Das große Jagen

Part 18

Chapter 183,664 wordsPublic domain

Herr Anton Cajetan, in einem Hofkleid aus schwarzem Atlas, unter frischgepudertem Lockenbau, schlürfte seine Morgenschokolade. Er hatte unausgeschlafene Augen. Spinettspiel und Cyperwein hatten sich wirkungsloser erwiesen als sonst. Zehntausend Untertanen und siebentausend Abtrünnige! Und die innersten Regierungsstätten ein Tummelplatz erschreckender Mirakel -- die gereizten Seelenzustände der schönen Freundin _en titre_ noch gar nicht in Rechnung gezogen -- wie soll man da schlafen können als Fürst? Mit einem Augenwink schickte Herr Anton Cajetan den Lakai aus dem Zimmer und trat erregt auf den Pfarrer zu. »Was sagst du zu dieser konsternierenden Sache! Fast siebentausend!« Da sah er die verschwollene Nase des Pfarrers und wich zurück. »Es scheint, daß du *wirklich* katarrhalisch bist?«

»Haben Euer Liebden daran gezweifelt? Aber es wird schon besser. Und im Abflauen ist eine Krankheit nimmer ansteckend.«

»Immerhin wollen wir vorsichtig sein und den Tisch _entre nous_ postieren. Nimm Platz -- da drüben!« Forschend betrachtete Herr Anton Cajetan den Greis. »Ich will deine Meinung hören. Man muß zu einer Dezision kommen, was man tun soll. Der Salzburger Hof, an den ich einen Kurier detaschiert habe, schweigt sich aus. Und die Gehirne meiner eigenen Kanzleikamele befinden sich in einer desolaten Konstitution.«

»Wenn man nur merkt, wie man dran ist mit ihnen. Da schadet's minder.«

»Weißt du mir einen Rat?«

Dem Pfarrer stieg das Blut ins Gesicht. Er hatte sich nichts Gutes von dieser Stunde erwartet. Nun fühlte er ihre Verantwortung. War es nicht denkbar, daß diese Stunde auch Segen bringen konnte? »Einen Rat?« Er atmete tief und nickte. »Es geht da um unser Ländl und Volk. Kann sein, um *mehr*! Um ein notwendiges Ding im Reich --«

»Was, Reich!« lehnte Anton Cajetan verdrießlich ab. »Laß Nebensächliches _à part_! Was soll ich tun in dieser desperaten Fatalität?« Der Fürst tauchte ein Biskuit in die Schokolade.

Pfarrer Ludwig zog die Brauen zusammen. »Man kann von zehntausend Untertanen nit siebentausend über die Grenz jagen. An verläßlichen Stiftsleuten bringen Euer Liebden kein halbes Hundert nimmer auf. Fünfzig wider siebentausend, das ist so siegreich wie ein Frosch wider einen Ochsen.« Zur Bekräftigung dieser Wahrheit mußte der Pfarrer niesen.

Anton Cajetan streckte mißmutig die Hand. »Rück weiter vom Tische!« Seufzend schob er das lindgeweichte Biskuit an seinen Bestimmungsort. »Du meinst also?«

»Daß Euer Gnaden sich mit den Siebentausend in Güt verständigen müssen.«

»Ganz meine Meinung.«

»Ja, Herr?« fuhr es dem Pfarrer mit freudigem Laut heraus.

»Wie denkst du dir die Bekehrungsmethode?«

»Bekehrung?« Dem Enttäuschten wurden die Augen groß. »Freilich, wenn es an den Brotkorb geht, werden viele umfallen. Alle Schwachmütigen. Zu Eurem Nutzen wär es, Euch die Tüchtigen zu erhalten. Oder Euer Ländl wird blutarm werden wie ein junges Weib, dem der Mann genommen ist.«

»Ludwig, du bist opulent an unpriesterlichen Bildern. Oder --« Anton Cajetan richtete einen mißtrauischen Blick auf den Pfarrer. »Bist du vielleicht deines eigenen Glaubens nicht mehr sicher?«

»Doch, Herr!« Die große Warze des Pfarrers zuckte ein bißchen. »Aber ich spür, daß viele von diesen Abtrünnigen die besseren Menschen sind, als manche von den Treugebliebenen.«

Zornig fuhr der Fürst vom Sessel auf und bespritzte die schimmernde Hose mit Schokolade. Auf das weiße Fenster zutretend, tupfte er mit dem Spitzentuch die Flecken vom schwarzen Atlas. Dann lachte er kurz und murrte: »Die besseren Menschen! Diese Treulosen an ihrem Fürsten und Gott!«

»Alles Neue faßt am tiefsten die Menschen an, in deren Seelen der fruchtbarste Boden ist. Was blüht in einer sehnsüchtigen Seel, erhebt den Menschen, macht ihn stärker und schöner in allen Kräften, zündet in seinem Blut und Herzen ein lauteres Feuer an. Und *das* sind die Leut, die Ihr nit verjagen dürft. Bekehren? Nein, Herr! Und hält man sie nit zurück, so wird das Land seine fleißigsten Händ verlieren.«

Etwas ruhiger geworden, kehrte Anton Cajetan zum Tisch zurück und setzte sich wieder zu seiner Schokolade. »Man darf doch diese üblen Dinge nicht laufen lassen, wie sie laufen? Wenn sich auch ein hilfreicher Weg im Augenblick nicht präsentiert, so hat man als Fürst doch seine Verpflichtungen. Wer Herr heißt, trägt das Schwert nicht umsonst. Man muß die Rädelsführer zu fassen suchen, muß aus dem Weg räumen, was der Ordnung _contre coeur_ ist. Ein Fürst, der es unterließe, wäre ein Erwürger seiner eigenen Herrschaft.«

Der Pfarrer bekam eine rote Stirn. »So sprachen wohl auch die römischen Cäsaren, als sie das Christentum zu verfolgen begannen. Haben sie es ausgerottet?«

Anton Cajetan verlor seine gebesserte Laune wieder. »Christentum und evangelische Narretei sind verschiedene Dinge.«

»Für Euch als Priester. Nit für Euch als Fürst. Ist das deutsche Blut im Schwedenkrieg umsonst geflossen? Sind die Protestanten nach den Satzungen des Westfälischen Friedens nit privilegiert im ganzen Reich?«

Der Fürstpropst, vom Sessel aufspringend, vergaß seiner Würde so weit, daß er mit der Faust wie ein Bauer losdrosch auf die Tischplatte. »Diese siebentausend Rebellen meines Landes *sind* keine Protestanten. Das sind hirnverdrehte Schwarmgeister, die ihren Wahn herausspinnen aus besoffenen Gehirnen. Diese verrückten Kujons haben doch niemals noch einen Prediger ihres Glaubens gehört.«

»Vielleicht ist eben deswegen ihr Glauben so fest!«

»Oh? Pamphletierst du gegen den eigenen Stand?«

»Das nit! Ich glaub, daß für die Menschen nichts nötiger ist als eine hilfreiche Seelenweisung. Aber es kann die Schwachgewordenen nit arg im Glauben festen, wenn neben dem Priester allweil der Muckenfüßl mit seinem gefährlichen Notizbuch steht: Brauchst du das Weihwasser und den Rosenkranz? Glaubst du ans Fegfeuer? Und wenn du nit glauben magst, so mußt du zahlen!«

Der Fürstpropst wurde nachdenklich.

Das sah der Pfarrer und sagte mit herzlicher Mahnung: »Ihr spürt es doch in Euch selber, daß da endlich ein Wandel kommen muß. Lieber Herr! Schauet das Leben doch an! Sonst überall ist Wahl und Freiheit. Was tät man sagen, wenn der Muckenfüßl austrommeln wollt: >Subjekt, du darfst nur den schwarzen Rettich essen, nit den weißen!< Oft vertragt einer halt den schwarzen nit, weil er so raß ist.«

Empört fuhr Anton Cajetan auf: »Vergleichst du die Religion mit einem Rettichschwanz?«

»Ach, Herr, so ein kleines, unverdauliche Schwänzl hat *jedes* Ding auf der Welt.«

»Das sind Parabeln, auf die ich mich nicht einlassen kann.« Heißer Unmut begann im Fürsten zu wühlen. »Das Volk ist undankbar. Es sollte kapieren, daß es heute besser dran ist, als in vergangenen Zeiten.«

»Besser?« Der Blick des Pfarrers war wie ein Rückschauen in grauenvolle Bilder. »Wahr ist's, der Henker hat ein bißl weniger Arbeit heut, als vor hundert Jahren. Da hat man dem deutschen Land durch Ketzerbrennen, Ersäufen und Köpfen eine schauderhafte Zahl von rechtschaffenen Leuten entzogen. Und hat für die Kirch nichts anderes zustand gebracht als üblen Geruch.«

»Sie hat ihren Schaden observiert und hat es abgestellt.«

»Um ihre widerspenstigen Kinder leben zu lassen und sie lieber so lang zu peinigen, bis sie die Rute küssen.«

Der Fürst machte echauffiert einen Gang durch das Zimmer und sagte gereizt: »Rom könnte nicht mehr bleiben, was es ist, wenn es aufhören wollte, die Widersacher zu bestrafen. In solchen Dingen muß man konsequent sein.«

»Was hat's geholfen, Herr? Aus lauter römischer Konsequenz ist das halbe deutsche Reich schon lutherisch. Und haben die justiziarischen Seifenschläger bei uns nit ausposaunt: das Land ist rein, und wollt man suchen mit des Diogenes Latern, es wär kein Evangelischer nimmer zu finden. Und jetzt? Siebentausend bei uns! Und in Salzburg waren es über die Dreißigtausend! Gefahr und Ketten, Not und Armut haben die Salzburger lieber ertragen wollen, als untreu werden ihrem Seelentrost. Man hat die Weiber aus den Armen der Männer gerissen, Tausende von Kindern hat man ihnen weggenommen --«

»Ludwig?« unterbrach Herr Anton Cajetan. »Hast du geheime Verbindung mit Salzburg? Da müßte ich deiner Neugier einen Riegel vorschieben.«

»Mich wird er nit drucken, Herr!« Der Pfarrer zog den Atem rückwärts, um nicht niesen zu müssen. »Drucken und einengen wird er nur Euch. Verschließt alle Grenzen mit eisernen Mauern und tausend Musketieren -- die Botschaft, die Euer Völkl hören *will*, wird allweil einen Weg zu seinem Herzen finden.« Er streckte die Hände. In seiner Erregung fiel es ihm nicht auf, wie schnell der Allergnädigste vor der Infektionsgefahr retirierte. »Herr! Ich bitt Euch, laßt Euch raten von mir! Rühren Euch die Kanzleischöpse einen bösen Brei in den fürstlichen Topf, so seid doch Ihr es, der ihn austunken muß. Was in den Siebentausend zu heißem Leben geboren ist, das macht der Muckenfüßl nimmer zum Kadaver. Das ist in ihnen wie gesundes Frühlingsholz. Versenkt es in Eurem Königssee bis auf den Grund, beschwert es mit Steinen, laßt eine Eisdeck drüberwachsen! Das Eis wird springen, die Felsbrocken werden zerfallen, und das gute Holz steigt wieder in die Höh. Es wird aus der schmerzhaften Tief heraufbrausen mit einem Stoß und Auftrieb -- -- das könnt Euch umschmeißen, Herr!«

Der Fürst war bleich geworden, ging hastig zur Tür und schrie in den Flur hinaus: »Ist dieser gottverlassene Filou noch immer nicht zurück?« Man hörte die verneinende Antwort eines Lakaien.

Stumm betrachtete Pfarrer Ludwig den Fürsten, jäh herausgerissen aus aller keimenden Hoffnung. Der Ausdruck schweren Kummers sprach aus seinem verschwollenen Gesicht, aus den vom Schnupfen tränenden Augen.

Anton Cajetan hatte die Türe krachend ins Schloß geworfen, wanderte hilflos durch die prunkvolle Stube und sagte ein paarmal flink hintereinander: »Das muß man überlegen! Das muß man sich doch überlegen!«

»Ja, Herr! Ein füreiliger Entschluß könnt Euch ein böses Sträßl in die Zukunft bauen.« Die Stimme des Pfarrers klang so hart, daß der Fürst verwundert aufsah. Ganz still war's einen Augenblick in dem großen Raum. »Zu End müssen wir das allweil reden, Herr! Ich tu's und wenn's um den Hals geht.«

»Eine anrüchige Einleitung! Was willst du sagen?«

»Ich mein', es handelt sich da nit *nur* um Gott und Himmel. Es kommt mir so für, als tät hinter dem unverträglichen Eigensinn, mit dem die Katholiken und Evangelischen gegeneinander hadern, noch was anderes stecken. Römisch? Evangelisch? Das liegt doch nit so weit überzwerch, daß man sich unter deutschen Nachbarsleuten nit verstehen könnt.«

Verdrossen murrte der Fürst: »Gott muß sich schön was denken, wenn er dich als katholischen Priester so räsonnieren hört!«

»Da glaub ich erstens, daß Gott was Gescheiteres zu tun hat, als auf mich aufzupassen. Und zweitens mein' ich, daß es ihm gleich ist, ob die Menschen von rechts oder von links zu ihm kommen. Wenn sie nur nit ausbleiben. Und schauet, Herr, zwischen einem Katholiken, wenn es kein schlechter, und einem Evangelischen, wenn es ein rechter ist, wär allweil ein ruhvolles Nebeneinanderleben möglich. Nit zwischen den Hetzern und Streithammeln. Da ist Krieg, bis ihnen die bösen Kräft entrinnen. Ich will hoffen auf den Sieg des Guten. Hoffnung muß das ewige Laster aller Menschheit bleiben. Und da glaub ich, Herr, daß der Hader um die Religion in Deutschland nur halb herausgewachsen ist aus dem Kirchboden. Das geht noch auf was anderes zurück, als auf die sprenkligen Glaubensfarben und auf das dreißigjährige Morden im Reich. Das Ding ist älter. Der Gegensatz im Glauben hat's nur erneut und aufgeblasen zu gefährlicher Unform.«

»Ich verstehe nicht. Was meinst du damit?«

»Den bockbeinigen Eigensinn und die händelsüchtige Rechthaberei der Deutschen! Der tiefe Graben, der überall aufgerissen ist zwischen allen deutschen Stämmen, will ein Sumpfloch werden, in dem das Beste der deutschen Kraft versinkt. Sonst ist die unglückselige Torheit nur daheimgewesen in den Herbergen und Studentenbursen, auf den Märkten und Kirchweihen. Jetzt hängen sich die landsmännischen Galläpfel an alles Große und Wichtige im Reich. Ein verzweifeltes Elend! Überall die gleiche Narretei und Unvernunft: daß man den anderen, weil er anders redet, in anderem Hut oder Kittel geht, allweil minder einwertet als sich selber.«

Ungeduldig sagte Herr Anton Cajetan: »Das war so, seit es Deutsche gibt. Und es wird so bleiben.«

»Dann werden die Deutschen dran zu Grund gehen.«

»Ach, Torheit! Und hat es sich seit zwei Jahrhunderten immer mehr verschärft -- wer ist der Schuldige?«

Der Pfarrer nickte. »Wahr ist's, er hat uns Römischen eine bittere Mahlzeit eingebrockt. Aber wer weiß, ob das Ding mit ihm so weit gegangen wär, wenn man auf unserer Seit ein bißl einsichtsvoller hätt sein können, ein bißl menschlicher und -- weniger konsequent.«

»Ludwig?« fiel Herr Anton Cajetan dem Pfarrer zornig in die Rede. »Willst du nicht lieber gleich hinübergehen zur Ketzerliste und dich inskribieren?«

Der Pfarrer lächelte. »Ich? Nein, Herr! Ich mein' nur, eine Sonn, die sticht, bleibt allweil auch eine Sonn, die geleuchtet hat.« Etwas Heißes und Bestürmendes kam in den Klang seiner Worte, obwohl sie leiser wurden. »Herr? Habt Ihr nie seine Bibel gelesen? Nur um der Sprach willen? Als deutsches Buch?«

Anton Cajetan machte mit den Schultern eine graziöse Bewegung. »Deutsch!«

»Ein kurzes Wörtl! Aber die kürzesten, Herr, sind allweil die tiefsten -- wie Gott und Herz, wie Glück und Not.« Noch leiser wurde die von Erregung bebende Stimme des Pfarrers. »Herr! Des Luthers Bibel, und wär's nur um ihrer kraftvollen und neugeborenen Sprach willen, ist ein Gesundbrunnen, eine heimatliche Erweckung für uns Deutsche. Wie der Heiland gesprochen hat zur Tochter des Jairus, so spricht jedes Blatt dieses Buches zum deutschen Volk: Steh auf und rede! Und *das*, Herr, *das* vor allem ist der geheimnisvolle Zauber, den dieses Buch auf unsere deutschen Bürger und Bauern übt! Da verstehen sie, wenn sie lesen. Und spüren, daß sie dem vaterländischen Boden noch nit entwachsen, noch nit pariserisch oder spanisch geworden sind, sondern allweil noch mit Blut und Herz an der Heimat hängen.« Die hagere Gestalt des Greises streckte sich, und in seinem Blick war ein Hoffnungsglanz, wie in den Augen eines Jünglings, der von den Heiligkeiten seiner Liebe spricht. »Besinnen sich die Herren ihrer Pflicht und Herkunft nit, ihres nötigen Rückwegs in die Heimat, so wird das deutsche Bürgertum und das Volk der deutschen Bauern dem kranken Reich einen Weg zu gesundem Heil und zu neuer Zukunft bauen -- auch *ohne* die Herren!« Pfarrer Ludwig vermochte nicht weiter zu sprechen, weil er heftig niesen mußte, so unerwartet, daß er sich nimmer völlig beiseite wenden konnte.

Der Fürstpropst war in aufmerksamer Spannung nähergetreten. Jetzt wich er fluchtartig zurück, brachte sein Spitzentüchelchen und das goldene Riechsalzfläschl in flinke Tätigkeit und klagte erbittert: »_Eh bien_, nun hast du mir auch noch mitten in die Physiognomie hineingenossen.«

Der Pfarrer tat einen schweren Atemzug. »Das ist traurig, Herr: denken müssen, daß ich Euch vielleicht beredet hätt zu einem verständigen Entschluß -- wenn ich nit katarrhalisch wär. Ja, ja: die kleinen Ursächlen und die betrübsamen Wirkungen!« Er versuchte sich seiner Erregung durch ein heiteres Wort zu entwinden. »Vielleicht wär auch die Welt nit erschaffen worden, wenn sich der liebe Gott vor dem ersten Schöpfungstag im kühlen Chaos ein Tropfnäsl geholt hätt.«

»_Mon cher!_ Du beginnst impertinent zu werden. Es war nicht nur gesundheitsgefährlich, heute mit dir zu konferieren, ich muß auch die Wahrnehmung machen, daß ich mich gründlich in dir getäuscht habe. Inkommodiere mich nicht mehr mit deinem Volk! Wo tauber Same in morastigem Acker fault, da siehst du Frühlingssaat. Dein Volk ist widerspenstig und voll Eigennutz. Dein Volk ist dumm. Dein Volk ist schlecht.«

Das Gesicht des Pfarrers bekam so grimmige Züge, daß es mit seinen häßlichen Warzen dem Antlitz eines mehr als verdächtigen Menschen glich. »Nein, Herr! Das Volk ist weder gut noch bös, ist weder weiß noch schwarz. Das Volk ist grau, wie sein Elend ist. So hat man das Volk mit Seelenzwang, mit Jammer und Not gefärbt. Und nit zu verkennen ist das, Euer Liebden, daß in geistlichen Fürstentümern das Volk weit elender ist, als unter weltlichen Herren. Die geistlichen Fürsten sagen: Selig sind die Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. Und weil sie als Priester wollen müssen, daß jeder selig wird, drum sorgen sie als Fürsten dafür, daß jedermann arm ist.«

In Zorn machte Herr Anton Cajetan eine Bewegung, als möchte er auf den Pfarrer zuschreiten. Doch er hielt sich ferne. »Mein langer Ludovice! Du bist entweder ein großer Mensch, oder ein ganz erstaunlicher Narr.«

»Wofür entscheiden sich Euer Liebden?«

»Für das letztere.«

»Da werde ich mit dem Ratschlag, den ich noch geben muß, kaum Glück haben. Aber geben muß ich ihn. Und daß ich vom fürstlichen Priester hab reden müssen, ist schon eine Staffel gewesen. Den Entschluß, den die Not Eures Lands und die Sorg um das Reich von Euch fordern, könnt Ihr niemals finden als Priester. *Nur* als Fürst. In Euch selber könnt Ihr Euch nit auseinander schneiden. So müßt Ihr den Schnitt zwischen Euch und Eurem Ländl machen.«

»Oh?« Herr Anton Cajetan schien sich sehr zu amüsieren. »Abdanken, meinst du?«

»Wär nit genug.«

»Wie anspruchsvoll!«

Je mehr im Fürsten die Heiterkeit erwachte, um so ernster wurde der Pfarrer. »Schauet das Reich doch an! Wie ist da alles zerstückelt und zerrissen! Festen Halt hat nur das groß und stark aneinander Geschmiedete. Es gibt Stimmen, die sagen, es wär die einzige Genesung der Deutschen: *ein* Volk, *ein* Reich, *ein* Herr! So sag ich nit. Die Stammverschiedenheit ist wie gute Hefengärung im schweren deutschen Teig. Nur fest aneinanderschlingen müßt man sich. Und müßt das wüst ins Unkraut schießende Spötteln, das sinnlose, hochmütige, blitzdumme Aufmucken unterlassen, bei denen im Süden wider die im Norden, bei den Schwaben gegen die Sachsen, bei denen im Norden wider die im Süden. Ist denn das um Herrgottswillen so ein schweres Kunststück, von einem Bruder zu sagen: So ist er, und wie er ist, so müssen wir ihn nehmen und nutzen!«

»Laß das!« unterbrach der Fürst. »Was geht das *mich* an! Ich bin kuriös auf dein Rezept.«

»Wollt Ihr handeln als deutscher Fürst, so müßt Ihr aus der Landsnot, die Euch bedrückt, einen Nutzen heraushämmern für das Reich. Müßt helfen dazu, ein Fürbild der Verträglichkeit zu geben. Müßt helfen dazu, daß ein gewichtiger Teil im Reich noch standhafter ins Wachsen kommt.«

»Ich verstehe deine sibyllinische Weisheit nicht.« Der sarkastische Ton verriet, daß Herr Anton Cajetan doch schon ein bißchen was zu ahnen begann. Es gewitterte sehr merklich in seinen schwarzgefärbten Augenbrauen.

»Beugt sich in Euch der Fürst vor dem Priester, so macht Ihr unser Völkl elend, und Euer Land verblutet. Stellt Ihr den Fürsten *über* den Priester, laßt Ihr Euch das Landwohl nit verpanschen von der berühmten Konsequenz und macht Ihr Frieden mit den Siebentausend, so fallt Ihr in Streit und Hader mit allen Hitzköpfen unseres geweihten Standes. Herr! Da gibt's nur einen einzigen Ausweg.«

Die bleichen Lippen des Fürsten wurden schmal. »Und welchen?«

»Erlöst Euch selber und Euer Land aus allem Zwist, stärket durch Euer Bröckl Fürstenherrlichkeit ein gesundes Land im Reich und bindet den Berchtesgadnischen Sehnsuchtswinkel an das feste Bayern. Da seid Ihr als Fürst, wie als Priester, ledig aller Not und habt den Ärger und die giftigen Schulden los. Der neue Landsherr wird mit reichen Mitteln den stockenden Blutsaft unseres Völkls wieder in Gang bringen und wird sich als weltlicher Fürst mit den Siebentausend so leicht verständigen, wie es für Euch als fürstlichen Priester unmöglich ist.«

Anton Cajetan legte die Hände hinter den Rücken. »Du? Bist du ein bezahlter Emissär des bayrischen Churfürsten?«

»Herr!« Es dauerte eine Weile, ehe der Pfarrer weitersprach. »Das muß ich heiter nehmen. Wär' es ernst, so müßt ich mit Kummer fragen: Was ist siebzigjährige Treu eines Untertan gegen sein Land und seinen Fürsten? Und die Antwort tät lauten: Eine schauderhafte Dummheit!«

Es war dem Fürsten anzumerken, daß Zorn und Verstand, Stolz und Hilflosigkeit einen harten Kampf in ihm ausfochten. Er begann französisch zu sprechen und kehrte wieder zu seinem ungeliebten Deutsch zurück: »Mag sein, daß ich mich im Wort vergriffen habe. Aber ich kapiere noch immer nicht, wie du dich einer solchen Kühnheit vermessen kannst.«

»Kühnheit? Das ist nur ein schmerzhaftes Rechenexempel. Handel und Steuern gehen rückwärts, die Schuldzinsen fressen bei Butz und Stingel auf, was eingeht, und das Borgen wird allweil hoffnungsloser. Lang wird's ohnehin nimmer dauern mit der Stiftsherrlichkeit zu Berchtesgaden. Und Eure Landsnot mit entschlossenem Mut verwandeln in einen deutschen Hilfswillen? Herr? Wär das nit schöner als der fürstpröpstliche Bankerott und das Elend der Siebentausend, die heut noch an Seelenfreiheit und Erlösung glauben?«

Ratlos faßte Herr Anton Cajetan seine gepuderten Locken zwischen die schönberingten Hände. »Wenn's nicht so wahr wäre! Zum Verzweifeln ist das!« Er fiel auf einen Sessel und sagte kleinlaut: »Du meinst also?«

Im Pfarrer schien eine neue Hoffnung zu erwachen. Doch beim ersten Schritt, den er machte, um seinem verzagten Fürsten näher zu sein, wehrte Anton Cajetan erschrocken: »Nein! Bleibe, wo du stehst! Ich fühle bereits, daß ich niesen muß.« Ein paar französische Jammersätze. Dann ein deutscher Ausbruch seines verstörten Zornes. »Glaubst du denn, man legt einen Fürstenhut ab, wie man eine Perücke zum Frisieren gibt? Und die vielen, die da in Mitleidenschaft geraten!« Anton Cajetan sprach im Plural, obwohl er nur an ein Persönchen im Singular dachte. »Aber ich muß gestehen, die Dinge liegen so desperat -- ich werde nicht umhin können, meiner fürstlichen Seele diese schwere Dezision --« Das Zeitwort blieb ungesprochen. Lauschend hatte der Fürst die weißen Locken erhoben. Bevor er den Sessel noch verlassen konnte, kam der Lakai mit einem gesiegelten Schreiben auf silbernem Teller. »_Ah, ah, bienvenu, mon cher!_« Halb noch zitternd, halb schon wieder lächelnd, brach der Fürst mit ungeduldigen Fingern das große rote Siegel auf, schickte gnädig den Lakai aus dem Zimmer und begann zu lesen. Je mehr sein blasses Antlitz während des Lesens sich aufheiterte, um so bleicher wurde der Pfarrer. Als er sah, wie fröhlich der Fürst das Schreiben in seinem Frack verwahrte, sagte er ruhig: »Ich schätz die Salzburger Hilf auf fünf-, sechshundert Musketier und ein Dutzend Kapuziner. Hätten Euer Liebden Geld oder einen deutschen Rat verlangt, so wär die Antwort magerer ausgefallen.«

Mit halbem Lachen fragte der Fürst: »Hast du mir, während ich las, über die Schulter geguckt?«

»Nein, Herr! Ich hab mein katarrhalisches Bannfleckl nit verlassen. Aber die Gradschauenden kommen allweil in den Verdacht, daß sie um die Mauer blinzeln.«

»Du solltest dich hüten, irgendwie in Verdacht zu geraten. Da wär es möglich, daß du mißliebige Experienzen machen mußt.«

»Soll's kommen, wie's mag, ich kann noch allweil von Glück sagen. Wär ich vor hundert Jahren geboren worden, mit meinen zwei grauslichen Warzen im Gesicht, so hätt' ich als Teufelsbündler auf den Scheiterhaufen müssen.« Ein versunkenes Lachen. »Es ist unverkennbar, Zeit und Menschen gehen nach aufwärts.«

Herr Anton Cajetan wurde überaus liebenswürdig. »Mein guter Pfarrer! Du hast die Warzen nicht nur im Gesicht, auch im Gehirn und an der Seele. Das kann lebensgefährlich werden.«

»Vielleicht! Aber schauet, Herr, ich bin von den Glücklichen einer, denen nichts mehr geschehen kann. Mein Gott ist mein Gott. Jeder Tag bringt mich vorwärts auf dem Weg zu ihm.«