Das große Jagen

Part 32

Chapter 323,270 wordsPublic domain

Hinfallend auf die beiden Knie, ließ der Haynacher das entseelte Bübchen von seiner Schulter gleiten und stieß das blutige Messer, das zwischen Griff und Klinge eine stählerne Querspange hatte, in den grünwerdenden Grabhügel der Martle. »So, Weibl!« keuchte er. »Jetzt hast du dein Kreuz!« Ein grelles Lachen zerriß ihm die Stimme. »Ist kein heiliges nit, aber eins, das die Herren nimmer verbieten können.« Er zuckte vom Boden auf. Mit dem Ausdruck eines entrückten Bekenners hob er die roten Hände und schrie zum Himmel: »Sie hat's verdient! Von allen Christenseelen die frömmste! Und ist gestorben, so schön, wie seit dem heiligen Peter und Paul kein römischer Bischof nimmer sterben hat können auf seinem vergoldeten Sessel!« Nach diesem Schrei überkam ihn eine steinerne Ruhe. Das verzerrte Gesicht drehend, gewahrte er bei der grün überhauchten Hecke die obere Hälfte des schwarzen Landrichters mit dem kalkweißen Gesicht und der schneeblanken Perücke. Er sah nicht den Feldwebel, der mit geschwungenem Säbel halblateinisch kommandierte, sah nicht die Musketiere, die sich durch die Hecke warfen, sah nicht die schreienden Leute. Nur den Doktor Willibald Hringghh. Mit zuckenden Händen griff er in die Luft. »Wie, du! Komm her! Oder traust du dich nit?« Ein wildes, jedem menschlichen Klang entrücktes Lachen, gleich dem Gebrüll eines gepeinigten Tieres. »Schau her, du! Meine Händ sind leer. Ich hab kein Messer nimmer. Und mag nit greifen nach einem Prügel. So viel wie ein räudiger Hund verdienst du nit.« Mit greifenden Fäusten stürzte er auf die erschrocken wackelnde Perücke zu. »Für einen, wie du, da reichen zehn römischkatholische Finger aus!« Dem Christl Haynacher fiel der Kopf vornüber, und seine Fäuste sanken. Zwei obrigkeitstreue Bajonette waren ihm in die Brust gefahren. Übersprudelt vom roten Brunnen seines Lebens, fiel er auf den Gerstenacker hin und lag wie ein Entseelter in den jungen Blumen. Nun bewegten stoßende Atemzüge seine Brust. Er tat die Augen auf, die er schon geschlossen hatte, hob sich mit stemmenden Armen vom Boden und sprach in Verzückung: »Es ist ein Gott, und ich glaub. Ihr Sünder, euer Irrtum ist des Erbarmens wert. Mehr sag ich nimmer.« Lächelnd fiel er zurück, und das Leben entrann ihm.

Drüben bei der Hecke des Nachbarlehens fingen die Leute wie verrückt zu schreien an. Die Musketiere standen mit verdutzten Gesichtern, als begriffen sie nicht recht, was da im Handumdrehen geschehen war, und Muckenfüßl fühlte eine Anwandlung von Übligkeit, weil er Blut in solcher Menge nicht sehen konnte. Nur Doktor Willibald Hringghh, obwohl seine Nase so weiß wie seine Perücke war, erkämpfte bis zu amtlich notwendigem Grade seine Fassung, lüftete das Barettchen und sagte kurzatmig: »Hier hat Gott gewaltet und seine ewige Gerechtigkeit.« Mit kummervoller Einsicht fügte er bei: »Zu spät erkenne ich die Wahrheit, daß dieser unglückselige Mensch kein Schwachkopf, sondern ein geborener Verbrecher war.« Getreu seinen Pflichten, erledigte er die peinlich genaue Inaugenscheinnahme des Tatortes, begab sich in das leergewordene Haus, ließ Tisch und Stühle in die ausgeräumte Stube zurücktragen und verfaßte unter häufigem Kopfschütteln ein ausführliches Protokoll. In seinem Amtseifer überhörte er den wachsenden Lärm, der vom Gerstenacker des Christl Haynacher herüberscholl.

Als der Landrichter bei rotwerdender Sonne das abgestorbene Haus verließ, befiel ihn vor dem Anblick des lärmenden Gewühls von zwei, drei hundert Menschen ein sichtliches Unbehagen. Er fühlte sich zwischen dem Muckenfüßlschen Polizeisäbel und den gottsmilitärischen Bajonetten nicht mehr sicher und schlug ein überhastetes Tempo an. Dadurch gestaltete er die Situation noch unerquicklicher. Eine schreiende, schmähende, von Zorn durchfieberte Leutmenge rannte hinter ihm her und begann mit Steinen zu werfen. Es wäre zu bösen Dingen gekommen, wenn nicht eine unerwartete Wendung das Trauerspiel dieser Stunde halb und halb in das Gegenteil verkehrt hätte. Ein großer Rattenpinscher, der, gereizt durch die Blutwitterung, schon immer aufgeregt gebelfert hatte und nun den springenden Landrichter erspähte, mißverstand die Sachlage, verwechselte die Gerechtigkeit mit dem Verbrechertum, schoß wie ein Pfeil hinter dem Fliehenden her, erwischte ihn und riß ihm nicht nur einen langen Flügel aus dem richterlichen Talar, auch noch ein mageres Stück Fleisch aus einer Körpergegend, die sogar ein Liebling der Justitia beim Sitzen nicht zu entbehren vermag.

Aller Zorn der aufgeregten Menschen schlug in befreiendes Hohngelächter um, als sie den siegreichen Rattler das schwarze, ein bißchen rotgetüpfelte Fähnlein der Gerechtigkeit so stolz in der stichelhärigen Schnauze umhertragen sahen. Und während Muckenfüßl und die Musketiere rasch den klagenden Herrn davonführten, der eine purpurne Träufelspur seines amtlichen Waltens hinter sich zurückließ, rief ein junger Mensch, den die Amnestie aller Evangelischen erst am Morgen aus dem Aufenthalt ohne Mond und Sonne erlöst hatte: »Gucket, Leut! Jetzt hat er einen von seinen vier überflüssigen Buchstaben eingebüßt! Gott soll's geben zum Wohl der Menschen, daß man ihm die drei anderen auch noch ausknuspert. Kann er die Gerechtigkeit nimmer im Sitzfleck haben, so könnt man hoffen, daß sie ihm hinaufsteigt ins Gehirn.«

Bevor die Sonne noch über den Toten Mann hinuntertauchte, kamen viele Musketiere und Dragoner zum Gerstenacker des Christl Haynacher marschiert, um die in staatsgefährlichem Grad gestörte Bürgerruhe wieder herzustellen. Als man die beiden kaltgewordenen Menschenkinder, Vater und Bübl, zur Armeseelenkammer brachte, war die Geldkatze des Christl spurlos verschwunden. Nach Anbruch der Dunkelheit wurden die zwei Entseelten, die als gutgetaufte Christen ein unverlierbares Anrecht auf heiligen Boden hatten, ohne Aufsehen im Friedhof bestattet. Und der von seinem bedrohlichen Wahn geheilte Jesunder benützte diese Gelegenheit, um unauffällig den durch ein schwarzes Heidenkind entweihten Gottesacker neu zu konsekrieren. Er vollzog die heilige Handlung so nachdrücklich, daß er mit einiger Berechtigung hoffen durfte: die Weihe würde sogar bis zur Außenseite der Friedhofsmauer penetrieren.

Solang die Polizeistunde noch nicht geschlagen hatte, ging es auf dem Brunnenplatz und in der Marktgasse sehr unruhig zu -- am unruhigsten im Hof des Leuthauses. Da standen ein paar hundert Menschen beisammen. Die hätten gerne noch erfahren, was die zwei preußischen Herren mit ihrem Nachtbesuch beim Kanzler von Grusdorf zur Beruhigung der evangelischen Mütter und Väter auszurichten vermochten. Die Polizeistunde schlug, ohne daß die Harrenden eine Nachricht hörten; sie mußten heim in ihre Stuben, mußten sich im Bangen um ihre Kinder noch gedulden durch eine lange Sorgennacht.

Früh am Morgen rasselte die Polizeitrommel. Der Feldwebel Muckenfüßl begleitete sie nicht. An seiner Stelle mußte ein anderes Polizeiorgan der lauschenden Population verkünden: daß, zum ersten, die exulierenden Väter und Mütter das unbedrängte Verfügungsrecht über Verbleib oder Mitreise ihrer Kinder hätten. Und zum anderen: daß der allergnädigste Fürst den traurigen Vorfall im Haynacherlehen aus gerechter Empfindung beklage und die beiden Beamten, denen eine folgenschwere Unüberlegtheit vorzuwerfen sei, ihres Amtes enthoben hätte.

Es war eine aufgeregte Nachtstunde gewesen, in der sich Herr Anton Cajetan diesen Entschluß von der fürstlichen Seele gerungen hatte. Den Feldwebel Muckenfüßl fallen zu lassen, war ihm nicht allzu schwer geworden; nach unten hin verdünnen sich die Regierungsverpflichtungen. Doch gerne hätte er den armen Willibald gehalten; aus Dankbarkeit für mancherlei sekrete Dienstleistungen. Man beriet alle rettenden Möglichkeiten und fand keinen Ausweg. Willibald mußte hinuntertauchen in das Nichts, weniger aus Ursache der »folgenschweren Unüberlegtheit«, als weil er durch den Verlust eines notwendigen Buchstäbchens dem Fluch einer Lächerlichkeit überliefert war, die ihm jedes weitere Wirken als getreues Justizkamel entschieden verweigerte. Dem Stiftsherrn, der dem Beklagenswerten diese Botschaft mit dem Pflaster eines gnädigen Ruhegehaltes überbrachte, konnte der leidende Mann nicht in die Augen schauen, weil er zu besserer Bequemlichkeit des nähenden Stiftsphysikus auf der sehenden Seite liegen mußte.

Zum kummervollen Nikodemus Muckenfüßl hatte man keinen Stiftsherrn geschickt, nur einen fürstpröpstlichen Lakai. Der entthronte Feldwebel, obwohl er auf ein durststillendes Versorgungspöstchen im Stiftskeller hoffen durfte, gab durch längere Zeit keine Perle seines Sprachschatzes von sich. »So, du Rindviech,« sagte seine tapfere, unverdrossene Frau zu ihm, »jetzt red lateinisch!«

Im Verlaufe dieses Tages konnte Pfarrer Ludwig von seinem Fenster aus eine Wahrnehmung machen, die ihn wieder an den Amsterdamer Singvogel und an die These denken ließ: daß alles Geschehen unter der Sonne, so hart und übel es auch wäre, sich doch immer wieder verwandle zu einer aufwärts führenden Staffel des Lebens, zu einer Glückshilfe für die Menschen. Der Tod des Christl Haynacher war ein Werk der Erlösung für hundert bedrückte Herzen geworden. Viele Frauen, evangelische Mütter, die in Sorge gewesen waren um den Besitz ihrer Kinder, wanderten zum Friedhof und legten Sträuße und kleine Kränze von Frühlingsblumen auf das frische Grab. Der alte Mesner konnte sich nicht erinnern, daß seit Menschengedenken ein Friedhofshügel so reichen Schmuck empfangen hätte, als die Ruhestätte des Christl. Wie sehr man diesen Blutzeugen der Vaterliebe in Ehren hielt, das erwies sich auch an einem Vorfall, der sich auf des Haynachers Gerstenacker ereignete. Hier gedachte gleich am Morgen nach Christls Tod der kleine magere Bauer mit den schlauen Augen eine nutzbringende Tätigkeit zu entwickeln. Er wollte das brachliegende Feld mit dem Spaten umgraben -- das wäre nicht >geackert< -- und wollte schaffweis die Jauche ausgießen -- das wäre nicht >gemistet< in protokollarischem Sinne. Dieser klugen Auslegung dessen, was schwarz auf weiß geschrieben stand, schlossen sich die Nachbarn des Haynacherlehens nicht an. Sie verprügelten neben dem Grab der Martle den wifen Protokollisten so fürchterlich, daß er das Misten und Ackern sogar auf den eigenen Feldern für längere Zeit versäumte.

Außer dem sühnenden Schwertstreich, der auf die Amtsperücken des Landrichters und des Polizeifeldwebels niedergefahren war, tat die Regierung auch sonst noch unter den vier preußischen Augen ihr Möglichstes, um die Stimmung der Population nach Kräften zu besänftigen. Alle Polizeiverbote, die einen Hauch des Muckenfüßlschen Geistes atmeten, wurden vom Stiftstor entfernt, so daß sich die vier Bogen des Exulationsediktes aller würdigen Sozietät entblößt sahen. Wie den Kanzler von Grusdorf bisher das Verbieten ermüdet hatte, so fatiguierte ihn jetzt das Erlauben.

Aus Rücksicht auf die gereizte Stimmung der Subjekte wurden auch alle Vorbereitungen für das Große Jagen mit Ausschluß der Öffentlichkeit betrieben. Die zahlreichen Fahrzeuge mit den Stellnetzen und hohen Tüchern, die Menagerievehikel mit den Hirschkäfigen, Sauzwingern und Fuchskästen, die Küchenwagen und Proviantkarren, alles wurde zu nachtschlafender Zeit in Bewegung gesetzt, um der kritischen Neugier des Volkes entrückt zu bleiben. Im alten Tiergarten des Wimbachtales arbeiteten unter Leitung des Wildmeisters und der Jägerei zweihundert Musketiere und Dragoner drei Tage und drei Nächte lang, um die eingegatterten Wildbestände in die Käfigfallen zu treiben, sie nach dem Hintersee zu verbringen, an dessen Ufern das große Prunkjagen stattfinden sollte, und sie dort nach dem höfischen Rang der Schützen in die Kammern der zu den Ständen führenden Ausläufe zu verteilen. Was da jagdlich mit vielen Kunstkniffen inszeniert wurde -- in einer Jahreszeit, in der die Hirsche keine Geweihe trugen und jede Kreatur des Waldes und der Berge die Spuren der winterlichen Entbehrung zeigte -- war >edles Weidwerk< im gleichen Sinne, in dem der gestutzte Hofgarten als fürstlicher Park und der verflossene Doktor Halbundhalb als himmlischer Sendbote der ewigen Gerechtigkeit gelten konnte. Wie unter dem Strom der Pariser Moschusdüfte viel Gesundes auf deutschem Boden permutiert war zu üblem Geruch, so war auch der höfische Jagdbetrieb verwandelt zu einer französischen Fratze dessen, was man seit Jahrhunderten als deutsches Weidwerk verstand. Und im Stifte hatten sie ihren Ehrgeiz dareingesetzt, dem Gesandten des Königs von Preußen weidlich zu imponieren und ihm den gutkatholischen Wildsegen ausgiebig unter die evangelische Nase zu reiben. Zahlreiche Einladungen waren ergangen. Weil nach altem Brauch an einem Großen Jagen, das man auch als Kapiteljagd bezeichnete, alle Stiftsherren teilzunehmen pflegten, konnte man auch den Stiftspfarrer Ludwig um die ihm gebührende Invitation nicht verkürzen. Er nahm sie an, weil sie ihm ein Wiedersehen mit dem jungen Offizier in Aussicht stellte, der sich ihm mit heiteren Worten in das alte deutsche Herz hineingeplaudert hatte. »Jetzt schau nur,« sagte der Pfarrer zu seiner Schwester, »daß du noch ein Fläschl Terpentin erwischen kannst, um aus meinem grünen Jagdfrack die verjährten Weintrenzer herauszuputzen!«

Am Vorabend des Großen Jagens konnte der Wildmeister seinem allergnädigsten Fürsten melden, daß für das weidmännische _spectaculum_ alles in bester Bereitschaft wäre, und daß auch der Himmel einen selten schönen Frühlingsmorgen verspräche. Auf die vierte Frühstunde war das _Rendezvous_ in den Stiftshöfen angesagt. Schon um Mitternacht begannen die Pfannenfeuer aufzulodern und überglänzten die Stiftsmauern mit grellem Zitterschein. Um zwei Uhr rückte alles aus, was zur fürstpröpstlichen Jägerei gehörte. Punkt halb vier erschien Graf Saur, der als Oberstjägermeister fungierte. Dann trafen von zwei zu zwei Minuten, je nach ihrem höfischen Rang, die Jagdgäste ein, zuerst die Stiftsbeamten, drauf die Offiziere der salzburgischen Soldateska, nach ihnen die Domizellaren, von denen die Barone Stutzing und Kulmer zur Einholung der Allergnädigsten ausgeschickt wurden, dann die Kapitularen und der Kanzler von Grusdorf. Alle Herren zu Pferde. Es war ein Gewieher, ein Rosseschnauben und Hufgeträppel, daß die Stiftsmauern davon widerhallten. Fünf Minuten vor vier erschienen die zwei preußischen Herren mit den beiden Jägern, die man ihnen attachiert hatte -- Geheimrat von Danckelmann mit dem Leupolt Raurisser, Oberst von Berg mit dem Hiesel Schneck, der seinem Jagdherrn aus diplomatischer Courtoisie und mit einigem Schmunzeln als »Auchevangelischer« bezeichnet wurde. Zwei Minuten vor vier intonierten die Hörner den Dianengruß. Aurore de Neuenstein, in einem grünen, durch goldene Nesteln schürzbaren Reitkleide mit flimmernden Stickereien, kam auf einem zierlichen Pferdchen allerniedlichst in Begleitung ihrer beiden Kavaliere angaloppiert. Die Dianenweise schwenkte hinüber in den schmetternden Herrengruß, und aus dem Stiftsportal, dessen Flügel sich wie durch Zauber öffneten, trat, von Windlichtträgern und Läufern flankiert, der Landesfürst hervor, in grüner, goldstrotzender Prunkjagdgala. Er küßte das Händchen seiner hübschen, etwas reichlich schönbepflasterten Freundin, begrüßte liebenswürdig den Gesandten, merklich gedämpfter den jungen Oberst, stieg zu Pferd und gab das Zeichen zum Ausritt. Die Hörner bliesen den »Aufbruch zur Jagd«. Hinter den hopsenden Läufern und zwischen den gaukelnden Wachsfackeln setzte sich die lange Kavalkade in klappernde Bewegung. Als man außerhalb der letzten Häuser auf der Ramsauer Straße war, wurden die Wachsfackeln ausgelöscht, um den romantischen Reiz des Rittes zu erhöhen und in den vollen Genuß des strahlenden Sternzaubers zu gelangen.

Der junge Oberst, der, solange die Fackeln noch gebrannt hatten, mit beißendem Spott diesen »kleinhöfischen Seifenblasenschwindel« so unbarmherzig persiflierte, daß Danckelmann in verlegene Unruh geriet, wurde plötzlich ein stumm Entzückter, als die Lichter erloschen und diese von den Geheimnissen der Ewigkeit durchblitzte Nacht ihn umgab. Der reine Himmel wie ein stahlblauer Schild, gegen Osten hin schon milchig aufgehellt. Die Berge in das tiefe Blau und in die falbe Helle schwarz hineingezeichnet, mit weißen Schneemützen in der Höhe. Stern an Stern in zitterndem Gefunkel. Die Milchstraße wie ein mit Goldsand überstreutes Band. Gleich einem ewigen Feuerzeichen stand das Sternbild des Orion über dem Toten Mann, und wie eine große Fackel, strahlenschießend, brannte in einer Bergscharte des hohen Göhl die Venus. Neben der Straße brauste die weißquirlende Ramsauer Ache so laut, daß alles Hufgetäppel unhörbar wurde. Wie eine herrlich summende Glockenstimme schwamm das ruhelose Wasserrauschen durch die sternfunkelnde Schönheit der erlöschenden Nacht.

»Danckelmann!« Es klang wie die Stimme eines Fiebernden. »Das ist eine von den Wunderstunden, die mich Heiden zum Christen machen. Man fühlt den Atem Gottes, fühlt die Größe seines Werkes, fühlt seinen ewigen Willen zum Schönen.« In dieses enthusiastische Seelenjauchzen zwitscherte ein heiteres Auflachen der Allergnädigsten hinein. Der Oberst, vom Französischen ins Deutsche fallend, stieß mit galligem Ärger vor sich hin: »Na ja, un denn freecht man sich, wer ihm det Schöne mit so 'nem Geschmeiß bedreckte.«

Dieses Gespräch wurde durch ein Wort des Fürsten unterbrochen, der den Geheimrat an seine Seite rief. Nun ritten die Drei hinter den hopsenden Läufern an der Spitze des Zuges, zur Rechten Herr Anton Cajetan, zur Linken der Gesandte, in der Mitte das ruhelos piepsende Evasvögelchen. Die Laune der Allergnädigsten _en titre_ hatte bei aller Munterkeit etwas Gereiztes und erinnerte an den Geschmack einer versalzenen Suppe, den ein geschickter Koch durch exotische Gewürze prickelnd zu meliorieren verstand. Der hüllende Nachtschleier verleitete sie zu gewagten _jeux de mots_, die sie bei hellerem Lichte auch in galantester Stunde vermieden hätte, und manchmal, wenn sie so pfefferig aufkicherte, wandte sie flink das Gesicht nach der Richtung hin, aus der das Wortgewirbel des Grafen Tige, ihres verschnupften Verkündigungsengels, zu vernehmen war.

Der junge Oberst, immer emporspähend zu dem grauwerdenden Gezack der Berge, ritt einsam vor den beiden Jägern her, die auf dem Rücken die vier aus den fürstpröpstlichen Waffenschränken für die preußischen Herren ausgesuchten Jagdflinten trugen. Leupolt, wie verwachsen mit dem Sattel, sah immer auf die Ohren seines Pferdes. Hiesel Schneck, der unruhig hin und her wetzte, schob immer wieder den Zeigefinger zwischen die Lippen, um ihn zu netzen und den Zug des Windes prüfen zu können. »Heut bleibt 's Wetter nit sauber. Kreuzteufel und Hundsnoterei! Der Wind fackelt umeinander, als tät er noch allweil nit wissen, ob er evangelikanisch oder gutkatholisch ist. Verstehst? Kunnt sein, wir kriegen heut ein Donnerwetter. Und was für eins!«

»Sonn ist allweil!« sagte Leupolt leise.

Während Hiesel grübelte, um den Sinn dieser drei Worte herauszukitzeln, die wunderlich geklungen hatten, lenkte der einsame Reiter vor ihm sein Pferd aus der Reihe. Gleich fragte der Hiesel dienstwillig: »Herr? Was ist denn?« Er bekam keine Antwort. Der junge Oberst ließ den Kanzler und die Kapitularen an sich vorüberreiten, lenkte sein Pferd neben den steifbeinigen Hoppelgaul des Pfarrers hin und sprach den langen Reiter französisch an: »Hochwürden? Wollen Sie für mich in dieser Nacht den Dolmetsch Ihrer schönen Heimat machen?«

»Gern, Herr Oberst!« Der Pfarrer lachte. »Ich besorge nur, daß mein wackliges Französisch Ihre verwöhnten Ohren mißhandelt.«

»Für die mangelhafte Form wird mich der Inhalt entschädigen. Den finde ich bei Ihnen. Und Ihr Französisch, liebe Hochwürden, ist immer noch besser, als mein erbärmliches Deutsch.«

Sie ritten Seite an Seite, wurden beim Geplauder warm, heiter, fast kameradschaftlich, und mit wachsendem Vergnügen beantwortete Pfarrer Ludwig die vielen neugierigen Fragen des jungen Offiziers. Bei Anbruch des grauen Morgens erreichte der Jagdzug die ersten Häuser der Ramsau, und der Oberst verstummte. Er hatte die getröstete Trauer und die neuerweckte Hoffnung, die unter diesen niederen Dächern wohnte, vor zwei Tagen in der Sonne gesehen, und die Erinnerung machte ihn nachdenklich. Plötzlich fragte er: »Was meinen Sie, Hochwürden, wie werden die Exulanten sich auf dem neuen Boden eingewöhnen -- da drunten?«

»Schwer. Aber nur um der dickeren Luft willen und aus Sehnsucht nach dem Bild der Berge. Alles andere, die neue Art der Arbeit, Knappheit des Lebens, Umgang mit neuen Menschen, neue Pflicht und neuer Weg, das alles wird ihnen leicht werden. Es ist ein fügsamer und verläßlicher Menschenschlag. Und die Zweitausend, die wandern müssen --« die Stimme des Pfarrers wurde leis, »das sind von den Unseren nicht die Schlechtesten.«

Ein rasches, zustimmendes Nicken. »Raten Sie mir, Hochwürden! Jeden Ratschlag will ich mit eisernem Griffel in mein Gedächtnis graben. Wie muß man sie nehmen? Wie muß man sie behandeln?«

»Das ist mit einem einzigen Wort zu sagen: freundlich. Dann hat man sie. Bei ihrem gesunden Seelenmagen vertragen sie alles. Immer sind sie ohne Neid, auch gegenüber dem Besserwissen. Nur muß der Klügere ihnen das vormachen, daß er, was er besser wissen will, auch besser *kann*. Lacht einer über sie, weil er vermutet, daß sie die Dümmeren wären -- oder hält sie einer für minderwertig, nur weil sie anders sind, der hat sie verloren. Für immer.«

Dem jungen Offizier fuhr es heiß in das aufmerksame Gesicht. »Waren Sie viel auf Reisen, da drunten?« Er deutete mit flinker Handbewegung gegen Norden.

»Ich? Nein.« Der Pfarrer lächelte. »Regensburg war der Nordpol meines Lebens. Über die Donau bin ich nie hinausgekommen.«

»Was veranlaßte Sie, mir zu sagen, was Sie eben sagten?«

Pfarrer Ludwig sah dem Oberst in die von der Nacht umschleierten Augen. »Das war die Klage vieler Salzburger, die lieber wieder heimkehrten in die Knechtschaft ihrer Seelen.«

Sinnend schwieg der junge Oberst, mit einer Furche zwischen den Brauen. Dann sprach er rasch und erregt ein Wort, dessen Zusammenhang mit dem Gespräch der Pfarrer nicht ganz zu begreifen schien: »Ein Glück, daß es in jedem verschweinten Jahrhundert doch überall und immer noch Menschen gibt, die rein, verständig und redlich sind.« Wieder das nachdenkliche Schweigen. Dann unter heiterem Lächeln das italienische Sprichwort: »_Chi ha tempo, ha vita._«

Das Latein des Pfarrers reichte aus, um das zu verstehen: wer lernt mit der Zeit, wird leben.