Das Grabmal des Theoderich zu Ravenna und seine Stellung in der Architekturgeschichte
Part 1
MANNUS-BIBLIOTHEK herausgegeben von Professor Dr. Gustaf Kossinna No. 3.
Das Grabmal des Theoderich zu Ravenna und seine Stellung in der Architekturgeschichte
Von Bruno Schulz ord. Professor für Architektur an der Kgl. Technischen Hochschule zu Hannover
Mit 34 Textabbildungen und einem Titelbild
Würzburg Curt Kabitzsch 1911.
„*Mannus*“, Zeitschrift für Vorgeschichte herausgegeben von *Professor Dr. Gustaf Kossinna*.
Jährlich etwa 3–4 Hefte in zwangloser Folge, die zusammen einen Band von ca. 20 Druckbogen mit ebensoviel Tafeln und reichlichen Textillustrationen bilden. Einzelne Hefte sind nicht käuflich. _Abonnementspreis pro Jahr M. 16.–, Einbanddecken à M. 1.–._
*Inhalts-Verzeichnis des I. Bandes* (IV u. 350 S. mit 38 Tafeln u. 221 Textabbildungen):
*Geleitwort.* – *Gründungsbericht* und *Satzungen* der Deutschen Gesellschaft für Vorgeschichte. – I. Abhandlungen: _Kossinna_*, G.*, (Berlin), *Der Ursprung der Urfinnen und der Urindogermanen und ihre Ausbreitung nach dem Osten*. I. Urfinnen und Nordindogermanen. Mit 25 Textabbildungen und 11 Tafeln. – _Kossinna_*, G.*, (Berlin), *Der Ursprung der Urfinnen und der Urindogermanen und ihre Ausbreitung nach dem Osten*. II. Nordindogermanen und Südindogermanen. Mit 22 Textabbildungen und 13 Tafeln. – _Montelius_*, O.*, (Stockholm), *Das Sonnenrad und das christliche Kreuz I*. Mit 40 Textabbildungen. – _Montelius_*, O.*, (Stockholm), *Das Sonnenrad und das christliche Kreuz II*. (Fortsetzung und Schluss). Mit 32 Textabbildungen. – _Devoir_*, A.*, (Brest), *Urzeitliche Astronomie in Westeuropa*. Mit 4 Textabbildungen und 3 Tafeln. – _Rademacher_*, C.*, (Köln), *Die germanische Dorfanlage der Kaiserzeit* am Fliegenberge bei Troisdorf, Siegkreis, Reg.-Bez. Köln. Mit 4 Textabbildungen und 1 Tafel. – _Schmidt_*, R. R.*, (Tübingen), *Das Aurignacien in Deutschland*. Vergleichende Stratigraphie des älteren Jungpaläolithikum. Mit 3 Tafeln. – _Weinzierl_*, R. R. von*, (Teplitz-Schönau), *Übersicht über die Forschungsergebnisse in Nordböhmen*. Mit 32 Textabbildungen und 1 Porträt. – _Rieken_*, K.*, (Kottbus), *Drei Holzbrandplätze mit Steinkern aus der Bronzezeit*. Aus der städt. Abteilung des Niederlausitzer Museums für Altertumskunde in Kottbus N.-L. Mit 11 Textabbildungen und 1 Tafel. – II. Mitteilungen: _Goetze_*, A.*, (Berlin), *Ostgotische Helme und symbolische Zeichen*. Mit 4 Textabbildungen und 1 Tafel. – _Hess von Wichdorff_*, H.*, (Berlin), *Über die ersten Anfänge vorgeschichtlicher Erkenntnis im Ausgange des Mittelalters*. Ein Beitrag zur Geschichte der vorgeschichtlichen Wissenschaft. – _Kossinna_*, G.*, (Berlin), Vergessener Bericht über ein Urnengräberfeld der Latènezeit (?) in Ermsleben, Mansfelder Gebirgskreis, vom Jahre 1710. Mit 1 Textabbildung. – _Schneider_*, H.*, (Leipzig), *Rassereinheit und Kultur*. – _Wilke_*, G.*, (Chemnitz), *Der neue Skelettfund des Homo Aurignacensis Hauseri*. Mit 1 Textabbildung. – _Beltz_*, R.*, (Schwerin), *Einige seltenere steinzeitliche Funde aus Mecklenburg*. Mit 2 Textabbildungen und 1 Tafel. – _Müller-Brauel_*, H.*, (Zeven), *Der „Hexenberg“ am Wege Brauel-Offensen, Kr. Zeven*. Ein steinzeitlicher Grabhügel. Fundbericht von 1891. Mit 16 Textabbildungen und 1 Tafel. – _Waase_*, K.*, (Neu-Ruppin), *Möritzscher Funde*. Urnengräberfunde aus der Leipziger Tieflandbucht. Mit 2 Tafeln. – _Hekler_*, A.*, (Budapest), *Eine neue Bronzebüste eines Germanen*. Mit 1 Textabbildung. – _Schmidt_*, H.*, (Löbau), *Ergebnis meiner Wallforschung auf dem Breitenberge bei Striegau in Schlesien*. Mit 2 Textabbildungen. – _Voges, Th._, *Vorgeschichte des Dorfes Beierstedt bei Jerxheim*. – III. Aus Museen und Vereinen: _Kiekebusch_*, A.*, (Berlin), Die vorgeschichtliche Abteilung des Märkischen Museums der Stadt Berlin. Mit 5 Textabbildungen. – _Blume_*, E.*, (Posen), *Aus der Provinz Posen*. Erwerbungen des Kaiser Friedrich-Museums zu Posen. Juli–Dezember 1908. – _Blume_*, E.*, (Posen), *Aus der Provinz Posen*. Erwerbungen des Kaiser Friedrich-Museums zu Posen vom Januar bis Juni 1909. Mit 3 Textabbildungen. – _Günther_*, A.*, (Koblenz), *Das Museum des Kunst-, Kunstgewerbe- und Altertums-Vereins für den Regierungsbezirk Coblenz*. – _Rademacher_*, C.*, (Köln), *Prähistorisches Museum zu Köln*. – _Funse_*, F.*, (Braunschweig), *Städtisches Museum Braunschweig*. Mit 3 Textabbildungen. – Deutsche Gesellschaft Naturw.-Abt. in Posen. Vortrag: _Blume_, Die chronologische und ethnographische Methode der vorgeschichtl. Forschung. – Société préhistorique de France. – Sitzungsberichte der Berliner Zweiggesellschaft der Deutschen Gesellschaft für Vorgeschichte. – IV. Bücherbesprechungen. – V. Nachrichten. (Mit 3 Porträts u. 1 Tafel.)
*Inhalts-Verzeichnis des II. Bandes* (IV u. 363 S. mit 17 Taf. u. 278 Textabbildungen):
I. Abhandlungen: _Rademacher_*, C.*, (Köln), *Germanische Gräber der Kaiserzeit* am Fliegenberge bei Troisdorf, Siegkreis, Reg.-Bez. Köln. Mit 14 Textabbildungen und 4 Tafeln. – _Montelius_*, O.*, (Stockholm), *Naturrevolutionen in Mittel-Italien vor dreitausend Jahren*. Mit 20 Textabbildungen. – _Günther_*, A.*, (Coblenz), *Zur Entstehungs- und Besiedlungsgeschichte des Neuwieder Beckens*. Mit 18 Textabbildungen und 5 Tafeln. I. – _Kossinna_*, G.*, (Berlin), *Der Ursprung der Urfinnen und Urindogermanen und ihre Ausbreitung nach Osten*. III. Nordindogermanen und Südindogermanen. Mit 71 Textabbildungen und 1 Karte. – _Frödin_*, O.*, (Stockholm), *Ein schwedischer Pfahlbau aus der Steinzeit*. Mit 80 Textabbildungen. – II. Mitteilungen: _Berner_*, U.*, (Berlin), *Rasse, Rassenmischung und Begabung*. – _Bieder_*, Th.*, (Hamburg), *Die deutsche Rassenforschung und ihre Ausprägung in Dr. L. Woltmann*. – _Kossinna_*, G.*, (Berlin), *Zum Homo Aurignacensis*. Mit 1 Tafel. – _Auerbach_*, A.*, (Gera), *Tardenoisien in Ostthüringen*. Mit 9 Textabbildungen. – _Günther_*, A.*, (Coblenz), *Zwei Zonenbecher aus Urmitz*. Mit 3 Textabbildungen. – _Bezzenberger_*, A.*, (Königsberg), *Zur Geschichte der Sichel*. Mit 3 Textabbildungen. – _Waase_*, K.*, (Neu-Ruppin), *Kantower Funde*. Mit 5 Tafeln. – _Hindenburg_*, W.*, (Grossbeeren), *Neue Funde der Latène-Zeit aus dem Kreise Teltow*. Mit 21 Textabbildungen. – _Krause_*, E. H. L.*, (Strassburg), *Spelz- und Alemannengrenze*. – _Kossinna_*, G.*, (Berlin), *Zur Wochengöttervase vom Fliegenberg bei Troisdorf, Siegkreis*. Mit 5 Textabbildungen. – _Solger_*, Fr.*, (Peking), *Das Klima Norddeutschlands seit der Eiszeit*. Mit 5 Textabbildungen. – _Mötefindt_*, H.*, (Wernigerode), *Das Dreiperiodensystem*. – _Kossinna_*, G.*, (Berlin), *Zum Dreiperiodensystem*. – _Jacob_*, K. H.*, (Leipzig), *Bronzegefäss oder Stockknopf?* Mit 2 Textabbildungen. – III. Aus Museen und Vereinen: _Beltz_*, R.*, (Schwerin), *Vorgeschichtliche Funde und Untersuchungen in Mecklenburg*. 1907–1909. Mit 9 Textabbildungen. – _Schultze_*, **M.*, (Bromberg), *Bericht über Neueingänge des Jahres 1909 in der vorgeschichtlichen Sammlung im Museum der historischen Gesellschaft zu Bromberg*. Mit 20 Textabbildungen. – Berliner Zweiggesellschaft der Deutschen Gesellschaft für Vorgeschichte. Ausflug nach Seddin. – _Kossinna_*, G.*, (Berlin), Ansprache über die kulturgeschichtliche Stellung der Prignitz in der Vorzeit. Mit 6 Textabbildungen und 1 Tafel. – Sitzungsberichte. – IV. Bücherbesprechungen. – V. Nachrichten. (Mit 2 Porträts.) – VI. Mitglieder-Verzeichnis.
*I. Ergänzungsband:* *Bericht über die I. Hauptversammlung der Deutschen Gesellschaft für Vorgeschichte* zu Hannover, 6. bis 9. August 1909, herausgegeben von *Professor Dr. Gustaf Kossinna*. IV u. 107 S. mit 2 Tafeln und 4 Abbildungen im Text. – Preis Mk. 4.–, Einbanddecke M. 1.–. _Vorzugspreis_ für Mitglieder der Gesellschaft und Abonnenten des Mannus _Mk. 3.–._
_Inhalt_: Ansprachen und Weihereden. – *Festmahl*: Aufführungen. – *Vorträge*: _Kossinna_, Über vorgeschichtlichen Handel in Mitteleuropa. – _Reimers_, Vorgeschichtsforschung und Denkmalpflege. – _Höfer_, Die Erforschung mittelalterlicher Burgen. – _Olbricht_, Das Klima der postbaltischen Zeit und die vorgeschichtliche Chronologie. – _Schwantes_, Slawische Skelettgräber bei Rassau (Provinz Hannover). – _Feyerabend_, Die Entstehung der Schlackenwälle und die verschiedenen Typen der Burgwälle in der Oberlausitz. – _Kiekebusch_, Die wichtigsten Bronzezeitfunde des Märkischen Museums der Stadt Berlin. – _Schmidt_, Die spätpaläolithischen Bestattungen der Ofnet. – _Schulz_, Das Theoderichgrabmal zu Ravenna und seine Stellung in der Architekturgeschichte. – _Bezzenberger_, Ostpreussische Grenzbeziehungen. – _Knoke_, Wanderung über das Schlachtfeld des Teutoburger Waldes. – Diluvialarchäologische _Konferenz_. – *Ausflüge*: 1. In die Lüneburger Heide, nach Wohlde und zu den Sieben Steinhäusern bei Südbostel (8. August). 2. Ins Wesergebirge und in den Teutoburger Wald. Exkurs über den Flurnamen „Idistaviso“ von Prof. _Kossinna_. 3. Nach Süddeutschland zum Besuch neugeordneter Sammlungen des deutschen Paläolithikums (13.–16. August). – _Schmidt_, Geologische und archäologische Ergebnisse seiner seit 1896 vorgenommenen Ausgrabungen süddeutscher Höhlen. – _Schmidt_, Die Epochen der parietalen Kunst in den Höhlen Südfrankreichs und Spaniens. – _Schmidt_, Die diluvialprähistorische Sammlung deutscher Funde in Tübingen.
Darstellungen früh- und vorgeschichtlicher Kultur-, Kunst- und Völkerentwicklung herausgegeben von Professor Dr. Gustaf Kossinna
*3. Heft.*
*Das* *Grabmal des Theoderich* *zu Ravenna* und seine Stellung in der Architekturgeschichte
Von
*Bruno Schulz* Professor für Architektur an der Kgl. Technischen Hochschule Hannover
Mit 34 Textabbildungen und einem Titelbild
Würzburg _Curt Kabitzsch (A. Stuber’s Verlag)_ 1911
Königl. Universitätsdruckerei H. Stürtz A.G., Würzburg.
ABBILDUNGEN
Das Grabmal des Theoderich. Rekonstruktion von Bruno Schulz. [Titelbild] Bild 1. Grab des Theoderich, Westseite. [S. 2] Bild 2. Grab des Theoderich, Ostseite. [S. 3] Bild 3. Das Grab des Theoderich, Rekonstruktion von Essenwein. [S. 4] Bild 4. Das Grab des Theoderich, Rekonstruktion von Haupt. [S. 5] Bild 5. Rekonstruktion von Durm. [S. 6] Bild 6. Perspektivische Ansicht des Mausoleums von Halikarnass. Rekonstruktion von J. Bühlmann. [S. 7] Bild 7. Vergleichende Zusammenstellung des Mausoleums zu Halikarnass mit anderen antiken Denkmälern in einheitlichem Masstabe, von J. Bühlmann. [S. 8] Bild 8. Moles Hadriani, Rekonstruktion von Vandremer (1858). [S. 9] Bild 9. [S. 13] Bild 10. [S. 14] Bild 11. Schema einer Ädiculenreihe, in zwei Variationen. [S. 15] Bild 12. Conchenreihe der Porta aurea des Diokletianpalastes in Spalato. [S. 15] Bild 13. Sarkophag vom Ende des 4. Jahrhunderts: Christus mit Aposteln. S. Francesco, Ravenna. [S. 16] Bild 14. S. Miquel de Lino. Säulenfuss. [S. 16] Bild 15. Die acht gleichen Wände des Obergeschosses. [S. 17] Bild 16. Aedicula und Conche mit besonders eingesetzten Steinen für die Verdachungen, aus den Substruktionen des grossen Tempels in Baalbeck. [S. 18] Bild 17. Das goldene Tor in Jerusalem, Feldseite. [S. 19] Bild 18. Säulenkapitell im Museum zu Ravenna. [S. 20] Bild 19. Die Ostseite des oberen Zehnecks. Jetziger Zustand. [S. 21] Bild 20. Die Ostseite des oberen Zehnecks. Ursprünglicher Zustand. [S. 21] Bild 21. Das Theoderich-Grabmal von Süden gesehen. Ursprüngliche symmetrische Umrisslinie. [S. 22] Bild 22. Die Türwand des Obergeschosses. [S. 23] Bild 23. Tür am sogen. Äskulaptempel in Spalato. [S. 24] Bild 24. Grundriss des Obergeschosses, rekonstruiert von Bruno Schulz. [S. 25] Bild 25. Die Nische in der Ostwand des Obergeschosses, Innenansicht und Schnitt. [S. 26] Bild 26. [S. 27] Bild 27. Herstellung der verlorenen Bogen-Architektur auf Grund des Bruchstückes im Museum zu Ravenna, nach Haupt. [S. 28] Bild 28. Vom Diptychon des Boëtius zu Monza. [S. 28] Bild 29. Aus S. Giovani in Fonte zu Ravenna, unvollständige Darstellung nach Haupt. [S. 30] Bild 30. Aus S. Giovani in Fonte zu Ravenna, vollständige Darstellung. [S. 30] Bild 31. Der Centralbau in Binbirkilise aufgenommen und rekonstruiert von Carl Holzmann 1904. [S. 31] Bild 32. Centralbau von Binbirkilise nach Darstellung Durms. [S. 31] Bild 33. Centralbau von Binbirkilise. [S. 32] Bild 34. Binbirkilise im Jahre, 1826 nach De Laborde. Links der Centralbau. [S. 33]
In der ungeheuren Menge von monumentalen Bauwerken aus allen Zeiten, an denen Italien so reich ist, ist doch kaum ein zweites, das gerade für den Deutschen einen so ausgesprochenen Stimmungswert hat, wie das Grabmal, das der grosse Ostgotenkönig Theoderich sich vor den Toren seiner Residenz Ravenna noch bei seinen Lebzeiten selbst errichtet hat. Alles, was wir von Theoderich und seiner Zeit wissen und erfahren, mutet uns ja besonders an, sind es doch Klänge aus der stürmischen Jugendzeit unserer Rasse, und wir können sagen, unseres Volkes. Als Dietrich von Bern ist er eine der gewaltigsten Gestalten der deutschen Heldensage. Aber auch für die geschichtliche Betrachtung kann er in gewissem Sinne an die erste Stelle unter den germanischen Fürsten gestellt werden; ist er doch der erste gewesen, der bewusst und, solange er lebte, mit Erfolg den grossen Gedanken verfolgt hat, Erbe der römischen Cäsaren zu sein in dem Sinne, germanischem Volke unter Wahrung nationaler Eigenart das ungeheure Kulturgut zu eigen zu machen, das die antike Welt hinterlassen hat. Das Schicksal aber ist hart über sein Lebenswerk hinweg geschritten und hat wenige Jahre nach seinem Tode sein ganzes Volk vernichtet. So mischt sich ein Gefühl tragischen Mitleides in sein Andenken, und eine Stimmung, die an derartiges anklingt, liegt auch über seinem Grabmal in seiner jetzigen Gestalt und Umgebung. (Bild 1 und 2.)
Kein Wunder also, dass gerade die deutsche Wissenschaft sich öfter mit dem eigenartigen Denkmal beschäftigt und die Rätsel zu lösen versucht hat, die es uns aufgibt. Trotzdem ist darin aber ein abschliessendes oder auch nur vorläufig befriedigendes Ergebnis bisher nicht erzielt worden.
Unter den verschiedenen Fragen, die ein Bauwerk der kunstgeschichtlichen Forschung zu beantworten aufgibt, muss ja an erster Stelle die Frage nach seiner ursprünglichen vom Erbauer beabsichtigten Gestaltung stehen, denn erst ihre Beantwortung gibt den Tatbestand, der für Stellung und Beantwortung weiterer Fragen grundlegend ist. Für das Grabmal des Theoderich hat es nun zwar an Versuchen zur Lösung dieser grundlegenden Frage nicht gefehlt; Mothes, Essenwein(1) und in neuester Zeit Durm(2) und Haupt(3) haben geglaubt den ursprünglichen Zustand des eigenartigen Bauwerkes zu kennen, keiner aber hat allgemein überzeugen können, weil alle subjektiv und ohne bestimmte wissenschaftliche Methode probierend das rekonstruiert haben, was der Grad ihrer Kenntnis des Bauwerkes, ihrer Phantasie und ihres Geschmackes, sowie ihrer technischen Gewissenhaftigkeit zuliess.
So haben mit Essenwein (Bild 3) die älteren Bearbeiter die im achtzehnten Jahrhundert angebauten Treppen zum Obergeschoss als ursprünglich angenommen, nicht vorhandene Durchbrechungen des Gewölbes über dem Untergeschoss und der monolithen Kuppel über dem Obergeschoss gezeichnet und im Anschluss an die eigenartigen bogenförmigen Einarbeitungen, die am oberen Teil des zehneckigen Hauptgeschosses sich befinden (vergl. Bild 1 und 2), eine um das Obergeschoss laufende Ringhalle ergänzt, für deren Herumführung um die Ecken des Gebäudes keine Möglichkeit und für deren Dachanschluss an die Wand keine Spuren vorhanden sind. So hat Haupt (Bild 4) einen ebenfalls um das ganze Obergeschoss herumlaufenden Bogenfries in jenen Einarbeitungen angenommen, der technisch unmöglich ist, weil er besonderer, nicht vorhandener und nicht vorhanden gewesener Befestigungsmittel bedurft hätte und überdies auch geschichtlich in der Erbauungszeit des Denkmals ohne jedes Beispiel ist (siehe Anmerkung I). Im Gegensatz zu den beiden genannten Autoren hat Durm die technische Unmöglichkeit sowohl der Ringhalle wie auch des Bogenfrieses erkannt und kommt, ohne eine andere Erklärung für die Einarbeitungen über den Wandnischen zu haben, deshalb zu dem Schluss, dass diese Einarbeitung, die er „in ziemlich ungeschlachter Weise ausgeführt“ nennt, „Be- und Misshandlung des Baues aus einer späteren Zeit“ seien und „mit dem Plane des Architekten des grossen Theoderich nichts zu tun“ hätten. In seiner Rekonstruktion (Bild 5) fehlt also dem Bau jeder Wandschmuck ausser dem unter den bogenförmigen Einarbeitungen noch vorhandenen flachen rechteckigen Nischen (siehe Anmerk. II).
Entgegen diesen bisherigen Versuchen zur Rekonstruktion des Bauwerkes kann zu wissenschaftlich einwandfreiem Ergebnis neben technischer Gewissenhaftigkeit nur ein methodisches Verfahren führen, das von der Grundwahrheit ausgeht, dass ein Bauwerk keine Willkür- oder Zufallsschöpfung, sondern ein Glied in einer bestimmten Entwicklungsreihe ist, ebenso wie jedes organische Wesen in der Natur; von dem „inneren Gesetz“, das wie G. Semper sagt, „durch die Welt der Kunstform wie in der Natur waltet“. „So wie nämlich die Natur“, sagt er, „bei ihrer unendlichen Fülle doch in den Motiven höchst sparsam ist, wie sich eine beständige Wiederholung in ihren Grundformen zeigt, wie aber diese nach den Bildungsstufen der Geschöpfe und nach ihren verschiedenen Daseinsbedingungen tausendfach modifiziert erscheinen, wie die Natur ihre Entwicklungsgeschichte hat, innerhalb der die alten Motive bei jeder Neugestaltung wieder durchblicken, ebenso liegen auch der Kunst nur wenige Normalformen und -Typen unter, die aus urältester Tradition stammen, in stetem Wiedervortreten dennoch eine unendliche Mannigfaltigkeit darbieten und gleich jenen Naturtypen ihre Geschichte haben“. Versuchen wir es also, von dieser unbestreitbaren Grundwahrheit aus einen geschichtlichen Überblick über diejenigen hauptsächlichen typischen Kunstformen zu erhalten, die für das Grabmal Theoderichs in Frage kommen können.
Es ist ein freistehendes monumentales Grabgebäude, und dafür gibt es seit der hellenistischen Zeit im Altertum einen bestimmten Typus, den die bedeutendsten Ausführungen übereinstimmend zeigen, mögen sie im einzelnen auch recht verschieden sein. Der Typus, der in dem Mausoleum von Halikarnass (Bild 6) seine höchste künstlerische Ausbildung erlangt hat, ist älter als dies Wunderwerk der Baukunst. Zu diesem Typus (Bild 7) gehört zunächst die zentrale Gestaltung des Ganzen, die auch da, wo der Grundriss, wie beim Grab des Mausolos selber, nicht streng zentral, sondern oblong ist, ihren Ausdruck in der Pyramide findet, die das Ganze zentral bekrönt. Von diesem zentralen Typus weichen nur diejenigen freistehenden hellenistischen Grabbauten ab, deren Obergeschoss die Tempelform wiederholt (siehe Nr. 2 auf Bild 7). Statt der wohl von der ägyptischen hergeleiteten hellenistischen Pyramide tritt dann, namentlich in römischer Kunst auch die vom alten Tumulusgrabe hergenommene Kegelform als obere Endigung des monumentalen Grabes auf (vergl. Moles Hadriani Bild 8), vereinzelt auch im Geschmack des dritten nachchristlichen Jahrhunderts mit konkav geschwungener Meridianlinie, wie am sogenannten Grabe des Absalom in Jerusalem, und erst sehr spät die Kuppelform, die bei griechischen Zentralbauten von ähnlichem Typ aber anderer Bestimmung (Denkmal des Lysikrates, Nr. 4 Bild 7) sich vereinzelt schon früh findet. Neben der zentralen Gestaltung gehört zu diesem antiken Grabestyp die ganz charakteristische Aufeinanderfolge von vier verschiedenen Bauteilen über einander, und zwar erstens ein schlicht behandeltes Untergeschoss, darüber ein im Gegensatz zu diesem meist mit allen Mitteln architektonischer Ausgestaltung reich geschmücktes Hauptgeschoss, meist mit einer Tür, aber immer ohne aussen sichtbare Zugänglichkeit dieses Geschosses, die, wenn auch vielleicht bei einzelnen ganz grossen Bauten, wie beim Mausoleum in Halikarnass, im Innern vorhanden, niemals jedoch aussen sichtbar gemacht wurde. Dieser absichtlichen Abschliessung des Hauptteiles des Grabes liegt wohl die verständliche Empfindung zugrunde, die Ruhestätte des gefeierten Toten aller Störung durch die Lebenden zu entziehen, eine Anschauung, die bei den hoch gelegenen in den steilen Abhang gehauenen Felsengräbern alter Zeit, wie dem Grab des Darius, noch deutlicher zum Ausdruck gelangt. Über diesem Hauptgeschoss erhebt sich häufig (Mausoleum Bild 6 u. 7) ein niedriger schlicht gehaltener Bauteil, der die Silhouette des Bauwerkes an dieser Stelle verjüngt und als Unterbau für den vierten Bauteil, die das Ganze bekrönende Pyramiden-, Kegel- oder Kuppel-Form dient. Diese Bekrönung klingt dann in der Regel nach oben in plastischem Schmuck aus.
Diese allgemein typischen Anordnungen, die durch die ganze hellenistisch-römische Zeit beibehalten werden, finden wir nun auch beim Grab des Theoderich sämtlich wieder: Das schlicht behandelte hohe Untergeschoss, darüber das Hauptgeschoss, dessen Wände flach verzierte Nischen und jene bogenförmigen und anderen Einarbeitungen enthalten, die auf einen ursprünglich reichen Schmuck schliessen lassen. Nach Analogie der anderen Beispiele des gekennzeichneten Typs müssen wir von vornherein als wahrscheinlich annehmen, dass dieser Schmuck vor die Wand soweit vortrat, dass in der Silhouette des Ganzen das Hauptgeschoss nicht wesentlich schmaler erschien als das Untergeschoss. Dann folgt als dritter der hier mit kleinen Fenstern versehene, als Unterbau des vierten, der flachen monolithen Kuppel, dienende zylindrische Bauteil. Oben auf der Kuppel befindet sich eine erhabene viereckige Anarbeitung, welche Löcher enthält, die von der Aufstellung irgend eines bekrönenden Schmuckes herrühren werden.
Die Frage nach der ursprünglichen äusseren Gestalt des Grabmals im einzelnen umschliesst nun die Unterfragen, erstens nach der Art des architektonischen Schmuckes der Obergeschosswände oder nach der Bedeutung der an ihnen befindlichen Einarbeitungen und zweitens nach der Art des oberen Abschlusses des Untergeschosses. Die jetzige das Untergeschoss abschliessende Schicht ist nämlich augenscheinlich gleichzeitig mit den Treppen, also nachträglich hergestellt, wieviel etwa auch von der zweiten Schicht, lässt sich m. E. nicht sicher entscheiden, da der Treppenanbau mit demselben Material wie der alte Bau und mit virtuoser Anpassung an die alte Technik ausgeführt ist. Dazu kann drittens noch die wohl schwerlich zu entscheidende Frage treten, welche Form die vermutliche Bekrönung auf der Kuppel hatte. Alles andere am Äusseren ist fraglos der alte ursprüngliche Zustand.