Part 22
Um für Hiesel einen freien Morgen zu machen, hatte Leupolt den Hegerdienst übernommen. Seine Karfreitagsandacht hielt er im Bergwald. Nur der Gott, an den er glaubte, sah den Leupolt Raurisser zwischen den ersten Frühlingsblumen des Waldes knien, mit gefalteten Händen, mit entblößtem Scheitel, mit klingender Menschenseele, mit hoffendem Glanz in den Augen. Wie aus Holz geschnitten sah er aus, in dem verwitterten Bergjägerkleid, mit den starr und grau gewordenen Wundverbänden um den Hals, um Fußknöchel und Handgelenke. Das Rauschen der Frühlingswässer und leises Vogelgezwitscher war um ihn her, und durch das kahle Gezweig der Buchen, an denen die Knospen zu schwellen begannen, spann die Morgensonne ihre funkelnden Fäden. Als er heim kam ins stille Jägerhaus, brannte er auf dem Herd ein Feuer an und hängte den kupfernen Wasserkessel drüber. Mit dem warmen Wasser weichte er die zusammengekrusteten Verbände auf. Die Wunden waren geheilt. Die erneute Haut umzog den braunen Hals wie ein weißes Band. Ebenso war's an den Fußknöcheln und Handgelenken. Lächelnd flüsterte Leupolt vor sich hin: »Vergeltsgott, Luisli!« Und weil er's nicht übers Herz brachte, die Verbandlappen fortzuwerfen, verbrannte er sie im Herdfeuer. Aus der Flamme quoll ein feiner Harzduft heraus, der an den Wohlgeruch des keimenden Waldes erinnerte. Leupolt wusch sich und zog die Feiertagskleider an, die seine Mutter ihm geschickt hatte. Im Herrgottswinkel aß er die Geißmilchsuppe. Dann setzte er sich vor der Haustür auf das sonnige Bänkl. Wie still und schön war diese heilige Frühe! Jedes Gefühl in ihm verwandelte sich in dankbare Andacht, die schmerzend umschleiert war von den Gedanken an die leidenden Glaubensbrüder. Wie mochte es aussehen in den Herzen der Schwachgewordenen, die unter Gewalt und Pein die Wahrheit ihrer Seelen verleugnet hatten? Wie in den Herzen der aufrecht Gebliebenen, die keinem Zwang sich beugten und doch der Stunde entgegenzitterten, in der sie, verarmt und schutzlos, zum Exulantenstecken greifen und die Heimat verlassen mußten, um einem ungewissen Schicksal entgegen zu wandern.
»Gott soll dich hüten, mein liebes Glück! Ich geh mit der ersten Schar.«
Ruhigen Auges hinausblickend in den Glanz der Morgensonne, überlegte er, wie er den Wandernden nützen könnte, welchen Weg sie nehmen, wohin sie sich wenden sollten auf der Suche nach einer neuen Heimat? Übers Wasser nach England oder Amerika? Auf Landwegen nach Holland oder Dänemark? Solchen Weg hatten viele von den Salzburgern genommen. Leupolt schüttelte den Kopf. »Sind wir nit deutsche Leut? Wir gehören auf deutschen Boden!« Da gab's nur einen einzigen Weg: über den Main und über die Elbe hinunter, ins preußische Land. Aber wie für die weite Wanderung alle nötigen Mittel finden, Zehrung für die Verarmten, Pflege für die Erkrankten, neues Heimatland, Boden für den Hausbau, Balken und Kalk, Hausrat und Ackerzeug? Wer wird da brüderlich und barmherzig sein? Wer wird helfen? Leupolt hob das Gesicht zur Sonne. »Einer, der allweil hilft!« Da fiel ihm etwas zwischen die Hände, die er auf den Knien liegen hatte. Wie der Schauer eines heiligen Geheimnisse durchrieselte es ihn, als er das goldgelbe Aurikelsträußchen betrachtete, das ihm zugeflogen war, als wär' es heruntergefallen vom Himmel. Ein heißer Glücksgedanke durchzuckte sein Herz. Gleich verwarf er ihn wieder. An das Luisli zu denken, war Torheit, war Irrsinn!
Jetzt hörte er hinter der Hausecke die Sprünge eines flinken Fußes über kiesigen Grund. Er lief zur Hauskante hinüber und sah ein blondschopfiges Mädel zwischen den Fichtenstauden verschwinden. War das nicht die Tochter der Hasenknopfin? Dann war der Hasenknopf von seiner Wanderung ins Preußische heimgekommen! Und in dem Sträußl war eine Botschaft! Leupolt suchte zwischen den Blüten. Unter den grünen Stengeln knisterte was: ein kleiner Zettel, eng beschrieben mit verstellter Schrift, in der Ecke ein Kreis mit vier Punkten -- das nur den Verläßlichsten bekannte Namenszeichen des Hasenknopf. Leupolt las: »Es ist ein heilig Ding, ist deins und meins. Dem mußt du dienen. Vor dem Neumond, am Abend um die fünfte Stund, da kommen von Reichenhall zwei Auslandrische geritten, ein evangelischer Herr mit seinem Diener. Die mußt du erwarten, wo man die verbronnene Plaienburg sieht. Tu dich ausweisen mit deinen Wundmalen. Du mußt um Christi willen gehorsamen, auch wenn es so ausschauen tät, als wär's gegen Treu und Eid. Es ist nit so, ist alles zu christlicher Hilf. Es wollen die zwo in der Neumondnacht zu einem, der nimmer lebt und ewig lebendig bleibt. Da mußt du sie umsichtig führen und gut behüten. In Jesu leb ich, in Jesu sterb ich. Den Zettel mußt du verbrennen. Gleich.« Ein zweitesmal las er, ein drittesmal. Dann ging er ins Haus, legte den Zettel auf die glühenden Kohlen und sah ihn zu Asche werden.
»Ein Helfer kommt!«
Die Freude machte ihm das Blut in den Adern heiß, machte ihm das Herz gegen die Rippen hämmern. Den Helfer führen? Zu einem, der nimmer lebt? Das war der Tote Mann, der Ramsauer Waldberg, auf dem die Evangelischen in der Neumondnacht sich versammelten.
Stunde um Stunde wartete Leupolt mit Ungeduld auf den Hiesel Schneck. Der mußte ihm das Versprechen zurückgeben: keinen heimlichen Weg zu machen. Die Mittagsstunde ging vorüber, ohne daß die Hausleute kamen. Erst gegen Abend zappelte das Schneckenweibl über die Wiese her, schwitzend unter dem Fuchspelz ihres Kirchenmantels. Von weitem rief sie dem Leupolt, der wartend vor der Haustür stand, die Frage zu: ob der Schneck schon daheim wäre? Als Leupolt den Kopf schüttelte, fing die Schneckin in seltsamer Verstörtheit zu klagen an: sie hätte eine Besorgung gehabt; die hätte ein bißl lang gedauert; und als sie wieder zurückgekommen wäre ins Wirtshaus, wäre der Hiesel nimmer dagewesen; sie hätte ihn überall gesucht, nirgends gefunden und hätte gemeint, er wäre schon heimgelaufen. »Und jetzt ist er nit da! Jesus, Jesus, ich muß ihm was sagen!« Sie lief zur Straße zurück, guckte und schrie, kam heim, begann die Fastenspeise zu kochen und rannte wieder vor die Haustür, um nach dem Hiesel auszuschauen. Endlich, da es schon zu dämmern anfing, sah sie ihn kommen.
Ganz langsam ging er, merklich gebeugt, als wäre er seit dem Morgen um ein paar drückende Jährchen älter geworden. Als er sein Weibl so aufgeregt schwatzen hörte, blieb er stumm, tat einen schweren Atemzug und guckte zum Himmel hinauf. Plötzlich machte er einen raschen Griff, faßte mit der groben Pranke die Hand seines Weibes und sagte wunderlich zart und leise: »Schneckin! Paß auf! Jetzt muß ich dir was sagen. *Dir* z'lieb, verstehst? Heut hab ich mich einschreiben lassen als luthrischer Exulant.« Das Schneckenweibl stand wie zu Stein erstarrt. Ihre Tränen begannen zu rinnen, bevor sie sich rühren konnte. Von einem Schreikrampf befallen, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und klagte in den sternschönen Frühlingsabend hinaus: »O Jesus, Jesus! *So* ein Unglück! Und ich, bloß daß ich nit fort hätt müssen von dir, verstehst, ich hab mich heut wieder bekehren lassen vom Kapuziner!«
Es gab zu dieser Stunde im trauervollen Lande Berchtesgaden nicht viele Menschen, die so unglücklich waren, wie der evangelische Hiesel Schneck und seine neukatholische Schneckin.
Kapitel XXI
Nach Ostern, am Vormittage vor der Neumondnacht im April, fuhr ein Leiterwägelchen, das von Berchtesgaden kam, durch Bischofswiesen gegen den Hallturm. Die Sus kutschierte. Hinter ihr saßen zwei Paare, die nicht zu einander gehörten und sich doch bei den Händen gefaßt hielten: Meister Niklaus und Mutter Agnes auf dem ersten Brett, Pfarrer Ludwig und das Luisli auf dem anderen. Ihre Gesichter und Augen erzählten von harten Tagen. Während der Fahrt durch Bischofswiesen redete keins von den Fünfen ein Wort. Und die Sus schlenkerte immer die Zügel und trieb das Gäulchen, als könnte sie das kaum erwarten: zum letzten Hause des erschreckenden Dorfes zu kommen.
Ein Frühlingsmorgen, voll Sonne, duftend von allem Reiz des neu Erstehenden in der Natur. Was dieser Morgenglanz an Leben umschimmerte, war Trauer, Menschenelend und Verwüstung. Viele Häuser standen leer und hatten rot angestrichene Türen und Fensterstöcke. Die Leute, die man aus ihren Lehen getrieben hatte, wohnten hinter den Hausgärten in Bretterschuppen. Mit dem eng übereinander gestellten Hausrat sahen diese Zufluchtsstätten aus wie Trödlerbuden eines unfröhlichen Jahrmarktes. Nur wenige Häuser waren gegen früher völlig unverändert. Dazwischen lagen bewohnte Lehen, deren gewaschene Fensterstöcke und Türen nur noch einen matten, rötlichen Schiller hatten -- das Zeichen der Heimkehr zum fürstpröpstlichen Glauben. Wer sich aus der Bekennerliste streichen ließ, bekam mit der Anwartschaft auf die ewige Seligkeit auch ein Fläschl Terpentin, um Türen und Fensterstöcke wieder gutgläubig zu machen.
Lenzfreude und munteres Leben ließ sich auch an den Häusern nicht entdecken, die noch bewohnt waren. Alte Weibsleute hockten stumm in den Höfen; an den Fenstern sah man verschüchterte Kindergesichter; bejahrte Männer waren beim Umgraben der Gärten. Durch offene Türen sah man in leere Ställe. Das Vieh war davongetrieben. Den Bußfertigen hatte man reichlich des Himmels Gnade zugesagt, aber die Rinder nicht mehr zurückgegeben. Die waren von der Salzburgischen Soldateska schon aufgefressen, bevor im Bauer die christliche Reu erwachte. Neben einem geplünderten Hause war ein Feld überstreut mit den Holzscherben zerschlagener Kästen und Bettstellen; es erinnerte an des Haynachers Gerstenacker, auf dem die Holzfetzen der Kreuze umherlagen, die der Christl unermüdlich, mit einem an Wahnwitz grenzenden Eigensinn auf das Grab seiner Martle steckte, und die von gutgläubigen Händen immer wieder zertrümmert wurden. Dann kam in der Dorfgasse ein grau und schwarz gesprenkeltes Loch, die Brandstätte dreier Höfe. Überall fingen die Bäume und Hecken zu grünen an; die Obstbäume der niedergebrannten Höfe trieben keine Knospe mehr; sie waren von der Feuerhitze versengt, waren fuchsig rot wie verschmachtete Wacholderbüsche.
Nur die spielenden oder brünstig trabenden Hunde, die den Frühling in sich verspürten, und die gackernden Hennen schienen zu Bischofswiesen noch beweisen zu wollen, daß die Freuden des Lebens nie ganz erlöschen. Hörte man fröhliche Menschenstimmen, so kam's von den Soldaten Gottes, die in der Sonne auf Bänken saßen und mit dem Knöchelbecher einander das Plündergut und die Bekehrungsgroschen abnahmen. Im Gärtl des Wirtshauses war eine halbe Kompagnie beisammen. Als die Soldaten das Leiterwägelchen kommen sahen, reckten sie die Köpfe, und ein Lustiger rief: »Ihr tapferen Eisenbeißer! Zum Sturm! Da rutschen zwei saubere Weibsleut her!« Gleich kam das ganze buntgelitzte Rudel herangesaust. Die Sus bekam ein zorniges Gesicht, Luisa wurde bleich, und Mutter Agnes schrie der blonden Magd über die Schulter zu: »Tu doch das Rößl treiben!« Das Gäulchen war schon umstellt und festgehalten.
Da zuckte Pfarrer Ludwig vom Sitzbrett auf. In seiner schwarzen hageren Länge sah er wunderlich aus, verblüffend durch sein grimmiges Warzengesicht mit dem wehenden Weißhaar. Die Soldaten stutzten und wurden unschlüssig. Weil der Pfarrer das merkte, konnte er einen heiteren Ton finden: »Die sturmfreudigen Herren haben sich umsonst bemüht. Mutter Mälzmeisterin, zeig den gütigen Kindlen Seiner apostolischen Majestät den Passierschein der Pflegerkanzlei! Die vier Leut da sind vom gnädigsten Herrn Fürsten meinem Schutz vertraut. Ich bin Kapitelherr des Stiftes.« Diese beiden letzten Sätze waren eine anderthalbfache Lüge. Auf einem Spaziergang war Pfarrer Ludwig dem Wägelchen begegnet; in seiner Sorge um den Freund war er aufgesprungen und mitgefahren, ohne zu wissen, wohin. Und seit dem Versöhnungsschießen stand Pfarrer Ludwig auf der schwarzen Tafel, was bedeutete: daß man ihm an Pfingsten zu Ehren des heiligen Geistes die Kapitelfähigkeit herunterkratzen würde. Er schien der Meinung zu sein, daß er die kurze Zeit seiner stiftsherrlichen Unverletzlichkeit noch ausnützen müßte, stieg über das Vorderbrett, nahm der Sus die Zügel aus der Hand, klatschte dem Gaul eins über den runden Hinterbacken und lachte unter dem Geholper des flinkwerdenden Wagens: »Wenn der Mensch nur allweil bei der Wahrheit bleibt! Da findet er überall offenen Weg.« Hinter dem Rädergerassel verklangen die Späße der Musketiere.
Meister Niklaus drehte mit zornfunkelnden Augen das blasse Gesicht und ließ die Feder seines Stockdegens, den er gelockert hatte, wieder einschnappen. »Alles um Gottes wegen!«
»Nit, Vater!« Luisa legte die zitternde Hand auf seinen Arm. »Tu nit lästern! Das wär kein Segen für den heutigen Weg. Gott ist fern von den bösen Dingen, die jetzt geschehen auf der Welt. Warum er sie nit hindert, das versteh ich nimmer.«
»Ach, Kindl!« seufzte die Mälzmeisterin. »Beim Anblick der irdischen Narretei wird sich der Allgütige halt denken: ich muß die blinden Schermäus einmal wursteln lassen, bis sie einsehen, wie schafköpfig und strohdumm sie sind.«
»Ganz so wird's wohl nit sein.« Im Gesicht des Pfarrers tänzelte die große Warze. Er gab der Sus die Zügel und kletterte zu seinem Brett zurück. »Ein solches Experiment deines Allgütigen wär für die Menschheit ein bißl zu kostspielig.«
»Allmächtig ist er aber doch? Warum also laßt er so viel Zwidrigkeiten zu?«
»Lang dauert's nimmer, bis ich hinaufkomm zu ihm. Da will ich ihn fragen. Dann schreib ich dir ein Wolkenbrieferl und schick's mit dem Weihnachtsengel.«
Halb erheitert, schüttelte die Mälzmeisterin den graugewordenen Kopf. »Und allweil noch ein Späßl!«
»Ist's nit hilfreicher als der Jammer, als der Zweifel und die Schimpferei?«
Von diesem Wortwechsel hatte Meister Niklaus nicht viel gehört. Immer hatte er zurückschauen müssen zu dem verwüsteten Dorf. »Wie schön ist das Örtl gewesen! Und jetzt!«
»Ja, Nicki! Kein Wunder, wenn einem die Wanderlust in die Sohlen fahrt. Gestern hat sich als Exulant einer einschreiben lassen, von dem ich es nie erwartet hätt. Der Christl Haynacher.«
Erregt, eine irrende Verstörtheit in den Augen, sagte Niklaus: »Sogar *der* bekennt!«
»Das nit! Der exuliert als Katholik. Augen kriegt er, aus denen was Schreckhaftes herausschaut. Und allweil ist das seine Klag: daß die undankbare Menschheit sein schwarzweißes Pärl schon völlig verschwitzt hat.« Der Pfarrer nickte. »Wahr ist's! Außer dem Christl und meinem hochverehrten Herrn Amtsbruder Jesunder denkt an das traurige Doppeltödl nur noch ein einziger! Bei Tag und bei Nacht!«
Ernst fragte der Meister: »*Wer*, Ludwig?«
»Das Justizkamel!« Der Pfarrer lächelte. »Er bohrt und bohrt und bringt es halt nit heraus. Und den Christl -- den einzigen, der ihm sagen hätt können, wie das Wunder geschehen ist -- den hat er gestern hinauswerfen lassen aus der Kanzlei. Da ist der Christl geraden Wegs zum Exulantentischl gelaufen.«
Der Meister knirschte erbittert vor sich hin: »Es wühlt in jedem.« Was war an diesem kleinen Wort? Die Sus bekam erweiterte Augen, und Luisa erschrak, daß ihre Züge sich veränderten. »Vater?« Die angstvolle Frage blieb ohne Antwort. Zwei Grenzmusketiere, die auf der Straße marschierten, hatten das Wägelchen kommen sehen und verstellten ihm den Weg. Der eine, ein altgedienter Soldat, faßte den Gaul am Zaum. »Wohin, ihr Leut?«
»Zum Hallturm hinaus.«
»Da lasset uns aufsitzen, wir haben einen pressanten Dienstweg. Sonst müßt ich das Wägl in Beschlag nehmen.«
»Es geht schon!« sagte die Mälzmeisterin flink. »Komm, Sus, gib das Bockbrettl her! Du hast noch Platz zwischen dem Meister und mir.« Während die Musketiere aufkletterten, flüsterte der jüngere dem älteren zu: »Tu sie ausfragen!« Dieser Musketier schien die Aufmerksamkeit des Pfarrers zu erwecken. Er gab seinem Freunde einen Stupps und zwinkerte gegen den Soldaten hin. Der war auch dem Meister schon aufgefallen, wegen des schwarzen Bartgestrüpps, das ein bißchen an den Fasching erinnerte. Seine Bewegungen waren nicht sehr militärisch. Der ältere Musketier fragte so unermüdlich, daß schließlich nur Mutter Agnes noch Antwort gab. Der Junge mit dem sonderbaren Bart sprach keine Silbe mehr. Als das Wägelchen in der Nähe des Hallturmes vor der Herberg hielt, glitt er flink vom Wagen herunter, salutierte faschingsmäßig und ging rasch davon. »Ein wüster Kerl, ein grauslicher!« murrte die Sus, während sie dem Rößl das Zaumzeug über die Ohren zog.
Der Pfarrer nahm den Meister beiseite. »Ich laß mir einen Finger abschneiden, wenn das nit ein Polizeispion gewesen ist. Was er beim Hallturm sucht, das kann ich mir denken.« Seine Stimme wurde noch leiser. »Heut in der Nacht ist Neumond.« Er sah zum weißen Schneegrat des Toten Mannes hinauf. »Verstehst du, Nick?«
Der Meister atmete in schwüler Unruh. Und drüben beim Wägelchen nahm Mutter Agnes Luisas Gesicht, das in Glut und Blässe wechselte, zwischen zärtliche Hände. »Nit aufregen, Kind! Es wird schon alles gut gehen. Fest beispringen mußt du mir halt!« Luisa nickte, und ihre suchenden Augen füllten sich mit Tränen. »Nit, Kindl! Du gehst einem Lachen entgegen, keinem Leid. Wär ich ein Bub, so tät ich sieben glückselige Sprüng machen um dich.« Frau Agnes schmiegte die Wange an Luisas Haar. »Alles in dir ist Sehnsucht worden. Sonst hab ich allweil gehofft auf meinen Herrgott, heut hoff ich auf dich. Mein Bub hat doch Augen. Nit?«
Der Pfarrer kam. »Also, wir machen es, wie's beredet ist?«
Mutter Agnes bettelte: »Wär's nit doch am besten, ich tät gleich hinüberlaufen zu ihm?«
»Bei den Schneckischen hättst du ein hartes Reden. Komm, die Herbergmutter wird schon wen haben, der ihn holen kann. Derweil bestellen wir für unser Sechse eine feste Mahlzeit.«
Frau Agnes und Luisa sagten das gleiche Wort: »Ich kann nit essen.«
»Das muß man können.« Der Pfarrer legte den beiden die Arme um die Schultern. »Ach, ihr Weiberleutlen! Ob Freud oder Weh, allweil hängt ihr zuerst den Magen an den Bindfaden.«
Niklaus stand noch immer auf der Straße, spähte zum Toten Mann hinauf und wieder hinüber gegen die Büsche, hinter denen der Musketier mit dem sonderbaren Bart verschwunden war. Nun ging der Meister zur Herberg hinüber. Da kam die Sus gelaufen, mit großgeöffneten Sorgenaugen: »Meister? Was ist das für ein Wörtl gewesen? Daß es wühlt in jedem?«
Den Kopf beugend, fragte er in Trauer: »Verstehst du das nit?« Eine Weile stand sie unbeweglich, dann nickte sie stumm. Ganz leis wurde seine Stimme. »Wenn's so kommen müßt? Was tätst du, Sus?«
Mit einem Lächeln, aus dem alle treue Tiefe ihres aufgeopferten Lebens herausglänzte, sagte sie: »Bleibt der Meister, so bleib ich. Geht der Meister, so geh ich.«
An den beiden surrte ein junger Bub vorbei. Der sprang hinüber zum Schneckenhäusl. Nach einer Weile brachte er die Botschaft: »Der Jäger Raurisser ist nit daheim, ist droben am Berg. Am Nachmittag, hat die Schneckin gesagt, gegen die vierte Stund muß er heimkommen.« Das wurde nun eine qualvolle Zeit des Wartens. Alle paar Minuten guckte Frau Agnes nach der Sonnenuhr, die über der Herbergstür an der Mauer war. »Heut muß die Sonn langsamer laufen, wie sonst.« Noch ehe der Schattenstrich hinrückte gegen die Vier, verlor die Mälzmeisterin ihre letzte Geduld. Sie umklammerte die heiße Hand des Mädchens. »Komm! Jetzt springen wir ihm entgegen, den Berg hinauf, und schreien uns die Seelen aus dem Hals. Darf der Kuckuck schreien im Frühling, warum sollen die Menschen nit schreien dürfen?« Sie riß das wortlose Mädchen mit sich fort. Zum Haus des Hiesel Schneck hinüber war es nicht weit. In dem engen Wiesentälchen konnte man den Weg nicht verfehlen. Auch war der Pfad gut ausgetreten von den Schneckischen Nagelflößen. Drei schwarze Ziegen trotteten mit kleinen Bimmelschellen und klunkernden Eutern über den Weg, man hörte die müde Stimme des Schneckenweibls locken, und durch die Stauden schimmerte in der Sonne die alte Balkenmauer.
Ein erstickter Laut. Mutter Agnes fing an allen Gliedern zu zittern an. »Mein Bub! Da kommt er!« Nun ein leises Betteln: »Kindl? Gelt? Das erste Wörtl tust du der Mutter lassen!« Nur nicken konnte Luisa und sprang in den knospenden Buchenwald hinein. Mutter Agnes, immer fröhlicher atmend, hing mit leuchtendem Blick an der festen Gestalt des Sohnes, den das Gewirr der Stauden noch umschleierte. Er war ohne Waffe, trug den Bergsack auf dem Rücken, den langen Griesstecken in der Faust. Gleich sah die Mutter: der ist gesund, gesünder als je! Huschend glitt vor ihren Gedanken ein Bild vorüber: der Marktplatz zu Berchtesgaden, der Brunnen mit den Musketieren, das erregte Menschengewühl und der Blutende am Holz der Unehr.
Leupolt, langsamer schreitend, blickte nicht auf den Pfad, sah und lauschte immer gegen den Hallturm hinüber. Und plötzlich sprang er auf die Stauden zu, wandte sich gegen die bayrische Grenze und verschwand hinter brechendem Gezweig.
»Leupi!« schrie die Mutter mit erdrosseltem Laut.
Ein Rauschen im Gebüsch. Nun tauchte er aus den Stauden heraus, Schreck und Hoffnung in den Augen. Ein heißer, glückseliger Schrei: »Herr Jesus! Mutter!« Hätte sie es noch nie gewußt, wie er hing an ihr, mit jeder Faser seines Lebens, mit jedem Blutstropfen seines Herzens, so hätte ihr's dieser Schrei gesagt, dieses glückliche Aufglänzen seiner Augen. Lachend wie ein Kind, stieß er den Griesstecken in den Wiesgrund, warf das Hütl dazu und sprang ihr entgegen: »Mutter! Mutter! Mutter!« Verstummend riß er sie an sich, und sie hing an seinen Hals geklammert, in Freude stöhnend unter dem Druck seiner stählernen Arme.
Nicht weit von den beiden stand eine Zitternde im Schatten des Waldes und preßte das Gesicht in die Hände. Noch in keiner träumenden Sonnenstunde, noch in keinem Blutschauer ihres jungen Leibes, in keiner von den schlaflosen, mit wirrem Gebet durchstammelten Nächten hatte sie so brennend den Durst nach dem Augenblick empfunden, in dem seine Arme sie umklammern würden, wie er jetzt die Mutter umschlungen hielt.
Er hob das Gesicht. Weil die Haube seiner Mutter zurückgefallen war in den Nacken, sah er das graugewordene Haar. Schweigend küßte er den entfärbten Scheitel, preßte die Mutter noch fester an sich, erschrak -- und fragte: »Hab ich dir weh getan?«
Mit feuchten Augen lachte sie an ihm hinauf. »Das ist doch einer Mutter liebste Freud, wenn sie merkt, wie stark ihre Buben sind. Jetzt ist mir's mit blauen Flecken auf den Leib geschrieben, wie gesund du wieder bist.« Sie sah die weiße Narbe an seinem Hals und strich mit den Fingerspitzen drüber. »Du, das ist schön geheilt.«
Er nickte. »Was du mir geschickt hast von ihr, ist wie ein Wunder gewesen. Sag ihr ein Vergeltsgott von mir! Sag ihr: mir ist gewesen wie einem Baum, wenn ihm der Frühling die Eisrind forthaucht! Mutter, wie lebt sie? Wann hast du sie das letztmal gesehen?«
Ein Erglühen ging ihr über das Gesicht. »Nit lang ist's her.«
»Das mußt du mir alles erzählen -- einmal -- nit jetzt.« Er warf einen forschenden Blick nach dem Stand der Sonne. »Heut haben wir nit viel Zeit. Ich muß einen Weg machen, den ich nit versäumen darf. Aber allweil reicht's noch ein paar Vaterunser lang. Muß ich halt nachher doppelt springen.« Er sah nicht, wie sie erblaßte. »Da drüben, komm, wo der Baum liegt, können wir uns niedersetzen.« Die Wange an ihr Haar schmiegend, führte er sie über den Weg hinüber. Als sie auf dem Baumblock saßen, nahm er ihre Hände. »Wie geht's dem Vater und den Brüdern?«
Alle Freude war zerdrückt in ihr. »Wie's einem halt gehen kann in heutiger Zeit. Keiner hat mehr ein richtiges Lachen.«
Da sagte er froh und fest: »Die Zeit wird besser. Tu dich gedulden.« Eine Sorge schien ihn zu befallen. »Mutter? Daß du bei mir bist, so? Wirst du das nit ungut zahlen müssen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich hab Verlaub.«
Zögernd wiederholte er dieses Wort. »Verlaub?« Sein Blick wurde schärfer. »Von wem?«