Part 38
Meister Niklaus hob das blasse Gesicht. »Einsam werden ist das Grauenhafteste des Lebens. Mein Weib versunken, mein Kind ins Kloster gesteckt -- um *Gottes* willen!« Er hob die hölzerne Hand und betrachtete sie. »Daß ich es überleben hab können? Ich glaub, am Leben hat mich nur die Hoffnung gehalten, daß ich *doch* wieder schaffen könnt -- einmal.« Wieder streckte er die künstliche Hand vor sich hin. »*Das* ist das Leichtere gewesen.« Er nahm den Kopf zwischen die Fäuste, und seine Stimme wurde tonlos. »Das andere hat erst angefangen, wie ich gemeint hab, ich wär schon wieder ein ruhiger Mensch. Fünf Jahr lang hab ich nimmer gewußt, daß ich an Leib und Blut noch allweil ein Mannsbild bin. Und gählings -- wie ein schweres Leiden, das kommt, man weiß nit wie -- hat's angefangen: die Ruhlosigkeit in den Nächten, am Tag das Nachschauen hinter den Weibsleuten, das Händzittern, wenn mir ein junges Geschöpf in die Näh gekommen ist. Nur Eine, die allweil bei mir war, hab ich nie drum angesehen. Sie ist mir immer das kleine Mädel gewesen, als das sie zu uns ins Haus gekommen ist. Und ist schon über die achtzehn Jahr gewesen. Im Frühling einmal, da hat sie sich im Garten einen Dorn in den Finger gestoßen und ist gekommen: ich sollt ihr helfen. Und wie ich sie bei der Hand hab und frag: Tut's weh? -- und sie schüttelt den Kopf, da hab ich spüren müssen, wie sie zittert. Ich schau sie verwundert an. Und gählings merk ich, wie schmuck sie geworden ist. Mir ist der Teufel ins hungrige Blut gefahren --«
»Was für einer?« fragte der Pfarrer. »Der von der Gottsaugenuhr?«
Niklaus, ohne zu hören, redete vor sich hin: »Ich bin erschrocken über mich. Und hab sie fortgeschoben. Und da brennt ihr Gesicht wie Kohlenglut. Sie schaut mich an mit ihren treuen, barmherzigen Tieraugen und sagt: >Was liegt an mir? Der Meister muß Ruh haben<.«
Zwei leise Worte: »Heilige Menschheit!«
Der andere schwieg. Nach einer Weile sagte er in Qual: »Sie hat sich um meinetwegen zerschlagen mit Vater, Mutter und Geschwistern, hat ihr junges Leben hingelegt vor meine Füß und hat gegeben, wie man ein Kräutl gibt, das heilsam ist für Not und Trauer eines Menschen. Kann sein, es ist ein Unrecht gewesen, daß ich genommen hab. Hungert einer, so stiehlt er beim Bäcken. Nie hab ich sie lieb gehabt. Ich bin ihr nur gut gewesen, nur dankbar.« Er preßte die Zähne übereinander. »Wie mein Kind wieder im Haus gewesen ist, hab ich einen Riegel fürgeschoben und hab die Sus nimmer angerührt. Allweil ist ihre treue Sorg um mich die gleiche geblieben. Jedes andre -- kann sein, ich selber -- hätt heut in der Werkstatt fallen lassen, was ich in Müh geschaffen hab. Die Sus hat helfen müssen. Wie's zugegangen ist, das weiß ich nit. Ich weiß nur, die Sus ist so. Sie muß dran sterben. Ich leb.« Langsam hob er das Gesicht. »Pfarrer! Tät man einen verblutenden Leib noch anbinden können an einen Lebendigen, so müßt ich bitten: du sollst mich trauen mit der Sus!« Er wandte die Augen zur Krippenwand. »Jetzt hab ich sie lieb.«
Schweigend trat der Pfarrer auf ihn zu und strich ihm mit der Hand übers Haar. Dem Meister fuhr das Gesicht herum, weil er draußen einen Schritt vernahm. Simeon Lewitter trat in die Stube. Und Niklaus, vom Sessel aufzuckend, keuchte: »Ist Hilf?« Ohne die Antwort abzuwarten, sprang er auf die Türe zu. Simmi breitete wehrend die Arme auseinander: »Nit! Tu bleiben!« Er führte den Zitternden wieder zum Sessel und sprach zu ihm in seiner sanften, halblauten Art. Der Pfarrer, schweigend, ging zur Holzverschalung der Mauer und drückte auf den versteckten Knopf. Lautlos öffneten sich die beiden Flügeltüren der Krippe. Die sonnige Fensterhelle leuchtete hinein in die Nische, machte alle Farben der hundert Figürchen flimmern, umglänzte die drei Gestalten unter dem Kreuze, gab dem Frühlingsbild der zierlichen Landschaft einen warmen Schein -- und ohne daß die kleinen Lampen brannten, glitzerten die winzigen, aus Glassplittern gebildeten Fenster an Kirche und Hütten, als wär's um die Morgenstunde, die einen strahlenden Tag verspricht.
»Komm, Nicki! Oder wär's nit so in dir, daß du beten mußt?«
Nun standen die drei Männer wortlos vor der Nische, jeder mit dem Arm um den Hals des anderen. Dieses Schweigen war das verbrüderte Gebet ihres duldsamen Glaubens, war das ungesungene Lied ihres gemeinsamen Harrens auf einen Menschenmorgen, der kommen mußte -- nach Jahrhunderten, meinte der eine; nach Jahrzehnten, glaubte der andere; bald, so hoffte der dritte.
Auf den Kirchtürmen schlugen die Glocken mit schwebendem Hall die erste Mittagsstunde.
Das war die gleiche Stunde, in der die siebenhundert vom großen Jagen aus dem Land Gepeitschten ihr letztes Gebet auf heimatlichem Boden zum Himmel sangen.
Sie hatten die steigende Wegstrecke vor dem Hallturm erreicht. Alle Gesichter der Wandernden waren der Ferne zugerichtet, der sie entgegenschritten. Nur die Augen der Kranken, die, mit den Köpfen gegen die Zugtiere, gebettet lagen im Wagenstroh, waren rückwärts gerichtet nach dem Lande, das sie verließen. Und plötzlich, während die lange Karrenzeile schwerfällig hinaufkletterte über die Steigung, hob der hundertjährige Jakob Aschauer die dürren, gichtisch verkrümmten Hände aus den Strohhalmen, tat einen klagenden Schrei und griff mit zuckenden Fingern gegen die blaue Heimat, die schon versunken war hinter Hügeln und Gehölzen und noch ein letztesmal heraufstieg mit gewellten Frühlingswiesen, mit blitzenden Gewässern, mit sammetgrünen Fichtengehängen, mit sonnbeglänzten Dächern und Mauern, mit den erwachenden Almen und den kettengleich ins Endlose geschichteten Silberkanten der noch von Schnee umschütteten Zinnen. Und alles hineingewoben ins reine Blau, alles umschmeichelt von warmer Sonne, alles umgossen vom schönen Frieden der lautlosen Ferne. Wieder ein Klagelaut, so schrill wie ein Falkenschrei. Und die mühsame Stimme des Hundertjährigen: »Leut! Ihr Leut! Ach luget sell naus! Das Ländl! Das liebe Ländl! Das Paradeis, aus dem sie uns alle verjagen!«
Das faßte einen um den andern; alle Gesichter wandten sich; hundert Stimmen rannen zusammen; der Zug der Wagen staute sich; die Viehtreiber ließen die Stricke der Tiere fallen, um die Fäuste vor die Augen zu pressen; viele Kinder fingen zu weinen an und klammerten sich an die Röcke, an die Hälse der Mütter; Männer und Buben umschlangen sich mit den Armen, und die siebenhundertfache Trauer und Liebe floß ineinander zu einem einzigen, machtvollen Seelenschrei, der ähnlich war dem Brausen eines stürzenden Wildbachs. Die Arme breiteten sie aneinander wie Gekreuzigte, sie schrien verzückte Laute in das Hallgewoge dieses hundertfältigen Schmerzes und griffen nach der Erde, die sie verlassen mußten für immer. Kein Fluch und keine Verwünschung war zu hören. Nur Segensworte, nur Laute der inbrünstigen Treue. Und Leupolt Raurisser, um dessen Schultern die schwarzweißen Bänder des Führers flatterten, hob neben dem Wagen des Hundertjährigen die Hände gegen das Blau. Sein Gesicht war entstellt. Aus seinen Augen, die trocken geblieben waren in der härtesten seiner Qualen, stürzten die Tränen, während er mit klingender Stimme den Psalm begann:
»Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen --«
Die Siebenhundert fielen ein, auf den Wagenbrettern und im Staub der Straße lagen sie auf den Knien, und ihr betendes Lied, ihr letztes auf dem Boden der Heimat, schwamm in den Lüften wie das Feiertagsgeläut einer schönen, heiligen Glocke.
Als sie zu tönen anfing, kamen aus einem Seitentälchen zwei alte Leute, ein kleines Weibl mit kurzem Rock und ein langes, geselchtes Mannsbild mit weißem Schnauzer. Vor einem schwerbeladenen Karren, an den drei Ziegen und ein Geißbock angebunden waren, hingen die beiden in den Zugriemen. Beim Hall des Liedes blieben sie stehen und guckten, das Weib in Rührung, der Lange auf eine verdutzte Art, als wäre ihm etwas unverständlich an den Klängen, die ihm entgegenrauschten. Er riß die Augen auf und atmete schwül. In seinem braunen Gesicht erwachte etwas, wie der Spiegelschein eines erschrockenen Gedankens. Immer härter schnaufend, sah er sein Weibl an. »Du! Schneckin!«
»Was?«
»Wir zwei gehören da nit dazu. Die Leut da müssen einen Glauben haben als wie ein Baum. Der unser ist bloß ein Stäudl, geht hin und her und wackelt bei jedem Wind. Wir zwei, verstehst, wir zwei gehören sell hin, wo der Bockmist düftelt.« Er hatte den Karren schon gewendet. Die Schneckin begann zu weinen und der Hiesel knurrte: »Kreuzhöllementsverteufelter Himmelhund, verstehst du denn nit, du Schneehas ohne Löffel! Das ist doch kein Fürwurf.« Immer bitterlicher weinte das Schneckenweibl. Da wurde der grobe Hiesel barmherzig und legte den Arm um den kleinen, kurzröckigen Stöpsel. »Schau, was Guts hat unsere Narrenschopferei halt doch gehabt. Verstehst?« Das Weib schüttelte kummervoll den grauen Kopf, und tröstend sagte der Hiesel: »So sauber, wie jetzt, ist unser Geißstallerl seit dreißig Jährlen noch nie gewesen.« Die schwimmenden Augen der Schneckin wurden heller. So viel Anerkennung hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nie geerntet. Mit dankbarem Lächeln sah sie am Hiesel hinauf und flüsterte wie ein schämiges Mädel: »Vergeltsgott, Schneck!« Der quieksende Karren mit den Meckerziegen verschwand hinter den Stauden, während auf der Straße die fromme Glaubensglocke der Siebenhundert immer machtvoller und inbrünstiger tönte:
»Ob bei uns ist der Sünden viel, Bei Gott ist viel mehr Gnaden. Sein Hand zu helfen hat kein Ziel, Wie groß auch sei der Schaden. Er ist allein der rechte Hirt, Der Israel erlösen wird Aus seinen Sünden allen.«
Als das Lied zu Ende klang, war tiefe Stille über den siebenhundert gebeugten Köpfen. Leises Schluchzen. Und der hundertjährige Aschauer bettelte mit erloschener Stimme: »Ich kann nit fahren, so lang ich die Heimat seh, ach Leut, ach Leut, ach lasset mich bleiben, so lang ein Aichtl Sonnlicht über dem Ländl hängt. Wenn's finsteret, will ich fahren von Herzen gern.« Das Wort lief hin über die lange Reihe der Karren, und hundert Stimmen riefen: »Wie's der Älteste haben will, so muß man es machen.« Für jeden war's eine tröstende Freude, daß er die Heimat noch schauen durfte einige Stunden lang und sie erst verlassen mußte, wenn die Nacht sie umschleierte.
Nach allem Gram und Kummer dieses Tages hörte man heitere Worte. Alle bedrückten, müdgewordenen Herzen lebten auf, und die schmale Zeile des Exulantenzuges löste sich in die Breite. Die Hirten trieben das Vieh in den Laubwald, um es weiden zu lassen; die Frauen und Mädchen stiegen von den Karren, um die Ziegen und Kühe zu melken, damit die Kinder ihre Milch bekämen; und die Männer und Buben trugen Holz zusammen für die Kochstätten. An die hundert kleine Feuer fingen zu brennen an, und in der Windstille des milden Nachmittages stiegen die Rauchsäulen wie blaue Bäume zum Himmel hinauf.
Die Sonne wurde Gold, die Berge im Osten brannten, die steilen Wälder im Westen wurden eisenblau, und die jungen Buben begannen zu singen wie beim Sonnwendfeuer, wie vor dem Fenster einer Almerin. Und gählings geschah ein Ding, daß alle Leute verwundert die Köpfe streckten. Leupolt Raurisser rannte gegen die Talstraße hinunter, so flink, daß die schwarzweißen Bänder wagrecht hinter seinem Nacken standen. Weil er auf der mit Karren vollgepfropften Straße nicht flink genug vorwärts kam, sprang er im Zickzack zwischen den weidenden Kühen. Und als die Straße frei wurde, fing er ein Rasen an, noch wilder und schöner als zwischen den galoppierenden Dragonergäulen. Weit vor ihm, in der Tiefe der Talstraße, kam ein winziges Fuhrwerkelchen daher: ein Schubkarren mit einem kleinen Koffer. Zwischen der Gabel bewegte sich was Junges, hurtig Zappelndes, mit einem weißen Federbusch auf dem spanischen Hut. Über dem Koffer lag der grüne Mantel, schön gefaltet, weiß überpulvert vom Straßenstaub.
Leupolt schrie den Namen seines Glückes, daß von allen Wäldern ein Echo kam.
Sie hörte den Schrei, setzte den Karren nieder und blieb unbeweglich.
Nun stand er vor ihr, heiß atmend vom jagenden Lauf, mit Augen, die wie Sterne glänzten. Er streckte die Hände und wagte sein Glück nicht zu berühren. Nach der ersten glühenden Scham tat Luisa einen frohen Atemzug. Eine wundersame Ruhe überkam ihr Wesen. Sie sah zu ihm hinauf. »Willst du mich nehmen, Leupi? Ich kann nit leben ohne dich. Gott wird's verstehen. Der hat dich geschaffen. Da muß er auch wissen, wie du bist.«
Er stammelte: »Jesus!« Und wagte zuerst nur ihre Hand zu fassen. Als er den Druck ihrer Finger fühlte, kam's wie ein lachender Taumel über ihn.
Der spanische Hut verlor seinen graden Sitz. Und erst eine sehr beträchtliche Weile später konnte Luisa sagen: »Evangelisch kann ich nit werden. Daß ich im Herzen bei meiner Wahrheit bleib? Tust du mir das verstatten?«
»Bleib, wie du bist, und allweil wirst du die Richtige sein.« Droben auf der Straßenhöhe riefen viele Stimmen seinen Namen. »Die brauchen mich. Komm, Bräutl!« Er wollte die Gabel des Schubkarrens fassen, richtete sich wieder auf und fragte in Sorge: »Dein Vater, Luisli? Kann er denn schnaufen ohne dich? Tut er mir denn mein Glück vergönnen?«
Sie sagte gläubig: »Der kommt uns nach. Heut hat er bekennen müssen und ist eingeschrieben.«
Ein heißer, frohseliger Jauchzer. Und der geduldige Schubkarren mußte noch eine Weile rasten. Hat man sein Mädel um den Hals, so kann man keine Karrengabel in den Händen haben. Und als das Rädl wieder lief, blieb Leupolt stumm. Weil er sinnen mußte. Nun ein heiteres Auflachen. Hundert Schritte vor dem ersten Exulantenwagen stellte er den Karren nieder, nahm den grünen Mantel vom Koffer, schüttelte den Staub davon und faßte die Hand seines Glückes. »Komm! Ich such dir ein feines Plätzl.« Zwischen den Stauden fand er eines. »Schau nur, wie alles blüht um dich herum! Da mußt du warten ein Vaterunser lang.« Er sprang davon, und der Karren mußte sausen, obwohl es aufwärts ging.
Auf dem Rücken eine Sesselkraxe, die er von einem Bauer geborgt hatte, kam er wieder. »Schatzl? Gelt, du hast keinen Wanderschein?«
Sie schüttelte den Kopf. »Weil ich nur dich hab! Mir ist's genug.«
»Aber den Grenzmusketieren nit!« Er konnte nicht ernst werden, immer mußte er lachen in seiner Freude. »Sie täten dich ohne Loskauf, Paß und Polizeiverlaub nit über den Schlagbaum lassen. Schatz, es geht nimmer anders, ich muß dich hinüberschwärzen in unser Glück. Aber deine Füßlen sollen keinen Weg nit machen, der ein Unrecht ist. Hab ich die Freud, so muß ich auch die Schuld haben.« Er ließ sich niederfallen auf die Knie und flüsterte selig: »Komm! Steig auf! Und leg deinen Mantel auf die Krax! Da hast du es linder.«
Ein scheues Zögern, ein leises Auflachen.
Leicht erhob sich Leupolt mit seiner lieben Last. In der Rechten den Stecken, die Linke nach oben gestreckt als Halt für Luisas Hände, so schritt er flink zwischen den Stauden hin, auf versteckten Wegen, wie nur die Jäger sie kennen. Im dämmrigen Fichtenwalde verschwand er.
Eine Weile später ging die Sonne hinunter. Es finsterte schon und die Sterne glänzten, als Leupolt wieder kam, mit der leeren Kraxe auf dem Rücken.
Nun war's lebendig in der Karrenzeile. An der Spitze des Zuges tönten drei Rufe eines Alphorns. Dann fingen die Räder zu knattern an, und die lange Wagenreihe kletterte in der Dunkelheit über den Rest der Höhe hinauf zur fürstpröpstlichen Grenze. Kleine Lichter -- wie Sterne, die auf die Erde gefallen -- waren ausgestreut über die ganze Länge des Zuges: die Wagenlaternen, und in zwei Reihen die Kienlichter, die von den Jungbuben getragen wurden.
Das Paßgeschäft beim Hallturm währte vier Stunden lang. Die Grenzmusketiere nahmen es genau. Es war schon über Mitternacht, als hinter dem Scharwagen mit knarrender Feierlichkeit der berchtesgadnische Schlagbaum herunterfiel. Außerhalb der Grenze ordnete Leupolt den Zug. Und als die Lichterkette sich in Bewegung setzte, sprang er durch den finsteren Hochwald davon. Bei den alten, zerstörten Festungswerken der bayerischen Grenzhut stand er wieder am Saum der Straße. Nicht allein.
Nun schritt er dem Zuge voraus, den Arm um Luisas Schultern geschlungen. Sie hatte den Hut heruntergenommen und trug ihn am Gürtel.
»Luisli? Siehst du den schönen Stern da draußen? Das ist der Nordstern. Sell müssen wir hin. Dort ist das Land des gütigen Helfers.«
Sie nickte stumm und schmiegte sich enger an seine Brust. Beugte er sich ein bißchen nieder, so fanden seine Lippen ihr lindes Haar. Und hob sie das Gesicht, so sah er beim Sternschein einen Glanz in ihren Augen, ohne die Tränen zu sehen, die ihr von den Wimpern fielen. Die einzige, die nasse Wangen hatte, war sie nicht. Viele weinten in der Finsternis; die Frauen und Mädchen, die auf den Karren saßen; und alle Mütter, auf deren Schoß und an deren Brüsten die müden Kinder schliefen oder die furchtsamen wachten.
Ein Rauschen in der Nacht. Man wußte nicht, wo. Bald klang es ferne, bald wieder nah.
Die Viere, die hinter Leupolt an der Spitze des Zuges schritten, fingen zu singen an. Die Stimmen der Wandernden fielen ein. Sie sangen das Stablied der Evangelischen, von dem man erzählte: daß es der gadnische Bergmann Josef Schaitberger ersonnen hätte, den man vor vierzig Jahren aus der Heimat trieb.
»Jesu, mein Wanderstab, mit Dir kann ich sorglos ziehen Aus meinem lieben Land! Mit Dir kann ich fliehen, Wenn mich des Feindes List aus meiner Ruhstatt jagt! Du bleibst mein bester Freund, wenn Pharao mich plagt.
Jesu, mein Wanderstab, auf Dich kann ich mich lehnen, Ach, sieh meine Flucht und zähl meine heißen Tränen, Ich weiß, Du zählst sie, Du hältst sie in Deiner Hand, Sei Du mein Himmelreich und mein neues Heimatland!
Jesu, mein Wanderstab, mein Licht, das nie sich neiget, Hilf Deinem müden Knecht, der bittend sich beuget! Bleib bei mir, bleib bei mir, bleib jetzt und für und für, Der Tag hat enden müssen, es ist die Nacht vor mir.
Jesu, mein Wanderstab, die Heimat bleibt dahinten, Mein Blick ist naß und sucht und kann sie nit finden. Herr Jesu, kühl mir die Augen mit Deiner Hand, Wo *Du* bist, Herr, da ist Heimat und Vaterland!«
Bücher von Ludwig Ganghofer:
Das Schweigen im Walde. *Roman*. Neue Ausgabe. 60. Tausend. Initialen und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8°. Geh. 5 M., geb. 6,50 M.
Die Trutze von Trutzberg. *Eine Geschichte aus anno Domini 1445.* Initialen und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8°. 46. Tausend. Geh. 4 M., geb. 5,50 M.
Das große Jagen. *Roman aus dem 18. Jahrhundert.* Initialen und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. Geh. 6 M., geb. 7,50 M.
Fliegender Sommer. *Novellen.* Neue Ausgabe. Der Reihe nach 21. Tausend. Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8°. Geh. 3,50 M., geb. 5 M.
Doppelte Wahrheit. *Neue Novellen.* 8°. 6. Tausend. Geh. 4 M., geb. 5,50 M.
Das Kaser-Mandl. *Eine Erzählung.* Neue Ausgabe mit Illustrationen von Carl Röhling. 12°. 11. Tausend. Kart. 1,50 M., geb. 2,20 M.
Ob es die Deutschen genügend wissen, was sie an diesem Dichter für eine Kraftquelle haben! Ob sie es ahnen, daß seine Schriften, so harmlos und heiter sich viele derselben auch geben, eine Vorbereitung, eine Stählung des Volksherzens für diesen ungeheuerlichen Verteidigungskrieg geworden sind? Die Bayernkraft offenbarte Ganghofer uns, bevor sie zu dem herrlichen Heldenringen auf den Plan trat.
*Peter Rosegger.*
G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung in Berlin
Grote'sche Sammlung v. Werken zeitgenöss. Schriftsteller
=*Charitas Bischoff*, Amalie Dietrich.= Ein Leben. Mit 8 Bildnissen. Achtundvierzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.
-- --, =Bilder aus meinem Leben.= Mit sechzehn Vollbildern und fünf Textillustrationen. Zwanzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.
=*Victor Blüthgen*, Gedichte.= Neue, verm. Ausgabe. Geb. 4,50 M.
=*Walther Burk*, Der versunkene Herrgott.= Roman. Geb. 4,50 M.
=*Gustaf Dickhuth*, Wie der Leutnant Hubertus von Barnim sich verloben wollte und anderes.= Novellen. Geb. 4 M.
=*Ernst Eckstein*, Murillo=. Dritte Auflage. Geb. 3 M.
-- --, =Hertha.= Roman. Dritte Auflage. Geb. 8 M.
-- --, =Themis.= Roman. Zwei Bände. Geb. 9,60 M.
-- --, =Der Mönch vom Aventin.= Novelle. Vierte Auflage. Geb. 4 M.
-- --, =Familie Hartwig.= Roman. Zweite Auflage. Geb. 8 M.
-- --, =Kyparissos.= Roman. Zweite Auflage. Geb. 8 M.
-- --, =Roderich Löhr.= Roman. Zweite Auflage. Geb. 8 M.
-- --, =Adotja.= Novellen. Geb. 6,50 M.
-- --, =Die Hexe von Glaustädt.= Roman. Dritte Auflage. Geb. 8 M.
=*A. von der Elbe*, Der Bürgermeistersturm.= Ein Roman aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Zweite Auflage. Geb. 7 M.
-- --, =In seinen Fußstapfen.= Roman aus Lüneburgs Vorzeit. Zweite Auflage. Geb. 5,50 M.
=*Gustav Falke*, Die Stadt mit den goldenen Türmen.= Die Geschichte meines Lebens. Fünfzehntes Tausend. Geb. 5,50 M.
=*Heinrich Federer*, Lachweiler Geschichten.= Fünf Erzählungen. Siebzehntes Tausend. Geb. 5 M.
-- --, =Berge und Menschen.= Roman. Zweiundvierzigstes Tausend. Geb. 6,50 M.
-- --, =Pilatus.= Eine Erzählung aus den Bergen. Neunzehntes Tausend. Geb. 4,50 M.
-- --, =Jungfer Therese.= Eine Erzählung aus Lachweiler. Achtzehntes Tausend. Geb. 5 M.
-- --, =Das Mätteliseppi.= Eine Schweizer Erzählung. Fünfundzwanzigstes Tausend. Geb. 6,50 M.
=*Gustav Frenssen*, Die Sandgräfin.= Roman. Achtundsiebzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.
-- --, =Die drei Getreuen.= Roman. Hunderteinundzwanzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.
-- --, =Jörn Uhl.= Roman. Zweihundertneunundvierzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.
-- --, =Hilligenlei.= Roman. Hundertneunundvierzigstes Tausend. Geb. 6,50 M.
-- --, =Peter Moors Fahrt nach Südwest.= Ein Feldzugsbericht. Hundertsechsundachtzigstes Tausend. Geb. 3,50 M.
-- --, =Klaus Hinrich Haas.= Roman. Neunundachtzigstes Tausend. Geb. 6,50 M.
-- --, =Der Untergang der Anna Hollmann.= Eine Erzählung. Sechsundsechzigstes Tausend. Geb. 3,50 M.
-- --, =Bismarck.= Epische Erzählung. Geb. 5 M.
-- --, =Die Brüder.= Eine Erzählung. Fünfundachtzigstes Tausend. Geb. 6,50 M.
=*Ludwig Ganghofer*, Doppelte Wahrheit.= Neue Novellen. Sechstes Tausend. Geb. 5,50 M.
-- --, =Fliegender Sommer.= Novellen. Einundzwanzigstes Tausend. Geb. 5 M.
-- --, =Das Schweigen im Walde.= Roman. Neue Ausgabe. Einundsechzigstes Tausend. Geb. 6,50 M.
-- --, =Die Trutze von Trutzberg.= Eine Geschichte aus Anno Domini 1445. Sechsundvierzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.
-- --, =Das große Jagen.= Roman aus dem 18. Jahrh. Geb. 7,50 M.
=*Hans Ferdinand Gerhard*, In der Jodutenstraße.= Roman. Drittes Tausend. Geb. 4,50 M.
=*Ola Hansson*, Der Schutzengel.= Roman. Geb. 4 M.
=*Hermann Heiberg*, Reiche Leute von einst.= Roman. Geb. 4 M.
=*Hans Hopfen*, Gotthard Lingens Fahrt nach dem Glück.= Roman. Geb. 5,50 M.
=*F. Hugin*, Durch den Nebel.= Roman. Viertes Tausend. Geb. 4,50 M.
=*Johannes Jegerlehner*, Marignans.= Eine Erzählung. Fünftes Tausend. Geb. 4,50 M.
-- --, =Petronella.= Roman aus dem Hochgebirge. Fünftes Tausend. Geb. 4,50 M.
-- --, =Grenzwacht der Schweizer.= Eine Erzählung. Siebentes Tausend. Geb. 2,50 M.
=*Wilhelm Jordan*, Zwei Wiegen.= Ein Roman. Neue Ausgabe. Zwei Bände. Fünftes Tausend. Geb. 7 M.
=*Adam Karrillon*, Michael Hely.= Roman. Neuntes Tausend. Geb. 5,50 M.
-- --, =Die Mühle zu Husterloh.= Roman. Siebentes Taus. Geb. 5,50 M.
-- --, =_O domina mea._= Roman. Sechstes Tausend. Geb. 5.50 M.
-- --, =Im Lande unserer Urenkel.= Drittes Tausend. Geb. 5 M.
-- --, =Bauerngeselchtes.= Sechzehn Novellen aus dem Chattenlande. Drittes Tausend. Geb. 4,50 M.
-- --, =Adams Großvater.= Roman. Siebentes Tausend. Geb. 5,50 M.
=*Joseph von Lauff*, Kärrekiek.= Roman. Zehntes Taus. Geb. 5,50 M.
-- --, =Pittje Pittjewitt.= Ein Roman vom Niederrhein. Zwanzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.
-- --, =Frau Aleit.= Roman. Siebzehntes Tausend. Geb. 5,50 M.
-- --, =Die Tanzmamsell=. Roman. Siebzehntes Tausend. Geb. 5,50 M.
-- --, =Sankt Anne.= Roman. Fünfzehntes Tausend. Geb. 5,50 M.
-- --, =Revelaer.= Roman. Sechzehntes Tausend. Geb. 5,50 M.