Das große Jagen

Part 19

Chapter 193,473 wordsPublic domain

Der Fürst lachte munter. »So muß ich dich, wenn du strafbar werden solltest, zu einem langen Leben verdammen.« Ein Handwink, und Pfarrer Ludwig war entlassen. Schon stand er bei der Tür. Da klang es hinter ihm mit spöttischem Laut: »_À propos, mon cher!_ Ich höre, man beschuldigt dich einer üblen Sache.«

»Soooo?« Der Pfarrer schmunzelte. »Vielleicht einer Menschlichkeit? Die wär von allen Zeitverbrechen das größte.«

Anton Cajetan schien sich zu ärgern. »Man hat dich in Verdacht, daß *du* der Wundertäter warst, der das Mirakel in der Armeseelenkammer wirkte und die schwarzweiße Gefahr verschwinden ließ in die ewige Ruhe?«

Behaglich wiegte Pfarrer Ludwig den grauen Kopf. »Schau! Was für ein netter Einfall! Hätt ich ihn gehabt, ich tät mich um seinetwegen nit schämen.«

Ein paar heftige Schritte des Fürsten. Und ein Ton wie aus Wolkenhöhe. »Ludwig? Lügst du?«

»Mein gütiger Herr!« antwortete der Greis mit Seelenruhe. »Die redlichsten Wahrheiten schauen allweil einer Lug so zum Verwechseln ähnlich, wie ein Rattenschweif dem Schnauzer des Muckenfüßl.«

Der Fürst verhehlte seinen Mißmut nimmer. »Weil du so gern diesen diensteifrigen Mann citierst, wirst du vielleicht Gelegenheit finden, dich eingehend mit ihm zu okkupieren.« Noch über die Schulter die strenge Mahnung: »Daß es Dienstgeheimnisse gibt, das weißt du.« Herr Anton Cajetan verzog das Gesicht, als ob er niesen müßte, und zerrte das Riechfläschl aus der Atlasweste.

Das konnte der Pfarrer noch sehen. Halb belustigt, halb mit dem Groll seines wühlenden Kummers, murrte er in Gedanken vor sich hin: »Meinen Schnupfen *hat* er! Jetzt kriegt ihn die allergnädigste Aurore de Neuenstein. Und der vergönn ich ihn.« Er grüßte freundlich die Lakaien im Korridor. Als er durch den reichlich fallenden Schnee hinüberschritt zu seinem Hause, war er nicht ärmer um eine Hoffnung. Die Stunde mit dem Fürsten war so gewesen, wie er befürchtet hatte, daß sie sein würde. Und war für Augenblicke ein irrender Hoffnungsgedanke in ihm erwacht, so war's geschehen wider Verstand und besseres Wissen. »Er ist, wie er ist. So bleibt er bis zu seiner letzten Schlittenfahrt, und so muß man ihn nehmen. Nur daß er mich *jetzt* grad rufen hat lassen -- das vergrämt mich ein bißl.« Bei diesem Gedanken spähte er zu den Fenstern des Chorkaplans Jesunder hinüber. Frau Apollonia, obwohl keine Evangelische, war unsichtbar. »Da haben sie also nichts gefunden. Sonst tät sie vergnügt aus dem Fenster grinsen.« Nein, es war für den emeritierten Stiftspfarrer Ludwig *keine* Überraschung, als er seine Haustür eingedrückt, alle Schränke und den Schreibtisch erbrochen fand. Von dem Silbergeld im aufgemeißelten Geheimfach fehlte kein Sechser. Unleugbar, die Polizei war ehrlich.

Eine Überraschung war der Besuch des Feldwebels Muckenfüßl und der Soldaten Gottes nur für die Schwester Franziska gewesen. Eine ganz fürchterliche. Sie weinte, daß es zum Herzzerbrechen war. Der Pfarrer legte ihr zärtlich den Arm um die Schultern und schrie ihr ins Ohr. »Geh, sei gescheit und trink ein Schnäpsle! Das richtet dich wieder auf.«

Es blieb unentschieden, ob sie das verstanden hatte. Unter Tränen sah sie den Bruder an und klagte: »Ach, Gott, wie *viel* haben sie gefragt! Aber weißt du, ich hab allweil falsch gehört.«

»Ja ja, Schwester! Wenn der Mensch nur immer weiß, wie er seine mangelhaften Instrumente gebrauchen muß.« Der Pfarrer nahm den Radmantel ab, zog die Schmierstiefel aus und begann in der übel zugerichteten Stube wieder Ordnung zu machen.

Kapitel XVIII

Die folgenden Tage waren im Lande Berchtesgaden reich an Überraschungen. Nachdem es einen Tag und eine Nacht lang tüchtig geschneit hatte, kam blauer Himmel mit klarer Sonne. Die Welt sah aus, wie neu vom lieben Herrgott versilbert. Und am Samstag, in den Morgenstunden, wurde zu Berchtesgaden ausgetrommelt, daß der allergnädigste Herr Fürst, um wieder einmal inmitten seiner getreuen Landskinder zu weilen, für den folgenden Sonntag im Schützenhaus ein fröhliches Fastnachtsschießen angeordnet hätte, mit vielen Preisen und Aufmunterungen für die besten Schützen des Landes. Nicht nur die Mitglieder der hochehrenwerten Schützengesellschaft vom heiligen Martin wären eingeladen, sondern alle Mannsleute, so eine Schußwaffe besäßen. Die Austrommlung endete mit dem munteren Vers:

»Wie mehrer die Gäst, So schöner das Fest, So froher der Fürst, 's gibt Freibier und Würst!«

Unter den vielen, die das zu Berchtesgaden austrommeln hörten, befand sich auch der Hiesel Schneck, der bei dem Juden ein Pflaster für das Überbein seiner Schneckin hatte holen müssen. Das Schützenfest schien ihm keine Freude zu bereiten. Die unzählbaren Himmelhunde, die er hinaufknurren ließ zur Sonne, bewiesen, daß der Hiesel Schneck in übler Laune war. Ihn quälte der Ärger darüber, daß so ein Jud wieder einmal schlauer gewesen war, als der redlichste von allen Christen. Hiesel hatte geschwiegen wie ein luthrisches Grab, auf dem kein Hügel und kein Kreuzl ist. Dennoch hatte Lewitter plötzlich ganz genau gewußt, wo Leupolt Raurisser versteckt war, und hatte dem Hiesel nicht nur die Quetschbehandlung eines Überbeins auseinandergesetzt, sondern hatte ihm auch Verbandzeug, ein fieberstillendes Mittel und etwas zum Waschen für schwärende Wunden mitgegeben, obwohl sich der gewissenhafte Schneck wie ein Rasender dagegen gewehrt hatte. Man trägt als treuer Christ in seinem Bergsack nicht gern eine obrigkeitlich verbotene Sache, die für einen Luthrischen wohltätig ist. Unter grimmigen Flüchen fühlte er mit seiner braunen Tatze immer wieder nach hinten: ob das verdächtige Päckl nicht gottsgnädigerweis so spurlos verschwinden möchte, wie die preußische Gefahr aus der Armeseelenkammer. Aber wenn im Menschengedräng einer gegen ihn hinpuffte, brüllte er gleich: »Blitzhimmelsausen und Höllementshund, gib doch Obacht, ich hab was Gläsernes auf'm Buckl.«

Bei dieser angstvollen Fürsorge war er nicht in der Laune, sehr aufmerksam auf die Muckenfüßl'sche Überraschung zu horchen. Auch hatte der Hiesel Schneck in diesen Tagen eine viel größere Überraschung schon erlebt. Damals, als es zu schneien anfing. Da war er spät am Abend heimgekehrt, in der sicheren Erwartung, daß der unbequeme, vermaledeite Ketzer schon über die bayrische Grenze gesprungen wäre und nimmer droben läge auf dem Heuboden. Teilweise war auch eingetroffen, was die Schneckin ihrem Schneck versprochen hatte: Leupolt lag nimmer auf der Heuschütt, sondern herunten neben dem Herdfeuer im Ehebett des Hiesel. Und die Schneckin hockte im Ofenwinkel auf einem Strohsack, den sie so breit gemacht hatte, daß er zwieschläfrig zu benutzen war. Hiesel ließ die wildesten Höllemente los, wenn auch -- weil Leupolt schlief -- mit gedämpfter Stimme. Da mochte die Schneckin hundertmal flüstern: »Verstehst?« -- der Schneck verstand nicht und war verbohrt in die unzutreffende Meinung: daß es die Schneckin »aber schon *ganz* saudumm« angestellt haben müßte. »Soll den Kerl über die Grenz hatzen und laßt ihn ins Bett hupfen! Kreuzhimmel, Bluthöllement und Bratwürst übereinander!« Grollend saß er auf dem Herdrand. Schließlich, wenn er in dieser Schneenacht neben seiner Schneckin liegen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als mit dem Strohsack vorlieb zu nehmen. Bis lange nach Mitternacht bellten seine gedämpften Himmelhunde. Am Morgen, freilich, da sah auch der Hiesel das ein: daß man mit einem Fieber, in dem »alle Knöchelen scheppern«, nicht ins Bayrische hinüberlaufen kann. Und jetzt, unter den Rasselklängen der Muckenfüßl'schen Austrommlung, erzeugte der Schneck in seinem langsamen Gehirn den Trostgedanken: »Wenn ich dem Buben das jüdische Päckl zutrag, daß er bald über die Grenz hupfen kann, so tu ich bloß, was die Herren haben wollen. Verstehst?« Die vielen Himmelhundsmonologe, die er mit sich führte, verhinderten ihn, auf dem Marktplatz und während des Heimweges der freudigen Bewegung zu achten, die der Feldwebel Muckenfüßl mit seiner sonst so gefürchteten Trommel in der Bevölkerung erweckt hatte.

So splendid und wohlwollend hatte sich der Landesfürst schon lange nicht mehr erwiesen. War in der Verkündigung auch nicht deutlich ausgesprochen, was sie bezweckte, so war doch ihr schöner Sinn so klar, wie die alte Sonne über dem jungen Schnee. Die Gutgläubigen nahmen die Ansage des Festes als deutliche Mahnung zur Verträglichkeit, die Evangelischen empfanden sie als Friedensverheißung, als Wegweis zu naher Verständigung und zur Freiheit ihrer Seelen. Seit Menschengedenken war zu Berchtesgaden nimmer so gut und herzlich von der Obrigkeit gesprochen worden, wie es an diesem silbernen Samstage tausendstimmig geschah. In allen Häusern wurde gesungen und gelacht, aus allen Truhen wurde das Feiertagsgewand und versteckter Schmuck herausgenestelt. Überall an den Fenstern saßen die Mannsleute und putzten ihre Schießgewehre. In der Mittagsstunde böllerten durch das sonnfunkelnde Tal die Probeschüsse. Einer sagte: »Wie wenn beim größten von allen Bauern eine Hochzeit wär!« Und bekam die lachende Antwort: »Das wird wohl ein Metzensäckl Pulver wert sein, wenn der gnädigste Herr Fürst mit seinem Völkl Versöhnung feiert!«

Den ganzen Nachmittag umstanden Scharen von Mädchen und Kindern das Schützenhaus, um den gewaltigen Vorbereitungen zuzuschauen, die für das Fest getroffen wurden. Die Mannsleute, die man sonst nur zähe zur Fronarbeit herbeibrachte, boten sich ungerufen zur Hilfeleistung. Von der großen Festwiese neben dem Schützenhaus wurde der Schnee fortgeschaufelt, und Lachen, frohes Geschrei und dröhnendes Hammerklopfen begleitete den flinken Bau des »Mahlsaales«, einer mächtigen Bretterbude, die ein paar tausend Schützenbrüder fassen konnte, um in Verträglichkeit und Frohsinn bei Freibier und Speckwürsten mit den gütigen Herren beisammenzusitzen. Man arbeitete noch bei Fackelschein bis gegen Mitternacht.

Der große Morgen kam. Die Tausende auf Berchtesgadnischer Erde waren willig zur Freude. Nur der liebe Gott schien an diesem Versöhnungstage kein rechtes Wohlgefallen zu haben und steckte die Sonne in einen mächtigen Wolkensack. Feine Eiskrystalle rieselten aus dem Grau herunter, scharf wie Nadelspitzen. Das verdarb keinem Fröhlichen die Laune.

Als man zum Kirchgang läutete, war die Zuwanderung der Andächtigen ein bißchen schütter. Die Erlösung von allem Gewissenszwang vorausgenießend, hielten die Evangelischen den Gottesdienst dieses Freudentages daheim in ihren Stuben ab oder besuchten eine Fürsagung, ohne Schneekleid, völlig sichtbar. Erst nach dem Hochamt, während mit allen Glocken der Gottesfriede dieses Sonntages verkündet wurde, begannen die Marktgasse, der Brunnenplatz und die Stiftshöfe sich zu füllen mit einem farbenbunten und fröhlich gestimmten Menschengewühl. Obwohl es immer nebelte, sah die lärmende Bewegung der farbigen Menge sich an wie ein jubelndes Lebensfest. Die Frauen und Mädchen hatten sich aufgeputzt und waren durch Jugend, Gesundheit, Freude und hoffendes Vertrauen noch schmucker geziert, als durch die feuerfarbenen Mieder, durch das leuchtende Bänderwerk und die mattfunkelnden Schaumünzen. Stolz trugen die Mannsleute ihre klobigen Schießgewehre, und fast jeder hatte auf seinem gebänderten Hütl ein paar von den Blumen stecken, die bei frierendem Winter blühen in den warmen Bauernstuben. Dem wirbelnden Frohsinn dieses Bildes tat es keinen Eintrag, daß im Gewühl der Leute keiner von den Herren zu sehen war. Es tauchte nur der Feldwebel Muckenfüßl auf, dem ein paar Musketiere bei der Ordnung des tausendköpfigen Schützenzuges behilflich waren. Als die Hifthörner der fürstlichen Jägerei den Festruf bliesen und die Trompeten und Klarinetten der Salzknappen mit ihrer lustig dudelnden Marschmusik einfielen, erhoben die Tausende dieser fröhlichen, von harter Zeit erlösten Menschen ein Jauchzen, daß ihr Freudenspektakel alles Blechgeschmetter übertönte.

Wie ein vom Glück dieses Tages Ausgeschlossener, mit unfrohen Augen, Zorn und trauernde Erbitterung in dem blassen Warzengesicht, saß Pfarrer Ludwig am Fenster seiner Stube und blickte hinunter auf das fröhliche Gepräng des Schützenzuges. »Ob in Sonn oder unter Wolken -- gibt's auf der Welt ein schöneres Ding, als die vertrauensselige Freud eines hoffenden Volkes? Und gibt's auf Erden ein übleres, als dieser Tag es bringen wird?« Immer wieder brannte in ihm der Gedanke: Reiß das Fenster auf, schrei diesen Jauchzenden eine Warnung zu! Nicht die fürstliche Mahnung an das Dienstgeheimnis hielt ihn zurück, nur die Erkenntnis, daß seine Warnung das Schicksal dieses Tages nicht wenden, sondern Aufruhr und Totschlag heraufbeschwören würde.

Der weite Hof unter dem Fenster des Pfarrers war leer und still geworden. Immer ferner tönten die fröhlichen Jauchzer, das Klarinettenquieksen und der Trompetenklang. Nun das donnerähnliche Dröhnen eines Böllerschlages. Dann knatterten die Stutzenschüsse durcheinander, als hätten hundert Heinzelmännchen zu dreschen begonnen. Das ging zwei Stunden lang so weiter. Dann läuteten die Mittagsglocken. Auf der Festwiese verstummten die Schüsse. Und nebelnde Stille lag über den Dächern des Stiftes. Jetzt der Hufschlag eines Pferdes. Von der Salzburger Straße kam ein erzbischöflicher Dragoner über den Hof geritten und verschwand im Stiftstor. Pfarrer Ludwig nickte. »Die Konsequenz! Sechs Füß hat sie! Und hat zwei Köpf, von denen jeder was anderes denkt.« Wenige Minuten später mußte er zu der beschämenden Einsicht gelangen, daß er die Salzburgische Hilfe militärisch unterboten, katechetisch überschätzt hatte: nicht ein volles Dutzend Kapuziner, nur neune; aber statt der fünfhundert Soldaten, auf die er geraten hatte, kamen achthundert Musketiere, scharf bewaffnet, dazu ein halbes Tausend Dragoner, hoch zu Roß. »Guck nur!« knirschte der Pfarrer vor sich hin. »Neben der Gotteshilf macht Salzburg noch ein gutes Geschäft! Den ganzen Heerwurm müssen ihm unsere Bauern füttern, wer weiß, wie lang!«

Es litt ihn nimmer in der Stube. Flink in die hohen Schmierstiefel, aus dem Haus und hinunter zur Festwiese. Auf einem Fußsteig, der über die verschneiten Wiesengehänge kletterte, blieb er erschrocken stehen und spähte zur Fahrstraße hinüber. Unter den vielen Leuten, die nach der Festwiese strebten, sah er den Meister Niklaus und Luisa. Der Pfarrer schrie den Namen des Freundes und watete durch den tiefen Schnee. Als er die Straße erreichte, war er so atemlos, daß er kaum zu sprechen vermochte: »Kehr um, Nicki! Führ dein Mädel heim und laß dich einsperren von der Sus!«

»Hochwürden?« stammelte Luisa. Und der Meister fragte erblassend: »Um Gottswillen, was ist denn los?«

»Getroffen, Nicki!« Der Pfarrer lachte grell. »Um *Gotts* willen ist was los! Und da wirst du dir denken können, wie es ausschaut.« Er faßte Luisas Arm und flüsterte: »Mädel! Wenn du deinen redlichen Vater nit auch noch verlieren willst, so schau, daß du ihn heimbringst in die Werkstatt und zu seiner Arbeit! Geh, Nicki, sei verständig! Noch ein letztesmal! Ich tät's nit raten, wenn es nit sein müßt. Und du, Mädel, tu beten vor deinem Jesuschrein! Andächtiger als je!« Die Stimme des Pfarrers bekam einen harten Zornklang. »Heut wird deine fromme Seel noch was umzudeuten kriegen. Die heilige Mutter soll dir's geben, daß du eine Deutung findest, die deinen standhaften Glauben nit verdächtig macht vor den Konsequenten.«

Luisa, deren Gesicht sich entfärbt hatte, umklammerte stumm die lebende Hand des Vaters. Und Niklaus stammelte: »Mensch! Was ist denn?«

Heiser lachend deutete Pfarrer Ludwig mit dem Hakenstock gegen die Wolken. »Guck doch in die Höh! Da mußt du doch merken, daß heut ein Tag ist, an dem unser Herrgott sich in seinen ewigen Mantel wickelt und um die Menschen trauert.« Er sagte mit heißer Mahnung: »Geh heim, Nicki! Deinem Kind zulieb!«

»Und du?«

»Ich bin doch ein Priester, nit? So einer ist allweil auf dem Weg zu den Hoffnungslosen. Wie heut, so neugierig bin ich noch nie gewesen: ob der Amsterdamer recht hat, wenn er sagt, es wär kein Ding auf Erden so schlecht, daß es nit ein Gutes werden könnt für die Menschen.« War's noch vom Schnupfen, oder hatte es einen neuen Grund, daß dem Pfarrer das Wasser in die Augen trat? Dann sagte er zu Luisa: »Laß den Vater nimmer aus! Mädlen, die tapfere Kinder sind, werden die besten Frauen.« Er wandte sich ab und eilte die Straße hinunter. Das Gesumm einer großen Volksmenge klang ihm durch den ziehenden Nebel entgegen. Hunderte von Frauen, Mädchen und Kindern umstanden in heiterer Laune die große Bretterbude des Mahlsaales, in dem die Trompeten und Klarinetten der Salzknappen eine lustige Tanzweise spielten. Fast alle Mannsleute waren schon im Saal versammelt. Nur ein paar Burschen wimmelten in ihren roten Joppen noch vergnügt umher, schäkerten mit der weiblichen Jugend oder machten harmlose Späße über die Bratwürste, die noch immer nicht duften wollten, und über die geduldigen Mägen der Herren, die noch unsichtbarer wären, als es die Evangelischen vor dem Bekennertag gewesen. Unter Muckenfüßls kanzleideutschem Kommando drängten sich Lakaien und Musketiere im Frauengewühl umher, faßten die rotjoppigen Buben ab und schoben sie in den Saal, immer unter der gleichen Mahnung: »Flink! Nur flink! Die Bräuknecht haben schon angezapft!« Nun schoben sie den letzten von den Burschen durch die enge Tür hinein, die aussah wie ein Festungsschlupf. Und durch den Türspalt leuchtete das rote Flackerlicht der Kienfackeln heraus, die man in der fensterlosen Bretterbude angezündet hatte, um sie hell zu machen.

Die Weibsleute guckten ein bißchen verwundert drein, weil an die zwanzig, mit Flinten und Terzerolen bewaffnete Musketiere vor der Saaltür aufzogen wie eine kriegsmäßige Wache. Als Muckenfüßl mit den Lakaien und Jägerknechten das Schützenhaus besetzte, in dessen Halle die Schießgewehre der Bauern verwahrt standen, kam Pfarrer Ludwig in Hast von der Straße herübergeschritten. Er spähte mit blitzenden Augen, sprang auf die Saaltür zu und wollte eintreten. Zwei Musketiere kreuzten vor seiner Brust die Flinten. »Ruckwärts, Hochwürden! Niemand darf passieren. Befehl des gnädigsten Herrn!«

»Aber Leut!« Der Pfarrer lachte. »Ich will doch auch meine Freimaß haben und mein Würstl! Geh, seid doch nit gar so neidisch!« Er hatte die beiden Flinten beiseite geschoben und drückte die Saaltür vor sich auf. Ein Musketier faßte ihn am Radmantel. »Wirst du auslassen?« Mit einem zornigen Fauststreich machte der Pfarrer sich frei und trat in den von einem wogenden Mannsgewühl, von dudelnder Musik, von Flackerschein und Fackelqualm, von Lärm und Gelächter erfüllten Brettersaal. An langen, leeren Tischen saßen die Bürger und Bauern, die Handwerker und Salzknappen auf hochbeinigen Holzbänken. In den schmalen Gassen drängten sich Hunderte umher, die noch keinen Platz gefunden. Die roten Joppen leuchteten wie Blutflecken, und die Gesichter, die schmutzig wurden vom Fackelruß, schienen in der trüben Flackerhelle verzerrt zu einem ruhelosen Grinsen. Und doch war Freude in allen Gesichtern, fröhliche Erwartung in allen Augen. Freilich, derbe Späße gab es in Hülle und Fülle, weil man schon wartete seit einer halben Stunde und noch immer den Duft keiner Bratwurst witterte. Doch in jedem Scherz war heitere Geduld, war noch immer ehrfürchtige Dankbarkeit für den allergnädigsten Wirt dieses freudenreichen Versöhnungstages. Nur in der hintersten Saalecke, wo die rotjoppigen Burschen dick beisammen saßen, begann es ein bißchen übermütig zu werden; da trommelten sie mit den Fäusten auf die Tische und begannen kleine Spottlieder zu singen, wie der Augenblick sie gebar.

Als der Pfarrer, noch in den Radmantel gewickelt, von der Türschwelle stumm hineinsah in dieses heiter lärmende Männergewühl, war sein Gesicht entstellt, daß ihn die Leute nicht gleich erkannten. Es mußte erst ein Fröhlicher schreien: »Herr Jöi! Unser gütiges Pfarrherrle!« Und einer brüllte über alle Tische: »Leut! Jetzt geht's aber an! Der erste von unseren Herren ist da!« Während der Lärm sich ein bißchen dämpfte, drängten viele gegen den Pfarrer Ludwig hin, zu einem Gruß, zu einem Händedruck. Von einer nahen Bank erhob sich einer, der ein kleines Bübl auf dem Arm hatte. In seinen Augen war ein verstörter Blick, doch unter dem Braunbart lachte sein blasser Mund, als wäre er der Fröhlichste unter diesen tausend Festfrohen. Rittlings über der Bank stehend, winkte er mit dem Arm und kreischte: »Hochwürden! Zu mir her! Euch geb ich mein Plätzl. Ich muß nit sitzen. Mich halten Herz und Seel in der Höh.« Der Christl Haynacher lachte wie ein Glücklicher und preßte das scheuguckende Bübchen an seine Brust. »Jetzt, Hochwürden, ist alles am Tag! Gelt ja? *Mir* müssen die Leut Vergeltsgott sagen. Wär mein Weibl nit so heilig und fromm gestorben, und hätt mein Weibl nit hilfreich aus dem ewigen Glanz heruntergegriffen zur kreistenden Menschennot? Da täten wir trauern und seufzen müssen, gelt! Jetzt können wir Freud haben und wieder glauben. Alle Herzviertelen sind wieder schön beisammen. Und Fried und Brüderschaft ist überall auf der gottschönen Welt. Die guten Herren! Die soll unser Herrgott segnen für den heutigen Tag.« Während Christl Haynacher so redete, mit umkippenden Tönen, schrien es die anderen von Tisch zu Tisch, daß von den Herren der erste gekommen wäre. Die dudelnde Knappenmusik geriet außer Takt und verstummte. Aller Lärm versickerte, es wurde immer stiller im Saal. Und da streckte sich der Pfarrer, hob die beiden Hände aus dem Mantel und rief: »Ihr guten Leut! Laßt mich ein brüderlichs Wörtl reden mit euch!«

Überall ein Gucken und Hälsestrecken, von allen Bänken erhoben sich die Männer und Burschen, einer der schlechtgezimmerten Tische knickte krachend zusammen, ein Gelächter, dann viele Stimmen, die zum Schweigen mahnten. Jetzt war die Ruhe da. Nur noch das Rauschen der Fackelflammen, das schwere Atmen der vielen Hunderte in dem qualmigen Raum. Und da lauschten sie alle -- nicht auf den Pfarrer, der mit zerdrückter Stimme zu reden begann. Sie lauschten auf das Unerklärliche, das von draußen hereinklang durch die fensterlosen Bretterwände. Es war ein aufwirbelndes Geschrei von vielen Weibern und Kindern. Wie gellende Angst war es anzuhören. Und es mußte doch Freude sein? Kamen die Herren? Fragende Rufe schwirrten von Tisch zu Tisch. Und einer kreischte mit Lachen: »Hört ihr die Mädlen juchzen? Jetzt kommt der gnädigste Herr Fürst! Höi, Trompeter! Blaset den Herrengruß!« Ein fröhliches Blechgeschmetter. Niemand hörte mehr auf den Pfarrer. Seine Stimme versank im lärmenden Festjubel dieser treuen, beglückten Untertanen.

Vor der Saaltür ein Gepolter und ein aufgeregtes Stimmengewirr. Immer deutlicher hob sich aus ihm die schrillende Stimme eines Mädels heraus. Es war wie das Zetergeschrei einer Irrsinnigen. Ein Gerüttel an der kleinen Tür. Jetzt patschte da draußen ein Pistolenschuß -- nicht wie ein Pulverknall, nur wie das Klatschen einer festen Peitsche -- und über die Schwelle der aufgedrückten Türe stürzte schreiend ein junges Geschöpf herein, jenes Untersteiner Mädel, das unter dem Holz der Unehr, am Bekennersonntag, als erste mit verzückter Freude gerufen hatte: »So müßt ihr mich auch verbrennen! Ich bin eine evangelische Christin!«