Das grüne Gesicht: Ein Roman

Part 21

Chapter 211,685 wordsPublic domain

Es schien Mittag zu sein: -- hoch am Himmel schwebte ein leuchtender Kreis im Dunst.

Tobte der Sturm noch immer?

Hauberrisser lauschte:

Nichts, woran er es hätte erkennen können. Die Deiche waren leer. Ausgeblasen. Kein Wasser, keine Spur von Bewegung mehr darin. Kein Strauch, soweit der Blick reichte. -- Das Gras flach. Nicht eine einzige ziehende Wolke -- regungsloser Luftraum.

Er nahm den Hammer und ließ ihn fallen -- hörte ihn laut auf dem Boden aufschlagen: »es ist still draußen geworden,« begriff er.

Nur Zyklone rasten noch in der Stadt, wie er durch das Fernglas erkannte; Steinblöcke wirbelten empor in die Luft, -- aus dem Hafen tauchten Wassersäulen, brachen auseinander, türmten sich wieder auf und tanzten dem Meere zu.

Da! -- War es eine Täuschung? Schwankten nicht die beiden Türme der Nikolaskirche?

Der eine stürzte plötzlich in sich zusammen; -- der andere flog wirbelnd hoch in die Luft, zerbarst wie eine Rakete, -- die ungeheure Glocke schwebte einen Augenblick frei zwischen Himmel und Erde.

Dann sauste sie lautlos herab.

Hauberrisser stockte das Blut:

Swammerdam! Pfeill!

Nein, nein, nein, -- es konnte ihnen nichts geschehen sein: »Chidher, der Ewige Baum der Menschheit beschirmt sie mit seinen Ästen!« Hatte Swammerdam nicht vorausgesagt, er werde die Kirche überleben?

Und gab es nicht Inseln, so wie dort der blühende Apfelbaum inmitten des grünen Rasenflecks, in denen das Leben gegen Vernichtung gefeit war und aufbewahrt wurde für die kommende Zeit? -- --

Jetzt erst erreichte der Schall der zerschmetterten Glocke das Haus.

Die Mauern erdröhnten unter dem Anprall der Luftwellen: ein einziger, furchtbarer, erschütternder Ton, daß Hauberrisser glaubte, die Knochen im Leibe seien ihm wie Glas zersplittert, und einen Moment sein Bewußtsein schwinden fühlte.

=»Die Mauern von Jericho sind gefallen,«= hörte er die bebende Stimme Chidher Grüns laut im Raume sagen. -- =»Er ist aufgewacht von den Toten.«=

Atemlose Stille. -- --

Dann schrie ein Kind. -- -- --

Hauberrisser blickte verstört umher.

Endlich kam er zu sich.

Er erkannte deutlich die kahlen, schmucklosen Wände seines Zimmers, und doch waren es zugleich die Wände eines Tempels mit Fresken ägyptischer Göttergestalten bemalt; er stand mitten darin -- beides war Wirklichkeit; er sah die hölzernen Dielen des Bodens und zugleich waren es steinerne Tempelfliesen, -- zwei Welten durchdrangen einander -- in eine verschmolzen und doch voneinander getrennt -- vor seinem Blick, als sei er wach und träume in ein und derselben Sekunde; er fuhr mit der Hand über den Kalk der Wand, fühlte die rauhe Fläche und hatte dennoch die untrügliche Gewißheit, daß seine Finger eine hohe goldene Statue berührten, die er als die Göttin Isis, auf einem Throne sitzend, zu erkennen glaubte.

Ein neues Bewußtsein war zu seinem gewohnten, menschlichen, das er bisher besessen, dazu getreten -- hatte ihn mit der Wahrnehmung einer neuen Welt bereichert, die die alte in sich schlang, berührte, verwandelte und dennoch auf wunderbare Weise fortbestehen ließ.

Sinn für Sinn wachte doppelt in ihm auf -- wie Blüten, die aus Knospen hervorbrechen.

Schuppen fielen ihm von den Augen; wie jemand, der ein ganzes Leben hindurch alles nur in Flächen wahrgenommen hat und dann mit einem Schlage eine räumliche Gestaltung sich daraus bilden sieht, konnte er lange nicht fassen, was sich begeben hatte.

Allmählich begriff er, daß er das Ziel des Weges, den zu Ende zu gehen der verborgene Daseinszweck jedes Menschen ist, erreicht hatte: ein Bürger zweier Welten zu sein. -- -- -- --

Wieder schrie ein Kind.

* * * * *

Hatte Eva nicht gesagt, sie wolle Mutter sein, wenn sie wieder zu ihm käme? -- Wie Schrecken durchfuhr es ihn.

Hielt die Göttin Isis nicht ein nacktes, lebendiges Kind im Arm?

Er hob den Blick zu ihr und sah sie lächeln. --

Sie bewegte sich.

Immer schärfer, farbiger und klarer wurden die Fresken, -- heilige Geräte standen umher. So deutlich war alles, daß Hauberrisser den Anblick des Zimmers darüber vergaß und nur mehr den Tempel und die rot und goldene Malerei ringsum erkannte.

Geistesabwesend starrte er in das Antlitz der Göttin und langsam, langsam kam es wie eine dumpfe Erinnerung über ihn: Eva! -- Das war doch Eva und nicht die Statue der ägyptischen Göttin, der Mutter der Welt!

Er preßte die Hände an die Schläfen -- konnte es nicht fassen.

»Eva! Eva!« schrie er laut auf.

Wieder traten die kahlen Mauern der Stube durch die Tempelwände hindurch, die Göttin thronte noch immer lächelnd darin, aber dicht vor ihm, seinem Schauen leibhaftig und wirklich, stand als irdisches Ebenbild die Erscheinung eines jungen, blühenden Weibes. -- --

»Eva! Eva!« -- mit einem jauchzenden Schrei grenzenlosen Entzückens riß er sie an sich und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen -- »Eva!« -- -- -- --

Dann standen sie lang, eng umschlungen vor dem Fenster und sahen zu der toten Stadt hinüber.

»Helft, wie ich, den kommenden Geschlechtern ein neues Reich aus den Trümmern des alten wieder aufzubauen,« fühlte er einen Gedanken, als sei es die Stimme Chidhers, sagen, »damit die Zeit anbricht, in der auch ich lächeln darf.«

Das Zimmer und der Tempel waren gleich deutlich geworden.

Wie ein Januskopf konnte Hauberrisser in die jenseitige Welt und zugleich in die irdische Welt hineinblicken und ihre Einzelheiten und Dinge klar unterscheiden:

er war hüben und drüben ein lebendiger Mensch.

Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise des Namens Klinkherbogk wurde vereinheitlicht und fehlende Anführungszeichen wurden stillschweigend ergänzt. Alle anderen zahlreichen Varianten der Schreibung von Namen und Ortsbezeichnungen wurden belassen wie im Original. Auch Varianten der Schreibung von fremdsprachigen Worten wie Mynheer/Mijnheer, die zu verschiedenen Zeiten üblich waren, wurden übernommen. Andere offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Verwendung späterer Ausgaben, korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 3]: ... »Tegen het Licht te bekijken. Voor Gourmands.« ... ... »Tegen het licht te bekijken. Voor Gourmands.« ...

[S. 18]: ... Die Farbe der Haut spielte ins olive und war ... ... Die Farbe der Haut spielte ins Olive und war ...

[S. 24]: ... im Café »de vergulde Turk«, einem dunkeln, ... ... im Café »De vergulde Turk«, einem dunkeln, ...

[S. 24]: ... winkligen und veräucherten Lokal, das versteckt ... ... winkligen und verräucherten Lokal, das versteckt ...

[S. 24]: ... -- »Garnaale, Garnaale,« dröhnte der Brummbaß ... ... -- »Garnalen, garnalen,« dröhnte der Brummbaß ...

[S. 25]: ... vorüber. »Banaantje, Banaantje«, quietschte ... ... vorüber. »Banaantjes, banaantjes«, quietschte ...

[S. 29]: ... laut und brüsk: »da hast du zwanzig Zents ... ... laut und brüsk: »da hast du zwanzig Cents ...

[S. 38]: ... Ein Herr in weißem Flanellanzug, roter Kravatte, ... ... Ein Herr in weißem Flanellanzug, roter Krawatte, ...

[S. 44]: ... Mißmutig schlürfte er seinen Sherry-Cobler. ... ... Mißmutig schlürfte er seinen Sherry-Cobbler. ...

[S. 54]: ... den messingnen Krulltjes an den Schläfen und ... ... den messingnen Krulletjes an den Schläfen und ...

[S. 59]: ... das Publikum verständnislos dem in deutscher ... ... das Publikum verständnislos den in deutscher ...

[S. 60]: ... Lumpensammlerehepaar sang »met Piano Begeleidingen« ... ... Lumpensammlerehepaar sang »met pianobegeleiding« ...

[S. 61]: ... De Burgemeester trekt erin. ... ... De burgemeester trekt er in.« ...

[S. 67]: ... Vielleicht in einer Hafenschenke am Nieuve ... ... Vielleicht in einer Hafenschenke am Nieuwe ...

[S. 80]: ... Sie hätten es in Leyden in der Oudhedenschen Sammlung ... ... Sie hätten es in Leyden in der Oudheden-Sammlung ...

[S. 86]: ... Amsterdam auf ponnybespannten Wagen abends ... ... Amsterdam auf ponybespannten Wagen abends ...

[S. 92]: ... enthielt: Hipocampa Milhauseri -- das ist nämlich ... ... enthielt: Hybocampa Milhauseri -- das ist nämlich ...

[S. 97]: ... »Hier verkoopt men starke drenken« verriet, daß ... ... »Hier verkoopt men sterke dranken« verriet, daß ...

[S. 97]: ... Haube und »Krulltjes« an den Ohren ... ... Haube und »Krulletjes« an den Ohren ...

[S. 99]: ... heute noch kennen lernen. Er wohnt ober ... ... heute noch kennen lernen. Er wohnt über ...

[S. 105]: ... alte Holländerin, begütigend Fräulein von Druysen, ... ... alte Holländerin, begütigend Fräulein von Druysen ...

[S. 158]: ... zu halten und den Gedanken für ein Hirngespinnst. ... ... zu halten und den Gedanken für ein Hirngespinst. ...

[S. 161]: ... hin und herschwankte, sich dann mit dem ... ... hin- und herschwankte, sich dann mit dem ...

[S. 165]: ... Hosen wird er verlieren. A propos, hast du seine ... ... Hosen wird er verlieren. À propos, hast du seine ...

[S. 170]: ... -- Du scheinst überhaupt nicht zu ahnen, wie unungeheuer ... ... -- Du scheinst überhaupt nicht zu ahnen, wie ungeheuer ...

[S. 175]: ... Zusamenhang mit der vermutlich kommenden ... ... Zusammenhang mit der vermutlich kommenden ...

[S. 180]: ... durfte, als Mädchen in ihrer seelischen Feinfühlichkeit ... ... durfte, als Mädchen in ihrer seelischen Feinfühligkeit ...

[S. 185]: ... wärend in Wirklichkeit Sie selbst es wären.« ... ... während in Wirklichkeit Sie selbst es wären.« ...

[S. 216]: ... schelsüchtig, gierig und mordbereit, machten ... ... scheelsüchtig, gierig und mordbereit, machten ...

[S. 221]: ... mutigen Gesichter immer näher komen. ... ... mutigen Gesichter immer näher kommen. ...

[S. 225]: ... ein Frauenzimmer mit rotem, kurzen Rock mitleidig ... ... ein Frauenzimmer mit rotem, kurzem Rock mitleidig ...

[S. 229]: ... In der Station Wesperpoort, die der Mitte ... ... In der Station Weesperpoort, die der Mitte ...

[S. 245]: ... und ich mich mit Grübeln zerquält, womit ich ... ... und mich mit Grübeln zerquält, womit ich ...

[S. 258]: ... getan; Sie wären so etwas in Ihren Jahren ... ... getan; Sie wären zu so etwas in Ihren Jahren ...

[S. 271]: ... inneren Leben nötig sei, sich zu sehnen. Jetzt ... ... inneren Lebens nötig sei, sich zu sehnen. Jetzt ...

[S. 274]: ... Rache ich mein. Und dann --« -- das freundliche ... ... Rache is mein. Und dann --« -- das freundliche ...

[S. 291]: ... die seltsamste Wandlung, vollzieht, die dir geschehen ... ... die seltsamste Wandlung vollzieht, die dir geschehen ...

[S. 293]: ... Der Pönix ... ... Der Phönix ...

[S. 309]: ... haben sie mich beraubt, -- jetzt bereichern, sie ... ... haben sie mich beraubt, -- jetzt bereichern sie ...

[S. 310]: ... benötigt, -- aber auch die stattgefressene ... ... benötigt, -- aber auch die sattgefressene ...

[S. 323]: ... »Ea! Eva! Geh nie wieder von mir!« -- ... ... »Eva! Eva! Geh nie wieder von mir!« -- ...

[S. 325]: ... blonden, seidenen Strähne, die vor seinen ... ... blonden, seidenen Strähnen, die vor seinen ...

[S. 326]: ... nicht Tag.« -- »Und da drüber auf dem Schreibtisch ... ... nicht Tag.« -- »Und da drüben auf dem Schreibtisch ...

[S. 328]: ... Wo ich auf Erde eine Liebe keimen sehe, die ... ... Wo ich auf Erden eine Liebe keimen sehe, die ...

[S. 331]: ... packt es mich jedesmal wie -- wie Angst«! -- ... ... packt es mich jedesmal wie -- wie Angst!« -- ...

[S. 331]: ... Begebnis, daß Ihren Glauben doch in ... ... Begebnis, das Ihren Glauben doch in ...

[S. 331]: ... Leben bringen' -- beweist es.« ... ... Lebens bringen' -- beweist es.« ...

[S. 338]: ... im Innnern der Kirche ein Licht, in den nächtlichen ... ... im Innern der Kirche ein Licht, in den nächtlichen ...

[S. 341]: ... ihn zum König von Sululand zu machen -- das ... ... ihn zum König von Zululand zu machen -- das ...

[S. 368]: ... »o sanktissima, o pi -- issima, dulcis virgo ... ... »o sanctissima, o pi -- issima, dulcis virgo ...

[S. 374]: ... schwarze, breite Spuren unter dem ausgerissenem ... ... schwarze, breite Spuren unter dem ausgerissenen ...

[S. 382]: ... von seinen Augen: fallen. ... ... von seinen Augen fallen. ...

[S. 382]: ... Ein stille friedvolle Ruhe senkte sich über ihn; ... ... Eine stille friedvolle Ruhe senkte sich über ihn; ...