Part 37
Hinter dem Zuge schritt Leupolt Raurisser als der Letzte. Er ging gebeugt, wie bedrückt von einer schweren Bürde. Vier schwarzweiße Bänder wehten von seinem Jägerhut, als Zeichen des Führers. An den Knauf seines langen Wandersteckens hatte ihm Frau Agnes ein rotes Aurikelsträußchen gebunden. Er hielt den Arm um die Mutter gelegt, die ohne Haube, mit zerrauftem Grauhaar neben ihm herschritt und das blasse, von schmutzigen Tränenstrichen überzogene Gesicht an seiner Schulter liegen hatte. Diesen zwei Letzten folgte noch ein Gedränge von Kindern und Leuten, stumm, mit scheuen Augen, wie weltfremde Menschen in erschrockenem Staunen herlaufen hinter den Affen und Kamelen eines niegesehenen Gauklerzuges. Als dieser stille Schwarm unter dem schönen Glockendröhnen sich vorüberschob an der sekreten Mauer des frühlingsblühenden und doch verwelkten Freudengärtleins Seiner Liebden, straffte sich plötzlich der gebeugte Körper des jungen Jägers. Unter den Menschen, die neben dem Zuge dichtgepreßt an der Scheunenwand des Leuthauses standen, hatte Leupolt das mohnfarbene Kleid gesehen.
»Bub?« fragte Frau Agnes und sah zu ihm hinauf.
»Nichts, Mutter! Komm!« Er legte den Arm noch fester um die Zitternde. Bei ruhigem Weiterschreiten drehte er das ernste Gesicht und blickte über den grauen Scheitel der Mutter hinüber zu dem rotleuchtenden Farbenfleck an der Scheunenwand. Ein wehes Zucken irrte um seinen Mund. Kein Laut. Nur sein Herz und seine heißen Augen hatten gesprochen: »Du da drüben. Dich soll der Herrgott schützen und hüten! Mein Glück ist tot, nur meine Pflicht lebendig.«
Die Glocken dröhnten. Ihr Hall umschleierte den Lärm des Zuges, jeden klagenden Menschenruf und jeden Schrei der getriebenen Tiere. Nur dieses ungesprochene Wort erstickten die stimmgewaltigen Glocken nicht. Wie klingendes Feuer war es aus trauernden Augen in eine zu Tod erschrockene Mädchenseele gefallen.
Das Staubgewölk des Zuges qualmte weiter und weiter gegen die Reichenhaller Straße hinaus. Die Menschen, die zu beiden Seiten des Weges gestanden, begannen sich zu verlaufen. Die Glocken verstummten. Und noch immer stand Luisa an der Balkenwand, unbeweglich, rot, wie im Blut ihres Leidens angenagelt an die Mauer. Von den Bleibenden, die den Exulanten das Geleit gegeben, kamen schon viele zurück, die einen blaß und stumm, andere unter aufgeregtem Schwatzen, wieder andere mit den Händen vor den Augen. Immer dünner wurde die Reihe der Heimkehrenden. Jetzt kam eine einsame Frau mit grauem Scheitel. Sie ging so still und ruhig, als hätte der Jammer der verwichenen Glockenstunde keine Gewalt über sie gewonnen. Nur ihre Hände taten etwas Widersinniges. Wie Fieberkranke seltsam mit irgend einem Dinge spielen, so zog Frau Agnes den Saum ihrer Schürze durch die zitternden Finger, hin und her, wie eine müde Näherin einen langen Faden zieht. Nun blieb sie stehen, nicht erschrocken und nicht erfreut. Hatte sie geträumt? Oder hatte sie dieses leise Wort, das der letzte Laut ihres Sohnes gewesen war und noch immer nachklang in ihrem bedrückten Herzen, wirklich vernommen?
»Mutter?«
Sie wandte das Gesicht gegen die Scheune hin, ihre gütigen Augen wurden streng, und während die Tränen langsam über ihre Mundwinkel kollerten, betrachtete sie das unbewegliche Mädchen und sagte ruhig: »Mutter? So soll jedes ärmste, gottverlassene Elendskindl sagen dürfen zu mir. Du nit!« Der Kopf sank ihr auf die Brust, und so ging sie davon, immer tiefer gebeugt, den Saum der Schürze durch ihre Finger ziehend.
Leute, die an der Scheune vorübergingen, verhielten sich und sprachen zu Luisa, barmherzig und erschrocken. Sie hörte keinen Laut, sah keinen Menschen. Ihr klagender Blick irrte umher, mit einem Ausdruck des Entsetzens, als wären alle Bilder und Dinge der Welt etwas Fremdes, etwas Unbegreifliches und Quälendes für sie geworden. Lautlos betend klammerte sie vor der Brust die Hände in einander, fing zu schreiten an und fand nach einem verstörten Hin und Her den Weg zum Haus ihres Vaters. Immer rascher wurden ihre Schritte. Als sie zu den Bretterplanken des Gartens kam, begann sie zu laufen, begann in unverständlichen Worten zu lallen, rannte sinnlos dem Haus entgegen, streckte die Hände und schrie mit erwürgter Stimme immer wieder die zwei gleichen Worte: »Vater, Sus! -- Vater, Sus!« Kein Laut im Haus. Sie lief in die Küche. »Vater! Vater!« Sie jagte zurück, stieß die Tür der Werkstätte vor sich auf, sah das von Sonne umglänzte Holzbild der >heiligen Menschheit< und schrie mit der schrillen Stimme eines zu Tod geängsteten Kindes: »Sus? Barmherzige Sus? Wo bist du?« Keuchend hetzte sie über die Treppe hinauf, rüttelte an der unverschlossenen Tür der Wohnstube, ohne sie öffnen zu können -- »Vater! Vater! Vater!« -- sprang in ihre Kammer, riß das ziegelfarbene Hauskleid von sich herunter und kleidete sich in Hast, als wäre ein hoher Feiertag erschienen und sie müßte zur Kirche gehen. Unter heißem Schluchzen, das sich anhörte wie ein glückseliges, nur etwas unbehilfliches Lachen, warf sie sich auf den Boden hin, schlug an ihrem kleinen Klosterkoffer den Deckel auf und nahm das brennende, von Tränen überströmte Gesicht zwischen die Hände, um aus ihrem verstörten Kopf herauszugrübeln: was man braucht auf einem weiten, weiten, viele Wochen währenden Wanderweg?
Nur nach dem Allernötigsten griff sie: nach dem wächsernen Jesuskind und nach der goldglitzernden Madonna. Voll Inbrunst küßte sie jedes der zwei heiligen Bildwerke, bevor sie es achtsam einwickelte in linde, verläßliche Wolle. Dazu die kleinen Leuchter, das silberne Ämpelchen und die künstlichen Blumen, sieben Heiligenbilder und die Silhouetten des Vaters und der Mutter, die über dem Bett gehangen, und die der Vater mit seiner linken Hand geschnitten hatte, bevor sein Kind zu ihm heimkehrte aus dem Kloster. Nach der Hetze dieser Arbeit sprang sie zum Fenster und lauschte gegen die Reichenhaller Straße. Der Lärm des Exulantenzuges klang nur noch wie mattes Summen aus weiter Ferne.
»Hilf mir, hilf mir, heilige Gottesmutter, oder ich komm zu spät!«
Mit dem Einpacken des Weihbrunnkesselchens ging es so flink, daß sie es vorher zu leeren vergaß. Der Klosterkoffer war nicht wasserdicht, unten tröpfelte es merklich heraus. Dafür hatte Luisa keine Augen, weil sie besonders sorgfältig die Weihwasserflasche, die sie nach der schrecklichen Warnung der Gottsaugenuhr aus der Kirche heimgebracht hatte, mit zwei Paar Strümpfen überziehen mußte. Da lag nun alles, was ihr heilig, kostbar und unentbehrlich war, wohlgeborgen in ihrem Koffer. Und jetzt dazu, was noch Platz hatte an Kleidern, Wäsche, Schuhen und täglich nötigen Dingen. Dann sprang sie wieder zum Fenster hin und lauschte hinaus in die milde Sonne. Außer dem Lärm der Nähe war kein Laut mehr zu hören. Auf der Reichenhaller Straße alles still! Totenstill! In Schreck, in neuer Verzweiflung flog sie zur Tür und schrie, daß es hallte in der Stille des Hauses: »Vater! Vater!« Keine Antwort kam. Sie jagte über die Treppe hinunter. Und wieder in die Werkstätte. »Vater!« Hinaus in den Garten. »Vater! Vater!« Da kam ihr die Besinnung: der Vater ist gegangen, um zu bekennen, um sich einzuschreiben in die Liste der Evangelischen. Diesen Gedanken empfand sie wie ein tröstendes Glück. Und morgen wird der Vater nachkommen, vielleicht noch heute. Und wer, wie ihr Vater, so mild und menschlich über alle Dinge des Lebens urteilt, wird es verstehen, daß man den Leupi keine Nacht mit so sterbenstraurigen Augen erleben lassen darf.
Diese Wahrheit gab ihr Tapferkeit und Ruhe in das irrsinnig hämmernde Herz. Die Ruhe währte aber nicht länger, als bis Luisa droben war in ihrer weißen Kammer. Sie selber wußte nicht, wie es kam. Es war, als hätte an der weißen Mauer, nur sichtbar für ihre fromme Seele, eine warnende Schrift zu brennen begonnen. Das Gesicht mit den Händen verhüllend, fiel sie auf den Boden hin, geschüttelt von einem Schluchzen, das ihr junges Leben zu zerreißen drohte. Und da streckte sie schon die Hände, um alles für die weite, schöne Wanderung Gepackte wieder herauszuzerren aus der tröpfelnden Klostertruhe. Plötzlich waren ihre Finger unbeweglich. Ihre Tränen versiegten. Ein frohes, glückliches Leuchten war in ihren Augen. »Lang muß man harren auf Erlösung! Einmal kommt sie.«
Vor Luisas Abreise aus dem Kloster hatte die gütige, kluge, fürsorgliche Frau Oberin auf der Innenseite des Kofferdeckels ein geweihtes, von jungfräulichen Rosen umwundenes Schutzengelbild festgekleistert und sogar noch mit goldfarbenem Lack überstrichen, damit es nur ja nicht mehr herunterfallen könnte und für den frommen Klostervogel ein verläßlicher Wegweis bliebe in allen Gefahren der bösen Welt. Mit einer langen Stange, die unten eine Lanze und oben eine Fahne war, durchstach der geharnischte und geflügelte Schutzengel die Herzgegend einer drachenförmigen Schlange. Und die Fahne trug in gotischen Lettern den wunderwirkenden Spruch:
»Wo auch der bös Feind Uibles sinnt, Dein Engel wird ihn gstillen. Was frumb dein truies Herz beginnt, Ist allweil sHimmels Willen. Seel, laß dein Glück nit zagen, Gott wirz auf Händen tragen, Hab rechten Mut Und sEnd ist gut!«
Wie kann doch ein Schutzengel, wenn's nur der richtige ist, vieltausendmal hilfreicher und klüger sein, als eine Nürnberger Gottsaugenuhr! Und wie die liebe herzensgute Frau Oberin sich freuen würde, wenn sie wüßte: daß ihre treue Fürsorge ein junges Menschenglück gerettet hatte, das schon zerbrechen wollte zum siebenten und letzten mal! Heiß beseligt, in dankbarer Freude, küßte Luisa das erlösende Bild. Dann flink den Deckel zu und den Schlüssel abgezogen. Den spanischen Hut mit dem weißen Federtuff übers braunblonde Haar, den grünen Radmantel um die Schultern! Und während die schmalgewordenen Mädchenwangen glühten wie am Johannistag die Rosen im Garten, lernte der kleine Klosterkoffer kennen, was eine Schlittenfahrt ohne Schnee bedeutet. Mit schrillendem Rutsch ging's über die Schwelle der jungfräulichen Kammer hinaus, durch den Oberstock, über die Treppe hinunter, und überall auf der hurtigen Glücksreise ließ der pfeifende Wanderschlitten eine feuchte Tröpfelfährte hinter sich zurück.
»Vater! Vater! Vater!«
Flink hinein in die Werkstätte. Mit einem Rötelstift, der zum Handwerkszeug des Meisters gehörte, schrieb Luisa auf die weißgescheuerte Spinnbank: »Lieber Vater! Ich bins derweilen vorausgewandert, weils den Leupi seine traurichen Augen nich därf warten laß übernacht. Gelt du kommest bald. In Glück und Freiden dein erlösenes Kint.« Schöner und fehlerfreier, als es auf der Bank geschrieben stand, klang das in Luisas brennendem Herzen. Sie hatte bei der klugen, fürsorglichen Frau Oberin besser beten als schreiben gelernt.
Eine Vaterunserlänge später bekamen viele Berchtesgadener eine atemlose und einsame Exulantin zu sehen, deren Anblick niemand zu Gram und Zorn bewegte, niemand erschütterte zu Tränen. Wie das junge, bildhübsche Mädel im grünen wehenden Radmantel, mit erhitztem Gesicht und strahlenden Glücksaugen ihren kleinen, träufelnden Koffer auf einem großen Schubkarren in sehnsüchtiger Ungeduld über die Reichenhaller Straße hinausradelte, das war mehr als ein liebliches, war ein ergreifendes Bild. Dennoch erschien es den Leuten so komisch, daß sie zuerst verwundert gucken, dann heiter schmunzeln und schließlich ohne jedes Zartgefühl darüber lachen mußten. Während in einem erlösten und beglückten Erdenkind von allen schönen Träumen des Lebens der allerschönste zur Wahrheit wurde, kamen törichte Menschen zu der völlig unzutreffenden Vermutung: diese verspätete und drum so eilfertige, immer betende, weinende und lachende Emigrantin hätte einen reichlichen Schoppen über den für ein Mädchen zulässigen Durst getrunken.
Wenn es so schwer fällt, das Natürlichste des Natürlichen klar zu erkennen? Wie darf man sich wundern darüber, daß dem Menschengeist zuweilen auch bei den Klarstellungen des Übernatürlichen ein wesentlicher Irrtum widerfährt?
Kapitel XXXII
Nach allem Seelensturm des verflossenen Morgens lag die Sonnenstille des Mittags über dem leeren Haus des Meisters. Die heimgekehrten Schwalben umflogen den First, bauten an ihren Nestern oder saßen rastend auf den geschnitzten Holzzieraten des Giebels.
Die Elfuhrglocke hatte schon geläutet, als Meister Niklaus herüberkam vom Leuthaus. Die Sus, mit dem großen leergewordenen Korb über den Zöpfen, betrachtete immer wieder in Sorge den wortlos vor sich hinbrütenden Mann an ihrer Seite. Von der Freude, mit der er die Hände seines verständig gewordenen Kindes geküßt hatte, war nichts mehr an ihm zu merken. Auf den Erlösungsjubel, den ihm das offene Bekenntnis seines Glaubens in die Seele gegossen, war ein drückender Stein gefallen. Seiner Einzeichnung in die Exulantenliste hatte man kein Hindernis bereitet, hatte auch der Sus keine Schwierigkeiten gemacht, als sie ruhig und entschlossen ihre paar Buchstäbchen dicht unter den Namen des Meisters kritzelte. Wegen seines Kindes erklärte die Kommission: die Jungfer Zechmeister wäre als notorische Katholikin in zureichenden Jahren, um selbst über ihr Schicksal entscheiden zu können. Des weiteren müsse der Meister bedenken, daß man einen so geschickten und notablen Künstler nicht über die Landesgrenze ziehen lassen könne, auf die Gefahr hin, daß er die berchtesgadnische Holzschneidekunst im Auslande verbreite, zur Schädigung der Heimat und zum Nutzen der Augsburgischen, der Nürnberger oder gar der preußischen _industria_. Die Entscheidung der Kommission hatte einige Ähnlichkeit mit dem vom Grafen Saur über den Mälzmeister gefällten Urteil: »Glaub er, was er wolle, und brau er uns auch fürderhin eine so bekömmliche Biersorte wie bisher.« Wenn der Meister sein illustres Kunstvermögen der Heimat treu erhalte, wolle man ihm in Glaubenssachen keine fühlbaren Diffizilitäten bereiten; wäre aber sein Entschluß zur Exulation ein unabänderlicher, so könne sein Auszug nur erfolgen unter zureichender Kautionsstellung für allen Schadenersatz und nach Ablegung eines heiligen, von zwei Bürgen unterstützten Eides: daß er im Ausland für alle Lebenszeit auf jede Betätigung seiner Kunst verzichte. »Ihr Herren, das heißt mein Leben erwürgen!« Ein Achselzucken war die Antwort.
Vor seiner Haustür blieb Meister Niklaus in der Sonne stehen, beugte den Kopf und bedeckte die Augen mit der linken Hand. Die Sus wurde bleich bis in die Mundwinkel. Aber sie hatte doch die Kraft, um ruhig zu sagen: »Ich mein', der Meister sollt sich zu seiner schönen Arbeit stellen. Da ist ihm noch allweil jedes harte Ding ein trägliches worden. Ich schaff derweil, daß der Meister nit warten muß auf die Mahlzeit.«
Er nickte. »Ja, gute Sus! Vergiß auch nit, daß der Hochwürdige und seine Schwester zum Essen kommen. Da ist noch Zeit, daß ich reden kann mit dem Kind. Wir müssen's nehmen, wie es ist. Heut haben wir so viel an Seelennot und Elend umlaufen sehen, daß wir nit klagen dürfen, wenn uns ein schmerzhaftes Steinl hineingedruckt wird in den eigenen Leib.« Er öffnete die Tür seiner Werkstätte. »Kind?« In dem großen Raume blieb es still. Der Meister rief in den Flur hinaus: »Das Kind muß droben in seinem Stübl sein. Gelt, sag ihr, sie soll zu mir herunterkommen, gleich!« Draußen huschte die Sus über die Stiege hinauf. Der Meister vertauschte den Gassenrock mit dem leichten Arbeitskittel und band das lederne Schurzfell um. Eine Weile stand er unbeweglich und betrachtete sein fast vollendetes Werk: die >heilige Menschheit<. Schon dieses stille, halb zufriedene, halb mißtrauisch forschende Sinnen schien ihm die drückende Seelenlast des Augenblicks zu erleichtern. Er hörte nicht, daß droben die Sus ein paarmal den Namen seiner Tochter schrie. Aufatmend griff er nach dem schweren eisernen Schlägel und wollte unter den vielen Meißeln das Hohleisen aussuchen, das er brauchte, um eine Gewandfalte zu vertiefen. Da sah er das umgeworfene Spinnrad und ging, um es aufzuheben. Von der weißen Spinnbank leuchtete ihm die rote Schrift entgegen, der Glücksbrief seines ausgewanderten Kindes. Er las. In der Faust den eisernen Schlägel, stieß er einen tonlosen Laut aus der Kehle.
Da stürzte die Sus mit entfärbtem Gesicht in die Werkstatt: »Meister --« Die gleichen Worte, die sie ihm hatte sagen wollen, schrie er selbst: »Das Kind ist fort! Ist dem Glück und dem Leupi zugesprungen.« Auflachend und doch mit schwimmenden Augen, schleuderte Niklaus den schweren Schlägel zur Werkbank hinüber. Und während die gewichtige Eisenmasse gegen den bankförmigen Unterbau der Statue schmetterte, riß er das Schurzfell herunter und sprang zur Türe.
»Das Gassenröckl!« Die Sus raffte den braunen Rock vom Sessel und wollte dem Meister nachspringen. Hinter ihr ein Knirschen, wie wenn ein Brett in Splitter geht. Sus drehte das Gesicht und sah, daß die Statue der >heiligen Menschheit< sich zu bewegen begann, als hätte sie jede Hoffnung auf den Himmel verloren und möchte sich mit ausgebreiteten Armen niederneigen zur treueren Erde. Der Stoß des Eisenschlägels hatte den Unterbau schief gedrückt; das viele Zentner schwere Gewicht der Statue knickte das schräge Brett, und die Bildsäule drohte vornüber zu stürzen. »Meister!« schrie die Sus mit gellendem Laut, sprang gegen die Werkbank hin, um das Unglück zu verhüten, und fing mit Brust und Armen das fallende Bildwerk auf. Sie war ein festes, kraftvolles Mädel, die Sus. Dennoch brach sie unter dem Stoß, mit dem die schwere Holzmasse gegen ihren Körper schlug, auf die Knie hinunter. »Meister! Meister!« Immer schrie sie, immer schwächer klang ihre Stimme. Mit dem Rest ihrer schwindenden Kräfte hielt sie die Statue umklammert, um zu hindern, daß die Bildsäule gegen den Boden schlüge und Schaden nähme. »Meister!« Tiefer und tiefer wurde das tapfere Mädel gegen die Dielen niedergedrückt und lag unter der pressenden Holzmasse ausgestreckt wie ein Weib, das in Liebe den Mann empfängt. »Meister, ach, Meister --« Das waren Laute des Schmerzes, bei erlöschenden Sinnen noch durchzittert von der Freude, daß des Meisters Arbeit, die für den Glauben der Sus von allen Herrlichkeiten des Lebens die herrlichste war, keinen Fehl und Makel erlitten hatte. Und schon so matt und müde war dieser letzte Schrei, daß er nimmer hinausklang aus der Stille des sonnenlos gewordenen Raumes. In keuchenden Zügen ging der Atem der Ohnmächtigen.
Vor dem Fenster, durch das der sonnige Himmel hereinblaute, klang zuweilen ein feiner Schwalbenschrei.
Und drüben beim Leuthaus rannte Meister Niklaus über die Reichenhaller Straße hinaus. Von einer Höhe konnte er das Gelände bis Bischofswiesen überschauen. Die Straße war leer. Nur in weiter Ferne ließ sich der neblige Dunst erkennen, der von der Staubwolke des Exulantenzuges zurückgeblieben war.
»Gott mit dir, mein Kind! Glück ist mehr als alles andre.«
Der Meister wandte sich und ging vorüber am Leuthaus, gegen den Brunnenplatz. Die Marktgasse war wie abgestorben. Nur spielende Kinder. Nicht viele. Und das Pflaster war bedeckt mit zerknickten Strohhalmen und mit dem Unrat, den die abgewanderten Tiere zurückgelassen hatten.
Vor dem Stiftstor trafen sie zusammen, Meister Niklaus und Pfarrer Ludwig. »Nicki?« Ein erwartungsvoller Blick war in den Augen des Pfarrers.
»Das Kind ist fort.«
»Also!« Lächelnd sah Herr Ludwig hinauf in das reine Blau. »Der Ewige arbeitet doch verläßlicher, als ein Nürnberger Spielwerk.«
»Mensch? Wahrhaftig? Daß mein Kind dem Leupi nachspringen muß? Das hast du erwartet?«
»Drum hab ich mich doch bei dir für heut zum Essen geladen. Daß du dein Süppl nit allein verschlucken mußt. Und komm! Wir müssen das gleich der Mutter Agnes bringen. Die verzweifelt schier.« Sie wandten sich gegen das Stiftstor. »Guck, Nicki! Eine Parabel der Zeit!« Der Pfarrer deutete auf die Fülle des Unrates, der das Pflaster bedeckte. »Das bleibt der Regierung vom heutigen Tag. Sie wird nit lernen davon. Statt den nutzbaren Mist für einen Acker zusammenzukehren, wird sie ihn vornehm liegen lassen, bis ihn der nächste Regen verwässert. Staatskunst, Nicki, Staatskunst!«
Als Mutter Agnes die Botschaft vom Glück ihres Sohnes hörte, tat sie einen Schrei, fiel auf die Mauerbank und wurde von einem so heftigen Zittern der Beine befallen, daß die Absätze ihrer Schuhe auf dem Fußboden ein flinkes Getrommel erhoben. Meister Raurisser, der vom Bräuhaus heimkam und seine Frau so finden mußte, fragte in Sorge: »Mutter, was hast du denn?«
»Freud -- Freud -- Freud --« Sonst brachte sie unter dem Sturz ihrer frohen Tränen kein Wort heraus.
Pfarrer Ludwig, als er mit Meister Nick aus der Stube ging, deutete auf eine ungefährlich gewordene Sache an der weißen Mauer. Und draußen auf der Straße sagte er: »Der Dillinger Landschaden, der Grusdorf, die überflüssigen Buchstaben, der Muckenfüßl und die Gottesaugenuhr mit ihrem boshaften Teufel! Alles im Kehrichtfaß der Vergangenheit! Nick, es geht halt doch ein bißl aufwärts mit der Menschheit. Deswegen muß sie nit grad eine heilige sein.« Sie kamen zur Pfarrpfründe, und Herr Ludwig klinkte an der Haustür, die er verschlossen fand. »Die Schwester ist schon voraus zu dir.« Um den Weg zu kürzen, gingen sie hinter den Häusern am gestutzten Hofgarten vorüber, dessen lächerlich beschnittene Bäume unter Frühlingshilfe den Versuch begannen, aus der Pariserei heranzuwachsen und sich wieder auszustrecken zu natürlicher Form.
Beim Plankentor des Meisters blieben die beiden stehen und lauschten. Im Haus eine schreiende Stimme. »Meine Schwester!« stammelte der Pfarrer. Sie sprangen in den Flur, sahen die Tür der Werkstatt offen und fanden neben der schreienden Schwester Franziska die Sus, wie tot, von Blut umronnen, die Arme noch immer um die Statue geklammert. Der Meister taumelte. Und Pfarrer Ludwig brüllte der Schwester ins Ohr: »Zum Lewitter! Lauf, was du laufen kannst!« Nur mühsam gelang es den beiden Männern, die schwere Statue vom Körper der Ohnmächtigen emporzuheben. »Ach, Mädel, du gutes!« schrie der Meister, hob die regungslose, von Blut überströmte Sus auf seine Arme und trug sie über die Treppe hinauf. Ohne zu denken, nur weil es von den Türen die nächste war, trug er die Blutende in Luisas Kammer und rannte um Essig, um alles, was beleben konnte. Nichts wollte helfen. Die geschlossenen Augen taten sich nicht auf, kein Herzschlag war an der Sus zu spüren, kein Atemhauch vor den blassen Lippen, an denen ein leises, unveränderliches Lächeln zu erkennen war. Nur das Blut sickerte noch immer aus den Wunden, die das scharfkantige Holz in ihren Körper geschnitten hatte.
Schwester Franziska und Lewitter mit seiner Tasche traten in die Kammer.
»Komm, Nicki!« Pfarrer Ludwig legte den Arm um den Hals des Meisters. »Wir zwei sind überflüssig.« Sie gingen hinüber in die Wohnstube. Der Pfarrer stand am Fenster. Stumm und unbeweglich saß Niklaus am Tisch; nur seine Augen bewegten sich, wenn durch die Krippenwand ein matter Laut aus der Kammer klang, oder wenn auf der Stiege draußen die hastigen Täppelschritte der Schwester Franziska zu hören waren. Und plötzlich warf er das Gesicht auf die Tischplatte hin.
Der Pfarrer trat zu ihm und rüttelte ihn an der Schulter. »Nicki! Bleib der Mensch, der du bist! Tu dich nit so verbohren in den Schreck! Tu reden, Nicki!«