Part 15
Sephardi begriff jetzt halb und halb, wie es zu dem Geständnis vor Gericht gekommen war.
»Und Ihre tägliche Beschäftigung? Wie sind Sie imstande, ihr nachzugehen?«
Eidotter deutete wieder auf den Ärmel. -- »Das Kleid schützt Sie vor der Näss', wenn's regnet, und vor der Hitz, wenn die Sonn' scheint. Ob Sie sich darum sorgen oder nicht: -- das Kleid macht's von selber. -- Mein Körper kümmert sich um das Geschäft, nur weiß ich nichts mehr davon wie früher. Hat doch schon Rabbi Simon ben Eleasar gesagt: 'Hast du je einen Vogel ein Handwerk treiben gesehen? -- und doch ernährt er sich ohne Müh' -- und ich sollt mich nicht ohne Müh' ernähren?' -- -- Natürlich, wenn die Makifim nicht in mir umgestellt wären, könnt ich mein Körper nicht allein lassen und wär an ihn angenagelt.«
Sephardi, durch die klare Rede aufmerksam gemacht, warf einen prüfenden Blick auf den alten Mann und sah, daß er sich anscheinend in nichts mehr von einem normalen russischen Juden unterschied: er gestikulierte beim Sprechen mit den Händen, und seine Stimme hatte etwas Eindringliches bekommen. Die so überaus verschiedenen Geisteszustände waren lückenlos ineinander übergegangen.
»Freilich, aus eigner Kraft kann der Mensch so was nicht vollbringen,« -- fuhr Eidotter versonnen fort, -- »da hilft alles studieren nix und ka Gebet und auch die Mikwaôth -- die Tauchbäder -- sind umsonst. Wenn nicht einer von drüben die Lichter in einem umstellt -- wir können's nicht.«
»Und Sie glauben, es ist einer von 'drüben' gewesen, der es in Ihnen vollbracht hat?«
»Nu ja: Elias, der Prophet, wie ich Ihnen schon gesagt hab. Wie er eines Tags is in unser Zimmer gekommen, da hab' ich schon vorher an seinem Schritt gehört: Er is es. -- Früher, wenn ich mir gedenkt hab', es könnte sein, daß er einmal unser Gast is, -- Sie wissen doch, Herr Dokter, wir Chassidim hoffen beständig auf ihm -- da hab' ich immer gemeint, ich müßt zittern an allen Gliedern, wenn er vor mir steht. Aber es war ganz natürlich; so, als wenn ä ganz gewöhnlicher Jud zur Tür herein tritt. Nicht emol das Herz hat mir schneller geschlagen. Blos zweifeln hab ich nicht daran können, daß er's is, so viel ich mir auch angestrengt hab. -- Wie ich ihn dann nicht mehr aus den Augen gelassen hab', is mir sei' Gesicht immer bekännter und bekännter vorgekommen und ich hab' plötzlich gewußt, _daß nicht ä einzige Nacht in meinem Leben gewesen is, wo ich ihn nicht im Traum gesehen hätt_'. Und wie ich weiter und weiter in meinem Gedächtnis zurückgegangen bin (denn ich hätt' doch gern herausgebracht, wann ich ihm zum allererstenmal begegnet bin), -- da is meine ganze Jugend an mir vorüber gezogen: ich hab' mich als kleines Kind gesehen und dann noch viel früher, in äm frieheren Leben, als ä erwachsener Mensch, von dem ich vorher gar nicht geahnt hab', daß ich's gewest bin, und dann wieder als Kind und so fort und so fort, -- aber jedesmal war Er bei mir und immer war er gleich alt und hat genau so ausgesehen, wie der fremde Gast am Tisch. -- Ich hab' natierlich scharf aufgepaßt auf jede von seine Bewegungen und auf alles, was er machen wird; -- wenn ich nicht gewußt hätt', es is Elias, wär mir auch dran nichts besonders aufgefallen, aber so hab' ich gespürt, daß alles, was er getan hat, ä tiefe Bedeutung gekriegt hat. Dann, wie er im Gespräch die zwei Leuchter am Tisch miteinander vertauscht hat, is es mir ganz deutlich geworden und ich hab' gefühlt, daß er _in mir_ die Lichter umstellt, und ich bin von da an ä anderer Mensch gewest, -- meschugge, wie mer in der Gemeinde gesagt hat. -- Zu was für än Zweck Er die Lichter in mir umgestellt hat, das habe ich später gewußt, als meine Familie is geschlachtet geworden. -- Auf was herauf Berurje geglaubt hat, daß er Chidher Grün heißt, wollen Sie wissen, Herr Dokter? -- Sie hat behauptet, er hätt's ihr gesagt.«
»Ist er Ihnen später nie mehr begegnet? Sie erwähnten doch, er hätte Sie in der Mercaba unterrichtet,« -- fragte Sephardi -- »ich meine damit: in dem geheimen zweiten Gesetz Mosis?«
»Begegnet?« wiederholte Eidotter und strich sich über die Stirn, als müsse er sich erst langsam klar werden, was man von ihm wolle. »Begegnet? -- Wo er einmal bei mir war, wie hätt' er denn wieder fortgehen sollen? Er is doch immer bei mir.«
»Und Sie sehen ihn beständig?«
»Ich seh' ihn überhaupt nicht.«
»Aber Sie sagen, er sei immerwährend bei Ihnen. -- Wie soll ich das verstehen?«
Eidotter zuckte die Achseln. »Mit dem Verstand läßt sich das nicht begreifen, Herr Dokter.«
»Können Sie es mir nicht an einem Beispiel erklären? Redet Elias zu Ihnen, wenn er Sie unterweist, oder wie ist das?«
Eidotter lächelte. -- »Wenn Sie sich freuen, ist da die Freude bei Ihnen? Ja. Natierlich. Aber Sie können die Freude doch nicht anschauen und nicht hören. -- So is es.«
Sephardi schwieg. Er sah ein, daß sich eine geistige Kluft des Verständnisses zwischen ihm und dem Alten auftat, die sich nicht überbrücken ließ. Wohl deckte sich, wenn er es ausspann, vieles, was er soeben von Eidotter gehört hatte, mit seinen eignen Theorien über die innere Weiterentwicklung der menschlichen Rasse; -- er selber hatte immer der Ansicht zugeneigt und es auch ausgesprochen, -- gestern erst in Hilversum -- daß der Weg dazu in den Religionen und im Glauben an sie läge, aber jetzt, wo er an dem Greis ein lebendiges Beispiel vor sich sah, fühlte er sich durch die Wirklichkeit überrascht und enttäuscht zugleich. Er mußte sich eingestehen, daß Eidotter dadurch, daß er dem Schmerz nicht mehr unterlag, unendlich viel reicher war als alle seine Mitgeschöpfe, -- er beneidete ihn um seine Fähigkeit und dennoch hätte er nicht mit ihm tauschen mögen.
Ein Zweifel wandelte ihn an, ob das, was er gestern in Hilversum in bezug auf den Weg der Schwäche und des Wartens auf eine Erlösung verfochten, letzten Endes auch richtig sei.
Er hatte sein Leben, umgeben mit einem Luxus, von dem er keinen Gebrauch gemacht, einsam, abgeschlossen von den Menschen und in Studien aller Art zugebracht, -- jetzt schien es ihm, als hätte er dabei so manches übersehen und das Wichtigste versäumt.
Hatte er sich in Wahrheit nach Elias und seinem Kommen gesehnt, so wie dieser arme, russische Jude? Nein; er hatte sich nur eingebildet, er sehne sich, und war sich durch _Lesen_ darüber klar geworden, daß es für die Erweckung eines inneren Lebens nötig sei, sich zu sehnen. Jetzt stand _einer_ leibhaftig vor ihm, der die Erfüllung seiner Sehnsucht erlebt hatte, und er, der große Bücherweise, Sephardi, mußte sich sagen: ich möchte nicht mit ihm tauschen.
Tief beschämt, nahm er sich vor, bei der nächsten Gelegenheit Hauberrisser, Eva und Baron Pfeill zu erklären, daß er in Wirklichkeit so gut wie nichts wisse -- daß er unterschreiben müsse, was ein jüdischer Schnapshändler, der seiner Sinne nicht mächtig war, über geistige Erlebnisse gesagt hatte: »Mit dem Verstand läßt sich das nicht begreifen.«
»Es is wie ä Hiniebergehen ins Reich der Fülle« -- fuhr Eidotter nach einer Pause fort, während der er selig vor sich hingelächelt hatte, -- »es is kei' Herieberkommen, wie ich früher immer geglaubt hab'. Aber es is ja alles falsch, was ä Mensch glaubt, solang die Lichter in ihm noch nicht umgestellt sind, -- so grundfalsch, daß mer's gar nicht erfassen kann. Mer hofft, daß Elias kommt, und dann, wenn er kommt und er is da, sieht mer, daß er gar nicht gekommen is, sondern: daß mer zu ihm gegangen is. Mer glaubt, mer nimmt, statt dessen gibt man. Man glaubt, mer bleibt stehn und wartet, statt dessen geht mer und sucht. Der Mensch wandert und Gott bleibt stehen. -- Elias is in unser Haus gekommen -- hat ihn Berurje erkannt? Sie is nicht zu ihm gekommen, also is auch er nicht zu ihr gekommen und sie hat gemeint, es is ä fremder Jud, der Chidher Grün heißt.«
Sephardi blickte bewegt in die strahlenden Kinderaugen des Alten. »Ich verstehe jetzt sehr wohl, wie Sie es meinen, wenn ich's auch mit dem Gefühl nicht mitzuerleben vermag, -- und ich danke Ihnen. -- Ich wollte, ich könnte etwas für Sie tun. -- Sie frei zu bekommen, kann ich Ihnen bestimmt versprechen; es wird nicht schwer sein, Doktor Debrouwer zu überzeugen, daß Ihr Geständnis mit dem Morde nichts zu tun hat. -- Allerdings,« -- setzte er mehr für sich hinzu -- »weiß ich augenblicklich noch nicht, wie ich ihm den Fall erklären soll.«
»Darf ich Ihnen um ä Gefälligkeit bitten, Herr Dokter?« -- unterbrach Eidotter.
»Selbstverständlich. Natürlich.«
»Dann sagen Sie dem da draußen gar nix. Soll er glauben, ich war's; so wie ich es selbst geglaubt hab'. Ich möcht' nicht schuld sein, daß mer den Mörder findt. Ich weiß jetzt auch, wer's is. Ihnen gesagt: es war ä Schwarzer.«
»Ein Neger? Woher wissen Sie das mit einemmal?« rief Sephardi verblüfft und einen Augenblick von Mißtrauen erfüllt.
»Das is so,« erklärte Eidotter gelassen: »Wenn ich im traumlosen Schlaf ganz mit Elias vereinigt war und komm zurück so halb in's Leben in mein Spiritusladen, und es is inzwischen was passiert, so glaub' ich oft, ich bin dabei gewest und hab' mitgemacht. Wenn zum Beispiel jemand ä Kind geschlagen hat, glaub ich, daß _ich's_ geschlagen hab', und muß hingehen und es trösten; wenn jemand vergessen hat, sein' Hund zu füttern, glaub ich, _ich_ hab's vergessen und muß ihm sei' Fressen bringen. Nachher, wenn ich zufällig erfahr', daß ich mich geirrt hab', brauch ich bloß für än Augenblick wieder ganz zu Elias zu gehen und gleich wieder zurück zu kümmen, dann weiß ich sofort, wie's in Wirklichkeit gewest is. Ich mach sowas selten, weil's kan Zweck hat und schon das halbete Weggehen von Elias so is, als ob mer blind wird, aber vorhin, wie Sie ä so lang nachgedenkt haben, Herr Dokter, hab' ich's doch gemacht und da hab' ich gesehen, daß es ä Schwarzer war, der wo mein Freund Klinkherbogk umgebracht hat.«
»Wie -- wie haben Sie _gesehen_, daß es ein Neger war?«
»Nu, ich bin wieder im Geist auf der Kette 'eraufgeklettert, blos hab' ich mich diesmal angeschaut und da hab' ich schon äußerlich gesehen: ich bin ä Schwarzer mit än roten Lederstrick um en Hals, kane Stiebeln an und en blauen Leinwandanzug. Und wie ich mich innerlich angeschaut hab', hab' ich schon gar gewußt, ich bin ä Wilder.«
»Das sollte man aber wirklich Dr. Debrouwer melden,« rief Sephardi und stand auf.
Eidotter hielt ihn am Ärmel fest: »Sie haben mir versprochen, zu schweigen, Herr Dokter! Um Elias willen darf ka Blut nicht fließen. Die Rache is mein. Und dann --« -- das freundliche Greisengesicht bekam plötzlich etwas drohend Fanatisches, Prophetenhaftes -- »und dann is der Mörder aner von ünsere Leut! -- Nicht ä Jud, wie Sie jetzt wieder meinen --« erklärte er, als er Sephardis verdutzte Miene bemerkte, -- »aber doch aner von unsere Leut! Ich hab's erkannt, wie ich ihn soeben innerlich angeschaut hab. -- Daß er ä Mörder is?! -- Wer soll richten? Wir? Sie und ich? Die Rache is mein. Er is ä Wilder und hat sein Glauben; Gott soll hüten, daß viele so än gräßlichen Glauben haben wie er, aber sei Glauben is echt und lebendig. Das sind unsere Leut', die wo än Glauben haben, der im Feuer Gottes nicht schmilzt, -- der Swammerdam, der Klinkherbogk und der Schwarze auch. Was is Jud, was is Christ, was is ä Heide? Ä Name für die, wo ä Religion haben statt än Glauben. Und darum -- verbiet' ich Ihnen, daß Sie sagen, was Sie jetzt über den Schwarzen wissen! -- Wann es sein soll, daß ich für ihm den Tod erleid', dürfen Sie mir so ä Geschenk wegnehmen?«
* * * * *
Erschüttert trat Sephardi seinen Heimweg an.
Es ging ihm nicht aus dem Kopf, wie seltsam es war, daß Dr. Debrouwer im Grunde genommen von seinem Standpunkt aus gar nicht so unrecht gehabt hatte, als er läppischer Weise sagte, Eidotter sei im Komplott und wolle durch sein Geständnis Zeit für den wirklichen Mörder gewinnen. Jede einzelne Behauptung stimmte, und es war der _nackte_ Sachverhalt, und dennoch hätte Debrouwer nichts Unrichtigeres annehmen und mehr im Irrtum sein können.
Jetzt erst begriff Sephardi in voller Klarheit die Worte Eidotters: »Alles, was ein Mensch glaubt, solang die Lichter in ihm noch nicht umgestellt sind, ist falsch und wenn's noch so richtig ist -- es ist so grundfalsch, daß man es gar nicht erfassen kann. Man glaubt, man nimmt, statt dessen gibt man; man glaubt man bleibt stehen und wartet, statt dessen geht man und sucht.«
Elftes Kapitel
Woche um Woche verging, aber Eva blieb verschollen. Baron Pfeill und Dr. Sephardi hatten entsetzt von Hauberrisser die Schreckensbotschaft vernommen und alles nur Denkbare aufgeboten, die Verschwundene zu finden; an jeder Straßenecke klebten Aufrufe und Steckbriefe, und bald war der Fall Tagesgespräch geworden unter Einheimischen und Fremden.
In der Wohnung Hauberrissers war ein ewiges Kommen und Gehen, die Leute drängten sich vor dem Hause, einer gab dem andern die Türklinke in die Hand und jeder wollte irgendeinen Gegenstand gefunden haben, von dem sich vermuten ließ, er gehöre der Vermißten, denn schon auf die kleinste Nachricht über Eva stand eine hohe Belohnung.
Wie Lauffeuer tauchten Gerüchte auf, man hätte sie da oder dort gesehen; anonyme Briefe mit dunklen, geheimnisvollen Andeutungen, von Verrückten oder Böswilligen geschrieben, verdächtigten Unschuldige, Eva verschleppt zu haben oder gefangen zu halten; Kartenschlägerinnen boten sich zu Dutzenden an; »Hellsehende«, von denen früher kein Mensch je etwas gehört, tauchten auf und prahlten mit Fähigkeiten, die sie nicht besaßen: -- die Massenseele einer Stadtbevölkerung, die bis dahin harmlos erschienen, offenbarte sich in all ihren niedrigen Instinkten von Habgier, Klatschsucht, Wichtigtuerei und verleumderischer Hinterlist.
Bisweilen trugen Schilderungen derart das Gepräge der Wahrhaftigkeit, daß Hauberrisser oft stundenlang, begleitet von einem Polizisten, auf den Beinen war, um in fremde Wohnungen einzudringen, von denen man ihm gesagt hatte, Eva hielte sich darin auf.
Hoffen und Enttäuschung warfen ihn hin und her wie einen Spielball.
Bald gab es keine kleine oder große Straße und keinen Platz mehr, in denen er nicht ein oder mehrere Häuser nach Eva, irregeleitet durch Hiobsbotschaften, von oben bis unten durchsucht hatte.
Es war, als räche sich die Stadt an ihm für seine frühere Gleichgültigkeit.
Des Nachts im Traum schrien hundert Gesichter von Menschen auf ihn ein, mit denen er tagsüber gesprochen hatte, und jedes wollte ihm etwas Neues berichten, bis sie in eine einzige molluskenhafte Grimasse verschwammen, als hätte sich ein Stoß durchsichtiger photographischer Porträts aufeinander gehäuft.
Wie Labsal in dieser Zeit der Trostlosigkeit berührte es ihn, daß jeden Morgen in aller Frühe Swammerdam bei ihm erschien. Wenn er auch stets mit leeren Händen kam und, gefragt, ob er über Eva etwas erfahren habe, den Kopf schütteln mußte, so gab doch seine unerschütterlich zuversichtliche Miene Hauberrisser jedesmal neue Kraft, den Wirrnissen des Tages entgegenzusehen.
Das Tagebuch wurde mit keinem Worte mehr erwähnt, und doch fühlte Hauberrisser, daß ihn der alte Schmetterlingssammler hauptsächlich in dieser Angelegenheit besuchte.
Eines Morgens aber konnte sich Swammerdam nicht länger zurückhalten.
»Erraten Sie noch immer nicht,« fragte er mit abgewandtem Gesicht, »daß eine Rotte fremder Gedanken feindselig auf Sie einstürmt und Ihnen jede Besinnung rauben will? -- Wenn es wild gewordene Wespen wären, die ihr Nest gegen Sie verteidigen wollten, wüßten Sie doch sofort, um was es sich handelt! -- Warum sind Sie gegenüber den Fliegenschwärmen des Schicksals nicht ebenso auf der Hut, wie Sie es bei wirklichen Wespen wären?«
Dann brach er schnell ab und ging hinaus.
Beschämt raffte sich Hauberrisser auf. Er schrieb einen Zettel des Inhalts, er sei verreist und man möge alle Mitteilungen, den Fall Eva van Druysen betreffend, nur mehr an die Polizei richten, und ließ ihn von seiner Wirtschafterin an das Haustor kleben.
Seine Ruhe kehrte jedoch damit nicht zurück; wohl zehnmal in der Stunde ertappte er sich auf dem Wunsche, hinunter zu gehen, um den Zettel wieder abzureißen.
Er nahm die Rolle vor und wollte sich zum Lesen zwingen, aber nach jeder Zeile wanderten seine Gedanken hinaus und suchten nach Eva, und wenn er seine Aufmerksamkeit auf das Papier bannen wollte, flüsterten sie ihm zu, es sei Narretei, in dem Geschreibsel nach abseits liegenden, rein theoretischen Fragen zu fahnden, wo jede Minute nach Taten schrie.
Schon wollte er das Heft wieder in den Schreibtisch sperren, da hatte er plötzlich und so deutlich das Gefühl, von einer unsichtbaren Macht überlistet worden zu sein, daß er einen Augenblick innehielt und nachsann. Es war mehr ein Lauschen als ein Sinnen.
»Was ist das für eine seltsame unheimliche Kraft,« fragte er sich, »die da so unschuldig tut und, um ihr Sondersein vor mir zu verbergen, sich als mein eigenstes Ich gebärdet und meinen Willen zum Gegenteil von dem mißbraucht, was ich mir kaum eine Minute früher fest vorgenommen habe? Ich will lesen und darf nicht?« -- Er blätterte in den Seiten und bei jedem Hindernis, das sich ihm bei dem Versuch, den Inhalt zu ordnen, entgegenstellte, meldeten sich die zudringlichen Gedanken von neuem: »laß es bleiben, du findest den Anfang nicht; es ist vergebliche Arbeit.« -- Aber er stand Wache vor der Türe seines Willens und ließ sie nicht hinein. Seine alte Gewohnheit, sich selbst zu beobachten, fing leise an, wieder in ihre Rechte zu treten.
»Wenn ich nur den Anfang fände!«, stöhnte wieder heuchlerisch eine Selbstbelügung in ihm auf, während er mechanisch die Seiten umschlug, aber diesmal gab ihm die Rolle selbst die richtige Antwort:
»Der Anfang« -- las er, an einer ixbeliebigen Stelle beginnend, und stutzte über den eigentümlichen Zufall, gerade auf dieses Wort gestoßen zu sein, -- »ist es, der dem Menschen fehlt.
Nicht, daß es so schwer wäre, ihn zu finden, -- nur die Einbildung, ihn _suchen_ zu müssen, ist das Hemmnis.
Das Leben ist gnädig; jeden Augenblick schenkt es uns einen Anfang. Jede Sekunde drängt uns die Frage auf: Wer bin ich? -- Wir stellen sie nicht; das ist der Grund, weshalb wir den Anfang nicht finden.
Wenn wir sie aber einmal im Ernste stellen, dann bricht auch schon der Tag an, dessen Abendrot für jene Gedanken den Tod bedeutet, die in den Herrschersaal eingedrungen sind und an der Tafel unserer Seele schmarotzen.
Das Korallenriff, das sie sich mit infusorienhaftem Fleiß im Lauf der Jahrtausende aufgebaut haben, und das wir »unsern Körper« nennen, ist ihr Werk und ihre Brut- und Heimstätte; wir müssen in dieses Riff aus Kalk und Leim zuerst eine Bresche legen und es dann wiederum in den Geist auflösen, der es von Anbeginn war, wenn wir freies Meer gewinnen wollen. -- -- Ich will dich späterhin lehren, wie du dir aus den Trümmern dieses Riffs ein neues Haus erbauen kannst.«
Hauberrisser legte das Tagebuch einen Augenblick aus der Hand und dachte nach. Ob, wie es schien, diese Seite die Abschrift oder der Entwurf eines Briefes war, den der Verfasser an irgend jemand gerichtet hatte, interessierte ihn weiter nicht; das »Du« hatte ihn gepackt, als gelte es ihm allein, und in diesem Sinne wollte er es von jetzt an auch auffassen.
Eines fiel ihm besonders auf: Was hier geschrieben stand, klang zuweilen beinah wie eine Rede, bald aus dem Munde Pfeills oder Sephardis, bald aus dem Swammerdams. Er verstand jetzt, daß sie alle drei von demselben Geist gefärbt waren, der aus dieser Tagebuchrolle wehte, -- daß der Strom der Zeit, um ihn den jetzt so hilflosen, weltmüden, kleinen Herrn Hauberrisser, zu einem wahren Menschen zu erziehen, fast Doppelfiguren aus ihnen machte. --
»Jetzt aber höre, was ich dir zu sagen habe:
Rüste dich für eine kommende Zeit!
Bald schlägt die Uhr der Welt die zwölfte Stunde; ihre Zahl auf dem Zifferblatt ist rot und in Blut getaucht. Daran kannst du sie erkennen.
Der neuen ersten Stunde geht ein Sturmwind voraus.
Sei wach, damit er dich nicht schlafend finde, denn die mit geschlossenen Augen hinübergehen in den heranbrechenden Tag, werden die Tiere bleiben, die sie waren, und nicht mehr zu erwecken sein.
Es gibt auch eine geistige Tag- und Nachtgleiche. Die neue erste Stunde, von der ich spreche, ist der Wendepunkt. In ihr gewinnt das Licht das Gleichgewicht gegenüber der Dunkelheit.
Ein Jahrtausend und länger noch haben die Menschen gelernt, das Gesetz der Natur zu durchschauen und sie sich dienstbar zu machen. Wohl denen, die den _Sinn_ dieser Arbeit erfaßt und begriffen haben, daß das Gesetz des Innern dasselbe wie das des Äußern ist nur um eine Oktave höher: sie sind zur Ernte berufen, -- die andern bleiben ackernde Knechte, das Antlitz zur Erde gebeugt.
Der Schlüssel zur Macht über die innere Natur ist verrostet seit der Sintflut. Er heißt: -- -- Wachsein.
Wachsein ist alles.
Von nichts ist der Mensch so fest überzeugt wie davon, daß er wach sei; dennoch ist er in Wirklichkeit in einem Netz gefangen, das er sich selbst aus Schlaf und Traum gewebt hat. Je dichter dieses Netz, desto mächtiger herrscht der Schlaf; die darein verstrickt sind, das sind die Schlafenden, die durchs Leben gehen wie Herdenvieh zur Schlachtbank, stumpf, gleichgültig und gedankenlos.
Die _Träumenden_ unter ihnen sehen durch die Maschen eine vergitterte Welt, -- sie erblicken nur irreführende Ausschnitte, richten ihr Handeln darnach ein und wissen nicht, daß diese Bilder bloß sinnloses Stückwerk eines gewaltigen Ganzen sind. Diese »Träumer« sind nicht, wie du vielleicht glaubst, die Phantasten und Dichter -- es sind die Regsamen, die Fleißigen, Ruhelosen der Erde, die vom Wahn des Tun's Zerfressenen; sie gleichen emsigen, häßlichen Käfern, die ein glattes Rohr emporklimmen, um von oben -- hineinzufallen.
Sie wähnen wach zu sein, aber das, was sie zu erleben glauben, ist in Wahrheit nur Traum, -- genau vorausbestimmt im kleinsten Punkt und unbeeinflußbar von ihrem Willen.
Einige unter den Menschen hat's gegeben und gibt es noch, die _wußten_ gar wohl, daß sie träumen, -- Pioniere, die bis zu den Bollwerken vorgedrungen sind, hinter denen sich das ewig wache Ich verbirgt, -- Seher wie Goethe, Schopenhauer und Kant, aber sie besaßen die Waffen nicht, um die Festung zu _erstürmen_ und ihr Kampfruf hat die Schläfer nicht erweckt.
Wach sein ist alles.
Der erste Schritt dazu ist so einfach, daß jedes Kind ihn tun kann; nur der Verbildete hat das Gehen verlernt und bleibt lahm auf beiden Füßen, weil er die Krücken nicht missen will, die er von seinen Vorfahren geerbt hat.
Wach sein ist alles.
Sei wach bei allem, was du tust! Glaub nicht, daß du's schon bist. Nein, du schläfst und träumst.
Stell dich fest hin, raff dich zusammen und zwing dich einen einzigen Augenblick nur zu dem körperdurchrieselnden Gefühl: 'jetzt bin ich wach!'
Gelingt es dir, das zu empfinden, so erkennst du auch sogleich, daß der Zustand, in dem du dich soeben noch befunden hast, dagegen wie Betäubung und Schlaftrunkenheit erscheint.
Das ist der erste zögernde Schritt zu einer langen, langen Wanderung von Knechttum zu Allmacht.
Auf diese Art geh' vorwärts von Aufwachen zu Aufwachen.
Es gibt keinen quälenden Gedanken, den du damit nicht bannen könntest; er bleibt zurück und kann nicht mehr zu dir empor; du reckst dich über ihn, so wie die Krone eines Baumes über die dürren Äste hinauswächst. --
Die Schmerzen fallen von dir ab wie welkes Laub, wenn du einmal so weit bist, daß jenes Wachsein auch deinen Körper ergreift.
Die eiskalten Tauchbäder der Juden und Brahmanen, die Nachtwachen der Jünger Buddha's und der christlichen Asketen, die Foltern der indischen Fakire, um nicht einzuschlafen, -- sie alle sind nichts anderes als erstarrte äußerliche Riten, die wie Säulentrümmer dem Suchenden verraten: Hier hat in grauer Vorzeit ein geheimnisvoller Tempel des Erwachenwollens gestanden.