Das große Jagen

Part 23

Chapter 233,674 wordsPublic domain

»Vom gnädigen Herrn.« Sie sah, wie sein Körper sich streckte. Angstvoll umklammerte sie seine Hand und brachte kaum einen klaren Laut heraus. »Gestern -- da hat er mich rufen lassen -- und hat mich in aller Güt gefragt, ob mich nit bangen tät nach dir --«

»Güt?« Er machte mit der Hand eine Bewegung. »Nein, Mutter! Güt ist ein ander Ding. Rechtschaffene Güt vergönnt jeder Menschenseel, was ihr heilig ist, will nit ausbrennen, was tief im Leben sitzt. Du sollst mir die Botschaft des Fürsten nit ausrichten. Da bist du mir zu gut dafür. Verstanden hab ich schon.« Eine Sekunde schwieg er. »Am Osterdienstag hat mir der Wildmeister einen Deuter geschickt. Heut schicken sie mir die Mutter. Weil sie meinen, was meinem Herzen das Wärmste ist, das tät mich umschmeißen! -- Mutter? Hast du dir nit gesagt: das ist mein Leupi?«

»Allweil und allweil hab ich mir's fürgesagt. Und bin halt doch gesprungen in Freud und Zutrauen. Tust du mir das verdenken, Bub?«

Er zog sie an sich, streichelte mit schwerer Hand ihr erloschenes Haar und sagte ruhig: »Ich soll mich bußfertig erweisen? Gelt? Soll den Glauben niederdrucken, soll lügen wider Gott und gegen mich selber? Und alles, was sie Untreu heißen, tät mir verziehen sein? Weil sie meinen: die Dritthalbtausend, die noch standhalten, die sich nit haben umwerfen lassen von Kapuziner und Musketier, von Geldbuß und Hausbrand, von Not und Elend, von Kinderaugen und Landslieb -- die soll mein Beispiel wacklig machen und umreißen? Gelt?«

Sie zitterte. »Ach, Bub --«

»Ich will nit reden von der Wahrheit in mir, von Ehr und Treu. Keiner, Mutter, ist um seiner selbst willen auf der Welt. Jeder ist um der anderen wegen da. Und ein Wegweiser darf nit Brennholz werden. Ein Sturm kann ihn werfen, und faul kann er werden im Balken. Da müßt ihn aber erst das Alter dürr machen. Ich bin jung, mich wirft der Sturm nit, und was Faulkrankes ist mir nit in der Seel. Die Brüder und Schwestern, die in Not und Verzweiflung nach einem Helfer dürsten --« Verstummend, von einem Schreck befallen, hob er das Gesicht gegen die Sonne und stammelte: »Jesus! Mutter, du gute! Jetzt muß ich fort. Ich muß!« Mit hetzenden Sprüngen jagte er über den Weg hinüber, riß den Griesstecken aus der Erde, raffte das Hütl vom Boden auf, kam zurückgesprungen und schlang den Arm um den Hals der Mutter. »Sag's dem gnädigen Herrn! Ein anderes Wörtl hab ich nit. Daß ich dich sehen hab dürfen, das soll dir unser Herrgott in Güt vergelten.«

Eine letzte Hoffnung in den Augen, flehte sie zu ihm hinauf: »Der *unsere*?«

Um seinen Mund ging ein schmerzendes Lächeln. »Muß ich halt sagen: der deine und der meinige. Tu mir den meinen nit schelten, und ich will den deinigen in Ehren halten. Wir zwei, Mutter, haben uns noch allweil verstanden. Täten es uns die anderen nachmachen, so wär der Weltboden ein Frühlingsacker. Tu mir den Vater grüßen, gelt! Jetzt muß ich --«

Sie hielt seinen Arm umklammert, und ihre Stimme schrillte: »Luisli! Luisli! Allgütiger, so hilf mir doch!«

Leupolt, sich verfärbend, stand einen Augenblick wie zu Stein verwandelt. Das traf ihn, als wär's ein Balkenstoß gegen seine Kehle, und wurde binnen drei Herzschlägen für ihn eine trinkende Freude, ein Rausch seiner Liebe. Die sein Gedanke und seine Sehnsucht war bei Traum und Wachen, die Seele seiner Seele, das Blut seines Blutes, der süßeste Inhalt seines Lebens -- da stand sie vor ihm, hold und liebenswert, eine zur Blume entbronnene Knospe, ein weibgewordenes Gebet, die Hände nach ihm gestreckt, die nassen Augen glänzend und bekennend. Alle Welt versank ihm, er sah die Mutter nimmer, sah nicht den Meister und den Hochwürdigen, die inmitten des ergrünenden Tälchens standen. »Luisli!« Ein Sprung, der wie ein Aufjauchzen seines jungen Körpers war.

Erschrocken stieß sie die Arme vor sich hin, wie um ihn fernzuhalten. Oder wollte sie seine Hände fassen, seine Brust berühren, seinen Hals umwinden? Und versagte ihr nur die Kraft? Ihre Arme fielen. Halb einer Ohnmacht nahe, stand sie vor ihm. Alles Blut war aus ihren Wangen entflohen. Nur ihre Augen lebten und hatten Glanz, waren voll Scham und Sehnsucht, voll Zweifel und Hoffnung. »Leupi?« Das war ein Laut, als spräche nicht ihr Mund, nur ihre Seele. »Magst du dich nit besinnen? Tust du es nit mir zulieb? Um deiner Seel wegen hat mir der liebe Gott befohlen, daß ich die Wahrheit reden muß. Derzeit du am Holz gehangen, ist alles Kühle und Fromme in mir ein anderes worden. Tu ich beten, so kann ich nimmer an die Heiligen denken, muß allweil denken an dich. Jede Nacht ist mir ein einziges Träumen von dir. Jeder neue Morgen hat mir den Glauben in die Seel geschrien: heut kommt der Leupi. Ich hab geharret den ganzen Tag. Am Abend ums Betläuten hab ich in Trauer sagen müssen: heut wieder nit! Und hab in der Nacht aus Sünd und Seligkeit tausendmal die Händ gehoben -- nach meinem Herrgott oder nach dir, ich weiß nit recht -- so lieb bist du mir worden, ich kann's nit sagen --« Verstummend preßte sie das erglühende Gesicht in die Hände, und ihr feines, schmuckes Körperchen krümmte sich tief zusammen.

Frau Agnes, zwischen Hoffnung und Sorge, nickte immer wieder ihrem Buben zu und machte mit den Händen nachhelfende Bewegungen. Und neben dem Meister Niklaus, der in Unruh die zwei jungen Menschen betrachtete, als würde hier nicht nur das Lebensglück seines Kindes, auch noch etwas anderes entschieden -- neben diesem erregten Manne stand der lange Pfarrer, hielt den Kopf zwischen die Schultern gezogen, schlenkerte seinen Hakenstock, guckte mißmutig drein und murrte: »Da wird's halt wieder aufkommen, daß Manndl und Weibl schwerer wiegen, als Himmel und Höll!«

Leupolt schwieg noch immer, unbeweglich, den Bergstecken vor sich hingestemmt, einen frohen, heiligen Glanz in den Augen, ein Lächeln seiner tiefen Freude um die stummen Lippen. Nun beugte er sich langsam gegen das Mädchen hin und sagte leis: »So heb doch das Köpfl, Luisli! Schau mich an! Ein rechtes Vergeltsgott muß man einem in die Augen sagen. Du hast mich zum reichsten Mannsbild auf der Welt gemacht. Jetzt ist mir alles ein Maigarten und Sonnenweg. Vergeltsgott, du Liebe!« Er streckte die Hand und ließ sie zärtlich hingleiten über ihr schimmerndes Haar. Als hätte diese Berührung seine feste Ruhe verwandelt in einen Sturm seines Durstes nach ihr, so klammerte er plötzlich den Arm um ihren Nacken und preßte den Mund auf ihren Scheitel. »Daß ich dein bin und keiner anderen nimmer? Gelt, Luisli, das weißt du?«

In Freude stammelte Frau Agnes: »Gott sei Lob und Dank!« Und Luisa, unter glückseligem Auflachen, verschönt, erglühend, nahm sein Gesicht zwischen die zitternden Hände: »Gelt, jetzt gehst du mit uns?«

Er schüttelte den Kopf. »Heut nit. Das kann nit sein, Herzliebe!« Ein rascher Blick nach der Sonne. »Heut hab ich einen Weg. Da darf mir auch das Glück und alle Herzfreud keinen Riegel nit drüberschieben.«

Meister Niklaus bekam ein brennendes Gesicht, und die mißmutige Laune, die in dem Warzengesicht des Pfarrers gewittert hatte, schien sich merklich zu bessern.

Erschrocken bettelte Luisa: »Schau, je flinker du bereuen tust, so gottsfreudiger machst du deinen Weg.«

»Bereuen?« Er richtete sich auf. Sein Lächeln blieb. »Ich wüßt nit, was ich bereuen müßt. Mein Weg ist ein anderer, als du meinst. Das ist ein Festes. Ich geh mit der ersten Exulantenschar. Aber kommen tu ich noch. Zu dir. Und frag dich, ob du mitgehst.«

Sie wehrte mit den Händen.

»Nit so! Das mußt du dir in Ruh überlegen. Kannst du es tun, so sollst du auf jedem Weg meine Händ unter deinen Füßlen spüren. Mußt du Nein sagen, so bleib ich allweil -- ich weiß nit wo -- der deinige bis zum letzten Schnaufer.« Ein tiefer Atemzug. »Jetzt muß ich fort. Die Sonn will über den Berg hinüber.« Seine Hand umschloß die ihre. »Du Liebe! Alle Gütigen im Himmel sollen dich hüten! -- Und dich, Mutter!« Ein paar flinke Sprünge, und er war schon drüben bei den Stauden. Da verstellte ihm einer den Weg. Betroffen wandte Leupolt das Gesicht und sah in die leuchtenden Augen des Meister Niklaus.

Ein leises, fröhliches Wort. »Bub, du hast es mir leicht gemacht. Ich will bekennen.«

In heißer Freude klammerte Leupolt die Hand um die Schulter des Meisters. Ein Zögern, ein kurzer Kampf, nun ein rasches, lachendes Flüstern: »Tu dich aufrichten! Ein Helfer kommt.« Dann sprang er in die Stauden und war verschwunden. Wie ein Träumender sah Niklaus zu seinem Kind hinüber, das schluchzend am Hals der Mutter Agnes hing.

Pfarrer Ludwig kam auf den Meister zugegangen, viel größer, als er vor einer Minute ausgesehen hatte. »Nick? Was sagst du?« Er deutete mit dem Hakenstock gegen die Stauden hin, die hinter dem Verschwundenen noch schwankten. »Wie der Bub davongesprungen ist, da hab ich mir was denken müssen.« Seine Stimme bekam einen jungen Klang. »Römisch oder evangelisch? Das ist die Frag nit. Zwei feste Geschwister, die Zeit und der Menschenverstand, die werden Brücken bauen. Die Frag für uns ist: deutsch oder undeutsch! Laß den deutschen Boden verkuhwedelt sein, pariserisiert und versaut, wie er mag --« Wieder deutete er gegen die Stauden hin: »*Die* Rass' schlagt allweil wieder durch. Wie der Bub da, sind Tausend und Hunderttausend im Reich. Sie wissen es nit. Und hegen es doch in sich wie ein heiliges Feuer. *Wann* das Aufwachen kommt? *Wann* dem blauen Untersberg da draußen die schläfrigen Riegel springen? Ob morgen oder in hundert Jahr, ich weiß nit, wann -- -- ich weiß nur: *es kommt*!« Er legte dem Freunde lächelnd den Arm um die Schultern und deutete gegen die Buchen, in deren Wipfelgezweig eine Ringdrossel flötete. »Lus, Nicki! Ein deutsches Lied! Ist's nit noch schöner, als wie der Amsterdamer Vogel singt?«

In das leise Lachen des Pfarrers schnitt ein klagender Mädchenlaut hinein. Luisa taumelte auf den Vater zu und weinte: »Tu mich wieder zu den frommen Schwestern ins Kloster! Alles in mir ist Sünd, die mich verbrennt. Beten kann ich nimmer, wenn ich nit bet' für ihn. Und jedes Gebet für ihn ist Frevel wider Gott. So kann ich nimmer leben. Alles ist Trauer, alles ist Elend! Wo ist die Ruh?« Aufschreiend lief sie mit flatterndem Kleid durch das leuchtende Tälchen. Und die Mälzmeisterin zappelte erschrocken der verzweifelten Mädchenseele nach, klagend, bettelnd, mit beruhigenden Worten, schließlich ein bißchen scheltend. Auch Meister Niklaus wollte springen. Der Pfarrer hielt ihn am Ärmel fest. »Nur nit verlieren, was die Neuenstein als Kontenanz bezeichnet. Laß das kleine Weibl sich ausheulen. Ein Wasser oder ein tiefer Graben ist nit in der Näh. Und daß sie wie ein Eichkätzl auf einen Baum hinaufkraxelt und herunterspringt, ist mehr als zweifelhaft!«

Während die beiden Männer davonschritten durch die Nachmittagssonne, hörte man die Sorgenstimme der Schneckin und das Schellengebimmel der Ziegen, die aus ihrem reinlichen Ställchen mit erleichterten Eutern wieder hinaustrabten zu ihrer duftenden Frühlingsweide.

Kapitel XXII

Über dem tiefen Reichenhaller Talbecken glänzte der milde Nachmittag. Alle Wiesen grün, mit den blassen Kelchen der Herbstzeitlosen, mit Himmelsschlüsseln, Margariten und Steinnelken. In der Talsohle sproßten bereits die Hecken, und der Fichtenwald war schneefrei bis hinauf zur halben Höhe. Alle Bergspitzen stachen weiß wie funkelnde Silberstufen in das Blau des Himmels. Taubenschwärme und Viehherden waren auf den Feldern, und viele Drosseln huschten bei der Käferjagd an den Hecken hin.

Über die harte Straße, die von Reichenhall emporführte zu den Ruinen der Plaienburg und gegen den Hallturm, klapperten die Hufe von sechs Pferden. Voran ein Reitknecht in bürgerlicher Reisetracht und ein hochgestiefelter, steifzopfiger Soldat. Jeder führte am Zügel ein mit Mantelsäcken und Ledertaschen beladenes Packpferd. Dann kamen zwei Reiter, die sich in französischer Sprache unterhielten. Zur Linken ritt ein bejahrter Herr in vornehmer Reisekleidung aus braunem Tuch, mit offenem Mantelkragen. Aus der weißen Perücke sah ein freundliches Gesicht heraus. Das war der preußische Geheimrat von Danckelmann, der Präsident des zu Regensburg amtierenden _Corpus evangelicorum_, dem die Wahrung der durch den Westfälischen Frieden gewährleisteten Rechte der Protestanten im deutschen Süden übertragen war. Während des großen Jagens, das die Scharen der Salzburger in die Fremde trieb, hatte Danckelmann viele Tausendzüge der Exulanten ins Brandenburgische und nach dem schwachbevölkerten Ostpreußen geleitet. Jetzt ritt er zu Herrn Anton Cajetan, als Gesandter des Königs von Preußen, dessen Hilfe die Berchtesgadnischen Bekenner in ihrer Verzweiflung angerufen hatten. Der mit der Bärentatze geschriebene Auftrag des Königs an Danckelmann hatte gelautet: »Betrachte dir die Petenten genau. Ist es zweifelhaftes Volk, so laß die Hände davon. Faulpelze, Gotteskomödianten und Mauldrescher können wir auf unserem mageren Boden nich gebrauchen, haben schon genug davon, so des Wegräumens bedarf. Seind es tüchtige Leute, insonderheit Protestanten bis auf die Knochen, so nimm ihrer, so viele du erwischen kannst. Aller Beistand soll ihnen bewilliget sein. Bei gutem Menschenkauf muß der Sparmeister ein Verschwender werden. Oder er wäre als Fürst ein gottverlorener Esel. Wär auch kein Preuße nich. Preußen muß sich helfen, wie es kann. Mach er seine Sache gut!«

Am Abend vor Danckelmanns Abreise von Regensburg hatte sich unangemeldet ein Begleiter bei ihm eingestellt, der auf abgehetztem Pferde über Ansbach gekommen war. In der Art, wie der Geheimrat mit diesem jungen Reisekameraden sprach, den er zur Rechten reiten ließ, war bei aller Höflichkeit eine stete Fürsorge, bald für den jungen Reiter selbst, bald für seinen glanzhaarigen Fuchs, der mit der schlanken, zart erscheinenden Hand, von der er gelenkt wurde, nicht einverstanden schien und schäumend an der Stange kaute.

Im Gespräch der beiden war keine Rede vom Zweck ihrer Reise. In hurtig gleitendem Französisch, das der Jüngere besser beherrschte als der Geheimrat, sprachen sie von der Herrlichkeit der Natur, von der zaubervollen Keuschheit der Frühlingslandschaft und von der Schönheit der Berge, deren Anblick den staunenden Jüngling heiß erregte. Immer sprach er. Sprach mit einer klangvollen, ungemein melodischen Stimme. Warf er manchmal zwischen das Französische einen kurzen deutschen Satz hinein, so war das ein sonderbares, unbehilfliches Gemisch aus Fremdwörtern, altmodischer Beamtensprache, pommerischem Platt und Berliner Vulgärdialekt. Und hurtig kehrte er wieder zum Französischen zurück, in dem er mit Geist und Klarheit auszusprechen vermochte, was Glut in ihm war. Für sein leidenschaftliches Entzücken fand er Worte, wie ein von Schönheit berauschter Poet sie findet in schwärmender Ekstase. Plötzlich ein kühles Ernstwerden des altklugen Knabengesichtes. »Danckelmann! Sehen Sie doch! Diese schwarze, fruchtbare Erde! Das ist ein Boden, auf dem nur gesunde, feste Kerle wachsen können. Wär' es anders, so wär's eine Pflichtwidrigkeit der Natur, eine Gewissenlosigkeit Gottes. Aber Gott muß doch höchste Verantwortung sein, Natur ist ewiggewordene Pflicht.« Da machte, an steil abfallender Wegstelle, das Pferd des jungen Reiters einen scheuenden Seitensprung. Erschrocken suchte der Geheimrat den Zügel des steigenden Gaules zu haschen. Das war überflüssig. Das Pferd hatte sich schon beruhigt und gehorchte. Der schlanke Reiter streifte seinen Begleiter mit einem halb mißmutigen, halb ironischen Blick. »Ich kann reiten, lieber Danckelmann! Auch wenn es manchmal so aussieht, als hätt' ich es nicht gelernt.«

Der alte Herr schien seinen Schreck noch nicht überwunden zu haben und glich einem sorgenvollen Pädagogen, der sich verantwortlich fühlt für einen zu unberechenbaren Streichen geneigten Schützling. Und dieser Schützling, ein Einundzwanzigjähriger von feiner Zierlichkeit, war Soldat und trug die Offiziersuniform eines preußischen Regiments, mit dem Rangzeichen des Obristen. In seiner Erscheinung war etwas seltsam Gegensätzliches. Körperliche Schwäche schien vereinigt zu sein mit innerlicher Kraft. Er hatte als Soldat eine schlechte Haltung. Dennoch konnte man sich keine Tracht denken, die besser für ihn gepaßt hätte als dieser dunkelblaue Soldatenrock mit den roten Aufschlägen. Der saß nicht sonderlich straff und militärisch an der zarten Jünglingsgestalt, die manchmal so gebeugt und haltlos erschien, als möchte die gelbe Hose mit dem ganzen zierlichen Figürchen schlapp hineinsinken in die braunen Reitstiefel. Doch wenn ein neuer Ausblick zwischen den Kulissen der Landschaft den jungen Reiter entzückte, straffte das Feuer seines Innern auch den versunkenen Körper. Dann schien er ein anderer zu werden. Seine Bewegungen waren flink und zugleich bedachtsam; es war in ihnen eine Mischung von feurigem Vorwärtstrieb und einer zähen Kunst des Sichruhigverhaltens, eine Mischung aus Seele und Willen, aus der Kraft eines ehrgeizigen Jünglings und der Ruhe eines klugen Greises.

Er trug nicht den soldatischen Zopf. Hinter dem betreßten Dreispitz war das braune Haar von einer schwarzen Bandmasche locker zusammengefaßt. Zwischen gelösten Haarwischen, mit denen der milde Bergwind spielte, schob sich hager ein ovales Gesicht hervor, nicht schön, doch scharf und edel geschnitten, Stirn und Nasenrücken eine gerade Linie, bei der man zugleich an einen Widderkopf und an griechischen Profilschnitt denken mußte -- ein Gesicht, das einer sanften Mutter gleichen wollte und ähnlicher einem strengen Vater war. Wie große strahlenflinke Sterne glänzten aus diesem Gesichte zwei feuchte, enthusiastische Augen heraus, in der Gier des unermüdlichen Spähens ein bißchen vorgequollen -- Augen, die etwas seelisch Verzücktes hatten und etwas von der Trauer eines gequälten Tieres. Es war Leidenschaft und dennoch Stille in diesem ruhelos gleitenden Blick, ein Gemenge aus Spottlust und jugendlichem Frohsinn, aus allem Zartgefühl und allen tiefgründigen Wildheiten einer rätselvollen Menschenseele. Abstoßend und anziehend war dieser Blick, mißtrauisch und gläubig, befremdend und erstaunlich, überredend und bezwingend. Und diese Augen waren jetzt durchleuchtet, dieses Gesicht durchglüht von der Freude an allem Frühlingsreiz der aufblühenden Bergnatur. Bei unersättlichem Schauen verhielt der junge Oberst plötzlich mit einem kaum sichtbaren Zügelruck das Pferd, daß es unbeweglich stand. In den Bügeln sich hebend, reckte er den schmächtigen Körper, tat einen wohligen Atemzug und sagte in der Art eines Berauschten: »Danckelmann! In dieser Stunde ist ein Gefühl in mir, das mich nicht mehr verlassen wird bis zu meiner Todesstunde.«

Wie erlöst von seiner Sorge fragte der Geheimrat: »Das Gefühl der erneuten Freude am Leben?«

»Nein. Das Gefühl der Freiheit. Nie in meinem Leben genoß ich eine freie Stunde. Jetzt trinke ich Freiheit. Sie ist das Beste im Menschen.« Ein heiteres Auflachen. Und jäh ein Umschlag ins Müde und Gallige. »Gute Dinge verlangen ihren Preis. Ich habe die Freiheit dieser Tage teuer bezahlt.« Er gab dem Pferd, das nach einer grünen Staude haschte, einen unwilligen Sporendruck, und weil es den saftigen Zweig nicht lassen wollte, schlug er ihm jähzornig die Reitpeitsche zwischen die Ohren. Mit jagenden Sprüngen nahm der erschrockene Gaul die steile Weghöhe; droben, wo die Straße sich wieder abwärts senkte, durfte das Pferd in ruhigen Schritt fallen. Als Danckelmann mit bekümmertem Antlitz nachgeträppelt kam, fragte der junge Oberst auf sonderbare Art über die Schulter: »Ganz offen, unter uns, was redet man über meine Braut?«

Nach kurzem Schweigen der Verlegenheit sagte der Geheimrat: »Man erzählt, sie wäre eine überaus gottesfürchtige Dame.«

Der junge Oberst schien erheitert zu sein. »Da hat man unter ihren unerquicklichen Eigenschaften die übelste herausgefischt.« Ein Lippenzucken, fast hochmütig und verächtlich. »Welch ein geistiges Armutszeugnis ist die Gottesfurcht! Gott ist groß und gerecht. Größe ist nie ohne Güte. Und was Gerechtigkeit ist, das brauchen nur die Schelme zu fürchten. Gott lieben und ihm vertrauen, jeder nach seiner Art, das ist besser, als Gott fürchten.« Gebeugt im Sattel, die großen runden Augen ins Leere gerichtet, sagte er langsam: »Wenn einer, wie ich, in bösen Nächten eine herzzerdrückende Angst vor dem Ewigen fühlt, so hat das seine Ursachen. Solch ein verzweifelt sündenloses Frauenzimmer hat keinen Anlaß, vor dem Himmel zu zittern.« Ein wehes Lächeln, das sich zum Spott erheben wollte und Trauer blieb. »Nun ist's entschieden. Wie das Mensch ist, das man wählte für mich, so muß ich es lieben. Ich will's erzwingen. Noch ist sie mir widerlich. Ihr verschlucktes Kichern ist etwas Entsetzliches. Ich liebe das Lachen und die Heiterkeit. Nur müssen sie aus Herz und Gehirn kommen, nicht aus den Gedärmen. Unter allen, die in Wahl kamen, hat man die ledernste für mich ausgesucht. Und das mein Freudenbissen für ein ganzes Leben!«

Tiefe Schwermut umschleierte alles Schöne in seinen Augen. Was der Geheimrat mit vorsichtiger Mahnung zu ihm redete, schien er nicht zu hören. Plötzlich, wie ein Erwachender, streckte er sich, weil er den flötenden Schlag einer Ringdrossel vernommen hatte. Mit stillen Augen sah er umher, war ruhig und sagte ernst: »Es ist wohl so, weil es so sein muß. Damit ich lerne, unter dem meschanten Gesindel für mich allein zu bleiben. Würde der Olympier eine Olympierin finden, das gäbe Söhne, die diese miserable Welt übern Haufen schmeißen, um aus den Scherben eine neue zu machen, die besser ist.« Über dieses Wort befiel ihn selbst ein Verwundern, das sich vor dem seltsamen Blick seines Begleiters verwandelte in einen knabenhaften Schreck. Sein verjüngtes Gesicht war glühend vor Scham, seine flüsternde Stimme hatte fast den Klang einer ängstlichen Bitte: »Danckelmann! Sie werden vergessen, was ich da sagte in meiner Torheit.« Nach einer Weile, die Zügel des Gaules kräftiger fassend, sprach er hart vor sich hin: »Es ist meines Vaters Wille. Da gibt es keine Antwort als Gehorsam. Ich darf und will den Vater durch Stützigkeit nicht mehr irre machen, seit er mit Überraschung zu der Ansicht kam, daß etwas in mir steckt. Es gab eine rote Stunde, in der ich ihn für einen Tollhäusler hielt. Nun weiß ich, daß sein Verstand um so tiefer ist, je langsamer er sich offenbart. Ich muß mich strecken nach seiner Größe. Wenn später alles drunter und drüber ginge, würde er im sicheren Steinsarg über mich lachen. Das wäre noch übler, als sein grober Stock gewesen. Besser, ein um eigene Schuld Geprügelter zu sein, als fühlen, daß man verachtet wird.«

Er deutete mit der Reitgerte nach den blühenden Erikastauden, die den südwärts blickenden Straßenrain überwucherten. »Wie schön! Was Frühling heißt, ist der einzige überzeugende Gottesbeweis.« Er lächelte. »Bei uns daheim in der Haide sind sie noch schöner.« Das Pferd verhaltend, sah er in die nördliche Ferne. »Heimat? Ich sehe Moor und Sand. Sehe den Rauch der schmacklosen Abendsuppen von Zorndorf, sehe den schlammigen Fluß, armselige Dörfer und schläfrige Menschen.« Ein Aufzucken des schmächtigen Körpers. »Sie sollen erwachen.« Er trieb das Pferd, hatte enggereihte Falten auf der jungen Stirn und lachte. Ein Blick in das von einem weißen Bach durchsprudelte Waldtal, über dessen Wipfel der Hügel mit den Ruinen der Plaienburg hervortauchte, entriß ihm einen Ausruf des Entzückens. Alle Freude des Schauens sprudelte jugendlich aus ihm heraus. Immer deutete seine Hand mit der Reitgerte. Immer sprach er, immer fröhlicher und erregter, in enthusiastischen Ausdrücken, in französischen Verzückungen, die sich anhörten wie Verse. Plötzlich ein müder Blick auf den Begleiter. Dazu in deutscher Sprache die halb verdrießliche, halb ironische Frage: »Wat, Geheimrat? Ick quazle wohl wieder etwas kopiösemang?«

Danckelmann antwortete lächelnd: »Kein Wort, das ich nicht gerne gehört hätte.«