Das grüne Gesicht: Ein Roman

Part 3

Chapter 33,510 wordsPublic domain

Ein Herr in weißem Flanellanzug, roter Krawatte, einen Panamahut ein wenig schief aufgesetzt, die Finger überladen mit protzigen Ringen und ein Monokel ins dunkel glühende Auge geklemmt, war bereits vor längerer Zeit an einem entfernten Tische hinter einer großen ungarischen Zeitung aufgetaucht und hatte sich nach mehrmaligem Platzwechsel -- als störe ihn überall die Zugluft -- bis dicht an Hauberrisser herangepirscht, ohne daß ihn dieser in seinem Grübeln bemerkt hätte.

Erst, als der Fremde sich mit auffallend lauter Stimme beim Kellner nach Amsterdamer Vergnügungslokalen und sonstigen Sehenswürdigkeiten erkundigte, wurde Hauberrisser aufmerksam, und der Eindruck der Außenwelt scheuchte sofort seine tiefsinnigen Betrachtungen in das Dunkel zurück, aus dem sie aufgestiegen waren.

Ein schneller Blick überzeugte ihn, daß es der Herr »Professor« Zitter Arpád aus dem Vexiersalon war, der da so sichtlich bestrebt schien, den gänzlich unorientierten, soeben erst der Eisenbahn entschlüpften Neuankömmling zu spielen.

Wohl fehlte der Schnurrbart, und die Pomade war in ein neues Strombett geleitet worden, aber die Gaunervisage des unverkennbaren »Preßburger Hähndelfangers« hatte dadurch nicht das mindeste an Ursprünglichkeit eingebüßt.

Hauberrisser war viel zu gut erzogen, um auch nur mit einem Wimperzucken zu verraten, daß er sich erinnere, wen er vor sich habe; überdies machte es ihm Spaß, die feinere List des Gebildeten der grobdrähtigen des Ungebildeten entgegenzustellen, der immer und überall glaubt, eine Verkleidung sei gelungen, bloß weil der, dem die Täuschung gelten soll, nicht sofort in komödiantenhaft plumpes Gebärdenspiel und Stirnrunzeln verfällt.

Daß der »Professor« ihm heimlich bis ins Café nachgegangen war und irgendeine balkanesische Halunkerei im Schilde führte, stand für Hauberrisser außer Zweifel; um jedoch ganz sicher zu sein, daß _ihm_ und nicht noch Anderen der Mummenschanz galt, machte er eine Bewegung, als wolle er zahlen und gehen. Sofort malte sich ärgerliche Bestürzung in den Mienen des Herrn Zitter.

Hauberrisser schmunzelte befriedigt in sich hinein; »die Firma Chidher Grün -- angenommen, der Herr Professor ist tätiger Teilhaber -- scheint ja über die mannigfaltigsten Hilfsmittel zu verfügen, wenn es gilt, ihre Kunden im Auge zu behalten: -- duftende Damen mit Pagenfrisur, fliegende Korke, gespenstige alte Juden, prophetische Totenköpfe und weißgekleidete talentlose Spione! Allerhand Hochachtung!«

»Irgendeine Bank gibt es wohl hier in der Nähe nicht, Kellner, in der man ein paar englische Tausendpfundnoten in holländisches Geld umwechseln lassen könnte, wie?« fragte der Professor nachlässig, aber wieder mit sehr lauter Stimme und tat sehr ärgerlich, als er eine verneinende Antwort bekam. »In Amsterdam ist es scheinbar recht schljecht mit dem Kljeingeld bestellt,« brach er, halb zu Hauberrisser gewendet, ein Anknüpfungsgespräch vom Zaun. »Schon im Hotel hatte ich Schwjierigkeiten damit.«

Hauberrisser schwieg.

»Ja, hm, recht vjiel Schwjierigkeiten.«

Hauberrisser ließ sich nicht erweichen.

»Zum Glück kannte der Hotelbesitzer meinen Stammsitz. -- -- -- Graf Ciechoñski, wenn ich mich vorstellen darf. Graf Wlodzimierz Ciechoñski.«

Hauberrisser verbeugte sich kaum merklich und murmelte seinen Namen so unverständlich wie nur möglich, der Graf schien jedoch ein ungemein feines Ohr zu haben, denn er sprang freudig erregt auf, eilte zum Tisch, nahm sofort in Pfeill's leerem Sessel Platz und rief jubelnd: »Hauberrisser? Der berühmte Torpedoingenieur Hauberrisser? Graf Ciechoñski mein Name, Graf Wlodzimierz Ciechoñski, Sie gestatten doch?«

Hauberrisser schüttelte lächelnd den Kopf. »Sie irren, ich war niemals Torpedoingenieur.« (»Ein dummes Luder das«, setzte er innerlich hinzu, »schade, daß er den polnischen Grafen mimt; als Professor Zitter Arpád aus Preßburg wäre er mir lieber gewesen; ich hätte ihn dann im Lauf der Zeit wenigstens über seinen Kompagnon Chidher Grün ausholen können.«)

»Njicht? Schade. Aber das macht nichts. Schon der Name Hauberrisser erweckt in mir, oh, so liebe Erinnerungen«, die Stimme des Grafen zitterte vor Rührung, -- »er und der Name Eugène Louis Jean Joseph sind eng mit unserer Familie verknjüpft.«

»Jetzt will er, daß ich frage, wer dieser Louis Eugène Joseph ist. Just nicht,« dachte sich Hauberrisser und sog stumm an seiner Zigarette.

»Eugène Louis Jean Joseph war nämlich mein Taufpate. Gleich darauf ging er nach Afrika in den Tod.«

»Wahrscheinlich aus Gewissensbissen,« brummte Hauberrisser in sich hinein. »So, hm, in den Tod, sehr bedauerlich.«

»Ja leider, leider, leider. Eugène Louis Jean Joseph! Er hätte Kaiser von Frankreich sein können.«

»Was hätte er?« -- Hauberrisser glaubte falsch gehört zu haben -- »Kaiser von Frankreich hätt' er sein können?«

»Sicherlich!« Stolz spielte Zitter Arpád seinen Trumpf aus: »Prinz Eugène Louis Jean Joseph Napoleon IV. Er fiel am 1. Juni 1879 im Kampf gegen die Zulus. Ich besitze sogar eine Locke von ihm«, er zog eine goldene Taschenuhr von Beefsteakgröße und geradezu teuflischer Geschmacklosigkeit hervor, öffnete den Deckel und deutete auf ein Büschel schwarzer Pinselhaare. »Die Uhr ist auch von ihm. Ein Taufgeschenk. Ein Wunderwerk.« Er erläuterte: »Wenn man hier drückt, schlägt sie Stunden, Minuten und Sekunden und gleichzeitig erscheint auf der Rückseite ein bewegliches Liebespaar. Dieser Knopf löst die Rennzeiger aus; dieser stoppt sie; wenn man ihn weiter hinunterdrückt, erscheint das jeweilige Mondviertel; noch tiefer hinein und das Datum klappt auf. Dieser Hebel nach links, und ein Tropfen Moschusparfüm spritzt hervor, -- nach rechts, und es ertönt die Marseillaise. Es ist ein wahrhaft königliches Geschenk. Es existieren im ganzen nur zwei Stück davon.«

»Immerhin ein Trost,« gab Hauberrisser höflich und doppeldeutig zu. Das Gemisch von bodenloser Frechheit und gänzlicher Unkenntnis weltmännischer Umgangsformen belustigte ihn auf das höchste.

Graf Ciechoñski, ermutigt durch die freundliche Miene des Ingenieurs, wurde immer zutraulicher, erzählte von seinen immensen Gütern in Russisch-Polen, die leider durch den Krieg verwüstet wären, (zum Glück sei er nicht darauf angewiesen, denn durch intime Beziehungen zu amerikanischen Börsenkreisen verdiene er in London mit Spekulationen ein paar tausend Pfund im Monat) -- kam auf Pferderennen zu sprechen und bestochene Jockeis, auf Milliardärsbräute, die er zu Dutzenden kenne, auf spottbillige Territorien in Brasilien und im Ural, auf noch unbekannte Petroleumquellen am Schwarzen Meer, auf ungeheuerliche Erfindungen, die er in der Hand hätte, und die eine Million täglich tragen müßten, -- auf vergrabene Schätze, deren Besitzer geflohen oder gestorben seien, auf untrügliche Methoden, im Roulette zu gewinnen, -- erzählte von riesigen Spionagegeldern, die Japan vertrauenswürdigen Personen auszuzahlen nur so brenne (natürlich müsse man zuerst Depot erlegen), schwätzte von unterirdischen Freudenhäusern in den großen Städten, zu denen nur Eingeweihte Zutritt hätten, ja sogar vom Goldlande Ophir des Königs Salomo, das, wie er ganz sicher aus Papieren seines Taufpaten Eugène Louis Jean Joseph wisse, im Zululande läge, berichtete er bis ins Kleinste genau.

Er war vielseitiger noch als seine Taschenuhr, warf tausend Angelhaken aus, einen plumper als den andern, um seinen Fisch zu ködern; wie ein kurzsichtiger Einbrecher, der Dietrich um Dietrich am Türschloß eines Hauses probiert, ohne das Schlüsselloch zu erwischen, tastete er die Seele Hauberrissers ab, aber es gelang ihm nicht, das Fenster zu finden, durch das er hätte einsteigen können.

Endlich gab er es erschöpft auf und fragte Hauberrisser kleinlaut, ob dieser ihn nicht in irgendeinen vornehmen Spielklub einführen möchte; doch auch hierin schlugen seine Hoffnungen fehl: der Ingenieur entschuldigte sich damit, daß er selber in Amsterdam fremd sei.

Mißmutig schlürfte er seinen Sherry-Cobbler.

Hauberrisser betrachtete ihn sinnend. »Ob es nicht das Gescheiteste wäre«, überlegte er, »ich sagte ihm auf den Kopf zu, daß er ein Taschenspieler ist. Ich gäbe etwas darum, wenn er mir sein Leben erzählte. Bunt genug mag es gewesen sein. Eine Welt von Schmutz muß dieser Mensch schon durchwatet haben. Aber natürlich, er würde leugnen und schließlich grob werden.« -- Ein Gefühl von Gereiztheit stieg in ihm auf; »unerträglich ist das Dasein unter den Menschen und Dingen dieser Welt geworden; Berge von leeren Schalen überall, und stößt man einmal auf etwas, was so aussieht wie eine Nuß, die des Aufknackens wert wäre, -- siehe da, es ist ein toter Kiesel.«

»Juden! Chassiden!« brummte der Hochstapler verächtlich und deutete auf einen Trupp zerlumpter Gestalten, die eilig -- die Männer mit wirren Bärten und schwarzen Kaftans voran, die Frauen, ihre Kinder in Bündel geschnürt auf dem Rücken, hinterdrein -- lautlos, mit weit aufgerissenen, irrsinnig in die Ferne starrenden Augen die Straße vorbeizogen. »Auswanderer. Keinen Cent in der Tasche. Sie glauben, das Meer wird eine Gasse bilden, wenn sie kommen. Verrückt! Neulich in Zandvoort wäre eine ganze Menge beinahe ersoffen, wenn man sie nicht noch rechtzeitig herausgezogen hätte.«

»Meinen Sie das im Ernst, oder machen Sie bloß Spaß?«

»Nein, nein, mein voller Ernst. Haben Sie denn nicht davon gelesen? Der Religionswahnsinn bricht jetzt überall aus, wohin man schaut. Vorläufig sind's ja meist nur die Armen, die davon befallen werden, aber« -- Zitter's ärgerliche Miene hellte sich auf bei dem Gedanken, daß vielleicht bald eine Zeit kommen könne, wo sein Weizen blühen würde -- »aber es wird nicht lange dauern, dann packt's die Reichen auch. Ich kenne das.« -- Froh, wieder ein Gesprächsthema gefunden zu haben, denn Hauberrisser hatte gespannt aufgehorcht, wurde er sofort wieder geschwätzig. »Nicht nur in Rußland, wo von jeher die Rasputins und Johann Sergiews und andere Heilige aus dem Boden wuchsen, -- in der ganzen Welt breitet sich der Wahnsinn aus, daß der Messias kommt. Sogar unter den Zulus in Afrika gärt's schon; da läuft zum Beispiel dort ein Nigger herum, nennt sich »der schwarze Elias« und tut Wunder. Ich weiß das ganz genau von Eugène Louis« -- er verbesserte sich rasch -- »von einem Freund, der kürzlich dort auf Leopardenjagd war. Einen berühmten Zuluhäuptling kenne ich übrigens selber von Moskau her« -- sein Gesicht wurde plötzlich unruhig -- »und, wenn ich's nicht mit eignen Augen gesehen hätte, würde ich's nie geglaubt haben: der Kerl, in allen andern Tricks ein Mordsesel, kann wahrhaftig, so wahr, wie ich hier sitze, zaubern. Ja ja: zaubern! Lachen Sie nicht, lieber Hauberrisser; ich hab's selber gesehen und _mir_ macht kein Artist was vor«, -- er vergaß einen Moment ganz, daß er die Rolle eines Grafen Ciechoñski zu spielen hatte, -- »_das_ Zeug kann ich selber aus dem ff. _Wie_ er's macht, weiß der Teufel. Er sagt, er habe einen Fetisch und wenn er den anruft, wird er feuerfest. Tatsache ist: er macht große Steine rotglühend -- Herr, ich hab' sie selbst untersucht! -- und schreitet langsam drüber weg, ohne sich die Füße zu verbrennen.« In der Erregung fing er an, an seinen Fingernägeln zu beißen, und brummte in sich hinein: »Aber wart' nur, Bursche, ich komme dir schon dahinter.« -- Erschreckt, daß er sich möglicherweise zu viel habe gehen lassen, nahm er schnell wieder die polnische Grafenmaske vor und leerte sein Glas, »Prost, ljieber Hauberrisser, prost, prost. Vielleicht sehen Sie ihn einmal selber, den Sulu; ich chöre, er ist in Cholland und tritt in einem Zirkus auf. Aber wollen wir jetzt nicht nebenan im Amstelroom einen Imbiß --«

Hauberrisser stand rasch auf, der »Graf« interessierte ihn an Herrn Zitter Arpád ganz und gar nicht. »Bedaure lebhaft, aber ich bin für heute vergeben. Vielleicht ein anderes mal. Adieu. Sehr gefreut.«

Verblüfft durch den kurzen Abschied sah ihm der Hochstapler mit offnem Munde nach.

Drittes Kapitel

Von einer wilden innern Aufregung ergriffen, über deren Ursache er sich keinerlei Rechenschaft zu geben vermochte, eilte Hauberrisser durch die Straßen.

Als er an dem Zirkus vorüberkam, in dem die Zulutruppe Usibepu's auftrat -- Zitter Arpád konnte nur sie gemeint haben -- überlegte er einen Augenblick, ob er sich die Vorstellung ansehen solle, ließ aber gleich darauf seinen Entschluß wieder fallen. Was kümmerte es ihn, ob ein Neger zaubern konnte; Neugierde nach Ungewöhnlichem war es nicht, das ihn umhertrieb und ruhelos machte. Etwas Unwägbares, Gestaltloses, das in der Luft lag, peitschte seine Nerven auf, -- derselbe rätselhafte Gifthauch, der ihn zuweilen, noch ehe er nach Holland gereist war, so heftig gewürgt hatte, daß er in solchen Fällen unwillkürlich mit Selbstmordideen spielte.

Er überlegte, woher es diesmal wieder gekommen sein mochte. Ob es von den jüdischen Auswanderern, die er gesehen hatte, wie eine Ansteckung auf ihn übergegangen war?

»Es muß der gleiche unbegreifliche Einfluß sein, der diese religiösen Fanatiker über die Erde jagt und mich aus meiner Heimat vertrieben hat,« fühlte er; »bloß unsere Motive sind verschieden.«

Schon lange vor dem Kriege hatte er diesen unheimlichen seelischen Druck an sich erfahren, nur war es damals noch möglich gewesen, ihn durch Arbeit oder Vergnügen zeitweilig zu unterdrücken; er hatte ihn als Reisefieber, als nervöse Launenhaftigkeit, als Begleiterscheinung falscher Lebensführung gedeutet, dann später, als die Blutfahne über Europa zu flattern begann: als Vorahnung der Ereignisse. Aber warum steigerte sich jetzt nach dem Kriege dieses Gefühl noch von Tag zu Tag fast bis zur Verzweiflung? Und nicht nur bei ihm -- fast jeder, mit dem er darüber gesprochen hatte, wußte von sich selbst Ähnliches zu berichten.

Sie alle, wie er, hatten sich damit getröstet, wenn der Krieg beendet sei, werde der Frieden auch in den Herzen der Einzelnen wiederkehren. Statt dessen war genau das Gegenteil eingetreten.

Die banale Weisheit der gewissen Hohlköpfe, die gewohnheitsgemäß bei allem und jedem die billigste Erklärung zur Hand haben und die Fieberschauer der Menschheit auf gestörte Behaglichkeit zurückführten, -- konnte sie das Rätsel lösen? Die Ursache lag tiefer.

Gespenster, riesenhafte, formlos und nur erkennbar an den entsetzlichen Verheerungen, die sie angerichtet, bei den heimlichen Sitzungen kaltherziger, ehrgeiziger Greise um den grünen Tisch herum entstandene Gespenster hatten sich Millionen von Opfern geholt und sich dann scheinbar wieder für einige Zeit schlafen gelegt; aber jetzt erhob das grauenhafteste aller Phantome, längst schon zu lauerndem Leben erweckt durch den Fäulnishauch einer verwesenden Scheinkultur, sein Medusenhaupt vollends aus dem Abgrund und höhnte der Menschheit ins Gesicht, daß es nur ein Rad der Qual gewesen war, das sie im Kreise getrieben hatte im Wahn, dadurch für kommende Geschlechter die Freiheit zu gewinnen, -- und weiter treiben würde trotz Wissen und Erkenntnis für alle Zeiten.

In den letzten Wochen war es Hauberrisser scheinbar gelungen, sich über seinen Lebensüberdruß hinwegzutäuschen; er hatte sich die sonderbare Idee zurechtgelegt, mitten in einer Stadt, die sozusagen über Nacht infolge der Zeitläufte aus einem Weltmarkt mit gezügelter Leidenschaft zu einem internationalen Tummelplatz hirnverwirrender, wilder Instinkte geworden war, als Einsiedler, als innerlich Unbeteiligter, zu leben, und hatte seinen Plan auch bis zu einem gewissen Grade durchgeführt, doch jetzt brach die alte Müdigkeit, durch irgendeinen winzigen Anlaß wieder erweckt, abermals hervor, stärker als je, verzehnfacht durch den Anblick der plan- und sinnlos um ihn her durchs Dasein taumelnden Menge.

Als sei er bisher blind gewesen, erschreckte ihn plötzlich auf's tiefste der Ausdruck in den Gesichtern, die ihn umwimmelten.

Das waren nicht mehr die Mienen von Menschen, die, vergnügungssüchtig oder, um die Sorgen des Tages zu verschütten, zu einer Schaustellung eilten, wie sie von früher her in seiner Erinnerung lebten! Die beginnenden Anzeichen eines unheilbaren Entwurzeltseins sprachen aus ihnen.

Der bloße Kampf ums Dasein gräbt andere Furchen und Linien in die Haut.

Er mußte an Kupferstiche denken, die die Pestorgien und Tänze des Mittelalters darstellten, und dann wieder an Vogelschwärme, die, das Kommen eines Erdbebens spürend, lautlos und in dumpfer Angst über der Erde kreisen. -- --

Wagen um Wagen raste zum Zirkus, und mit einer nervösen Hast, als ginge es um Leben und Tod, eilten die Leute hinein: Damen, brillantenübersät, mit fein geschnittenen Gesichtern, zu Kokotten gewordene französische Baronessen, vornehme, schlanke Engländerinnen, noch vor kurzem zur besten Gesellschaft gehörig, jetzt zu zweit am Arme irgendeines über Nacht reich gewordenen Börsenhalunken mit Rattenaugen und Hyänenschnauze, -- russische Fürstinnen, jede Fiber an ihnen zuckend vor Übernächtigkeit und Überreiztheit; nirgends mehr auch nur eine Spur ehemaliger aristokratischer Gelassenheit -- alles hinweggespült von den Wellen einer geistigen Sintflut.

Wie das Vorzeichen einer kommenden furchtbaren Zeit erscholl im Innern des Hauses in Intervallen, bald schreckhaft nahe und laut, dann wieder plötzlich erstickt von zufallenden dicken Vorhängen, das langgezogene heisere Gebrüll von wilden Bestien, und ein beißender Geruch nach Raubtieratem, Parfüm, rohem Fleisch und Pferdeschweiß wehte auf die Straße heraus.

Durch den Ideenkontrast wachgerufen, schob sich ein Bild aus der Erinnerung vor Hauberrissers Blick: ein Bär hinter den Käfigstäben einer wandernden Menagerie, der, die linke Tatze gefesselt, eine Verkörperung grenzenloser Verzweiflung, von einem Bein auf's andere trat -- unablässig, tagelang, monatelang, noch Jahre später, als er ihm wieder auf einem Schaubudenmarkte begegnete.

»Warum hast du ihn damals nicht losgekauft!« schrie ein Gedanke Hauberrisser ins Hirn hinein, -- ein Gedanke, den er wohl hundertmal schon verjagt hatte, der aber immer wieder aus dem Hinterhalte auf ihn lossprang, immer mit demselben brennenden Gewand des Vorwurfs angetan, wenn seine Stunde kam, -- ewig jung und unversöhnlich wie am ersten Tage, als er entstanden war, -- ein Zwerg, scheinbar nichtig und klein gegenüber den riesengroßen Versäumnissen, die im Leben eines Menschen einander die Hand reichen, und dennoch von allen Gedanken der einzige, über den die Zeit keine Macht besaß.

»Die Schatten der Myriaden gemordeter und gefolterter Tiere haben uns verflucht und ihr Blut brüllt nach Rache«, ballte sich eine wirre Vorstellung in Hauberrissers Gehirn einen Pulsschlag lang zusammen; »wehe uns Menschen, wenn beim jüngsten Gericht die Seele auch nur eines einzigen Pferdes im Rate der Ankläger sitzt. -- Warum habe ich ihn damals nicht losgekauft!« -- -- Wie oft hatte er sich schon die bittersten Vorwürfe deshalb gemacht und sie jedesmal mit dem Argument erstickt, daß die Befreiung des Bären belangloser gewesen wäre als das Umdrehen eines Sandkorns in der Wüste. Aber -- er überflog im Geiste sein Leben -- hatte er jemals irgend etwas vollbracht, das belangreicher gewesen wäre? Er hatte studiert und die Sonne versäumt, um Maschinen zu bauen, hatte Maschinen gebaut, die längst verrostet waren, und darüber versäumt, andern zu helfen, daß sie sich hätten der Sonne erfreuen können, -- hatte nur sein Teil beigetragen zur großen Zwecklosigkeit.

Er erkämpfte sich mühsam einen Weg durch die andrängende Menge zu einem freien Platz, rief eine Droschke an und ließ sich hinaus vor die Stadt fahren.

Ein Heißhunger nach versäumten Sommertagen hatte ihn mit einemmal überfallen. -- --

Die Räder rumpelten mit quälender Langsamkeit über das Pflaster, und die Sonne war doch schon im Untergehen begriffen; vor Ungeduld, ins Freie zu kommen, wurde er nur noch gereizter.

Als er endlich das fette Grün des Landes, bis in die unendlich scheinende Ferne von einem Gitter aus braunen regelmäßigen Wasserstraßen zerschnitten, vor sich sah, mitten in den Inseln abertausende gefleckter Rinder, die alle eine Matratze auf dem Rücken trugen als Schutz gegen die abendliche Kühle, und dazwischen die holländischen Bäuerinnen mit den weißen Hauben, den messingnen Krulletjes an den Schläfen und den saubern Melkeimern, -- wie das Bild auf einer großen blaßblauen Seifenblase stand es vor ihm, in der die Windmühlen mit ihren Flügeln als die ersten schwarzen Kreuzeszeichen einer kommenden ewigen Nacht erschienen.

Es war ihm wie das Traumgesicht eines Landes, in das er den Fuß nicht mehr setzen dürfe, wie er so an schmalen Wegen die Weideplätze entlang fuhr, immer durch einen, von den letzten Sonnenstrahlen roten Flußstreifen von ihnen getrennt.

Der Geruch nach Wasser und Wiesen, der zu ihm herüber zog, löste seine Unruhe nur in ein Gefühl der Schwermut und Verlassenheit auf.

Dann, als das Gras dunkel wurde und aus der Erde ein silbriger Nebel stieg, bis die Herden in Rauch zu stehen schienen, kam es ihm vor, als wäre sein Kopf ein Kerker, und er selbst säße darin und blickte durch seine Augen hindurch wie durch langsam erblindende Fenster in eine Welt der Freiheit hinein, die für immer Abschied nimmt.

* * * * *

Die Stadt lag in tiefer Dämmerung, und das hallende Dröhnen von den zahllosen seltsam geformten Türmen und ihre Glockenspiele zitterten durch den Dunst, als die ersten Häuserreihen ihn aufnahmen.

Er entließ den Wagen und ging der Richtung zu, in der seine Wohnung lag, durch winklige Gassen, Grachten entlang, in denen regungslos schwarze plumpe Kähne schwammen, eingetaucht in eine Flut fauler Äpfel und verwesenden Unrats, unter Giebeln mit eisernen Hebearmen hinweg, die aus vornübergeneigten Mauern sich im Wasser spiegelten.

An den Türen saßen gruppenweise auf Stühlen, die sie aus ihren Stuben geholt hatten, Männer in blauen weiten Hosen und roten Kitteln, Weiber flickten schwätzend an Netzen, und Scharen von Kindern spielten auf der Straße.

Rasch schritt er hindurch an den offenen Hausfluren vorbei, die ihn anhauchten mit ihrem Atem von Fischgeruch, Arbeitsschweiß und ärmlichem Alltag, über Plätze hin, wo an den Ecken die Waffelbäcker ihre Stände aufgeschlagen hatten und ein Brodem von brenzlichem Schmalzdampf bis in die schmalen Gassen zog.

Die ganze Trostlosigkeit der holländischen Hafenstadt mit dem sauber gewaschenen Pflaster und den unsagbar schmutzigen Kanälen, den wortkargen Menschen, dem fahlweißen Netzwerk der Schiebefenster an den engbrüstigen Häuserfassaden, den engen Käse- und Heringsläden mit ihren schwelenden Petroleumlichtern und den giebligen rotschwärzlichen Dächern, legte sich ihm auf die Brust.

Einen Augenblick sehnte er sich fast aus diesem Amsterdam mit seiner finsteren Abkehr von Heiterkeit zurück in die lichteren Städte, die er von früher kannte und in denen er gelebt hatte. Das Dasein in ihnen schien ihm mit einemmal wieder begehrenswert, -- wie alles, was in der Vergangenheit liegt, schöner und besser erscheint als die Gegenwart, -- doch die letzten, häßlichen Erinnerungen, die er von ihnen mitgebracht hatte, die Eindrücke äußern und innern Verfalls und des unaufhaltsamen Hinwelkens erstickten sofort das leise erwachende Heimweh.

Um seinen Weg abzukürzen, passierte er eine eiserne Brücke, die über eine Gracht in die feinen Stadtviertel führte, und durchquerte eine in Licht getauchte, dicht belebte Straße mit prunkvollen Schaufenstern, um ein paar Schritte später, als habe die Stadt blitzschnell ihr Antlitz verändert, wieder in einer stockfinstern Gasse zu stehen: Die alte Amsterdamer »Neß«, die berüchtigte Dirnen- und Zuhälterstraße, vor Jahren niedergerissen, war hier wie eine scheußliche Krankheit, die plötzlich von neuem hervorbricht, in einem andern Stadtteil wieder auferstanden mit einem ähnlichen, nicht mehr so wilden und rohen, aber weit furchtbareren Gesicht.

Was Paris, London, die Städte Belgiens und Rußlands an Existenzen ausspieen, die, auf kopfloser Flucht vor den losbrechenden Revolutionen ihre Heimat mit dem erstbesten Zug verlassen hatten, traf hier in diesen »vornehmen« Lokalen zusammen.