Part 24
Der junge Oberst, wieder französisch, sagte mit irrendem Blick: »Wenn man seine Fehler nur einsieht. Da ist Hoffnung vorhanden, daß ich noch der Einsilbigste aller Deutschen werde.« Verstummend trieb er das Pferd. Die Straße führte auf ebener Strecke in einen hochstämmigen Wald, der verwüstet war vom Bergwinter. Wirr hingen Hunderte von Bäumen durcheinander, die unter dem Schneedruck niedergebrochen waren. »Hier sieht es aus wie im verunheiligten Deutschen Reich.« Kühler Abendschatten fiel über die beiden Reiter herab. Die Pferde trabten. Danckelmann schaukelte sich gewandt im Sattel. Sein Begleiter bockelte mit losen Ellenbogen, zeichnete schlaffen Körpers jede Unebenheit des Bodens nach, schien das alles nicht zu fühlen und war in Gedanken versunken. Da kam eine Lawinengasse, die der stürzende Schnee von der Berghöhe hinuntergebrochen hatte bis in die Bachtiefe. Die Straße war überworfen von einem breiten Buckel festgestampfter Schneemassen, aus denen zersplitterte Äste und zerquetschte Wipfel hervorlugten. Danckelmann hielt: »Wie bringen wir da die Pferde hinüber?«
Drüben stand der Soldat. Er hatte seine beiden Gäule dem Reitknecht des Geheimrats übergeben und wollte über die Schneewulsten herüberklettern, um das Pferd seines Vorgesetzten zu führen. Der rief ihm ärgerlich zu: »Bleib, wo de bist!« Die Reitgerte zischte. Ein Dutzend wilder, hin und her schwankender Sätze, und der glanzhaarige Fuchs mit seinem Reiter war drüben. Der junge Oberst lachte. Die Sache schien ihm Spaß gemacht zu haben. Nun sah er verwundert den Soldaten an. »Kerl? Wat machste da? 'n Cavalerist des Königs von Preußen jehört mit seinen Arsch in den Sattel. Nich mit den Stiebeln in die Drecksuppe.« Erschrocken rannte der Soldat in seinen plumpen Klapperschäften davon, daß der steife Zopf hinter seinem Nacken pendelte. Erst jetzt erinnerte sich der Oberst seines Begleiters. »Ach --« Er wandte das Pferd. Da fiel ihm ein Bild von hinreißender Schönheit in die Augen. Zwischen den schwarzgrünen Baumwänden der Lawinengasse sah man einen Ausschnitt des Reichenhaller Tales. Die winzigen Dächer, die Herden auf der Weide, die Wiesen, die Brachfelder und Hecken, die Bäche und Wäldchen, alles funkelte vom Glanz der Abendsonne, nicht wie etwas Irdisches, sondern wie ein märchenhaftes Spielzeug, in Schimmer herausgeschnitten aus blankem Kupfer. Und hinter diesem frohen Geglitzer stand ernst und schön, in tiefes Blau getaucht, die steile Schattenwand des Hohen Staufen. Der Berg mit seiner weißen, von Glanz umzüngelten Höhe war anzusehen wie ein Riesenfürst auf seinem Thron, wie ein kaiserlicher Greis im wallenden Weißhaar, unbeweglich, mit schlummernden Augen, auf der hohen, reinen Stirn die strahlenzuckende Krone.
»Danckelmann!« Das klang wie der atemlose Schrei eines von Freude verwirrten Kindes. »Kommen Sie! Das müssen Sie sehen! Gibt es denn solche Dinge auf der Welt? Geheimrat! So kommen Sie doch endlich! Das Herrliche beginnt zu erlöschen.«
Eben kletterte Danckelmann mit seinem Falben vorsichtig über den Lawinenschnee herunter. Was er noch zu sehen bekam, war verdämmernde Schönheit.
Der junge Oberst saß unbeweglich im Sattel, das scharfgeschnittene Gesicht zur Höhe gehoben. Als die letzte Strahlenflamme des weißen, sich blau umschleiernden Berghauptes zu schwinden begann und nur noch eine dünne Feuerlinie die steilen Schneegrate säumte, trank er einen tiefen Atemzug in seine schmale Brust und sagte langsam: »Ich habe gesehen, was noch keiner sah.«
Danckelmann, ein bißchen verstimmt, betrachtete ihn verwundert, eine Frage nur in den Augen.
»Ich sah das Gewesene und sah das Kommende.« Ein Lächeln von heiliger Innerlichkeit. Ruhig wandte er das Pferd und ritt in den stillen, dunkelnden Wald hinein. Blitze flammten in seinen herrlichen, stahlblauen, weitgeöffneten Augen. Jäh beugte er sich aus dem Sattel und legte seine Hand auf den Arm des Begleiters. »Nein! Ich habe nicht zu teuer bezahlt. Um einen Hauch Freiheit zu atmen, kann man kuschen wie ein Hund. So stark ist keiner, daß ihn Gemeinheiten, die er erleben muß, nicht schwach machen. Man muß hinunter, Danckelmann, tief hinunter, um die Wege zur Höhe zu finden.« Er zog die bartlosen Lippen von den Zähnen. »Im Mai oder Juni sperren sie mich in das Grillenhaus einer fürchterlichen Ehe. Ich genieße die ersten und letzten Tage meiner Freiheit. Was kommt, ist Pflicht. Sie wird hart sein.« Der Ernst dieses Wortes schlug über in einen klagenden Laut. »Wer hilft mir?« Dann sagte er deutsch: »Ick bin ein egariertes Schaf des Lebens, habe keen Menschenskind, das mich zu wat nütze is, habe nur mir selbst, den dubiosesten von allen Wegweisern.« Das Gesicht, das der Geheimrat zu diesen Worten machte, schien dem jungen Oberst die verlorene Heiterkeit zurückzugeben. Lustig tippte er mit der Reitgerte nach seinem Begleiter, als möchte er vom Mantelkragen des würdigen Herrn eine Fliege fortkitzeln, und fragte französisch: »Ist das nicht wie ein spaßhaftes Wunder? Daß ich da so lakaienfern und unbeschnüffelt reite wie in einem Märchenwald und noch immer auf meinen Schultern einen Kopf habe.«
Erst erschrak der Geheimrat. Dann sagte er aufatmend: »Ein Glück, daß man diesen jungen Kopf nicht abhauen ließ, wie es der Kaiser erwartete.«
Froher Spott umzuckte den feinen Mund des anderen. »Weil er's zu erwarten schien, begann ich zu begreifen, wie steif ich diesen Kopf aufsetzen muß.«
Eine Lichtwoge strömte in das Düster des Waldes herein. Die Straße öffnete sich gegen einen Wiesenhang von smaragdenem Frühlingsgrün, noch überhaucht von einem letzten Sonnenschimmer, der durch tiefgeschnittene Bergschatten herfunkelte aus der westlichen Ferne. Der Reitknecht des Geheimrats kam den Herren entgegen getrabt und meldete: »Der Jäger ist da. Auch das Mädchen für die Weisung zur Herberg.« Die Reiter lenkten von der Straße weg in ein Seitentälchen, das umhuschelt war von knospenden Erlenstauden. Überall Finkenschlag, Meisengezwitscher und immer aufs neue der melodische Lockruf einer Ringdrossel. Das Tälchen schon tief umschattet, und über ihm das zitronenfarbene Leuchten des reinen Abendhimmels. Bei den zwei Packpferden, die zu grasen begannen, stand mit scheuem Blick die Tochter der Hasenknopfin; neben ihr, aufrecht und äußerlich ruhig, der Jäger Leupolt Raurisser im grauverwitterten Bergzeug, in der Hand den langen Griesstecken, hinter dem Rücken den Waldsack. Auf seiner Stirne brannte noch die Nachglut seiner Begegnung mit Luisa und der Mutter. Als er die zwei Herren kommen sah, erwachte ein dürstendes Forschen in seinem Blick. Welcher von den beiden war der Helfer für seiner Brüder verzweiflungsvolle Seelennot? Welcher hatte die starke Hand des ersehnten Retters? Das junge, windige Soldätl? Das schlapp herunterrutschte vom Gaul? Den Hut ziehend, hoffenden Glanz in den Augen, trat Leupolt auf den Geheimrat zu: »Gottslieben Gruß in meiner notvollen Heimat. Es ist ein heilig Ding, ist Euers und meins. Ich bin geboten zu Eurem Dienst. Viel gute Herzen harren auf Euch in Drangnus und Sorgen.«
Noch im Sattel fragte Danckelmann: »Kann er sich ausweisen?«
Leupolt, wie es ihm der Zettel des Hasenknopf befohlen hatte, entblößte die breite weiße Narbe an seinem braunen Hals. Da fühlte er, daß ein Arm sich um seine Schulter legte. Neben ihm stand das Soldätl, hatte einen glänzenden Blick und sagte ernst: »So invulnerabel is sein Glaube? Daß ihn keen Eisen lädieren kann?«
Verwirrt vom Leuchten dieser stahlblauen Augen, antwortete Leupolt verlegen: »Herr, ich versteh nit.« Sich dem Arm des Offiziers entwindend, sah er zu Danckelmann auf: »Lang dürfen wir uns nit verhalten. Es geht über mürben Schnee, und der Weg ist weit. Wir müssen vor Nacht im Hüttl sein. Da können wir rasten. Wer geht außer Euch noch mit?«
»Wir alle, sobald die Pferde versorgt sind.«
»Vier Leut?« Der Jäger schüttelte den Kopf. »Mir ist geboten: du führst einen Herrn und seinen Diener. Es geht um heilige Sachen. Da muß man es machen, wie's recht ist.«
Danckelmann wollte ärgerlich erwidern. Da wehrte der junge Offizier französisch: »Das ist ein gewissenhafter Mensch. Was er haben will, muß geschehen.« Mit Wohlgefallen betrachtete er den Jäger und sagte deutsch: »Er führt uns beede. Det is der Herr, ick bin der Diener.« Er ging auf den Soldaten zu. »Hänne! Meine Grammatik!« Der Mann riß hurtig ein kleines Buch aus der Satteltasche, reichte es seinem Herrn und salutierte so wunderlich eckig, daß Leupolt schmunzeln mußte. Der Offizier schob das Buch in die Rocktasche. »Weiter, Hänne! Versorg man die Gäule gut! Gieß er nich zu viel hinter de Binde und molestier er die Menscher nich. Man kann es missen. Uff morjen!«
Als der Soldat und der Bediente hinter dem Mädel, das sie zur Herberg führen sollte, davonritten, rief Leupolt: »He! Wo ist denn das Zeug für die Herren?«
»Unsere Mäntel haben wir!« sagte Danckelmann. »Was noch? Ist Zehrung nötig?«
»Das nit. Mit Zehrung hat die Schneckin das Hüttl gut versorgt.«
»Wer?« staunte der junge Offizier.
»Die Schneckin.« Leupolt war auf den Bedienten zugegangen. »Wo sind die Hemmeder? Jeder von den Herren muß ein Hemmed haben.«
Neugierig fragte das feine Soldätl: »Wat is det: ein Himmat?«
Danckelmann verdolmetschte: »_Je crois qu'il veut dire une chemise._«
»_Mais voilà_ --« der junge Oberst zog in heiterer Laune den Soldatenrock auseinander, »ick habe bereits ein Himmat.«
Leupolt blieb ernst. »Durch den Schnee hinauf wird's schwitzen heißen. Und droben geht ein schneidiger Luft. Da müssen die Herrn in trückene Wäsch kommen.«
»Danckelmann, det is 'n fürsorglicher Mensch.« Der junge Oberst rief dem Soldaten zu: »Flink, Hänne, raus mit 'n Himmat!« Und wieder zu Danckelmann, französisch: »Ich beginne Deutsch zu lernen.«
Als Leupolt das zusammengewickelte Päckl mit den zwei Hemden erhielt, fragte er: »Und die Bergschuh?«
Der Geheimrat wurde ungeduldig. »Er sieht doch, daß wir tüchtig gestiefelt sind.«
»Ja, Herr, das sind grad die richtigen Rutschkarren. Die bleiben Euch stecken im Schnee, wie das Mäusl in einem Mehlsack.«
»Wat anderes als meine königlich preußischen Kommißkanonen hab ick nich!« lachte der Oberst. »Die muß ick ooch heil wieder heimbringen. Sonst kreiden se mich beim Regiment den außerdienstlichen Schaden an.«
Auch Danckelmann wurde heiter. »Soll ich vielleicht die Lackschuhe meiner Gesandtengala auspacken?«
Leupolt verstand, daß da nichts zu wollen war, und sagte zu der Tochter der Hasenknopfin: »Weißt, fremde Leut, die sich bei uns nit auskennen! Sind die Rößlen versorgt, so spring zum Hiesel Schneck. Er soll meine neuen Schuh zum Holzerhüttl hinaufbringen. Die passen dem gnädigen Herrn. Und für das Soldätl, das Füßlen hat wie ein Weiberleut, muß die Schneckin ihre Sonntagstäpperlen hergeben. Und feste Söckeln. Und Schneegamaschen. Wenn der Schneck sich tummelt, kann er droben sein im Hüttl, bis wir kommen. Unser Umweg um die Grenz ist weit. Und im Hüttl soll der Schneck gut feuern. Daß die Herren nit frieren müssen. Gelt?« Das Mädel sprang den Gäulen voraus. Leupolt gab das Hemdenpäckl mit dem Kragen des Geheimrats in seinen Rucksack und schob den Militärmantel des Obersten hinter die Tragriemen. »So, Ihr Herren! Los!« Bei der ersten Haselnußstaude zog er das Messer.
»Wat macht er da?«
»Für die Herren schneid ich einen guten Stecken.«
»Ick will keenen Stock!« sagte das junge Soldätl mit seltsamer Heftigkeit.
»Muß ich den Stecken halt tragen derweil, bis der Herr ihn nimmt.« Leupolt reichte dem Geheimrat den eigenen Bergstock. »Der ist minder schwer, weil er dürr ist.« Im Weiterschreiten säuberte er die zwei geschnittenen Stöcke von den Zweigen.
Durch das von Stauden eingedeckte Tälchen lief ein Fußpfad hinauf, der unter dem Widerschein des leuchtenden Himmels wie Messing glänzte. Der junge Oberst war immer voraus. Er schien die Wanderung in der Abendkühle und in der reinen Höhenluft wie eine sein ganzes Wesen belebende Erfrischung zu genießen. Einmal blieb er stehen, breitete die Arme, als möchte er alle Schönheit des Abends in seine Seele reißen, und deklamierte französische Verse mit dem Pathos eines verzückten Schauspielers. Häufig glitt er aus, kam aber nie zu Fall, rettete sich jedesmal mit einem kecken Sprung auf sicheren Boden und lachte.
Danckelmann begann mit dem Jäger zu reden, fragte nach den Berchtesgadnischen Bekennern, nach ihrer Not, nach ihren Plänen. Leupolt, während er antwortete, hob immer lauschend den Kopf. Endlich merkte er, daß dieses leise Klirren, das ihn an Grenzmusketiere denken ließ, von den Sporen der Herren kam. »Die müssen weg. Da könnt's im Holz einen Purzelbaum geben.« Erst schnallte er dem Geheimrat die Riemen von den Füßen, dann holte er mit flinken Sprüngen den anderen ein, kniete vor ihm nieder, löste seine Sporen und band im kreuzweis eine feste Schnur um jede Stiefelsohle. »Da rutschet Ihr minder.«
»Sieh mal,« lachte das Soldätl, »sonne Strippe, richtig appliziert, kann zu allerlei nützlichen Dingen servieren. Zum Hängen und zum fest uff die Beene stellen.«
»So, Herr!« Leupolt erhob sich. »Und nit so hitzig beim Steigen. Da verliert man fürzeitig den Schnaufer. Bei uns, wo steiler Bergweg ist, da grüßt man allweil: Zeit lassen.«
»'n gutes Wort!« Die blitzenden Stahlaugen träumten ins Weite. »Zeit lassen?« Freundlich legte der junge Oberst dem Jäger die Hand auf die Schulter. »Also, her mit 'n Stock! _En avant_, voran! Von 'nem Verständjen läßt man sich jerne dirigieren.«
Sie stiegen der von schwarzen Wäldern umflossenen, von tausend Schneeflecken durchwürfelten Höhe zu. Das Rauschen der Wildwässer hing wie das Lied eines Unsichtbaren in der schimmernden Abendluft.
Kapitel XXIII
Vor der letzten Dämmerung raffelte Hiesel Schneck durch den Bergwald hinauf, begleitet von einem Ringelspiel seiner wütenden Himmelhunde. Zeitlebens war ihm vieltausendmal die Galle übergelaufen. Aber bei so schlechtem Humor wie seit Ostern war er noch selten gewesen. Seine verzweifelte Schneckin mußte unablässig heulen. Freilich, wie hätte ein >Neuevangelikaner<, gleich dem Hiesel Schneck, sich friedsam vertragen können mit so einem >rekatholizierten Weiberleut<! Und noch viel rasender machte ihn dieses andere: daß man in der Wildmeisterei sein mutiges Bekennertum so wenig ernst nahm! Ganz fürchterlich hatten sie über ihn gelacht, als er am Osterdienstag in der Jagdkanzlei erschienen war. Der Wildmeister hatte ihn angeböllert: »Mach, daß du heimkommst, du Kalbskopf, du überzwercher! Und eh du den evangelischen Rausch nit verschlafen hast, kommst du mir nimmer zum Rapport!« Diese Unterschätzung seiner heiligsten Gefühle hatte dem Hiesel Schneck den evangelischen Eigensinn wie mit großen glühenden Nägeln hineingehämmert in das kleine Kindergehirn. »Jetzt grad mit Fleiß! Kreuzteufelsausen und Höllementsnot in der Sauwelt übereinand!« Er guckte zum Himmel hinauf, nicht um den Wohnort seines neuen Gottes zu suchen, sondern weil er den knurrenden Falzlaut einer streichenden Schnepfe vernommen hatte. Wie ein graues Pudelköpfl mit langen Wackelohren kam sie in der Dämmerung über die Birkenwipfel hergeschwommen. »Wart, du!« Hiesel riß die Feuersteinflinte vom Buckel und pulverte. Die Schnepfe fiel nicht. Sie ließ nur etwas fallen. Die Wut über diesen Hohn erzeugte im Hiesel Schneck den langschwänzigsten aller Himmelhunde, die seinem Gemüt noch jemals entronnen waren. »Mir vergunnt halt mein luthrischer Herrgott kein Faserl nimmer, seit ihm die Schneckin wieder kündigt hat.«
Den Kopf in die Dämmerung bohrend, fluchte er sich über den steilen Hang hinauf. Was Graues klunkerte ihm auf dem Rücken: die zwei Paar Schneegamaschen. Und was Schwarzes klingelte vor seinem betrübten Herzen: die neuen Bergschuhe des Leupolt und die netten Sonntagstäpperlen des Schneckenweibls. Das Raurisserische Schuhwerk und die Gamaschen waren für den Hiesel eine erklärliche Sache. Wozu man aber beim evangelischen Weltumsturz die Feiertagshäferln seiner Schneckin benötigte? Das verstand er nicht. Trotz allem Nachdenken kam er nicht drauf. Er hatte die Botschaft der Hasenknopfischen Tochter nur ausgeführt, weil er dunkel hoffte, daß es irgend eine Feindseligkeit gegen den wildmeisterischen Glauben wäre.
Bei Anbruch der Finsternis erreichte er die Holzerhütte. Tisch, Bänkl oder Sessel gab's da nicht. Nur eine große Stangentruhe mit Heu zur Liegerstatt, ein bißchen Geschirr und im schwarzberußten Balkenwinkel ein niederes Sitzmäuerchen um die Aschengrube. Hiesel schürte im Herdloch ein Feuer an, daß es waberte, und machte verdutzte Augen, als er das Wandkästl mit allerlei schmackhaften Dingen angeräumt fand. Da waren Speckwürste und ein Krug mit Milch, Weißbrot und geselchtes Wildpret, ein paar Dutzend Eier und frische Butter. Die Schneckische Seelenverzweiflung begann sich zu mildern. Gleich fing er zu knuspern an und hätte alles, was man für Seine Exzellenz den Gesandten des Königs von Preußen eingewirtschaftet hatte, ratzenkahl aufgefressen, wenn nicht Leupolt auf der Hüttenschwelle erschienen wäre: »Barmherziger Herrgott, Hiesel, das ist doch die Zehrung für meine Herrenleut!« Der Evangelikaner riß das Butterbrot, das er zwischen den Zähnen hatte, erschrocken aus dem Rachen und warf es ins Feuer. »Nit schlecht!« Hinter diesen zwei dunkelsinnigen Worten ließ er ein Himmelhündchen einherschwänzeln.
Auf dem letzten Hang vor der Hütte, als man den wegweisenden Feuerschein sehen konnte, war Leupolt den Herren vorausgesprungen, um ein Wort mit dem Hiesel zu reden. Er nahm den Schneck nicht gerne mit hinauf zur heiligen Fürsagung in der Neumondnacht. Aber es mußte sein. Ohne Hilfe hätte Leupolt den Geheimrat nimmer über den schweren Schnee der Höhe gebracht. »Kaum, daß ich ihn herlupfen hab können bis zum Hüttl. Drunten hab ich gemeint, es fallt mir zuerst das klebere Soldätl um. Aber wie mühsamer der Weg, um so lebfrischer ist das Männdl worden. Alles freut ihn, jeden Vortl hat er flink heraus. Sein Herr, der Alte, ist ein fürnehmes Mannsbild. Aber das feine Soldätl -- es muß schon wahr sein, daß die niederen Leut oft die besseren sind als wie die Gottsöbersten. Jetzt gib mir die Hand her, Schneck! Tu mir versprechen, daß du den Schnabel halten willst über die heutige Nacht. Es geht um unser Not und Erlösung, Mensch! Gelt, du machst mir nit Schand und Unehr?«
Hiesel streckte die braune Tatze und brummte: »Ich bin doch ein Evangelischer.«
»Ja, Schneck, aber was für einer!« sagte Leupolt bekümmert. Weil er Stimmen hörte, zerrte er den Bergsack herunter, packte die zwei Hemden aus, riß ein brennendes Scheit aus dem Feuer und sprang in die Nacht: »Höi huuup!« Als er die Herren in die Herdhelle der Hüttentür brachte, ging von den erhitzten Bergsteigern in der Nachtkühle der Dampf auf, wie von Pferden bei einer Schlittenfahrt. »Nur gleich herein ins Hüttl! Mein Kamerad, der Schneck, hat warm gemacht.«
»_Ah, je comprends_,« lachte der junge Oberst, nahm den Dreispitz ab und schüttelte den Schweiß von der Stirne, »_c'est le Cheneque de la Chenequine_!« Er spähte vergnügt in die vom Feuerschein durchzüngelte Hütte.
»Ist sein Kamerad ein vertrauenswürdiger Mann?« fragte der Geheimrat halblaut, zwischen hurtigem Atempumpen. »Ein Protestant?«
»Verträulich ist er, der Schneck, ah ja! Kann auch sein, er wird noch richtig ein Evangelischer. Glauben tu ich es nit.«
Von dieser leisen Zwiesprach hatte der Hiesel keinen Laut vernommen. Nur die französischen Worte hatte er gehört, dabei sehr deutlich die Worte Schneck und Schneckin. Daraus zog er den Schluß, daß das feinbeinlete Soldätl das Französische nicht gut verstand; wenn die Kapitelherren auf der Jagd parisisch redeten, hieß Schneck immer »Tätewoh«. Ein bißchen wunderte sich der Hiesel darüber, daß man auch drunten im lutherischen Sand von ihm und seiner Schneckin was wußte. Aber die Sache machte ihn auch mißtrauisch. Was konnte man in einer Sprache, die ihm fremd war, nicht alles über ihn reden! Er begann den heiteren Soldaten sehr unfreundlich zu betrachten. Der war doch auch in jener Gegend daheim, aus der das luthrische Elend gekommen war, das seit dem Versöhnungsschießen dem Hiesel Schneck das Köpfl so schauderhaft zerwirbelte. Bocksteif, ohne zu grüßen, stand er mit seinem rotangestrahlten Schädel neben dem wabernden Feuer, bis ihn Leupolt mit dem Eimer zum Brunnen um Waschwasser schickte. Kaum war er draußen in der Nacht, da himmelhündelte er so wütend in den Ganter hinein, daß das Blech davon einen summenden Widerhall bekam. Noch ein zweitesmal mußte er um Wasser laufen und schimpfte: »Sauberkeit laß ich mir gefallen! Aber *so* waschen! So was Weiberleutigs paßt doch nit für ein Mannsbild. Freilich, ausschauen tut er eh, wie die magere Schwester vom Lazarus!« Und als nun der Hiesel gar zum drittenmal mit dem Eimer springen mußte, gewann er über das kühlungsbedürftige Soldätl die Meinung: »Das ist kein Mensch nit! Wie er pritschelt und fludert im Wasser! Mit seine mageren Flügerln! Da laß ich mich köpfen: das muß ein verwunschener Eisvogel sein!« Endlich gab es für den Hiesel Raum und Rast in der Hütte. Leupolt scheuerte die Pfanne und klapperte die Eier hinein. Die zerfließende Butter begann angenehm zu duften.
Der hohen, vom nassen Schnee durchweichten Reitstiefel ledig, staken die Füße der Herren in den hölzernen Hüttenpantoffeln der beiden Jäger. Der blaue Soldatenrock mit den roten Aufschlägen, der schokoladfarbene Reitfrack des Geheimrates und die zwei dampfenden Hemden hingen auf den Herdstangen. Danckelmann, mit etwas konfus gewordener Perücke, drehte sich vor dem Feuer hin und her. Der junge Oberst, hemdärmelig in seinen Militärmantel gewickelt, hatte sich auf das Herdmäuerchen niedergelassen. Erfrischt, das Antlitz brennend, saß er gegen die Balkenwand gelehnt und blickte mit vorgeschobener Nase in den Funkenflug, der viele glitzerige Sternchen hinwehte an die berußte Sparrendecke. Plötzlich, wie ein Erwachender, schien er etwas zu suchen, fand das kleine Buch, rückte näher ans Feuer und fing zu lesen an, alles um sich her vergessend. Danckelmann schien das nicht gerne zu sehen. Unter einem Seufzer fragte er: »Schon wieder Voltaire?«
»Nein!« Der junge Oberst hob dem Geheimrat das kleine Buch vor die Nase. Es war eine Taschenausgabe der Luther'schen Bibel.
In Verblüffung sagte der alte Herr: »So fromm?«
»Auch das nicht. Ich studiere diese deutsche Grammatik, um mein Kutscherdeutsch nach Möglichkeit zu verbessern.«
Der Hiesel, weil die Herren französisch redeten, brannte wütend seine Pfeife an und blies Wolken vor sich hin, daß er völlig eingewickelt wurde von diesem grauen Vorhang. Ein paarmal fuchtelte der junge Oberst mit der Hand den beizenden Knasterqualm vor seiner Nase weg. Halb in Zorn und halb erheitert rief er zu Danckelmann hinüber: »Der fehlt noch in der Tabagie. Er würde zu hohen Ehren kommen.« Leupolt, als sein mahnendes Augenblinzeln beim Hiesel kein Verständnis fand, sprang von der Pfanne weg, zog dem Schneck die Pfeife aus den Zähnen und öffnete die Hüttentür. Jetzt kapierte der Hiesel Schneck und brummelte gallig: »Ah, freilich, die Preißen! Die rauchen bloß Muskatblütln und Pomeranzen! Was?« Erschrocken sah Leupolt zu den Herren hinüber. Die schienen von der Weisheit des Hiesel Schneck keinen Laut vernommen zu haben. Danckelmann hatte sich auf die Heutruhe gesetzt und schien ein Nickerchen zu machen. Der andere war in das Buch versunken, war seltsam erregt, wie befallen von einem wühlenden Seelensturm. Im Rauschen der Herdflamme eine lautwerdende, von innerem Aufruhr bebende Stimme. Den Rücken gebeugt, das Gesicht fast niedergetaucht auf das kleine Buch, las der junge Oberst: »Absalom sprach zu Joab: Warum bin ich von Gessur kommen? Es wäre mir besser, daß ich noch da wäre. So laß mich nun das Angesicht des Königs sehen! Ist aber eine Missetat an mir, so töte mich!«