Das große Jagen

Part 10

Chapter 103,486 wordsPublic domain

»Jetzt bet ich allweil --« Er schwieg. Dann sagte er mit völlig anderer Stimme: »Ich bet: >Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer nach Himmel und Welt; und täten mir Leben und Seel verschmachten, du bleibst mein Heil und meines Lebens Trost!<«

Ein Laut wie in heißer Freude. Frau Agnes hatte nicht nur die Worte des Sohnes gehört, auch das Klingen seiner Seele, das Herzgeläut seines tiefen Glaubens. »Jesus, Jesus,« stammelte sie im Glück des Augenblickes, »betet einer so, da kann's doch so weit nit fehlen.«

»Nein, Mutter, es fehlt nit!«

Sie zog ihn zu sich herab, umschlang seinen Hals und preßte das heiße Gesicht an seine Wange. »Jetzt bin ich ruhiger. Da brauchen wir auch nimmer reden mit einander. Wer betet wie du, ist nie verlassen. Was hätt das Reden für einen Sinn? Mir redest du nichts ein, und dir, das merk' ich, ist nimmer auszureden, was dir wie Eisen in Herz und Seel ist. Begreifen kann ich's nit, aber es ist so. Müssen wir's halt nehmen, wie's ist. Und was kommt, das müssen wir tragen als Mutter und Kind. Zwischen uns sollen Zeit und Herren nie einen Graben aufreißen. Gelt nein?«

»Nie, Mutter! Vergeltsgott! Jetzt hast du mir's leicht gemacht.« Wie wohlig seine Worte klangen! Dann ging er zu seiner harten Bank. Frau Agnes lag unbeweglich und lauschte immer zu ihm hinüber. Ihre Augen schlossen sich nicht, obwohl der Glühwein die Gedanken ihrer Sorge und ihres Trostes ein bißchen durcheinander wirbelte. Auch Leupolt sah mit offenen Augen in die Nacht. Sein Atem ging so ruhig, daß die Mutter immer glaubte: jetzt schläft er. Gegen drei Uhr morgens erhob er sich und schob ein paar Buchenscheite in die Ofenglut, damit die Kleider und Schuhe der Mutter völlig trocknen möchten. So leise tat er es, daß kein Mäuschen hätte erwachen können. Als er sich lautlos wieder hinstreckte auf die Bank, sagte Frau Agnes: »Vergeltsgott!«

»Ich tu's doch gern. Schlaf nur! Es ist noch Zeit.«

Wieder die stillen, wachenden Stunden. Aus der Nebenkammer hörte man das Schnarchen des Platzjägers. Und draußen im Zwinger schlugen die Hunde an. Da kam wohl hungerndes Hochwild über den Gartenzaun gesprungen, um an den Obstbäumen zu beißen. Die schwindende Mondhelle verriet dem Jäger, wie weit es an der Zeit war. Gegen die fünfte Frühstunde erhob er sich. Gleich sagte die Mutter: »Guten Morgen, Bub!«

»Du hast doch ein bißl geschlafen? Nit?«

»Die ganze Nacht. Und gut.«

»Gott sei Dank!« Er stellte den Rest der Weinsuppe zum Aufwärmen in die Ofenröhre. »Dein Zeug ist trocken!« sagte er, nahm die Kleider von den Stangen und legte sie auf das Bett. »Draußen putz ich deine Schuh. Da kannst du dich gewanden derweil.«

Als sie wegfertig waren, tranken sie den warmen Wein und aßen einen Bissen Brot dazu.

Die Feuersteinflinte mit dem Riemen um die Brust, hinter den Schultern den Bergsack, auf dem Arm das Radmäntelchen und zwei wollene Bettdecken, blieb er auf der Schwelle stehen und warf noch einen Blick in die dunkle Stube, in der die Lampe schon ausgeblasen war. Draußen sagte er: »Da mußt du Obacht geben, Mutter! Das Treppl ist ein bißl vereist.« Auf dem Beinschlitten hüllte er sie fest in die zwei Bettdecken und wickelte ihr auch den eigenen Mantel noch um Kopf und Hals. Alles ließ sie schweigend geschehen, sah nur immer mit großen, nassen Augen zu ihm auf. Bevor er hinter der Mutter auf den Schlitten stieg, drehte er das Gesicht und ließ die Augen langsam hingleiten über den grauen Jägerkobel, über das schmucke Herrenschlößl und über den weiten Bogen der von schwarzem Schatten umwobenen Berge. Ob er das im Leben noch einmal sehen würde? Wortlos stieg er auf das Brett und begann den Schlitten zu treiben. Mit jagender Eile glitten die beiden in die Nacht hinaus, ihrem Schicksal entgegen.

Manchmal klang das Dröhnen einer Eisfragel, die entzweisprengte, was aneinandergewachsen war. Und immer hörte sich das an, als hätte man stark an eine große Glocke geschlagen, irgendwo, in der Tiefe oder hoch in der Luft.

Kapitel X

Bald nach Anbruch des Nachtschweigens war zu Berchtesgaden am Hause des Chorkaplans Jesunder die Torglocke mit erschreckender Heftigkeit gezogen worden. Jesunders alte Mutter Apollonia streckte den Kopf mit der großen Nachthaube zum Fenster hinaus, gewahrte aber keinen Menschen und war gewohnheitsmäßig der Meinung, daß wieder einmal ein gottverlorener Heimtücker eine unverzeihliche Büberei gegen die Kirche verübt hätte. Alles, was Frau Apollonia zu Leide geschah, empfand sie als eine Verunglimpfung des Himmels.

Hatte sich auch die Kühle der Nacht an ihr versündigt? Frau Apollonia hielt es für notwendig, einen Beruhigungstrank aus Kamillenblüten zu bereiten. Als sie, innerlich aufgewärmt, wieder zur Ruhe gehen wollte, vernahm sie vor dem Haustor eine Männerstimme, die sehr sonderbare Worte schrie. Trotz aller Neugier wagte Frau Apollonia sich nicht mehr ans Fenster, bevor sie nicht drei Unterröcke, die wollene Jacke und einen armdicken Schlips in mehrfacher Windung am Leibe fühlte. Bis diese Wandlung vom Kühlen ins Warme vollzogen war, hatte die Zeterstimme vor dem Haustor sich ausgewachsen zu einem Gewirre aufgeregter Menschenlaute. Und noch immer kamen Musketiere, Stiftslakaien, Jägerknechte und Stallwärter von allen Seiten herbeigelaufen. In sorgenvoller Ahnung kreischte Frau Apollonia auf das Gewühl hinunter: »Was ist denn, was ist denn?« Eine verständliche Antwort bekam sie nicht. Sie hörte nur die vier dunklen Worte: Kind und Teufel, weiß und schwarz.

Das Amtsgeheimnis, das Herr von Grusdorf der Hasenknopfin auf die Hebmutterseele gebunden hatte, wurde innerhalb weniger Minuten zum Geschrei von hundert Menschen. Was auf Befehl der Obrigkeit *ein* Kind gewesen war, nicht schwarz, nicht weiß, ein Kind, wie eben Kinder sind, das waren nun doch *zwei* Kinderchen, weiß und schwarz, entseelt, von den Schultern bis zu den Hüften aneinandergewachsen. Es war ein unverzeihliches Verbrechen von seiten der Wahrheit, sich einem obrigkeitlichen Befehl zuwider so unvertuschelbar in die breiteste Öffentlichkeit zu begeben. Alles, was durch die Klugheit des Kanzlers hätte vermieden werden sollen: der Zusammenlauf kuriöser Leute und die Entstehung rebellischer Rumore -- alles war vorhanden, dazu noch in kunstvoll gehobener Entwicklung. Herr von Grusdorf erlebte eine verzweiflungsvolle Mitternachtsstunde und verwünschte die staatsgefährliche Subjektin, die den Gram des Christl Haynacher nicht mit heimlicher Vorsicht in die Armeseelenkammer getragen, sondern rachsüchtig dem Chorkaplan Jesunder auf die Hausschwelle gelegt und mit fürchterlichem Gebimmel die Lärmglocke gezogen hatte. Das sollte die vulgo Hasenknopfin büßen! Zu diesem Zwecke arbeiteten Herr von Grusdorf und der kanzleideutsche Muckenfüßl mit solcher Beschleunigung, daß die Hasenknopfin, als sie gegen die dritte Morgenstunde ausgehoben werden sollte, schon seit vielen Stunden verschwunden war. *Ganz* verschwunden! Nicht nur mit ihrem Mädel und aller tragbaren Habe. Auch die Hausgeräte waren unsichtbar geworden, Kalb und Kühe davongetrieben, die Hennen in unauffindbare Nester gesetzt. Doch Muckenfüßl brachte von seinem zwecklosen Dunkelheitsmarsche wenigstens *ein* polizeilich verwertbares Gerstenkörnchen in die Kanzlei. Nach eindringlicher Bemühung der Soldaten Gottes hatte es eine Nachbarin der Hebmutter unter Nasenbluten ausgeschwatzt, daß der Hasenknopf vor 18 Tagen heimlich ins Preußische ausgewandert wäre, um sich vom Schicksal der Salzburger Exulanten zu überzeugen. »Ins Preußische!« Muckenfüßl hob den Zeigefinger der Polizei. »Jetzt weiß der _ego ipsus_, was das zwiefärbige _miraculum_ als Gottesstraf _in loco hujus_ bedeutet! Die preußischen _coloribus_ sind schwarz und weiß. _Ergo_, wo die Hasenknopfischen sich betätigen, muß sich alles ins Preußische permutieren. Jaaa, der Himmel laßt mit dergleichen Materien keine Spassettibus nit machen.«

Dieser Beweisführung, obwohl sie einleuchtend war, wagte Herr von Grusdorf sich nicht völlig anzuschließen. Doch besaß er so viel politischen Verstand, um einzusehen, daß die Ausstreuung des Muckenfüßl'schen Gedankenganges sich eher nützlich als schädlich zu erweisen vermöchte. Solch ein Zusammenhang der göttlichen Strafe mit der Hasenknopfin mußte die Subjekte zur Einsicht und Reue mahnen und auf ihre Gemüter ähnlich wirken wie ein Kriegskomet mit schreckenerregendem Feuerschweif. So bekam der Feldwebel eine Belobung für seine Geistesschärfe und dazu den obrigkeitlichen Befehl, den Wechselwirkungen zwischen Himmel und Hebamme eine segensreiche Publizität zu prokurieren. Mit diesem staatsmännischen Weisheitsblitze waren die Amtshandlungen des Kanzlers in dieser ereignisvollen Hornungsnacht noch nicht erledigt. Die Forschungsreise des Hasenknopf ins Preußische gab ihm so viel zu denken, daß sein Gehirn ein bißchen kongestiv und die unteren Extremitäten desto blutleerer wurden. Um die Regierungsgeschäfte weiterführen zu können, mußte er ein Schaff mit heißem Wasser bringen lassen und die schmerzenden Zehen hineinstecken. Weil das Wasserschaff unter dem Schreibtisch stand und die grauen Dunstwolken zur Linken und Rechten des Regierungssitzes emporquollen, bot der rotbefrackte, um den reinen Glauben bemühte Kanzler mit dem perückenlosen Kahlkopf einen geradezu satanischen Anblick. Man wurde an die Walpurgisnacht erinnert, nur daß es an einem verführerischen Hexchen mangelte. Aurore de Neuenstein hatte wohl ebenfalls eine schlaflose Nacht, doch statt sich an den kummervollen Amtsgeschäften ihres Onkels zu beteiligen, zog sie es vor, sich gemeinsam mit dem Grafen Tige der Lektüre eines Pariser Schäferromans zu widmen und die Kapitelpausen durch zärtliches Spinettspiel auszufüllen.

Zwischen den quirlenden Dampfwolken reihte die Logik des Herrn von Grusdorf alle Indizien unerbittlich aneinander, um Klarheit über die fürchterliche Tatsache zu gewinnen, daß die evangelischen Schwärmer im Lande augenscheinlich zahlreicher waren, als die Regierung bei aller gewohnten Umsicht vermutet hatte. Auf eigene Rechnung war der _vulgo_ Hasenknopf doch sicher nicht ins Preußische gewandert. Da hatten viele zusammengesteuert. Eine ganze Rotte! Herr von Grusdorf überschlug die Kosten der weiten Reise, nahm hypothetisch einen erst noch auszuforschenden Begleiter an und brachte eine Ziffer von Unsichtbaren heraus, die ihn mit Beklemmungen erfüllte. Es mußten an die zehn, zwölf Dutzende sein. Er fing zu schwitzen an. Nicht nur aus Ursach des heißen Wassers, noch mehr aus quälender Regierungsangst. Nur für das Nötigste diktierte er um die fünfte Morgenstunde eine _ordre_ auf Haussuchung unter allen Dächern von Unterstein, eine _ordre_ auf Verhaftung des Jägers Leupolt wegen Verrates polizeilicher Amtsgeheimnisse, eine _ordre_ auf Dingfestmachung der beiden Hasenknopfischen Menscher und eine _ordre_ an alle Grenzwachen: weder Mensch noch Vieh aus der Landmark hinauszulassen, insbesonders aber auf das Erscheinen des aus dem Preußischen heimkehrenden Hasenknopf samt hypothetischem Begleiter ein wachsames Auge zu dirigieren. Nach diesem reichlichen Papierverbrauche konnte Herr von Grusdorf die sonderbar gestalteten Zehen aus dem heißen Wasser ziehen und des Glaubens sein, daß er von allen Berchtesgadnischen Regierungssäulen in dieser Hornungsnacht die härteste Geistesarbeit geliefert hatte. Er irrte sich.

Eine noch viel grausamere Nacht erlebte Frau Apollonia in ihrer explosiven Fröstelsorge um den hochwürdigen Sohn, zu dem sie aufblickte wie zu einem Heiligen auf Erden. Zum Teil verdiente er das. Er hielt sich von französischen Anflügen ferne, war ein ruhelos im Dienste des Himmels wirkender Priester, ein Vierzigjähriger von tadelloser Sittenstrenge, hart gegen sich selbst wie gegen andere. Dazu in theologischen Dingen ein großer Gelehrter. Für seine Doktorschrift hatte er sich das Problem gestellt: »Wird eine Stück Erde mit einer Mauer umzogen und weiht man dieses Grundstück zu einem Gottesacker, wie weit dringt dann die Weihe durch Mörtel und Ziegelsteine in das Innere der Umfassungsmauer ein? Genau bis zur Mitte? Oder weiter nach außen?« Über diese schwierige Frage hatte er ein lateinisches Werk von 763 Folioseiten mit unzählbaren Zitaten verfaßt und klar bewiesen, daß diese Frage mit Sicherheit nicht zu entscheiden wäre -- verläßlich ließe sich nur behaupten, daß die Innenseite des Gemäuers der Weihe teilhaftig würde, die Außenseite aber logischerweise *nicht*. Es gab nur wenige Menschen, die dieses bedeutende Werk studiert hatten. Aber man rühmte allgemein den Chorkaplan Jesunder als einen Theologen von fabelhafter Belesenheit. Noch herrlicher sah ihn die Mutter. Und nun widerfuhr ihm *das*! Undank der bösen, niederträchtigen Welt!

Nicht nur Frau Apollonia, jeder im Lande wußte das: war eine Jungfrau entehrt oder eine Frau genötigt worden und gebar sie ein totes Kind, so ließ sie dem Menschen, der schlecht an ihr gehandelt hatte, den kleinen, klagenden Leichnam zu öffentlicher Verfemung auf die Haustürschwelle legen. Und das geschah ihrem schuldlosen Sohn! Welch ein Geschrei würde das geben! Und gar noch -- so was Sinnloses -- wegen der Haynacherin, die er verabscheute als eine des Irrglaubens Verdächtige! Und die er am Weihnachtsabend mit pflichtschuldiger Strenge aus der Kirche gestoßen hatte, weil sie die unchristliche Hand nicht in den Weihbrunnkessel tauchte. Ach, was ist Gerechtigkeit auf Erden! Als Jesunder in der Nacht hatte sehen müssen, was man gottesfeindlich an seiner Haustürschwelle verübte, war er, die Zorntränen der beleidigten Schuldlosigkeit an den Wimpern, in seiner Stube so lange betend auf den Knien gelegen, bis man ihn hinüberholte zur nächtlichen Kapitelsitzung. Nun dämmerte der Morgen schon, und noch immer wollte der Sohn nicht heimkehren zu seiner verzweifelten Mutter, die in dieser mehrfach gestörten Sorgennacht den heißen Kamillenabsud reichlicher schlürfen mußte als eine genesende Wöchnerin.

Das große gotische Rosettenfenster des Kapitelsaales glänzte wie ein entzündetes Riesenauge in das kalte Morgengrau. Und die Nachtsorgen des gedünsteten Kanzlers, die Seelenqualen der Frau Apollonia? Was waren sie gegen den geistigen Kampf, der hier, unter niedergebrannten Kerzen, noch immer kein befriedigendes Ende finden wollte, nach einer siebenstündigen, zu heißer Erbitterung emporgewachsenen Sitzung! Wahrhaftig, Herr von Grusdorf hatte sich als verblüffender Prophet erwiesen, da er auf der Schwelle des Haynacherlehens erschrocken den Ausbruch »theologischer Diffizilitäten von inkommensurablen Konsequenzen« vermutet hatte. Man stand vor einem Rätsel, dessen Lösung eine völlig undenkbare Sache war. Zwei Kinder, das eine getauft, das andere ungetauft. Das erstere besaß ein geheiligtes Recht auf geweihten Boden, das andere, als unentsühnter Sprößling einer Irrgläubigen, war dem Freimannsanger verfallen, auf dem Gnadenwege einem Grübchen in ungeweihter Erde. Und das eine Kindchen angewachsen an das andere, die Hölle ineinandergemengt mit dem Himmel, das Heidnische und Christliche unlösbar verschwistert, oder, wie es Herr von Grusdorf äußerst charakteristisch bezeichnet hatte: verknorpelt. Schrecklich! Wo war da ein Ausweg? Nicht einmal das Exempel des gordischen Knotens vermochte die Schwierigkeit zu lösen. War ein Schnitt denkbar, der vom Ungetauften nichts hinüberschnipfelte zum Getauften, vom Getauften kein Fäserchen hängen ließ am Ungetauften? Und konnte man dem christlichen Feldscheer zumuten, das Heidnische zu operieren? Durfte man es dem Freimann gestatten, sich an christlicher Schuldlosigkeit zu vergreifen? Chorkaplan Jesunder meinte: vielleicht ginge es mit einem Chirurgen, der wohl halb ein Christ, aber auch halb ein Nichtchrist wäre?

Da redete Pfarrer Ludwig, der bislange schweigend auf seinem Kapitelstuhl ausgehalten hatte, das erste Wort und gleich ein sehr heftiges: »Denkt Ihr an den Simeon Lewitter? Wollt Ihr solches Metzgerwerk einem _medico_ zumuten, in dessen Händen die Obhut für das Lebenswohl unseres Fürsten liegt?« Bevor eine andere Stimme sich äußern konnte, entschied Herr Anton Cajetan, der jetzt das schwarze Hofkleid eines gefürsteten Priesters trug: »_C'est juste, révérend!_ Das geht nicht. Meinetwegen könnt ihr den Wildmeistersknecht mit der Sache betrauen. Er ist geschickt im Zerwirken. Mein Leibarzt hat außer Spiel zu bleiben.« Dennoch sah auch der Fürstpropst ein, daß es klärend zu wirken vermöchte, wenn der Arzt als Zeuge des Vorganges im Haynacherlehen vernommen würde, um seine fachmännische Ansicht über die anatomischen Schwierigkeiten darzulegen. Simeon Lewitter wurde aus dem Bett geholt. Er hatte nicht das steinerne Lächeln wie sonst. In kurzen Worten schilderte er, mit welcher Geduld und Tapferkeit die fromme Haynacherin das grauenvolle Leiden dieser vier Tage und Nächte überstanden hätte.

»Fromm?« wiederholte Jesunder. »Habt Ihr denn nicht gemerkt, daß dieses Weib eine Irrgläubige ist?«

»Nein. Im Gegenteil. Sie erschien mir im Sterben als eine Christin von seltenen Herzenskräften.«

»Für solche Unterscheidungen gebricht es Euch an der angeborenen Fähigkeit. Wie beurteilt Ihr die Sache als Medicus?«

Die Verwachsung der beiden Kinder wäre ein Irrtum der Natur _ab ovo_ gewesen. Doch alle beide hätten leben können. Der vorzeitige Tod des einen Kindes wäre einer äußerlichen Ursache zuzuschreiben, einem Stoß, den die Haynacherin bekommen hätte, oder einer schweren Kränkung. »Der junge Bauer erzählte mir, daß es mit seiner Martle seit der Weihnacht nimmer richtig gewesen wäre.« In dem Schweigen, das dieser Bemerkung folgte -- ein Schweigen, bei dem sich viele Augen auf Jesunder hefteten -- sprach Lewitter nur noch wenige Worte. Sie hatten den Klang einer tiefen Menschlichkeit. Und plötzlich, nach allem spitzfindigen Debattengewoge, stand klagend und erschütternd das Erlöschen zweier armer Seelchen, der heilige Tod eines leidenden Weibes und das zerschlagene Lebensglück eines redlichen Menschen zwischen den stummgewordenen Herren.

Jesunder sagte heiser: »Kommt zur Sache! Schließlich seid auch Ihr es gewesen, der uns in diese Schwierigkeit versetzte. Nun zeigt auch einen Weg, wie wir da herauskommen. Ihr haltet doch als geschickter Chirurgus eine Trennung der feindlichen Gebiete ohne Grenzverletzung für möglich? *Ja?*« Dieses letzte Wort war nachdrücklich betont. Verstand Lewitter nicht, daß man von seinem Ja eine Erleichterung der Sachlage erhoffte? Er schüttelte den Kopf, blieb als Arzt bei den Tatsachen, sprach von der Verwachsung der zarten Knöchelchen, von der Verwebung der Muskeln und machte so, um der wissenschaftlichen Wahrheit willen, die verzweiflungsvolle Streitfrage noch unlösbarer. Als man ihn ungnädig und nicht ohne warnenden Hinweis auf die Bedenklichkeit seiner Lage entlassen hatte, ging der Wirbeltanz der widersprechenden Meinungen in gesteigertem Grade los. Herr Anton Cajetan, der schon mehrmals hinter der schlanken Hand gegähnt hatte, übertrug dem Kapitular Graf Saur den Vorsitz und sagte: »Von dem Beschlusse, den die Herren fassen, bitte ich mich am Morgen zu verständigen.« Nach der Entfernung des Fürsten gestaltete sich der Sitzungsverlauf noch aufgeregter. Man hatte sich früher wenigstens im Ton gemäßigt. Jetzt wurden die Köpfe heiß, die Kehlen rauh.

Schweigend sah Pfarrer Ludwig in den wirren, wachsenden Lärm hinein. Was er da erlebte? Wie war das menschenmöglich? Und wer trug die Schuld daran? Keiner von diesen erhitzten Schreiern! Sie alle, mit kleinen Einschränkungen, waren ehrenhafte, wohlmeinende Männer. Da glaubte jeder seine Pflicht zu erfüllen, den Gesetzen der Kirche und dem Himmel zu dienen. Was will der Himmel? Was die Kirche? Nur immer das Veraltete und Überlebte? Wenn das die Kirche zu wollen scheint? Kann auch der Himmel das wollen? Der Schöpfer eines ewig sich erneuernden Frühlings? Der Vernichter des Morschgewordenen, der rastlose Erwecker neuer Blüte? Bei diesem Gedanken mußte Pfarrer Ludwig umherblicken in dem alten gotischen Kapitelsaal. Der ganze Bau des Stiftes, draußen der Markt, alle Gassen und Häuser, die Dörfer im Tal, alle Bilder des Lebens, sogar die Formen der steinernen Berge hatten im Laufe der Jahrhunderte sich geändert, sich gewandelt zum Neuen und Besseren. Nur dieser alte Saal der Entschlüsse -- ein Gleichnis der Dinge, die in ihm geschahen -- war seit länger als einem halben Jahrtausend immer der gleiche geblieben. Und da wunderten sich die Lakaien des Alten in ihren verblichenen Tressen, daß zwischen den Rippen der Sehnsuchtsvollen immer ein Neues wuchs und sein Recht begehrte! Freilich, der Wert alles Neuen ist schwer zu erkennen. Aber ist es nicht schon das Bessere, nur *weil* es das Jugendliche ist, das Kräfteschenkende, das Strebende? Wie sagte einer zu Amsterdam, den sie verfluchten? »Sei ein Suchender, und du näherst dich mit jedem Schritte der ewigen Wahrheit!«

Die freudige Zustimmung, die ein Vorschlag des Grafen Saur gefunden hatte, weckte den Pfarrer Ludwig aus den Gedanken, in die er versunken war. Der Vorschlag hatte was Bestechendes. Man sollte unterhalb der Umwallungssteine des Friedhofes ein Grab ausheben, senkrecht unter der Mauermitte, mit der einen Hälfte hinausreichend in die ungeweihte Erde, mit der anderen Hälfte hereingreifend in den geweihten Boden. In diesem heidnischchristlichen Grabe sollte man das schwarzweiße Doppeltödchen bestatten, die schwarze Erbsünde nach außen, das weiße Heil nach innen. Dann sollte man, scharf an der Grenze des Weißen und Schwarzen, aus Gipsguß eine Scheidewand verfertigen und draußen die ungeweihte Erde einfüllen, innen die geweihte.

Alle Herren klatschten dem Grafen Saur den verdienten Beifall zu. Nur Jesunder machte eine wehrende Handbewegung. Der Vorschlag berührte sein Doktorwerk über die Penetrabilität einer Mauer für die Weihe. Da *mußte* er sich äußern. »Meine hochedlen Herren! Ein scharfsinniger Fürschlag! Gewiß! Aber Diffizilitäten seh ich auch hier. Es soll vorerst noch unentschieden bleiben, ob die gipserne Scheidewand genau unter der *Mitte* der Mauer anzubringen wäre. Ich verweise auf meine Dissertation. Aber kann denn unter der dicken Mauer ein Grab mit solcher Genauigkeit ausgehoben werden, daß die geweihten und ungeweihten Schollen nicht durcheinander kollern? Und wenn man dagegen ein Mittel fände? Wird da nicht späterhin das unterirdische Larvengewimmel eine Grenzüberschreitung begehen, die verhindert werden *muß*? Unter allen Umständen! Aber wie?« Die Debatte war von neuem entfesselt. Man kämpfte, bis die Morgenglocken läuteten. Und nicht die Klärung der Ansichten löste den leidenschaftlichen Streit, nur die Ermüdung, nur der begreifliche Wunsch nach dem dringend nötigen Frühstück. Ehe man die Sitzung ergebnislos vertagte, versuchte man es noch mit einer Abstimmung. Es schien nun doch zur Lösung des Dilemmas nichts anderes übrig zu bleiben, als die unvereinbaren Gegensätze des Schwarzen und Weißen durch einen operativen Eingriff voneinander zu scheiden. Graf Saur, der als erster seine Stimme abzugeben hatte, zuckte die Achseln: »Ich bin ratlos, _parfaitement_!« Sein Beispiel beeinflußte die anderen, keiner wagte Nein oder Ja zu sagen. Pfarrer Ludwig, als er zur Abstimmung aufgerufen wurde, ließ zwischen den Wangenfalten die große Warze tanzen. »Auseinanderschneiden? Was Besseres findet ihr nit? Also gut! Schneidet!«

»Doch wenn vom Getauften was hängen bleibt am Ungetauften. Da wird sich der Himmel kränken.«

»Soweit ich den Himmel kenne, ist das nit wahrscheinlich. Doch wenn ihr's vermutet, muß es vermieden werden.«

»Wenn aber vom Ungetauften was hinüberschleicht ins Geweihte? Da wird sich in Bosheit die Hölle freuen!«

»Gotts Not und Leiden!« Pfarrer Ludwig verlor die Geduld. »*Soll* sich die Höll halt freuen! Vergönnt ihr doch in so schauderhaften Zeitläuften ein bißl Vergnügen! Amen. Ich leg mich ins Bett.« Ohne des empörten Lärms zu achten, der sich hinter ihm erhob, verließ er den Kapitelsaal.

Drei Viertelstunden später vertagte man die ergebnislose Sitzung bis zum Abend.