Part 33
Da legte sich die schmale Hand des anderen auf das im Steigbügel weit ausgebuckelte Knie des langen Pfarrers. »Sagen Sie mir alles, liebe Hochwürden, was Ihre Sorge um die Exulierenden zu sagen für notwendig hält.« Und während der Pfarrer sprach, mit aller Herzlichkeit seines Glaubens an den Wert der Menschen, die seiner Heimat genommen wurden, lauschte der junge Oberst so aufmerksam, daß er keinen Blick mehr auf die wechselnden Bilder der Landschaft warf, das Tagwerden und den ersten Glanz der Sonne nicht bemerkte, den klingenden Morgengruß der Hörner nicht vernahm und kein Auge hatte für den aufleuchtenden Farbenprunk des Jagdzuges. Erst als die Kavalkade auf einer kleinen Rodung am Seeufer ins Stocken kam, blickte er auf wie ein Erwachender. In der Windstille zwischen den dunklen Waldmauern kräuselte nicht die leiseste Welle den Spiegel des blaugrünen Wassers. Der See als See war kaum zu erkennen; man sah nur, daß die Schilfbeete nach aufwärts und nach abwärts grünten; daß die Fichtenmauer mit zierlichen Wipfeln zur Höhe strebte und gleichgültig, nur etwas blässer, in die Tiefe wuchs; daß die von der Sonne rosig angeglühten Felsriesen mit den gleißenden Schneefeldern hoch hinaufkletterten ins Blau und ebenso tief hinuntersanken ins Bodenlose; und daß ein leuchtender Himmel da droben war, ein leuchtender Himmel da drunten. Vor diesem zaubervollen Bilde verjüngte und erhellte sich das ernste Gesicht des fremden Offiziers. Mit einem fast mädchenhaften Lächeln sagte er vor sich hin: »Wie schön!«
Stimmengewirbel, heiteres Lachen und ein flinkes _déjeuner à cheval_. Weißgekleidete Köche und rotweinfarben kostümierte Küfer mit Hirschlederschürzen sprangen im Heidekraut umher und hoben die kunstvoll aus Holz geschnitzten Platten und die silbernen Becher zu den Herren hinauf. Unter hilfreicher Mitwirkung der Natur hatte die ganze Aufmachung des festlich prunkenden Bildes etwas Pompöses, etwas wahrhaft Fürstliches. Der junge Oberst sah mit sonderbaren Augen den Pfarrer Ludwig an: »Ist das Kloster zu Berchtesgaden so reich?«
»Gewesen einmal! Was man heute verschluckt und verpulvert, wird man in fünfzig oder sechzig Jahren bezahlen mit bayerischer Münze.« Das war vom Pfarrer sehr ernst gesagt, fast traurig; dennoch lachte der junge Oberst heiter und spöttisch auf: »_Tout le monde à la façon du roi de Pologne, sauf le grand économe de Berlin!_« Das helle Knabenlachen klang hinüber zu der Stelle, wo Aurore de Neuenstein neben dem frühstückenden Fürsten huldreichen Cercle hielt; Herr von Grusdorf drehte das morose Gesicht über die Schulter, und Danckelmann geriet in Verlegenheit. Schon mehrmals hatte der Geheimrat zarte Versuche gemacht, den jungen Oberst ins Gespräch mit dem allergnädigsten Paar _en titre_ zu ziehen; aber so höflich Herr Anton Cajetan sich gegen Danckelmann gab, so schwerhörig war er für diese diplomatischen Vermittlungsversuche; und als der Geheimrat seine Bemühung erneuerte, fand er Widerstand auf der anderen Seite -- der junge Oberst machte eine nur Danckelmann verständliche Handbewegung und wandte sich wieder seinem Gespräch mit dem Pfarrer zu. Die Fabel vom verkleideten Schwegelpfeifer schien zu wirksamer Publizität gediehen zu sein. Es begann auffällig zu werden, wie der Begleitoffizier des preußischen Gesandten von allen Kapitularen geschnitten wurde. So auffällig war es, daß es sogar für den Hiesel Schneck nicht unbemerkbar blieb. »Du!« sagte er zu Leupolt Raurisser, der mit ihm zwischen den Gäulen am Ufer stand. »Dein preißischer Helfer? Verstehst? Der muß nit gar viel Reputation haben.«
»So? Meinst du?« Leupolt fand an diesem Morgen das erste Lächeln.
»Wohl! Um den kümmert sich keine Katz nit.«
Leupolt hob von der Erde einen kleinen Kalksteinsplitter auf, hielt ihn auf der Hand dem Schneck vor die verdrießliche Nase und fragte: »Was ist das?«
»So ein Steinl halt, so ein dreckets, wie's hunderttausend gibt.«
Ein Kopfschütteln. »Das ist nichts anderes, Hiesel, als wie der große Eisberg da droben, von dem's bloß einen einzigen gibt.« Leupolt ließ von der ausgestreckten Hand den Kiesel in den See fallen. Gaukelnd sank die flache Steinscheibe in die blaugrüne Himmelstiefe, schien immer größer zu werden und war umspielt von regenbogenfarbenen Ringen. Der Hiesel guckte mit runden Augen, verstand wieder etwas nicht und brummelte nach einem vorsichtigen Höllementsköter: »Auf'm Stand droben wird's aufkommen, was er für einer ist. Grad neugierig bin ich auf die preißische Pulverei.« Mißtrauisch guckte er zu dem kleinen mageren Soldätl hinüber, das lebhaft mit dem Pfarrer sprach und eben in hurtigem Französisch sagte: »Auf irgend eine Weise muß es doch kommen einmal. Der Hader um Gott und Kirchenmauer kann doch auf deutschem Boden nicht ewig währen, kann doch alles Zusammengehörige nicht immer von neuem entzweireißen! Sie, Hochwürden, als menschlich fühlender Priester? Halten Sie denn das für völlig ausgeschlossen, daß sich zwischen Katholizismus und Lutheranertum in absehbarer Zeit eine friedliche Einigung in allen Glaubensdingen ergibt?«
»Das kann und wird nicht kommen, Herr Oberst! Aber man darf als Deutscher etwas anderes erhoffen: daß man in einer kommenden Stunde der Not sich brüderlich Schulter an Schulter preßt. Und daß der drohende Untergang uns allen, ob römisch oder evangelisch, das deutsche Lebensgesetz hineinschreit in die Herzen: Liebe deinen Gott, achte den Glauben des anderen und bleibe dir bewußt bei jedem Zornschrei und bei jedem Lachen, daß du ein Deutscher bist. Kommt es so, dann ist alles gut. Und *das* kann ich glauben.«
In dem strengen Gesicht des jungen Offiziers, um dessen schmalen und dennoch edel gezeichneten Mund ein leises Lächeln dämmerte, blitzten die stahlblanken, herrlichen Augen. »Da müßte man die Stunde segnen, die uns Deutschen von aller Not die schwerste über die bockbeinigen Köpfe hagelt.«
Ein klingender Hornruf. An den Waldmauern ein mehrfaches Echo. Geklirr und Bewegung. Heiter, nur mit etwas geschraubten Tönen zwitschernd, trabte die Allergnädigste zwischen Herrn Anton Cajetan und dem Geheimrat auf einen weißbesandeten Waldweg zu. Ihr schwarzgetüpfeltes Unschuldsgesicht war vom genossenen Wein und von der Anstrengung des Rittes gerötet. Manchmal reckte sie sich ärgerlich im Sattel und atmete dazu in einer Art, als wäre der Wunsch in ihr, etwas minder geschnürt zu sein. Hinter den Dreien hielten sich dienstbereit die Domizellaren von Stutzing und Kulmer, die zu weidmännischer Nachhilfe für Aurore de Neuenstein und ihre zierliche Feuerbüchse auf den Fürstenstand befohlen waren. Unter einem köstlichen Spiel von Lichtern und Schatten ging's eine Viertelstunde empor durch den von grauen und weißen Felsklötzen durchwürfelten Frühlingswald. Danckelmann fand gerechten Anlaß, das jagdliche Arrangement mit Begeisterung zu loben. Von Stellnetzen und hohen Tüchern war nichts zu sehen. Die Kammern und Ausläufe des massenhaft zusammengefangenen und eingepferchten Wildes blieben unsichtbar. Alles Künstliche war durch Tausende von eingepflöckten Fichtenbäumchen und durch Moosballen so dick maskiert, daß man sich immer in Gottes freier Natur zu befinden glaubte. Nur selten hörte man irgendwo eine Jägerstimme, und manchmal klangen Pflockschläge vom Hintersee herauf, wo jetzt, nach Abzug der Herrschaften vom Frühstückplatz, die letzten Vorbereitungen für die weidmännische Apotheose des Großen Jagens getroffen wurden: für den Seebogen und die Wasserjagd.
In der Nähe des Fürstenstandes, neben dem ein Hornquartett den Herrengruß ins Grüne schmetterte und hinüberschmolz in die zärtliche Dianenweise, stieg man aus dem Sattel. Aurore de Neuenstein brauchte, um niederzukommen, vier galante Domizellarenhände. Dragoner, die schon gewartet hatten, führten die Pferde davon. Vier Büchsenspanner geleiteten Herrn Anton Cajetan zum Fürstenstand, der aussah wie eine mit grünem Sammet tapezierte Kanzel. Als der Fürstpropst dem Geheimrat schon »Weidmannsheil!« gewünscht hatte, zwitscherte Aurore de Neuenstein französisch über die Schulter: »Meine beste, liebste Exzellenz! Nicht wahr, Sie sagen gelegentlich Ihrem kleinen Pfeifer, daß er ein großer Flegel ist. Adieu!«
Bis zur Fürstenkanzel waren es in sanfter Steigung kaum hundert Schritte; sie schienen der Allergnädigsten _en titre_ wachsende Atembeschwerden zu verursachen.
Kapitel XXIX
Die Stände des Großen Jagens waren so weit voneinander entfernt, daß kein Schütze seinen Nachbar gewahren oder durch unvorsichtige Schießerei gefährden konnte. Man schien einsam für sich im Walde zu sitzen. Dem jungen Oberst, als er mit dem Hiesel Schneck seinen grünumflochtenen Stand erklettert hatte, schien das zu gefallen. Es war ihm anzumerken an der Art, wie er, behaglich aufatmend, sich auf die Bank niederließ, die Arme kreuzte, die schlanke Nase vorschob und mit den flinken Blitzaugen fröhlich herumguckte in dem von der Morgensonne durchwobenen Bergwald. Inzwischen lud der Hiesel gewissenhaft die beiden Feuersteinflinten, schüttete Feinkraut ins Pfänndl, legte die Waffen schußfertig über die Auflagstangen und huschelte sich hinter seinen Jagdherrn. »So, jetzt bin ich neugierig, was wir ausrichten miteinander.« Dem jungen Offizier, dem das Bild des stillen Waldes genügte, schien jede Neugier auf den Verlauf des Großen Jagens zu mangeln. Das war wieder gut für den Hiesel Schneck. So lang er nicht gefragt wurde, konnte er schweigen wie der Tod. Nur über die Lage der Stände durfte er Auskunft geben. Rechts, gegen die Berghöhe, lagen die Stände des Herrn von Grusdorf, des Grafen Saur, des preußischen Gesandten und zu oberst der Doppelstand des Herrn Anton Cajetan und der Allergnädigsten; zur Linken, gegen den See hinunter, die Stände der Stiftsherren und Domizellaren, der salzburgischen Offiziere und der Stiftsbeamten, in strenger Rangabstufung. Über alle übrigen Geheimnisse des Großen Jagens mußte Hiesel unverbrüchliches Stillschweigen bewahren; es konnte für einen Gast den Reiz des Jagens nicht erhöhen, wenn er im voraus wußte, was da kommen würde, und daß je drei Füchse für den Fürsten, die Allergnädigste und den preußischen Gesandten, je zwei Füchse für den Grafen Saur und den Kanzler, je ein Fuchs für den Oberst von Berg und jeden Kapitelherrn, drei Füchse für vier Domizellaren und je zwei Füchse für fünf salzburgische Offiziere und für sieben Stiftsbeamte in den mehr oder minder wahrscheinlichen Tod springen mußten. Nach ähnlicher Abstufung waren auch die Wildschweine, das Kahlwild, die Gemsen und »Prunkhirsche« für den Aussprung nach den verschiedenen Ständen eingekammert. Alles war gerichtet aufs Schnürchen. Hätte die gleiche ordnungsgemäße Vorsehung, wie die Fürsten sie bei ihren französisch frisierten Hofjagden zu erzielen wußten, auch im heiligen Römischen Reiche geherrscht, welch ein Segen wäre das für das deutsche Volk gewesen.
Ganz konnte Hiesel Schneck nicht schweigen. Er deutete mit dem Finger und tuschelte: »Da droben, da kommt bald was! Verstehst? Da droben, wo der weiße Steinbrocken liegt.« Das hätte der junge Oberst auch ohne den barmherzigen Fingerwink des Hiesel erraten können. Von dem weißen Steinbrocken zog sich eine Bodenmulde gegen den Stand herunter, auf beiden Seiten abgesperrt durch dichtstehende Fichtenbäumchen. Kam da droben ein Wild, so hatte es einen Auslauf von 200 Schritten bis zum Stand, mußte auf 30 Schritt am Schützen vorbei und konnte, wenn sein Leben bis dahin erhalten blieb, in einem grünen Heckentrichter verschwinden, um der »Seekammer« und einem unanzweifelbaren Schicksal entgegenzuspringen. Vorerst war lautlose Stille im schönen, frühlingsduftenden Bergwald, der wohlig unter dem Glanz der Sonne träumte und keine Ahnung davon hatte, wie übel er mißbraucht wurde. Darüber schien sich auch der junge Oberst keine Gedanken zu machen. Die träumende Waldstille gefiel ihm, und seine Augen glänzten.
Hoch droben wurde mit hallendem Hörnerklang das Jagen angeblasen, und es dauerte nicht lang, so krachten bei der Fürstenkanzel zahlreiche, flink aufeinanderfolgende Schüsse, man hörte das jauchzende Piepsstimmchen der Allergnädigsten und dann die melancholische Fuchstodweise des Hornquartetts. Bumm, bumm, bummbum, knatterte es unter herrlichem Echo von den Ständen des Geheimrats, des Grafen Saur und des Kanzlers herunter, und geheimnisvoll zischelte der Hiesel Schneck: »Hö! Obacht! Es kommt was.«
Lachend drehte der junge Oberst das Gesicht. »_Mon cher monsieur Cheneque!_ Ick habe selber Oogen.«
»*Was* hast?« fragte Hiesel verdutzt. Sein Jagdherr deutete mit beiden Zeigefingern auf seine fröhlich glänzenden Augen. Jetzt verstand der Hiesel. »Ah so!« Und des weiteren hielt er wütend das Maul, obwohl der verhöllte Preiß, weil er keinen Griff nach der Flinte machte, den heranschnürenden Fuchs nicht zu sehen schien. Der rote Bruder Reineke erledigte seine Promenade in den voraussichtlichen Tod mit ruhiger Gemütlichkeit, spähte und lauschte nach allen Seiten, ließ die gestreckte Rute zittern, kam bis auf 40 Schritte heran, setzte sich erstaunt auf die Hinterbacken und betrachtete den jungen Oberst äußerst aufmerksam. Dieses persönliche Interesse schien ein gegenseitiges zu sein und währte so lang, daß Hiesel Schneck in Besorgnis durch die Zähne knirschte: »Himmelherrgottblutsakerment, so schieß doch einmal!«
»Neeee!« klang die melodische Frohstimme des jungen Nichtschützen. »Det brave Fückschen soll Mäuse fangen, die dem Bauer am Hafer knabbern.« So freundlich diese Stimme sich anhörte, so mißtrauisch machte sie den Fuchs. Er sauste unter dem Geböller, das auf den tieferen Nachbarständen losging, wie der Blitz davon und verschwand in dem grünen Heckentrichter, der ihn einem minder barmherzigen Vorgang entgegenlenkte. Hiesel Schneck schlug fassungslos die braunen Tatzen über dem Haardach zusammen, vergaß seines evangelikanischen Herrgotts und ließ aus empörter Jägerseele den gutkatholischen Seufzer herausfahren: »O du Mar' und Josef und alle vierzehn Helfer in der christlichen Not!« Bedrückt von einem sorgenvollen Zukunftsgedanken, guckte er in das grüne Loch, in dem der Fuchs verschwunden war. Da kam -- eines jagdbaren Keilers hatte man den maskierten Schwegelpfeifer nicht gewürdigt -- unter Horngeschmetter, hurtigem Flintenknall und rollendem Echo eine schwere Bache mit zwei kleinen Überläufern durch die Mulde heruntergesurrt, vernehmlich grunzend in ihrer ahnungsvollen Angst um die beiden Borstenkinder. Der Hiesel Schneck, weil er mit Recht vermutete, daß sich das gewitzte Wildschwein nicht neugierig vor einen Preißen hinsetzen würde, konnte seinen Jägerseelensturm nicht länger im Zaum halten. »Hö! Du! Verstehst? Dö Sau frißt keine Mäuslen nit! Da wirst dich ein bißl tummeln müssen!« Er packte eine der beiden Flinten, um sie seinem Jagdherrn hinzubieten. Der schob sie mit der Hand zurück: »Uff so 'n jutes Muttchen losknallen? Neeee!« Wortlos schüttelte Hiesel Schneck den Schädel mit dem zitternden Schnauzer, schien sich in bedenklicher Nähe eines Gehirnschlages zu befinden und klagte: »Da fehlt's weit!«
Neues Horngeschmetter, eine gesteigerte Knallerei auf allen Ständen, und durch die Mulde trollten in zerzaustem Winterkleid zwei junge Hirsche herab, die ihre Geweihe schon abgeworfen hatten. Auch sie passierten unbeschossen den Stand des jungen Offiziers. Das begriff der Hiesel, und seine grimmige Laune schien sich zu bessern. Aber gleich darauf ereignete sich etwas Schauderhaftes, etwas für den Hiesel völlig Unfaßbares. Unter einem Fortissimo der Hörner, die eine Steigerung aller Reize des Großen Jagens zu verkünden schienen, sausten mit wundervollen Fluchten zwei Gemsböcke durch die Mulde herunter, mit schön gebogenen Krucken über den weißgelben Backen, noch im schwarzen, wenig geschädigten Winterkleid, bei ihrem dichten Pelzwerke kugelrund erscheinend, die wachelnde Bartsäge über den Rücken hin. Vom aufwärtsziehenden Sonnenwinde gewarnt, wollten sie seitwärts aus der Mulde fahren, prallten gegen die elastische Fichtenhecke, wurden zurückgeschleudert und überschlugen sich, rafften sich wieder auf und hetzten nun mit schnellenden Weitsprüngen gerades Weges gegen den Stand herunter. »Aber jetzt,« lachte der Hiesel Schneck, »gelt ja, jetzt rührt sich der Preiß ein bißl!« Das stimmte. Der junge Oberst war aufgesprungen, konnte sich an dem prachtvollen, ihn heiß erregenden Bilde nicht sattschauen, wirbelte sein fast kindhaftes Entzücken mit einem französischen Wortgeprassel aus sich heraus, und als die beiden Gemsböcke drei Schritte vor ihm mit hohen Fluchten über die grünverkleidete Kanzeltreppe setzten, applaudierte er so leidenschaftlich, wie er's noch niemals in einer französischen Komödie getan hatte, schlug den sprachlosen Hiesel Schneck begeistert auf die Schulter und lachte: »Menschenskind! Det war jeradezu himmlisch!«
»Da legst dich nieder!« murrte der Hiesel trostlos und wälzte in verstörter Seele den Gedanken umher: wie das mit ihm werden würde, wenn *alle* Preißen so schauderhafte Jäger sind? Da lief er, wenn er exulierte, einem Leben entgegen, bei dem er sich Tag für Tag so namenlos ärgern mußte, daß ihm schließlich vor Gift und Zorn die weidmännische Galle verläßlich platzen würde. Etwas Verzweiflungsvolles redete aus seinen Wasseraugen, als er zögernd fragte: »Herr? Sind im luthrischen Sand da drunt die Jäger *alle* so wie Ös?«
»Wie wer?«
Im Hiesel begann es zu kochen. »Kreuzikruzi --« Der Himmelhund, der nur ein bißchen aus dem Schneck herausgeblinzelt hatte, blieb ungeboren. »Verstehst denn nit? Der Ös bist du! Und wissen muß ich, ob im Preißischen *alle* Jäger so sind wie du?«
Der junge Oberst lachte erheitert. »Neee! Da bin ick der Eenzichste. De anderen seind alle die gleichen Schlächter un Pulverschweine als hier zuland.«
»So so? Jetzt weiß ich, wie ich dran bin.« Hiesel Schneck tat einen Atemzug der Erleichterung; also gab's im Preißischen auch gute und richtige Jäger; da brauchte sich der Hiesel doch nicht gerade mit *dem* da einzulassen, der einer war, daß Gott erbarm'! Bei dieser schlauen Rechnung erschien dem halbgesottenen Evangelikaner das Exulieren minder schauderhaft als vor einer Minute. Und hurtig rührte sich wieder der gewissenhafte Jäger in ihm. »Psssst! Obacht!« Der Klang der Hörner in der Höhe wurde feierlich. Und droben bei dem weißen Stein erschien mit ruhigem Schritt ein guter Kronenhirsch, fein abgezeichnet vom grünen Hintergrund, mit vorgebuchteter Kehlzotte, über dem straff erhobenen Haupt das prächtig verästelte Zwölfergeweih. Leis kicherte Hiesel: »Gelt, Preißerl, da schaust!« Verwundert sah der junge Offizier den langsam niedersteigenden Hirsch und wieder den Jäger an: »Werfen denn hier de ollen Hirsche det Jeweih nich ab im Frühling?«
»Jöises!« klagte der Hiesel. »Jetzt weiß der so was nit! Wann's halt ein Gschnittener ist! Verstehst?«
»Wat?«
»Kreuzsakra! Den hat halt der Wildschneider im Herbst kastriert. Da wirft einer 's Geweih nimmer ab. Söllene sind an die Dreißig im Jagen.«
»Ach, det arme Luder!« Mit einer harten Furche zwischen den Brauen griff der junge Oberst rasch nach der Flinte. Ein Ruck an die Wange. Im Feuer überschlug sich der Hirsch, lag verendet zwischen den Steinblöcken, und der Schütze, unmutig das Gewehr fortstellend, sagte mit leiser Stimme: »_Délivré des bienfaits de la providence humaine!_«
Jetzt applaudierte der Hiesel Schneck, ohne zu verstehen, daß dieser barmherzige Erlösungsschuß für seinen Jagdherrn alles andere, nur keine weidmännische Freude war. Was der Hiesel in seiner vergnügten Anerkennung noch schwatzen wollte, ging unter in einem Heidenlärm, der plötzlich den Wald zu erfüllen begann. Unter dem Geschmetter der Hörner, die »Schluß des Jagens« bliesen, klangen die jauchzenden Stimmen der Jäger und vieler zur Jagdfron befohlener Musketiere und Dragoner durch den Wald herunter, näher und näher. Bei den Ständen hallten die aufgeregten Hussarufe und Halalischreie, mit denen man dem wundgeschossenen Wild den Fangstoß versetzte, überall scholl der Hetz- oder Standlaut der Schweißhunde und Saupacker, manchmal auch das Aufheulen eines Hundes, dem ein weidkranker Gemsbock das nadelscharfe Krickel durch die Gedärme gerissen hatte; bald in der Höhe, bald in der Tiefe sang ein Jagdhorn den »Sautod«, den »Hirschtod«, den »Gemstod«, den »Fuchstod«; und dieser ganze, noch immer wachsende Heidenspektakel wälzte sich von den Ständen gegen den See hinunter, um sich völlig auszutoben in der höfischen, treu nach französischem Muster zugeschnittenen Apotheose des Großen Jagens.
Als der junge Oberst, schon angewidert von den roten Bildern, die er gesehen hatte, mit dem aufgeregten Hiesel Schnack hinunterkam ans Wasser, war das herrliche _spectaculum_ Dianä bereits in Gang. Schützen, Jäger, Musketiere und Hundejungen mit den in den Halszwingen heulenden Bracken standen rings um das Ufer her. Das schöne Spiegelbild der Wasserfläche war zerwirbelt von rinnenden Wellenkreisen. Jubelnde Hornfanfaren, hallendes Echo an den Felswänden. Und vom Südufer des Sees, wo hinter einer dunklen Wipfelsäge das sonnglänzende Dach der fürstpröpstlichen Försterei emporspitzte, glitt das mit falschen Blumen, Bändergirlanden, Fähnlein und Wimpelchen grellfarbig aufgeputzte Schiff der gesegneten Göttin rauschend gegen die Seemitte. Auf einem geschnitzten Hirsch, der mit vergoldetem Riesengeweih als Galion sich herausstreckte über den Schiffsschnabel, ritt -- nicht Herr Anton Cajetan -- nur der fürstliche Wildmeister _à la place du maître adoré_. Hinter ihm, in einer vergoldeten Muschel, stand die heftig atmende, ein bißchen blaß gewordene Diana mit hellenischer Lanze und einem funkelnden Halbmöndchen über dem gepuderten Lockenbau. Auf der anschließenden, grüngeländerten Plattform hatten sich rings um den Allergnädigsten Herrn die bevorzugten Jagdgäste höchster Rangordnung und die hilfsbereiten Domizellaren versammelt, alle mit langen Jagdspeeren bewaffnet. Und hinter der Plattform rauschte das Wasser weiß um die zwanzig Ruderschaufeln, die von maskierten Schiffern, von haarigen Faungestalten regiert wurden. Eine neue Fanfare, ein Hussajubel und Brackengeläute rings um den schimmerigen See, ein dröhnender Böllerschuß mit endlos rollendem Echo, und aus einer grünen Triumphpforte -- wie ein schlammiger Wasserschwall sich im Bogen hervorstürzt aus einer jäh geöffneten Schleuse -- schnellte sich eine braune, schwarze, rötliche Zappelmasse vom Ufer in das aufspritzende Wasser: das in der »Seekammer« angesammelte Wildgewühl, hinter dem die Hetzhunde her waren. Von beiden Ufern klatschten die gelösten Bracken heulend in die Wellen hinein, trieben den schwimmenden Wildknäuel gegen den flitterfarbig heranrauschenden Dianentempel, und da stießen und stachen vom goldenen Sitz der Göttin und von beiden Seiten der grünen Plattform das hellenische Länzlein und die langen Speere auf und nieder, daß es immer blitzte von den zuckenden Klingen. Das erstochene Wild drehte die Bäuche nach oben, wobei das schöne blaugrüne Wasser sich mit schmutzigem Rot zu färben begann. Und Jubelgeschrei und Hörnerschall ohne Ende. Das gefiel nicht allen, die es sahen. Pfarrer Ludwig, der in seinem verblichenen Jagdfrack an eine grün umwickelte Hopfenstange erinnern konnte, war gar nicht zum Ufer gekommen. Und der junge Oberst knirschte in Zorn und Ekel vor sich hin: »Fui Deibel!« Den Hiesel Schneck seinen langgeschwänzten Himmelhunden überlassend, wandte er sich vom Ufer ab und schritt immer tiefer in den Wald hinein.