Part 10
»Zum Organisieren fühlt sich heute jeder berufen, daraus geht schon hervor, wie falsch es sein muß. Das Gegenteil von dem, was der große Haufe tut, ist an sich schon richtig.« -- Pfeill erhob sich und ging auf und ab. -- »Nicht einmal Jesus hat sich unterfangen, zu organisieren, er hat ein Vorbild gegeben. Frau Rukstinat und Konsorten natürlich erfrechen sich, zu organisieren. Organisieren darf nur die Natur oder der Weltgeist. -- _Mein_ Staat soll ewig sein; er braucht keine Organisation. Wenn er eine hätte, würde er sein Ziel verfehlen.«
»Aber einmal wird dein Staat, wenn er einen Zweck haben soll, ja doch aus Vielen bestehen müssen; woher willst du diese Bürger nehmen, lieber Pfeill?«
»Hör zu: Wenn _ein_ Mensch einen Einfall hat, so beweist das nur, daß viele gleichzeitig denselben Gedanken gefaßt haben. Wer das nicht versteht, weiß nicht, was ein Einfall ist. Gedanken sind ansteckend, auch wenn man sie nicht ausspricht. Dann vielleicht erst recht. Ich bin fest überzeugt: in diesem Augenblick sind schon eine ganze Menge meinem Staat beigetreten, und schließlich wird er die Welt überschwemmen. -- Die körperliche Hygiene hat große Fortschritte gemacht, -- man desinfiziert sogar schon die Türklinken, um sich nicht irgendeine Krankheit zu holen, -- ich sage dir, es gibt gewisse Schlagworte, die weit schlimmere Krankheiten, zum Beispiel: Rassen- und Völkerhaß, Pathos und dergleichen, übertragen und mit viel schärferer Lauge keimfrei gemacht werden müßten als Türklinken.«
»Du willst also den Nationalismus ausrotten?«
»Es soll von mir in fremden Gärten nichts ausgerottet werden, was nicht von selbst stirbt. In meinem eignen darf ich tun und lassen, was ich will. Der Nationalismus scheint für die meisten Menschen eine Notwendigkeit zu sein, das räume ich ein, aber es ist hoch an der Zeit, daß es endlich auch einen »Staat« gibt, in dem die Bürger nicht durch Landesgrenzen und gemeinsame Sprache zusammengehalten werden, sondern durch die Denkungsart und leben können wie _sie_ wollen.
-- In gewissem Sinne haben die ganz recht, die lachen, wenn einer sagt, er wolle die Menschheit umgestalten. -- Sie übersehen bloß, daß es vollkommen genügt, wenn ein einzelner sich bis in die Wurzeln umgestaltet. Sein Werk kann dann niemals vergehen, -- gleichgültig, ob es der Welt bekannt wird oder nicht. So einer hat ein Loch ins Bestehende gerissen, das nie mehr zuwachsen kann, ob es jetzt die andern gleich bemerken oder eine Million Jahre später. Was einmal entstanden ist, kann nur scheinbar verschwinden. So ein Loch in das Netz zu reißen, in dem die Menschheit sich verfangen hat, -- nicht durch öffentliches Predigen, nein: indem ich selbst der Fessel entrinne, das ist's, was ich will.«
»Bringst du die äußern Katastrophen, an deren Hereinbrechen du glaubst, in irgendwelchen ursächlichen Zusammenhang mit der vermutlich kommenden Denkänderung der Menschheit?« fragte Hauberrisser.
»Aussehen wird es natürlich immer so, als gäbe ein äußeres Unglück, zum Beispiel ein großes Erdbeben, den Anlaß zum sogenannten »Insichgehen« des Menschen, -- aber nur so aussehen. Die Geschichte mit der Ursache und Wirkung verhält sich, scheint mir, ganz anders. Ursachen können wir nie erkennen; alles, was wir wahrnehmen, ist Wirkung. Was uns Ursache zu sein scheint, ist in Wahrheit nur ein -- Vorzeichen. Wenn ich diesen Bleistift hier loslasse, wird er zu Boden fallen. Daß das Loslassen die _Ursache_ des Herunterfallens ist, mag ein Gymnasiast glauben, ich glaub's nicht. Das Loslassen ist ganz einfach das untrügliche Vorzeichen des Herunterfallens. Jedes Geschehnis, auf das ein zweites folgt, ist dessen Vorzeichen. Ursache ist etwas vollständig anderes. Allerdings bilden wir uns ein, es stünde in unserer Macht, eine Wirkung hervorzubringen, aber es ist ein unheilvoller Trugschluß, der uns die Welt beständig in einem falschen Licht sehen läßt. In Wahrheit ist es nur ein- und dieselbe geheimnisvolle Ursache, die den Bleistift zu Boden fallen macht und mich kurz vorher verleitet hat, ihn loszulassen. Eine plötzliche Denkänderung des Menschen und ein Beben der Erde kann wohl gleiche Ursache haben, -- aber daß das eine die Ursache des andern wäre, ist vollkommen ausgeschlossen, so plausibel es auch dem »gesunden« Verstand dünken mag. Das erste ist genau so Wirkung wie das zweite; eine Wirkung ruft die andere niemals hervor, -- kann, wie gesagt, ein Vorzeichen sein in einer Kette von Geschehnissen, aber sonst auch nichts. Die Welt, in der wir leben, ist eine Welt der Wirkungen. -- Das Reich der wahren Ursachen ist verborgen; wenn es uns gelingt, bis dorthin vorzudringen, werden wir zaubern können.«
»Und sollte: seine Gedanken beherrschen können, -- das heißt, die geheimsten Wurzeln ihres Entstehens aufdecken -- nicht dasselbe sein wie zaubern?«
Pfeill blieb mit einem Ruck stehen. »Freilich! Was sonst? Eben deshalb stelle ich das Denken um eine Stufe höher als das Leben. Es führt uns einem fernen Gipfel zu, von dem aus wir nicht nur alles werden überschauen, sondern alles, was wir wollen, auch werden vollbringen können. -- Vorläufig zaubern wir Menschen noch mit Maschinen; ich glaube, die Stunde ist nahe, wo wenigstens einige es mit bloßem Willen zustande bringen werden. Das bisher so beliebte Erfinden von wundervollen Maschinen war nichts weiter als ein Pflücken von Brombeeren, die neben dem Wege zum Gipfel wachsen. -- Wertvoll ist nicht die »Erfindung«, sondern das Erfindenkönnen, wertvoll ist nicht ein Gemälde, höchstens kostbar, wertvoll ist nur das Malenkönnen. Das Gemälde kann vermodern, das Malenkönnen kann nicht verloren gehen, auch wenn der Maler stirbt. Es bleibt als vom Himmel geholte Kraft bestehen, die vielleicht für lange Zeit schlafen gehen mag, aber immer wieder aufwacht, wenn das geeignete Genie geboren wird, durch das sie sich offenbaren kann. Ich finde es sehr tröstlich, daß die wertgeschätzte Kaufmannschaft dem Erfinder quasi nur das Linsengericht abschwätzen kann und nicht das Wesentliche.«
»Du läßt mich heute, scheint's, gar nicht zu Worte kommen,« unterbrach Hauberrisser; »mir schwebt schon lange etwas auf der Zunge, was ich sagen möchte.«
»Also los! Warum sprichst du nicht?«
»Vorerst nur noch eine Frage: Hast du Anhaltspunkte, oder -- oder Vorzeichen, daß wir alle vor einem -- nennen wir's mal: Wendepunkt -- stehen?«
»Hm. -- Ja. -- Es ist das wohl mehr Gefühlssache. Ich tappe da selbst noch ziemlich im Finstern. -- _Ein_ Faden zum Beispiel, an dem ich mich vorwärtstaste, ist dünn wie ein Spinngewebe. -- Ich bilde mir nämlich ein, daß ich gewisse Grenzsteine in unserer innern Fortentwicklung gefunden habe, die uns anzeigen, wann wir ein neues Gebiet betreten. Das zufällige Zusammentreffen mit einem Fräulein van Druysen -- du wirst sie heute noch kennen lernen -- und etwas, was sie mir von ihrem Vater erzählte, hat mich darauf gebracht. Ich schloß daraus, -- vielleicht ganz ungerechtfertigterweise -- daß ein solcher 'Grenzstein' im menschlichen Bewußtsein ein für alle, die reif dazu sind, gleiches inneres Erlebnis ist. -- Nämlich, -- lache jetzt bitte nicht --: die Vision eines grünen Gesichtes.«
Hauberrisser faßte erregt den Arm seines Freundes und unterdrückte einen Ausruf des Erstaunens.
»Um Gotteswillen, was ist dir?« rief Pfeill.
In fliegenden Worten erzählte Hauberrisser, was er erlebt hatte.
Das Gespräch, das sich daraus entspann, fesselte sie dermaßen, daß sie den Diener kaum bemerkten, der melden kam, Fräulein Eva van Druysen und Herr Dr. Ismael Sephardi seien eingetroffen, und Baron Pfeill auf einer Tablette zwei Visitenkarten und das Abendblatt der Amsterdamer Zeitung überreichte.
* * * * *
Bald war die Unterhaltung über das grüne Gesicht in vollem Gange.
Hauberrisser hatte die Erzählung seines Erlebnisses im Vexiersalon Pfeill überlassen, und auch Fräulein van Druysen beschränkte sich darauf, nur hie und da ein Wort einzuflechten, als Dr. Sephardi den Besuch bei Swammerdam schilderte.
Von Verlegenheit konnte natürlich weder bei Eva van Druysen, noch bei Hauberrisser die Rede sein, aber trotzdem standen sie beide unter einem Stimmungsdruck, der ihnen das Sprechen erschwerte. Sie zwangen sich förmlich, einander mit den Blicken nicht auszuweichen, aber jedes fühlte genau, daß das andere log, wenn es sich bemühte, irgend etwas Gleichgültiges zu sagen.
Der vollständige Mangel an weiblicher Koketterie bei Eva verwirrte Hauberrisser fast; er sah ihr an, wie peinlich sie darauf achtete, alles zu vermeiden, was auch nur den leisesten Schein von Gefallsucht oder tieferem Interesse an ihm hätte erwecken können, -- aber er schämte sich gleichzeitig wie einer groben Taktlosigkeit, daß es ihm nicht gelingen wollte, vor ihr zu verhüllen, wie sehr er das Gekünstelte in ihrer innern Ruhe durchschaute. Er erriet, daß seine Gedanken offen vor ihr dalagen, aus der erzwungenen Gelangweiltheit, mit der ihre Hände an einem Rosenbukett spielten, aus der Art, wie sie eine Zigarette rauchte, -- merkte es an hundert andern Kleinigkeiten; aber es gab für ihn kein Mittel, ihr zu Hilfe zu kommen.
Eine einzige phrasenhafte Bemerkung seinerseits würde genügt haben, ihr die Sicherheit, die sie heuchelte, wieder zu geben, -- würde aber auch genügt haben, sie entweder aufs tiefste zu verletzen, oder ihn selbst in ein Licht wenig geschmackvollen Gockeltums zu rücken, -- was er natürlich ebenfalls zu vermeiden wünschte.
Als sie eingetreten, war er einen Moment sprachlos gewesen über ihre geradezu verblüffende Schönheit, und sie hatte es wie eine Bewunderung hingenommen, an die sie gewöhnt sein mußte; dann aber, als sie zu bemerken glaubte, daß seine Verwirrung nicht ausschließlich durch sie verursacht war, sondern ebensogut durch die Unterbrechung eines interessanten Gesprächs zwischen ihm und Baron Pfeill, -- war die peinliche, nicht mehr loszuwerdende Empfindung über sie gekommen, den Eindruck plumper, weiblicher Sieghaftigkeit auf ihn gemacht zu haben.
Hauberrisser begriff instinktiv, daß Eva ihre Schönheit, die eine Frau wohl stolz tragen durfte, als Mädchen in ihrer seelischen Feinfühligkeit augenblicklich als Last empfand.
Am liebsten hätte er ihr offen gesagt, wie sehr er sie bewundere, aber er fürchtete, den richtigen Ton von Unbefangenheit nicht zu finden.
Er hatte im Leben zu viel schöne Frauen geliebt, um beim ersten Anblick selbst so berückender weiblicher Reize, wie Eva sie besaß, sogleich den Kopf zu verlieren, aber dennoch stand er bereits tiefer unter ihrem Einfluß, als er selbst merkte.
Anfangs vermutete er, sie sei mit Sephardi verlobt; als er sah, daß es nicht der Fall war, durchzuckte ihn eine leise Freude.
Er wehrte sich sofort dagegen; die unbestimmte Angst, seine Freiheit noch einmal zu verlieren und wiederum von dem alten Wirbelsturm derartiger Erlebnisse fortgerissen zu werden, warnte ihn, auf seiner Hut zu sein, aber bald wachte in ihm ein so echtes und inniges Gefühl von Zusammengehörigkeit mit Eva auf, daß jeder Vergleich mit dem, was er bisher Liebschaft genannt hatte, von selbst wegfiel.
Das unvermeidliche prickelnde Etwas, das sich infolge der stummen Gedankenübertragung zwischen beiden entspann, war zu deutlich, als daß es Pfeill mit seinem scharfen Blick hätte lange verborgen bleiben können. -- Was ihn dabei schmerzlich berührte, war der Ausdruck eines mühsam verhaltenen, tiefen Weh's, das um die Augen Sephardi's lag und aus jedem Worte der mit krampfhafter Hast geführten Rede des sonst so schweigsamen Gelehrten hervorklang.
Er fühlte, daß dieser einsame Mensch eine stille, aber vielleicht um so heißere Hoffnung zu Grabe trug.
»Wohin, glauben Sie, Herr Doktor,« fragte er, als Sephardi seine Erzählung beendet hatte, »mag der seltsame Weg wohl führen, den der 'geistige Kreis' Swammerdams oder des Schuhmachers Klinkherbogk zu gehen sich einbildet? Ich fürchte, in ein uferloses Meer von Visionen und -- --«
»-- und daran geknüpften Erwartungen, die niemals erfüllt werden,« -- Sephardi zuckte traurig die Schultern, -- »es ist das alte Lied von den Pilgern, die ohne Führung in der Wüste zum gelobten Land wandern und, eine trügerische Fata morgana vor Augen, dem qualvollen Tode des Verdurstens entgegenschreiten. Es hat noch immer mit dem Schrei geendet: 'mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen'!«
»Bei all den andern, die an den Schuhmacher und sein Prophetentum glauben, mögen Sie recht haben,« mischte sich Eva van Druysen ernst ins Gespräch, »aber bei Swammerdam irren Sie sich. Ich weiß es gewiß. Denken Sie daran, was Baron Pfeill uns von ihm erzählt hat! Den grünen Käfer hat er doch gefunden! Ich kann nicht loskommen von der Überzeugung: es ist ihm beschieden, auch das Größere zu finden, nach dem er sucht.«
Sephardi lächelte trüb. »Ich wünsche es ihm von Herzen, aber er wird bestenfalls, wenn er nicht früher darüber zugrunde geht, am Schluß nur zu dem gewissen: 'Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist' gelangen. -- Glauben Sie mir, Fräulein Eva, ich habe mehr über jenseitige Dinge nachgedacht, als Sie wohl vermuten, und habe mir ein Menschenleben lang Kopf und Herz zermartert, ob es denn wirklich kein Entrinnen aus dem irdischen Kerker gibt. -- Nein, es gibt keines! -- Der Zweck des Lebens ist, auf den Tod zu warten.«
»Dann wären die noch die Klügsten,« wendete Hauberrisser ein, »die nur dem Vergnügen leben.«
»Gewiß. Wenn sie es imstande sind. Aber mancher bringt es eben nicht zuwege.«
»Und was soll _der_ dann tun?« fragte Pfeill.
»Liebe üben und die Gebote halten, wie es in der Bibel steht.«
»Das sagen Sie?!« rief Pfeill erstaunt. »Ein Mensch, der alle Philosophiesysteme von Lao Tse bis Nietzsche durchstudiert hat! Wer ist denn der Erfinder dieser 'Gebote'? Ein sagenhafter Prophet, ein angeblicher Wundertäter. Wissen Sie, ob er nicht nur ein Besessener war? Glauben Sie, daß ein Schuster Klinkherbogk nicht nach fünftausend Jahren im gleichen legendenhaften Glanz dastehen wird, wenn sein Name bis dahin nicht längst vergessen ist?«
»Gewiß, wenn sein Name bis dahin nicht längst vergessen ist,« sagte Sephardi einfach.
»Sie nehmen also einen Gott an, der über den Menschen thront und ihre Geschicke lenkt? Können Sie das in Einklang mit irgendwelchem logischen Denken bringen?«
»Nein, das kann ich nicht. Will es auch nicht. Ich bin Jude, vergessen Sie das nicht. Ich meine: nicht nur Jude der Religion nach, sondern auch Jude der Rasse nach, -- und als solcher komme ich immer wieder zum alten Gott meiner Vorfahren zurück. Es liegt im Blut, und das Blut ist stärker als alle Logik. Freilich sagt mir mein Verstand, daß ich mit meinem Glauben in der Irre gehe, aber mein Glaube sagt mir auch, daß ich mit meinem Verstand in der Irre gehe.«
»Und was täten Sie, wenn Ihnen, wie es dem Schuster Klinkherbogk geschehen ist, ein Wesen erschiene und Ihnen Ihr Handeln vorschriebe?« forschte Eva.
»An seiner Botschaft zu zweifeln versuchen. Wenn mir das gelänge, so würde ich seinem Rate nicht folgen.«
»Wenn es Ihnen aber nicht gelänge?«
»Dann wäre meine Handlungsweise von selbst gegeben, nämlich: ihm zu gehorchen.«
»Ich würde es auch dann nicht tun,« murmelte Pfeill.
»Eine Denkungsart wie die Ihre müßte nur bewirken, daß Ihnen ein jenseitiges Wesen, wie der -- nennen wir es: »Engel« Klinkherbogks niemals erscheinen kann, aber seine stumme Weisung würden Sie trotzdem befolgen. Allerdings in der festen Überzeugung, aus eigener Machtvollkommenheit zu handeln!«
»Oder umgekehrt,« widersetzte sich Pfeill, »Sie würden sich einbilden, Gott spräche zu Ihnen durch den Mund eines Phantoms mit grünem Gesicht, während in Wirklichkeit Sie selbst es wären.«
»Wo soll da ein wesentlicher Unterschied liegen?« entgegnete Sephardi. »Was ist eine Mitteilung? Ein Gedanke, in _laute_ Worte gekleidet. -- Und was ist ein Gedanke? Ein _leises_ Wort. Also auch im Grunde nichts anderes, als eine Mitteilung. Wissen Sie so genau, daß ein Einfall, den Sie haben, tatsächlich in Ihnen geboren wird und nicht eine Mitteilung von irgendwoher ist? Ich halte es für mindestens ebenso wahrscheinlich, daß der Mensch nicht der Erzeuger, sondern nur ein Empfangsapparat -- ein feiner oder ein grober -- für alle Gedanken ist, die -- nehmen wir einmal an: von der Erde als Mutter gedacht werden. Das gleichzeitige Auftreten ein und derselben Idee, wie es doch so häufig vorkommt, spricht Bände für meine Theorie. _Sie_ freilich, wenn Ihnen so etwas passiert, werden immer sagen, Sie hätten ursprünglich den betreffenden Einfall gehabt und die andern wären von Ihnen bloß angesteckt worden. Ich könnte darauf erwidern: Sie waren nur der erste, der diesen in der Luft liegenden Gedanken aufgefangen hat wie eine drahtlose Depesche vermittelst eines sensitiveren Gehirns, -- die andern haben ihn ebenfalls aufgefangen; bloß später als Sie. -- Je selbstbewußter und kraftvoller nun jemand ist, desto mehr wird er zu der Ansicht neigen, der eigne Schöpfer eines großen Gedankens zu sein; je schwächer und weicher hingegen, um so leichter wird er glauben, die betreffende Idee sei ihm -- eingegeben worden. Im Grunde haben beide recht. Ich bitte, ersparen Sie mir das 'wieso'; ich möchte mich nicht gerne in die schwierige Erläuterung eines allen Menschen gemeinsamen Zentral-Ich's verlieren. -- Was die Erscheinung des grünen Gesichtes bei Klinkherbogk, als Übermittler einer Botschaft oder eines Gedankens, betrifft, -- was, wie ich schon vorhin sagte, dasselbe ist -- so verweise ich Sie auf die wissenschaftlich bekannte Tatsache, daß es zweierlei Kategorien von Menschen gibt: die eine, die in Worten, und die andere, die in Bildern denkt. Nehmen wir an, Klinkherbogk hätte sein Leben lang in Worten gedacht, und plötzlich will sich ihm ein völlig neuer Gedanke, für den es noch gar kein Wort gibt, aufdrängen -- ihm 'einfallen', sozusagen; wie könnte sich dieser Gedanke anders kundgeben, als durch die Vision eines redenden Bildes, das eine Verbindungsbrücke zu ihm sucht, -- in Klinkherbogks, in Herrn Hauberrissers und in Ihrem Falle als ein Mann oder ein Porträt mit grünem Gesicht?«
»Gestatten Sie nur eine kurze Unterbrechung,« bat Hauberrisser. -- »Der Vater Fräulein van Druysens hat, wie Sie kurz nach Ihrem Eintritt im Laufe der Schilderung Ihres Besuchs bei Klinkherbogk erwähnten, den Mann mit dem erzgrünen Gesicht wörtlich den 'Urmenschen' genannt, -- ich selbst hörte meine Vision im Vexiersalon sich mit einem ähnlichen Namen bezeichnen, -- Pfeill glaubte, das Porträt des Ewigen Juden, also ebenfalls eines Wesens, dessen Ursprung weit in der Vergangenheit zurückliegt, gesehen zu haben, -- wie erklären Sie, Herr Sephardi, diese höchst merkwürdige Übereinstimmung? Als einen uns allen 'neuen' Gedanken, den wir nicht mit Worten, sondern nur durch ein Bild begreifen könnten, das sich unserm innern Auge darstellt? Ich für meinen Teil, so kindisch es Ihnen klingen mag, glaube viel eher: es ist ein und dasselbe spukhafte Geschöpf, das da in unser Leben getreten ist.«
»Das glaube auch ich,« stimmte Eva leise bei.
Sephardi dachte einen Augenblick nach. -- »Die Übereinstimmung, die ich erklären soll, scheint mir zu beweisen, daß es ein und derselbe 'neue' Gedanke ist, der sich Ihnen allen dreien aufdrängen und verständlich machen wollte, beziehungsweise: noch machen will. Daß das Phantom unter der Maske eines Urmenschen auftritt, bedeutet, denke ich, nichts anderes, als: ein Wissen, eine Erkenntnis, sogar vielleicht eine außerordentliche seelische Fähigkeit, die einstmals in längst vergangenen Zeiten des Menschengeschlechts existiert hatte, bekannt war und in Vergessenheit geriet, will wiederum neu werden, und ihr Kommen in die Welt gibt sich als Vision einigen wenigen Auserlesenen kund. -- Verstehen Sie mich nicht falsch, ich sage nicht, daß das Phantom etwa kein selbständig existierendes Wesen sein _könnte_, -- im Gegenteil, ich behaupte sogar: jeder Gedanke ist ein solches Wesen. -- Der Vater Fräulein Eva's hat übrigens den Ausspruch getan: 'Er -- der Vorläufer -- ist der _einzige Mensch_, der _kein_ Gespenst ist'.«
»Vielleicht verstand mein Vater darunter, dieser Vorläufer sei ein Wesen, das die Unsterblichkeit erlangt hat. Glauben Sie nicht?«
Sephardi wiegte bedächtig den Kopf. -- »Wenn jemand unsterblich wird, Fräulein Eva, bleibt er als unvergänglicher Gedanke bestehen; gleichgültig, ob er zu unsern Gehirnen als Wort oder als Bild Zutritt zu erlangen vermag. Sind die Menschen, die auf Erden leben, unfähig, ihn zu erfassen oder zu »denken«, -- so stirbt er deswegen noch nicht; er wird ihnen nur ferne gerückt. -- -- -- Um auf den Disput mit Baron Pfeill zurückzukommen: ich wiederhole, ich kann als Jude von dem Gott meiner Väter nicht weg. Die Religion der Juden ist in ihrer Wurzel eine Religion selbstgewählter und absichtlicher Schwäche, -- ist ein Hoffen auf Gott und das Kommen des Messias. Es gibt, ich weiß, auch einen Weg der Kraft. Baron Pfeill hat ihn angedeutet. Das Ziel bleibt dasselbe; in beiden Fällen kann es erst erkannt werden, wenn das Ende erreicht ist. Falsch ist an sich weder der eine noch der andere Weg; unheilvoll wird er erst dann, wenn ein Schwacher, oder ein Mensch, der voll Sehnsucht ist wie ich, den Weg der Kraft wählt, und ein Starker den Pfad der Schwäche. Einstmals, zur Zeit Mosis, als es bloß zehn Gebote gab, war es verhältnismäßig leicht, ein Zadik Tomim -- ein vollkommen Gerechter -- zu sein, heute ist es unmöglich, wie jeder fromme Jude weiß, der sich bemüht, die zahllosen rituellen Gesetze zu halten. Heute muß Gott uns helfen, sonst können wir Juden den Weg nicht mehr gehen. Die darüber klagen, sind Toren, -- der Weg der Schwäche ist nur vollkommener und leichter geworden, und dadurch ist auch der Pfad der Kraft klarer, denn keiner, der sich selbst erkennt, kann sich mehr auf das Gebiet verirren, in das er nicht gehört. -- Die Starken haben keine Religion mehr nötig; sie gehen frei und ohne Stock; diejenigen, die nur an Essen und Trinken glauben, brauchen ebenfalls keine Religion; sie haben sie _noch nicht_ nötig. -- Sie bedürfen keines Stockes, denn sie gehen nicht, sie bleiben stehen.«
»Haben Sie nie etwas von einer Möglichkeit, die Gedanken zu beherrschen, gehört, Herr Sephardi?« fragte Hauberrisser, »ich meine es nicht im alltäglichen Sinne des sogenannten Sichbeherrschenkönnens, das man besser das Unterdrücken einer Gefühlswallung und so weiter nennen sollte. Ich denke dabei an das gewisse Tagebuch, das ich gefunden habe und von dem Pfeill vorhin erzählte.«
Sephardi erschrak.
Er schien die Frage erwartet oder befürchtet zu haben, und warf einen schnellen Blick auf Eva.
In seinem Gesicht malte sich wiederum derselbe Ausdruck von Schmerz, den Baron Pfeill schon früher an ihm bemerkt hatte.
Dann raffte er sich auf, aber man hörte ihm an, wie er sich zum Reden zwang: