Part 14
Es ist ein schweres Ding, dieses Erratenlernen, was wir tun sollen!
Im Anfang, wenn wir die ersten Versuche wagen, ist es wie ein unvernünftiges Tappen, und wir begehen da zuweilen Handlungen, die denen eines Verrückten gleichen und lange keinen Zusammenhang zu haben scheinen. Erst nach und nach bildet sich aus dem Chaos ein Gesicht, aus dessen Mienen wir den Willen des Schicksals lesen lernen können; im Beginn schneidet es Grimassen.
Aber es ist mit allen großen Dingen so; -- jede neue Erfindung, jeder neue Gedanke, der in die Welt hereinfällt, hat im Entstehen etwas Fratzenhaftes. Das erste Modell einer Flugmaschine war auch lange Zeit eine drachenähnliche Grimasse, bevor ein wirkliches Gesicht daraus wurde.«
»Sie wollten mir sagen, was Sie glauben, das ich tun solle,« bat Hauberrisser fast schüchtern. Er erriet, daß der alte Mann nur deshalb so weit abschweifte und vorbereitete, weil er fürchtete, sein Rat, dem er offenbar den größten Wert beimaß, könne, wenn zu schnell vorgebracht, nicht entsprechend gewürdigt werden und verloren gehen.
»Gewiß will ich das, Mynheer; ich mußte nur zuerst das Fundament legen, damit es Ihnen weniger befremdlich vorkomme, wenn ich Ihnen etwas zu tun empfehle, was wie ein Abbrechen und nicht wie ein Fortführen dessen, wozu es Sie jetzt treibt, aussieht. -- Ich weiß, -- und es ist sehr begreiflich und menschlich, -- daß Sie augenblicklich nur der Wunsch erfüllt, Eva zu suchen; aber dennoch ist das, was Sie tun _sollen_: diejenige magische Kraft zu suchen, die es für die Zukunft ausschließt, daß Ihrer Braut jemals wieder ein Unheil zustoßen kann; sonst möchte es vielleicht geschehen, daß Sie sie finden, um sie immer wieder zu verlieren. So, wie sich die Menschen auf der Erde finden, um vom Tod auseinander gerissen zu werden.
Sie müssen sie finden, nicht wie man einen verlorenen Gegenstand findet, sondern auf eine neue doppelte Art. -- Sie haben mir auf dem Weg hierher selbst gesagt, Ihr Leben sei nach und nach wie ein Strom geworden, der sich im Sande zu verlieren droht. Jeder Mensch kommt einmal zu diesem Punkt, wenn auch nicht in einem einzigen Dasein. Ich kenne das. -- Es ist wie ein Sterben, das nur das Innere betrifft und den Körper verschont. Aber gerade dieser Moment ist der kostbarste und kann zum Sieg über den Tod führen. -- Der Geist der Erde fühlt gar wohl, daß ihm in diesem Augenblick die Gefahr droht, vom Menschen überwunden zu werden, und deshalb stellt er uns gerade da die tückischsten Fallen. -- Fragen Sie sich einmal selbst: was würde geschehen, wenn Sie in diesem Moment Eva fänden? -- Wenn Sie Kraft genug haben, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, müssen Sie sich sagen: der Strom Ihres Lebens und des Lebens Ihrer Braut würde wohl ein Stück weiter rinnen, dann aber im Sande des Alltags unrettbar versiegen. Erzählten Sie mir nicht, daß Eva sich vor der Ehe fürchte? -- Gerade, weil das Schicksal sie davor bewahren will, hat es Sie beide so rasch zusammengeführt und gleich darauf wieder auseinander gerissen. -- Zu jeder andern Zeit als der jetzigen, in der fast die gesamte Menschheit vor einer ungeheuern Leere steht, könnte es vielleicht sein, daß das, was Ihnen geschehen ist, nur eine Grimasse des Lebens wäre, -- _heute_ scheint es mir ausgeschlossen.
Ich kann nicht wissen, was in der Rolle steht, die Ihnen auf so seltsame Weise zugekommen ist, -- trotzdem rate ich Ihnen heiß und dringend, lassen Sie alles _Äußere_ seiner Wege treiben und suchen Sie in den Lehren, die jener Unbekannte niedergelegt hat, das, was Ihnen nottut. Alles übrige wird sich von selber einstellen. -- Auch wenn es wider Erwarten nur eine irreführende Fratze wäre, die Ihnen daraus entgegen grinst, und wenn diese Lehren an sich noch falsch sein sollten, so würden Sie dennoch das für Sie Richtige in ihnen finden.
Wer richtig sucht, der kann nicht angelogen werden. Es gibt keine Lüge, in der nicht die Wahrheit stäke: es muß nur der Punkt der richtige sein, auf dem der Suchende steht,« -- Swammerdam drückte Hauberrisser rasch die Hand zum Abschied -- »und eben heute stehen Sie auf dem richtigen Punkte: Sie können ohne Gefahr nach den furchtbaren Kräften greifen, die sonst unrettbar den Wahnsinn bringen, -- denn Sie tun es jetzt um der Liebe willen.«
Zehntes Kapitel
Sephardi's erster Weg am Morgen nach dem Besuch in Hilversum war zu dem Gerichtspsychiater Dr. Debrouwer gewesen, um Näheres über den Fall Lazarus Eidotter zu erfahren.
Daß der alte Jude der Mörder nicht sein konnte, stand für ihn zu fest, als daß er es nicht für seine Pflicht gehalten hätte, als Glaubensgenossen ein Wort für ihn einzulegen, zumal Dr. Debrouwer als ein selbst unter Irrenärzten ungewöhnlich talentloser und vorschneller Beobachter galt.
Obwohl Sephardi Eidotter nur einmal im Leben gesehen hatte, war dennoch seine Teilnahme an ihm sehr rege. --
Schon der Umstand, daß er als russischer Jude einem geistigen Kreis ausgesprochen christlicher Mystiker angehörte, ließ vermuten, daß er ein kabbalistischer Chassid sein mußte, -- und alles, was diese sonderbare jüdische Sekte betraf, nahm Sephardis Interesse in hohem Grade in Anspruch.
* * * * *
Er hatte sich in seiner Annahme, der Gerichtspsychiater werde den Fall falsch beurteilen, nicht geirrt, denn kaum gab er seiner Überzeugung, Eidotter sei unschuldig und sein Geständnis auf Hysterie zurückzuführen, Ausdruck, als Dr. Debrouwer, der schon äußerlich durch den blonden Vollbart und den »gütigen, aber durchdringenden« Blick den wissenschaftlichen Poseur und Hohlkopf verriet, mit sonorer Stimme einfiel: »Ein abnormer Befund hat sich keineswegs ergeben. Ich habe den Fall zwar erst seit gestern unter Beobachtung, aber so viel steht fest, daß jegliches Krankheitssymptom fehlt.«
»Sie halten also den alten Mann für einen bewußten Raubmörder und sein Geständnis für einwandfrei?« fragte Sephardi trocken.
Die Augen des Arztes nahmen den Ausdruck übermenschlicher Schläue an; er setzte sich geschickt gegen das Licht, damit das Blitzen seiner kleinen ovalen Brillengläser das Imposante seines Denkerantlitzes womöglich noch erhöhe, und sagte, eingedenk des Sprüchwortes, daß auch die Wände Ohren haben, mit plötzlich geheimnisvoll gedämpfter Stimme:
»Als Mörder kommt dieser Eidotter nicht in Betracht, aber es handelt sich um ein Komplott, dessen Mitwisser er ist!«
»Ah. -- Und woraus schließen Sie das?«
Dr. Debrouwer beugte sich vor und flüsterte: »Sein Geständnis deckt sich in gewissen Punkten mit den Tatsachen; folglich kennt er sie! Er hat es lediglich aus dem Grunde abgelegt und sich selbst als Täter bezeichnet, um den immerhin möglichen Verdacht der Hehlerschaft von sich abzulenken und zugleich Zeit zur Flucht für seinen Spießgesellen zu gewinnen.«
»Kennt man denn die näheren Umstände des Mordes bereits?«
»Gewiß. Einer unserer fähigsten Kriminalisten hat sie aus dem Befund festgestellt. -- Der Schuhmacher Klinkherbogk hat in einem Anfall von -- von dementia praecox« (Sephardi horchte auf und unterdrückte ein Lächeln) »seine Enkelin unter Zuhilfenahme einer Schusterahle erstochen, wurde gleich darauf, als er das Zimmer verlassen wollte, von dem eindringenden Mörder getötet und durchs Fenster hinab in die Gracht geworfen. Eine ihm gehörige Krone aus Goldpapier hat man auf dem Wasser schwimmen gefunden.«
»Und das alles hat Eidotter genau so angegeben?«
»Das ist's ja eben!« -- Dr. Debrouwer lachte breit. -- »Als der Mord im Hause ruchbar wurde, wollten Zeugen den Eidotter in seiner Wohnung wecken, fanden ihn aber vollkommen bewußtlos. Er simulierte natürlich. Wäre er in Wirklichkeit an der Tat unbeteiligt gewesen, hätte er doch unmöglich wissen können, daß der Tod des kleinen Mädchens infolge _Erstechens durch eine Schusterahle_ eintrat. Trotzdem hat er es in seinem Geständnis ausdrücklich erwähnt. Daß er sich selbst auch als Mörder des Kindes ausgab, -- nun, das ist sehr durchsichtig: es geschah, um die Behörden zu verwirren.«
»Und auf welche Weise will er den Schuster überfallen haben?«
»Er behauptet, an einer Kette, die vom Giebel des Hauses ins Wasser herabhängt, emporgeklettert zu sein und dem Klinkherbogk, der ihm mit freudig ausgebreiteten Armen entgegengetreten sein soll, das Genick gebrochen zu haben. -- Alles Unsinn natürlich.«
»Das mit der Ahle, sagen Sie, könne er unmöglich gewußt haben? -- Ist es wirklich ganz ausgeschlossen, daß er es von irgend jemand erfahren hat, _ehe_ er sich selbst bei der Polizei stellte?«
»Ausgeschlossen.«
Sephardi wurde immer nachdenklicher. Seine anfängliche Vermutung, Eidotter habe sich als Täter bezeichnet, um einer eingebildeten Mission als »Simon der Kreuzträger« gerecht zu werden, hielt nicht Stich. Vorausgesetzt, daß der Irrenarzt nicht log, -- woher konnte Eidotter die näheren Umstände mit der Ahle gewußt haben? Eine Ahnung beschlich Sephardi, als müsse ein schwer erklärlicher Fall unbewußten Hellsehens bei dem Alten mit hereinspielen.
Er öffnete den Mund, um den Verdacht, der Zulu sei vielleicht der Mörder, auszusprechen, aber ehe er es noch über die Lippen bringen konnte, fühlte er von innen heraus einen heftigen Ruck, der ihn sofort schweigen machte.
Es war fast wie eine körperliche Berührung gewesen. Trotzdem maß er der Sache keine weitere Bedeutung bei und fragte nur, ob es erlaubt sei, mit Eidotter zu sprechen.
»Eigentlich dürfte ich es nicht zugeben,« meinte Dr. Debrouwer, -- »gar wo Sie, wie man ja bei Gericht weiß, mit ihm noch kurz vor dem Geschehnis bei Swammerdam beisammen waren, aber, wenn Ihnen so viel daran liegt -- und da Ihr Ruf als Gelehrter in Amsterdam ja unantastbar ist« -- setzte er mit einem Anflug von Neid hinzu, »so will ich gern meine Machtbefugnis überschreiten.« --
Er klingelte und ließ Sephardi durch einen Wärter in die Zelle führen. -- -- --
* * * * *
Der alte Jude saß, wie man durch die Beobachtungsluke in der Mauer sehen konnte, vor dem vergitterten Fenster und blickte in den sonnendurchfluteten Himmel.
Als er die Tür öffnen hörte, stand er gleichmütig auf.
Sephardi ging rasch auf ihn zu und drückte ihm die Hand.
»Ich bin gekommen, Herr Eidotter, erstens, weil ich mich dazu verpflichtet fühle als Ihr Glaubensgenosse -- --«
»Gloobensgenosse,« murmelte Eidotter ehrerbietig und machte einen Kratzfuß.
»-- und dann, weil ich überzeugt bin, daß Sie unschuldig sind.«
»Unschuldig sind,« echote der Alte.
»Ich fürchte, Sie mißtrauen mir,« fuhr Sephardi nach einer Pause fort, da der andere stumm blieb, -- »seien Sie unbesorgt, ich komme als Freund.«
»Als Freund,« wiederholte Eidotter mechanisch.
»Oder glauben Sie mir nicht? Das täte mir leid.«
Der alte Jude fuhr sich langsam über die Stirn, als erwachte er erst jetzt.
Dann legte er die Hand auf's Herz und sagte stockend, Wort für Wort bemüht, sich so dialektfrei wie möglich auszudrücken: »Ich -- hab -- keinen Feind. -- Auf was herauf? -- Und ibber den, als Sie mir sagen, Sie kümmen als Freund, woher soll ich nehmen die Chuzpe, an Ihren Worten zu zweifeln?«
»Schön. Das freut mich; ich werde infolgedessen ganz offen mit Ihnen reden können, Herr Eidotter;« -- Sephardi nahm den angebotenen Stuhl und setzte sich so, daß er das Mienenspiel des Alten genau studieren konnte -- »wenn ich Sie jetzt Verschiedenes fragen werde, geschieht es nicht aus Neugierde, sondern vor allem, um Ihnen aus der verhängnisvollen Lage, in die Sie geraten sind, zu helfen.«
»Zu helfen,« brummte Eidotter in sich hinein.
Sephardi schwieg absichtlich eine Weile und betrachtete aufmerksam das greisenhafte Gesicht, das fest und unbeweglich und ohne eine Spur von Erregung auf ihn gerichtet war.
Er erkannte auf den ersten Blick an den tief eingemeißelten Leidensfurchen, daß der Mann Furchtbares im Leben mitgemacht haben mußte, -- dennoch lag, als seltsamer Kontrast dazu, in den weit offenen tiefschwarzen Augen ein Glanz von Kindlichkeit, wie er ihn noch nie an einem russischen Juden wahrgenommen hatte.
In dem spärlich beleuchteten Zimmer Swammerdams war ihm all das nicht aufgefallen. Er hatte in dem Alten einen Sektierer vermutet, der unter der Wirkung eines übertriebenen Frömmigkeitsgefühls zwischen Fanatismus und Selbstqual hin und her geworfen wurde; -- der Mensch, der jetzt vor ihm saß, schien ein völlig anderer zu sein.
Seine Züge waren weder breit, noch hatten sie das Listige oder Abstoßende, das der Typus der russischen Juden aufzuweisen pflegt. Sie verrieten in jeder Linie eine ungewöhnliche Ideenkraft; trotzdem war ein geradezu erschreckender Ausdruck von Gedankenleere darüber gebreitet.
Sephardi konnte sich nicht zusammenreimen, wie dieses sonderbare Gemisch aus kindlicher Harmlosigkeit und greisenhaftem Verfall überhaupt fähig war, ein Branntweingeschäft in einem Verbrecherviertel zu betreiben.
»Sagen Sie mir,« begann er sein Verhör in freundlichem Tone, -- »wie sind Sie nur auf den Einfall geraten, sich als Mörder an Klinkherbogk und seiner Enkelin auszugeben? Wollten Sie jemand damit helfen?«
Eidotter schüttelte den Kopf. -- »Wem hätt ich denn helfen sollen? Ich hab doch die beiden umgebracht.«
Sephardi ging scheinbar darauf ein:
»Und warum haben Sie sie umgebracht?«
»Nu. Vün wegen die Tausend Gülden.«
»Und wo haben Sie das Geld?«
»Das haben mich doch die Gaônen« -- Eidotter deutete mit dem Daumen auf die Tür -- »auch schon gefragt. Ich weiß nicht.«
»Bereuen Sie Ihre Tat denn gar nicht?«
»Bereuen?« -- der Alte dachte nach. »Warum soll ich sie bereuen? Ich kann doch nix dafür.«
Sephardi stutzte. Das war nicht die Antwort eines Wahnsinnigen. Er sagte leichthin:
»Gewiß können Sie nichts dafür. Sie haben die Tat eben gar nicht begangen. Sie haben im Bett gelegen und geschlafen und sich alles nur eingebildet. Sie sind auch gar nicht die Kette hinaufgeklettert, -- das hat ein anderer getan; Sie wären zu so etwas in Ihren Jahren nie imstande gewesen.«
Eidotter zögerte. »Sie meinen also, Herr Doktor, ich bin gar nicht der Mörder?«
»Natürlich sind Sie's nicht! Das ist doch sonnenklar.«
Wieder dachte der Alte eine Minute nach, dann brummte er gelassen:
»Nu. Das ist gescheit.« -- Keine Spur von Freude oder Erleichterung war in seinem Gesicht zu lesen. Nicht einmal Erstaunen.
Die Sache wurde Sephardi immer rätselhafter. Hätte eine Bewußtseinsverschiebung in Eidotter stattgefunden, würde es der Ausdruck der Augen, die nach wie vor gleich kindlich dreinschauten, oder ein Mienenspiel verraten haben. An absichtliche Verstellung war nicht zu denken: der Greis hatte die Erkenntnis der Tatsache, daß er unschuldig war, hingenommen wie etwas kaum Erwähnenswertes.
»Und wissen Sie auch, was mit Ihnen geschehen wäre,« fragte Sephardi eindringlich, »wenn Sie die Tat wirklich begangen hätten? -- Sie wären hingerichtet worden!«
»Hm. Hingerichtet worden.«
»Jawohl. Erschreckt Sie das nicht?« --
Offenbar wirkte die Frage nicht auf das Gemüt des alten Mannes. Nur sein Gesicht wurde ein wenig nachdenklicher -- so wie von einer Erinnerung erhellt. Dann zuckte er die Achseln und sagte: -- »Mir is im Leben schon Schrecklicheres passiert, Herr Doktor.«
Sephardi wartete, was weiter kommen würde, aber Eidotter war bereits wieder in seine totenhafte Ruhe versunken und schwieg.
»Waren Sie von jeher Branntweinhändler?«
Kopfschütteln.
»Geht Ihr Geschäft gut?«
»Ich weiß nicht.«
»Hören Sie, wenn Sie so gleichgültig in Ihrem Beruf sind, kann's Ihnen eines Tages geschehen, daß Sie um alles kommen.«
»Freilich. Wann mer nicht acht gibt,« war die naive Antwort.
»Wer gibt acht? Sie? Oder haben Sie eine Frau? Oder Kinder, die acht geben?«
»Meine Frau is schon lang tot. -- Und -- und die Kinderlich aach.«
Sephardi glaubte einen Weg zum Herzen des alten Mannes vor sich zu sehen: -- »Denken Sie nicht zuweilen in Liebe an Ihre Familie zurück? Ich weiß ja nicht, ob es schon lange her ist, daß Sie sie verloren haben, aber glücklich können Sie sich doch unmöglich fühlen in Ihrer Einsamkeit! -- Sehen Sie, ich habe auch niemand, der um mich wäre, und kann mich daher um so leichter in Ihre Lage versetzen. Wirklich, ich frage jetzt nicht nur aus Wißbegierde, um mir das Rätsel zu lösen, das Sie für mich sind,« -- unwillkürlich vergaß er, weshalb er gekommen war -- »ich frage Sie aus reiner Menschlichkeit und --«
»und weil Ihnen nebbich so zu mut is und Sie nicht anders können,« ergänzte zu seinem größten Erstaunen Eidotter, einen Augenblick ganz verändert; -- in dem bisher leblosen Gesicht war etwas aufgeblitzt wie Mitgefühl und tiefes Verständnis. Eine Sekunde später erschien es wieder als das unbeschriebene Blatt, das es von Anfang an gewesen war, -- »Rabbi Jochanan hat gesagt: 'Ein passendes Ehepaar unter den Menschen zusammenzubringen ist schwerer als das Wunder Mosis im roten Meer,'« -- hörte Sephardi ihn geistesabwesend murmeln. Mit einem Schlag begriff er, daß der Alte seinen Schmerz um den Verlust Evas, der ihm selbst momentan nicht klar zum Bewußtsein gekommen war, wenn auch vorübergehend mitempfunden hatte.
Er erinnerte sich, daß unter den Chassiden die Legende ging, es gäbe in ihrer Gemeinschaft Menschen, die den Eindruck von Wahnsinnigen machten und es trotzdem nicht wären, -- die zu Zeiten ihres Ichs entkleidet, die Leiden und Freuden der Mitwelt so deutlich am eigenen Herzen erführen, als wären sie selber die davon Betroffenen. -- Er hatte es für eine Fabel gehalten; -- sollte wirklich dieser sinnverwirrte Greis ein lebendiger Zeuge für die Wahrheit jener Behauptung sein? -- Sein Benehmen, die Einbildung, Klinkherbogk ermordet zu haben, seine bisherige Handlungsweise, kurz alles bekam einen neuen Zusammenhang, wenn es sich tatsächlich so verhielt.
»Können Sie sich nicht entsinnen, Herr Eidotter,« fragte er im höchsten Grade interessiert, »ob es Ihnen schon einmal passiert ist, daß Sie glaubten, irgendeine Handlung begangen zu haben, die sich später als die Tat eines andern herausstellte?«
»Ich hab mich nix drum gekümmert.«
»Aber, daß Sie in Ihrem Denken und Fühlen nicht so beschaffen sind wie Ihre Mitmenschen -- wie ich zum Beispiel, oder wie Ihr Freund Swammerdam, werden Sie vielleicht wissen? Neulich, als wir uns bei ihm kennen lernten, waren Sie nicht so einsilbig und viel lebhafter. Hat Sie der Tod Klinkherbogks so angegriffen?« -- Sephardi faßte voll Teilnahme die Hand des Alten. -- »Wenn Sie Sorgen haben oder Erholung brauchen, so vertrauen Sie sich mir an, ich will alles tun, um Ihnen beizustehen. Ich glaube auch nicht, daß Ihr Geschäft am Zee Dyk das Richtige für Sie ist. Vielleicht ist es mir möglich, Ihnen einen andern und -- würdigeren Beruf zu verschaffen. -- Warum wollen Sie eine Freundschaft, die Ihnen angeboten wird, zurückweisen?«
Es war deutlich zu sehen, daß die warmen Worte dem Alten wohl taten.
Er lächelte glückselig wie ein Kind, das man belobt, aber ein Verständnis für das, was ihm in Aussicht gestellt wurde, schien er nicht zu haben.
Ein paarmal öffnete er den Mund, als wolle er sich bedanken, aber er fand offenbar die Worte nicht.
»Bin -- bin ich damals anders gewest?« -- fragte er endlich stockend.
»Gewiß. Sie sprachen ausführlich mit mir und der übrigen Gesellschaft. Sie waren menschlicher, sozusagen; Sie disputierten sogar mit Herrn Swammerdam über Kabbala. -- Ich entnahm daraus, daß Sie sich viel mit Fragen über Religion und Gott befaßt haben.« -- Sephardi brach schnell ab, denn er bemerkte, daß eine Veränderung im Gesicht des Greises vor sich ging.
»Kabbala -- -- Kabbala,« murmelte Eidotter. »Ja, freilich, Kabbala, die hab ich studiert. Lang. Und Babli auch. Und -- und Jeruschalmi.« -- Seine Gedanken fingen an, in eine ferne Vergangenheit zurückzuwandern; er sprach sie aus, als stünden sie abseits von ihm, -- wie jemand, der auf Bilder zeigt und sie einem andern erklären will, bald langsam, bald schnell, je nachdem sie an seinem Gedächtnis vorüberzogen. -- »Aber was drin steht in der Kabbala -- über Gott -- is falsch. Es is ganz anderst in der Lebendigkeit. Damals -- in Odessa -- da hab ich's noch nicht gewußt. -- Im Vatikan in Rom hab ich müssen übersetzen aus dem Talmud.« --
»Sie waren im Vatikan?« rief Sephardi erstaunt.
Der Alte hörte nicht darauf.
»und dann is mir verdorrt die Hand.« -- Er hob den rechten Arm, an dem die Finger wie Wurzeln verkrümmt waren von Gichtknoten. -- »In Odessa hat mer geglaubt bei die Griechisch-Orthodoxen, ich bin ä Spion, daß ich verkehr mit die römischen Gojim, -- -- und auf emol hat's gebrennt in ünserm Haus, aber Elias, sein Nam' sei gepriesen, hat's abgewendet, daß mir sind blos auf der Gass' gesessen: -- meine Frau Berurje und ich und die Kinderlich. -- Dann später is gekommen Elias und hat an unserm Tisch gegessen nach dem Lauberhüttenfest. Ich hab' gewußt, daß es is Elias, wenn Berurje auch hat gemeint, daß er heißt: Chidher Grün.« -- Sephardi zuckte zusammen. Derselbe Name war gestern in Hilversum gefallen, als Baron Pfeill für Hauberrisser das Wort geführt und dessen Erlebnisse erzählt hatte! --
»In der Gemeinde hat mer gelacht ibber mir und wenn sie von mir gesprochen haben, hat's immer geheißen: Eidotter? Eidotter is ä Nebbochant; er lauft ohne Verstand herüm. -- Sie haben nicht gewußt, daß mich Elias unterweist in dem dopelten Gesetz, das Moses dem Josua überliefert hat von Mund zu Ohr,« -- ein Glanz von Verklärung belebte seine Züge -- »und daß Er die zwei verhüllenden Lichter der Makifim in mir umgestellt hat. -- Dann war ä Judenverfolgung in Odessa. Ich hab mein Kopp hingehalten, aber es hat die Berurje getroffen, daß ihr Blut is über den Boden hingeflossen, wie sie hat wollen die Kinderlich beschützen, als eins nach dem andern is erschlagen geworden.« --
Sephardi sprang auf, hielt sich die Ohren zu und starrte entsetzt Eidotter an, in dessen lächelndem Gesicht keine Spur von Erregung zu bemerken war. --
»Ribke, meine älteste Tochter, die hat geschrien zu mir um Hilfe, wie sie sich haben ibber ihr gestürzt, aber mer hat mich festgehalten. -- Dann haben sie mei Kind mit Petroleum begossen -- und angezündt.«
Eidotter schwieg, blickte sinnend an seinem Kaftan herunter und zupfte kleine Fäden aus den zerschlissenen Nähten. Er schien vollkommen bei Sinnen zu sein und trotzdem keinen Schmerz zu empfinden, denn nach einer Weile fuhr er mit klarer Stimme fort: »Wie ich dann später hab' wieder wollen die Kabbala studieren, hab ich nicht mehr können, denn die Lichter der Makifim waren in mir umgestellt.«
»Wie meinen Sie das?« fragte Sephardi bebend. »Hat das furchtbare Leid Ihren Geist umnachtet?«
»Das Leid nicht. Und auch bin ich nicht umnachtet. Es is so, wie man sagt von die Ägypter, daß sie haben än Trank gehabt, der wo vergessen macht. -- Wie hätt ich's denn sonst überleben können! -- Ich hab' damals lang nicht gewußt, wer ich bin, und wie ich's dann doch wieder gewußt hab', hat mir gefehlt, was der Mensch zum Weinen braucht, aber auch so manches, was mer zum Denken braucht. -- Die Makifim sind umgestellt. -- Von da an hab' ich, ich möcht sagen: das Herz im Kopf und das Gehirn in der Brust. Besonders manchmal.«
»Können Sie mir das näher erklären?« fragte Sephardi leise. »Aber, bitte, nur wenn Sie es gerne tun. Ich möchte nicht, daß Sie glauben, ich forschte aus Neugier.«
Eidotter faßte ihn am Ärmel. »Schauen Sie, Herr Dokter, wenn ich jetzt in das Tuch zwick', haben Sie doch kan Schmerz? -- Ob's dem Ärmel weht tut, wer kann wissen? -- So is es bei mir. Ich seh, es is einmal was geschehen, was eigentlich hätt schmerzen müssen; ich weiß es genau, aber ich spür's nicht. Weil mein Gefühl im Kopf is. -- Ich kann aber auch nicht mehr zweifeln, wenn mir jemand irgend was sagt, so wie ich's in meiner Jugend in Odessa noch gekonnt hab'. Ich muß es glauben, weil mein Denken jetzt im Herzen is. -- Ich kann mir auch nichts mehr ausgrübeln wie früher. Entweder es fallt mir was ein, oder es fallt mir nix ein; fallt mir was ein, dann is es auch in Wirklichkeit so und ich erleb's so deutlich, daß ich nicht unterscheiden könnt': war ich dabei oder nicht. Deshalb probier ich's gar nicht erst, drieber nach zu denken.«