Part 11
In der grauen, kalten Armeseelenkammer lag auf der langen Totenbank ein kleines, weißes Bündel mit noch unentschiedenem Schicksal -- ruhte hinter vergittertem Fenster und versperrter Türe, deren Schlüssel beim Chorkaplan Jesunder in Verwahrung blieb.
Und im Tal der Ache, die durch den erwachenden Morgen rauschte, saß ein Gebrochener neben der Wiege seines schlafenden Bübchens und schnitzte an einem hölzernen Kreuz, das er auf den geweihten Grabhügel der Martle stecken wollte, noch ehe die Sonne käme.
Eine Nachbarin erbot sich, für den Christl die Morgensuppe zu kochen. Er nickte dankbar, ohne ein Wort zu finden. Als auf dem Herd das Feuer prasselte, setzte er sich in die Wärme, und während seine zitternden Hände an dem kleinen Kreuze schnitzelten, erzählte er mit leiser, wunderlich versunkener Stimme, wie fromm und gottergeben seine Martle gestorben wäre. Eine Weile sah er schweigend in die Flamme. Nun hob er das entstellte Gesicht. »Nachbarin?«
»Was, guter Christl?«
»So heilig sterben können, das ist nit irrgläubig.« Er tat einen schweren Atemzug. »Gott verzeih mir die Sünd: ich tu drauf schwören, daß meine Martle droben ist in der Seligkeit.« Seine Augen hingen am flackernden Feuer. »Schier mein' ich, es kommt auf Kittel und Farb nit an, bloß allweil aufs Ehrliche in der Seel und auf den redlichen Menschenweg.« Die Nachbarin, die eine Gutgläubige war, blieb stumm. Barmherzig war sie gerne, aber auf solche Reden wollte sie sich nicht einlassen. Da faßte Christl die Frau am Arm. »Du? Hast du nit gehört, was sie da droben machen im Herrenstift?«
Was er meinte, verstand sie gleich. Mit dem Kochlöffel in der Pfanne rührend, schüttelte sie den Kopf.
Er stellte das vollendete Kreuz in den Herdwinkel, legte das Messer fort und nahm die Stirn zwischen die Hände. »Jesus, Jesus, jetzt muß ich mein Herz auseinanderreißen in vier Viertelen! Eins für mein Bübl in der Wieg, eins für die Martle auf dem Gerstenacker. Und zwei Viertelen -- ich weiß nit, wohin ich die schmeißen muß!« Mit den Bewegungen eines schwer Betrunkenen taumelte er hinaus in den erwachenden Tag.
Kapitel XI
Die Dinge der vergangenen Nacht bekamen laufende Füße. Ehe der Morgen hell wurde, erörterte man schon in allen Stuben von Berchtesgaden die ungeheuerliche Sache. Für die Unsichtbaren war's eine bange Beklommenheit, für die Treugebliebenen gab das schwarzweiße Himmelszeichen Anlaß zu abergläubischem Schreck oder zu zorniger Erbitterung gegen die evangelische, will sagen preußische Gefahr, auf die der Herrgott mit strafendem Finger hingewiesen hatte.
Es war an diesem Morgen der Kirchweg reichlicher bevölkert als sonst. Zwischen den aufgeregten Leutgruppen wanderten zwei Menschenkinder, die sich nirgends verhielten und mit niemand sprachen -- Luisa und Sus. Dem Sorgenblick der Magd war es anzumerken, daß sie von der schwarzweißen Gotteswarnung schon Kenntnis hatte. Sie schwieg nur, weil der Meister ihr geboten: »Red nit drüber mit dem Kind!« Um der Sache selbst willen machte sie sich keine schweren Gedanken. Eine Verirrung der Natur und das Unglück eines braven Menschen. Was anderes war es nicht für die grade, verständige Sus. Aber ruhelose Sorge wühlte in ihr, weil des Meisters Freund in die Sache verwickelt war, und weil sie früh im Morgengrau den Muckenfüßl mit vier Gottessoldaten hatte hinausmarschieren sehen zum Mälzmeisterhaus. Unbeschwichtigt zitterte in ihr auch noch der Kummer über das zerstörte Bildwerk, das nach ihrer Meinung seit Erschaffung des Paradieses das Schönste von allem Schönen gewesen war.
Blaß und schweigend, mit gesenkten Augen, ging Luisa neben der blonden Magd. Aus den Glockenfalten des grünen Mantels lugte wie immer der Rosenkranz hervor, dessen Zittern nicht nur herrührte von der Bewegung des Schreitens. An Luisas schmerzhaft zusammengezogenen Brauen war es zu sehen, daß peinvolle Gedanken in ihr kämpften. Erst beim Eintritt in die Kirche, aus deren Dämmerung die brennenden Wachskerzen wie schöne Geheimnisse herausflimmerten, löste sich die irrende Qual in ihrem Gesicht. Sie war bei Gott, und bei Gott ist Wahrheit. Gerechtigkeit geht von ihm aus, um alle Menschentorheit gütig zu vergeben, alle leidenden Seelen zu erfüllen mit reiner Kraft. Unbeweglich kniete sie in ihrem Kirchstuhl und hielt unter inbrünstigem Gebet die Stirn auf ihre verklammerten Hände gepreßt. Als die Schellen zur Wandlung klingelten, hob sie das ruhiggewordene Gesicht. Der Glanz eines neugestärkten Glaubens leuchtete wieder in den klaren Mädchenaugen. Während Luisa sich bekreuzte, sprach ihre Seele: »Gott weiß, was in den Menschen ist, allweil kennt er die Seinen; auch gegen die anderen, die wider ihn trutzen, bleibt er gerecht und wird durch einen irdischen Richter nit bestrafen lassen, was guter und redlicher Wille war.« Diese Zuversicht blieb in ihr, als sie neben der blonden Magd die Kirche verließ. Mit einer seltsamen Freudigkeit sagte sie: »Geh heim, gute Sus! Daß der liebe Vater auf sein Frühmahl nit warten muß. Ich hab einen Weg, den ich nit verschieben darf.« Von dem, was Luisa sagte, schien Sus nur die drei Worte >der liebe Vater< gehört zu haben. Eine Blutwelle schoß ihr in die Wangen, und sie rannte, um so flink wie möglich dem Meister zuschreien zu können: »Heut hat sie gesagt: der *liebe* Vater. Meister, es wird heller in deinem Haus!«
Unter dem Strom der Leute ging Luisa hinüber zur Wohnung des Chorkaplans. Als sie die Glocke ziehen wollte, kam Mutter Jesunder aus der Sakristei. Die alte Frau war so dick in warme Dinge gewickelt, daß man glauben konnte, ihre Magerkeit hätte während dieser aufregungsvollen Nacht das Sorgenfett in kugeliger Fülle angesetzt. Auch roch sie auffällig nach Kamillen. Bei Luisas Anblick versuchte sie einen zärtlichen Augenaufschlag. »Ei guck, da ist ja unser frommes Kindl schon wieder --«
»Mutter Jesunder?« Das klang so ernst, daß die nachtschwache Frau sofort ein heftiges Mißtrauen empfand. Streng betrachtete Luisa das jähverwandelte Runzelgesicht. »Was ich in meiner Herzensnot dem hochwürdigen Herrn hab anvertrauen müssen? Ist es wahr, Mutter Jesunder, daß du das in deinem Marktkörbl zum Pfleger getragen hast?«
»Aber Kindl,« begann die Frau zu klagen, »wie kannst du nur so was denken von mir --«
Schweigend wandte Luisa sich ab. Die Verlegenheitsglut, die der alten Frau mit Pfingstrosenfarbe ins Gesicht gefahren war, hatte deutlich gesprochen. Unter erschrockenem Wortgesprudel rannte die Jesunderin dem Mädchen nach und beschwor ihre Schuldlosigkeit. Luisa ging davon, ohne das Gesicht zu drehen. Da erkannte Frau Apollonia die Zwecklosigkeit ihrer Zungenmühe, schickte dem Mädchen einen Wutblick nach und murrte: »So eine unverschämte Gans! Die will ich ankreiden bei unserem Herrgott!« Diese Drohung war so ernsthaft gemeint, wie Frau Jesunder überzeugt war, daß Gott Vater das Menschengeschlecht nach ihren Ratschlägen regiere. Das schloß aber die betrübliche Wahrheit nicht aus, daß Frau Apollonia in dem nassen Schneequatsch kalte Füße bekam, einen Rückfall ihres nächtlichen Leidens befürchtete und mit Beschleunigung ihrer Haustür zustreben mußte. So wurde sie an der Beobachtung der sonderbaren Tatsache verhindert, daß Luisa die Richtung nach dem Hause eines zwar nicht vor Gottes Allwissenheit, aber doch vor dem Scharfblick der Frau Apollonia höchst verdächtigen Mannes einschlug.
Pfarrer Ludwig, als er das zaghafte Pochen an seiner Stubentür vernahm, ließ die große Warze in ein vergnügtes Schmunzeln hinübergleiten. »Nur allweil herein!« Beim Anblick seines Gastes zeigte er den Ausdruck einer erstaunten Menschenseele. »Liebes Kind? Was suchst du bei *mir*?«
Die Art, wie der Pfarrer das letzte Wörtchen betonte, erzwang von Luisa die zornige Antwort: »Zum Jesunder geh ich nimmer.«
»Oh! Ooh! Oooh!« Mißbilligend schüttelte Herr Ludwig den weißen Kopf. Ein Diplomat schien er nicht zu sein. Statt Luisa zu beruhigen, wie es doch vermutlich seine Absicht war, blies er durch sein Verhalten kräftig in das Feuer ihrer Erregung.
»Zum Jesunder geh ich nimmer!« wiederholte sie unerbittlich. »Ich tu's nit, und müßt ich auch verzichten auf jede Seelentröstung.«
»Kind! Was hast du gegen den Jesunder?«
»Hochwürden?« Sie sah erschrocken zu ihm auf. »Wisset Ihr nimmer, was Ihr in meiner Kammer geredet habt zu mir?«
Da sagte er mit ernstem Vorwurf: »Was ich an junger Narretei hab sehen müssen in deiner Kammer und was wir geredet haben, das war gebeichtet. Nit? Und da liegt für mich ein Schleier des Vergessens drauf, den keine Menschenhand nimmer hebt. Genau so heilig wie der Beichtstuhl ist jedes menschliche Vertrauen. Eh' man da einem redlichen Priester ein Wörtl entreißen könnt, da tät er sich lieber die Knochen aus dem Leib herausbrechen lassen. Du tust dem Jesunder unrecht! Daß seine Mutter nit so schwerhörig ist, wie meine Schwester, dafür kann der Jesunder nichts. Oder -- -- Kind? Du wirst doch nit glauben, daß *ich* was ausgeredet hätt? Vor deinem Vater?« Ohne das heftige Kopfschütteln des Mädchens zu bemerken, sprach der Pfarrer in Erregung weiter: »Nein, liebes Kind! Dein Vater ist der wahrhafteste von allen Mannsleuten. Da müßt er im Leben zum erstenmal ein unwahres Wörtl geredet haben! Nein, nein, nein! Das kann ich nit glauben von einem so redlichen Menschen!«
Sie hatte in Hast das Gebetbuch und den Rosenkranz auf den Tisch gelegt. »So ist das nit. Daß der Vater von meiner so sündhaften wie törigen Narretei kein Fäserlein erfahren hat, das hab ich gut gemerkt. Der Vater --« Sie stockte. Und ihre Wangen fingen zu brennen an. »Der Vater glaubt was anderes von mir.«
»Was anderes?« fragte der Hochwürdige überrascht.
»Der Vater glaubt, ich hätt so einen hilflosen Wirbel im Köpfl, weil ich --«
»Weil du?« half Herr Ludwig nach.
»Weil ich dem Leupolt gutgeworden wär.« Sie fügte stammelnd hinzu: »Aus Sorg und Barmherzigkeit, meint der Vater.«
»Um Gotteswillen!« Der Pfarrer schlug die langen Hände zusammen. »Wie kann denn so ein gescheites Mannsbild so was Unmögliches denken!« Nach diesen Worten blieb es in der weißen Stube still, und Herr Ludwig guckte verwundert drein, ganz ehrlich verwundert. Er schien eine Antwort erwartet zu haben. Sie kam nicht. Den Kopf mit dem spanischen Federhütl in den Nacken gepreßt, stand Luisa unbeweglich und sah durch das Fenster hinauf zu einem blauen Himmelsfleck. Diesen Moment der Ablenkung benützte Pfarrer Ludwig zu einigem Nachdenken. Dann nickte er: »Das ist merkwürdig --«
Rasch wandte Luisa die Augen. »Was, Hochwürden?«
»Daß einem das unsinnigste Ding um so glaubhafter fürkommt, je länger man drüber studiert. Es könnt wohl sein, Kindl, daß dein gescheiter Vater recht hat. Einem sonst so redlichen Buben gut werden? Ja, ja! Aber -- *nur* aus Barmherzigkeit? Das begreif ich nit. Allweil bin ich des Glaubens gewesen: man liebt aus Herz und Seel, aus Blut und Jugend. Freilich, was versteh ich altes Pfarrle von solchen Sachen! Ich weiß nur, du hast zu barmherziger Sorg um den armen Buben einen Grund. Und weil du deine heilige Barmherzigkeit nit vereinen kannst mit deiner Treu im Glauben? Und dem Buben doch gutsein *mußt*? Deswegen bist du zu mir gekommen? Um Hilf und Rat?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Hochwürden!« In ihrer Stimme war wieder die alte Strenge. »Zwischen mir und dem anderen ist kein Weg. Da darf ich mir einen Rat nit geben lassen.«
»Gut also! Soll der Bub in sein Elend rennen. Dein unverdächtiger Vater darf sich nur warnen lassen von einem Gutgläubigen. Tut's ein anderer, der muß ins Eisen, darf Sonn und Mond nimmer schauen. So ist es christlich. Aber gekommen *bist* du doch zu mir? Da muß ich fragen: warum?«
»Schier weiß ich es selber nit.« Luisas Gesicht, aus dem jede Spur von Farbe verschwunden war, bekam den Ausdruck einer qualvollen Verzweiflung. »Es hat mich halt hergetrieben in meiner Not. Mir ist so weh ums Herz, ich weiß nit, wie. Alles verdreht sich in mir.«
»Sooo? *Des*wegen willst du einen Trost von mir? Für dich allein?«
Sie stand wie betäubt. Dann nickte sie müde.
»Kind! Bevor ich dich trösten kann, muß ich wissen, ob du Vertrauen hast zu mir? Es ist mir so fürgekommen, daß du nit nur ein unbegründetes Mißtrauen gegen deinen redlichen Vater hast, sondern daß deine frommgläubige Seel auch mich für einen Verdächtigen nimmt?«
Sie senkte das erglühende Gesicht.
»Kindl? Ist das so oder nit?« Da nickte sie ehrlich und war in diesem schamvollen Bekennen so hold und liebenswert, daß der alte Pfarrer die Arme streckte, als möchte er das brennende Mädchengesicht zwischen seine Hände nehmen und zärtlich diese flehenden Augen küssen. Doch er wurde ernst und fragte: »Kind? Wer ist nach deinem Glauben unter allen, die gelebt und gelitten haben, der Wahrhafteste und der Gerechteste gewesen?«
Sie lispelte: »Unser heiliger Herr Jesus Christ.«
»Da denkst du, wie ich.« Er legte den Arm um Luisas Schulter. »Komm! Und schau ihn an! Da hängt er an der Mauer, so schön, wie ihn dein gläubiger Vater herausgeschnitten hat aus dem Holz! Das ist länger her, als du lebst. Ja, Kindl, damals hat dein Vater die geschickte Hand noch gehabt, die ihm ein ungerechtes Urteil hat wegschlagen lassen. Warum? Weil dein Vater barmherzig gewesen ist. Weil er in seiner Güt nit unterschieden hat zwischen römisch und evangelisch, zwischen weiß und schwarz. Und weil er denken hat müssen: Mensch ist Mensch, und wo einer leidet, da muß man helfen.« Während der Pfarrer langsam diese Worte sprach, betrachtete er Luisas Gesicht mit forschender Aufmerksamkeit. Und plötzlich fragte er verwundert: »Kind? Was tut dich erschrecken?«
Luisas erweiterte Augen waren in Pein und Hilflosigkeit auf das Kreuzbild gerichtet. Gleich einer frommen Opfergabe hingen da zwei weiße, zerschnittene Tüchelchen an dem eisernen Nagel, von dem die blutenden Füße des Erlösers durchbohrt waren.
Pfarrer Ludwig schien von einem heißen Verlegenheitskummer befallen zu werden. »Ach, Gott, ich bin aber doch ein grausamer Esel!« Er sprang auf das Kreuzbild zu, packte die zwei Tüchelchen, stopfte sie in die Hosentasche und sagte betrübt: »So wenig hab ich mir denken können, daß *du* zu *mir* kommst! Sonst hätt ich doch nit die zwei weißen Fähnlein deiner Torheit aufgesteckt, wo du sie sehen hast müssen auf den ersten Blick. Das ist mir leid.«
Stumm, unter Tränen, schüttelte Luisa den Kopf.
»Aber ich seh doch, es hat dir weh getan, daß die Tüchlen dich erinnert haben an deine gottferne Narretei. Wie ich heimgekommen bin aus deiner Kammer, hab ich sie da hergehangen und hab zum Allgütigen gesagt: Gelt, tu dem jungen Kindl nit verdenken, was ausgesehen hat wie ein Kinderspott auf dein heiliges Leiden, sie hat es nit so gemeint, ihre Seel ist fromm.«
»Nit, Hochwürden,« unterbrach sie ihn leise, »ganz verdreht bin ich gewesen. Und die zwei Tüchlen sehen müssen, das ist mir gewesen jetzt wie eine verdiente Straf.«
»Jetzt sind sie doch nimmer da. Und wo sie gewesen sind -- schau, Kind, da leg ich, um dein Vertrauen zu verdienen, meine Hand jetzt hin und sag: Ich bin im Glauben geblieben, der ich allweil gewesen bin. Wie ich gelebt hab, so will ich sterben: als Christ und getreuer Mensch. Ich glaub an Gottes Güt und Gerechtigkeit, glaub an sein ewiges Walten. Ich glaub an den Himmel und glaub an das Recht der Menschen auf Gottes Gnad, glaub an die Pflicht der Menschen zu redlichem Leben und zu hilfreicher Barmherzigkeit gegen Freund und Feind. Ob einer getreu ist oder da drüben steht, ich weiß nit, wo -- ein leidender Mensch, da muß man helfen. Ja, lieb Kind, das hab ich gelernt von deinem Vater.« Nach diesen ernsten Worten fragte der Pfarrer lächelnd: »Ist das ein Christentum, das dir verdächtig erscheint?«
Sie schüttelte den Kopf. Dann streckte sie die zitternde Hand und bat: »Hochwürdiger Herr! Tu mir verzeihen in christlicher Güt!«
»Verzeihen?« Er streichelte ihr schönes Haar. »Dir bin ich doch nie nit harb gewesen. Allweil hab ich verstanden, wie wertvoll deine liebe Jugend ist. Und komm, jetzt setzen wir uns zum Fenster hin!« Er führte sie in die helle Mauernische und stellte für sie einen Stuhl ganz nah an die Scheiben. Da konnte sie alles gewahren, was da drunten geschah, in dem von weißen Schneeresten übersprenkelten Hof, der zwischen der Kirche und dem Gerichtsgebäude lag. Aber Luisa wandte keinen Blick zum Fenster; in dürstendem Erwarten sah sie zum erregten Gesicht des Pfarrers auf, der schwarz an der weißen Mauer stand und in den Hof hinunterspähte, als müßte da drunten was geschehen, was er mit Ungeduld erwartete. »Schau, Kindl, eh wir reden können von dem Trost, den du suchst für dich allein, müssen wir ein bißl reden von einem anderen.« Er sah das jähe Erglühen ihres Gesichtes und lächelte. »Von deinem Vater.« Sie atmete erleichtert auf. »Wie kommt es, Kindl, daß du so mißträulich gegen deinen Vater bist?«
»Man hat mir viel von ihm gesagt, worüber ich hab erschrecken müssen.«
»Sooo? Freilich, die Graden reden grad, die Krummen krumm. Einmal, am Königssee, der ein Stündl von Berchtesgaden liegt, hat ein kleines Bübl mich gefragt: >Was ist das für ein buckliges Häufl da draußen?< Weißt du, was das Bübl gemeint hat? Den großmächtigen Untersberg. So sehen deinen Vater die Leut, die sein mannhaftes Herz nie gesehen haben in der Näh!«
»Oft redet der Vater, wie man als Christ nit reden sollt.«
»Sooo? Da hab ich nie was gehört davon.«
»So hab ich ihn reden hören mit dem Lewitter.« Scheu fügte sie hinzu: »Und oft mit Euch.«
Der Pfarrer lachte, als hätte dieses Wort ihn freundlich erheitert. »Mit mir? Und deswegen bin ich verdächtig worden für dich? Aber schau, ich versteh noch allweil nit. Was reden wir?«
»Lewitter und mein Vater nehmen Gottes Wort nit, wie es verkündet steht. Sie machen was anderes draus, sie deuten es um.«
»Tust du denn das nit auch?«
Erschrocken stammelte sie: »Um aller Seligkeit willen, das tu ich nit. Das wär eine arge Sünd. Was Gott geredet hat, steht geschrieben. Das muß man glauben, wie Gott es gesagt hat.«
Wortlos betrachtete der Pfarrer eine Weile ihr heißes Gesicht. Dann sagte er leis: »Wie seltsam!« Wieder warf er einen raschen Blick durch das Fenster.
»Hochwürden? Was ist seltsam?«
»Daß die anderen, die man die Unsichtbaren schimpft, genau so predigen wie du. Die legen die Hand auf das heilige Buch und sagen: >Was Gott geredet hat, steht geschrieben, das muß man glauben, wie Gott es gesagt hat.< Ja, Kind! Und *du* bist doch nit irrgläubig?« Der Pfarrer schmunzelte. »Da mußt du mir jetzt erzählen, was im Paradies geschehen ist, beim Apfelbaum, bevor Frau Eva, die Mutter von uns allen, sich versündigt hat zum erstenmal.«
»Sie wär gehorsam geblieben, wenn nit vom Baum herunter der höllische Verführer zu ihr geredet hätt.«
»Wer?« fragte Pfarrer Ludwig.
»Der höllische Verführer.«
»Ooooh?« Der Pfarrer griff zu seinem Schreibtisch hinüber, nahm ein kleines dickes Buch, schlug es auf, spähte durch das Fenster, las mit lauter Stimme den lateinischen Text des Sündenfalles und schüttelte den Kopf. »Kind, auf mein Latein versteh ich mich. Da find ich kein Wörtl vom höllischen Verführer. Da steht: die *Schlange*.«
»Das ist er ja doch gewesen!«
»Wer?«
»Der höllische Feind!«
»In Gottes Wort, da heißt es: die *Schlange*! Aber schau, lieb Kind, ich denk wie du. Wir zwei, wir wissen, daß Schlangen nit reden können. Drum deuten wir das Gleichnis der Falschheit um, machen was anderes draus, was wir verstehen, und sagen: der höllische Feind und Verführer. Aber was wir selber tun, mein Kind, das dürfen wir doch den anderen nit zum Fürwurf machen?« Plötzlich, wie von Kummer befallen, sah Pfarrer Ludwig durch das Fenster hinaus und flüsterte: »Ach, Gott! Der gute, schuldlose Bub!«
Erblassend, von einem Taumel der Verstörung befallen, sprang Luisa zum Fenster hin. Der Pfarrer streckte erschrocken die Arme: »Vom Fenster weg! Das sollst du nit sehen! Das tät dich schmerzen.«
Sie klammerte die Hände um den Fensterriegel, preßte die Stirn an das geriefelte Glas und atmete schwer. Was da drunten geschah, war deutlich zu erkennen, obwohl es verkrümmt wurde durch die Rippen des Glases: zwischen einem lärmenden Leuthaufen führten zwei Fronknechte den Jäger Leupolt Raurisser vom Gerichtsgebäude zum Gefängnis hinüber. Er trug die gekreuzten Fäuste hinter dem Rücken. Nun verschwand der lärmende Schwarm, und der Hof da drunten war wieder leer.
Luisa wandte sich langsam vom Fenster ab und tastete gegen den Pfarrer hin. »Das darf man doch nit geschehen lassen! Das tät ein Unrecht sein!«
»Unrecht!« klagte der Pfarrer und schritt mit seinen langen Beinen aufgeregt durch die Stube. »Unrecht! Freilich ein Unrecht! So deutest du es aus mit deinem guten Herzen. Aber da ist der Muckenfüßl! So ein Rindvieh und Kummer Gottes! Und der Landrichter mit der Sauermilch im Gehirn. Der macht aus einer redlichen Sach das Gegenteil und wirft den schuldlosen Buben in Schand und Eisen. Und sagt: dem muß man den jungen und schmucken Leib zermartern! Den muß man zerbrechen an Herz und Seel! Bloß weil er als Mensch barmherzig gewesen ist und nit leiden hat mögen, daß man ein Unrecht verübt an deinem schuldlosen Vater. Tu mich nit falsch verstehen, Kind! Mich erbarmt der Leupolt nit.« Er sah den Zorn auf ihrer Stirn und beteuerte: »Was geht mich der Leupolt an? Der steht da drüben. Ich denk wie du, lieb Kind! Aber Unrecht ist allweil ein Ding, das den Gütigen am Kreuz da droben traurig macht.«
Der zarte Körper des Mädchens schien zu wachsen und ihre Stimme bekam einen schrillen Klang. »Man darf so ein Unrecht nit geschehen lassen. Da muß man helfen!«
»Helfen? Wer denn? Du vielleicht? Geh, sei verständig, Kind! Du willst doch nit gar hinüberlaufen zum Richter? Du? Ein verzagtes und mutloses Mädel? Das tät ich verhindern müssen. Und schau, was tätst du dem Richter sagen? Ich wüßt nit, was.«
Jetzt wurde ihre Stimme ruhig und rein. »Ich tät ihm sagen, was wahr ist! Daß der Leupolt den Vater nit gewarnt hat aus Ungehorsam wider die Obrigkeit.«
»So? Nit? Und warum denn sonst?«
»Er hat's getan --«
»So sag's doch! Sag's!«
»Bloß weil er mich lieb hat.«
»Aber Kind, tu töriges! Wahr ist's freilich, tausendmal wahr! Der hat dich lieber als Vater und Mutter, lieber als Augen und Leben. Aber daß er da drüben steht bei den Verdächtigen? Das darf man doch nit vergessen.«
Mit erregter Strenge sagte sie: »Ein Mensch ist allweil ein Mensch.«
»Freilich, freilich, aber ich weiß doch, wie so ein dummes Mädel ist! Da könnt der beste von allen Buben um ihretwegen versterben müssen -- von Liebhaben und süßer Vertraulichkeit, vom Heimgart, zu dem er hätt kommen mögen, von Spinnrädl und Haustür, von so was redet doch ein Mädel nit vor dem Richter. Auch nit das redlichste und tapferste. Da muß man rot werden, verlegen und geschämig sein! Da muß man --«
»Hochwürden!« In Luisas Augen war ein Glanz, wie in den Stunden, in denen sie betete. »Da kennt Ihr die redlichen Mädlen schlecht.« Sie nahm ihr Buch und den Rosenkranz. Bei der Türe wandte sie das Gesicht. »Den Trost, um den ich gekommen bin für mich allein, den hol ich ein andermal. Jetzt muß ich zum Richter.« Ruhig wehrte sie mit der Hand, weil der Pfarrer eine Bewegung machte, als möchte er sie festhalten. »Das muß ich tun. Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!«
»In Ewigkeit Amen!« antwortete Pfarrer Ludwig mit einer Stimme voll inniger Zärtlichkeit. Er sah die Tür an, lachte vor sich hin und kam überraschenderweise zu einem ähnlichen Urteil, wie es Frau Apollonia Jesunder über Luisa abgesprochen hatte. Nur der Klang war ein anderer. »Du liebes Gänsl! Lauf nur! Und lauf durch Schmerzen hinein in dein junges Glück!«