Das große Jagen

Part 16

Chapter 163,505 wordsPublic domain

Diese Weisheit glich einem der wahrheitsfernen Irrtümer, wie sie der lyrisch verherrlichte _Dr._ Halbundhalb zu fabrizieren pflegte. Gerade in dem Augenblick, in welchem Christl seine falsche Rechnung aussprach, erwachte die Erinnerung an das Haynacher'sche Zwillingspaar in einer Menschenseele, der man ein so treues Gedenken gar nicht zugetraut hätte -- in der Seele der allergnädigsten Aurore de Neuenstein. Von dem verwüsteten Fuchsprellplatze hatte Graf Tige den leidenden Engel in zerrupftem Zustand hinübergeleitet zu einem Salettchen des gestutzten Hofgartens. Hier saß die Neuenstein auf einem Holzbänkl. Graf Tige lag vor den Knitterbrüchen des Steifrockes auf den Knien, labte die schwache Demoiselle mit Biskuitstückelchen -- und da wiederholte sich plötzlich jene befremdende Erschütterung ihres innersten Wesens. Es wurde der Allergnädigsten in beklagenswertem Grade übel, und dieses war der Augenblick, in dem Aurore de Neuenstein sich jener _chose effroyable_ erinnern mußte, die sie auf dem Stubentische des Christl Haynacher hatte liegen sehen. Aber statt von menschlichem Erbarmen bewegt zu werden, geriet sie in einen schwer erklärlichen Jähzorn, und -- billeripatsch -- versetzte die Allerungnädigste dem Grafen Tige eine schallende Ohrfeige, viel kräftiger, als man es diesem zartesten aller Händchen hätte zutrauen mögen. In Tränen ausbrechend, entzog sie sich flink durch eine Ohnmacht jeder weiteren Konversation. Graf Tige mit der brennenden Wange eilte durch den gestutzten Hofgarten davon, um Hilfe für Aurore de Neuenstein herbeizurufen. Als er die sekrete Gartenmauer erreichte, hörte er das Stimmengebraus der Marktgasse und den mächtig wachsenden Klang eines verbotenen Liedes, das von Tausenden gesungen wurde. Ratlos guckte er in die Sonne und wurde von zwei Menschen, die es eilig hatten, aus dem Weg gestoßen.

Neben einem blonden, sich wie irrsinnig gebärdenden Mädel, sprang der lange Stiftspfarrer Ludwig in dünnen Hausschuhen durch Schnee und Pfützen. Der schwer erkrankte Mann konnte plötzlich so hurtig rennen wie der gesündeste Bauernbub. Über die Wasserlachen vor dem Garten des Meister Niklaus machte Pfarrer Ludwig Sprünge wie ein Wettläufer vor dem Ziel. Er wollte atemlos in die Werkstatt treten, fand die Tür verschlossen und schrie: »Ums Himmels willen, Nicki, so tu doch auf!« Hinter der Tür eine zornbebende Stimme: »Man hat mich eingesperrt.« Die Sus stammelte: »Da ist der Schlüssel!« Nun mußte der Pfarrer lachen. »Du hast ihn eingekastelt?« Dem Mädel kollerten die Tränen über das angstvolle Gesicht. »Was hätt ich denn tun sollen? Der Meister ist stärker als ich. Wie ich heimgekommen bin und hab erzählt, daß die Evangelischen hundertweis bekennen, hat der Meister gleich zum Bekenntnis laufen wollen. Da bin ich in meiner Seelenangst aus der Tür gerumpelt, hab zugesperrt und bin zu Euch gesprungen.«

»Und das Luisichen?« fragte der Pfarrer sorgenvoll. »Weiß sie, was der Meister hat tun wollen?« Sus schüttelte den Kopf: »Die hab ich droben eingesperrt in ihrem Stübl. Gar nit gemerkt hat sie's. So durstig hat sie gebetet vor dem Jesukind.« Der Pfarrer atmete auf: »Dich sollt man zum Kanzler von Berchtesgaden machen. Du bist die Gescheiteste von uns allen. Jetzt tu das Mädel behüten, derweil ich red mit dem Meister.« Während dieser Worte des Pfarrers rüttelte der Eingesperrte immer an der Tür: »Gotts Not, so machet doch auf!«

»Ja, guter Nick! Erst muß ich das Schlüsselloch finden. Ich bin ein Kranker, mir zittern die Händ.« Dieser unanfechtbaren Wahrheit zum Trotze wußte der Pfarrer, als er die Tür geöffnet hatte und über die Schwelle gesprungen war, sehr flink wieder auf der Innenseite den Schlüssel ins Schloß zu bringen und umzudrehen.

Meister Niklaus bekam eine dunkelrote Stirne. »Pfarrer! Meinen Weg gib frei!«

»Gleich, Herzbruder! Nur ein Wörtl!«

»Gewissen und Wahrheit vertragen kein Biegen nit.«

Der Pfarrer sah, daß das Fenster offen stand und das schwere Gitter verbogen war. »Gewissen und Wahrheit sind wie eiserne Stangen. Ein bißl Biegen, wenn es vernünftig ist, vertragen sie schon. Nur gegen die Unvernunft sind sie bockbeinig. Und da ist's ein Glück, daß es noch allweil Schlosser gibt, die verläßliche Arbeit machen.«

»Pfarrer?« Meister Niklaus streckte sich. »Willst du mich hindern, als Christ meine Pflicht zu tun?«

»Ganz im Gegenteil! Ich will dich in deiner Pflicht bestärken.« Weil der Meister den Pfarrer beiseite drängen und die Schwelle gewinnen wollte, stemmte der Greis sich gegen das Türschloß, in dem noch der Schlüssel stak. »Aber Herzbruder! Tu nit so grob mit mir! Seit gestern bin ich ein todkranker Mensch.« Dem Meister fielen kraftlos die Arme hinunter. Und der Pfarrer, nachdem er den Türschlüssel abgezogen hatte, sagte ruhig: »Schau, Nick! Ein Christ sein, ist ein wundervolles Ding. Aber *jede* Pflicht verlangt vom Menschen ein bißl Treu. Von deiner Kunst will ich nit reden. Die ist durch deine Redlichkeit eh' schon zu kurz gekommen um eine geschickte Hand. Aber willst du vergessen, daß du auch ein pflichttreuer Vater sein mußt? Willst du das Gute, das in deinem Mädel gewachsen ist, wieder in Scherben schlagen? Willst du dein Kind in Tod und Verzweiflung treiben?« Das Gesicht in die beiden Hände pressend, von denen nur die hölzerne nicht zitterte, stand der Meister wortlos am offenen Fenster, überglänzt von einem steilen Strahlenbündel der Mittagssonne. »Komm, Herzbruder! Setz dich zu mir aufs Bänkl her! Da wollen wir reden miteinander.«

In der friedsamen Stille, die diesen Worten folgte, richtete draußen vor der Türe die Sus sich auf und bekreuzte unter einem Atemzug der Erquickung das blasse Gesicht. Heißen Blickes emporschauend nach der Richtung, in der sie den Wohnsitz Gottes vermutete, sprach sie mit jagender Flüsterstimme zwei Gebete, zuerst ein evangelisches, dann ein gutkatholisches. Und flink über die Stiege hinauf, um abermals zu lauschen -- an Luisas Tür. Deutlich konnte sie die inbrünstigen Stammellaute einer Litanei vernehmen. Leis drehte Sus den Schlüssel und trat in die weiße, sonnige Mädchenstube. Vor dem flimmernden Jesuschrein lag Luisa auf den Knien, die blutfleckigen Hände ineinander gekrampft. Sie hörte nicht, daß jemand den flehenden Hilfeschrei der Litanei zur heiligen Gottesmutter andächtig mitsprach: »Bitt für ihn -- bitt für ihn --« Als Luisa wieder ein Ave Maria beginnen wollte, sagte die blonde Magd mit lauter Stimme das Amen, faßte die Haustochter unter den Armen und hob sie vom Boden auf. »Komm, Kindl! So fromm hast du gebetet, daß die heiligste Mutter ihm helfen *muß*! Und schau, du mußt doch das blutfleckige Kleidl heruntertun! Mußt dir die roten Händlen waschen!« Lautlos bewegte Luisa die Lippen, umklammerte den Hals der Magd und preßte das Gesicht an ihre Schulter. Nach heiteren Worten suchend, führte Sus die Haustochter zu einem Sessel, begann sie zu entkleiden und stellte das Waschbecken zurecht. Dabei lauschte sie immer in den Flur hinunter. Es dauerte lang, bis drunten das Klappen der schweren Tür an des Meisters Werkstätte zu hören war. Kein Schritt. Die Sus atmete erleichtert auf. Sie wußte gleich: der Meister ist daheim geblieben, und nur der Pfarrer in seinen lautlosen Filzschuhen ist davongegangen. Als sie zum Fenster hinhuschte, sah sie den Hochwürdigen auf die Straße treten. Jetzt sprang der lange Pfarrer nimmer. Sehr achtsam umging er die Wasserlachen.

Ein Menschengerenne hin und her. Trotz des wogenden Lärms, der die Marktgasse füllte, war nicht das geringste Zeichen von Rebellion zu erkennen. Das flutende Leutgedränge hatte was Festliches. Und während der Klang des evangelischen Liedes herscholl von den Stiftshöfen, ragte auf dem Brunnenplatz der leergewordene Schandbalken über das Gewühl der Köpfe hinaus. Man hatte den Büßenden aus Staatsräson begnadigt, um die Aufregung der Subjekte zu mildern. Dieser notwendig gewordene Gnadenakt hatte die Regierungsseele des Herrn von Grusdorf bedenklich aus dem Gleichgewichte gebracht. Das stand unter verschobenem Lockenbau auf seinem Katzenjammergesicht zu lesen, als er, von sechs Musketieren flankiert, hinüberwatete zum Sanssouci der Allergnädigsten, die ihn durch ein geheimnisvolles Eilbriefchen zu sich berufen hatte. Sein Prophetengeist war so verwirrt, daß er nicht ahnen konnte, welcher familiären Bestürzung er mit seinen Gichtzehen entgegenzappelte.

Unter munteren Worten bohrte sich der Pfarrer durch das wogende Leutgewühl zu dem Hause seines Freundes Lewitter. In dem dunklen Flur, in dem es nach Gewürzen duftete, fragte er die stumme Lena: »Ist dein Herr daheim?« Da hörte er aus dem Oberstock den leisen Gesang einer müden Greisenstimme. Es war nicht das erstemal, daß Pfarrer Ludwig in Lewitters Haus diese alte, schwermütige, wunderlich verzierte Tempelweise vernahm. Er hastete über die steile Treppe hinauf und hämmerte mit dem Fingerknöchel gegen die Türe. »Simmi! Tu auf! Ich bin's! Ein Mensch!« Eiserne Stangen klirrten, und zwei Schlüssel drehten sich in den schweren Schlössern. Simeon Lewitter schlüpfte durch einen schmalen Spalt und fragte tonlos: »Ist Gefahr?« Der Pfarrer schüttelte den Kopf. »Die Leut von heut sind ungefährlicher als die von gestern. In ihnen ist Freud und Hoffnung. Bloß die Regierung hat Magenweh. Und ich bin gestern marod geworden. Der Bader hat seine Not mit mir gehabt.«

»Den Bader hast du holen lassen?« Simeons Augen wurden groß. »Warum denn mich nit?«

»Du bist der bessere Doktor. Aber der Bader schwefelt vor unserem Justizkamel das glaubhaftere Zeugnis.«

Erschrocken fragte Lewitter: »Wirst du's nötig haben?«

Der Pfarrer lachte. »Wenn dem Willibald ein Tröpfl Verstand lebendig wird in der Stöckelmilch! Wahrscheinlich ist's *nit*. Aber allweil noch so möglich, wie daß der Gockel eine Henn wird, wenn man ihm freundlich zuredet. Und da sollst du außer Spiel bleiben, Simmi! Aber weil mir der Bader nit geholfen hat, drum bin ich in den Filzpatschen hergelaufen zu dir. Und du hast mir ein feines Medikament verzapft. Gelt ja?«

Ohne zu antworten, huschte Lewitter davon, brachte eine haselnußgroße Pille und schob sie dem Pfarrer zwischen die Lippen. »Jetzt brauch ich nit lügen.«

»Und ich brauch nimmer im Bett liegen. Da ist uns beiden geholfen.«

»Eine seltsame Krankheit! So glaubhaft --« Lewitters Stimme wurde leis, »wie das Mirakel der Armeseelenkammer.«

Schmunzelnd beugte sich der Pfarrer gegen das Gesicht des Freundes hin. »Gott sei Dank, Simmi, daß *du* nit der Landrichter bist.« Ein heiteres Lachen. In der Stille, die ihm folgte, klang der Hall des tausendstimmigen Bekennerliedes wie das ferne Rauschen einer Mühle. Herr Ludwig wurde ernst und fragte flüsternd: »Weißt du, was geschieht da drunten?«

Lewitter wehrte mit beiden Händen und schlüpfte in seine leere Kinderstube. Drinnen klirrten die eisernen Stangen. Vor sich hinnickend, stapfte der Pfarrer die Treppe hinunter. In das Gewühl der Marktgasse wagte er sich nimmer. Hinter den Häusern watete er durch die Traufenbäche und begann, bevor er seine Wohnung erreichte, heftig zu niesen. Die Folgen seiner Verkühlung in den nassen Filzpantoffeln entwickelten sich mit der Schnelligkeit eines fürstpröpstlichen Läufers. Dem Jammer seiner Schwester konnte Pfarrer Ludwig das tröstende Wort entgegenhalten: »Gott bleibt allweil barmherzig. Wie nötiger ein Leiden ist, um so flinker schickt er's.«

Brausend klang von den Stiftshöfen herauf das fromme Lied. »Tät die Regierung nit sagen, das ist Rebellion, so möcht man glauben, das ist schöner Gottesdienst.« Der Pfarrer ließ sich den Lehnstuhl ans Fenster rücken. Hier saß er, in wollene Decken gewickelt, sich immer schnäuzend, und blickte hinunter auf das Menschengewühl, das sich in dem weiten Hof mit jeder Minute vergrößerte.

Nicht nur Bauern und arme Handwerker standen da drunten, um auf die Eintragung in die Ketzerliste zu warten, auch wohlhabende Bürger des Marktes, die man noch nie als Unsichtbare verdächtigt hatte, zahlreiche Salzknappen und viele Dienstleute des Stiftes. Die fassungslose Regierung mußte die Wahrnehmung machen, daß sie seit Jahren von >Abtrünnigen< umgeben war bis zu den vergoldeten Füßen ihres Thrönchens.

Nichts von Aufruhr. Kein Schimpfen und Spektakulieren. Das Verhalten der Bekenner war ruhig, war durchglänzt von einem freudigen Glück. In dichten Gruppen standen sie beisammen, und immer wieder fing einer zu singen an, und hundert und tausend fielen ein, daß ihr froher Gesang wie das Osterlied einer Orgel war. »Christen? Ketzer?« Pfarrer Ludwig sah zum Geheimfach seines Schreibtisches hinüber. »Hat der Amsterdamer Singvogel recht, so sind es tausend Gotteskinder, näher dem Himmel als der Welt. Weil sie vorwärts drängen und Wahrheit suchen.« Sinnend betrachtete er die lange Menschenkette, die sich gegen das Gerichtsgebäude hinüberschob. Bei aller friedsamen Bürgerruhe, die da drunten herrschte, gab es doch auch erregte Szenen. Es kamen gutgläubig gebliebene Frauen, verstört und weinend, um ihre evangelischen Männer und Söhne zu reuevoller Umkehr zu beschwören. Es kamen zornige Männer, die ihre >verführten< Weiber und Töchter herausreißen wollten aus der Bekennerschar. Doch immer ruhiger wurden diese Wortkämpfe, je deutlicher die Regierung eine Hilflosigkeit bekundete, von der man Gefahren für Gut oder Leben nimmer zu besorgen brauchte. Wie man den Leupolt Raurisser vom Holz der Unehr heruntergenommen hatte, ließ man auch alle Verhafteten wieder frei. Die gesetzliche Macht beschränkte sich darauf, zur Festlegung der Bekennernamen ein Tribunal zu errichten, dessen Vorsitz der Kanzler von Grusdorf übernehmen sollte. Leider mußte man auf seine Mitwirkung verzichten; er war von dem Besuch bei seiner unpäßlichen Nichte Aurore de Neuenstein in einem Zustand heimgekehrt, der einem Schlagfluß ähnelte. So mußte den Vorsitz des Tribunals der aus dem Schlaf gerüttelte _Dr._ Halbundhalb übernehmen. Als er in gespensterhafter Blässe zur dienstlichen Mißhandlung der Wahrheit antrat, richtete Herr Anton Cajetan diese Rede an ihn: »Willibald! Daß du ein Esel bist, hab ich immer gewußt. Aber so deutlich wie in diesen Tagen hast du es noch nie bewiesen. Ich möchte weinen über die Arbeit, die du fabriziert hast. Daß du die Ehrlichen als Verbrecher erkennst und die Lumpen für Apostel der Wahrheit nimmst, das ist noch lange nicht die übelste von deinen Schädigungen des Staates. Du wirkst wie ein Fäulniskeim. In allen Redlichen erschütterst du den Glauben an die Gerechtigkeit, und den geheiligten Richterstand machst du verächtlich vor allen Subjekten. _Mais, que Dieu nous soit en aide_, die böse Stunde läßt dich unentbehrlich erscheinen -- ich habe kein Rechtskamel, das kleiner ist. Setze dich hinauf, laß die andern amten, suche würdevoll auszusehen und halte das Maul! Besser kannst du mir nicht dienen.« Als Beisitzer gab ihm Herr Anton Cajetan vier Kapitelherren, die beiden Chorkapläne und fünf Domizellaren. Graf Tige war nicht aufzufinden.

Die Moidi von Unterstein, die man zuerst verhaftet hatte, wurde auch zuerst verhört. Als Graf Saur die Frage an sie richtete: »Was glaubst du?«, öffnete sie das Mieder, zeigte die schwärenden Male der Faustschläge und sagte: »Ich glaub, daß es Gottes Willen nit ist, ein Menschenkind so zuzurichten.« Die Herren waren ein bißchen betreten, und der Richter mit den verriegelten Zähnen klappte wie eine Eule die Augendeckel zu, weil der unsittliche Anblick seinen Prinzipien zuwiderlief. Dabei ließ er sich zu zwei verbotenen Worten hinreißen: »Du Schwein!« In Zorn antwortete das Mädel: »Auf den Hintern haben mich die Soldaten Gottes nit gehauen. Sonst hätt ich Euch *den* gezeigt. Und mir hätt's weniger weh getan.« Graf Saur beruhigte die Empörte. Dann wurde sie drei Stunden lang über alle Glaubenssätze vernommen.

Als Zweiten wollte man den Fürsager von Unterstein citieren. Da polterte ein Ungerufener in die Amtsstube: der Mälzmeister Raurisser. Er hatte die von seiner Frau versperrte Haustür in Fetzen geschlagen, um sich als evangelisch zu bekennen. Unter allem, was er zähneknirschend vor sich hinbiß, hatten nur die Worte Verstand, die er über die >unchristliche Peinigung< seines Sohnes sagte; doch sein Glaubensbekenntnis war so verworren, daß man mit Sicherheit nicht unterscheiden konnte, ob der alte Raurisser schon evangelisch oder noch gutkatholisch wäre. Dieses Dilemma wurde von Graf Saur durch die salomonischen Worte entschieden: »Mein lieber Mälzmeister! Geh er wieder heim, glaub er, was er wolle, und brau er uns auch fürderhin eine so bekömmliche Biersorte wie bisher.«

Nun wurde der Alte von Unterstein vorgerufen. Sein Verhör entwickelte sich für die beiden Chorkapläne zu einem erbitterten Wortgefecht. Der Greis in seiner unerschütterlichen Ruhe, in seiner graden und schlichten Einfalt, blieb ihnen keine Antwort schuldig und übertraf an Bibelfestigkeit die zwei Theologen bei weitem. Sie hätten seine Nierenprüfung ausgedehnt bis in die Nacht, wenn Graf Saur nicht festgestellt hätte, daß mit drei Verhören fünf kostbare Stunden vertrödelt wurden. »Protokollieren wir so weiter, dann müssen wir ein halbes Jahr lang durch Tag und Nacht verhören und sind im Herbst, wenn schon die Hirsche röhren, noch immer nicht fertig.« Es war dringend notwendig, die Tribunalpraxis in ein summarisches Verfahren zu verwandeln. Es wurden sechs Tische aufgestellt. An jedem zwei Schreiber. Und nun wanderten die endlosen Reihen der Bekenner an den sich immer länger füllenden Listen vorüber. Man schrieb nur Namen, Alter, Lehen und Gnotschaft auf. Dann weiter um eine Nummer. Erst gegen die zweite Morgenstunde wurden die Stiftshöfe leer. Und als man an den Tischen des Ketzertribunals summierte, ergab sich die erschreckende Ziffer 2714.

Schon früh am Morgen begann die Zuwanderung der Bekenner aufs neue. Am Abend standen 4372 Namen verzeichnet. In der Dämmerung des dritten Abends waren es 5816, und als in den Nachmittagsstunden des folgenden Mittwochs der Strom der Subjekte, die sich als evangelisch bekannten, endlich versiegte, konnte die Regierung ihre Hände über der Ziffer 6394 zusammenschlagen. Mehr als zwei Drittel der gesamten Einwohnerzahl des gefürsteten Landes von Berchtesgaden! Herr Anton Cajetan stand ratlos und erschüttert vor dieser ungeahnten Katastrophe. Er hatte schlaflose Nächte, Herr von Grusdorf entsetzliche Tage. Der Kanzler fühlte die Last der Verantwortung, wagte sich nimmer ins Stift und maskierte seine chronische Absenz durch einen schweren Anfall von Podagra. Auch jeden Besuch bei der Allergnädigsten unterließ er. Wurde ihr Name vor ihm genannt, so bekam er einen Gallenkrampf.

An Jesunder waren Zeichen einer Melancholie zu entdecken, die in Geistesstörung überzugehen drohte. Er zankte sich ununterbrochen mit seiner verehrten Frau Mutter, versagte bei jedem Bekehrungsversuch und konnte durch Tag und Finsternis an nichts anderes denken, als nur an das ungelöste Rätsel der Armeseelenkammer. Immer hängte sich sein ganzes Sinnen und Grübeln an diesen *einen* Verdacht: der Pfarrer Ludwig! Um dem Chorkaplan diese aberwitzige Vorstellung aus dem Gehirn herauszubeweisen, verschwendete _Dr._ Willibald alle Schärfe seines Geistes. Zu Dutzendmalen sagte er: »Aber Bester! Endlich *muß* man sich doch von einer notorischen Wahrheit überzeugen lassen!« Im Bewußtsein, etwas justiziarisch Zweckloses zu unternehmen, nur, um den gequälten Jesunder von dieser Wahnvorstellung abzubringen, überraschte er den Pfarrer durch einen inquisitorischen Besuch. Der Verdächtige war jetzt wirklich krank, litt an einem Schnupfen von gewalttätigen Symptomen. Weil die Sache unbestreitbar war, begann der Landrichter an ihr zu zweifeln und sagte zu Jesunder: »Nun erkenne ich, daß Ihr nicht völlig unrecht habt.« Er mußte die infizierte Nase putzen. »Der Pfarrer simuliert.«

Während solche Gedankenblitze unter den gepuderten Roßhaarwickeln des Landrichters wetterleuchteten, ging ein hoffnungsvolles Aufatmen durch das Berchtesgadnische Land. In allen Häusern und Hütten der Bekenner war's wie ein stiller, schöner Ostermorgen der Wahrheit. Die Freude glänzte in den Augen der Evangelischen. Doch nirgends hörte man lauten Jubel, nie ein übermütiges Wort. Diese Sechstausend schienen wie erneut in ihrem Leben, wie erhoben und geläutert an allen Kräften ihres Herzens. Am Tage gingen sie fleißig ihrer Arbeit nach. Am Abend versammelten sie sich zur Fürsage und hörten das Wort Gottes. Und im ganzen Ländl erwies es sich, daß es für die Bekenner verschiedenen Glaubens kein Ding der Unmöglichkeit ist, verträglich Seite an Seite zu leben. In den Gutgläubigen, die treu an ihrem alten Himmel hingen, zitterte wohl der Schreck und die Trauer. Auch der Zorn. Aber in diesem gesunden, prächtigen Volksschlag gab es viele Verständige, die sich gut darauf verstanden, den Nebenmenschen nicht nach der Kittelfarbe einzuschätzen, sondern nach Herz und Leben. Auch waren die Unterschiede in den Glaubenssätzen nicht so beträchtlich, daß ein nachbarliches Brückenschlagen nicht möglich gewesen wäre für Menschen, die sich nicht leiten ließen von blindem Haß. Es standen auf katholischer Seite viele Männer und Frauen, die wesensverwandt mit dem Pfarrer Ludwig und der tapferen Frau Agnes waren, jeden aufbrennenden Hader besänftigten und immer sagten: »Ist unser Erlöser nit der gleiche? Sind wir nit geboren auf gleichem Boden? Sind wir nit deutsche Leut, die zusammengehören in Freud und Pein?«

Auch in den Häusern, in denen ein >tiefer Graben< ausgeschaufelt war zwischen Mann und Weib, zwischen Eltern und Kindern, begann es friedsamer zu werden, seit man nimmer zu besorgen hatte, daß man auseinandergerissen würde. Zwei Drittel der Einwohner eines Landes kann man nicht um Dach und Heimat bringen und über die Grenze jagen. Die Herren müssen zur Einsicht kommen, sie haben schon den Anfang gemacht, haben den Leupolt nach der vierten Stund am roten Balken begnadigt, haben keinen Bekenner ins Eisen geschmissen, werden sich verständigen mit den Evangelischen, wie's der Westfälische Frieden allen Deutschen vermeint hat, und müssen den Leuten ein ruhsames Nebeneinanderhausen vergönnen. Not und Elend ist aus dem Ländl hinausgeblasen, alles Böse wird linder sein, und die >gute Zeit< wird kommen, auf die man in Schmerzen gewartet hat seit hundert Jahren und länger. Wie eine feste, heiße und schöne Freude war dieser Glaube in allen.

Der Fürsager von Unterstein schickte an die verschwundene, drüben im Bayerischen versteckte Hasenknopfin die Botschaft: »Komm wieder heim mit deinem Mädel! Im Ländl ist lieber Gottfrieden.« Die Hasenknopfin konnte ihr Mißtrauen nicht überwinden, wollte die Heimkehr ihres Mannes aus dem Preußischen außerhalb der Grenze abwarten, blieb unsichtbar für die Berchtesgadnische Regierung und fühlte sich wohl auf bayerischem Boden.

Sie war eine weise Frau.

Kapitel XVI

In der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag schlug das Wetter um. Früh am Morgen fing es zu schneien an, still, ohne das leiseste Windwehen. Senkrecht fielen die großen Flocken aus der Luft herunter.

Im schwarzwollenen Hauskittel stand Pfarrer Ludwig am Fenster. Er hatte eine rotverschwollene Nase zwischen entzündeten Augen und mußte noch manchmal niesen. Im Widerspruch zu diesem Leiden war seine Laune überraschend heiter und wurde noch immer fröhlicher, je dichter da draußen die Flocken fielen. »Nur schön herunter mit dem weißen Leintüchl! Dann such, du justiziarisches Dromedar!«

Sehr heftig rasselte die Hausglocke. Schwester Franziska, mit erweiterten Angstaugen, trat in die Stube: »Der Hochwürdige soll hinüberkommen zum Fürsten.«