Das große Jagen

Part 25

Chapter 253,458 wordsPublic domain

Leupolt, der die Stelle aus dem zweiten Buche Samuelis erkannte, lauschte mit glänzenden Augen. Nun sah er betroffen auf das schreckhaft verwandelte Gesicht des jungen Soldaten. Der las zwischen knirschenden Zähnen, die verzerrten Wangen von Tränen überglitzert, fast in der Art eines Menschen, der an der hinfallenden Krankheit leidet und einen Stoß seines Übels zu empfinden scheint: »Und Joab ging hinein zum Könige und sagte es ihm an. Und er rief dem Absalom, daß er hinein zum Könige kam, und er fiel nieder vor dem Könige, auf sein Antlitz zur Erde. Und der König küßte Absalom.« Verstummend preßte er das Gesicht auf die Blätter. War das ein Schluchzen? Oder war es ein Lachen? Nun ein jähes Aufzucken des vom Haar umwirrten Gesichtes. Und ein kreischender Laut, zu Danckelmann hinüber, in französischer Sprache: »Absalom starb an der Eiche. Wo sterbe ich?« Ein jähes Erlöschen alles seelischen Aufruhrs, ein ruhiges Lächeln, ein heiterer Klang in der melodischen Stimme: »Wenn's auf dem Boden eines deutschen Sieges wäre, sollt' es mir recht sein in jeder Stunde.«

Danckelmann, der aus seinem Müdigkeitsdusel noch nicht völlig ermuntert war, sah ratlos drein. Und Leupolt fragte in Sorge: »Ist dem jungen Herrn übel?«

»_Mais non!_« Der Oberst lachte. »Mich is wohler denn je. Det war nur Rebelljon der Jedärme. Mir hungert.«

Kopfschüttelnd verließ der Hiesel Schneck die Hütte, stolperte in die Nacht hinaus und klagte: »So was! Und söllene Leut möchten die deutsche Welt verbessern und den alten Herrgott umnageln. Ich versteh's nit! Kreuzhimmelhöllementshundsviecherei!« Zur Beruhigung seiner verärgerten Seele hatte er die Pfeife mit heraus genommen. Er schlug Feuer, daß die Funken stoben, wühlte den stinkenden Schwamm unter die Tabaksasche, und als die Pfeife festen Zug hatte, blies er einen dicken Rauchfaden durch ein Astloch der Hüttentür. »So, schmeck's, du Preiß, du abzirkelter!« Er fühlte sein Gemüt erleichtert, trat auf einen Felsschnacken hinaus und spähte in die schwarze, von schönen Sternen überfunkelte Neumondnacht. Zu den strahlenden Lichtern der Ewigkeit zog es den Blick des Hiesel nicht empor. Immer guckte er hinunter auf das dustere Loch einer kleinen Talmulde und mummelte melancholisch: »Ob wohl jetzt das liebe alte Radl ohne Wagen rekatholisch träumt oder evangelikanisch?«

In der Hütte klapperten die irdenen Teller. Flinkes Französisch. Immer wieder das heitere Lachen des Soldätleins. Dann ein lebhafter Wortwechsel, der von energischem Deutsch unterbrochen wurde: »Denk er an seine fumfzich Jahre, Danckelmann! Leg er sich hin uffs Heu! _Sans façon!_ Ick will 's.« Merkwürdig, dachte der Hiesel Schneck, wie im Preußischen ein Knechtl reden darf mit seinem Herrn! Dann guckte er wieder in die Tiefe. Da draußen, gegen Bischofswiesen zu, gaukelte was durch den schwarzen Wald gegen den Gratsattel hinter dem Toten Mann hinauf wie ein winziges Sternchen. »Was ist denn da los?« So viel wußte der Hiesel schon: daß von den Evangelischen keiner mit einer Latern zur heimlichen Fürsagung wandert. Die machen sich seit dem Versöhnungsschießen unsichtbarer als je. Was war da los? Um an eine Gefahr für die Brüder in Christ zu denken, dazu war die Bekennerseele des Hiesel noch nicht evangelisch genug. Er fand für das gaukelnde Laternenrätsel nur die Lösung: daß da einer von der Jägerei zu Berg stiege, um für den Fürsten oder für die -- »Sagen wir halt: Allergnädigste!« -- einen Auerhahn zu verlusen. Diese Vorstellung, statt sein Jägerherz zu erfreuen, machte den Hiesel so traurig, daß er sich auf den Schnee hinsetzen und das Gesicht in die Fäuste drücken mußte. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. »Komm, Schneck, und schlaf ein Stündl! Wir müssen uns heut noch plagen in der Nacht.«

In der Hütte kein Feuer mehr. Doch zwischen der Asche lag noch eine große Kohlenglut und strahlte ihren roten Schimmer in den stillen Raum. Der Geheimrat, mit seinem Mantelkragen zugedeckt, lag im Heu und schnarchte ein bißchen. Auf dem Sitzmäuerchen, gegen die Balken gelehnt, schlief der junge Oberst, das Gesicht vom Haar überhangen, klein zusammengehuschelt in dem dunklen Militärmantel. »Was einer ist als Mensch, das sieht man allweil am besten im Schlaf!« so philosophierte der Hiesel Schneck. »Dahocken tut das Preißerl wie ein Häufl Elend.« Freilich, eine Minute später hockte dieser lange Weise nicht viel anders in seinem Winkel. Der Schlaf ist einer von den Gleichmachern des Lebens. Tod, Notdurft und Wollust heißen die anderen.

Leupolt hatte sich lautlos zum Sitzmäuerchen hingeschlichen. Seine Augen blieben offen. Manchmal schob er sacht einen Holzstorren unter die Kohlen, damit die Glut nicht völlig ohne Nahrung bliebe und die schlafenden Herren nicht frieren müßten. Fing das Holz unter den Kohlen zu glosten an, so pufften fahle Rauchfäden aus der Asche heraus, und kleine bläuliche Flammen tanzten über der Glut, wie Frühlingsschmetterlinge um eine rote Blume gaukeln. Sinnend blickte Leupolt in das Spiel der kleinen Feuerseelen, sah zwei heiße, von Tränen umflossene, in Scham und Sehnsucht bekennende Mädchenaugen und hörte eine leise, von Erregung fiebernde Stimme flüstern: »Du bist mir so lieb geworden, ich kann's nit sagen.« Da weckte ihn ein stöhnender Laut aus seinem gläubigen Sinnen. Der junge Soldat schien böse Träume zu haben; sein gebeugter Jünglingskörper zuckte unter den Falten des Militärmantels. Halblaute Worte, deutsch und französisch, wirrten sich durcheinander. Die Hände begannen zu stoßen, als möchten sie sich einer Fessel entwinden, und plötzlich streckten sie sich mit gespreizten Fingern, wie zur Abwehr eines grauenvollen Bildes. Die Augen des Träumers waren starr geöffnet, hatten den Blick eines verzweifelten Menschen, und eine von Zorn und Angst durchrüttelte Knabenstimme bettelte: »Nich schlagen, Vater! Alles, was du willst! Nur nich schlagen!«

»Junger Herr!« Leupolt faßte den Mantel des Traumverstörten und zupfte. »Ihr träumet ungut. Da muß man Euch wecken.«

Ein stumm gleitender Blick des Erwachens, ein staunendes Beschauen des von Rotglut durchschimmerten Raumes. Fester gegen die Balkenmauer rückend, hüllte sich der junge Oberst wieder in seinen Mantel, schloß die Augen und sagte mißmutig: »Weck er mich, wenn es Zeit is. Nich früher.«

Wieder die rotflimmernde Stille, das schwere Atemziehen des Geheimrates und das Duselgebrumm des Hiesel Schneck. Leupolt saß unbeweglich, beugte nur manchmal den Kopf, um durch das kleine Fenster nach dem Stand der Sterne zu schauen. Als es auf Mitternacht zuging, legte er Kienspäne über die Glut, gab ein paar kleine Scheite in die sich ermunternde Flamme, goß die Geißmilch in die Kupferpfanne und stellte sie über den Feuerbock. Nun weckte er den jungen Schläfer am Herd. »Herr! Zeit ist's!« Der Oberst fuhr in die Höhe, straffte sich nach militärischer Art und sprach ins Leere: »_Me voilà! Je ne dors plus!_ Befehlen Sie, Vater! Ick will gehorchen.« Da hörte er das freundliche Herdgeprassel, schien völlig zu erwachen, streifte mit einem prüfenden Blick den Jäger und sagte ruhig: »An jedem Morgen soll man sich erinnern, daß man Gottes is. Sprech' er ein Gebet!«

Leupolt kniete auf das Herdmäuerchen hin, verschlang die Hände vor der Brust und betete: »Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer nach Himmel und Welt. Auch wenn mir Leben und Seel verschmachten, du bleibst mein Heil und meines Herzens Trost.« Gleich bei den ersten Worten des Gebetes hatte der junge Oberst blitzschnell das Gesicht gegen den Jäger gedreht. In seinen Augen war eine Verblüffung, die sich in Zorn zu verwandeln drohte. Leupolts Anblick schien den Erregten wieder zu beruhigen. Mehr neugierig als unmutig fragte er: »Wie kommt er zu diesem Gebet?«

»So hat uns auf dem Toten Mann ein Salzburger fürgebetet, der uns Botschaft gebracht hat aus dem Preußischen. Er hat erzählt: so hätt er den preußischen Königsprinzen beten hören, der den Exulanten beigesprungen ist mit hilfreicher Güt. Jetzt bet ich allweil so. Die schönen, gottsfreudigen Wörtlen haben mich hinübergehoben über viel Hartes.«

Der junge Oberst legte die Hand auf Leupolts Arm. »Det Gebet for sich alleene macht es nich. Gott is am willigsten, den Starken zu sekourieren, der sich _spontanément_ zu helfen weiß.« Lächelnd ging er zur Heutruhe, weckte den Geheimrat, indem er ihn mit einem Halm an der Nase kitzelte, brach über Danckelmanns Ermunterungsseufzer in Lachen aus und begann mit ihm in französischer Sprache ein hurtiges Geplauder. Dabei rasselte sich auch der Hiesel Schneck aus seinem letzten Schnarcher heraus, schien nicht zu wissen, wessen Gottes er war, und begrüßte die Mitternachtsstunde mit einem gegen die Haare gebürsteten Himmelhund.

Nach der Geißmilchsuppe brachte die Schuhprobe ein paar muntere Minuten. Dem Geheimrat saßen die neuen Schuhe des Leupolt wie angemessen. Die Sonntagstäpperlen des Schneckenweibls mußten, um für das schlanke >Weiberleutsfüßl< des Soldätleins zu passen, zwischen Leder und Söckeln noch ein bißchen mit Heu gepolstert werden. Die Schneegamaschen, die darüberkamen, hielten alles verläßlich zusammen. Und nun hinaus in die kühle, schwarze, von großen, strahlenschießenden Sternen durchfunkelte Neumondfrühe. Ein schönes Rauschen ging über die finsteren Wipfel hin. Alle paar Schritte stehen bleibend, spähte der junge Oberst unersättlich in diesen wundersamen Nachtzauber. Mit enthusiastischen Worten stammelte er sein Entzücken vor sich hin und sagte französisch zu Danckelmann: »So groß und weit und herrlich sind die Nächte in der Tiefe nicht. Auf der Höhe zu wandeln, hat seine kostbaren Reize.« Er tappte bis an die Hüften in ein Schneeloch hinunter, zog sich lachend heraus und scherzte: »_Tiens, voilà mon sort_, auf herrlicher Höhe gibt es auch Löcher, um sich die Knochen zu brechen -- eine Erfahrung, die mir nicht neu ist, obwohl ich zum erstenmal im Leben einen rechtschaffenen Berg besteige.« Hiesel, der sich über das viele Französisch ärgerte, knurrte spöttisch: »Gelt ja, sterngucken und bergkraxeln passen nit gut zu einander! Verstehst? Mit'm Nasenspitzl in der Höh geht's allweil abwärts, nie nit aufwärts.« Kopfschüttelnd tappte er davon. »Und söllene Kniespatzen möchten die christliche Welt umschustern.« Der junge Oberst, der den Sinn dieser Worte nur halb, aber zureichend die Grobheit ihres Tones verstanden hatte, rief erheitert zu Danckelmann zurück: »'n agreabler deutscher Bruder!«

Da mahnte Leupolt, der den Geheimrat am Henkel hatte: »Schneck! Mach langsame und feste Tapper, daß der Herr hinter dir in gute Stapfen kommt.« Nun wanderten sie schweigend hintereinander. Manchmal trug die gefrorene Schneedecke, dann kamen wieder mürbe Stellen, an denen man hinunterbrach bis übers Knie. Schon nach einer Viertelstunde fragte Danckelmann in Erschöpfung: »Haben wir noch weit?«

»Nit, Herr! Ein paar hundert Vaterunser. Sonst ist die Fürsagung allweil ganz da draußen gewesen auf dem Toten Mann. Heut ist sie ein Stündl herwärts. Daß die Herren nit gar so weit steigen müssen, bloß ein Katzensprüngl.« Seufzend machte der Geheimrat die Bemerkung: »Die Katzen von Berchtesgaden, nach ihren Sprüngen zu schließen, scheinen Tiger zu sein.« Aus dem geschlossenen Walde ging es hinaus auf eine freie, steile Schneelehne, an die hundert Schritte breit. Schneck und der junge Oberst hatten den weißen Steilhang schon zur Hälfte überquert, als ihn Leupolt mit dem Geheimrat erreichte. »Jetzt ein bißl Fürsicht, Herr! Der Schnee könnt rutschen.« Leupolt hatte kaum gesprochen, als sich über die Lehne her ein leiser, lachender Schrei vernehmen ließ. Mit dem jungen Oberst war eine stubengroße Schneescholle ins Gleiten geraten. Und je mehr der Lachende sich plagte, um aus der rutschenden Masse herauszukommen, desto tiefer sank er in den gleitenden Teig. »Jesus!« brüllte der Hiesel Schneck. Er dachte an die Wände, die da drunten waren, und machte Sprünge wie ein irrsinniger Wolf. Und von der anderen Seite der Lehne kam Leupolt schief heruntergesaust und überholte die rutschende Scholle. Zwischen zwei Felszacken eingestemmt, warf er seine Brust dem gleitenden Schnee entgegen. Er wurde weiß überschüttet. Die fahrende Masse stockte einen Augenblick, und da sprang der Hiesel über die Wulsten her, riß das halb versunkene Soldätl, das noch immer lachte, aus dem Schnee heraus, umklammerte den schlanken Körper unter den Armen und steuerte mit wilden Sprüngen, die der andere gelehrig mitmachte, gegen den festen Waldgrund hinüber. »Hiesel?« schrie Leupolt aus der Nacht heraus. »Hast du ihn?«

»Wohl!«

Von droben klang die aufgeregte Stimme des Geheimrates: »Ist etwas geschehen?«

»Nit sorgen, Herr!« antwortete Leupolt. »Ist alles gut! Ich komm schon.«

Drüben am Waldsaum, neben einer Fichte, die von den Frühlingslawinen schiefgebogen war, schüttelte der junge Offizier die Schneebrocken von seiner Uniform, während der Hiesel Schneck mit Lachen sagte: »Gott sei Lob und Dank!« Man vernahm aus der Tiefe herauf einen schweren, krachenden Plumps. Wieder lachte der Hiesel. »Hörst es, Preißerl!«

»Wat war 'n det?«

»Der Schnee. Verstehst? Wär der Leupi nit gewesen, so täten wir jetzt da drunt liegen! Kreuzsausen und Himmelhund! Und 's Schneckenweibl könnt ihre Sonntagstäpperlen suchen, sie weiß nit, wo!«

Da legte der junge Oberst dem Hiesel Schneck die Hand auf den Arm. »Ick hab ihn for 'nen Rüpel jehalten und merke, daß er 'n janz famoser Patron is.« Ein feines, herzliches Auflachen. »Die Haut scheint bei uns deutschen Brüdern nich det Wesentliche zu sein. Man muß hinter 's Leder kieken. Geb er mich seine Hand!« Der Hiesel rührte seine Tatze nicht, weil er lauschend den weißen Schädel strecken mußte. »Du, da!« sagte er scheu und leise. »Lus!« Er deutete gegen die Höhe, über der die großen Sterne des Berghimmels funkelten. Hatte das summende Rauschen des Waldes einen geheimnisvollen Mitsänger gefunden? Wie das Klingen einer fernen und sanften Glocke war es, war wie das rhythmische Murmeln eines ruhig fließenden Baches, hatte dennoch einen leidenschaftlichen, von Leid und banger Sehnsucht durchzitterten Unterton, verstärkte sich und sank, wurde vernehmlicher und schmolz aufs neue zusammen mit dem Rauschen der Bäume, daß es nimmer von ihm zu scheiden war.

»Wat is 'n det?«

»Ich hab als Evangelikaner noch ein bißl junge Ohrwascheln. Aber täusch ich mich nit, so singen da droben hinter dem Bergsattel die Unsichtbaren.« Ein lauer, föhniger Windhauch, der dem Morgen voranging, wehte über den Hang herunter, und der Liedklang vieler menschlicher Stimmen wurde deutlich. Der junge Offizier erkannte das Lutherlied. In einer Erregung, die ihn schüttelte wie einen Fieberkranken, riß er den Dreispitz herunter, preßte ihn mit den Fäusten gegen die Brust, sah unbeweglich zu den strahlenden Sternen hinauf und sprach die Worte der letzten Liedstrophe, die da droben gesungen wurde, mit lauter Stimme in die Nacht:

»Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, Laß fahren hin, Sie haben's kein Gewinn, Das Reich muß uns doch bleiben.«

Nur noch das Rauschen im Wald und der schweigende Sternglanz, von dessen Widerschein die Schneekrystalle an den Felszacken feine, farbige Lichterchen bekamen. Der junge Oberst drückte den Dreispitz über den Scheitel und begann mit ungeduldiger Hast das steile Gehäng hinaufzuklettern. »Komm er!« Bei einer Wende des Waldsaumes trafen die zwei mit den beiden anderen zusammen, und atemlos begann der Geheimrat ein französisches Gewirbel seiner Sorge herauszustammeln. Der junge Oberst machte eine unmutige Handbewegung und sagte deutsch, mit einer soldatisch harten Stimme: »Laß er, Danckelmann! Wir haben kostbare Minuten verläppert. Dort oben seind unsere neuen Kinder. Eenen, der leidet, darf man nich warten lassen. Hinauf!« Er kletterte, als hätte dieses Wort ihm Kräfte gegeben, die alles Zarte seines Körpers verwandelten zu stählernem Willen. Leupolt Raurisser, von einer schweren Erschütterung befallen, tastete nach der Schulter des Grenzjägers. »Hies!« Die Stimme wollte leise sein und war doch ein glückheißes Jauchzen. »Ich bin ein Blinder gewesen.« Seine Hand deutete hinter dem Steigenden her, den die Dunkelheit zu umschleiern begann. »*Der* ist der Helfer!« Ein frohes Aufatmen. Dann ein heiteres Flüstern: »Komm! Der braucht uns nit. Wir müssen das alte Knechtl hinter ihm herlupfen.« Jetzt ging es flink nach aufwärts, ohne daß der Geheimrat sich plagen mußte. Ein Eichhörnchen schnalzte. Ein zweites. Leupolt gab Antwort mit dem gleichen Laut. Und Danckelmann fragte: »Was ist das?«

»Es sind die Wächter.« Wie graue Steinblöcke, in den Kitteln der Unsichtbaren, standen die Wächter im Schnee, der eine am Waldsaum, der andere draußen auf dem freien Hang. Als die Aufwärtssteigenden schon verschwunden waren, klang auf dem Schneefeld eine leise Knabenstimme: »Vater? Meinst du, er ist dabeigewesen?« Aus der Finsternis des Waldes antwortete die Stimme eines alten Mannes, so voll Inbrunst wie die Stimme eines Betenden in tiefstem Leide: »Gott soll's geben, Bübl, daß der Helfer kommen ist. Oder es müßt die deutsche Welt verzweifeln.«

Nach stummer Weile ein flehender Laut: »Mir banget, Vater! Darf ich hinüber zu dir?«

»Jetzt nit. Dort ist dein Plätzl. Da hat man dich hingestellt. Da mußt du bleiben, bis der Morgen kommt. Ein Hoffender muß verlässig sein.«

Nur noch das Rauschen der schwarzen Wipfel. Und manchmal sprang eine kleine Schneescholle lautlos über den weißen Hang in die schwarze Tiefe hinunter.

Kapitel XXIV

Unter dem Gewimmel der Sterne, die groß und glanzvoll am schwarzblauen Himmel funkelten, erreichten die vier Männer einen steinigen Grat, von dem die Frühlingssonne den Schnee schon fortgeschmolzen hatte. Wie eine große Muschel wölbte sich die Felsmauer, auf deren Höhe sie standen, um einen halbgerodeten Waldfleck, dessen wenige Bäume finster emporstachen aus einer grauweißen, absonderlich gewellten Fläche. Man hörte undeutlich den Klang einer greisen Stimme und sah einen matten Glutschein, der übriggeblieben war von einem erloschenen Feuer. Leupolt trat auf den jungen Oberst zu, der suchend in das Zwielicht spähte. »Schauet, gnädiger Herr, da ist die heilige Fürsagung.«

»Ick sehe niemand. Wo seind die Leute?«

»Grad vor uns. Mehr als tausend müssen es sein.«

Vor dem Glutschein da drunten bewegte sich ein graublauer Schatten. »Eenen seh ick,« sagte der junge Offizier, »nee, viele seind es, viele!« Der Platz unter der Felswand, auf dem die Evangelischen knieten, standen oder saßen, eng aneinander gedrängt, mit ihren weißen Kitteln und Kapuzen, im Halbkreis um den Glutschein herum, glich einem Gewirre mehlgrauer Maulwurfshügel, die mit schwachen Schimmerlinien gesäumt waren und sich immer hoben und senkten. Es war ein Bild, das ergreifend und geheimnisvoll berührte, aber auch befremdend war, so sehr, daß es auf die mangelhaft entwickelte Evangelikanerseele des Hiesel Schneck belustigend wirkte. Er buckelte sich zusammen, hämmerte mit der Faust aufs Knie und ließ ein halbverschlucktes Lachen vernehmen: »Ho ho hohohooo!« Das Gesicht des jungen Obersten fuhr nach ihm herum, und die zornscharfe Stimme sagte: »Wat hat er? Ick finde an diesen Menschen nichts Lächerlichs.«

»Gotts Not und Elend,« stotterte Hiesel erschrocken, »ich versteh's halt nit, verstehst?«

Leupolt legte zuerst dem jungen Offizier, dann dem Geheimrat den Mantel um die Schultern. »Es weht ein schneidiger Luft, wenn's auf den Morgen zugeht. Die Herren müssen sich gut einwickeln. Ich steig derweil zu den Alten hinunter und red mit ihnen.« Lautlos verschwand er hinter den Schrofen in der Finsternis. Während er über das Felsgezack hinunterstieg, hörte er immer deutlicher die Stimme des Fürsagers von Unterstein: »Die Törigen nahmen ihre Lampen; aber sie nahmen nit Öl mit sich. Die Klugen aber nahmen Öl in ihren Gefäßen samt ihren Lampen. Da nun der Bräutigam verzog, wurden sie alle schläfrig und entschliefen. Zur Mitternacht aber ward ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam kommt, gehet aus, ihm entgegen!« Die sanfte Stimme des Alten wurde unterbrochen durch einen verzückten Knabenschrei: »Da steigt einer aus dem Berg heraus! Ein Lichtschein ist um ihn her!«

Aus tausend Kehlen ein wunderlicher Laut. Alle weißen Gestalten zuckten auf. Einer, der gegen die Felswand hingesprungen war, erkannte den Jäger und rief: »Der Leupi!« Von Mund zu Mund ging es, wie ein frohes Rauschen, wie ein Aufatmen der Hoffnung: »Der Leupi Raurisser ist kommen!« Viele drängten ihm entgegen. Er stand wie eine graue Säule im Schnee und rief über das Gewühl der ihm entgegendrängenden Weißgestalten hin: »Ein jeder soll bleiben an seinem Platz. Jeder soll Ruh halten. Ich bring den Morgen unserer Not. Nur einen Schnaufer Geduld noch, ihr guten Leut! Erst muß ich reden mit den Alten.« Das Gedräng der Weißgestalten wich auseinander. Wieder bildete sich der Halbkreis, wie er zuvor gewesen. Ein erregtes Stimmengewirr. Man hörte seltsames Aufkichern, hörte leise, fast krankhaft klingende Schreie, hörte das Fiebergestammel einer Verzweiflung, die in Freude verwandelt war, und hörte lallende Laute, wie Betrunkene sie ausstoßen, die lachen möchten und näher dem Weinen sind.

Droben auf der schwarzen Felsmauer sagte einer, dem die Stimme kaum gehorchen wollte: »Danckelmann, das ist erschütternd! Was müssen diese Menschen gelitten haben!«

Auf der weißen Rodung, rings um den roten Glutschein, war Stille. Von der alten Fichte, die sich schwarz neben der Kohlenglut erhob, sprangen elf Weißverhüllte auf Leupolt zu, die Fürsager der neun berchtesgadnischen Gnotschaften, bei ihnen der Mann der Hasenknopfin von Unterstein und der Christoph Raschp von der Wies, die in der Osterwoche heimgekehrt waren aus dem Preußischen. Alle streckten die Hände nach dem Jäger, alle stammelten die gleiche Frage: »Ist er kommen?« Leupolt deutete gegen die Höhe. Etwas wundersam Frohes war in seiner Stimme: »Da droben steht er. Ihr sehet ihn nit in der Finsternis. Und er ist doch unser Licht, ist unser Helfer in aller Not!« Einer von den Alten schrie wie ein Entrückter: »Holz in die Glut! Leut, es taget über unseren Seelen!« Viele sprangen gegen den Glutschein hin. Die Scheite klapperten und klirrten. Ein Knistern und Geprassel. Schwarze Rauchwolken umwirbelten die alte Fichte. Ein Leuchten, ein wechselndes Lichtgezitter. Schön und lodernd stieg die wachsende Flamme gegen die Sterne hinauf. Die knorrigen Wetterbäume schienen funkelnde Blüten zu tragen, der Schneegrund war überwoben von blitzendem Glanz und violettem Schatten, alle nahen Felswände begannen zu glimmen, und die tausend Weißgestalten standen angestrahlt, als wären ihre Leinwandkittel verwandelt in purpurne Gewänder. »Zündet die Kienbränd!« rief der Alte von Unterstein. »Wir Fürsager, alle neun, wir steigen hinauf und holen den Helfer zum Feuer!«