Part 20
Daß Chidher Grün, um sich ihm sichtbar zu machen, eine so phantastische Form gewählt haben könnte, schien ihm wenig glaubhaft.
Den Kopf noch voll grüblerischer Gedanken betrat er den Wester Park und schlug, um so rasch wie möglich zu Sephardi's Haus zu gelangen, die Richtung nach dem Damrak ein, da verriet ihm schon von weitem ein wilder Tumult, daß irgend etwas Aufregendes geschehen sein mußte.
Bald war ein Vordringen durch die breiten Straßen infolge der dichten Menschenmenge, die Schulter an Schulter gepreßt, in wilder Aufregung durcheinander wogte, ein Ding der Unmöglichkeit, und er beschloß daher, die Jodenbuurt als Verbindungsgasse zu benützen.
Scharenweise zogen die Gläubigen der Heilsarmee, laut betend oder den Psalm brüllend: »Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein« über die Plätze, -- Männer und Weiber, verzückt in religiösem Wahnwitz, rissen einander die Kleider vom Leib -- sanken, Geifer vor dem Mund, in die Knie, -- schrien Hallelujas und Zoten zugleich zum Himmel empor, -- fanatische Sektierermönche mit entblößtem Oberkörper geißelten sich unter grausigen hysterischen Lachkrämpfen die Rücken blutig, -- da und dort brachen Fallsüchtige mit schrillem Schrei zusammen und wälzten sich zuckend auf dem Pflaster; andere wieder -- Anhänger irgendeines hirnverbrannten Glaubensbekenntnisses -- »demütigten sich vor dem Herrn«, indem sie sich zusammen kauerten und, von einer barhäuptigen, ergriffen zuschauenden Menge umstanden, wie Frösche umherhüpften und dazu quakten: »O du mein herzallerliebstes Jesulein, erbarme dich unser!«
* * * * *
Von Schauder und Ekel ergriffen irrte Hauberrisser durch alle möglichen winkligen Gassen, immer von neuem durch Volksmassen aus seiner Richtung vertrieben, bis er schließlich keinen Schritt mehr weiter tun konnte und sich, wie eingekeilt, vor das schädelartige Haus in der Jodenbreestraat gedrängt sah.
Der Vexiersalon war mit Rolläden verschlossen und die Tafel entfernt; dicht davor stand ein vergoldetes Holzgerüst und oben drauf, auf einem Thronsessel, mit einem Hermelinmantel bekleidet und ein brillantstrotzendes Diadem wie einen Heiligenschein um die Stirn, saß der »Professor« Zitter Arpád, warf Kupfermünzen mit seinem Bildnis unter die ekstatisch verzückte Menge und hielt mit hallender Stimme eine infolge des ununterbrochenen Hosiannageschreies kaum verständliche Ansprache, in der sich beständig wie ein blutdürstiger Hetzruf die Worte wiederholten: »Werft die Huren ins Feuer und bringt mir ihr sündiges Gold!«
Mit größter Mühe gelang es Hauberrisser, sich nach und nach bis zu einer Häuserecke durchzuarbeiten.
Er wollte sich eben orientieren, da faßte ihn jemand am Arm und zog ihn in einen Tordurchlaß. Er erkannte Pfeill.
Sie waren beide mit ähnlichen Absichten in die Stadt gekommen, wie sie aus ihren gegenseitigen Zurufen über die Köpfe des Gedränges hinweg, das sie gleich darauf wieder auseinander gerissen hatte, entnahmen.
»Komm zu Swammerdam!« schrie Pfeill.
An ein Stehenbleiben war nicht zu denken; selbst die kleinsten Höfe und Winkelgäßchen waren überflutet von Menschen, und wenn die beiden Freunde zuweilen ein paar Schritt weit eine Lücke in dem Gewimmel erblickten, die ihnen gestattete, nebeneinander zu gehen, mußten sie eiligst die Gelegenheit benützen, um vorwärts zu laufen, so daß sie sich nur mit hastigen Worten verständigen konnten.
»Ein grauenhaftes Scheusal -- dieser Zitter!« -- erzählte Pfeill in Absätzen, bald vor, bald hinter, bald neben Hauberrisser, bald wieder durch Menschenmauern von ihm getrennt. »Die Polizei funktioniert nicht mehr und kann ihm das Handwerk nicht legen. -- Und die Miliz schon lange nicht. -- Er gibt sich für den Propheten Elias aus, und die Leute glauben ihm und beten ihn an. -- -- Neulich hat er im Zirkus Carré ein entsetzliches Blutbad angerichtet. -- -- Sie haben den Zirkus gestürmt -- und fremde, vornehme Damen -- Halbweltlerinnen natürlich -- hineingeschleppt und die Tiger auf sie losgelassen. -- -- Er hat den Zäsarenwahnsinn. -- -- Wie Nero. -- -- -- Zuerst hat er die Rukstinat geheiratet und dann die Ärmste, um zu ihrem Geld zu kommen, ver -- -- --«
»Vergiftet« -- verstand Hauberrisser undeutlich: eine Prozession dumpf singender, vermummter Gestalten, weiße, spitzige Kapuzen über den Gesichtern wie Fehmrichter und Fackeln in den Händen, hatte Pfeill von ihm abgedrängt und ihr murmelnder, eintöniger Choral: »o sanctissima, o pi -- issima, dulcis virgo Maaa -- riii -- aaah« hatte die letzten Worte zur Hälfte verschlungen.
Pfeill tauchte wieder auf; sein Gesicht war geschwärzt von Fackelrauch: -- »Und dann hat er ihr Geld in den Pokerklubs verspielt. -- -- Dann war er monatelang spiritistisches Geistermedium. -- -- Hat einen Riesenzulauf gehabt. -- -- Ganz Amsterdam war bei ihm.«
»Was macht Sephardi?« rief Hauberrisser hinüber.
»Ist seit drei Wochen in Brasilien! Ich soll dich vielmals von ihm grüßen. -- -- -- Er war gänzlich verändert, schon ehe er abreiste. -- -- Ich weiß nicht allzuviel über ihn. -- -- Ich weiß nur: Der Mann mit dem grünen Gesicht ist ihm erschienen und hat ihm gesagt, er solle einen jüdischen Staat in Brasilien gründen, und: daß die Juden als einziges internationales Volk berufen seien, eine Sprache zu schaffen, die nach und nach allen Völkern der Erde als gemeinsames Verständigungsmittel dienen und sie dadurch einander näherbringen solle, -- -- -- ein modernes Hebräisch, vermute ich -- ich weiß nicht. -- -- Sephardi war seitdem wie über Nacht verwandelt. -- -- -- Er hätte jetzt eine Mission, hat er gesagt. -- -- -- Er scheint übrigens mit seinem zionistischen Staat drüben das Richtige getroffen zu haben. -- -- Fast alle Juden Hollands sind ihm nachgereist, und jetzt noch kommen zahllose aus allen möglichen Ländern, um nach dem Westen auszuwandern. -- -- Es ist das reinste Ameisengewimmel -- --«
Eine Truppe gesangbuchplärrender Weiber trennte sie für eine Weile. -- Hauberrisser hatte unwillkürlich, als Pfeill den Ausdruck »Ameisengewimmel« gebraucht, an das sonderbare Phänomen denken müssen, das er draußen vor der Stadt gesehen hatte. -- --
»In letzter Zeit war Sephardi viel mit einem gewissen Lazarus Eidotter, den ich inzwischen kennen gelernt habe, beisammen«; fuhr Pfeill fort -- »es ist ein alter Jude, eine Art Prophet, -- -- er ist jetzt fast beständig in einem Zustand von Entrückung -- -- alles, was er prophezeit, stimmt übrigens jedesmal. -- -- Neulich wieder hat er vorausgesagt, es käme eine schreckliche Katastrophe über Europa, damit eine neue Zeit vorbereitet werde. -- -- -- Er freut sich, sagt er, daß er dabei mit zu Grunde gehen darf, denn dann würde es ihm vergönnt sein, die vielen Toten, die hinübergehen, ins Reich der Fülle zu führen. -- -- Mit der Katastrophe hat er vielleicht nicht so unrecht. -- -- -- Du siehst ja, wie es hier zugeht. -- -- -- Amsterdam erwartet die Sintflut. -- -- -- Die ganze Menschheit ist toll geworden. -- -- Die Eisenbahnen sind längst eingestellt, sonst wäre ich schon mal zu dir in deine Arche Noah hinaus gekommen. -- Heute scheint der Gipfelpunkt des Aufruhrs zu sein. -- -- Ach, ich hätte dir ja so unendlich viel zu erzählen -- -- Gott, wenn nur nicht dieses ewige Gewühl um uns herum wäre, man kann ja kaum einen Satz zu Ende sprechen -- -- -- mir ist inzwischen auch unglaublich viel passiert -- -- --«
»Und Swammerdam? Wie geht es ihm?« überschrie Hauberrisser das Geheul einer Rotte auf den Knien rutschender Geißelbrüder.
»Er hat einen Boten zu mir geschickt,« rief Pfeill zurück, »ich solle augenblicklich zu ihm kommen und dich vorher holen gehen und mitbringen. -- -- Gut, daß wir uns auf dem Wege getroffen haben. -- -- -- Er zittert um uns, hat er mir sagen lassen; er glaubt, nur in seiner Nähe wären wir sicher. -- -- -- Er behauptet, sein inneres Wort hätte ihm einmal drei Dinge prophezeit, darunter sei die Voraussage gewesen: er werde die Nikolaskirche überleben. -- -- -- Daraus schließt er vermutlich, daß er gegen die bevorstehende Katastrophe gefeit sei, und will, daß wir bei ihm sind, um uns ebenfalls für die kommende neue Zeit zu erretten.«
Es waren die letzten Worte, die Hauberrisser verstand: ein plötzlich losbrechendes, ohrenbetäubendes Geschrei, von dem freien Platz ausgehend, dem sie zusteuerten, erschütterte die Luft und pflanzte sich, immer lauter und lauter anschwellend, in gellen Rufen: »Das neue Jerusalem ist am Himmel erschienen« -- »ein Wunder, ein Wunder!« -- »Gott sei uns gnädig« -- von Dachfenster zu Dachfenster über die Giebel hin fort bis in die entferntesten Winkel der Vorstädte.
Er konnte nur noch erkennen, daß Pfeill hastig den Mund bewegte, als brülle er ihm mit Aufgebot der ganzen Lungenkraft irgend etwas zu, dann fühlte er sich von dem wahnwitzig erregten Menschenstrom fast vom Boden gehoben, unwiderstehlich fortgerissen und in den Börseplatz hineingestoßen.
Die Menge stand dort so dicht zusammengequetscht, daß er, die Arme an den Leib gedrückt, kaum die Hände bewegen konnte. -- Aller Augen waren starr emporgekehrt.
Hoch oben am Himmel kreisten noch immer kämpfend die seltsamen Dunstgebilde wie geflügelte Riesenfische, aber darunter hatten sich schneegekrönte Wolkenberge aufgetürmt und mitten darin in einem Tal lag, von schrägen Sonnenstrahlen beleuchtet, die Luftspiegelung einer fremden, südlichen Stadt mit weißen flachen Dächern und maurischen Bogentoren.
Männer mit wallenden Burnussen und dunkeln stolzen Gesichtern schritten langsam durch die lehmfarbenen Straßen -- so nah und schreckhaft deutlich, daß man das Rollen ihrer Augen sehen konnte, wenn sie den Kopf wandten, um, wie es schien, auf das entsetzte Getümmel Amsterdams gleichmütig herabzublicken. -- -- Draußen vor den Wällen der Stadt breitete sich eine rötliche Wüste, deren Ränder in den Wolken verschwammen, und eine Kamelkarawane zog schemenhaft in die flimmernde Luft hinein.
Wohl eine Stunde lang blieb die Fata Morgana in zauberischer Farbenpracht am Himmel stehen, dann verblaßte sie allmählich, bis nur mehr ein hohes, schlankes Minarett, blendend weiß wie aus glitzerigem Zucker, übrig war, das eine Weile später plötzlich im Wolkennebel verschwand.
* * * * *
Erst spät nachmittags hatte Hauberrisser -- Zoll für Zoll von dem Menschenmeer an den Häusermauern entlang gespült -- Gelegenheit, über eine Grachtbrücke dem Getümmel zu entrinnen.
Zu Swammerdams Wohnung zu gelangen war gänzlich unausführbar, denn er hätte viele Straßen und abermals den Börseplatz überqueren müssen, und so beschloß er, in seine Einsiedelei zurückzukehren und einen günstigeren Tag abzuwarten. -- -- --
Bald nahmen ihn die totenstillen Wiesen des Polders wieder auf.
Der Raum unter dem Himmel war eine undurchdringliche, staubige Masse geworden.
Hauberrisser hörte das welke Gras unter seinen Füßen zischen, als er eilends dahinschritt, wie Rauschen des Blutes im Ohr, so tief war die Einsamkeit.
Hinter ihm lag das schwarze Amsterdam in der roten sinkenden Sonne wie ein ungeheurer brennender Pechklumpen.
Kein Hauch ringsum, die Deiche durchzogen von glühenden Streifen, nur hie und da ein tröpfelndes Plätschern, wenn ein Fisch aufsprang.
Als die Dämmerung herabsank, tauchten große, trübgraue Flächen aus der Erde und krochen über die Steppe wie ausgebreitete, wandelnde Tücher, -- er sah, daß es zahllose Scharen von Mäusen waren, die, aus ihren Löchern geschlüpft, pfeifend und aufgeregt durcheinander huschten.
Je mehr die Dunkelheit zunahm, desto unruhiger schien die Natur zu werden, trotzdem kein Halm sich regte.
Die moorbraun gewordenen Wasser bekamen zuweilen kleine kreisrunde Krater, ohne daß auch nur ein Lufthauch sie getroffen hätte, oder schlugen, wie unter unsichtbaren Steinwürfen, vereinzelte, spitzige Wellenkegel, die gleich darauf wieder spurlos verschwanden.
Schon konnte Hauberrisser von weitem die kahle Pappel vor seinem Haus unterscheiden, da wuchsen plötzlich, bis zum Himmel ragend, weißliche säulenartige Gebilde aus dem Boden und stellten sich zwischen die Silhouette des Baumes und seinen Blick.
Geisterhaft und lautlos kamen sie auf ihn zu, schwarze, breite Spuren unter dem ausgerissenen Gras hinterlassend, wo sie gegangen waren: Windhosen, die der Stadt zu wanderten.
Ohne das leiseste Geräusch zu verursachen, zogen sie an ihm vorbei: stumme, tückische, totbringende Gespenster der Atmosphäre.
* * * * *
Schweißgebadet betrat Hauberrisser das Haus.
Die Gärtnersfrau des nahen Friedhofs, die ihn bediente, hatte ihm sein Essen auf den Tisch gestellt; er konnte vor Aufregung keinen Bissen anrühren.
Voll Unruhe warf er sich angezogen aufs Bett und wartete schlaflos auf den kommenden Tag.
Schluß
Mit unerträglicher Langsamkeit schlichen die Stunden, und die Nacht schien kein Ende nehmen zu wollen.
Endlich ging die Sonne auf, trotzdem blieb der Himmel tiefschwarz, nur ringsum am Horizont glomm ein greller, schwefelgelber Streifen, als habe sich eine dunkle Halbkugel mit glühendem Rand auf die Erde herabgesenkt.
Ein glanzloses Zwielicht irrte durch den Raum; die Pappel vor dem Fenster, die Sträucher in der Ferne und die Türme Amsterdams waren wie von trüben Scheinwerfern matt erhellt. Darunter lag die Ebene mit ihren Wiesen gleich einem großen erblindeten Spiegel.
Hauberrisser blickte mit seinem Feldstecher hinüber auf die Stadt, die sich -- ein in Angst erstarrtes Bild -- fahlbeleuchtet von dem schattenhaften Hintergrund abhob und jeden Augenblick den Todesstreich zu erwarten schien.
Banges, atemloses Glockenläuten zitterte in Wellen bis weit ins Land hinein, -- plötzlich verstummte es jäh: ein dumpfes Brausen ging durch die Luft und die Pappel beugte sich ächzend zur Erde nieder.
Windstöße fegten mit Peitschenhieben über den Boden hin, das welke Gras kämmend, und rissen die spärlichen, niedrigen Sträucher aus den Wurzeln.
Nach wenigen Minuten war die Landschaft in einer ungeheuern Staubwolke verschwunden, -- dann tauchte sie wieder auf, kaum mehr zu erkennen: die Deiche weißer Gischt; Windmühlenflügel -- abgerissen von ihren Leibern, die, in stumpfe Rümpfe verwandelt, in der braunen Erde hockten -- quirlten hoch in den Lüften.
In immer kürzern und kürzern Pausen heulte der Sturm über die Steppe, bis bald nur mehr ein ununterbrochenes Gebrüll zu hören war.
Von Sekunde zu Sekunde verdoppelte sich seine Wut; die zähe Pappel war wenige Fuß hoch über dem Boden fast rechtwinklig abgebogen, -- ohne Äste, kaum mehr als ein glatter Stamm, und blieb, niedergehalten von der Wucht der über sie hinwegrasenden Luftmassen, unbeweglich in dieser Stellung.
Nur der Apfelbaum stand regungslos wie in einer von unsichtbarer Hand vor dem Winde beschirmten Insel, und nicht eine einzige seiner Blüten rührte sich.
Balken und Steine, Häusertrümmer und ganze Mauern, Sparrenwerk und Erdklumpen flogen unablässig -- ein nicht endenwollender Schauer von Wurfgeschossen -- am Fenster vorüber.
Dann wurde der Himmel plötzlich hellgrau und die Finsternis löste sich in kaltes, silbriges Glitzern auf.
Hauberrisser glaubte schon, die Wut des Orkans wolle nachlassen, da sah er mit Grauen, daß die Rinde der Pappel sich abschälte und, zu fasrigen Fetzen geworden, spurlos verschwand. -- Gleich darauf, noch ehe er recht erfassen konnte, was geschah, brachen die hohen, ragenden Fabrikschornsteine im Südwesten des Hafens glatt an der Wurzel ab und verwandelten sich in dünne, fliehende Lanzen aus weißem Staub, die der Sturm mit Blitzesschnelle davontrug.
Kirchturm auf Kirchturm folgte, -- Sekundenlang noch schwärzliche Klumpen, von Taifunwirbeln hoch emporgerissen, dann zu jagenden Streifen am Horizont geworden -- dann Punkte -- und nichts mehr.
Bald war die ganze Gegend nur noch ein mit wagrechten Linien schraffiertes Bild vor dem Fenster, so rasend geschwind und für den Blick nicht mehr zu unterscheiden folgten die vom Sturm losgerissenen Grasbüschel einander.
Sogar der Friedhof mußte bereits unterwühlt und bloßgelegt worden sein, denn Leichensteine, Bretter von Särgen, Kreuze und eiserne Grablaternen flogen am Hause vorüber, -- ohne die Richtung zu ändern, ohne sich zu heben oder zu senken, immer gleich wagrecht, als hätten sie kein Gewicht.
Hauberrisser hörte das Gebälk im Dachstuhl stöhnen -- jeden Moment erwartete er, es werde in Trümmer gehen; er wollte hinunterlaufen, um das Haustor zu verriegeln, damit es nicht aus den Angeln gehoben würde, -- an der Stubentür kehrte er um: von einer innern Stimme gewarnt, begriff er, daß, wenn er jetzt die Klinke niederdrückte, die entstehende Zugluft die Fensterscheiben zertrümmern, die an den Mauern entlang fegenden Sturmgewalten einlassen und in einem Augenblick das ganze Haus in einen Schuttwirbel verwandeln mußte.
Nur solange es der Hügel vor dem Anprall des Orkans schützte und die Stuben durch die verschlossenen Türen wie in Bienenzellen abgeteilt blieben, konnte es der Vernichtung trotzen.
Die Luft im Zimmer war eiskalt und dünn geworden wie unter einem Vakuum; ein Blatt Papier flatterte vom Schreibtisch, preßte sich ans Schlüsselloch und blieb angesaugt daran haften.
Hauberrisser trat wieder zum Fenster und blickte hinaus: Der Sturm war zu einem reißenden Strom angeschwollen und blies das Wasser aus den Deichen, daß es wie ein Sprühregen in der Luft zerstäubte; die Wiesen glichen glattgewalztem, grauglänzendem Samt und da, wo die Pappel gestanden hatte, stak nur mehr ein Stumpf mit wehendem, faserigem Schopf.
Das Brausen war so gleichförmig und betäubend, daß Hauberrisser allmählich zu glauben anfing, alles ringsum sei in Totenstille gehüllt.
Erst, als er einen Hammer nahm, um mit Nägeln den zitternden Fensterladen zu befestigen, damit er nicht eingedrückt würde, merkte er an der Lautlosigkeit seiner Schläge, wie furchtbar draußen das Getöse sein mußte.
Lange wagte er nicht, den Blick nach der Stadt zu wenden, aus Furcht, die Nikolaskirche mitsamt dem dicht daneben befindlichen Haus am Zee Dyk, in dem sich Swammerdam und Pfeill befanden, könnte weggeweht sein, -- dann, als er zögernd und voll Angst hinschaute, sah er, daß sie wohl noch unversehrt zum Himmel ragte, aber aus einer Insel von Schutt: -- fast das ganze übrige Giebelmeer war ein einziger flacher Trümmerhaufen.
»Wieviel Städte mögen heute wohl noch in Europa stehen?« fragte er sich schaudernd. »Ganz Amsterdam ist abgeschliffen wie ein mürber Stein. Eine morschgewordene Kultur ist in stiebenden Kehricht aufgegangen.«
Mit einemmal packte ihn die Furchtbarkeit des Geschehnisses in ihrer ganzen Größe.
Die Eindrücke des gestrigen Tages, die darauf folgende Erschöpfung und das plötzliche Hereinbrechen der Katastrophe hatten ihn in einer ununterbrochenen Betäubung erhalten, die jetzt erst von ihm wich und ihn wieder zu klarem Bewußtsein kommen ließ.
Er griff sich an die Stirne. -- »Habe ich denn geschlafen?«
Sein Blick fiel auf den Apfelbaum, der, wie durch ein unbegreifliches Wunder, in vollem unversehrtem Blütenschmuck prangte.
An seiner Wurzel hatte er gestern die Rolle vergraben, erinnerte er sich, und es kam ihm vor, als wäre in der kurzen Spanne Zeit inzwischen eine Ewigkeit verflossen.
Hatte er nicht selbst geschrieben, er besäße die Fähigkeit, sich von seinem Körper loszulösen?
Warum hatte er es denn nicht getan? Gestern, die Nacht über, heute morgen, als der Sturm losbrach?
Warum tat er es jetzt nicht?
Einen Augenblick lang glückte es ihm wieder: er sah seinen Körper als schattenhaftes, fremdes Geschöpf am Fenster lehnen, aber die Welt draußen, trotz ihrer Verwüstung, war nicht mehr ein gespenstisches, totes Bild wie früher in solchen Zuständen: eine neue Erde, durchzittert von Lebendigkeit, breitete sich vor ihm aus -- ein Frühling voll Herrlichkeit, wie sichtbar gewordene Zukunft, schwebte darüber -- das Vorgefühl eines namenlosen Entzückens durchbebte seine Brust; alles ringsum schien sich in einer Vision zu bleibender Deutlichkeit verwandeln zu wollen; -- -- der blühende Apfelbaum, war er nicht Chidher, der ewig »grünende« Baum?!
Im nächsten Moment war Hauberrisser wieder mit seinem Körper vereinigt und sah in den heulenden Sturm hinein, aber er wußte, daß sich hinter dem Bild der Zerstörung das neue verheißungsvolle Land verbarg, das er soeben mit den Augen seiner Seele geschaut hatte.
Das Herz klopfte ihm vor wilder, freudiger Erwartung: er fühlte, daß er auf der Schwelle zum letzten, höchsten Erwachen stand -- daß der Phönix in ihm die Schwingen hob zum Flug in den Äther. Er fühlte die Nähe eines weit über alle irdische Erfahrung hinausreichenden Geschehnisses so deutlich, daß er vor innerer Ergriffenheit kaum zu atmen wagte, -- es war fast wie damals im Park von Hilversum, als er Eva geküßt hatte: dasselbe eisige Fittichwehen des Todesengels, aber jetzt zog sich gleich einem Blütenhauch die Vorahnung eines kommenden unzerstörbaren Lebens hindurch; -- die Worte Chidhers: »Ich werde dir um Evas willen die nimmerendende Liebe geben« drangen an sein Ohr, als riefe sie der blühende Apfelbaum herüber.
Er gedachte der zahllosen Toten, die unter den Trümmern der verwehten Stadt dort drüben verschüttet lagen: er konnte keine Trauer empfinden; -- »sie werden wieder auferstehen, wenn auch in veränderter Form, bis sie die letzte und höchste Form, die Form des 'erwachten Menschen' gefunden haben, der nicht mehr stirbt. -- Auch die Natur wird immer wieder jung wie der Phönix.«
Eine plötzliche Erregung ergriff ihn so gewaltig, daß er glaubte, ersticken zu müssen: stand nicht Eva dicht neben ihm?
Ein Atemhauch hatte sein Gesicht gestreift.
Wessen Herz schlug so nahe bei seinem, wenn nicht das ihre!?
Neue Sinne, fühlte er, wollten in ihm aufbrechen und ihm die unsichtbare Welt, die die irdische durchdringt, erschließen. Jede Sekunde konnte die letzte Binde, die sie ihm noch verhüllte, von seinen Augen fallen.
»Gib mir ein Zeichen, daß du bei mir bist, Eva!« -- flehte er leise. »Laß meinen Glauben, daß du zu mir kommst, nicht zu Schanden werden.«
»Was wäre das für eine armselige Liebe, die nicht Raum und Zeit überwinden könnte,« -- hörte er ihre Stimme flüstern, und das Haar sträubte sich ihm im Übermaß seelischer Erschütterung. »Hier in diesem Zimmer bin ich genesen von den Schrecknissen der Erde und hier warte ich bei dir, bis die Stunde deiner Erweckung gekommen ist.«
Eine stille friedvolle Ruhe senkte sich über ihn; er blickte umher: auch in der Stube dasselbe freudige, geduldige Warten wie verhaltener Frühlingsruf, -- alle Gegenstände dicht vor dem Wunder einer unbegreiflichen Verwandlung.
Sein Herz schlug laut.
Der Raum, die Wände und Dinge, die ihn umgaben, waren nur äußere, täuschende Formen für seine irdischen Augen, fühlte er, -- sie ragten herein in die Welt der Körper wie Schatten aus einem unsichtbaren Reich, -- jede Minute konnte sich ihm die Pforte auftun, hinter der das Land der Unsterblichen lag.
Er versuchte, sich auszumalen, wie es sein müßte, wenn seine innern Sinne erwacht sein würden. -- »Wird Eva bei mir sein, werde ich zu ihr gehen und sie sehen und mit ihr sprechen -- so, wie die Wesen dieser Erde einander begegnen? -- Oder werden wir zu Farben, zu Tönen, -- ohne Gestalt -- die sich vermischen? Umgeben uns dann Dinge wie hier, -- schweben wir als Lichtstrahlen durch den unendlichen Weltenraum, oder verwandelt sich das Reich des Stoffes mit uns und wir verwandeln uns in ihm?« -- Er erriet, daß es ein ähnlicher, ganz natürlicher und doch vollkommen neuer, ihm jetzt noch unfaßbarer Vorgang sein würde, wie vielleicht das Entstehen der Windhosen, die er gestern aus dem Nichts -- aus der Luft heraus zu greifbaren, mit allen Sinnen des Leibes wahrnehmbaren Formen sich hatte bilden sehen, -- aber dennoch konnte er sich keine klare Vorstellung davon machen.
Das Vorgefühl eines so unsagbaren Entzückens durchzitterte ihn, daß er genau wußte: die Wirklichkeit des wunderbaren Erlebnisses, das ihm bevorstand, mußte alles, was er sich auszumalen imstande sei, weit übertreffen.
* * * * *
Die Zeit verrann.