Das goldene Vließ

Chapter 8

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Die schönen Orte unsrer Jugendlust, An die Erinnrung knüpft mit leisen Fäden, Ich hab sie durchgegangen, da ich kam, Und Brust und Lippen kühlend eingetaucht Im frischen Born der hellen Kinderzeit. Ich war am Markt, wo ich den Wagen lenkte, Das rasche Roß dem Ziel entgegentrieb, Den Faustschlag wechselnd mit dem Gegner rang, Indes du standst und sahst, erschrakst und zürntest, Um meinetwillen jedem Gegner feind. Ich war im Tempel, wo vereint wir knieten, Hier nur allein einander uns vergessend, Und unsre Lippen zu den Göttern sandten Aus zweier Brust ein einzig, einig Herz.

Kreusa. So weißt du denn das alles noch so gut?

Jason. Ich sauge Labung draus mit vollen Zügen

Medea (die still hingegangen ist und die weggelegte Leier ergriffen hat). Jason, ich weiß ein Lied!

Jason. Und dann der Turm! Weißt du den Turm dort an der Meeresküste Wo du mit deinem Vater standst und weintest, Als ich das Schiff bestieg zum weiten Zug. Ich hatte da kein Aug' für deine Tränen Denn nur nach Taten dürstete mein Herz. Ein Windstoß löste deinen Schleier los Und warf ihn in die See, ich sprang darnach Und trug ihn mit mir fort, dir zum Gedächtnis.

Kreusa. Hast du ihn noch?

Jason. Denk nur, so manches Jahr Verging seit dem und nahm dein Pfand mit sich. Der Wind hat ihn verweht.

Medea. Ich weiß ein Lied.

Jason. Du riefst mir damals zu: Leb wohl, mein Bruder.

Kreusa. Und jetzt ruf ich: Mein Bruder, sei gegrüßt!

Medea. Jason, ich weiß ein Lied.

Kreusa. Sie weiß ein Lied, Das du einst sangst, hör zu, sie soll dir's singen.

Jason. Ja so! Wo war ich denn? Das klebt mir an Aus meiner Jugendzeit und spottet meiner, Daß gern ich manchmal träumen mag und schwatzen Von Dingen die nicht sind und die nicht werden. Denn wie der Jüngling in der Zukunft lebt So lebt der Mann mit der Vergangenheit. Die Gegenwart weiß keiner recht zu leben. Da war ich jetzt ein tatenkräft'ger Held Und hatt' ein liebes Weib und Gold und Gut Und einen Ort wo meine Kinder schlafen. Was also willst du denn?

(Zu Medea.)

Kreusa. Ein Lied dir singen, Das du in deiner Jugend sangst bei uns.

Jason. Und das singst du?

Medea. So gut ich kann.

Jason. Ja wohl! Willst du mit einem armen Jugendlied Mir meine Jugend geben und ihr Glück? Laß das. Wir wollen aneinander halten Weil's einmal denn so kam und wie sich's gibt. Doch nichts von Liedern und von derlei Dingen!

Kreusa. Laß sie's doch singen. Sie hat sich geplagt Bis sie's gewußt und nun--

Jason. So singe, sing!

Kreusa. Die zweite Saite, weißt du noch?

Medea (mit der Hand schmerzlich aber ihre Stirne streichend). Vergessen.

Jason. Siehst du, ich sagt' es wohl, es geht nun nicht! An andres Spiel ist ihre Hand gewohnt, Den Drachen sang sie zaubrisch in den Schlaf. Und das klang anders als dein reines Lied.

Kreusa (einflüsternd). O ihr Götter Ihr hohen Götter--

Medea (nachsagend). O ihr Götter-- Ihr hohen, ihr gerechten, strengen Götter!

(Die Leier entfällt ihr, sie schlägt beide Hände vor die weinenden Augen.)

Kreusa. Sie weint. Wie kannst du doch so hart sein und so wild.

Jason (sie zurückhaltend). Laß sie! Kind, du verstehst uns beide nicht! Es ist der Götter Hand, was sie nun fühlt, Auch hier gräbt sie, auch hier mit blut'gen Griffen. Greif du nicht in der Götter Richteramt! Hättst du sie dort gesehn im Drachenhorst, Wie sie sich mit dem Wurm zur Wette bäumte, Voll Gift der Zunge Doppelpfeile schoß, Und Haß und Tod aus Flammenaugen blinkte, Dein Busen wär' gestählt gen ihre Tränen. Nimm du die Leier und sing mir das Lied Und bann den Dämon, der mich würgend quält. Du kannst's vielleicht, doch jene nicht.

Kreusa. Recht gern.

(Sie will die Leier aufheben.)

Medea

(ihren Arm ober der Hand fassend und sie abhaltend). Halt ein!

(Sie hebt mit der andern Hand die Leier auf.)

Kreusa. Recht gern, spielst du es selber.

Medea. Nein!

Jason. Gibst du sie nicht denn?

Medea. Nein.

Jason. Auch mir nicht?

Medea. Nein!

Jason

(hinzutretend und nach der Leier greifend). Ich aber nehme sie.

Medea (ohne sich vom Platz zu bewegen, die Leier zurückziehend). Umsonst!

Jason (ihre zurückziehenden Hände mit den seinigen verfolgend). Gib!

Medea

(die Leier im Zurückziehen zusammendrückend, daß sie krachend zerbricht). Hier! Entzwei!

(Die zerbrochene Leier vor Kreusa hinwerfend.)

Entzwei die schöne Leier!

Kreusa (entsetzt zurückfahrend). Tot!

Medea (rasch umblickend). Wer?--(Ich) lebe! (lebe)!

(Sie steht da hoch emporgehoben vor sich hinstarrend.)

(Von außen ein Trompetenstoß.)

Jason. Ha, was ist das?--Was stehst du siegend da? Dich reut noch, glaub ich, dieser Augenblick.

(Noch ein Trompetenstoß.) (Der König kommt rasch zur Türe herein.)

Jason (ihm entgegen). Was kündigt an der kriegerische Schall?

König. Unglücklicher, du fragst?

Jason. Ich frage, Herr!

König. Der Streich, den ich gefürchtet ist gefallen, Ein Herold steht vor meines Hauses Pforten, Gesandt vom Stuhl der Amphiktyonen. Er frägt nach dir, und hier nach deinem Weib, Den Bann ausrufend in des Himmels Lüfte!

Jason. Auch das noch!

König. Also ist's. Doch still, er naht!

(Die Pforten öffnen sich. Ein Herold tritt herein; hinter ihm zwei Hornbläser, weiter zurück mehreres Gefolge.)

Herold. Die Götter und ihr Schutz in dieses Haus!

König (feierlich). Wer bist du und was suchst du hier bei mir?

Herold. Ein Gottesherold bin ich, abgesandt Vom Altgericht der Amphiktyonen, Das spricht in Delphis hochgefreiter Stadt; Mit Bann verfolg ich und mit Rachespruch Die schuldigen Verwandten König Pelias', Der einst auf Jolkos saß, nun aber tot ist.

König. Suchst du die Schuld'gen, suche sie nicht hier, In seinem Haus, bei seinen Kindern such sie!

Herold. Ich fand sie hier und so sprech ich sie an: Fluch Jason dir! Fluch dir und deinem Weib! Verruchter Künste bist du angeklagt, Der Schuld an deines Oheims dunkeln Tod.

Jason. Du lügst, nicht weiß ich um des Königs Sterben.

Herold. Frag diese dort, die weiß es besser wohl.

Jason. Tat sie's?

Herold. Nicht mit der Hand, durch Künste, die ihr kennt, Die ihr herüberbrachtet aus dem fremden Lande. Denn als der König krank--vielleicht schon da ein Opfer, So seltsam waren seiner Krankheit Zeichen-- Da traten seine Töchter zu Medeen hin, Um Heilung flehend von der Heilerfahrnen. Sie aber sagt' es zu und ging mit ihnen.

Jason. Halt! sie ging nicht! Ich wehrt' es, und sie blieb.

Herold. Das erstemal. Doch als die Mädchen drauf, Dir unbewußt, zum zweitenmal ihr nahten, Da ging sie mit, allein das goldne Vlies, Das ihr ein Greu'l sei, ein verderblich Zeichen, Als Preis der sichern Rettung sich bedingend. Die Mädchen aber sagen's ihr voll Freude zu. Und sie tritt ein beim König, wo er schlief. Geheimnisvolle Worte sprach sie aus Und immer tiefer sinkt der König in den Schlaf. Das böse Blut zu bannen, heißt dem Herrn sie Die Adern öffnen und auch das geschieht; Er atmet leichter als man ihn verband Und froh sind schon die Töchter der Genesung. Da ging Medea fort, von dannen wie sie sagte, Und auch die Töchter gehn, da jener schlief. Mit eins ertönt Geschrei aus seiner Kammer, Die Mädchen eilen hin und--gräßlich! greulich! Der Alte lag am Boden, wild verzerrt, Gesprungen die Verbande seiner Adern, In schwarzen Güssen strömend hin sein Blut. Am Altar lag er, wo das Vlies gehangen, Und das war fort. Die aber ward gesehen, Den goldnen Schmuck um ihre Schultern tragend, Zur selben Stunde schreitend durch die Nacht.

Medea (dumpf vor sich hin). Es war mein Lohn. Mich schaudert, denk ich an des alten Mannes Wut!

Herold. Damit nun solcher Greu'l nicht länger währe Und unser Land mit seinem Hauch vergifte, So sprech ich aus hiemit den großen Bann Ob Jason dem Thessalier, Aesons Sohn, Genoß einer Verruchten, selbst verrucht Und treib ihn aus, kraft meines heil'gen Amts, Aus, von der Griechen gottbetretnen Erde, Und weis ihn in das Irrsal, in die Flucht, Mit ihm sein Weib und seines Bettes Sprossen. Kein Teil sei ihm am vaterländ'schen Boden, An vaterländ'schen Göttern ihm kein Teil, Kein Teil an Schutz und Recht des Griechenlandes.

(Nach den Himmelsgegenden.)

Verbannt Jason und Medea! Medea und Jason verbannt! Verbannt! Jason und Medea! Wer aber ihn beherbergt, ihn beschützt, Von hier nach dreien Tagen und drei Nächten, Dem künd ich Tod, wenn es ein Einzelmann, Und Krieg, wenn's eine Stadt, wenn es ein König! So fügt's der Spruch der Amphiktyonen Und so verkünd ich es zu Recht, Damit ein jeder wisse sich zu wahren. Die Götter und ihr Schutz in dieses Haus!

(Er wendet sich zum Abgehen.)

Jason. Was steht ihr da, ihr Mauern? stürzet ein, Erspart die Müh' dem König, mich zu töten!

König. Halt ein, o Herold, und vernimm noch dies!

(Zu Jason gewendet.)

Glaubst du, mich reute schon was ich gelobt? Hielt' ich für schuldig dich, und wärst du auch mein Sohn, Ich gäbe hin dich jenen, die dich suchen; Doch du bist's nicht und so beschütz ich dich, Bleib hier. Wer aber wagt es Kreons Freund, Für dessen Unschuld er sein Wort verpfändet,-- Wer wagt es meinen Eidam anzutasten? Ja Herold, meinen Eidam, meiner Tochter Gatten! Was einst beschlossen ward in frühern Tagen, In Tagen seines Glücks, ich führ es aus Jetzt da des Unglücks Wogen ihn umbranden. Sie sei dein Weib, du bleibst bei deinem Vater. Also vertret ich's vor den Amphiktyonen; Und wer beschuldigt noch wen Kreon freisprach, Freisprach durch seiner eignen Tochter Hand? Das sag du jenen, die dich hergesandt Und in der Götter Schutz sei nun entlassen.

(Der Herold geht.)

Doch diese, die die Wildnis ausgespieen, Zu deinem, aller Frommen Untergang, Sie, die die Greu'l verübt, der man dich zeiht, Sie bann ich aus des Landes Grenzen fort Und Tod ihr, trifft der Morgen sie noch hier. Zieh hin aus meiner Väter frommen Stadt Und reinige die Luft, die du verpestest!

Medea. Das also wär's? Mir gält' es, mir allein? Ich aber sag euch, ich hab's nicht getan!

König. Genug hast du verübt, seit er dich sah. Hinweg aus meinem Haus, aus meiner Stadt.

Medea (zu Jason). Und muß ich fort, nun wohl, so folge mir! Gemeinsam wie die Schuld, sei auch die Strafe! Weißt noch den alten Spruch? Allein soll keines sterben, Ein Haus, ein Leib und ein Verderben! Im Angesicht des Todes schwuren wir's; Jetzt halt es, komm!

Jason. Berührst du mich? Laß ab von mir, du meiner Tage Fluch! Die mir geraubt mein Leben und mein Glück, Die ich verabscheut, wie ich dich gesehn, Nur töricht Liebe nannte meines Wesens Ringen! Heb dich hinweg, zur Wildnis, deiner Wiege, Zum blut'gen Volk, dem du gehörst und gleichst. Doch vorher gib mir wieder was du nahmst Gib Jason mir zurücke, Frevlerin!

Medea. Zurück willst du den Jason?--Hier!--Hier nimm ihn! Allein wer gibt Medeen mir, wer mich? Hab ich dich aufgesucht in deiner Heimat? Hab ich von deinem Vater dich gelockt? Hab ich dir Liebe auf-, ja aufgedrungen? Hab ich aus deinem Lande dich gerissen, Dich preisgegeben Fremder Hohn und Spott? Dich aufgereizt zu Freveln und Verbrechen? Du nennst mich Frevlerin?--Weh mir! ich bin's! Doch wie hab ich gefrevelt und für wen? Laß diese mich mit gift'gem Haß verfolgen, Vertreiben, töten, diese tun's mit Recht, Denn ich bin ein entsetzlich, greulich Wesen, Mir selbst ein Abgrund und ein Schreckensbild, Die ganze Welt verwünsche mich, nur (du) nicht! Du nicht, der Greuel Stifter, einz'ger Anlaß, du! Weißt du noch, wie ich deine Knie umfaßte, Als du das blut'ge Vlies mir stehlen hießest: Ich mich zu töten eher mich vermaß Und du mit kaltem Hohne herrschtest: Nimm's! Weißt du, wie ich den Bruder hielt im Arm, Der todesmatt von deinem grimmen Streich, Bis er sich losriß von der Schwester Brust Und deinem Trotz entrinnend Tod in Wellen suchte? Weißt du?--Komm her zu mir!--Weich mir nicht aus! Verbirg nicht hinter jene dich vor mir!

Jason

(vortretend). Ich hasse, doch ich scheu dich nicht!

Medea. So komm!

(Halblaut.)

Weißt du?--Sieh mich nicht so verachtend an!-- Wie du den Tag vor deines Oheims Tod, Da eben seine Töchter von mir gingen, Die ratlos ich auf dein Geheiß entließ, Wie du zu mir in meine Kammer tratst Und mit den Augen so in meine schauend,-- Als säh' ein Vorsatz, scheu in dir verborgen, Nach seinesgleichen aus in meiner Brust-- Wie du da sagtest: Daß zu mir sie kämen Um Heilung für des argen Vaters Krankheit, Ich wollt' ihm einen Labetrank bereiten, Der (ihn) auf immer heilen sollt' und (mich)! Weißt du? Sieh mir ins Antlitz wenn du's wagst!

Jason. Entsetzliche! Was rasest du gen mich? Machst mir zu Wesen meiner Träume Schatten, Hältst mir mein Ich vor in des deinen Spiegel Und rufst meine Gedanken wider mich? Nichts weiß ich, nichts von deinem Tun und Treiben, Verhaßt war mir von Anfang her dein Wesen, Verflucht hab ich den Tag, da ich dich sah, Und Mitleid nur hielt mich an deiner Seite. Nun aber sag ich mich auf ewig von dir los Und fluche dir, wie alle Welt dir flucht.

Medea. Nicht so, mein Gatte, mein Gemahl!

Jason. Weg da!

Medea. Als mir's mein greiser Vater drohte, Versprachst du, nie mich zu verlassen. Halt's!

Jason. Selbst hast du das Versprechen dir verwirkt, Ich gebe hin dich deines Vaters Fluch!

Medea. Verhaßter komm! Komm mein Gemahl!

Jason. Zurück!

Medea. In meinen Arm, so hast du's ja gewollt!

Jason. Zurück! Sieh hier mein Schwert! Ich töte dich Wenn du nicht weichst!

Medea (immer näher tretend). Stoß zu! Stoß zu!

Kreusa (zu Jason). Halt ein! Laß sie in Frieden ziehn! Verletz sie nicht!

Medea. Du auch hier? weiße, silberhelle Schlange? O zische nicht mehr, züngle nicht so lieblich! Du hast ja, was du wolltest, den Gemahl! War's darum, daß du dich so schmeichelnd wandst Und deine Ringe schlangst um meinen Hals? O hätt' ich einen Dolch, ich wollte dich Und deinen Vater, den gerechten König! Darum sangst du so holde Weisen? Darum gabst du mir Saitenspiel und Kleid?

(Ihren Mantel abreißend.)

Hinweg! Fort mit den Gaben der Verruchten!

(Zu Jason.)

Sieh! Wie ich diesen Mantel durch hier reiße Und einen Teil an meinen Busen drücke, Den andern hin dir werfe vor die Füße, Also zerreiß ich meine Liebe, unsern Bund. Was draus erfolgt, das werf ich dir zu, dir, Dem Frevler an des Unglücks heil'gem Haupt. Gebt meine Kinder mir und laßt mich gehn!

König. Die Kinder bleiben hier.

Medea. Nicht bei der Mutter?

König. Nicht bei der Frevlerin!

Medea (zu Jason). So sagst auch du?

Jason. Auch ich.

Medea (gegen die Türe). So hört ihr Kinder mich!

König. Zurück!

Medea. Allein gehn heißt ihr mich? Wohlan es sei! Doch sag ich euch: bevor der Abend graut Gebt ihr die Kinder mir. Für jetzt genug! Du aber, die hier gleisend steht, und heuchelnd In falscher Reinheit niedersieht auf mich, Ich sage dir, du wirst die weißen Hände ringen, Medeens Los beneiden gegen deins.

Jason. Wagst du's?

König. Hinweg.

Medea. Ich geh doch komm ich wieder Und hole das was mir, und bring was euch gebührt.

König. Was soll sie drohen uns ins Angesicht? Wenn Worte nicht

(zu den Trabanten)

laßt eure Lanzen sprechen!

Medea. Zurück! Wer wagt's Medeen anzurühren! Merk auf die Stunde meines Scheidens, König Du sahst noch keine schlimmre, glaube mir! Gebt Raum! Ich geh! Die Rache nehm ich mit!

(Ab.)

König. Die Strafe wenigstens, sie folget dir!

(Zu Kreusen.)

Du zittre nicht, wir schützen dich vor ihr!

Kreusa. Ich sinne nur, ob recht ist, was wir tun; Denn tun wir recht, wer könnte dann uns schaden?

(Der Vorhang fällt.)

Dritter Aufzug

(Vorhof von Kreons Burg. Im Hintergrunde der Eingang von der Wohnung des Königs; rechts an den Seitenwänden ein Säulengang zu Medeens Aufenthalt führend.) (Medea im Vorgrunde stehend, Gora weiter zurück mit einem Diener des Königs sprechend.)

Gora. Sag du dem Könige: Medea nehme Botschaft von Sklaven nicht, Hab' er Werbung an sie, Komm' er selbst, Vielleicht hört sie ihn.

(Der Diener ab.)

Gora (vortretend). Sie meinen, du würdest gehn, Den Haß bezähmend und die Rache. Die Törichten! Oder wirst du es? Wirst du's? Fast glaub ich, du tust's, Denn nicht Medea bist du mehr, Des Kolcherkönigs königlicher Sproß, Der erfahrnen Mutter, erfahrnere Tochter; Hättest du sonst geduldet, getragen So lange, bis jetzt?

Medea. Hört ihr's Götter? Geduldet! getragen! So lange! bis jetzt!

Gora. Ich riet dir zu weichen, Da du noch weilen wolltest, Verblendet, umgarnt; Als noch nicht gefallen der Streich, Den ich vorhersah, warnend dir zeigte: Aber nun sag ich: bleib! Sie sollen nicht lachen der Kolcherin, Nicht spotten des Bluts meiner Könige, Herausgeben die Kleinen, Die Schößlinge der gefällten Königseiche; Oder sterben, fallen, In Grauen, in Nacht!--Wo hast du dein Gerät? Oder was beschließest du?

Medea. Erst meine Kinder will ich haben,-- Das andre findet sich.

Gora. So gehst du denn?

Medea. Ich weiß es nicht.

Gora. Lachen werden sie dein!

Medea. Lachen? Nein!

Gora. Was also sinnest du?

Medea. Ich gebe mir Müh', nichts zu wollen, zu denken. ob dem schweigenden Abgrund Brüte die Nacht.

Gora. Und wenn du flöhest, wohin?

Medea (schmerzlich). Wohin? Wohin?

Gora. Hier Lands ist nicht Raum für uns, Die Griechen, sie hassen, sie töten dich.

Medea. Töten? Sie mich? Ich will sie töten, ich!

Gora. Auch daheim in Kolchis wartet Gefahr.

Medea. O Kolchis! Kolchis! O Vaterland!

Gora. Du hast wohl gehört, dir ward wohl Kunde, Daß dein Vater gestorben, bald darnach, Als du Kolchis verließest, dein Bruder fiel? (Gestorben?) es klang anders, deucht' mir, Daß er den Schmerz anfassend wie ein Schwert, Gen sich selber wütend, den Tod sich gab.

Medea. Was trittst du in Bund mit meinen Feinden Und tötest mich?

Gora. Nun siehst du wohl. Ich hab dir's gesagt, dich gewarnt. Flieh die Fremden, sagt' ich dir Vor allen aber ihn, der sie führt, Den glattzüngigen Heuchler, den Verräter.

Medea. Den glattzüngigen Heuchler, den Verräter!-- Sagtest du so?

Gora. Wohl sagt' ich's.

Medea. Und ich glaubte dir nicht?

Gora. Glaubtest mir nicht und gingst ins Todesnetz Das nun zusammenschlägt über dir.

Medea. Glattzüngiger Heuchler! Das ist das Wort. Hättest du so gesagt, ich hätt's erkannt; Aber du nanntest ihn: Feind und verhaßt und abscheulich, Er aber war schön und freundlich und ich haßt' ihn (nicht)!

Gora. So liebst du ihn?

Medea. Ich? Ihn? Ich haß ihn, verabscheu ihn, Wie die Falschheit, den Verrat, Wie das Entsetzlichste, wie mich!

Gora. So straf ihn, triff ihn, Räche den Vater, den Bruder, Unser Vaterland, unsre Götter, Unsre Schmach, mich, dich!

Medea. Erst meine Kinder will ich haben, Das andre deckt die Nacht.-- Was glaubst du? wenn er daherzög' In feierlichem Brautgeleit Mit ihr, die ich hasse, Und vom Giebel des Hauses entgegen Flög' ihm Medea zerschmettert, zerschellt.

Gora. Der schönen Rache!

Medea. Oder an Brautgemachs Schwelle Läge sie tot in ihrem Blut, Bei ihr die Kinder, Jasons Kinder, tot.

Gora. Dich selber trifft deine Rache, nicht ihn.

Medea. Ich wollt' er liebte mich, Daß ich mich töten könnte, ihm zur Qual!-- Oder (sie?) Die Falsche! Die Reine!

Gora. Näher triffst du schon!

Medea. Still! still! Hinab, wo du herkamst, Gedanke, Hinab in Schweigen, hinunter in Nacht!

(Sie verhüllt sich.)

Gora. Die andern alle, die mit ihm zogen Den frevelnden Argonautenzug, Alle haben sie, rächend, strafend, Die vergeltenden Götter erreicht, Alle fielen in Tod und Schmach; Er nur fehlt noch--und wie lang? Täglich hör ich, emsig horchend Hoch mich erlabend, wie sie fallen, Fallen der Griechen strahlende Söhne, Die aus Kolchis, vom Raube gekehrt. Den Orpheus erschlugen thrakische Weiber; Hylas versank im Wellengrab; Theseus, Pirithous stiegen hinab In des Aides finstere Wohnung, Der Schatten gewaltigem Herrn zu rauben Die strahlende Gattin, Persephoneia, Doch der fing sie und hält sie gefangen In ehernen Ketten, in ewiger Nacht.

Medea (rasch den Mantel vom Gesicht ziehend). Weil sie kamen das Weib zu rauben? Gut! Gut!--So tat auch er, tat mehr noch!

Gora. Dem Herakles, der sein Weib verließ, Von anderer Liebe gelockt, Sandte sie rächend ein leinen Gewand; Als er das antat, sank er dahin In Qual und Angst und Todesschmerz, Denn sie hatt' es heimlich bestrichen Mit argem Gift und schnellem Tod. Hin sank er und des Öta waldiger Rücken, Sah ihn vergehn, in Flammen vergehn.

Medea. Und sie selbst webt' es, das Gewand? Das tödliche?

Gora. Sie selbst!

Medea. Sie selbst!

Gora. Des Meleager rauhe Gewalt, Des kaledonischen Eberbezwingers, Tötet' Althea, die Mutter das Kind.

Medea. Verließ sie der Gemahl?

Gora. Er erschlug ihren Bruder.

Medea. Der Gatte?

Gora. Der Sohn!

Medea. Und als sie's getan, starb sie?

Gora. Sie lebt.

Medea. Tat es und (lebt)! Entsetzlich!-- So viel weiß ich und so viel ist mir klar: Unrecht erduld ich nicht ungestraft. Aber (was) geschieht, weiß ich nicht, will's nicht wissen! Verdient hat er alles, das Ärgste verdient, Aber--schwach ist der Mensch; Billig gönnt man zur Reue Zeit!

Gora. Reue?--Frag ihn selbst ob's ihn reut; Denn dort naht er mit eilendem Schritt.

Medea. Mit ihm der König, mein arger Feind Der ihn verlockt, der ihn verführt. Ihm entweich ich, nicht zähmt' ich den Haß!

(Geht rasch dem Hause zu.)

Aber will (er), will Jason mich sprechen, So heiß ihn treten zu mir ins Gemach, Dort will ich reden zu ihm, nicht hier, An der Seite des Manns, der mein Feind. Sie nahen. Fort!

(Ab ins Haus.)

Gora. Da geht sie hin! Ich aber soll reden mit dem Mann Der mein Kind verderbt, der gemacht, Daß ich mein Haupt legen muß auf fremde Erde, Des bittern Kummers Tränen verbergen muß, Daß nicht drüber lacht fremder Männer Mund.

(Der König und Jason kommen.)

König. Was flieht uns deine Frau? Das nützt ihr nichts.

Gora. So floh sie denn? Sie ging. Weil sie dich haßt.

König. Ruf sie heraus!

Gora. Sie kommt nicht.

König. Doch sie soll!

Gora. Geh selbst hinein und sag ihr's, wenn du's wagst.

König. Wo bin ich denn und (wer)? daß dieses Weib In ihrer Wildheit mir zu trotzen wagt? Die Magd fürwahr das Bild der Frau, und beide Das Bild des dunkeln Landes, das sie zeugte. Noch einmal: ruf sie her!

Gora (auf Jason zeigend). (Den) will sie sprechen Und hat er Mut dazu, tret' er ins Haus.

Jason. Verwegne geh! mein Haß von Anfang her! Und sag ihr, daß sie komme, die dir gleicht.

Gora. O gliche sie mir doch! ihr trotztet nicht! Doch sie wird's noch erkennen und dann weh euch!

Jason. Ich will sie sprechen!

Gora. Geh hinein.

Jason. Das nicht! Sie soll heraus! und du geh hin und sag ihr's!

Gora. Nun wohl ich geh, euch länger nicht zu sehn, Und sag ihr's an, doch kommt sie nicht, das weiß ich, Zu sehr fühlt sie die Kränkung und sich selbst.

(Ab ins Haus.)

König. Nicht einen Tag duld ich sie in Korinth. (Die) sprach nur aus, was jene finster brütet; Allzu gefährlich dünkt mir solche Nähe! Auch deine Zweifel, hoff ich, sind besiegt.

Jason. Verfahre, Herr, in deinem Richteramt! Sie kann nicht länger stehen neben mir, So gehe sie; noch mild ist diese Strafe. Denn wahrlich, minder schuldig doch als sie, Trifft mich ein härtres Los, ein schwerers. Sie zieht hinaus in angeborne Wildnis, Und wie ein Füllen, dem das Joch entnommen Strebt sie hinfort in ungezähmten Trotz: Ich aber muß hier still und ruhig weilen, Belastet mit der Menschen Hohn und Spott, Dumpf wiederkäuend die verfloßne Zeit.

König. Du wirst dich wieder heben, glaube mir's. Dem Bogen gleich, der raschen Schwunges losschnellt Und fliegend zu dem Ziele schickt den Pfeil, Sobald entfernt was seinen Rücken beugte, Wirst du erstarken, ist nur sie erst fern.

Jason. Ich fühle nichts in mir, das solcher Hoffnung Bürgschaft. Verloren ist mein Name und mein Ruf, Ich bin nur Jasons Schatten, nicht er selbst.

König. Die Welt, mein Sohn, ist billiger, als du. Des reifen Mannes Fehltritt ist Verbrechen, Des Jünglings Fehltritt ein verfehlter Tritt, Den man zurückzieht und ihn besser macht. Was du in Kolchis tatst, ein rascher Knabe, Vergessen ist's, zeigst du dich nun als Mann.

Jason. Könnt' ich dir glauben, selig wär' ich dann!