Das goldene Vließ

Chapter 9

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König. Laß sie erst fort sein und du sollst es sehn. Hin vor's Gericht der Amphiktyonen Tret ich für dich, verfechte deine Sache Und zeige, daß nur sie es war, Medea, Die das verübt, was man an dir verfolgt; Daß sie die Dunkle, sie die Frevlerin. Gelöset wird der Bannspruch, und wenn nicht, Dann stehst du auf in deiner vollen Kraft, Schwingst hoch das goldne Banner in die Luft, Das du geholt vom Äußersten der Länder, Und stromweis' wird die Jugend Griechenlands Um dich sich scharen gegen jedermann, Um den Gereinigten, den Neuerhobnen, Den starken Hort, des Vlieses mächt'gen Held. Du hast es doch?

Jason. Das Vlies?

König. Jawohl!

Jason. Ich nicht!

König. Doch nahm's Medea mit aus Pelias' Haus.

Jason. So hat denn sie's!

König. Sie muß es geben, (muß). Dir ist's der künft'gen Größe Unterpfand. Du sollst mir groß noch werden, groß und stark, Du meines alten Freundes einz'ger Sohn! Es hat der König Kreon Macht und Gut, Und gern teilt er's mit seinem Tochtermann.

Jason. Auch meiner Väter Erbe fordr' ich dann, Vom Sohn des Oheims, der mir's vorenthielt. Ich bin nicht arm, wird alles mir zurück.

König. Sie kommt, die uns noch stört, bald ist's getan.

(Medea kommt mit Gora aus dem Hause.)

Medea. Was willst du mir?

König. Die Diener, die ich sandte, Du schicktest sie mit harten Worten fort Und von mir selbst verlangtest du zu hören Was ich geboten und was dir zu tun.

Medea. So sag's.

König. Nichts Fremdes, Neues künd ich dir. Ich wiederhole nur den schon gesprochnen Bann Und füge zu, daß du (noch heute gehst.)

Medea. Und warum heute noch?

König. Die Drohungen, Die du gesprochen gegen meine Tochter-- Denn die gen mich veracht ich allzusehr,-- Der wilde Sinn, den du nur erst gezeigt Sie nennen mir gefährlich deine Nähe Und darum sollst du heute mir noch gehn.

Medea. Gib mir die Kinder und ich tu's vielleicht.

König. Du tust's (gewiß).--Die Kinder aber bleiben!

Medea. Wie, meine Kinder? Doch, wem sag ich das? Mit (dem) da laß mich sprechen, mit dem Gatten!

König (zu Jason). Tu's nicht!

Medea (zu Jason). Ich bitte dicht

Jason. Wohlan, es seit Damit du siehst, daß ich dein Wort nicht scheue. Laß uns, o König, hören will ich sie.

König. Ich tu es ungern; schlau ist sie und listig.

(Er geht.)

Medea. So, er ist fort. Kein Fremder stört uns mehr, Kein Dritter drängt sich zwischen Mann und Weib; Wir können reden, wie das Herz gebeut. Und nun sag an mir, was du denkst?

Jason. Du weißt's.

Medea. Ich weiß wohl was du willst, nicht was du meinst.

Jason. Das erstere genügt, denn es entscheidet.

Medea. So soll ich gehen?

Jason. Gehn!

Medea. Noch heute?

Jason. Heute!

Medea. Das sagst du und stehst ruhig mir genüber Und Scham senkt nicht dein Aug' und rötet nicht die Stirn?

Jason. Erröten müßt' ich, wenn ich anders spräche.

Medea. Das ist recht gut und sprich nur immer so, Wenn du vor andern dich entschuld'gen willst, Doch mir genüber laß den eiteln Schein!

Jason. Die Scheu vor Greueln nennst du eiteln Schein? Verdammt hat dich die Welt, verdammt die Götter, Und so geb ich dich ihrem Urteil hin. Denn wahrlich unverdient trifft es dich nicht!

Medea. Wer ist der Fromme denn, mit dem ich spreche? Ist das nicht Jason? und der wär' so mild? Du Milder, kamst du nicht nach Kolchis hin Und warbst mit Blut um seines Königs Kind? Du Milder! schlugst du meinen Bruder nicht? Fiel nicht mein Vater dir, du Frommer, Milder? Verlässest du das Weib nicht, das du stahlst Du Milder, du Entsetzlicher, Verruchter!

Jason. Du schmähest. Das zu hören ziemt mir nicht. Du weißt nun was zu tun, und so leb wohl!

Medea. Noch weiß ich's nicht, drum bleibe, bis ich's weiß. Bleib! Ruhig will ich sein. Ruhig wie du. Verbannung wird mir also? und was dir? Mich dünkt auch dich traf ja des Herolds Spruch?

Jason. Sobald bekannt, daß ich am Frevel rein Am Tod des Oheims, löst der Bann sich auf.

Medea. Und du lebst froh und ruhig fürder dann?

Jason. Ich lebe still, wie's Unglücksel'gen ziemt.

Medea. Und ich?

Jason. Du trägst das Los das du dir selbst bereitet.

Medea. Das ich bereitet! Du wärst also rein?

Jason. Ich bin's!

Medea. Und um den Tod des Oheims hast Du nicht gebetet?

Jason. Ihn befördert nicht!

Medea. Mich nicht versucht, ob ich's nicht üben wollte?

Jason. Der erste Zorn spricht manches sprudelnd aus Was reifer überdacht er nimmer übt.

Medea. Einst klagtest du dich selber dessen an Nun ist gefunden, der die Schuld dir trägt.

Jason. Nicht der Gedanke wird bestraft, die Tat!

Medea

(rasch). Ich aber tat es nicht!

Jason. Wer sonst?

Medea. Ich nicht! Hör mein Gemahl und dann erst richte mich. Als ich an die Pfoste trat, Das Vlies zu holen, Der König auf seinem Lager; Da hör ich schreien; hingewendet Seh ich den Mann vom Lager springen Heulend, bäumend sich umwindend. Kommst du Bruder, schreit er, Rache zu nehmen, Rache an mir! Noch einmal sollst du sterben, noch einmal! Und springt hin und faßt nach mir, In deren Hand das Vlies. Ich erbebte und schrie auf Zu den Göttern, die ich kenne. Das Vlies hielt ich mir vor als Schild. Da zuckt Wahnsinns Grinsen durch seine Züge, Heulend faßt er die Bande seiner Adern, Sie brechen, in Güssen strömt hin sein Blut Und als ich um mich schaue, entsetzt, erstarrt, Liegt der König zu meinen Füßen Im eignen Blut gebadet, Kalt und tot.

Jason. Das sagst du mir, Zaub'rische! Gräßliche? Hebe dich weg von mir! Fort! Mir graut vor dir! Daß ich dich je gesehn!

Medea. Du hast es ja gewußt. Das erstemal Als du mich sahst, sahst mich in meinem Dienst. Und doch verlangtest, strebtest du nach mir.

Jason. Ein Jüngling war ich, ein verwegner Tor Der Mann verwirft was Knaben wohlgefällt.

Medea. O schilt das goldne Jugendalter nicht! Der Kopf ist rasch, allein das Herz ist gut! O wärst du, der du warst, mir wäre besser! Nur einen Schritt komm in die schöne Zeit, Da wir in unsrer Jugend frischem Grünen Uns fanden an des Phasis Blumenstrand. Wie war dein Herz so offen und so klar Das meine trüber und in sich verschloßner Doch du drangst durch mit deinem milden Licht Und hell erglänzte meiner Sinne Dunkel. Da ward ich dein, da wardst du mein. O Jason! So ist dir ganz dahin, die schöne Zeit, So hat die Sorge dir für Haus und Herd Für Ruf und Ruhm dir ganz getötet Die schönen Blüten von dem Jugendbaum? O sieh, in Schmerz und Jammer, wie ich bin, Denk ich noch oft der schönen Frühlingszeit Und warme Lüfte wehn mir draus herüber. War dir Medea damals lieb und wert Wie ward sie dir denn gräßlich und abscheulich? Du kanntest mich und suchtest dennoch mich, Du nahmst mich wie ich war, behalt mich, wie ich bin!

Jason. Der Dinge denkst du nicht, die seither sind geschehn!

Medea. Entsetzlich sind sie, ja ich geb es zu, Am Vater hab ich schlimm, am Bruder schlimm getan! Und ich verdamme selber mich darob Man strafe mich, ich will ja gerne büßen, Doch du sollst mich nicht strafen, Jason, du nicht! Denn was ich tat, zu Liebe tat ich's dir. Komm, laß uns fliehn, vereint, mitsammen fliehn! Es nehm' uns auf ein fernes Land!

Jason. Und welches? Wohin?

Medea. Wohin?

Jason. Du rasest und du schiltst mich, Daß ich mit dir nicht rase. Es ist aus. Die Götter haben unsern Bund verflucht, Als einen der mit Greueltat begann Und in Verbrechen wuchs und Nahrung suchte. Laß sein, daß du den König nicht getötet; Wer war dabei, wer sah's, wer glaubt dir?

Medea. Du!

Jason. Und wenn auch ich, was kann ich? was vermag ich? Drum laß uns weichen dem Geschick, nicht trotzen! Die Strafe nehme jedes büßend hin, Du, da du fliehst, wo du nicht bleiben kannst, Ich, da ich bleibe, wo ich fliehen möchte.

Medea. Den schwerem Teil hast du dir nicht erwählt!

Jason. So wär' es leicht, zu leben als ein Fremdling In fremden Haus, von fremden Mitleids Gaben?

Medea. Dünkt's dir so schwer, was wählst du nicht die Flucht?

Jason. Wohin und wie?

Medea. Einst warst du minder sorglich, Als du nach Kolchis kamst, die Vaterstadt verlassend, Und eitelm Ruhme nach durch ferne Länder zogst.

Jason. Ich bin nicht der ich war, die Kraft ist mir gebrochen, Und in der Brust erstorben mir der Mut. Das dank ich dir. Erinnrung des Vergangnen Liegt mir wie Blei auf meiner bangen Seele Das Aug' kann ich nicht heben und das Herz. Auch ist der Knabe Mann seit dem geworden, Und nicht mehr kindisch mit den Blüten spielend, Greift er nach Frucht, nach Wirklichkeit, Bestand. Die Kinder sind mir und kein Ort für sie, Besitztum muß ich meinen Enkeln werben. Soll Jasons Stamm, wie trocknes Heidekraut, Am Wege stehn, vom Wanderer getreten? Hast du mich je geliebt, war ich dir wert, So zeig es, da du mich mir selber gibst Und mir ein Grab gönnst in der heim'schen Erde!

Medea. Und auf der heimischen Erd' ein neues Ehebett? Nicht so?

Jason. Was soll das!

Medea. Hab ich's nicht gehört Wie er Verwandt dich hieß und Sohn und Eidam? Kreusa locket dich, und darum bleibst du? Nicht also? Hab ich dich?

Jason. Du hattest nie mich, Und hast auch jetzt mich nicht.

Medea. (So) willst du büßen? Und darum soll Medea fort von dir? Stand ich denn nicht dabei, dabei in Tränen, Wie du mit ihr vergangne Zeit durchgingst Bei jedem Schritte stillstandst, süß verweilend, Zum Echo schwandest der Erinnerung? Ich aber geh nicht, (nicht!)

Jason. So ungerecht, So hart und wild wie immer!

Medea. Ungerecht? So wünschest du sie nicht zum Weib? Sag: Nein!

Jason. Den Ort such ich, mein Haupt zur Ruh' zu legen; Was sonst kommt weiß ich nicht!

Medea. Ich aber weiß es, Und denk es noch zu wehren, hilft ein Gott.

Jason. Du kannst nicht ruhig sprechen, leb denn wohl.

(Er geht.)

Medea. Jason!

Jason (umkehrend). Was ist?

Medea. Es ist das letztemal Das letztemal vielleicht, daß wir uns sprechen!

Jason. So laß uns scheiden ohne Haß und Groll.

Medea. Du hast zu Liebe mich verlockt und fliehst mich?

Jason. Ich muß.

Medea. Du hast den Vater mir geraubt Und raubst mir den Gemahl?

Jason. Gezwungen nur.

Medea. Mein Bruder fiel durch dich, du nahmst mir ihn, Und fliehst mich?

Jason. Wie er fiel, gleich unverschuldet.

Medea. Mein Vaterland verließ ich, dir zu folgen.

Jason. Dem eignen Willen folgtest du, nicht mir. Hätt's dich gereut, gern ließ ich dich zurück!

Medea. Die Welt verflucht um deinetwillen mich, Ich selber hasse mich um deinetwillen, Und du verläßt mich?

Jason. Ich verlaß dich nicht, Ein höhrer Spruch treibt mich von dir hinweg. Hast du dein Glück verloren, wo ist meins? Nimm als Ersatz mein Elend für das deine!

Medea. Jason!

(Sie fällt auf die Knie.)

Jason. Was ist? Was willst du weiter?

Medea (aufstehend). Nichts! Es ist vorbei!--Verzeihet meine Väter, Verzeiht mir Kolchis' stolze Götter Daß ich mich selbst erniedriget und euch. Das Letzte galt's. Nun habt ihr mich!

(Jason wendet sich zu gehen.)

Medea. Jason!

Jason. Glaub nicht mich zu erweichen!

Medea. Glaub nicht ich wollt' es. Gib mir meine Kinder!

Jason. Die Kinder? Nimmermehr!

Medea. Es sind die Meinen!

Jason. Des Vaters Namen fügt man ihnen bei Und Jasons Name soll nicht Wilde schmücken. Hier in der Sitte Kreis erzieh ich sie.

Medea. Gehöhnt von Stiefgeschwistern? Sie sind mein!

Jason. Mach nicht, daß sich mein Mitleid kehr' in Haß! Sei ruhig, das nur mildert dein Geschick.

Medea. Wohl denn, so will ich mich auf Bitten legen!-- Mein Gatte!--Nein, das bist du ja nicht mehr-- Geliebter!--Nein, das bist du nie gewesen-- Mann!--wärst du Mann und brächst dein heilig Wort-- Jason!--pfui! das ist ein Verrätername-- Wie nenn ich dich? Verruchter!--Milder! Guter! Gib meine Kinder mir und laß mich gehn!

Jason. Ich kann nicht, sagt' ich dir, ich kann es nicht.

Medea. So hart? Der Gattin nimmst du ihren Gatten, Und weigerst nun der Mutter auch ihr Kind!

Jason. Nun wohl, daß du als billig mich erkennst, Der Knaben einer ziehe denn mit dir!

Medea. Nur einer? Einer?

Jason. Fordre nicht zuviel! Das wen'ge fast verletzt schon meine Pflicht.

Medea. Und welcher?

Jason. Ihnen selbst, den Kindern sei die Wahl. Und welcher will, den nimmst du mit dir fort

Medea. O tausend Dank, du Gütiger, du Milder! Der lügt fürwahr, der dich Verräter nennt.

(König kommt.)

Jason. O König komm!

König. So ist es abgetan?

Jason. Sie geht. Der Kinder eines geb ich ihr.

(Zu einem, der mit dem Könige kam.)

Du eile, bring die Kleinen zu uns her!

König. Was tust du? Beide bleiben sie zurück!

Medea. Was mir so wenig scheint, dünkt dir zuviel? Die Götter fürchte, allzu strenger Mann!

König. Die Götter auch sind streng der Freveltat.

Medea. Doch sehn sie auch was uns zur Tat gebracht.

König. Des Herzens böses Trachten treibt zum Bösen.

Medea. Was sonst zum Übeln treibt, zählst du für nichts?

König. Ich richte selbst mich streng, drum kann ich's andre.

Medea. Indem du Frevel strafst verübst du sie.

Jason. Sie soll nicht sagen, daß ich allzuhart, Drum hab ich eins der Kinder ihr gewährt, In Leid und Not der Mutter lieber Trost.

(Kreusa kommt mit den Kindern.)

Kreusa. Die Kinder fordert man, ward mir gesagt Was will man denn, und was soll denn geschehn? O sieh, sie lieben mich, nur erst gekommen, Als ob wir jahrelang uns sähn und kennten. Mein mildes Wort, den Armen ungewohnt, Gewann mir sie, wie mich ihr Unglück ihnen.

König. Der Kinder eines soll der Mutter folgen.

Kreusa. Verlassen uns?

König. So ist's, so will's der Vater!

(Zu Medeen, die in sich versunken dagestanden ist.)

Die Kinder, sie sind hier, nun laß sie wählen!

Medea. Die Kinder! Meine Kinder! Ja, sie sind's! Das einz'ge was mir bleibt auf dieser Erde. Ihr Götter, was ich schlimmes erst gedacht, Vergeßt es und laßt sie mir beide, beide! Dann will ich gehn und eure Güte preisen, Verzeihen ihm und--nein (ihr) nicht!--(Ihm) auch nicht! Hierher ihr Kinder, hier!--Was steht ihr dort Geschmiegt an meiner Feindin falsche Brust? O wüßtet ihr was sie mir angetan, Bewaffnen würdet ihr die kleinen Hände, Zu Krallen krümmen eure schwachen Finger, Den Leib zerfleischen, den ihr jetzt berührt. Verlockst du meine Kinder? Laß sie los!

Kreusa. Unselig Weib, ich halte sie ja nicht.

Medea. Nicht mit der Hand, doch hältst du, wie den Vater, Sie mit dem heuchlerischen, falschen Blick. Lachst du? Du sollst noch weinen, sag ich dir!

Kreusa. O strafen mich die Götter, lacht' ich jetzt!

König. Brich nicht in Zorn und Schmähung aus, o Weib Tu ruhig was dir zukommt, oder geh!

Medea. Du mahnest recht, o mein gerechter König Nur nicht so gütig, scheint es, als gerecht. Wie oder auch? Nun ja, wohl beides gleich! Ihr Kinder seht, man schickt die Mutter fort, Weit über Meer und Land, wer weiß wohin? Die güt'gen Menschen, euer Vater aber Und der gerechte, gute König da, Sie haben ihr erlaubt, von ihren Kindern, Der Mutter von den Kindern eines, eins-- Ihr hohen Götter hört ihr's? (Eines) nur!-- Mit sich zu nehmen auf die lange Fahrt. Wer nun von beiden mich am meisten liebt, Der komm' zu mir, denn beide dürft ihr nicht. Der andre muß zurück beim Vater bleiben Und bei des falschen Mannes falscher Tochter!-- Hört ihr?--Was zögert ihr?

König. Sie wollen nicht!

Medea. Das lügst du, falscher, ungerechter König! Sie wollen, doch dein Kind hat sie verlockt! Hört ihr mich nicht?--Verruchte! Gräßliche! Der Mutter Fluch, des Vaters Ebenbild!

Jason. Sie wollen nicht!

Medea. Laß jene sich entfernen! Die Kinder lieben mich, bin ich nicht Mutter? Doch sie winkt ihnen zu und lockt sie ab.

Kreusa. Ich trete weg, ist gleich dein Argwohn falsch.

Medea. Nun kommt zu mir!--Zu mir!--Natterbrut!

(Sie geht einige Schritte auf sie zu; die Kinder fliehen zu Kreusen.)

Medea. Sie fliehn mich! Fliehn!

König. Du siehst Medea nun, Die Kinder wollen nicht, und also geh!

Medea. Sie wollen nicht? Die Kinder die Mutter nicht? Es ist nicht wahr, unmöglich!-- Ason, mein Ältester, mein Liebling! Sieh deine Mutter ruft dir, komm zu ihr! Ich will nicht mehr rauh sein und hart Du sollst mein Kostbarstes sein, mein einzigs Gut Höre die Mutter! Komm!-- Er wendet sich ab! Er kommt nicht! Undankbarer! Ebenbild des Vaters! Ihm ähnlich in den falschen Zügen Und mir verhaßt wie er! Bleib zurück, ich kenne dich nicht!-- Aber du Absyrtus, Schmerzenssohn, Mit dem Antlitz des beweinten Bruders, Mild und sanft wie er, Sieh deine Mutter liegt hier knieend Und fleht zu dir. Laß sie nicht bitten umsonst! Komm zu mir, mein Absyrtus Komm zur Mutter!-- Er zögert!--Auch du nicht?-- Wer gibt mir einen Dolch? Ein Dolch für mich und sie!

(Sie springt auf.)

Jason. Dir selber dank es, daß dein wildes Wesen Die Kleinen abgewandt, zur Milde hin. Der Kinder Ausspruch war der Götter Spruch! Und so geh hin, nie aber bleiben da.

Medea. Ihr Kinder hört mich!

Jason. Sieh! sie hören nicht!

Medea. Kinder!

König (zu Kreusen). Führ sie ins Haus zurück Nicht (hassen) sollen sie, die sie gebar.

(Kreusa mit den Kindern zum Abgang gewendet.)

Medea. Sie fliehn, (meine) Kinder fliehn vor mir!

König (zu Jason). Komm! Das Notwendige beklagt man fruchtlos!

(Sie gehen.)

Medea. Meine Kinder! Kinder!

Gora (die hereingekommen ist). Bezwinge dich Gönne nicht deinen Feinden ihres Sieges Anblick!

Medea (die sich zur Erde wirft). Ich bin besiegt, vernichtet, zertreten Sie fliehn mich, fliehn! Meine Kinder fliehn!

Gora (über sie gebeugt). Stirb nicht!

Medea. Laß mich sterben! Meine Kinder!

(Der Vorhang fällt.)

Vierter Aufzug

(Vorhof vor Kreons Burg wie im vorigen Aufzuge. Abenddämmerung.) (Medea liegt hingestreckt auf die Stufen, die zu ihrer Wohnung führen. Gora steht vor ihr.)

Gora. Steh auf Medea und sprich! Was liegst du da, starrst schweigend vor dich hin? Steh auf und sprich! Rate unserm Jammer!

Medea. Kinder! Kinder!

Gora. Fort sollen wir, eh' dunkelt die Nacht, Und schon senkt sich der Abend. Auf! Rüste dich zur Flucht! Sie kommen, sie töten uns!

Medea. O meine Kinder!

Gora. Steh auf, Unglückselige Und töte mich nicht mit deinem Jammer! Hätt'st mir gefolgt, mich gehört, Wären wir daheim in Kolchis, Die Deinen lebten, alles wär' gut. Steh auf! Was hilft Weinen? Steh auf!

Medea (sich halb aufrichtend und nur mit den Knien auf den Stufen liegend). So kniet' ich, so lag ich, So streckt' ich die Hände aus, Aus nach den Kindern und bat Und flehte: Eines nur, Ein einziges von meinen Kindern-- Gestorben wär' ich, mußt' ich das zweite missen!-- Aber auch das eine nicht!--Keines kam. Flüchtend bargen sie sich im Schoß der Feindin

(aufspringend)

(Er aber lachte drob und sie!)

Gora. O des Jammers! Des Wehs!

Medea. Nennt ihr das Vergeltung, Götter? Liebend folgt' ich, das Weib dem Mann; Starb mein Vater, hab (ich) ihn getötet? Fiel mein Bruder, fiel er durch (mich)? Beklagt hab ich sie, in Qualen beklagt. Glühende Tränen goß ich aus Zum Trankopfer auf ihr fernes Grab. Wo kein Maß ist, ist keine Vergeltung.

Gora. Wie du die Deinen, verlassen sie dich!

Medea. So will ich sie treffen, wie die Götter mich! Ungestraft sei kein Frevel auf der Erde, Mir laßt die Rache, Götter! ich führe sie aus!

Gora. Denk auf dein Heil, auf andres nicht!

Medea. Und was hat dich denn so weich gemacht? Schnaubtest erst Grimm, und nun so zagend?

Gora. Laß mich! Als ich die Kinder fliehn sah Den Arm der Mutter, der Pflegerin, Da erkannt' ich die Hand der Götter, Da brach mir das Herz, Da sank mir der Mut. Hab sie gewartet, gepflegt, Sie meine Freude, mein Glück. Die einz'gen reinen Kolcher sie, An die ich wenden konnte Die Liebe für mein fernes Vaterland. Du warst mir längst entfremdet, längst; In ihnen sah ich Kolchis wieder, Den Vater dein und deinen Bruder, Mein Königshaus und (dich,) Wie du (warst), nicht wie du (bist.) Hab sie gehütet, gepflegt, Wie den Apfel meines Auges Und nun--

Medea. Lohnen sie dir, wie der Undank lohnt!

Gora. Schilt nicht die Kinder, sie sind gut!

Medea. Gut? Und flohen die Mutter? Gut? Sie sind Jasons Kinder! Ihm gleich an Gestalt, an Sinn, Ihm gleich in meinem Haß. Hätt' ich sie hier, ihr Dasein in meiner Hand, In dieser meiner ausgestreckten Hand, Und ein Druck vermochte zu vernichten All was sie sind und waren, was sie werden sein,-- Sieh her!--Jetzt wären sie nicht mehr!

Gora. Oh, weh der Mutter, die die Kinder haßt!

Medea. Und was ist's auch mehr? was mehr? Bleiben sie hier beim Vater zurück, Beim treulosen, schändlichen Vater, Welches ist ihr Los? Stiefgeschwister kommen, Höhnen sie, spotten ihrer Und ihrer Mutter, Der Wilden aus Kolchis. Sie aber, entweder dienen als Sklaven, Oder der Ingrimm, am Herzen nagend, Macht sie arg, sich selbst ein Greuel: Denn wenn das Unglück dem Verbrechen folgt, Folgt öfter das Verbrechen noch dem Unglück. Was ist's denn auch zu leben? Ich wollt', mein Vater hätte mich getötet, Da ich noch klein war, Noch nichts, wie jetzt, geduldet, Noch nichts gedacht--wie jetzt.

Gora. Was schauderst du? was überdenkst du?

Medea. Daß ich fort muß, ist gewiß Minder aber noch, was sonst geschieht. Denk ich des Unrechts, das ich erlitt, Des Frevels, den man an mir verübt, So entglüht in Rache mein Herz Und das Entsetzlichste ist mir das Nächste.-- Die Kinder liebt er, sieht er doch sein Ich, Seinen Abgott, sein eignes Selbst Zurückgespiegelt in ihren Zügen. Er soll sie nicht haben, soll nicht! (Ich) aber will sie nicht, die Verhaßten!

Gora. Komm mit hinein, was weilst du hier?

Medea. Dann leer das ganze Haus und ausgestorben, Verwüstung brütend in den öden Mauern, Nichts lebend als Erinnerung und Schmerz.

Gora. Bald nahen sie, die uns vertreiben. Komm!

Medea. Die Argonauten, sagtest du, Sie fanden alle ein unselig Grab, Die Strafe des Verrats, der Freveltat?

Gora. So ist's und Jason findet es wohl auch.

Medea. Er wird's, ich sage dir, er wird's! Den Hylas schlang das Wassergrab hinab, Den Theseus fing der Schatten düstrer König Und wie hieß sie, das Griechenweib, Die eignes Blut am eignen Blut gerächt? Wie hieß sie? Sag.

Gora. Ich weiß nicht, was du meinst.

Medea. Althea hieß sie.

Gora. Die den Sohn erschlug?

Medea. Dieselbe, ja! Wie kam's, erzähl mir das.

Gora. Den Bruder schlug er ihr beim Jagen tot.

Medea. Den Bruder nur, den Vater nicht dazu, Sie nicht verlassen, nicht verstoßen, nicht gehöhnt Und dennoch traf sie ihn zum Tod Den grimmen Meleager ihren Sohn. Althea hieß sie,--war ein Griechenweib!-- Und als er tot?

Gora. Hier endet die Geschichte.

Medea. Sie endet! Du hast recht der Tod beendet.

Gora. Was nützen Worte?

Medea. Zweifelst an der Tat? Sieh! bei den hohen Göttern! hätt' er Die Kinder (beide) mir gegeben--Nein! Könnt' ich sie (nehmen), gäb' er sie mir auch, Könnt' ich sie lieben wie ich jetzt sie hasse, Wär' etwas in der weiten Welt geblieben, Das er mir nicht vergiftet, nicht zerstört: Vielleicht, daß ich jetzt ginge, meine Rache Den Göttern lassend; aber so nicht, nun nicht! Man hat mich bös genannt, ich war es nicht: Allein ich fühle, daß man's werden kann. Entsetzliches gestaltet sich in mir, Ich schaudre--doch ich freu mich auch darob. Wenn's nun vollendet ist, getan--

(ängstlich)

Gora!

Gora. Was ist?

Medea. Komm her!

Gora. Warum?

Medea. Zu mir! Da lagen sie die beiden--und die Braut-- Blutend, tot.--Er daneben rauft sein Haar. Entsetzlich, gräßlich!

Gora. Um der Götter willen!

Medea. Ha, ha! Erschrickst wohl gar? Nur lose Worte sind es, die ich gebe, Dem alten Wollen fehlt die alte Kraft. Ja, wär' ich noch Medea, doch ich bin's nicht mehr! O Jason! Warum tatest du mir das? Ich nahm dich auf, ich schützte, liebte dich, Was ich besaß, ich gab es für dich hin, Warum verlässest und verstößt du mich? Was treibst du mir die guten Geister aus Und führest Rachgedanken in mein Herz? Mir Rachgedanken, ohne Kraft zur Rache! Die Macht, die mir von meiner Mutter ward, Der ernsten Kolcherfürstin Hekate, Die mir zum Dienste dunkle Götter band, Versenkt hab ich sie, dir zulieb' versenkt, Im finstern Schoß der mütterlichen Erde. Der schwarze Stab, der blutigrote Schleier, Sie sind dahin und hilflos steh ich da, Den Feinden, statt ein Schrecken, ein Gespött!

Gora. So sprich davon nicht, wenn du's nicht vermagst!