Part 30
Eine erledigende Handbewegung unterbrach den Arzt. »Diesmal irrt Ihr Euch, mein guter Lewitter!« Und lächelnd trug Herr Willibald seinen weiß überlöckelten Unverstand zur Tür hinüber, um den beurlaubten Schreiber herbeizurufen für weitere Mißhandlung der irdischen Gerechtigkeit.
Schweigend verließ Lewitter die mufflige Pfründenstube der Frau Justitia. Draußen in der Sonne sah er seinen langen Freund mit wehenden Rockflügeln herüberkommen vom Mälzmeisterhaus, ein heiteres Lachen auf dem zwinkernden Warzengesicht. »Mein gescheiter Simmi!« Lustig legte der Pfarrer seinen Arm um die Schultern Lewitters. »Jetzt rat einmal, warum von heut auf morgen ein liebes junges Menschenglück zu Berchtesgaden in Scherben gehen soll?«
Simeon fragte nur mit den Augen. Und der Pfarrer lachte: »Weil vor anno Towak ein Nürnberger Uhrmacher ein geschickter Kampl, aber ein gottslästerlicher Hornochs gewesen ist!« Der weitere Gedankenaustausch der beiden Freunde wurde gestört durch einen feierlichen Staatsakt, der sich vor ihren Augen im großen Stiftshofe vollzog. Die Trommeln der Torwache rasselten, daß man an Krieg und Schlachten hätte denken mögen. Zwischen einem Spalier von präsentierenden Musketieren, denen unter dem Dreispitz bolzensteif der Zopf hervorstach, sah man hinter den Läufern mit ihren baumelnden Straußenfedern eine lindgeschaukelte Sänfte gleiten. Durch ihr blitzblankes Fenster gewahrte man einen würdevollen Herrn in goldstrotzender Gesandtengala und neben ihm einen kleinen, bescheiden uniformierten jungen Offizier mit neugierigem Spitzgesicht.
Kapitel XXVII
Im gotischen Saal der Entschlüsse, auf dessen Kronleuchtern bei noch halbem Tag alle Kerzen brannten, war feierlicher Empfang des preußischen Gesandten. Herr Anton Cajetan im Prunkornat saß auf dem berchtesgadnischen Thron, flankiert von den Würdenträgern. Für Danckelmann und seinen Begleitoffizier hatte man Samtstühle und einen goldgeschnörkelten Tisch mit Schreibgerät vor den Thronstufen aufgestellt, die Kapitelherren und Domizellaren standen in doppelter Reihe, und der Kanzler von Grusdorf, pompös peruckiert, verlas mit Würde das Kreditiv:
»Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden König in Preußen, Marggraf zu Brandenburg usw. usw. geben Ew. Lbd. hierdurch zu vernehmen, wasmaßen wir gut befunden, Unsern Geheimen Hof-Rath von Danckelmann dorthin abzuschicken, um unsere daselbst emigrirenden neuen Unterthanen in staatsrechtlichen Schutz zu übernehmen und deren bewegliche oder allda verbleibende Vermögen in Sicherheit zu erheben. Wir ersuchen Ew. Lbd., Sie wollen Uns die Freundschaft erweisen, besagtem Geheimen Hof-Rath von Danckelmann zu baldiger Ausrichtung solcher Ihm aufgetragenen Commission alles dasjenige angedeyen zu lassen, was desfalls dem Westphälischen Friedens-Schluß und anderen Reichs-Constitutionen gemäß ist, gestalt wir uns solches zuversichtlich promittiren, und wollen auch Wir gegen Ew. Lbd. zur Bezeugung angenehmer Gefälligkeiten stets willig verbleiben.
Berlin, den 22. März 1733.
Friedrich Wilhelm.
An den Herrn Abt zu Berchtesgaden.«
Der Kanzler hatte vor dem Wörtchen Abt verlegen gestockt. Dem Fürsten fuhr um dieser unzulänglichen Titulierung willen das Blut ins Gesicht; doch er lächelte nachsichtig und flüsterte Herrn von Grusdorf heiter zu: »Man scheint uns in Berlin für Kapuziner zu halten.« Dann begann er mit Danckelmann eine liebenswürdige Konversation in französischer Sprache, die für den ganzen Verlauf des feierlichen Aktes, wie späterhin für die geschäftlichen Debatten beibehalten wurde. Bei der Vorstellung des jungen Obristen von Berg sagte Danckelmann empfehlend zum Fürsten: »Für unsere Majestät eine _persona gratissima_.«
Ein fröhliches Auflachen des kleinen, zierlichen Offiziers: »Der freundliche Geheimrat übertreibt. Will man _gratia_ mit Gnade übersetzen, dann freilich stimmt es. Seine Majestät mein Herr und König haben mich vor kurzem gnädiglich dem Schafott eschappieren lassen.«
»Mit Recht!« sagte Herr Anton Cajetan, nachdem er seine Verblüffung überwunden hatte. »Es wäre schade gewesen um einen ebenso klugen wie wahrheitsliebenden Kopf. Allzu unverzeihlich werden wohl die Verfehlungen des Herrn Obersten nicht gewesen sein?«
»Insubordination und andre Sträflichkeiten schwersten Kalibers.«
»Insubordination?« lachte der Fürst. »Unter dem preußischen Drill?«
»Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich gelte als der einzige unbrauchbare Soldat der preußischen Armee.«
»Dann werden der Herr Oberst, der jung zu hohem militärischem Grad gelangte, sich wohl durch andere Vorzüge ausgezeichnet haben.« Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sich Herr Anton Cajetan dem Geheimrat zu. Höflich den Ärger darüber verschleiernd, daß man einem Gesandten für das gefürstete Berchtesgaden als Begleitoffizier einen begnadigten Militärverbrecher beigegeben hatte, versprach er an einem der nächsten Tage eine Kommission zur Vorberatung zu berufen und lud die preußischen Herren für den vierten Tag zu einem Großen Jagen mit anschließender Fürstentafel. Nach würdevoller Verneigung betonte der Geheimrat seine kurzbemessene Zeit. Ohngeachtet mancher Orientierung, die er bereits bei evangelischen Männern eingeholt hätte, bedürfe er dreier Tage, um mit ihnen alles Notwendige über Reiseweg und Ansiedlung zu bereden. Für den vierten Tag stelle er sich der Einladung Seiner Liebden mit Freuden zu Diensten, am fünften Tage müsse er seine Rückreise antreten, und so bäte er, sofort in die geschäftlichen Verhandlungen einzutreten. Verdutzte Augen im ganzen Saal. Herr Anton Cajetan blieb höflich, zog sich mit seinen Würdenträgern zu einer Besprechung zurück, erschien nicht mehr, weil er zum Tee bei Aurore de Neuenstein erwartet wurde, und designierte den Kanzler, den Dekan und den Grafen Saur zur geschäftlichen Verhandlung. Das Kleeblatt setzte sich mit den preußischen Herrn inmitten der gespannten Kapitularen um den goldgeschnörkelten Tisch. Als die Unterhaltung begann, erschien verspätet der Pfarrer Ludwig. Weil es keinem der Kapitularen einfiel, ihn den preußischen Herren vorzustellen, besorgte er das selbst. Der junge Oberst reichte ihm freundlich die Hand, sah aufmerksam zu dem heiteren Warzengesicht hinauf und plauderte munter, während am goldenen Tische ernst verhandelt wurde. Weil Ludwig bei schwächlichem Französisch einen Schnitzer um den anderen herauswimmelte, begannen sich die Domizellaren zu belustigen. Das störte den Pfarrer nicht. Zufrieden mit der neuen Bekanntschaft, die er geschlossen hatte, ging er zu seinem Kapitelstuhl und kreuzte die Arme.
Die Verhandlung gestaltete sich zäh und spann sich in die Länge. Nie beteiligte sich der junge Oberst. Er betrachtete aufmerksam die gotischen Ornamente oder musterte die Gesichter aller Anwesenden. Nach der zweiten Debattenstunde war der erste Verhandlungspunkt -- Höhe der Ablösung für die Leibeigenschaft -- noch immer nicht erledigt. Herr von Grusdorf wollte unter 20 Gulden pro Kopf nicht heruntergehen und hielt in schlechtem Französisch Reden von der Länge gereizter Sonntagspredigten. Der junge Oberst verriet Zeichen von Ungeduld, tauchte die Kielfeder ein und begann mit hurtiger Hand schief über ein Blatt zu schreiben. Außer Danckelmann, der ein bißchen irritiert erschien, achtete niemand dieses Vorganges. Der junge Oberst schrieb: »Unsere Forderungen: 1) Jeder evangelische Exulant ist als preußischer Untertan zu erachten, dem der Schutz seines Königs gebührt. -- 2) Für alle Strafen, die um des evangelischen Bekenntnisses willen verhängt wurden, wird von Stund an volle Amnestie gewährt; neue Verurteilungen werden nicht ausgesprochen. -- 3) Der erste Zug der Exulanten verläßt die berchtesgadnische Grenze am fünften Tage _post datum_; die weiteren Züge folgen nach Verwertung des liegenden Besitzes. -- 4) Bei Verkauf des evangelischen Eigentums werden Bedrückungen nicht erfolgen; die Berchtesgadnische Regierung haftet für Eingang der Kaufschillinge bis zu vier Fünfteln des landüblichen Wertes. -- 5) Die Leibeigenschaft wird pro Kopf, Mann, Weib, oder Kind, mit 5 Gulden abgelöst; dafür haftet der preußische Staatsschatz. -- 6) Geheimrat von Danckelmann und seine Begleiter sind für drei Tage zu freizügigem Besuch des Landes ermächtigt, um mit den Evangelischen alles Notwendige festzusetzen; diese Genehmigung ist rückwirkend für den bisherigen Reiseverlauf.«
Dieses Blatt reichte der junge Oberst dem Geheimrat. Dem wurde unter den weißen Locken die Stirn ein bißchen heiß. Er gab das Blatt nach kurzem Zögern mit einem zustimmenden Augenwink zurück. Der junge Oberst machte eine Abschrift, verwahrte sie zwischen den Knöpfen seines blauen Soldatenrockes und erhob sich. »Bewilligen mir die Herren ein paar Worte?« Der Kanzler sah verdutzt den Geheimrat an: »Ist Herr Oberst von Berg berechtigt --« Danckelmann sagte rasch: »Herr von Berg scheint geheime Aufträge Seiner Majestät empfangen zu haben -- als Offizier.« Schweigen im Saal. Lächelnd und liebenswürdig sagte der Oberst: »Die Herren werden rascher zu einem Entschluß gelangen, wenn sie durch unsere Gegenwart sich nicht behindert fühlen. Hier sind unsere schriftlich niedergelegten Vorschläge. Wir ersuchen um ihre unveränderte Annahme bis zur zehnten Abendstunde.« Auch der Geheimrat nahm seinen Dreispitz unter den Arm. Herr von Grusdorf, der mit einem raschen Blick das Blatt überflogen hatte, stammelte entgeistert: »Wenn aber die Regierung begründete Veranlassung zur Abwehr dieser Wünsche hätte?« Danckelmann hob die Schultern und deutete auf seinen Begleitoffizier. Der Kanzler drehte die runden Augen hinüber: »Würde das etwa gar den -- den -- den Krieg bedeuten?« Da fand der junge Oberst ein heiteres, herzliches Lachen: »Ich bin so begeistert von den Herrlichkeiten Ihres zaubervollen Landes, daß ich jedem preußischen Grenadier den Genuß so erhabener Schönheit vergönnen würde.« Schritt um Schritt zurücktretend, machte er nach allen Seiten hin so zierliche Verneigungen, daß Graf Tige seinen Witz vom maskierten Tanzmeister wiederholte. Eine Wirkung erzielte der depossedierte Verkündigungsengel der allergnädigsten Aurore de Neuenstein mit seinem Scherzwort nicht. Die Gesichter aller Kapitularen blieben lang. Nur einer lachte vergnügt und ließ seine große Warze hüpfen. Graf Saur begleitete die Herren zur Sänfte. Hinter ihnen im Kapitelsaal erhob sich ein Heidenlärm. Auch bei jener Nachtsitzung über das Schicksal des schwarzweißen Doppeltödchens war es nicht lebhafter zugegangen.
Zwischen vier hellbrennenden Wachsfackeln gaukelte die Sänfte durch die stille, abenddunkle Marktgasse. Danckelmann schwieg, weil der Polizeifeldwebel sich immer dicht neben dem Fenster hielt; und der junge Oberst, der die durchwachte Nacht zu spüren begann, nickte bei diesem sanften Geschaukel ein bißchen ein. Im Leuthaus war für die beiden Herren zum Nachtmahl gedeckt; der fürstpröpstliche Lakai wurde höflich verabschiedet, und der steifzopfige, stiefelklappernde Soldat mußte bedienen; er machte die Sache, wie man eine Kanone lädt und abfeuert. Der junge Oberst begann mit Gier zu schlingen, trank den schweren Klosterwein wie Wasser, schwatzte immer sein quirlendes Französisch und fragte endlich den wortkargen Geheimrat: »Hab ich Ihm die diplomatische Laune verdorben?«
»Das nicht, aber -- was tun wir, wenn Ihre römische Kurzangebundenheit eine Abfuhr erleidet?«
Ein heiteres Lachen. »Wozu soll ich mir den Kopf über Dinge zerbrechen, von denen ich voraussetze, daß sie nicht eintreffen. Die Herren haben nicht darnach ausgesehen, als wollten sie mit eisernem Schädel durch die Mauer fahren.« Ohne bösartig zu werden, begann der junge Oberst die Köpfe der Kapitelherren mit drolliger Spottlust zu silhouettieren. »Nur einer war dabei, der mir gefallen hat, der Lange mit dem prächtigen Weißkopf und den zwei schrecklichen Warzen. Der hat etwas Rolandeskes, hat Menschlichkeit in den deutschen Augen und Gedanken hinter der Stirne. Dennoch ist er heiter. Das ist ein Mensch mit erhöhter Seele.«
»Glauben Sie, daß er --«
Gleich verstand der junge Oberst. »Ein heimlicher Protestant? Der? Nein. Ihre evangelische Seele ist hochmütig, lieber Geheimrat. Wir dürfen nicht jeden wertvollen Menschen für uns in Beschlag nehmen. Sokrates und Leonidas waren Heiden, Salomo war Jude. Und der lange Weißkopf? Ich wette, der ist ein Katholik vom reinsten Wasser.« Nach kurzem Schweigen wieder das muntere Auflachen. »Ich ertappe mich manchmal bei einer höchst unnordischen Sympathie für die Katholiken. Sie sind mir in manchen Dingen lieber als unsere Orthodoxen, hinter deren Eisblöcken noch immer der verflossene Scheiterhaufen ein bißchen raucht.« Die schmalen Lippen lächelten malitiös. »Vor zwei Jahren, als ich gute Worte nötig hatte, schrieb mir ein katholischer Abt aus der Rheingegend diesen Vers in meinen Canisius:
Ein schlechter Protestant, ein schlechter Katholik, Da frißt der Teufel den Segen, das Glück. Ein guter Katholik, ein guter Protestant, Und driefach wächst die Ernte im Land.
Glauben Sie, Danckelmann, daß jemals einer von unseren Oberkonsistorialräten einen solchen Vers in den Katechismus eines katholischen Prinzen schreiben würde?«
»So darf man diese Dinge nicht nehmen, Königliche Hoheit! Man muß als Staatsmann Distanz bewahren, um sich von Fall zu Fall das Notwendige mit Ruhe überlegen zu können.«
»Ruhe? Für alle Fälle? Nein, Danckelmann! Das ist die unergiebigste Eigenschaft der Menschen.« Ein lächelndes Sinnen. »Zeit lassen? Beim Bergsteigen mag es vernünftig sein, wenn man kurzen Atem hat. Heut, als dieser Jäger zwischen den grausamen Dragonergäulen sprang wie ein Hirsch, bewies er, daß das Hilfreiche die eiserne Ausdauer ist, die schnelle Kraft und der leidenschaftliche Wille. Im Leben und in der Geschichte, wenn die Schose vorwärts gehen soll, muß Sturm wehen. Komm ich einmal zur Arbeit, so will ich in der ersten Stunde was beginnen, worüber die Welt zusammenfahren soll bis in die Knochen.« Sich erhebend, leerte er sein Weinglas und winkte auf etwas parodistische Art mit der Hand. »Gute Nacht, mein ruhsamer Geheimrat! Ich sehne mich nach meinem Nachtgebet. Das will ich _piano_ erledigen, damit es Ihm den Schlummer nicht davonpfeift.«
Ein paar Minuten später, als der junge Oberst in >Himmat< und Reithose auf dem Bett saß, und der Soldat ihm die von der Schneenässe enggewordenen Stiefel herunterziehen wollte, hörte man zwei Stimmen im Salon. Dann streckte Danckelmann den Kopf zur Türe herein: »Der Bote war da. Alles bewilligt.«
»Na also!« Ein kurzes, fast kindliches Auflachen der melodischen Stimme. Dazu in flinkem Französisch: »Hat man 120000 wohldressierte Kerle hinter sich, so kann man sich vernünftige Worte erlauben. Umwege und geduldige Schwäche machen sich schlecht bezahlt. Entschlossene Gradheit bleibt immer die beste Politik.« Und wieder deutsch: »Na, Hänne, nu zieh mal feste! Spuck in die _la main_! Denn wird's schon jehen.«
Der Geheimrat legte sich mit erleichtertem Gemüt zu Bett. Er hatte schon eine berchtesgadnisch-salzburgisch-österreichische Koalition in der Luft hängen sehen. Jetzt konnte er aufatmen. Kaum lag er in den Kissen, da hörte er durch zwei Mauern sanft gedämpft das >Nachtgebet< des jungen Obersten herüberklingen: pedantische Flötenläufe, erst langsam und immer schneller, Töne wie Soldaten, die nach dem Paradeschritt den Sturmlauf üben. Dann ein innig träumendes Adagio, das einer Klavierübung von Bach entnommen und für die Flöte zugeschnitten war. Erst gegen Mitternacht verstummten die zärtlichen Klänge. Das blieb politisch nicht ohne Folgen. In der Geisterstunde wurde Herr von Grusdorf aus dem ersten Schlaf herausgebimmelt, um von Muckenfüßl den überraschenden Geheimrapport entgegenzunehmen: daß der impertinalimentische Patron, der sich _in loco hujus_ vor den Kapitelherren so arroganzialiter aufgespielt hätte, gar kein prussianischer Offizier sein könnte, sondern probabilitätisch ein verkappter Musikant und Schwegelpfeifer wäre. Graf Tige hatte also mit seinem maskierten Tanzmeister nicht weit daneben geraten. Aber wie die Dinge lagen, war nichts mehr zu ändern. Man konnte nur bei den bevorstehenden Hoffestlichkeiten die Verteilung der Jagdstände und die Tischordnung _eo modo_ dirigieren, daß dieser zweifelhafte Kumpan aus der allergnädigsten Nähe Seiner Liebden removiert wurde.
Eine dunkle Nacht verging. In den Bürgerhäusern der Marktgasse war nach der zehnten Abendstunde das Brennen von Licht seit dem Versöhnungsschießen polizeilich verboten. Aurore de Neuenstein und ihr Schlafzimmer standen selbstredend außerhalb des Wirkungskreises der mittleren Regierungsorgane. An der schon halb zum Unlustschlößchen gewordenen Villa blinzelte durch die herzförmigen Ausschnitte der geschlossenen Fensterläden ein rosiger Schein heraus, der erst kurz vor Anbruch des Morgens erlosch. Da die sekrete Sänfte sich schon vor Mitternacht gegen das Stift bewegt hatte, war den Polizeiwächtern diese zwecklose Lichtvergeudung der Allergnädigsten nicht erklärlich; sie rieten auf Gespensterfurcht; unmöglich konnten sie vermuten, daß Aurore de Neuenstein die restlichen Nachtstunden zum Einpacken noch unentfernter Kostbarkeiten verwendete. Ein ahnungsvoller Engel, sah sie den Strapazen des Großen Jagens, das sie als parisische Diana verschönen sollte, mit dunkler Besorgnis entgegen und wollte die drei folgenden Tage, in denen sie dank einer immer wirksamen Ausrede von allen zärtlichen Verpflichtungen enthoben war, noch gut für ihre Zukunft benützen. Kurz vor Anbruch des Tages verließen zwei schwerbepackte Saumtiere, von Aurorens verläßlichem Hausknecht geleitet, das in der Frühlingswärme still erblühende Freudengärtlein in der Richtung gegen Reichenhall.
Unter dem gleichen Frühgrau pochte Leupolt Raurisser an die noch verschlossene Tür des Leuthauses. Eine Stunde später, während die kommende Sonne alle westlichen Bergspitzen mit Rosenglut zu überschütten begann, ritten die zwei preußischen Herren gegen Unterstein hinaus, begleitet von dem steifzopfigen Soldaten und von Leupolt, der ernst und blaß war, doch so ruhig, daß die Herren, wenn sie mit ihm sprachen, keinen Wandel gegen den vergangenen Tag an ihm bemerkten. Als die Reiter am Haynacherlehen vorüberkamen, grüßte Leupolt in herzlichem Erbarmen den Christl, der wunderlich erregt vom Zauntor seines Gehöftes gegen das Sudhaus hinüberspähte. Lange stand er und guckte so. Jetzt tat er einen schweren Atemzug. »Da kommt er!« Dem Haynacherlehen wanderte ein kleiner, zaundürrer Bauer entgegen, in dessen schmunzelndem Runzelgesicht zwei flinke Wieselaugen funkelten. Er trug eine schwere Geldkatze um den Magen herumgeschnallt. »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie.«
»In Ewigkeit Amen!« sagte Christl und scheuerte den weißen Haarfleck hinter dem Ohr.
Der kleine Bauer stieß den Stecken auf den Boden. »Daß wir gleich alles ausreden: den Hausrat, 's Vieh und 's Futter mußt du mir aufweisen. Dein Feld und den Waldzipf kenn ich. Wie viel verlangst du für alles?«
»Die Nachbarsleut schätzen mein Sach katholisch auf vierzehnhundert Gulden.«
»Ich hab dich ausrufen hören: du gibst es um den halben Preis?«
»Was ich sag, ist Stein und Eisen.« Christls tiefliegende Augen begannen zu funkeln. »Daß man der Martle ihr Gerstenfeld nit ackern und misten darf, das müssen wir protokollarisch machen. Was mein Bübl braucht an Wäsch und Zuig, und was --« Dem Christl kam ein Schwanken in die Stimme. »Was noch übrig ist von meiner Martle, das nimm ich mit. Alles andre ist dein.«
»Schauen wir's an.« Der kleine Bauer nahm die Sache genau. Jedes Stück Hausrat untersuchte er bis auf die Leimfugen; jede Ziege hob er auf seinen Schoß, jeder Kuh knutschte er das Maul, den Hals, die Wampe, das Euter, und jedem Kälbl guckte er aufmerksam unter den Schwanz. Der stumme Christl stand mit aschfarbenem Gesicht daneben. »Gut! Vierhundert kriegst du bei der Unterschrift, dreihundert bei der Übergab. Wann soll ich zum Protokollieren kommen?«
»Gleich.«
Der kleine Bauer lachte. »Pressiert's dir denn gar so?«
»Wohl.« Christl Haynacher trug sein Bübl zur Nachbarin hinüber und wanderte mit dem Käufer zum Landgericht. Das wunderliche Kaufdokument mit dem Paragraph über das Gerstenfeld: nit ackern und nit misten -- verursachte den vier überflüssigen Buchstaben eine muntere Viertelstunde. Als Christl unterschrieben hatte, fragte ihn der Landrichter lachend: »Wann will er denn exulieren?«
»Morgen.« Der Haynacher hob die brennenden Augen. »Am liebsten tät ich's noch heut.«
»Heute? Nein. Heut nachmittag wird er schön daheim bleiben. Da wird noch etwas zu erledigen sein.«
Christl lächelte sonderbar. »Was wär denn das?«
»Seine Neugier wird sich gedulden können.« Eine entlassende Handbewegung. Als die zwei Bauern mit schweren Schuhen davongepoltert waren, schwang sich der muntere Liebling der Gerechtigkeit zu einem philosophischen Erguß über die in Bauernköpfen generaliter grassierende Verbohrtheit auf. Seine heitere Laune sollte sich noch weiterhin erhöhen. Pfarrer Ludwig betrat schmunzelnd die Amtsstube. »Oh? _Reverende?_ Was führt Euch zu mir?«
Das Schmunzeln des Pfarrers verstärkte sich. »Um ehrlich zu sein: ein Werk der Barmherzigkeit. Oder, um gleich _in medias res_ zu hupfen: ich will --« Nach einem Augenwink auf den Schreiber sprach er lateinisch weiter: »Ich will meine schwerbedrückte Seele entlasten und ehrlich zu Protokoll geben, daß ich es gewesen bin, der das Haynacher'sche Zwillingspärl verschwinden ließ.«
Der Landrichter schickte hurtig den Schreiber aus der Stube und platzte los. Was Lustigeres war ihm zeit seines Lebens noch nicht begegnet. Zwischen Lachen und Lachen sagte er: »Unglaublich! Dieser Lewitter! So viel Schlauheit hätt' ich ihm gar nicht zugetraut, obwohl man in dieser Materie von einem Juden viel attendieren darf.« Es dauerte ein Weilchen, bis er sich von seiner unjustiziarischen Fröhlichkeit so weit erholt hatte, um die Gänsefeder in die Streusandbüchse tauchen zu können. Die Feder schrieb nicht. »Seht doch,« sagte der muntere Willibald, »wie klug meine Feder ist! Sie weigert sich, bei dieser barmherzigen Torheit mitzuagieren.« Er griff nach einem anderen Kiel. Diesmal fand er beim Eintauchen richtig das Tintenfaß. »Also?« Dabei lachte er schon wieder. »Was soll ich protokollieren?«
»Daß ich aus Erbarmen mit dem unglücklichen Vater, aus Mitleid mit dem armseligen Pärl, auch sonst aus Vernunfts- und Menschlichkeitsgründen dem beklagenswerten Kapitelstreit ein notwendiges Ende bereitet habe.« Pfarrer Ludwig war sehr ernst geworden. »Was ich bekenne, Euer Gestreng, ist die reine Wahrheit. Mit einem Schlüssel, den ich aus der Zeit meiner Amtstätigkeit noch besaß, hab ich in jener Kapitelnacht die Armeseelenkammer aufgesperrt. Um mich unkenntlich zu machen, hab ich einen gemäschelten Herrenmantel umgehangen, den ich mir vor Jahren für ein höfisches Maskenfest hab schneidern lassen. So vermummelt hab ich das arme Pärl im Friedhof zur ewigen Ruh bestattet. Mein priesterliches Gewissen ist ohne Vorwurf. Lewitter hat uns das im Kapitel doch auseinandergesetzt: mit der Verwebung der Muskeln, mit der Diffusion des Blutes, _et cetera_. Da muß doch vom getauften Blut was übergeflossen sein ins ungetaufte, also quasi eine Mittaufe des nur leblos *scheinenden* Körperchens erfolgt sein. Nit?«
»Aaaaah! Glänzend debattiert!« staunte der hocherfreute Richter, der nun auch den Grafen Tige, wenigstens inbetreff seiner nächtlichen Friedhofstätigkeit gerechtfertigt sah. »Warum habt Ihr denn diese hilfreiche Konklusion nicht im Kapitel vorgebracht?«
»Weil sie mir erst _post festum_ eingefallen ist. Daß ich also bis zu gewissem Grad gegen kirchliche und weltliche Gesetze handelte, das weiß ich. Und bekennen muß ich es, weil ich nicht will, daß ein halbwegs Schuldloser leiden soll um meinetwillen.«