Part 17
Pfarrer Ludwig schrie mit seiner vom Schnupfen noch heiseren Stimme: »Die hohen Stiefel! Flink!« Als er allein war, runzelte er die Stirne wie unter angestrengter Gedankenarbeit. Er sprang zum Kasten, zerrte einen Mantel heraus, der farbig und gebändert war wie weltliche Herrentracht, ballte ihn zu einem Knäuel zusammen und schob ihn hastig ins Ofenloch. Das gab ein hurtiges Feuer. »Es stinkt ein bißl, aber hilfreich ist es.« Pfarrer Ludwig lachte. »Der Schlüssel im tiefsten Brunnen! Der Totengräbermantel in der schönsten Glut!« Nun flink hinüber zum Schreibtisch. Er ließ das Geheimfach aufspringen, zerriß drei lateinisch beschriebene Blätter in kleine Stücke und beförderte sie ebenfalls in die Flamme. »Früher hat man die Klugen selber verbronnen, jetzt röstet man nur noch ihren Verstand. Allweil duldsamer wird die Menschheit.« Aus einer Lade nahm er zehn Guldenstücke und zwanzig Sechser, legte die Münzen schön geordnet in das Geheimfach, ließ die Feder wieder zuschnappen, zog in der Stube alle Schlüssel ab und schob sie in die Tasche. Als ihm die Schwester die Stiefel brachte, fuhr er mit den Füßen hurtig in die Schäfte. »Nach Rosenwasser riechen sie nit. Der Gnädigste wird das Näsl verziehen.« Er nahm den Radmantel um und stülpte schmunzelnd die schwarze Pelzkappe übers weiße Haar. »So, Schwester, tu mir das Haus schön hüten! Und kriegst du Besuch, so unterhalt dich gut!«
Bevor er hinaustrat in den jungen Schnee, spähte er nach den Fenstern des Chorkaplans Jesunder und konnte gewahren, wie Frau Apollonia zurückfuhr von ihrem Lauerposten. »So so?« Er schlug den Radmantel um die Schultern, wanderte gegen das Stift, blieb wieder stehen und blickte heiter dem flinken Menschenkind entgegen, das herankam durch den Vorhang der weißen Himmelsfäden. Flaumig hing der Schnee am Federtuff des spanischen Hütls. Schultern und Ärmel des grünen Mantels waren versilbert. Kein Gebetbuch, kein Rosenkranz. Zwischen den Händen, die aus den Mantelsäumen herauslugten, zitterte ein braunes Tiegelchen, das mit einem Schweinsblasenfleck überbunden war. »Guten Morgen, Kind! Wohin denn im tiefen Winter?«
»Zur Mutter Agnes.«
Der Hochwürdige schien zu erschrecken. »Ich kann doch nit denken, daß dein besonnener Vater dich schickt?«
»Ich geh von selber.« Sie atmete schwer. »Die Mutter Agnes ist eine Gutgläubige.«
»Freilich! Aber in ihrem Haus, da liegt doch einer, der zur bösen Lawin der Siebenthalbtausend den ersten Schneeballen hat laufen lassen?«
»Wie alles ist, weiß bloß ein Einziger.« Sie hob das vergrämte Gesicht zur weißverschleierten Höhe.
»Kind? Warum hast du Tränen in den Augen?«
»Weil ich allweil denken muß --«
»An den Leupi und seine Schmerzen?«
Sie schüttelte den Kopf. »An den Kummer Gottes.«
»Freilich!« Der Pfarrer nickte. »Gott muß sorgenvolle Zeiten haben. Erschafft einen prächtigen Buben, hat seine Freud an ihm, und jetzt liegt er in Blut und Schwären.« Er legte die Hand auf ihren Arm. »Ich hätt dir den heutigen Weg gern ausgeredet. Aber ich merk, du tust dich da nimmer halten lassen. Was christliche Barmherzigkeit ist, versteh ich doch auch. Jeder gütige Menschenweg bleibt allweil ein Sträßl Gottes. Und was ich dir neulich gesagt hab über deinen Vater? Also? *Ist* er jetzt einer von den Siebenthalbtausend?«
»Wär's gekommen, wie ich geforchten hab, ich hätt's nit überlebt.« In ihren großen nassen Augen erwachte ein froher Glanz, als wäre das die einzige Freude dieser harten Zeit: »Jetzt glaub ich, daß der Vater glaubt.«
»Siehst du! Hat man nit grad vier überflüssige Buchstaben im Hirn, so kommt man schließlich im Leben hinter jede Wahrheit. Geh mit Gott, mein Luisichen!« Lächelnd segelte der Hochwürdige in den langen Schmierstiefeln über die weiße Welt, aufmerksam begleitet vom Späherblick der Mutter Apollonia. Frau Jesunder leistete dabei eine zwecklose Arbeit. Daß Pfarrer Ludwig zum Fürsten berufen war, das wußte sie schon, wußte sogar noch mehr, hätte aber auch gerne gewußt, welche Richtung das grüne Mäntelchen einschlug. Doch bis die neugierige Mutter Apollonia in ihrer Behausung zu einem winzigen Hinterfenster sprang, durch das sie die Welt nur in notwendigen Ausnahmefällen zu betrachten pflegte, war Luisa nimmer zu entdecken.
Sie hatte bereits das Mälzmeisterlehen betreten. Zitternd stand sie da im Flur und betrachtete ratlos die drei geschlossenen Türen. Ach, wie viel Herzklopfen verursachen die Wege der christlichen Barmherzigkeit!
In dem kleinen Flur war nichts Katholisches, nichts Evangelisches zu gewahren. Ein bißchen roch es nach Seife und lauem Wasserdampf. Doch mehr nach Frühling. Hopfenproben und geröstete Gerste duften kräftiger als manche Blumen.
Von den drei Türen war es die nach der Gartenseite, zu der man das größte Vertrauen haben konnte. Die Küchentür. Als Luisa sie öffnete, sah sie zwei Wasserbottiche mit blutfleckiger Bettwäsche und sah eine schlafende Frau. Wahrhaftig, man konnte glauben, daß Mutter Agnes schlief. So unbeweglich saß sie auf dem spreizbeinigen Bänkl über das Gesims des Gartenfensters hingesunken, vor dem der Fall der Schneefäden herunterging, und hielt das Gesicht in den Armen vergraben. Über den entblößten Scheitel rieselte ein schauerndes Zucken. Frau Agnes hörte nicht, daß jemand gekommen war. Erst diese lispelnde Stimme weckte sie: »Liebe Meisterin --« Da fuhr sie auf, als sähe sie ein Wunder. »Kindl? Du?« Luisa nickte: »Schau, da hab ich ein wehstillendes Sälbl gekocht und hab's in lindem Feuer viermal geläutert. Gestern, wie noch heller Himmel gewesen, hab ich es klären können in der Sonn. Und heißer hab ich gebetet dabei, als je im Leben.« In den zitternden Händen hielt sie ihr das braune, mit Schweinsblase verschlossene Tiegelchen hin. »Magst du es haben?« Mutter Agnes versuchte zu lächeln, blieb stumm und beugte den Kopf. »Jesus!« stammelte Luisa. Erst jetzt gewahrte sie dieses Erschreckende. Die Mälzmeisterin, deren Scheitel am Sonntag vor dem Holz der Unehr noch blond gewesen, war in fünf Nächten grau geworden.
In der stillen Küche knisterte das Herdfeuer, und das siedende Wasser brodelte. Das war wie eine verträumte Stimme, die gerne singen möchte, aber nur die Weise findet und kein Wort dazu.
Frau Agnes erhob sich und legte den Arm um Luisas Schultern. »Komm!« Sie führte das Mädchen in den Flur und vor eine Tür, die sie öffnete. »Da, schau!« Es war seine Kammer. An einem Zapfenbrette hingen allerlei Jagdgeräte, die Schneereifen und Steigeisen, der Bergsack, die stählernen Schlagfallen für den Fuchsfang, die neue Feuersteinflinte und eine Armbrust aus Urgroßvaters Zeiten. Eine schmale weiße Stube, ohne Ofen, mit spärlichem Gerät, so alt, wie die Armbrust war. An der Mauer ein kleines Kruzifix. In der Ecke, dem tief in der Mauer sitzenden Fenster gegenüber, stand das plumpe Bett, mit einer grauen Wildschur und mit Kissen, von denen der Überzug heruntergenommen war.
Luisa entfärbte sich.
»Schau, da hat er noch gestern gelegen, so klaglos und gottsfreudig wie einer von den Heiligen, die sie gemartert haben.« Frau Agnes streichelte ein Kissen, das feuchte Flecken hatte. »In der Nacht ist der Wildmeister gekommen, mit zwei Jägerknechten. Die haben ihn im blutigen Verband auf ein Rößl gehoben und haben ihn fortgeführt, ich weiß nit, wohin.«
Wie eine Erlöste atmete Luisa auf.
Da sah die Mälzmeisterin sie an. »Ach, Kindl, wie tust du zittern! Komm, setz dich ein bißl daher!« Sie zog die Widerstrebende auf das leere Bett ihres Sohnes. »Mein Alter meint, die Herren hätten den Buben bloß fortgeschafft, daß er den Leuten aus den Augen wär. Krieg ich Botschaft, wo er ist, so schick ich ihm gleich dein Tiegerl, gelt!« Sie konnte lächeln. »Ob's heilsam ist oder nit, es wird ihm wohltun. Darf ich es ihm sagen?«
»Was, Meisterin?«
»Daß es von dir ist.«
Sie nickte.
»Und daß du ihm gut bist?«
»Ja, Mutter!«
»Und daß ihr zwei, wenn die verständigen Zeiten wieder einkehren --«
Luisa bekam das strenge Klostergesicht. »Das nit! Eine Hoffnung tät Sünd werden. Er ist drüben, ich bin, wo ich sein muß. Da ist kein Weg nimmer.«
»Eins von euch beiden muß doch fügsam werden. Wie soll's denn enden?«
Ein Lächeln. »Mit einem einsamen Tod.«
Das ging der Mälzmeisterin gegen die gesunde Natur. »Ach geh, du Schäfle! Tät ich vom Sterben reden, so hätt's Verstand. Bei dir ist's Narretei. Das mach ich dir nit zum Fürwurf. Ist doch die halbe Welt verdreht!« Der Zorn war in dieser ausgeglichenen Frau eine seltene Sache. Jetzt wurde er wach. »Tät unser Herrgott doch endlich einmal einen Stecken nehmen und die ganze hirnkranke Menschheit so lang karbatschen, bis sie alle betteln: Hör auf, wir wollen verstandsam bleiben!« Sie wurde ruhiger und klagte: »Er tut's halt nit. Der muß einen Geduldfaden haben, daß man ihn auf der Weltkugel nit aufknäulen könnt in hunderttausend Jahr. Freilich, unser Herrgott hat Zeit zum warten. Wir Menschen nit. Komm, Kindl! Wir wollen ein Wörtl reden mit ihm. Eine schmerzhafte Mutter und von allen Jüngferlen das frömmste. Da *muß* er doch hören! Meinst du nit auch?«
»Ja, Mutter Agnes!«
»Aber das Tiegerl mußt du auslassen. Schau nur, was du für glühheiße Händlen hast! Was Heilsams muß allweil kühl haben.« Sie stellte den kleinen braunen Tiegel an das Fenster, dessen Scheiben mit Schnee behangen waren. »So, Kindl!«
Nun knieten die beiden vor dem Kruzifix auf die frischgescheuerten Dielen nieder und falteten die Hände. Aus aller Frömmigkeit ihres Herzens sprach Mutter Agnes den >Notschrei der wahren Christen im tiefsten Elend<. Und Luisa, mit einer von Süßigkeit durchfieberten Inbrunst, betete die Worte: »Hilf uns, o Herr! Hilf uns, Du Gütiger und Gerechter, Du Allbarmherziger! Hilf uns, Du ewiger Vater!« Das hatte sie schon hundertmal gebetet, mit einer Seele, die nur glauben konnte, nicht denken. Jetzt zum erstenmal zuckte ihr durch die Verzückung des Gebets ein menschlicher Gedanke: »Christen sind sie doch auch! Die von da drüben! Sie glauben an Gott und Erlöser. Da sind sie doch keine Heiden nit!« Sie mußte zittern, beschuldigte sich einer schweren Sünde und empfand doch eine Freude, die den Klang ihrer betenden Worte noch heißer und inniger machte. --
-- Um die gleiche Stunde betete auch ein anderer, nur in taumelnder Seele, mit stummen Lippen, die sich so matt bewegten wie der Mund eines Verschmachtenden. Sein Gesicht glühte, seine Augen waren geschlossen, sein Körper wurde geschüttelt vom Wundfieber. Im Hallturmer Jägerhaus, das nur einen Büchsenschuß von der bayerischen Grenze entfernt stand -- in einem Bodenraum, über dem die Lücken des Schindeldaches verkrustet waren mit angewehten Schneeklumpen -- lag er ausgestreckt auf dem Heu, in seinem Bergjägerkleid, mit nackten Füßen. Rotgesprenkelte Wundverbände umwanden die Fußknöchel, die Handgelenke und den Hals.
Nun zuckten seine Glieder. Der wachsende Schmerz hatte ihn aus dem Fiebertaumel gerüttelt. Halb sich aufrichtend, ließ er die heißen Augen hingleiten über die niedere Balkenwand und über die Schneekrusten, die zwischen den Schindeln hingen. Undeutlich hörte er aus dem Unterstock des Hauses eine fluchende Stimme heraufklingen. Und sein Blick fragte: Wo bin ich? Er schloß die Augen wieder. »Herr, wenn ich Dich nur hab --« Die Worte des Gebetes flüsternd, fiel er zurück aufs Heu. Sein zerrissenes Erinnern mischte sich mit jagenden Fieberbildern. Er hörte die Mutter reden, sah ein Gewoge von Köpfen und Schultern, fühlte den schmerzenden Druck der Eisenbänder, die zu glühen schienen, vernahm das schöne Brausen des evangelischen Bekennerliedes, sah zwei Augen, die er mehr als sein Leben liebte, spürte einen Becher an den Lippen und hörte eine zärtliche Stimme: »Komm, tu trinken.« Er lächelte, und mit diesem Lächeln schlief er ein.
Es knarrte auf der hölzernen Treppe. Aus dem offenen Stiegenloch tauchte ein geselchtes Mannsbild heraus, lang und dürr, mit einem weißen Schnauzer in dem mageren, wettergebräunten Gesicht, mit wasserblauen, mißmutigen Augen. Das war der fürstpröpstliche Grenzjäger Matthias Schneck. Der staatsmännische Auftrag, den ihm der Wildmeister hinterlassen hatte, war ihm ungemütlich. »Kreuzteufel und Elend!« knirschte er vor sich hin, während er aufmerksam den Schlafenden im Heu betrachtete. Ein guter und fester Jäger war der Leupolt, von der ganzen Berchtesgadnischen Jägerei der beste, freilich, aber halt auch ein Ketzer, ein ewig verfluchter! So was hat ein guter Katholik wie der Hiesel Schneck nicht gern unter Dach. »Teufel, Teufel, eine abgestochene Sau wär mir lieber im Haus.« Nach diesem Weisheitsspruche zog der Alte den Schnauzer zurück, tappte über die steile Stiegenleiter in die Herdstube hinunter, zog über seinem Kopf die Bodenklappe zu und schimpfte: »Kreuzteufel und narrischer Himmelhund! Allweil und allweil schlaft er!«
»So?« erwiderte ein kleines, abgearbeitetes Weibl mit versunkenen Kinderaugen in einem weißen Runzelgesicht. Weil sie das kurze, nur wenig über die Knie reichende Röckl trug, sah sie noch kleiner aus, als sie war, und glich einem braunen Borkenstöpsel, der auf zwei weißbeinernen Stricknadeln steht. Auch schien es ihr an häuslichem Verstand zu mangeln. Sie kochte was in einer kleinen Pfanne, für die ein winziges Feuer ausgereicht hätte; aber auf dem Herdstein rauschte eine große Flamme, von der eine sengende Hitze ausging. Und noch immer legte das Weibl einen Ast um den anderen dazu. Und sagte: »Du! Schneck! Wann's dir nit recht ist, daß er schlaft, so hättst ihn ja wecken können.«
»Wecken? Wecken?« Ganz rasend wurde der Hiesel. »Du Gans ohne Federn! So was tut man doch nit.«
Das Weibl schmunzelte. »Warum denn nit?«
»Höll, Himmel und Haberstroh! Hast nit ein *bißl* Verstand unter dem Hafendeckel? Ein einzigsmal seit der Ewigkeit hat unser grundgütiger Herrgott ein boshaftes Stündl verspürt, und da hat er ihm so ein Weiberleut ausstudiert! Kreuz Teufel, enk sollt man hauen den ganzen Tag. Der hat vierundzwanzig Stündlen. Wann sie nit reichen, könnt man die Nacht noch hernehmen dazu! Verstehst?«
»Ja ja, Schneck, versteh schon!«
»Also, in Gotts Namen!« Er setzte sich auf die Mauerbank und begann für einen Schneemarsch die Filzgamaschen um die Waden zu schnüren. So oft der Riemen nicht in die Haftel schlüpfen wollte, gab's einen fürchterlichen Fluch. Das Fluchen ist ein verhölltes Ding, und wo sich der Teufel rührt, wird's finster. Wohl möglich, daß die alten Balkenmauern in den fünfunddreißig Jahren, seit der Schneck und die Schneckin zwischen ihnen hausten, vom vielen Fluchen des Hiesel so schwarz wurden. Augenblicklich waren diese teufelsfarbenen Wände auch noch angeglüht von der großen Flamme. Alles in der Stube funkelte, der ganze Herd mit der Rauchmuschel darüber, in der anderen Ecke das zweischläfrige Bett mit den hochgetürmten Kissen, in der dritten Ecke der Tisch, in der vierten der alte Geschirrkasten und die Geweihstangen, die als Kleiderrechen an die Balken genagelt waren. Kaum merkte man inmitten dieser Funkelglut, daß es draußen Tag war. Auch sonst hatte die Stube noch was Höllisches. Neben der Tür, die ins Freie führte, ging ein niederes Türchen in den Geißstall. Da trug man an den Sohlen immer was über die Schwelle. Drum roch es beim Hiesel Schneck -- außer nach Ruß, nach Rauchtabak und geschmierten Bergschuhen -- auch sehr heftig nach Ziegenpillen und Bockmist. Dennoch merkte man es der Stube an, daß sie behütet wurde von zwei fleißigen Frauenhänden. Gegen den Stallgeruch konnte die Schneckin nicht aufkommen, weil sie sich seit dreißig Jahren an ihn gewöhnt hatte und nur selten merkte, daß er da war. Die Ziegen hatten alle paar Jährchen gewechselt, der Geruch war der gleiche geblieben. Auch der Hiesel Schneck. Der hatte schon vor fünfunddreißig Jahren, in der ersten Woche nach der Hochzeit so lästerlich geflucht. Das war der jungen Schneckin hart auf die Seele gefallen. Und eines Tages hatte sie gebettelt: »Tu dich doch nit allweil so versündigen, Mann!« Da hatte er in Zorn gebrüllt: »Kreuzteufel, Himmelhund und Höllement! Wer sagt denn, daß ich mich versündig? Wie denn? Wann denn? Wo denn?« Seit damals wußte die Schneckin, daß das Sakermentieren am Hiesel nur eine Haut war, wie am Fichtenbaum die Borke. Die ist rauh, das Holz ist gut. So gewöhnte sich die Schneckin an die höllmentischen Borsten ihres Schneck, wie sie sich um der guten Geißmilch willen an die Düfte des Bockmistes gewöhnen mußte. Länger als ein Vierteljahrhundert hatte sie der Schneckischen Flüche nimmer geachtet. Erst im vergangenen Herbste hatte sie wieder Ohren dafür bekommen. Das ließ sie den Hiesel aus triftigen Gründen nicht merken.
Als er die Filzgamaschen prall an seine Waden hingeflucht hatte, nahm er Branntwein und Ziegenkäs in den Bergsack, hängte die Feuersteinflinte hinter die Schultern, warf den Wettermantel drüber und sagte leis: »Paß auf, Schneckin! Das Süppl, Kreuzteufel, das muß er haben! Aber ordentlich versalzen mußt du's. Verstehst?«
»Wohl, Schneck, versteh schon. Ich salz, daß der Bub verdursten muß über Nacht.«
»Höllement und Himmelhund, verstehst du denn nit, du Schaf ohne Woll! Nit gar so fest! Bloß daß er merkt, wie gut er's überall haben könnt, viel besser als wie bei uns. Verstehst?«
»Ja ja, Schneck, gut versteh ich.«
»Daß er frieren muß da droben, wie die Feldmaus an Weihnächten, das wird mithelfen. Und du mußt ihm halt allweil fürreden, daß er keine hundert Sprüng nit braucht bis zur bayrischen Grenz. Verstehst?«
»Ja, Schneck, versteh schon. Allweil stell ich mich ans Bodenfenster und sag: ja guck nur, guck, wie gut man von da den Grenzbaum sieht!«
»No also! Endlich verstehst ein bißl! Und wirst wohl wissen, wie's der Wildmeister haben will. Kein Wörtl von der luthrischen Narretei. Tu fürsichtig das Maul halten! Wir zwei sind gute Christen. Kreuzhöllement! Unser Herrgott ist unser Brot. Verstehst? Wie flinker er nüberspringt ins Bayrische, um so lieber ist es den Herren. Verstehst?«
»Wohl, Schneck, versteh schon! Wenn's nächtet, ist der Bub nimmer droben am Heuboden.«
»Gott soll's geben!« Der Hiesel ging zur Türe. »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie.«
Ruhig sagte das kleine Weibl am Herd: »Von nun an bis in Ewigkeit Amen!« Und legte drei schwere Holzprügel in die große, rauschende Flamme.
»Höll, Himmelhund und narrische Fasnacht, was tust du denn so unsinnig feuern, Weib?«
»Daß ich nit frieren muß.« Dabei rannen der Schneckin die Schweißperlen über das von der Hitze halb gebratene Gesicht. »Verstehst?« Nein, das verstand der Hiesel nicht. Er fing über die Dummheit der Weiber wie ein Wilder zu fluchen an und schlug die Türe hinter sich zu. Man hörte noch immer seine wütenden Himmelhunde bellen, als seine Schritte schon versunken waren im tiefgewordenen Schnee. Kaum er draußen war, sprang die Schneckin zur Treppe hinüber und lupfte die Bodenklappe, daß die Wärme hinaufströmen konnte. Und wieder zum Herd, und wieder ein paar feste Prügel ins Feuer. Sie kostete, was sie gekocht hatte, und weil die Milchsuppe ein bißchen nach dem Geißstall bitterte, rührte die Schneckin ein Löffelchen Honig hinein. Daß einer im Wundfieber nichts Heißes trinken soll, das wußte sie auch. Drum sprang sie in den weißen Flockenfall hinaus, um das Blechschüsselchen mit der dampfenden Suppe im Schnee zu kühlen. Wieder kostete sie und nickte zufrieden. In der Art, wie die Schneckin das alles tat, war etwas Mutterhaftes. Sieben Kinder hatte sie ihrem Höllementshiesel geboren, alle in dieser schwarzen Stube, und keines hatte sie behalten. Drei waren an den Blattern gestorben, die zwei ältesten Buben dienten bei der Schellenberger Saline, der dritte war Soldat bei der Reichsarmee, und das jüngste von ihren Kindern, ihr liebes Mädel, hatte im vergangenen Sommer einen Halleiner Knappen geheiratet. Bei der Schneckin waren nur der Hiesel, seine Himmelhunde und der Bockmist geblieben.
Achtsam trug sie das kühle Schüsselchen über die steile Treppe hinauf, huschelte sich neben dem Schlafenden ins Heu, betrachtete sein glühendes Gesicht und streichelte den Wundverband an seinem Handgelenk. Dann saß sie unbeweglich, bis der Schlummernde zu erwachen schien. Sie schob ihm sacht die Hand unter den Nacken. Als er die Augen öffnete, hob sie das Schüsselchen und sagte freundlich: »So komm, tu trinken!«
Mit einem erstickten Laut riß Leupolt den Kopf in die Höhe, sah verstört in die Augen der alten Frau, schob die Schüssel von sich fort und fiel zurück.
»Bub? Tust du mir leicht nit trauen?«
Leupolt schwieg.
Da neigte die Schneckin den Mund zu seinem Ohr. »Es ist ein heilig Ding, ist deins und meins. Komm, lieber Bruder in Christ, tu trinken!«
Noch während sie sprach, umklammerte er mit zuckenden Händen ihren Arm und fragte: »Bist du am Sonntag auf dem Markt gewesen?«
»Wohl, Bub, da hab ich dich leiden sehen.«
»Hast du gesehen, daß eine mich trinken hat lassen aus ihrem Becher?«
»Ja, Bub!«
»So hab ich es nit geträumt?« Aufatmend nahm er das Schüsselchen aus ihren Händen, trank mit gierigen Zügen und sagte lächelnd: »Vergeltsgott, gute Schwester!« Er schloß die Augen, noch immer lächelnd. Nach einer Weile fragte er leis: »Wer bist du?«
»Die Schneckin, Bub! Kennst du mich nit?«
»Das Weib des Jägers an der Grenz? Und bist du am Sonntag auch den Weg der Wahrheit gegangen?« Die Frau blieb stumm und verfärbte sich ein bißchen. Leupolt öffnete die Augen. »Warum nit, Schwester?«
Ruhig sagte sie: »Den Schneck tät's umbringen.«
Er nickte. »Jeder, wie er meint, daß es recht ist.« Seine Brauen zogen sich zusammen. »Drunten in der Herdstub hab ich einen schelten hören. Ist das der Schneck gewesen?«
»Wohl, Bub! So tut er allweil.«
»Weil du evangelisch bist?«
Sie schüttelte den Kopf. »Das weiß er nit.«
»Kann's ein Mannsbild geben, das nit Augen hat für die Seel in seinem Weib?«
Ein bißchen lächelte sie. »So ist der Schneck. Tät die Himmelsglock herunterfallen auf die Welt, da müßt ich dem Meinigen sagen: Du, Schneck, paß auf! Sonst merkt er es nit.« Sie sah, daß Leupolt die Zähne übereinanderbiß. Erschrocken fragte sie: »Hast du Schmerzen?«
»Nit arg.«
»Ich will dich pflegen. Drunten in der Herdstub hätt ich's leichter. Meinst du, daß du hinunterkommst?«
Mit ihrer Hilfe hob er sich aus dem Heu. Die Füße trugen ihn nicht. »Mußt mich halt noch ein Stündl liegen lassen. Dein guter Trunk wird helfen, daß ich zu Kräften komm.« Er hielt mit seinen glühenden Fingern die Hand der Schneckin umspannt. »Weiß meine Mutter, wo man mich hingeführt hat?«
»Bub, da bin ich überfragt.«
»Magst du ihr Botschaft geben?«
Das hatte der Wildmeister über Auftrag der Regierung streng verboten. »Ja, Bub,« sagte die Schneckin, »das wird sich schon machen lassen. Ich hab am Ellbogen ein Überbein und red dem Meinigen ein, daß es blutet. Verstehst, ein Überbein blutet doch nie. Und da lauft der Meinige gleich zum Jud um ein Pflaster. So ein Jud ist allweil schlau. Und lügen kann er halt nit, der Schneck, verstehst? Da redet er allweil so dumm daher, daß man alles merkt. Und der Jud wird's dem Pfarrer sagen, und der Pfarrer tragt's deiner Mutter zu. Ja, Bub, die Wahrheit geht allweil den kürzesten Weg.«
»So ist alles gut.«
Schweigend lag er und atmete ruhig, bis der Fieberschlaf ihn wieder befiel.
Unter dem verschneiten Dache war es warm geworden. Zwischen den Schindeln begannen die Schneeklumpen zu schmelzen, und die Tropfen fielen so reichlich von den Balken, wie sie im tauenden Frühling von den Bäumen fallen.
Kapitel XVII
Pfarrer Ludwig trat in das Fürstenzimmer, aus dem die verschnörkelte Pariserei allen deutschen Hausrat verdrängt hatte.