Das große Jagen

Part 36

Chapter 363,624 wordsPublic domain

Leupolt kam zur Tür herein, in dem verwitterten Bergjägerkleid, das er getragen hatte, als er die preußischen Herren hinaufführte zum Toten Mann. »Jetzt bin ich fertig.« Frau Agnes schien nicht zu hören; beim Packen beugte sie nur das Gesicht ein bißchen tiefer gegen den Korb hinunter. Für den Vater war das ruhige Wort des Sohnes wie ein Stoß vor die Brust gewesen. Mit tattrigen Händen schnallte er die zwei Kappen der Lederkatze zu. »So, Bub!« Er schob sich aus der Bank heraus. »Schau, da ist, was du kriegst von mir. Sei halt ein bißl gescheit und gib nit alles für die anderen aus. Für dich muß auch was bleiben.«

»Vergeltsgott! Tust du die Brüder nit verkürzen?«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Beredet haben wir schon alles. Machen wir's kurz. Ich muß ins Bräuhaus hinüber.« Als er die Arme um den Hals des Sohnes legte, war er noch mannhaft. Kaum aber spürte er den eisernen Zärtlichkeitsdruck seines Buben, da verlor er alle Fassung, wühlte das Gesicht an die Brust des Sohnes und keuchte: »Bub, ich wollt, ich tät mitdürfen!«

»Ja, du!« grollte Mutter Agnes beim Packen mit zerdrückter Stimme über die Schulter. »Du wärst der Richtige zum Exulieren! Wo du schon den Schnaufer verlierst bis hinüber zum Bräuhaus. Möcht wissen, was du sagen tätest auf der Wanderschaft, wenn du Wasser trinken müßtest, statt Tag für Tag deine fünf Maß Bier.« Nun drehte sie das blasse Gesicht und blinzelte dem Sohne zu, daß er's dem Vater leichter machen sollte.

»Komm, Vater!« sagte Leupolt ruhig. »Tu dich aufrichten als festes Mannsbild! Bloß die Füß laufen von einander fort. Die Herzen bleiben allweil beisammen.«

»Bub! Bub!« Meister Raurisser, hin und her geworfen zwischen Zorn und Kummer, war einem Schreikrampf nahe. »Alles Gute für dich! Alles Gute auf der Welt! Du hast's verdient! Und so einen Buben jagen sie aus dem Land! Die Herrgottsakermenter! Wenn sich so was nit strafen tät, da müßt unser Herrgott -- Jesus, Jesus, zu was für einem Herrgott muß ich denn hinaufschreien?« Er wollte die geballten Fäuste gegen die Stubendecke heben und klammerte die Arme wieder um den Hals des Sohnes. »Bub! Mein Bub, du mein lieber! Alles Gute für dich -- und alles -- Bub, ich kann nimmer, es reißt mir alles auseinander!« Wie ein Betrunkener machte er sich los, taumelte gegen die Türe hin und brüllte: »Kronäugeln tu ich ins Bier, vergiften tu ich die Unmenschen, die rotzmiserabligen!« Er schlug die Türe hinter sich zu, daß es wie ein Böllerschuß durch das Haus hallte.

Erschrocken sah Leupolt die Mutter an. Sie schüttelte den Kopf und wischte die Tränen von den Wangen. »Auf die Wörtlen därf man beim Vater nit gehen. Ist er drüben im Bräuhaus, so sucht er wieder das beste Malz für die Herren aus. Wahr ist's, Bub, es hat nit leicht ein Kind auf der Welt einen bräveren Vater, wie du!« Mit fahrigen Händen fing sie wieder zu packen an. Und Leupolt stand inmitten der Stube, unbeweglich, den Kopf zwischen den Fäusten. Nach einer Weile sagte er zaghaft: »Mutter! So kann's das Luisli doch nit gemeint haben. Der Einsamkeit zulaufen müssen, das ist hart. Meinst du nit, ich sollt noch eine letzte Frag an das liebe Mädel tun?«

Erst nach einer Weile konnte Frau Agnes antworten: »Da muß ich abraten. Will Gott es haben, so gibt er's. Mag er es nit, so mußt du es leiden.« Als sie das Gesicht von dem fertiggepackten Korb abwandte und ihren Buben ansah, mußte sie barmherzig sagen: »Fürgestern hab ich mit dem hochwürdigen Herrn geredet. Der hofft noch allweil.« In der Gottsaugenuhr ein leises Geräusch, wie von einem schnurrenden Rädchen; dann schlug die Uhr mit schönen, tiefen Klängen die sechste Morgenstunde. Frau Agnes ging auf den Tisch zu und löschte die Lampe. »Jetzt müssen wir von einander. Schau, es tagt! Da mußt du auf dem Markt beim Brunnen sein, wenn die Notigen und Ratlosen kommen. Du bist ihr Helfer und Wegweis.« Ihr Gesicht bekam etwas weiß Versteinertes, während sie zur Türe ging und den Riegel vorschob. Stumm, mit müden Bewegungen, trat sie an jedes Fenster und zog die blauen Vorhänge zu. Eine milde, neblige Dämmerung war in der Stube. Mutter Agnes ging zur Gottsaugenuhr, löste die Gewichte von den Schnüren und hängte den Perpendikel aus; der Engel und das Teufelchen blieben auf halbem Wege stecken, jedes auf der Schwelle seiner Pforte; das Auge Gottes, weder böse, noch freundlich, blickte ruhig aus der Mitte des von Strahlen umzüngelten Dreiecks, und Mutter Agnes sagte, nicht laut, nur in ihrem zerrissenen Herzen: »Die Uhr soll von der jetzigen Stund an nimmer schlagen, solang ich noch leb.« Ganz ruhig war sie, als sie auf Leupolt zutrat. Von ihrem Schmerz war nichts an ihr zu erkennen; heiß und gläubig strahlte die Liebe in ihren Augen. »Bub! Ich kann dich nit segnen, wie's deinem Glauben recht ist. Darf ich dich segnen, wie's mein Herz versteht?«

»Eine Mutter darf alles.« Er ließ sich hinfallen auf die beiden Knie, faltete in einer starren, hölzernen Art die Hände vor der Brust und sah mit glänzenden Augen zum weißen Gesicht der Mutter hinauf. Wortlos, kaum merklich die stummbetenden Lippen rührend, besprengte sie ihrem Sohn den Scheitel, das Gesicht, die Schultern und die Hände mit geweihtem Wasser. Und bekreuzte ihm die Stirne, den Mund und die Brust. »Im Namen Gott des Vaters, Gott des Sohnes und Gott des heiligen Geistes! Ist Gerechtigkeit im Himmel, und da glaub ich dran, so muß die gütige Dreifaltigkeit dich hüten auf jedem Weg. An deiner sauberen Seel ist nie kein Fleck und Schaden gewesen. Nie hast du ein Ding getan, von dem ich sagen hätt müssen: das ist schlecht. Allweil bist du die Freud deiner Mutter geblieben --« Die Stimme versagte ihr. Wie von einem Frostschauer gerüttelt, beugte sie sich zu ihm hinunter und preßte das Gesicht auf seinen Scheitel. »Vergeltsgott, Bub!« Er umklammerte die Mutter, ohne einen Laut zu finden, und küßte den Schoß, der ihn geboren hatte. Dann sah er zu ihr hinauf. »Dich und mich -- gelt, Mutter -- uns schneidet man nit auseinander? Und nit mit der schärfsten Säg.«

Nur den Kopf konnte sie schütteln. Und nun wurde sie von einer Verstörtheit befallen, die sich ansah wie Raserei. Die Hände mit gespreizten Fingern emporstreckend, schrie Mutter Agnes zur Höhe hinauf: »Allmächtiger! Rührst du dich nit ein bißl? Siehst du nit, wie's zugeht in tausend Mutterherzen von Berchtesgaden?«

Am verhüllten Fenster ein heftiges Pochen. Und eine Stimme: »Bruder Leupi?«

Die beiden in der Stube umklammerten sich stumm. Erst als das Pochen am Fenster sich wiederholte, konnte Leupolt antworten: »Wohl! Ich bin noch daheim.«

»Geh, komm! Die armen Leut wissen nit aus und ein. Alle schreien nach dir.«

»Ich komm.« Er sprang vom Boden auf, umhalste und küßte die Mutter -- »Gelt, du Liebe, jetzt muß es sein?« -- vergaß den Rucksack, den er tragen sollte, vergaß die Geldkatze und den Zehrungskorb und kam auf der Straße gerade zurecht, um ein kränkliches Weib, das zwischen schreienden Kindern ohnmächtig geworden war, von der Erde aufzulupfen und auf einen Wagen zu heben.

Aus hundert Stuben von Berchtesgaden war der Abschiedsjammer herausgetreten über die Schwelle, mit zärtlichem Gestammel und Schluchzen, mit Umarmungen, die nicht enden wollten, mit Kindergeschrei und Muttertränen, mit erbitterten Zornflüchen und himmelschreienden Klagen zerrissener Herzen. Der ganze Marktplatz und alle zuführenden Gassen waren unter dem Frühlingsblau und in der milden Morgensonne verwandelt zu einer einzigen großen Stube des Menschengrams. Alle Glaubensfeindschaft und aller religiöse Gegensatz schien erloschen und verschwunden; der Schmerz der Wandernden, die man aus der Heimat jagte, war übergeflossen in die Herzen der Bleibenden; in allen war das Gefühl der Zusammengehörigkeit wach geworden, die nachbarliche Freundlichkeit und das menschliche Erbarmen.

Immer dichter und lärmender füllte sich die lange Marktgasse. Von den Armen und Ärmsten, die nicht zu bleiben brauchten, bis Haus oder Feld verkauft war, hatten sich Neunhundertundsieben zur ersten Schar unter Leupolts Führung gemeldet, Greise, Männer und Weiber, Burschen, Mädchen und Kinder. Unter ihnen auch Kranke, die nimmer bleiben, nicht länger warten wollten auf den Tag der Seelenfreiheit. Ein Bauer hatte seine siebzehnjährige Tochter, die den Fuß gebrochen, auf eine Kraxe gebunden und brachte sie auf dem Rücken getragen. Den Jakob Aschauer, einen Hundertjährigen, der schon ein Sterbender war, mußten seine grauköpfigen Söhne auf den Leiterwagen heben und betten im Stroh. Jede Mahnung, zu bleiben und den nahen Tod in der Heimat zu erwarten, lehnte der Greis mit harter Handbewegung ab und sagte: »Das ist vor Zeiten ein Sprichwort gewesen: Wen Gott lieb hat, den laßt er fallen ins berchtesgadnische Land. Jetzt ist eine Zeit gekommen, daß aus Berchtesgaden hinauskriechen möcht, wer nimmer laufen kann.« Erschüttert durch diese Worte, das Gesicht von Tränen überflossen und vom Geist befallen, stieg ein junges Weib auf den Wagen des Greises, hob die Arme zum Himmel und begann zu predigen über das Wort: »Gehe von deinem Vaterland, von deiner Freundschaft und deiner Mutter Haus in ein Land, das ich dir zeigen werde.« Beim Brunnen begannen die Evangelischen das Lutherlied zu singen:

»Ein feste Burg ist unser Gott --«

und auf der anderen Seite der Marktgasse sangen Hunderte das Wanderlied der Salzburger:

»Ich bin ein armer Exulant Und därf daheim nit bleiben, Man tut mich aus dem Vaterland Um Gottes Wort vertreiben --«

Mit dem inbrünstigen Klang der singenden Stimmen, mit dem verzückten Lautgestammel des predigenden Weibes und mit den klingenden Helferworten des Leupolt Raurisser, der ruhelos von Wagen zu Wagen sprang, vermischte sich das Gerassel der verspäteten Karren, das Gebrüll der Kühe, das Ziegengemecker und das Blöken der ängstlichen Schafe. Der Tier- und Menschentrubel des Brunnenplatzes und der Gasse glich dem Bild eines Viehmarktes, dessen Geschäft und Handel unterbrochen wurde durch die Nachricht einer bösen, alle Menschen verstörenden Landsnot. Köpfe und Arme streckten sich aus allen Fenstern, und von überall warf man Kleiderbündel und Päcklein mit Geld und Eßwaren herunter auf die Wagen der Exulanten. Aus allen Türen kamen Frauen, Männer und Mägde, um herbeizuschleppen, was sie zu geben hatten. Pfarrer Ludwig mit seiner Schwester, Lewitter und die stumme Lena, die Sus und Meister Niklaus brachten große Körbe. Und die Mälzmeisterin, als sie ihrem Buben die Geldkatze um die Hüften geschnallt und die Rucksäcke mit dem Zehrkorb untergebracht hatte auf dem Scharwagen, unter dessen Bocksitz die eiserne Truhe mit den preußischen Hilfsgeldern an die Leitern angeschmiedet war, lief von Karren zu Karren: »Ihr guten Leutlen, brauchet ihr noch was?« Sie sprang in alle Kaufläden, raffte zusammen, was nötig war, hatte kein Geld mehr und mußte immer sagen: »Schreibet nur auf! Ich zahl schon!«

Zwischen Gram und Schluchzen spielten sich Szenen ab, über die man in unbedrückter Stunde hätte lachen müssen, und die der Jammer der Abschiedsstunde zu einer herzerschütternden Begebenheit machte. Zwei Geschwister, die einander verlassen mußten, hielten einen kleinen weißen Hund, den sie lieb hatten, am Strickl und stritten verzweifelt miteinander, weil ihn jedes dem anderen überlassen wollte. »Nimm ihn, um Gottes Barmherzigkeit, so nimm ihn doch, du tust mir was Liebes an!« Auf einem Wagen spielte ein ähnlicher Streit, noch tränenreicher, noch verzweifelter. Drei Kinder, die beim Vater blieben, hingen am Hals der exulierenden Mutter und beschworen sie, den kleinen Käfig mitzunehmen, in dem ein Distelfink zwischen den Stäben scheu umherflatterte. »Nimm, Mutterle, nimm, du hast das Vögerl so viel lieb, du kannst nit leben ohne das Vögerl!« Und die Mutter, von Schluchzen geschüttelt: »Nit! Und tausendmal nit! Wandern muß ich nach meinem Herrgotts Willen. Euer Vögerl ist nit des Himmels und nit der Höll. Eh tät ich lieber sterben am Fleck, eh daß ich meinen Kinderlen die singende Freud aus dem Leben tät reißen mögen.« Ihr Schluchzen verwindend, mit den Zähnen knirschend, preßte sie den kleinen Käfig zum letztenmal an ihre nasse Wange und schlang mit dem anderen Arm die Blondköpfe der weinenden Kinder an ihre Brust. Und neben dem Wagen, zwischen einem Ziegenknäuel, redete ein junger Bauer mit erbitterten Worten zu seinem blassen, unbeweglichen Weib: »Um aller Seligkeit willen, tu dich besinnen im letzten Stündl! Weibl, Weibl, bist du denn ganz verloren, daß du mich lassen und mit den Luthrischen laufen kannst?«

Die ekstatisch glänzenden Augen zur Höhe gerichtet, sagte sie leis: »Ich geh, weil der liebe Gott mich ruft.«

Er klagte: »Weibl, Weibl, du laufst dem Satan zu!« Und weil in ihm die Sorge noch größer war, als der Zorn, machte er das schützende Kreuzzeichen auf ihre Stirn.

Da sah sie ihm lächelnd in die Augen. »Vergeltsgott, du Gütiger! Jetzt kann mir die Höll nimmer schaden. Deine Lieb hat ein heiliges Kreuz über mich gemacht.«

Ein alter Mann und eine alte Frau, beide mit bleichen, entstellten Gesichtern, hingen an die Arme ihres zwanzigjährigen Sohnes geklammert und beschworen ihn zur Reue und zu christlichem Bleiben. Er zog die Alten an sich, hielt ihre Köpfe an seine Rippen gepreßt und sagte: »Es ist auf der Welt kein Ding, das mir lieber wär als Mutter und Vater. Aber Gott ist mehr. Ihr habt euch anders besonnen, und ich tu's nit schelten. Jeder so, wie er muß. Ich getrau mich bei eurem Glauben nit selig zu werden. Und lügen kann ich nit. Ich tät mich schämen müssen vor dem Leupi, der geblutet hat für uns alle. Jedem Redlichen muß die Wahrheit heiliger sein als Glück und Leben.«

Das hörte einer, dem dieses verzückte Wort den letzten Blutstropfen aus den bärtigen Wangen jagte. »Meister?« stammelte die Sus erschrocken. Er sagte zwischen den Zähnen: »Gib! Und gib! Wie mehr, so lieber ist mir's. Ich hab einen Weg.« Vorüber an lautem Schluchzen und stillem Weinen, vorüber an Zorn und Gram, an Tieren und Menschen. Beim Brunnen sah er den Pfarrer und drängte sich hin zu ihm. Der fragte betroffen: »Nick? Ist dir nit gut?«

Der Meister sah ihm in die Augen. »So geht's nit länger. Ich kann's nimmer hehlen. Ob Ruh oder Elend, ich muß bekennen heut.«

»Dein Gesicht hat mir's kürzer gesagt.« Der Pfarrer legte den Arm um den Hals des Freundes. »Tu, was du mußt! Jetzt red ich dir nimmer ab.« Seine trauernden Augen irrten über den tausendköpfigen Jammer hin, der die Gasse füllte. »Aber was du tun mußt, tu als mutiger Mensch! Der Weg zum Listenkommissar ist leicht. Erst geh den härteren zu deinem Kind.«

Der Meister nickte und bot dem Freunde die linke Hand, die lebende. Stumm ging er davon und sah nimmer, daß ein leises Lächeln den trauernden Ernst im Warzengesicht des Pfarrers milderte. Um sich in der langen Gasse nicht wieder vorüberwühlen zu müssen an Menschen und Tieren, schritt der Meister hinüber zum gestutzten Hofgarten und suchte den Heimweg hinter den Zäunen. Wie das Rauschen eines großen Wassers begleitete ihn der klagende Lärm der Marktgasse.

Friedlich umschimmerte die Morgensonne sein Haus inmitten des Gartens, in dem die Rosenstauden zu knospen begannen. Der Meister trat in den Flur und rief über die Treppe hinauf: »Kind? Wo bist du?«

In der Werkstätte ein erwürgter Laut.

Durch das Fenster mit den verbogenen Eisenstäben flutete eine goldschöne Sonnenfülle in den großen, schweigsamen Raum, umglänzte die Holzstatue der >heiligen Menschheit< und streifte den Schoß des jungen Mädchens, das im ziegelfarbenen Hauskleid hinter dem Spinnrad auf der Holzbank saß, ähnlicher dem jungen Tod als einem atmenden Menschenkind. Schweigend betrachtete Niklaus seine Tochter, in deren Augen eine angstvolle Frage brannte. Dann glitt sein Blick, der wie ein gramvolles Abschiednehmen war, über die Mauern, über alles Gerät, und blieb an seinem Werke haften: an der schlanken, von dürstendem Erwarten durchglühten Gestalt des jungen, ärmlich gekleideten Weibes, das die Arme auseinanderbreitet und verklärt einem kommenden Wunder entgegenblickt, aus starrem Holz verwandelt zu heißem Leben, durchleuchtet von opferwilliger Liebe und hoffendem Glauben. Die Hand auf seine Stirne legend, mit einem halb bitteren, halb frohen Lächeln, wiederholte der Meister leis die Worte, die er an dieser Stelle vor vielen Wochen zu seinem Kinde gesprochen hatte: »Lang muß man harren auf Erlösung. Einmal kommt sie.« Er wandte das Gesicht. Sorge und Zärtlichkeit waren in seiner Stimme. »Kind! Jetzt muß ich dir sagen, was dir hart sein wird.«

Sie schrie: »Was ist ihm geschehen?«

»Wen meinst du? Den Leupi?« Wieder das wehe und dennoch freudige Lächeln. »Mußt du schneller an den Leupi denken als an mich? Da hab nit Sorg. Der ist ein Aufrechter, geht den Weg seiner redlichen Pflicht, hat die Wahrheit im Herzen und ist ein Helfer für hundert Leidende. Er geht mit den Ärmsten. Heut. Mit mir hat er nit geredet, und ich bring dir keinen Gruß. Was ich dir sagen muß, lieb Kind, geht nit um den Leupi. Das geht um dich und mich. Ich muß dir sagen --«

Sie wehrte mit beiden Händen. Das glühende Rot, das ihre Wangen überflossen hatte, war wieder verwandelt in wächserne Blässe. »Vater!« Für einen Augenblick überkam's ihre Sinne wie Schwindel. »Ich hab verstanden. Du bringst dein Herz nit über den heutigen Tag hinüber. Du mußt -- bekennen?«

»Ja.« Er trat zu ihr hin. »Und daß ich nimmer lügen kann? Auch nit um deinetwillen? Kind? Muß deine fromme Seel mich drum verdammen?«

Sich zusammenkrümmend, preßte sie das Gesicht in die Hände, schüttelte den Kopf und klagte: »Bloß ein Einziger weiß, wie alles ist. Ich such es allweil und kann's nit finden. Dich hab ich lieb ohne Reu und Schmerzen. Mehr weiß ich nimmer.«

Da sprang er zu ihr hin, warf sich vor ihr auf die Knie, zog ihr die Arme herunter, küßte lachend ihre Hände, die naß waren von ihren Tränen, sah zu ihren schwimmenden Augen hinauf, schmiegte das Gesicht an ihre Schulter und stammelte: »Kind! Jetzt hast du deinem Vater das Leben geschenkt. Und der Weg, den ich tun muß um der Wahrheit willen, ist mir ein leichter und schöner.« Sich erhebend, umschlang er sie, küßte ihre Wange, ihre Stirn, ihre Augen -- sprang mit frohem Auflachen zur Tür hinüber und war verschwunden.

Unbeweglich saß Luisa auf der Bank und sah die Tür mit erloschenen Augen an, als wäre alles Denken in ihr zerdrückt. Da quoll in der schönen Sonne, die ihren Leib umflutete, durch die Mauern ein Rauschen zu ihr herein, das leis die Fensterscheiben erzittern machte. War es das Brausen eines stürzenden Baches? Oder der ferne Lärm von tausendstimmigem Menschengeschrei, in dem alles war, nur Freude nicht?

»Vater!« Bei diesem gellenden Laut voll Schreck und Grauen griffen ihre Hände gegen die Türe hin. »Vater! Vater! Vater!« Das Spinnrad fortstoßend, daß es über die Dielen kollerte, sprang Luisa von der Bank, jagte über die Schwelle, jagte mit gestreckten Armen hinaus in die Sonne. »Vater! Vater!« Wie eine Verzweifelnde hetzte sie an der Gartenplanke hin, gegen den Markt hinüber, in dem roten wehenden Kleid, einer fliegenden Flamme gleich, und war nicht die einzige, die so rannte, so verstört und ganz von Sinnen. Überall, auf der Straße, auf den Fußwegen, auf den Wiesen, überall sah man viele springende Menschen, die aufgeregt mit den Armen fuchtelten und wirre Worte kreischten, als wäre ein großes Schadenfeuer ausgebrochen, das alle Dächer und jedes atmende Leben bedrohte. Auch dröhnende Schläge, wie beginnender Feuerlärm! Auf drei Türmen fingen alle Glocken zu läuten an und füllten die sonnigen Lüfte mit schwebendem Hall. Sollte das ein mahnender Abschiedsgruß der Kirche an die wandernden Seelen sein, die sie verlor? Oder war es ein pröpstliches Freudengeläut, das die Reinigung des berchtesgadnischen Landes von allem Irrglauben verkündete?

Bei der Reichenhaller Straße kam Luisa nimmer weiter. Zwischen anderen Menschen, welche weinten oder beteten, stand sie an die Scheunenmauer des Leuthauses gepreßt, mit angstvoll erweiterten Augen im blassen Gesicht, keiner Handbewegung und keines Lautes fähig. Ihr gegenüber lugte über den Ziegelbord der sekreten Mauer das stille, ausgeräumte Unlustschlößchen der weiland Allergnädigsten mit niedergelassenen Jalousien hervor, und zwischen der weißen Mauer und dem versteinten Mädchen war die enge Straße vollgepfropft durch Menschen, Tiere und Karren, durch den vorwärts drängenden Zug der Exulanten, dem vier rotjoppige Burschen mit ledernen Reisetaschen, mit schweren Rucksäcken und langen Wanderstecken voranschritten, auf den grünen Bubenhüten die ersten Blumen des Frühlings, mit rotgeränderten Augen in den erbitterten Gesichtern. Einer von den Vieren sang mit der Stimme eines Wahnsinnigen, zwei waren stumm und ließen die Köpfe hängen, der vierte kreischte immer wieder die zwei gleichen Worte gegen die strahlende Sonne hinauf: »Gottsheilige Himmelsfreud! Gottsheilige Himmelsfreud!« Nur Leute, die ganz in der Nähe waren, verstanden diese Worte. Wie bei einer Hinrichtung das Trommelgerassel den letzten Schrei des Verurteilten erstickt, so übertönten die läutenden Kirchenglocken allen klagenden Zorn und Jammer dieser Stunde, in welcher tausend gläubige, redliche Menschen die Heimat verlieren mußten, an der sie hingen mit Blut und Seele.

Daß jeder Seufzer, jedes Wort und jeder Schrei erlosch in der wogenden Glockenfülle, das milderte den erschreckenden Vorgang dieses großen Jagens nicht, das sich ohne Hifthörner, ohne gelitzte Jägergala und ohne französische Reimsprüche vollzog und dennoch mehr des menschlichen Herzblutes verschüttete, als draußen in der Schönheitsrunde des Hintersees an rauchendem Wildblut hineingeronnen war in den Frühlingsboden des deutschen Waldes. Weil alle Menschenklage versank im Glockenhall, im Rädergerassel und Viehgeplärr, verwandelte sich das Bild des gramvollen Zuges zu einem grausam durchschauerten Anblick, der schreiende Farben hatte und dennoch wirkte wie ein stummes, unbegreifliche Schattenspiel. Auf den Karren und Wagen hielten verstörte Menschen einander umschlungen, drehten immer die Gesichter nach rückwärts und deuteten mit zuckenden Armen; die im Stroh gebetteten Kranken machten sinnlose Handbewegungen und versuchten sich aufzurichten; Bleibende, die von den Exulierenden nicht lassen konnten, liefen zwischen den Viehtreibern und den von Staub überqualmten Tieren umher, umarmten unersättlich die Scheidenden, hingen mit einer Hand an die Wagenleitern geklammert und griffen mit der anderen unter unverständlichen Worten immer zu den Weibern und Kindern hinauf, die droben saßen auf den Brettern. Hinter dem Scharwagen des Zuges, dem letzten aller Karren, kam der vielhundertköpfige Schwarm der Rüstigen, der Männer, Weiber und Kinder, die nicht zu fahren brauchten, sondern den heimatlichen Boden verlassen konnten auf den eigenen Sohlen. Die Zahl der Wandernden hatte sich verdreifacht durch die für immer, oder nur bis zum Tage des nächsten Exulantenzuges Bleibenden, und sie hingen Arm in Arm an den Wanderleuten, um einem Vater, einer Mutter, einem Bruder, einer Schwester noch das Geleit zu geben für eine Strecke des bitteren Weges.