Part 31
»Ssssso!« sagte der von fröhlichem Glück erstrahlende Landrichter nach einer Weile, indem er unter das letzte Wort des Protokolls einen netten Schnörkel machte. »Und wirklich, _Reverende_, dieses Bekenntnis wollt Ihr unterschreiben?« Pfarrer Ludwig, ohne zu antworten, nahm die Feder und kritzelte seinen Namen unter das Protokoll. Da bewegten sich die vier überflüssigen Buchstaben. Mit einer Herzlichkeit, wie sie noch kein anderes Menschenkind von ihm erfahren hatte, streckte Willibald Hringghh dem Pfarrer die Hände hin und sagte voll Rührung: »Reicht mir Eure hilfreiche Christenhand! Ich *muß* sie drücken. Es ist mir doch bekannt, daß Jesunder stets Euer Gegner war. Um so ehrenwerter ist es von Euch, daß Ihr einem so erbitterten Widersacher zu Hilfe kommt, der nahe daran war, die übelsten Dinge über Euch heraufzubeschwören.«
»Herr Richter!« Pfarrer Ludwig blieb noch immer ernst. »Ich hab keinen Schwindel gemacht, ich hab die Wahrheit gesagt.«
Ein fröhliches Lachen erschütterte das Sauermilchgehirn der Gerechtigkeit. »Die *reinste* Wahrheit! Auch im Groben famos erfunden. Aber permittiert mir, Euch aus dem reichen Tresor meiner richterlichen Experienzen auf ein paar laienhafte Dissonanzen aufmerksam zu machen. Da ist von einem Schlüssel die Rede. Wenn nun der Richter früge: >Wo ist dieser Schlüssel?< Nein, Ihr sollt mir nicht antworten. Ich will es Euch sagen.« Der vergnügte Willibald lächelte allwissend. »Nicht wahr? Diesen Schlüssel habt Ihr in einen tiefen Brunnen geworfen?«
»Stimmt!«
»Und den gemäschelten Herrenmantel habt Ihr wohl verbrannt in Eurem Stubenofen?«
»Stimmt!«
»Aber! _Reverende!_« Der Landrichter lachte, daß von den heftigen Schüttelbewegungen die Roßhaarwuckeln seiner Perücke weißlich zu qualmen begannen. »Euch, der die herrliche Sache mit der diffundierenden Taufe zu finden wußte, sollte doch auch hier etwas Witzigeres einfallen. Der tiefe Brunnen und das Ofenfeuer sind die abgedroschensten Hilflosigkeiten vor dem Richtertische. Doch um Euch einleuchtend zu demonstrieren, *wie* laienhaft in juridischem Sinn Eure barmherzige _fabula_ ersonnen ist, will ich noch eine Frage stellen. In welcher Nacht behauptet Ihr, das angebliche _crimen_ verübt zu haben? Ihr wollt doch wohl nicht sagen: >In der ersten<? Nämlich in der Nacht, in der es durch einen mir bekannten Täter wirklich geschah! Da ist doch zu beweisen, daß Ihr im Kapitel wart. Nun also? Wann?«
»In der anderen Nacht.«
»Aber Hochwürden!« Die justiziarischen Mausaugen blitzten von überlegenem Humor. »Da wart Ihr doch, wie ich mich selbst überzeugte, ein schwerleidender Patient.«
»Ich hab die Krankheit simuliert, um das Kapitel schwänzen zu können.«
»Ausgezeichnet!« Hell auflachend klatschte Doktor Willibald die Hand auf den geduldigen Tisch der Justitia. »Ich will Euch sogar gestehen, daß eine ähnliche Konjektur auch mich zu befallen drohte, bevor sich der Gegenbeweis ergab. Daß man vor dem Scharfblick eines Richters mancherlei Krankheiten zu simulieren versucht, ist mir nicht neu. Es gibt da Simulanten von erstaunlicher Fertigkeit. Aber --« Erst mußte der Landrichter die Tränen fortwischen, die ihm der Witz des Vorganges aus den Molchaugen beizte. »*So* geschickt hat noch niemals einer von meinen Inkulpaten simuliert, daß ich von seiner fingierten Krankheit infiziert wurde. Ihr seid der erste, der da reüssierte. Eure _simulatio_ hat mir vierzehn Tage beschert, in denen meine Nase permutiert war zu einer qualvollen Hölle. Nun? Was sagt Ihr jetzt?«
Der Pfarrer schwieg. Seine große Warze begann zu hüpfen, und dann brach er in ein Gelächter aus, daß er mit beiden Händen die Mitte seiner Länge umklammern mußte. Eine völlig gegensätzliche Wandlung vollzog sich im Molkentopf des Hringghhischen Verstandes. Ernst geworden, mit schöner Würde, erhob er sich vom Fundament der vier überflüssigen Lettern. »Merkt Ihr jetzt, wie aussichtslos es ist, vor einem erfahrenen Richter einen unrealen Bären produzieren zu wollen? Aber gestattet nun, daß ich den armen Jesunder sofort von seinem Wahn kuriere. Ich dank Euch, liebste Hochwürden! Ihr habt mir in mancher Hinsicht eine große Gefälligkeit erwiesen. Grüßt mir auch den klugen, vortrefflichen Lewitter!«
Als Pfarrer Ludwig hinaustrat in die Sonne, faltete er wie ein frommes Kind die Hände und sprach ohne Worte zum blauen Himmel hinauf: »Du lieber Herrgott! Gibt's denn irgendwo auf der Welt noch einen größeren Schafskopf? Sag mir's! Dann reis' ich hin. So was Unwahrscheinliches muß man mit Händen greifen, bevor man's glauben kann.« Lachend ging er zu seinem Haus hinüber. Doch diese Heiterkeit war ohne Dauer. Seine Augen wurden ernst, fast traurig. »Und so was richtet über Schicksal und Ehr, über Leben und Tod der Menschen.«
Bevor noch eine Stunde verflossen war, trat Doktor Willibald Hringghh mit dem Lächeln eines Siegers in die Stube des Pfarrers. »Gestreng?« fragte Herr Ludwig. »Was noch?« Die Sauermilch der vier Überflüssigen wurde geistreich. »Der gemäschelte Herrenmantel,« Willibald zog das Protokoll aus dem Busen, »soll verdiente Gesellschaft erhalten.« Ging auf den Ofen zu und schob das Dokument der Gerechtigkeit ins Feuerloch. Der Pfarrer schüttelte den Kopf: »Das muß ich mißbilligen. Wenn Jesunder das Prozeßverfahren gegen mich fordert?«
»Er wird es unterlassen.« Lächelnd streckte sich Doktor Halbundhalb zum Ohr des langen Pfarrers hinauf. »Um eine gelinde, politisch notwendig gewordene Verfehlung gegen meine Amtspflicht von mir abzulösen, hab ich beim Chorkaplan *gebeichtet*. Es war die einzige Methode, die ihn zwingen konnte, das Geheimnis zu bewahren.« Seiner siegreichen Klugheit vollbewußt, sah der weise Richter dem Pfarrer in die Augen. »Als ich mein Confiteor begann, war der arme Jesunder noch ein gequälter Narr, bei der Absolution schon ein sanierter Mensch. Namentlich das Motiv der diffundierenden Taufe hat ihn ungemein beruhigt. Und die Hilfe kam, als die Not am höchsten war. Den Verstörten bedrückte bereits der Wahn, daß er preußische Zwillinge gebären müßte. Eben, da ich kam, wollte er seine verzweifelte Mutter zur Hebamme schicken.«
Pfarrer Ludwig, als er allein blieb, sprach mit einem kleinen Zusatz die Worte des spinozistischen Briefes vor sich hin: »Alles Wissen und Geschehen, auch alle Narretei und Dummheit muß dem Leben dienen, damit der Mensch teilhaftig werde des ihm möglichen Glückes!« Dann fort, zu seinem Freunde Simmi. Und von Lewitters Haus hinüber zum Meister Niklaus. Er traf ihn mit Luisa und Sus bei der Mahlzeit, setzte sich zu ihnen, schien besser gelaunt als je und erzählte die Geschichte vom preußischen Kapitelsieg. »Die wissen, wie man's zu machen hat. Einen feindseligen Hammel muß man aufs Maul schlagen. Kitzelt man ihm freundlich die Ohren, so stoßt er.« Während der Pfarrer schwatzte, huschten seine forschenden Augen immer wieder zu Luisa hinüber. Ihr Gesicht war wie aus Alabaster geschnitten und erzählte stumm von einer herzzerdrückenden Kummernacht. Nie hob sie den Blick, sprach keine Silbe und atmete schwer. »Ja,« sagte der Pfarrer, »gestern im Kapitel hab' ich lachen können. Dafür hab' ich kurz vorher einen netten Schreck mit der guten Mälzmeisterin erlebt. Übrigens, Luisli, weißt du denn schon, daß der Leupi wieder daheim ist?«
Luisa nickte stumm und beugte das Gesicht noch tiefer gegen den Tisch. »Kind?« fragte der Meister halb erstaunt und halb erschrocken. »Und da sagst du mir kein Wörtl davon? Ist was geschehen zwischen Euch? Du bist seit gestern, daß ich dich schier nimmer kenn.« Sie wollte sprechen und brachte keinen Laut aus der Kehle. Die Sus wurde rot bis unter die Haarwurzeln, und Niklaus fragte nicht weiter, weil ihm der Pfarrer unter der Tischplatte einen mahnenden Puff versetzte und dazu verständlich mit den Augen zwinkerte: »Ja, Nick, da hab ich wieder einmal sehen können, wieviel Wunderliches in Menschenköpfen umeinanderhupft. Du weißt doch, was für ein gescheites, wahrhaft frommes Weibl die Mälzmeisterin ist. Und gestern, ich sitz daheim, und da surrt der Mutter Agnes ihr Mädel zu mir herein in die Stub, heult wie unsinnig und bettelt, ich soll doch um Gotteswillen gleich hinüberkommen, die Mutter Agnes hätt den Verstand verloren.«
Niklaus sah ratlos den lächelnden Pfarrer an, die Sus stammelte ein >Jesus Maria!<, und Luisa hob das blasse Gesicht mit erweiterten Augen, aus denen alle Qual einer verstörten Seele redete.
»Da kannst du dir denken, Nicki, wie ich gesprungen bin. Ich komm hinüber, und da sitzt der prächtige Bub auf der Herrgottsbank, hat ein Gesicht wie ein Gestorbener, und hält mit den Armen die Mutter fest, als müßt er Sorg haben, daß sie was Unsinniges anstellen möcht. >Was ist denn?< frag ich. Und da kriegt die Mälzmeisterin ein bißl Luft, reißt sich von ihrem Buben los, springt zur Mauer hinüber -- und du weißt doch, bei den Mälzmeisterischen hängt so eine hirnrissige, lästerliche Gottsaugenuhr in der Stub. Und jetzt rat, was die Mutter Agnes getan hat? Ausgesehen hat's freilich, als wär sie verrückt. Aber flink bin ich draufgekommen, daß sie gescheiter ist als wir alle. Und so springt das zornwütige Weibl auf die Mauer zu, packt die dumme Uhr, reißt sie von der Wand herunter, trampelt mit den Schuhsohlen drauf herum, wie man was Giftiges totmacht, und schreit dazu in Kummer und Tränen: >Frömmigkeit, ja, Frömmigkeit! Rechte Frömmigkeit ist das Schönste auf der Welt, aber kindischer Aberglauben ist allweil das Schiechste vor Gottes Blick!< Ich sag dir, Nicki --« Pfarrer Ludwig verstummte, sah über den Tisch hinüber und fragte verwundert: »Luisli? Ist dir nit gut?«
Wankend, als wäre sie nah dem Erlöschen, hatte Luisa sich erhoben. Der Meister erschrak, die Sus sprang auf. Und da taumelte Luisa schon zur Tür hinaus, den einen Arm vor die Augen gepreßt, mit der anderen Hand ins Leere tastend. Die Sus sprang ihr nach mit einem erstickten Sorgenschrei. Den Meister, der das Gleiche tun wollte, faßte Pfarrer Ludwig am Arm. »Bleib, Nicki! Die Sus macht das schon. Die weiß, wie man vor einer füreiligen Dummheit den Schlüssel im Türschlößl umdreht.«
»Mensch!« zürnte der Meister. »Was treibst du denn da?«
»Was der Simmi treibt, wenn er für eine Krankheit das richtige Tränkl mischt.« Lächelnd legte der Pfarrer den Arm um den Hals des Freundes. »Sei nit neugierig! Das Kind muß in ihm selber das Rechte finden.«
»Pfarrer?« stammelte Niklaus.
»Verstehst du nit? Hast du im Leben noch nie erfahren, zu was die hungrige Lieb einen treiben kann?«
Ohne zu antworten, grub Meister Niklaus seine Stirn in die Hände.
Der Pfarrer betrachtete ihn mit einem herzlichen Blick und verließ ohne weiteres Wort die Stube.
Auf dem Heimwege begegnete er einem heftig monologisierenden Menschenkind. In der milden Mittagssonne schusselte der weißschnauzige Hiesel Schneck am Pfarrer vorüber und strebte durch die Stiftshöfe gegen den Brunnenplatz. In seinem Gesicht war eine Mischung gegensätzlicher Seelenstimmungen. Man konnte da ebensogut auf fuchsteufelswilde Himmelhundslaune, wie auf freudenreiche Befriedigung raten. Die letztere schien im Hiesel das Übergewicht zu gewinnen, als er beim Marktbrunnen sein Schneckenweibl daherzappeln sah, so festtäglich aufgeputzt wie ihr Schneck. Hätte jedes von den beiden noch einen Rosmarinstrauß an der Brust gehabt, so hätte man sie für ein goldenes Hochzeitspaar halten können. »So,« sagte die Schneckin, »jetzt haben wir's!« Dabei war auch an ihr das gleiche, seltsame Durcheinander von Kummer und Glück zu gewahren. Sie tat einen steinschweren Atemzug und wiederholte lächelnd: »Jetzt haben wir's!«
»Und wie!« Der Hiesel legte den Arm um das alte Weibl und tuschelte zärtlich, ohne den winzigsten Himmelsköter. »Jetzt ist alles wieder in der schönsten Ordnung!«
Der Schneckin brannte ein mädchenhaftes Erglühen über das Runzelgesicht. Verwundert guckte sie am Hiesel hinauf und flötete: »Jesus, wer hat's dir denn schon wieder verraten?«
»Was?«
»Daß ich mich dir z'lieb wieder einschreiben hab lassen als evangelikanische Exulantin.«
Der Hiesel Schneck, dem der himmelwärtsstrebende Schnauzer sonderbar zu zittern anfing, hob zuerst sprachlos die geballten Fäuste gegen das Frühlingsblau hinauf und verzog das schmerzhafte Maul bis zu den Ohren. Dann fuhr ihm aus der verzweifelten Seele eine langschwänzige Höllementskreatur heraus. Diesem Fluchgeprassel folgte die weinerliche Klage: »Du Narrenkapp ohne Bändel! Du Feiertagsschmarren ohne Schmalz! Du alte Fuierbüx ohne Zündloch! Hast du denn um Gottswillen nit ein *bißl* Verstand unterm Kuferdeckel!« Weil die Schneckin bitterlich zu heulen anfing, wurde der Hiesel etwas sanfter. »Weibl, so geht's nit! So kommen wir zwei unser Lebtag nimmer auf gleich. Kreuzteufelundkruzi --« Kummervoll erwischte er den Himmelhund, der aus ihm herausfahren wollte, beim Schwanz und verschluckte ihn wieder. »Verstehst du denn nit? So was von Füreiligkeit! Du bei die Evangelikanischen drent! Und ich seit halber Zwölfe wieder der beste Katholik! Wir zwei, wir bleiben doch allweil grabenweit auseinander, wenn sich nit eins mit der Gottsfreudigkeit ein bißl zruckhalten kann. Verstehst?«
Die Schneckin hatte verstanden. Drum flossen ihre Tränen so reichlich, daß dem Hiesel das Erbarmen in die wirblige Seele tröpfelte. »Geh, deswegen mußt du nit so grausam röhren! Es gibt auf der Welt kein Narrenstückl, das man nit wieder aufpolieren könnt.«
Mit nassen Augen guckte sie hinauf zu seinem zitternden Schnauzer. »Meinst, ich soll mich gleich wieder ausstreichen lassen?«
»Ausstreichen? Was? Du Roß ohne Schweif! Da müßt sich der Kommissar was Nobels denken von dir. Der tät doch sagen: du bist ja wie 's Wetterweibl um Ostern, bald drin im Häusl, bald wieder draußen. Ah na! So soll mir keiner nit reden von meiner Schneckin. Verstehst? Ich bring die Sach schon wieder auf gleich. Der Hiesel kann's machen, wie er mag. Da lachen die kommissarischen Schöpsnasen und sagen halt wieder auf französisch: Tätewoh! Meintwegen! Ein Buckel, wie der Schneckische, vertragt's.«
Den Hut lüftend, als wäre ihm schwül geworden unter dem struppigen Haardach, surrte der Hiesel Schneck, eine Perlenkette neuartig gelöckelter Himmelhunde drechselnd, hinüber zur Kommissariatskanzlei. Die Schneckin konnte nur neun Vaterunser beten, da war der Hiesel schon wieder da. »So, Weibl! Jetzt hat der Schmarren wieder sein Schmalz. Jetzt soll's auf der Welt kein' bessern Evangelikaner nimmer geben, als wie der Hiesel Schneck einer ist. Verstehst?« Trotz aller Ruhe, mit der sich der Hiesel aufspielte, schien doch ein böses Gewissenswürmchen an seiner Seele zu nagen. Jählings erblassend zog er sein Weibl mit sich fort, so flink, daß die Schneckin das Aussehen einer schiefen Zappelfigur bekam. Und das geschah aus keinem anderen Grunde, als weil der Hiesel Schneck den heitergestimmten Landrichter in amtlicher Begleitung aus dem schattigen Stiftstor heraustreten sah in die Sonne.
Kapitel XXVIII
Zur Linken der vierfach entbehrlichen Gerechtigkeit wandelte der Feldwebel Muckenfüßl mit dem Krückstock der polizeilichen Gewalt. Hinter den beiden marschierten vier Soldaten Gottes mit aufgepflanzten Bajonetten. Dieses Doppelkleeblatt der Weltbeglückung verfügte sich ins Tal der Ache und zum Lehen des Christl Haynacher.
In dem sonst so stillen Gehöfte war es lebhaft. Vieh wurde davongetrieben; bei den Hecken fing man die gackernden Hennen; Heu und Stroh wurde auf einen Leiterwagen geladen, und ein paar lustig schwatzende Burschen schleppten allerlei Hausgerät aus dem Flur und stellten es in die Sonne. Nachbarsleute standen bei der Hecke; sie schwatzten leis miteinander oder guckten zum Haus hinüber, wo der Christl Haynacher auf der Türbank saß, das schlafende Bübl mit leisen Bewegungen auf seinem Schoße wiegend. Sein verzerrtes Gesicht war aschenfarbig, und die tief eingesunkenen Augen brannten aus bläulichen Ringen heraus. Dennoch bot er den Anblick eines ruhigen Menschen und lächelte immer ins Leere, als wären die Dinge, die um ihn her geschahen, für sein Herz und Hirn eine ferne Sache. Manchmal machte er mit der Hand einen raschen Griff nach seiner Hüfte, um zu fühlen, ob die Geldkatze noch da wäre, die er nach der Übergabe umgeschnallt hatte. Einer von den Nachbarn ging auf den Christl zu und sagte: »Mensch! Warum tust denn du exulieren? Du bist doch ein Gutkatholischer!«
»Wohl! Und *was* für ein guter!« nickte der Haynacher und schaukelte sein Bübchen. »Aber exulieren tu ich.«
»Du Narr! Warum denn?«
Das lächelnde Gesicht des Christl wurde wie eine starre Maske. »Warum?« Er hob die funkelnden Tieraugen. »Schnaufen muß ich wieder können. Luft muß ich haben. Ein Kreuz muß ich aufstecken, ich weiß nit wo. Und erzählen muß ich dürfen, wie gottselig meine Martle gestorben ist.« Ein heiseres Aufkichern. »Mein Vieh und mein Zuig ist alles verkitscht. Morgen, eh die Sonn kommt, bin ich schon über der Grenz. Gott soll euch gutbleiben, ihr Nachbarsleut! Mich sehet ihr nimmer.« Da rief bei der Hecke drüben eine schrille Weiberstimme, wie warnend: »Christl! Die Soldaten Gottes kommen.«
»So so?« sagte Christl. Was gingen ihn die Soldaten Gottes an? »Die kommen, ich weiß nit zu wem. Bloß nit zu mir. Bei mir ist alles protokollarisch. Mein Kopfgeld hab ich schon gestern gezahlt. Zwanzig Gulden, Nachbar!« Er lachte wieder. »Weil ich ein Gutkatholischer bin. Als Luthrischer hätt ich's billiger haben können um fufzehn Gulden. Ja, Nachbar, der richtige Glauben ist einen Batzen wert. Da zahlt einer gern. Gelt, ja?«
Der Nachbar schüttelte den Kopf, ohne zu antworten, guckte scheu zur Straße hinüber und ging auf die Hecke zu. Er hatte ein gutes Gewissen, seine Haustür und seine Kreuzstöcke waren nicht rot angestrichen, aber wenn die Soldaten Gottes kommen, ist's immer besser, man ist weit davon. Auch die Leute, die nach protokollarischem Recht das Haynacherlehen ausräumten, stellten ihre muntere Arbeit ein und drückten sich hinter die Scheune. Würdevoll, die Amtsmiene mit einiger Heiterkeit aufgeschmälzt, betrat der Landrichter unter Muckenfüßls kanzleideutschem Geleit den stillgewordenen Hofraum des Haynacherlehens und gab den vier Gottessoldaten einen Wink, sich vorerst in Reserve zu halten. Schweigend schritten die beiden der Haustür zu. Weil sie die Sonne über dem Nacken hatten, krochen ihre verkürzten Schatten wie kleine schwarze Teufelchen vor ihnen her.
»Grüß Gott, ihr Herren!« sagte Christl ruhig, nur ein bißchen verwundert. »Aufstehen kann ich nit. Mein Bübl schlaft.«
»So wird er es wecken müssen. Um Abschied von ihm zu nehmen.« Die vier Entbehrlichkeiten hatten das reinste Deutsch gesprochen. Dennoch verstand der Christl nicht. Doktor Halbundhalb mußte sich entschließen, etwas deutlicher zu werden: die Regierung hätte nichts dagegen einzuwenden, daß der Haynacher das Land verlasse; einen unverbesserlichen Narren gewaltsam festzuhalten, läge nicht im Interesse der Obrigkeit; keinesfalls aber dürfe sie damit einverstanden sein, daß ihr ein zweifellos katholischer Deszendent entzogen würde, der sich zu einem verwendbaren Subjekte anzuwachsen verspräche. Weil Christl noch immer so wunderlich dreinguckte, fiel Muckenfüßl erläuternd ein: »Kapierst du denn nit, du _Rhinoceratissimus_? Du selber därfst marschieren, wie's dir quodlibetiert. Dein Kindl bleibt _in loco hujus_.«
Trotz des gehäuften Lateins begann im Haynacher das Verständnis zu erwachen. Sein Gesicht entfärbte sich, seine Augen wuchsen, und fester schlossen sich seine Arme um das schlummernde Bübl.
»Man hat für sein Kind eine freundliche Unterkunft eruiert und wird es christlich erziehen,« sagte der Landrichter mit beruhigender Milde, »wobei natürlich dem Kindsvater die Pflegekosten zufallen, die er für zehn Jahre zu deponieren hat, mit 26 Gulden _pro anno_.«
»Herr?« Das war kein verständlicher Laut, war wie ein gurgelndes Husten. Der Christl tat ein paar schwere Atemzüge, wurde wieder ruhig, schüttelte den Kopf und konnte lächeln. »Guter Herr, da müßt Ihr Euch verschaut haben in der Hausnummer. Ich bin kein Evangelischer nit, dem man sein katholisches Kind wegnehmen därf. Ich bin noch allweil --« Er verstummte, weil er im Gesicht des Feldwebels etwas gesehen hatte, was ihm kalt in die Adern fiel. Langsam erhob er sich, preßte das Kind an seinen Hals, wich ein paar Schritte zurück und ließ die Augen irren wie ein gefangenes Tier, das nach einem Ausweg späht.
Aus reicher Erfahrung verstand sich Muckenfüßl auf das leiseste Anzeichen von Renitenz; er hatte gegen die Musketiere mit zwei Fingern eine Gabel und dann einen bogenförmigen Wink gemacht. Solang diese Ordre nicht ausgeführt war, erschien ihm Milde empfehlenswerter als polizeiliche Strenge. Mit biersanfter Herzlichkeit sagte er zum Haynacher: »Jetzt tu nit obstinat sein, du verdrehter Subjektivus! Und mach keine Spurifaxen nit, wo's die Obrigkeit _in loco hujus_ deinem Kindl aus christlicher Pietätigkeit so gütig vermeint.« Der Landrichter, als wäre seine amtliche Mitwirkung bei diesem gutgläubigen Vorgang beendet, trat gegen die Hecke hin und betrachtete aufmerksam das ungeackerte Gerstenfeld, auf dem die Frühlingsblumen zu blühen begannen, obwohl da keine Menschenhand gesät hatte. Und Muckenfüßl hängte den Krückstock der Polizeigewalt an seine Säbelkuppel, trat mit ermunterndem Lachen auf den Christl Haynacher zu, streckte die gespreizten Finger wie eine freundliche Kindsmagd und sagte wohlwollend: »Schau, Christl, sei ein bißl intelligentisch. Tu gehorsamen und gib halt in Gottesnamen das Würml her!«
Der Haynacher sah aus, als möchte er in seinem ratlosen Gram einen Kniefall machen und um Gnade betteln; aber sein Körper streckte sich hart; dabei klang seine Stimme wie das Klagen eines gequälten Kindes: »Jesus, Jesus, nit um Leben und Sterben, mein Bübl laß ich nit aus.«
»Was einer nit gibt, das muß man nehmen.« Wieder, und diesmal mit obrigkeitlichem Unterton, fügte der Feldwebel bei: »In Gottesnamen!«
Der irrende Blick des Bauern sah vom Straßenzaun zwei Musketiere herankommen. Nun hörte er die klirrenden Sprünge der beiden anderen, die ums Haus herumgelaufen waren und hinter der Mauerkante hervortauchten. Ein Ausweg war da nimmer. Im Gesicht des Christl Haynacher, dem die Verzweiflung das Gehirn zerwirrte, vollzog sich eine grauenvolle Veränderung. Unter heiserem Auflachen riß er das große Bauernmesser von seiner Hüfte und grub es mit raschem Stoß in das Herz seines schlummernden Kindes. Das Bübchen zuckte nur ein bißchen, wie Kinder im Traum zusammenfahren, und ließ das Köpfl auf der Schulter des Vaters liegen, als schliefe es friedlich noch immer weiter. Das Gesicht des Christl war so weiß wie die Mauer seines verlorenen Hauses. Die rechte Hand war rot geworden. Er streckte sie hinauf gegen die Sonne und schrie: »Meines Kindes Blut soll kommen über alle, die uns Menschen plagen im Namen Gottes!« Mit Sprüngen, wie ein von Hunden gehetztes Wild sie macht, unter rasselnden Atemzügen, rannte er gegen die Hecke hin, warf sich durch die Stauden und gewann den Gerstenacker, während hinter ihm das Geschrei der Obrigkeit, der Musketiere und der erschrockenen Nachbarsleute zeterte.