Part 9
Der Kanzler war schon bei der Tür und kreischte in die Stube hinaus: »_Reverendissime!_ Quittieren Euer Liebden schleunigst dieses verfluchte Domizilium der Ketzerei! Hier ist kein Fundament für allergnädigste Sohlen.« Man hörte französische Worte, hörte den flinken Schritt der Herrenstiefel, die sich entfernten. Und der Kanzler betrachtete mit flammenden Augen den Christl Haynacher: »Er verlorener Mensch! Ist er beteiligt an dieser unverzeihlichen Todsünde?« Der Bauer schüttelte den Kopf und wehrte kraftlos mit den Händen. »Um seiner Seligkeit willen hoffe ich, daß seine Deklarazion sich als Wahrheit erweist.« Der Kanzler deutete mit dem Krückstock gegen das Bett. »Was mit dem Kadaver zu geschehen hat, das weiß die Hasenknopfin.« Er wollte gehen.
»Herr!« keuchte Christl und streckte in Verzweiflung die Hände. »Alles! Herr! Nur lasset mein gutes Weibl in christlichen Boden tun! Man muß doch wissen, wo man sich findet einmal. Und schauet, Herr, so schauet das Weibl doch an! Man sieht's noch allweil, gnädiger Herr -- mein Weibl ist so fromm und heilig gestorben -- schöner könnt auch der Papst nit sterben!«
Der Kanzler erledigte in sich einen schweren Kampf seines privaten Mitleids mit dem Amtsgewissen. »_Bene!_ Um seinetwillen! Wir wissen, daß er immer ein verläßlicher Sohn der reinen Kirche war. Drum soll ihm konzediert sein, dieses Weib, statt auf dem Freimannsanger, auf seinem eigenen Acker zu verscharren.« Nach diesen Worten menschlicher Barmherzigkeit verließ der Kanzler die rote Kammer.
Kapitel IX
Regungslos, mit schlaffhängenden Armen, stand Christl wie an die Mauer genagelt. Nur seine Augen, die trocken geworden, bewegten sich. So betrachtete er sein Weib, als könnte er die Wahrheit dieser Stunde noch nicht begreifen. Dabei hörte er draußen im Flur den Kanzler mit erregter Stimme sagen: »_Reverendissime!_ Das Fürchterlichste an dieser _chose effroyable_ haben wir noch gar nicht diskutiert. Ein getauftes Kind und ein ungetauftes! Entsetzlich! Die Erbsünde angewachsen an die Erlösung! Der Himmel mit der Hölle verknorpelt! Wie soll man diese unmögliche Kopulation begraben? Hier erwachsen theologische Diffizilitäten von inkommensurablen Konsequenzen!«
Christl Haynacher in der roten Kammer begriff den Sinn dieser Worte nicht. Er verstand nur: daß sein Glück zerschlagen, sein Leben zerbrochen, sein Herz zerrissen war. Und aller Jammer, der in ihm wühlte, rann immer dem unerträglichen Gedanken zu: daß seine Martle, die so heilig gestorben war, nicht in christlichen Boden kommen, sondern ewig ruhelos liegen sollte in ungeweihter Erde. Immer, wenn's einem anderen geschehen war, hatte Christl das als guter Katholik für gerecht erkannt. Jetzt zum erstenmal begriff er es nicht, weil es ihm widerfuhr in seinem eigenen Kummer. Und sind die Herren im Unrecht bei seiner Martle, so waren sie auch bei den anderen nie im Recht, die sie auf dem Freimannsanger, im Wald oder auf ungeweihtem Acker verscharren ließen. »Wenn die Herren Unrecht haben, darf man dawider handeln.« Daß die Martle in geweihten Boden kommt, da braucht der Christl keinen Chorkaplan. Nicht der Kaplan macht es, sondern das geweihte Wasser und der Segen Gottes. Einem braven Weibl, das gestorben ist wie seine Martle, kann Gottes Segen nicht fehlen. Und geweihtes Wasser hat der Christl im Haus. Wie oft es die Martle auch ausschüttete, der Christl hat immer wieder neues heimgetragen. Und wie die Martle ihr Paradiesgärtl unter den Kleien versteckte, so hat der Christl unter dem Heu den Gutter mit dem Weihwasser verhuschelt. Jetzt wird es den Acker heilig machen, in dem die Martle ihre Ruhstatt findet. Tät es ein Unrecht sein, so kann es der Christl beichten. Keinem Chorkaplan im Markt. Da wird er über den Lattenberg hinüber steigen müssen ins Bayrische, wo die Pfarrherren gutmütiger und drum auch christlicher und geduldsamer sind. So wollte er's machen. Dabei glaubte er ein guter Katholik zu sein und wußte nicht, daß es genau so bei jedem anderen begonnen hatte, der ein Unsichtbarer geworden, weil er Unrecht leiden oder Unrecht sehen mußte. Nicht die Zweifler machen den neuen Glauben, die Unduldsamen im alten säen ihn aus, und die Geplagten in ihrer Sehnsucht ernten ihn.
Auf den Boden hinfallend, klammerte Christl die Arme um den Kopf seines Weibes und lallte an ihr kaltes Ohr: »Dein Wasen wird heilig sein. Das Büchl hab ich ihm lassen müssen, ein Herr ist stärker als hundert Bauren.« Die Augen eingepreßt in das feuchte Kissen, lag er unbeweglich, bis der rote Schein sich verwandelte in graue Dämmerung. Die Hasenknopfin kam und sagte: »Ich hab gekocht, jetzt mußt du dem Bübl das Mus geben. Von mir nimmt es nit.« Weil der Christl sich nicht rührte, half sie ihm, sich aufzurichten. »Auch die Küh brüllen schon die ganze Weil. Die mußt du melchen.« Während sie ihn hinausführte, warf er einen scheuen Blick auf den Stubentisch. Da war nichts mehr. Er fragte nicht: Wo ist es? -- atmete nur auf, weil das Fürchterliche nimmer da war, das seiner Martle das Leben zerrissen hatte.
Beim Ofen brannte die rußende Specklampe. Das Bübl war schläfrig, öffnete aber gleich das Mäulchen, als es den warmen Holzlöffel an den Lippen fühlte. »Kindl, wie hast du's gut! Du tust nichts wissen.«
Die Hasenknopfin arbeitete in der Küche. Manchmal hörte Christl ein Gemurmel von Stimmen, ein Pochen an den Fenstern, ein Klopfen an der Haustür. Alles war ihm, als käm' es aus weiter Ferne und gälte irgend einem, nicht ihm. Er legte das sattgewordene Bübchen in die Kissen, blieb auf der Ofenbank und schaukelte mit dem Fuß den schweren Wiegenkasten. Draußen war es finster geworden. Auch still. Da kam die Hasenknopfin halb zur Tür herein und sagte: »Christl, ich geh.«
»Wohl!« Er nickte. »Vergeltsgott, Weibl! Mit der Zahlung mußt du mir Zeit lassen bis morgen.«
»Nit nötig, Christl! Für die Schwester Martle ist alles umsonst.« Es schien, als möchte sie noch etwas sagen. Aber sie schwieg und ging und zog hinter sich die Tür zu.
Den kleinen weißen Pack auf ihren Armen hatte Christl nicht gewahrt. Er dachte immer nur dieses Eine: >Jetzt muß ich es tun!< Als das Bübchen schlief, machte er den Docht der Specklampe klein, zündete eine Laterne an, ging in den Stall, molk und fütterte die Kühe und goß in der Steinkammer die Milch in die hölzernen Rainen. Beim Heuholen hatte er auch gleich den Gutter mit dem versteckten Weihwasser vom Dachboden mit heruntergebracht. Aus dem Stiegenwinkel kramte er die Spitzhaue und den Spaten hervor, löschte die Laterne und verließ das Haus. Der Föhn war stumm geworden. In der Nachtkühle begann der Schnee zu gefrieren. Sterne funkelten am Himmel. Der abnehmende Mond war über die Seeberge noch nicht heraufgestiegen, strahlte wohl schon die Zacken des Wazmann an, ließ aber das Tal noch finster. Gegen den Untersberg sah man die erleuchteten Fenster des Stiftes glänzen, als hätte die Erde viel größere Sterne, als der Himmel sie hat.
Gleich außerhalb der Hecke lag der Gerstenacker des Christl. Das Feld hatte schon einen schneefreien Fleck -- es war die gleiche Stelle, an der im Sommer immer so viele Blumen im Getreide blühen. Muß da der Boden nicht wärmer sein als anderswo? Hier begann der Christl zu graben. Und grub und grub. Dann sprengte er die Hälfte des Weihwassers über das Grab, betete ein Vaterunser, streckte die verkrampften Fäuste zum Himmel hinauf und bettelte: »Gelt, tu den Ackerboden segnen, Herrgott, in den ich das Martle hineintun muß!« Das alles war leicht gewesen. Jetzt kam das Schwere. Er ging zurück ins Haus. Da trat ihm aus dem Nachtschatten der Hecke jemand entgegen: »Nachbar? Brauchst du nit einen, der dir tragen hilft?«
Christl mußte um Atem ringen, bevor er antworten konnte: »Wohl, Mensch! Ich zahl dich gut.«
»Nit nötig!« erwiderte der andere. »Für die Schwester Martle ist alles umsonst.«
Erst in der Stube erkannte Christl in dem Mann einen alten graubärtigen Bauer von Unterstein. Im Leilach trugen sie die Martle zum Acker. Als sie zur Grube kamen, standen fünfe oder sechse neben dem Hügel. Alle halfen, um die Martle sanft hinunterzulegen. Noch andere kamen aus der Nacht herausgeschritten, Männer und Weibsleute. Christl hatte keine Tränen, kein Wort. Immer knirschten ihm die Zähne. Er haßte und verfluchte sie alle, die zum Grab seines Weibes kamen, und war doch einem jeden dankbar.
Als die Martle drunten lag, nahm Christl den Krug und wollte geweihtes Wasser auf den weißen Schimmer hinuntersprengen. Da faßte ein Weib erschrocken seinen Arm und flüsterte: »Nit, du! Das ist falschgläubig!« Schon wollte Christl im Zorn erwidern. Da schob der alte, bärtige Bauer das Weib beiseite und sagte leis: »Laß du den Christl tun, wie er meint, daß es gut ist! Magst du nit duldig sein, wie willst du hoffen, es sollen die anderen duldig werden gegen dich und uns?« Er faßte den Spaten und legte die ersten Schollen sacht in die Grube. Eines ums andere nahm die Schaufel. Der weiße Schimmer da drunten verschwand, die Erde wuchs aus der Tiefe herauf. Und während Christl auf den Knien lag, das Gesicht in die Hände vergraben, zuckend und schauernd, fing der alte Fürsager der Unsichtbaren von Unterstein mit leiser Stimme zu reden an.
Auf der nahen Straße kam ein Klirren und Klingeln aus der Nacht heraus, kam immer näher. Erschrocken fuhr Christl auf: »Die Herren!«
»Nit!« flüsterte ein Mädel. »Es ist der Bräuschlitten. Der geht zum Königssee.«
Man sah ihn gleiten, schwarz vor dem weißen Schnee, wie sonst beladen mit den zehn, zwölf kleinen Fässern. Nur ein Ding war anders als sonst: hinter den zwei dampfenden, klingeligen Pferden saß der Bräuknecht nicht allein auf dem Bockbrett. Neben ihm, dick eingewickelt in Mantel und Kapuze, kauerte eine kleine rundliche Frau. Die Mutter Agnes. Sie war der Meinung gewesen, daß sie ihrem Buben noch besser ins Herz zu reden verstünde, als es der süße Krapfen mit dem Zwibebenkränzl fertig brächte. So hatte sie ihrem verstörten Mann diese Nachtfahrt abgetrutzt. Und während sie vor sich hinsah in den Dampf, der von den klirrenden Pferden aufging, überlegte sie die Mahnworte, die sie ihrem Buben sagen wollte, um ihn wieder auf die rechte Glaubensstraße heraufzuziehen.
Bei den Untersteiner Häusern, zwischen denen es wunderlich lebendig war, kam der Schlitten in den Mondschein. Nach einer Weile hielt er am See. Zwei Lehrburschen des Bartholomäer Fischmeisters erwarteten ihn am Ufer. »Du,« sagte der eine zum anderen, »du bringst den Bierkasten allein übers Eis. Ich nimm die Mutter Agnes auf den Beinschlitten. Da geht's flinker. Aber Schneid mußt du haben, Weibl! Heut ist ein ungutes Fahren. Der Föhn hat die Frageln bös ausgebissen.«
»Das tut nichts!« sagte Mutter Agnes und trippelte über das Eis hinaus. »Wer redlich schnauft, steht allweil in Gottes Hut. Fahr los!« Der junge Knecht stellte sich hinter ihr auf das Brett und brachte den Beinschlitten in sausende Fahrt, weil es, je flinker, um so ungefährlicher war. Manchmal zischte der Schlitten durch breite Wasserflächen, von denen sprühende Tropfenfahnen in die Luft rauschten. Ein paarmal ging es über Frageln hinüber, die schon so sehr erweitert waren, daß der Beinschlitten einen bedrohlichen Hupf machte. Frau Agnes mußte sich tüchtig anklammern. Seufzend dachte sie: >Mein Leupi tät mich sänftlicher fahren!< Auch heut dröhnte das Eis, doch das Licht des Mondes war matt, und Dunst umschleierte die Bergwände. Ein paar hundert Schritte vom Ufer lag eine schwarze Wasserfläche. Der junge Fischer mahnte: »Obacht, Meisterin!« Die Warnung kam zu spät. Der Beinschlitten machte einen tischhohen Sprung, und als er niederklatschte, löste sich Frau Agnes vom Brett und kollerte durch das handtiefe Wasser. Das Erbarmen des jungen Knechtes bestand darin, daß er fürchterlich lachen mußte. »Aber, aber,« schmollte Mutter Agnes, während sie sich heraushob aus der dunklen Wassersuppe, »wozu so viel überflüssige Müh, ich bin doch schon getauft.« Es rieselte von ihr. Und so kalt war's, daß sie zu schnattern begann.
Jetzt verging dem Buben das Lachen. »Gelt, tust mir die Lustigkeit nit verübeln, Frau?«
»Gott bewahr! Lach, wie du magst! Das Lachen erlöst von der Zeit!«
Um die Zitternde noch ungefroren ans Ufer zu bringen, stachelte der junge Fischer wie verrückt und schrie dabei mit gellender Stimme: »Leupi! Leupi! Leupi!« Weil man zu Bartholomä den Bierschlitten erwartete, waren die Mannsleute und auch die Fischmeisterin noch wach. Sie kamen gelaufen. Neben der weißen Kirche fuhr der Beinschlitten ans Ufer, und Leupolt erkannte die Mutter. »Herr Jesus!« lachte er in seiner Freude. Als er ihre starren Hände und den hartgefrorenen Mantel fühlte, wurden ihm die zwei gleichen Worte zu einem Schreckenslaut: »Herr Jesus!« Er schlang die Arme um die Mutter und hob sie vom Boden auf.
»Geh!« wehrte sie erschrocken. »Du wirst mich ja doch nit tragen wollen! So ein Endstrumm Weiberleut!«
»Ich trag einen Zwölferhirsch vom Berg herunter. Schwerer wie ein liebes Muttertierl bist du nit!« In Sorge rief er: »Fischmeisterin! Trückene Wäsch für die Mutter! Und heiße Weinsupp einen ganzen Hafen voll!« Er sprang zum Jägerkobel, über die Freistiege hinauf und flink in seine Stube, in der die Lampe brannte und der Ofen noch schöne Wärme hatte. Bis er die Mutter aus dem gefrorenen Mantel schälte und die Schuhe von ihren Füßen brachte, kam die Fischmeisterin mit Bettzeug und Wäsche. Leupolt hängte Mantel und Schuhwerk über das Ofengestäng und schob die langen Buchenscheite so reichlich in die Glut wie ein Bäcker, wenn er backen muß vor einem großen Feiertag. Dann verließ er die Stube. Draußen stand er auf dem schmalen Söller. Aus der Stube hörte er den Sorgenjammer der Fischmeisterin und die munteren Antworten seiner Mutter. Er wußte, daß sie sich am heitersten zu geben verstand, wenn sie verbergen wollte, daß ein Schweres auf ihrem Leben lag.
Warum kam sie?
Die Fischmeisterin trat aus der Stube. »Die Mutter liegt schon. Den Glühwein bring ich gleich.« Sie faßte den Jäger am Arm und sagte leis: »Ich mach mir ein bißl Sorg.«
Leupolt erschrak. »Meinst du, sie hätt sich verkühlt?«
»Das nit. Aber du weißt doch: wenn's morgen föhnt, und es gibt einen linden Tag, so druckt er das Eis noch ganz in Scherben. Und das Weibl kann sitzen müssen in Barthelmä, wer weiß, wie lang.« Das war so. Er selber hatte schon dran gedacht. Dennoch wär' es ihm lieber gewesen, wenn die Fischmeisterin das nicht gesagt hätte. Sie und ihr Mann, ihr Mädel, ihre zwei Buben, die drei Fischerknechte und der Platzjäger, alle waren sie evangelisch, von den Unsichtbaren des Berchtesgadnischen Landes die Ungestörtesten. So lange Frau Agnes im Hause war, mußten die Neun sich hüten, konnten am Abend nicht Frag und Antwort geben nach dem Spangenbergischen Katechismus, nicht vorlesen aus dem heiligen Buch.
Aus der Stube klang es ungeduldig: »Bub? Wo bleibst du?«
»Ja, Mutter!« Zur Fischmeisterin sagte er hart: »Ich will's überlegen.« Es verdroß ihn, daß es Menschen gab, denen seine Mutter nicht willkommen war. Er trat in die Stube. Frau Agnes, angetan mit einem weißen Kittelchen, das zu eng war, saß in dem klobigen Jägerbett wie ein Hühnchen im Metzenkorb. Lächelnd streckte sie ihrem Sohn die Hände entgegen: »Bub! Jetzt wird's aber gleich einen Streit geben!«
»Zwischen dir und mir?« Er setzte sich auf den Bettrand. »Wär das erstmal im Leben!«
»Doch, Bub! Wenn ich dir sag, warum ich gekommen bin, so glaubst du's nit.«
»Dir glaub ich alles.«
Sie nahm dieses Wort wie eine Hoffnung. »Bub, ich bin übers Eis gefahren, bloß daß ich dir einen süßen Krapfen bring.« Das glaubte er nun wirklich nicht. Frau Agnes nickte. »Wohl! Greif nur hinein in den Mantel! Da steckt er. Hoffentlich ist er nit auch getauft worden.«
Leupolt ging zum Ofen. Richtig! Aus dem Mantel kam ein zusammengeknüpftes Tüchelchen zum Vorschein. Der Inhalt duftete so fein, daß man seine Wesensart auch ohne Jägernase gewittert hätte. »Aber Mutter!« Leupolt lachte, und Frau Agnes bekam zwischen den Brauen eine Falte, als hätte sein sorgloses Lachen ihr wehgetan. Er ging zum Tisch, knüpfte das Tüchelchen auseinander und wickelte den goldgelben Krapfen heraus. Schon wollte er hineinbeißen. Da sah er das Zwibebenkränzl, wurde ernst und drehte rasch das Gesicht über die Schulter. »Mutter?«
»Ja, Bub! Den hab ich keinem anderen nit anvertraut.«
Er brach das Backwerk ruhig entzwei, fand das kleine Schilfröhrchen und nahm den dünn zusammengerollten Zettel heraus. Als er die Schrift sah, fragte er verwundert: »Das ist doch Vaters Hand nit?«
»Derweil ich den Teig gerührt hab, hat der Meister den Zettel geschrieben.«
Seine Augen wurden groß. »*Wer*, Mutter?«
»Ihr Vater. Der Meister Niklaus.«
Heiß schoß ihm das Blut in die Stirn. Die Hand zitterte ihm ein bißchen, während er die Lampe von der Mauer herunternahm, um besseres Licht beim Lesen zu haben. In Sorge betrachtete ihn die Mutter und begriff nicht, daß er so ruhig bleiben konnte. Als er gelesen hatte, ging ein Lächeln um seinen Mund. Eine Weile sah er stumm vor sich hin. Dann sagte er: »Mutter, jetzt muß ich was Ungutes verlangen von dir. Gibt's morgen einen föhnigen Tag, so wüßt man auf Wochen nimmer, wie man hinauskäm. Ich muß dich, eh der Nachtfrost auslaßt, auf den Schlitten setzen. Sorg mußt du nit haben. Ich weiß den trockenen Weg und bring dich gut wieder heim. Am Morgen muß ich draußen sein. Ich mag mich nit suchen lassen. Ich will mich stellen.«
Frau Agnes entfärbte sich, versuchte aber doch, ein heiteres Wort zu finden. »So! Jetzt bin ich umsonst ins Wasser gekugelt. Freilich, tiefer als bis aufs Häutl ist's nit geronnen. Altes Leder ist wasserdicht.« Sie wollte lachen, streckte aber plötzlich die Hand und flüsterte: »Leupi? Muß das sein?«
»Was anderes weiß ich nimmer.«
Sie wollte fragen: Weißt du, was dir bevorsteht? Aber das verschwieg sie. »Bub? Alles Grobe wird linder, wenn man ihm Zeit laßt. Wer weiß, wie die Herren denken über drei Wochen? Wenn du vor Tag hinaufsteigen tätst zum Hegerhäusl am Fundensee? Und tätst dich bis über Ostern einwehen lassen im sicheren Hüttl?«
Er kam zum Bett und nahm ihre Hand. »Da tät der Wildmeister sagen: ich wär ein schlechter Jäger, der nit weiß, daß vor der Osterzeit da droben kein Wild nit steht. Die Steinböck, die das Tal nit mögen, sind ausgestorben.« Er winkte gegen den Zettel hinüber. »Weißt du alles?«
»Von ihrem Vater.«
»Tust du mir's verdenken?«
»Was?«
Er wußte nicht, wie er es sagen sollte. Da fiel ihm das Wort ein, das Pfarrer Ludwig zu ihm gesprochen hatte: »Daß ich wegspringen hab müssen über dich und den Vater?«
»Geh, du Närrle! Das zählt doch nit. Jetzt geht's um *dich*!« Sie zog ihn näher zu sich heran. »Den guten Rat, den der Meister gegeben hat? Magst du den nit ein bißl nutzen?«
»Lügen?« Er schüttelte den Kopf. »Tätst du das christlich heißen?« Seine Stimme wurde leis. »Und an das Mädel mich anhängen mit einer Falschheit? Mutter, das geht nit. Da ist sie mir viel zu gut dazu!«
»Die?« Frau Agnes verlor die Ruhe. »Die dich hineinstoßt in Eisen und Not!«
»So ist das nit. Einer geht über den Berg und muß hintreten auf einen Stein, der ins Laufen kommt. Da kann man nit wissen, daß der Stein einem Bäuml ins Leben schlagt. Wie fromm sie ist, das weißt du doch. Schau, da hat ihr halt eine Stimm in der Seel geboten: Red!« Er lächelte, fast wie ein Glücklicher. »Jetzt weiß ich doch, daß sie an mich hat denken müssen.«
Erschrocken sah Frau Agnes ihren Buben an. »So lieb hast du sie?«
Seine Augen glänzten. »Lieber als mein Leben. Ich bin so, daß ich mir auf der Welt bloß ein einziges Glück weiß. Sonst kein anderes. Da heißt's halt: finden oder dran vorbeirutschen.«
Sie klammerte den Arm um seinen Hals. »Wenn du sie so lieb hast? Wär's da nit denkbar, daß sie dich wieder hinüberzieht --« Sie stockte. »Auf den alten und guten Glaubensweg?«
Leupolt blieb unbeweglich und stumm.
»So tu doch reden, Bub!«
Da sagte er schwer und langsam: »Wenn's für einen so kommt, daß Blut und Glück ein ander Ding werden als Seel und Wahrheit? Mutter, das ist hart. Aber wie man da gehen muß, da ist kein Zweifel nit. Gott, um die Menschheit zu erlösen, hat den eigenen Sohn gegeben. Muß da nit der Mensch die Kraft haben, um Gottes Willen zu geben, was ihm lieber ist als Sonn und Freud?« Er fühlte ihre heißen Tränen an seinem Hals und umschlang sie. »Einmal müssen wir reden drüber. Nit jetzt. Lieber auf dem Heimweg. Die Stub hat hölzerne Wänd. Ich mag nit, daß dir einer in Spott oder Unmut nachredet, was du mir sagen mußt. Da drüben in der anderen Kammer --« Er verstummte, riß sich aus dem Arm der Mutter, sprang hinüber zum Ofen und warf das Schilfröhrchen und den heimlichen Zettel ins Feuer. Das war geschehen, bevor Frau Agnes fragen konnte: »Was ist denn?«
»Die Hausmutter kommt.«
Nach einer Weile klangen die Schritte der Fischmeisterin auf der Freistiege. Sie kam mit dem dampfenden Glühweinkrug und brachte einen Brotwecken und geräucherte Saiblinge. »Sooooo!« Die Frau warf einen spähenden Blick auf Leupolt. Er sagte ruhig: »Grad reden wir drüber, daß die Mutter vor Tag hinaus muß übers Eis. Morgen könnt harter Weg sein. Aufstehen braucht keiner im Haus. Ich mach schon alles.«
Da war die Fischmeisterin verwandelt in ein gefälliges Weibl, schwatzte immer zu, putzte die Saiblinge, schnitt das Brot und ließ den heißen Becher nicht leer werden. Frau Agnes mußte reichlicher schlucken, als sie wollte. Wenn das Zureden der Fischmeisterin nimmer nützte, sagte Leupolt: »Trink nur, Mutter! Da kriegst du einen festen Schlaf.« Er saß auf der Ofenbank, verzehrte den Krapfen und griff immer wieder in die Höhe, um zu fühlen, ob die auf den Stangen hängenden Kleider trocken würden. Der Glühwein, die heiteren Worte, mit denen Mutter Agnes ihre Sorge verschleierte, und die drolligen Scherzreden der Fischmeisterin machten die Nachtstunde in der kleinen Stube so lustig, daß ein fremdes Ohr auf drei Menschen hätte raten können, die ferne waren von allem Zeitkummer. Als die Fischmeisterin endlich nach einem letzten Spaß die Stube verließ, sagte sie das »Gelobt sei Jesus Christus!« wie eine gute Katholikin. Sie und ihre Leute verstanden sich aufs Unsichtbarmachen. Bei den häufigen Besuchen der Chorherren, die das Schlößl zu Bartholomä nicht nur zum Jagen besuchten, auch häufig in Begleitung, um _à la mode_ ein bißchen Pariserei zu treiben -- bei diesen Besuchen hatten es die Fischmeisterleute gelernt, ihren Seelenwandel unverdächtig zu machen. Sie wußten geschickt von einander zu trennen, was Religion und Brotkorb hieß. Die Fischmeisterei zu Bartholomä war eine einträgliche Stellung, für die man schon einige Rosenkranzperlen bewegen konnte.
Leupolt schien anders zu denken. Während die Fischmeisterin sich gutgläubig entfernte, blitzte der Zorn in seinen Augen. Stumm erhob er sich und drehte auf der Ofenstange den Mantel der Mutter um. Frau Agnes nahm den glühenden Kopf zwischen die Hände und versuchte zu lachen. »Bub, ich hab ein Quartl zu viel verschluckt. Die Hitzen fahren mir auf, als wär der Teufel zu unterst in mir.«
»Oft sagt man Teufel. Und da ist's die beste von aller Lebenswärm. Jetzt muß ich mich nimmer sorgen, daß du dich verkühlt hast. Gut schlafen wirst du auch.« Sie tat einen schweren Atemzug. Mit dem Beten wartete sie um seinetwillen, bis er die Lampe ausgeblasen hatte. In der Finsternis sagte Leupolt: »Gut Nacht, Mutter! Ich weck schon, wenn es sein muß.« Er streifte die schweren Schuhe von den Füßen, zog den Kittel aus, legte ihn als Kissen auf die Ofenbank und streckte sich hin. Flüsternd wiederholte Mutter Agnes: »Wenn es sein muß?« Bei diesen vier Worten sah sie den Kanzler, den Richter, den Pfahl mit dem Eisen und das kommende Leiden ihres Sohnes. »Bub?« Gleich erhob er sich und ging auf den Strümpfen zu ihrem Bett. Sie suchte im Dunkel seine Hand. »Sag mir, Leupi, tust du denn nimmer beten?«
»Wohl, Mutter! Fleißiger, wie sonst.«
»Was betest du?« fragte sie in Angst.