch.

»Der Mechanismus in dem albernen pappendeckelnen Totenkopf wird losgegangen sein; das ist alles,« brummte Hauberrisser ärgerlich. Dann griff er nach dem Ding, das ihm übers Gesicht gekollert war und auf seiner Brust lag.

Es war eine zusammengebundene Rolle Schreibpapier, mit engen, verwischten Schriftzeichen bedeckt, wie er mit halbwachen Augen erkannte.

Er warf sie aus dem Bett hinaus, drehte das Licht ab und schlief wieder ein.

»Sie muß von irgendwo herabgefallen sein, oder bin ich an ein Klappfach in der Wand angekommen, in dem sie gelegen hat«, raffte er seine letzten klaren Gedanken zusammen, dann formten sie sich immer dichter und dichter zu konfusen Phantasiegebilden, und schließlich stand als Traumgestalt, wahllos aufgebaut aus den Eindrücken des Tages, ein Zulukaffer vor ihm, auf dem Kopf eine rotwollene Gockelhaube, die Füße geschmückt mit grünen Froschzehen, hielt in der Hand die Visitenkarte des Grafen Ciechoñski, und das schädelhafte Haus in der Jodenbreestraat stand grinsend dabei und kniff zwinkernd bald das eine, bald das andere Auge zu.

Das ferne bange Heulen einer Schiffssirene im Hafen war das letzte Überbleibsel aus der Sinnenwelt, das Hauberrisser noch eine kleine Strecke hinabbegleitete in die Abgründe des Tiefschlafs.

Viertes Kapitel

Baron Pfeill hatte in der Absicht, den Spätnachmittagszug nach Hilversum noch zu erreichen, wo sein Landhaus »Buitenzorg« lag, die Richtung nach der Central Spoorweg-Station eingeschlagen und war bereits durch ein Gewimmel von Zelten und Buden hindurch dem beginnenden abendlichen Kirmesgetriebe entronnen und in der Nähe der Hafenbrücke angelangt, da verriet ihm der wie auf ein Zeichen eines Orchesterdirigenten hereinbrechende, ohrenbetäubende Lärm der hundert Glockenspiele auf den Kirchtürmen, daß es sechs Uhr war und er die Bahn nicht mehr erreichen konnte.

Rasch entschlossen ging er wieder in die Altstadt zurück.

Es war ihm fast eine Erleichterung, daß er den Zug versäumt hatte und ihm noch ein paar Stunden Zeit blieben, um eine Angelegenheit in Ordnung zu bringen, die ihm unablässig im Kopf herumging, seit er Hauberrisser verlassen hatte.

Vor einem wundervollen, altertümlichen Barockbau aus rötlichen, weißumrahmten Ziegeln in der düstern Ulmenallee der Heerengracht blieb er stehen, sah einen Augenblick hinauf zu dem ungeheuren Schiebefenster, das fast die ganze Höhe und Breite des ersten Stockes einnahm, und zog dann an dem schweren, bronzenen Türdrücker inmitten des Portals, der zugleich die Hausglocke bildete.

Es verging eine Ewigkeit, bis ein alter livrierter Diener mit weißen Strümpfen und maulbeerfarbenen seidenen Kniehosen öffnen kam.

»Ist Herr Doktor Sephardi zu Hause? -- Sie kennen mich doch noch, Jan, wie?« Baron Pfeill suchte nach einer Visitenkarte. »Bringen Sie, bitte, diese Karte hinauf und fragen Sie ob --«

»Der gnädige Herr erwartet Sie bereits, Mynheer. Wenn ich bitten darf?« -- Der Alte ging die schmale, mit indischen Teppichen belegte und an den Wandseiten mit chinesischen Stickereien verkleidete Treppe voraus, die so steil war, daß er sich an dem gewundenen Messinggeländer halten mußte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Ein stumpfer, betäubender Geruch nach Sandelholz erfüllte das ganze Haus.