Part 15
Nein! Da drüben war es nicht völlig still geworden. Es übertönten nur die Hörner das beklommene Gesumm. Alle, die in der Nähe des Brunnens waren, hatten gesehen, daß der Blutende, den die Kraft schon verlassen wollte, sich plötzlich in den Eisen reckte und mit Schreck und Freude über das Gewoge der Köpfe nach einer Gassenstelle spähte. Viele drehten die Gesichter nach dieser Richtung und suchten mit den Augen. Und viele sahen und hörten das: wie Leupolt Raurisser an allen schmerzenden Gliedern entkräftet in sich versank, in den schneidenden Klammern hing, sich lächelnd wieder aufreckte, kraftvoll am Balkan stand, verklärte, heißglänzende Augen bekam und zu Frau Agnes hinuntersagte: »Mutter, jetzt kommt das Härteste und Schönste!« Viele sahen, wie er gewaltsam seine aufrechte Kraft erzwingen wollte, wieder zu sinken begann und mit der Kehle an den Kanten des rotgewordenen Eisens hing. Und während Leupolts erloschene Stimme wieder zu beten anfing: »Herr, wenn ich Dich nur habe --«, kam ein Stoßen und Armwühlen von den Häusern durch die gestaute Menschenmenge herüber, viele Leute redeten aufgeregt durcheinander, und immer schrie eine bange, von Sorge umklammerte Mädchenstimme: »Meister, Meister --«
Den dreien, die da kamen, wurde Platz gemacht. Hundert Stimmen wirrten sich durcheinander, und dennoch hörte man das Betteln der Sus: »Ach Meister, ich tu Euch bitten, kommet mit heim! Habt Ihr nit Sorg um Euretwillen, so schauet doch Eurem Kind in die Augen!«
Wie halb von Sinnen, blaß und zitternd, mit verstörtem und dennoch gierig suchendem Blick, hing Luisa an den Vater geklammert, der sie mit dem rechten Arm umschlungen hielt und mit dem linken immer weiteren Raum in dem aufgeregten Menschengewühl erzwang. Als die flehende Magd sich vor ihn hindrängte, schob er sie aus seinem Weg und sagte durch die Zähne: »Geh, Sus! Das wirst du nit hindern. Ich tu, was ich muß.« Sie bettelte: »Meister, um aller Seligkeit willen --« Da preßte Luisa die Hand auf den Mund der Magd: »Sei nit so mutlos! Was du haben willst vom Vater, ist unbarmherzig. Wenn Gerechtigkeit nimmer bei den Richtern ist, so muß sie bei uns anderen sein.«
Meister Niklaus drängte vorwärts, und die blonde Magd, obwohl sie sich verzweifelt wehrte, wurde zurückgerissen in das lärmende Gewühl. Nun standen die beiden vor dem Brunnen, Hand in Hand. Luisa mußte die Augen schließen und preßte zitternd den Arm vor das entstellte Gesicht. Ihr Vater, die Stirn überronnen von einer kalkigen Blässe, sah zu dem Blutenden am Balken hinauf, und seine Stimme, nach einem ersten Schwanken, wurde fest und laut: »Mich hast du behüten wollen vor einem harten Ding. Um meintwegen mußt du büßen. Helfen kann ich dir nit, Gott sei's geklagt. Aber wo du leidest, da ist mein Platz.«
Leupolt lächelte. Dann schien ihm zu entrinnen, was noch an Kraft in seinen zuckenden Gliedern war. Den Kopf im Eisen nach vorne pressend, daß ihm ein roter Sickerstrich herunterging über den grauen Kittel, sagte er mühsam: »Vergeltsgott! Aber gelt, jetzt tust du wieder heimgehen.« In den Eisen sinkend, schloß er die Augen. »Wie das liebe Mädel zittert -- Meister, das kann ich nit sehen.« Seine Stimme erlosch.
»Barmherziger!« schrie Mutter Agnes. »Mein Bub verscheint!« Aus einer Flasche füllte sie einen Zinnbecher und wollte auf den Brunnen steigen. Da faßte ein Musketier die Frau am Kittel. »Es därf nit sein, Meisterin!« Sie kreischte wie von Sinnen: »Hat nit ein römischer Musketier dem Erlöser am Kreuz einen Kühltrunk hinaufgehoben? Steht das im Urtl, daß wir gutkatholischen Christen unbarmherziger sein müssen, als die Heiden gewesen sind?« Die Erregung der Tausende war wie wachsendes Sturmrauschen. Und der Musketier machte ratlose Augen. »Steht das im Urtl?« schrie die Mälzmeisterin. Nein. Es stand nicht drin. _Dr_. Halbundhalb hatte vergessen, dieses Wesentliche seinem die Wahrheit bekämpfenden Dokumente einzuverleiben. Und Mutter Agnes in ihrer Seelenangst entschied: »Was nit verboten ist, muß erlaubt sein!« Sie wollte klettern. Da war ein Kleiderwehen neben ihr, und ein tausendfacher Zuruf der erregten, näherdrängenden Menschen. »Nit, Mutter Agnes,« hatte Luisa aufgeschrien, »laß *mich* das tun!« Und hatte der Mälzmeisterin den Becher aus der Hand genommen und stand schon droben auf dem Gesims des Brunnens. Um zu helfen, umklammerte Frau Agnes die Knie des Mädchens: »Streck dich, Kindl, ich laß nit aus, du tust nit fallen!« Sich hinaufreckend am Holz der Unehr, schob Luisa die linke Hand hinter Leupolts Nacken und hob den Becher an seine bläulichen Lippen. »Komm! Tu trinken, du guter Mensch!« Ein wunderliches Geschrei der Tausende. Es klang wie Zorn, wie Aufruhr, hatte etwas Erschreckendes und war doch Freude, war aufatmendes Erbarmen.
Leupolt hatte die Augen geöffnet.
Wieder sagte sie: »Komm! Tu trinken!« Und das Geschrei der drängenden Menschen verstummte plötzlich und wurde ein Staunen und Lauschen.
Er lächelte, schien nicht zu hören, was sie sagte, und sah nur in ihre Augen. Der Glanz seines Blickes und das Fadengerinne seines Blutes machten sie so verstört, daß sie heftig zu zittern begann. Sie drohte umzusinken. Während ihr alle Sinne taumelten, hörte sie wie aus einem kreisenden Brunnen herauf die bettelnde Mutterstimme: »Du tust nit fallen! Streck dich, Kindl, ich laß nit aus!« Da wurde es wieder hell vor ihrem Blick, sie konnte das Blut des Büßenden und seine Augen sehen, streckte sich an dem Lächelnden hinauf, und weil sie nicht sprechen konnte, streichelte sie nur sein Haar und hob zwischen seinen Lippen den Becher. Als er am Kinn die rinnenden Fäden des Trunkes fühlte, verstand er, konnte die verbissenen Zähne öffnen und trank. Luisa reichte den geleerten Becher hinunter und schrie: »Gib, Mutter! Gib! Er dürstet noch allweil!« Solang ihre Hand ohne Hilfe war, hatte sie nicht den Mut, zu ihm aufzublicken, auch dann nicht, als er leis ihren Namen sagte: »Luisli?« Sie sah sein Lächeln nicht, doch sie hörte es aus dem Klang seiner Stimme und senkte das Gesicht noch tiefer. Erst als sie den gefüllten Becher umklammerte, wagte sie die Augen wieder aufzurichten, hob den Trunk zu ihm hinauf und flüsterte: »So komm!«
Er trank und leerte den Becher.
Wieder schrie sie zur Mälzmeisterin hinunter: »Gib! Er dürstet!« Lächelnd schüttelte Leupolt den Kopf: »Nit, du Gütige! Es ist genug.« Aus jedem Laut seiner Stimme war es zu hören, wie die erschöpften Kräfte neu erwachten in ihm. »So heilig ist mir noch nie ein Trunk in die Seel gegangen, derzeit ich leb. Ich sag dir Vergeltsgott, Luisli!« Seine Augen flehten. »Und gelt, jetzt tust du mir was zulieb?«
Ihr blasses Gesicht erglühte. »Alles -- was nit wider Gott ist.«
»So tu ich dich bitten, geh heim! Du tust es mir leichter machen. Willst du?«
Sie nickte, wandte sich von ihm ab wie ein folgsames Kind, sah nicht, wie blutig ihr Kleid und ihre Hände geworden waren, ließ sich von Mutter Agnes und vom Meister hinunterheben und sagte: »Komm, Vater, wir gehen heim. Der Leupi will's haben. So muß es sein.«
Während die beiden einen Weg durch die Mauer der Menschen suchten, hörte man, wie in der halben Stille, die noch immer herrschte, die zittrige Stimme eines alten Mannes zur Sonne hinaufschrie: »Sei gesegnet, du heilige Barmherzigkeit!«
Diesen Schrei hatte Leupolt nicht vernommen. Immer sah er den beiden nach, die verschwanden, wieder auftauchten und dann nimmer zu sehen waren. Er erwachte erst aus seiner lächelnden Versunkenheit, als tausend Arme sich erhoben und tausend Stimmen das Wort des alten Mannes wiederholten: »Sei gesegnet, du heilige Barmherzigkeit!« Dann wieder ein halbes Schweigen in der funkelnden Sonne, und Frau Agnes stammelte klagend zum Holz der Unehr hinauf: »Ach, Bub, dein liebes, dein junges Leben!« Mit dem Blick eines Glücklichen sagte er: »Man muß das Leben nit lieb haben um des Lebens willen, nur um der heiligen Stündlen wegen, die's einem schenken kann.« Noch tiefere Stille. Und plötzlich, nahe dem Brunnen, klang eine schrillende Weiberstimme, wie völlig sinnlos, ähnlich dem Verzweiflungsschrei einer Wahnwitzigen: »Gott? Unser Herr und Gott? Warum hast Du uns verlassen?« Da reckte sich der Blutende in den roten Eisen. Er straffte sich an allen Gliedern, seine Augen glänzten über die tausend wogenden Köpfe hin, und seine rufende Stimme wurde wie Stahl: »Weil wir lügen und heucheln. Gottes Hilf ist bei den Mutigen, die wahrhaft sind!«
»Jesus!« stammelte Mutter Agnes erschrocken und streckte wehrend die Hände zu ihrem Sohn hinauf. Und ein Musketier stieß den Kolben seiner Flinte gegen Leupolts Füße: »Kerl, du! Willst du nach aller Gnädigkeit das Maul aufreißen und die Leut verhetzen? Du?« Inmitten eines jähen Verstummens der Tausende gab Leupolt die klingende Antwort: »Gott ist mir gnädig! Soll's jeder halten, wie er meint und muß. Ich will bei der Wahrheit bleiben.« Er hob den Kopf aus dem Eisen, daß die rote Scheuerwunde an seiner Kehle sich entblößte, und seine Stimme wurde wie der frohe Schrei eines beseeligten Menschen. »Jetzt bin ich kein Unsichtbarer nimmer. Leut! Ob Leben oder Tod, ich bin ein evangelischer Christ.« Der Mutter Agnes brachen die Knie. Sie fiel auf die Brunnenstufen hin, bedeckte das Gesicht mit den Händen und mußte weinen.
Die Musketiere kreischten: »Jesus, Jesus, wo bleibt der Muckenfüßl?« Im gleichen Augenblick zappelte aus dem Stiftstor der Kamerad heraus, der fortgelaufen war, um die kanzleideutsche Obrigkeit zu ermuntern. Ein Dutzend Soldaten hatte er aus ihren Stuben herausschreien können. Von den Herren hatte er keinen gesehen. Wie der Müde _in loco hujus_, so schlummerte der vom Verbieten erschöpfte Kanzler, so schnarchte der gekränkte Wahrheitsmörder Halbundhalb, so träumte Jesunder aufgeregt von dem unerklärlichen Armeseelenkammerrätsel, und so duselten alle, die wach geblieben waren in der vergangenen Mirakelnacht. Nur die als Sukkurs gerufenen Musketiere klapperten diensteifrig aus dem Tor heraus und hörten das erregte Stimmengewoge hinrauschen über den Brunnenplatz. Was die Tausende durcheinanderschrien? War es Abwehr oder Zustimmung, Zorn oder Hoffnung? Es war alles zugleich und wuchs zu einem tosenden Lärm. »Gotts Not! Was ist denn da los?« Der Musketier, der neben dem Balken der Unehr stand, gab Antwort: »Der da droben am Schandholz hat sich ausgeschrien als Evangelischen. Und verhetzt das gutmütige Volk. Dem luthrischen Narren sollt man alle Knochen in Scherben schlagen!« Weil er mit dem Flintenkolben eine Bewegung machte, faßte die Mälzmeisterin gleich einer Wahnwitzigen den Mann an der Säbelkoppel: »Unmensch, du!«
»Unmensch? So?« Er schüttelte die Frau von sich ab. »Und du? Eine Gutkatholische? Du weißt wohl nit, was für eine Straf die evangelischen Ketzer verdienen?«
Noch ehe Frau Agnes antworten konnte, stand zwischen den beiden die Moidi von Unterstein, jenes Mädel, dem der alte Fürsager die blauen Faustmale der Brüste mit dem heiligen Buche bedeckt hatte. Das Gesicht des jungen Geschöpfes war so wächsern wie das Antlitz einer Sterbenden, doch in den weitgeöffneten Braunaugen glänzte etwas Freudiges und Schönes. So streckte sie sich an dem schweren Soldaten Gottes hinauf und fragte mit heller Stimme: »Was verdienen die? So sag's doch! Sag's!«
»Die verdienen, daß sie all zusammen auf den Scheiterhaufen kommen.«
Da breitete das kleine hagere Mädel mit einem leisen, wunderlich frohen Schrei die Arme auseinander und rief: »So mußt du mich auch verbrennen. Ich bin eine evangelische Christin. Schon ins vierte Jahr.«
Ein knirschender Soldatenfluch. »Packet das unverschämte Mensch!« Drei, vier Musketiere fielen über das Mädel her, und während sie ihm die Arme hinter den Rücken preßten, drängte sich aus dem schreienden Gewühl der Menschen ein alter Bauer heraus, der Fürsager von Unterstein, kreuzte selber die Hände und streckte sie den Soldaten hin: »Nehmet mich auch gleich mit! Ich bin ein Evangelischer. Ich bin's, derzeit ich denken hab können. Und meine Buben und Töchter, meine Schwieger und meine sechzehn Enkelen, wir alle sind evangelisch.« Wie ein fröhlich Betrunkener drehte er den grauen Bart über die Schulter und schrie mit der Stimme eines jungen Menschen: »Kinderlen! Her zu mir! Unser Christenherz will maien! Jetzt geht es ins Himmelreich!« Erschrocken guckten die Musketiere die vielen Kinder des Alten an, die sich herdrängten von allen Seiten, Männer und Greise, Bürger und Bauern, Weiber, Kinder, hochstämmige Burschen und halbwüchsige Mädchen. An die vierzig, an die fünfzig und sechzig waren es, und mit jeder Sekunde wuchs ihre Zahl, und sie alle waren Kinder vom Geiste dieses Alten, auch wenn sie einen anderen Namen trugen, als er.
Erschrocken sah Frau Agnes in das jauchzende Gewühl der haufenweis herbeiströmenden Bekenner hinein und griff sich mit beiden Händen an die Schläfe, daß ihr die weiße Haube zurückfiel in den Nacken. Zitternd taumelte sie gegen das Holz der Unehr hin und umklammerte die rot übersickerten Füße ihres Sohnes: »Mein Bub! Mein Blut und Fleisch! Was hast du verschuldet!«
»Nichts, Mutter!« Der Klang seiner Stimme war ruhig. »In meines Lebens heiligstem Stündl hab ich ein Wegweis der redlichen Wahrheit werden müssen.«
Sein Wort ging unter in dem wachsenden Stimmengebraus der Hunderte, die sich herandrängten, um das Schneekleid ihrer Seelen abzustreifen und Sichtbare zu werden. Fast alle, wenn sie die Hände hinboten, hatten das gleiche Wort: »Mich auch! Wie schön ist die Wahrheit! Jetzt geht es ins Himmelreich!« Immer vier oder fünfe wurden von den Musketieren in die Torhalle hineingeführt, und doppelt so viele folgten aus freiem Willen, bis die Soldaten Gottes müde wurden des Verhaftens. Nur drei von ihnen blieben beharrlich. Und da faßten sie im Gedräng einen Bauer. Der wehrte sich wie irrsinnig und kreischte: »Lasset mich aus! Ich bin ein Gutgläubiger. Mein Weibl ist römisch und meine Kinder sind's. Die laß ich nit. Gelobt sei Jesus Christus, ich glaub ans Fegfeuer, in Ewigkeit Amen. Und wie mein Herzfleck ist mir mein Haus und Acker. Und müßt ich zum luthrischen Sand hinunter, ich wüßt nimmer, wie ich noch schnaufen könnt. So lasset mich doch aus, ihr Herren! Vor Weihbrunnkessel und Meßbuch will ich's beschwören: Ich bin ein Gutgläubiger!«
Der Blutende am Holz der Unehr wandte das Gesicht im Eisen. Er hatte seinen Widersacher von der Untersteiner Krippe erkannt. Mit einer Stimme, so hell und stark, daß sie allen Lärm übertönte, rief er hinaus in die Sonne: »Lügen heißt leiden. Und einer, an den wir glauben, hat gesagt: >Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.<«
Der Bauer, den die Musketiere schon freigegeben hatten, blieb stehen wie ein Gelähmter. Langsam wandte er die Augen und sah zum Balken hinauf. Ein Erblassen rann ihm über das verstörte Gesicht. Nun tat er einen tiefen Atemzug, ging auf einen der Musketiere zu und bot ihm die gekreuzten Hände hin: »Mich auch! Alles verlieren! Nur nit die Seligkeit. Ich bin evangelisch.« Der Soldat verhaftete ihn nicht, sondern sah den Bauer mit erweiterten Augen an, warf die Feuersteinflinte in den Brunnen, riß den Dreispitz und die Säbelkoppel herunter, schleuderte alles wie in Ekel von sich und sagte: »Da tu ich nimmer mit. Komm, Bruder, wir gehen selbander ins Himmelreich!« Er legte den Arm um den Hals des Bauern, küßte ihn auf die Wange und trat mit ihm in den Schatten der Torhalle.
Ein unversiegendes Herandrängen von allen Seiten. Jetzt irgendwo eine jauchzende Stimme: »Leut! Ihr lieben Leut! So schön, wie der Frühling der Wahrheit ist, so gottschön ist kein Blumenwuchs auf der besten Alm!« Das Wort des Einen wurde zum frohen Seelenschrei von Hunderten: »Frühling der Wahrheit! Frühling der Wahrheit!« In dem brausenden Bekennergewimmel, das schon den Hof des Stiftes zu füllen begann, fing einer mit klingender Kehle zu singen an. Viele Stimmen wuchsen mit freudigen Kräften hinzu. Aus Tor und Halle schwoll das Lied um den Brunnen her, sprang hinüber zu den Türen, zu den Fenstern, und rauschte über die Gasse hin:
»Nun freut euch, liebe Christengmein, Und laßt uns fröhlich springen --«
Alle, die so sangen in dieser Frühlingsstunde ihrer Seelen, sangen das Lied in ihrem Leben zum erstenmal mit lauten und unverschüchterten Stimmen. Fast war es nicht wie Gesang. Es war wie ein unersättliches, nicht enden wollendes Aufjauchzen der Freiheit und Erlösung.
Kapitel XV
Der Hall des tausendstimmigen Liedes, das emporschwoll über die Dächer des Stiftes, klang auch hinüber zu der galanten Jugend, die sich _à la Versailles_ amüsierte und kaum einen Laut dieser über alles Irdische emporgehobenen Menschenfreude vernahm. Es erging den graziös Erheiterten, wie es einem leichtsinnigen Träumer geschieht, der beim Rauschen eines fröhlichen Baches den Donner des aufsteigenden Gewitters überhört. Auf der Hofwiese gavottierten die Hifthörner in rasendem Tempo, obwohl sie die klagende Fuchstodweise hätten blasen müssen. Der letzte Prellfuchs war schon seit geraumer Weile entseelt. Er zappelte nimmer, während er flog, sauste aber immer wieder hinauf ins schöne Blau. Die Allergnädigste schien sich des blutspritzenden Spiels nicht ersättigen zu können, und so wurde der leblose Tierklumpen zu einer Kostbarkeit, um die sich alle Prellerpaare in ausgelassener Heiterkeit zu raufen begannen. Nun fing auch die Zuschauermenge vor dem Netz zu wachsen an. Viele, die den Marktplatz erschrocken verlassen hatten, wurden festgehalten durch das farbige Flatterbild, doch nicht in Schaulust, sondern in Zorn. Inmitten einer erregten Frauengruppe deutete ein mauerblasses Weib auf den fliegenden Fuchs und schrie: »So prellen sie unsere Seelen, unser Gut und Leben, bis uns allen der Schnaufer vergeht. Die sollt der Teufel einmal reiten! Kreuzweis!«
Hatten die Dunklen der Unterwelt diesen Segenswunsch erhört? Aus zwei großen Kästen, die auf einen heimlichen Wink des Grafen Tige auseinanderfielen, sausten vier schwarzborstige Unholde mit Grunzen heraus, prallten gegen die gespannten Netze, rasten blind nach einer anderen Richtung, spritzten im Lauf den blutigen Schnee auseinander, wurden wie besessen und überrannten jedes lebendige Hindernis. Diesen Vorgang begleitete ein sechsstimmiges Damengeschrei, das sich aus toller Heiterkeit sehr flink verwandelte in schrilles Angstgezeter. Gleich zu Beginn des Scherzes merkte Graf Tige, daß der graziöse Knalleffekt ein übles Ende zu nehmen drohte. Erschrocken befahl er dem Wildmeister und den Jägern: »Abfangen! Abfangen!« Es war zu spät. Mit gehobenen Röcken, grillend wie geängstigte Kinder, jagten die unter Schminke und Schönheitspflästerchen entfärbten Demoisellen sinnlos zwischen den Netzen hin und her, um den jungen, sausenden Wildschweinen zu entrinnen. Keiner gelang es. Jede wurde von solch einem blindsurrenden Borstenklotz zu Boden geworfen. Hinter den Schweinen, halb noch lachend, halb schon in Sorge, sprangen die Domizellaren und Jäger mit den blanken Hirschfängern einher.
Bevor man das erste der rasenden Schweinchen zu Boden bringen konnte, waren die sechs Demoisellen schon zum Erbarmen zugerichtet, mit zerrauften Frisuren, mit zerfetzten Kleidern, beschmutzt, vom Schnee durchnäßt, an Gesichtern und Händen mit roten Flecken gesprenkelt, die vom Abklatsch des überall ausgespritzten Fuchsblutes herrührten. Das zweite und dritte Wildschwein wurden in den Netzen erstochen. Den letzten Überläufer mußte man, bevor er den Todesstoß empfangen konnte, an den Hinterläufen unter dem tonnenartigen Steifrock der Allergnädigsten hervorzerren. Aurore de Neuenstein lag mit ausgespreizten Armen im Schnee und zeterte ununterbrochen die beiden Worte: »_Mon Dieu! Mon Dieu! Mon Dieu!_« -- in einem wesentlich anderen Ton, als Damen zu kichern pflegen, wenn sie charmant kascholiert werden. Und während dieses weidmännische Accouchement unter beträchtlicher Kränkung zarter Prinzipien vollzogen wurde, ließ sich ein zorniges Spottgelächter vernehmen. Drei der Demoisellen huschten durch die Leierbüsche des gestutzten Hofgartens davon, um dem Hohn der Subjekte zu entrinnen. Und Aurore de Neuenstein war anzusehen wie eine Nachtwandlerin mit geöffneten Augen.
Das ungraziöse Überraschungsspiel der bösen Schweinchen schien sich bei ihr mit einer sinnverwirrenden Entdeckung zu komplizieren. Als aller Schreck schon längst überstanden war, wurde die Allergnädigste plötzlich von einer befremdenden Erschütterung der Verdauungsorgane befallen -- ein Symptom, über das Graf Tige nicht minder erschrak, als Aurore de Neuenstein. Zu einer Erörterung der unliebsamen Katastrophe verblieb den beiden vorerst keine Zeit. Atemlos erschien auf der Hofwiese der aus seinem Sonntagsschläfchen aufgestörte Muckenfüßl, schlotterbackig, ohne Säbel, und kreischte: »Ihr Herren und Jäger! Jesus, Jesus! Die Welt geht unter _in loco hujus_! Unsere Bauern rebellieren wider Himmel und Gott! Wir brauchen Hilf! Alles hinüber zum gnädigsten Fürsten!« Der Wildmeister, alle Domizellaren -- ausgenommen den Grafen Tige -- die Pagen und Hifthornbläser sprangen mit dem stotternden Feldwebel durch den Schloßgraben zum Stift hinüber, aus dessen Höfen das Lied der tausend Bekennerstimmen in die Sonne schwoll. Sechs von den Jägern zerrten die abgestochenen Wildschweine hinter sich her.
Auf der Straße war ein ruheloses Durcheinander. Leute rannten schreiend gegen den Markt hinauf, und viele, denen die Seele angstvoll geworden, strebten hastig ihren Höfen zu: die noch Unentschlossenen, die nicht sichtbar werden wollten, und die Gutgläubigen, denen das Bekennungswunder dieses Morgens die frommen Gemüter mit Trauer und Schreck erfüllt hatte. Inmitten eines Schwarmes dieser Heimläufer kreischte ein Aufgeregter: »Mich haben die Musketierer dreimal gepackt. Allweil hab ich mich ausweisen können mit polizeimäßigen Glaubenswörtlen. Wer tät denn gutgläubig sein, wenn's ich nit bin? Hättst du das Erlösungswunder meiner Martle gesehen, so tätst du glauben, Mensch! Erzählen darf ich es nit. Aber für's Martle tu ich ein neues Kreuzl schneiden. Sie hat's verdient! Wenn eins heruntergreift aus dem Himmel und meine Kinderlen hinaufholt in die Ewigkeit -- so eine Gottselige wird wohl ein Kreuzl verdienen? Nit? Und müßt auch ihr Leichnam in heidnischen Boden kommen wie eine ungetaufte Katz, bevor sie stinkig wird.« Der Haynacher betrachtete unter verzerrtem Lächeln das erstochene, in Schneegebrösel und Blutklumpen eingewickelte Wildschwein, das von zwei Jägern in den Schloßgraben hinuntergezogen wurde. Mit dem Finger deutend, kicherte Christl: »Auch ein Ungetauftes! Findt aber doch eine christliche Ruhstatt. Weil's die geistlichen Herren hinunterschlucken in ihre geweihten Mägen!«
Da kam einer aus dem Tal herauf. »Christl? Jeder Redliche lauft der Wahrheit zu. Und *du* gehst *heim*?«
»Wohl, Mensch!« Der Haynacher lächelte schlau. »Mich haben sie wieder auslassen müssen. Weil ich so gutgläubig bin, wie mein Martle und jedes von meinen getauften Kinderlen gewesen ist.« Der andere, halb in Zorn und halb in Erbarmen, machte eine Handbewegung und ging vorüber. Christl Haynacher keuchte in die Sonne hinaus: »Kann sein, mir ist ein unheiliger Zweifel durchs Hirndächl gelaufen, ich weiß nit, wann. Aber wie das Wunder mit meinen Kinderlen geschehen ist, da bin ich gutgläubig worden. Wenn aus der Seligkeit zwei liebe Händ heruntergreifen zur irdischen Not! Und lupfen das unschuldsweiße Pärl aus dem amtsmäßigen Riegel heraus! Und allweil höher hinauf zum ewigen Gottesglanz! Schau, Mensch, da mußt du doch selber sagen --« Er merkte, daß er allein stand. »So so?« Dem Christl liefen zwei Tränen über die Feuerflecken seiner Backen. »Schau, von meinen gottseligen Kinderlen will kein Mensch mehr ein Wörtl wissen!«